Die Bürgergesellschaft: Korrekturfaktor und Ergänzung - oder Ziel der Politik? ____________________________________________________
[Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004B. v. Rosenbladt.
Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004Freiwilliges Engagement
in Deutschland 1999–2004]
Vereine sind die wichtigste Organisationsform der Bürgeschaft. Nicht nur in der Schweiz, die dafür bekannt ist, sondern auch in Deutschland gibt es eine reiche Anzahl unterschiedlichster Vereine mit einer Vielzahl an Zielen und Aufgaben.
Die Reihenfolge entspricht dem Engagement, also dem nach Teilnehmern gewichteten Interesse, und wurde so als Reihenfolge der Kapitel unter 3.6 Die wichtigsten Gebiete freiwilliger Tätigkeiten gewählt.
1 Interesse und Teilnehmer nach Einsatzgebiet
In dieser Hinsicht stellt der Freiwilligensurvey von 1999
unterschiedliche Engagementquoten in den einzelnen
Bundesländern fest: In Baden-Württemberg, dem „Spitzenreiter“,
engagieren sich 40 % (bezogen auf die Wohnbevölkerung
über 14 Jahren), in Berlin, dem „Schlusslicht“,
sind es nur 24 % (Rosenbladt 2000: 64). Dabei fällt
neben dem bereits genannten Nord-Süd-Gefälle und den
Unterschieden im Engagement zwischen Ost- und Westdeutschland
eine Stadt-Land-Differenz auf: Im Kernbereich
von Großstädten ist die Engagementquote deutlich
niedriger als in ländlichen Gebieten; kleine Gemeinden
erreichen die höchsten Engagementquoten.
5 Vergleich Migranten-Einheimisch
5.1 Vergleich Bereiche Migranten-Einheimische
5.2 Vergleich Männer-Frauen
6.1 Beteiligung JugendlicherAuffällig hier der starke Rückgang bei Freizeit und Geselligkeit. Ob da wegen der andauernden Bewerbungen nichts mehr bleibt?
6.2 Beteiligung ab 60 Die Alten machen mehr Sport und Freizeit und Kultur und Soziales und Kirche wie praktisch alle anderen Engagements. Den Alten gehts also gut ... den Jungen weniger.
6.3 Zunahme der Beteiligung ab 60
6.4 Gründe für Abbruch des Engagements
6.5 Engagement ab 60-jähriger nach Bereichen
6.6 Zielgruppe des Engagements bei Jungen und Alten
7.2 Anforderungen an Freiwilligentätigkeit
7.3 Erwerb von Fähigkeiten
8 Erwartungen an die freiwillige TätigkeitFreiwillige Tätigkeit soll Spass machen - aber zugleich für andere Menschen, noch besser gleich für das Gemeinwohl nützlich sein und zur Begegnung mit andern Menschen führen. Freiwilligenarbeit ist also eine enorm soziale Angelegenheit.
<Die Unterschiede betr. Alters sind hier nur gering.

Anerkennung, eigene Interessen vertreten, Nutzen für die Berufsarbeit - also die Elemente die für Beschäftigungsprogramme primär sind, sind dabei allerdings ziemlich sekundär.
MERKE: Ob ehrenamtlich oder einfach so freiwillig - die Sache muss Spass machen und die Leute mehrheitlich sympatisch sein. Bereits an dritter und vierter Stelle allerdings dann die Forderung nach einen sinnvollen Einsatz.
8.3 Erwartungen spezifisch nach Gruppen
8.4 Veränderungen der Erwartungen zwischen 1999-2004
8.5 Erwartungen von Jugendlichen nach Geschlecht, Ost-WestInteressante Umrkehrung der Gemeinwohl-Interesse-Orientierung bei Männern und Frauen zwischen 1999 und 2004 - in den Neuen Ländern.
Erwartungen nach Typ, Vergleich Ost-West
8.7 Vergleich der Erwartungen nach AltersstufenDie Anliegen hier zeigen doch einen deutlichen Trend zur Monetarisierung

Bei Freiwilligenprogrammen dominiert "zu Zeitaufwändig" noch über "zu wenig Interessenten". Dazu gehören auch, bei Männern vor allem, "berufliche Gründe", bei Frauen: "familiäre Gründe".
s. auch Gründe für Abbruch bei 60-jährigen. Dort ist eindrücklich die Anzahl Freiwilliger die speziell im Osten aufgab, weil die Projekte nicht mehr existieren. Die Probleme mit Leitern und der Gruppe scheinen dort ehrlicher angegeben worden zu sein. (Man muss sich bewusst sein, dass, trotz Engagements für das Gute und Gemeinnützige, die freiwilligen Mitarbeiter die selben sind, die sich in den Betrieben mobben, auf den Nerven rumtrampeln und dauernd andere zu übertrumpfen suchen (oder überlisten/unterbuttern wenn's anders nicht geht).
Das deutliche Auftregen von "Finanzen" als Problem ... zeigt auch deutlich, dass dieser Sektor nicht als Ersatz für Einkommen wirksam werden kann.
Punkt 1 hier zeigt aber auch deutlich, dass es offenbar mehr Möglichkeiten gäbe, Freiwillige abzuholen und einzusetzen, wenn man bloss wüsste wo ... ein Problem, das sich bei Beschäftigungsprogrammen und Einsätzen für Arbeitslose wie Sozialhilfeempfänger noch deutlicher zeigt: Generelle Phantasielosigkeit, wenn nicht gar Ahnungslosigkeit.
[Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004]
In der Forschungsliteratur wird gegenwärtig von rund 300.000 bis 350.000 Vereinen ausgegangen. Die Vereinsregister der Amtsgerichte sind reaktiv: Sie werden nur auf Hinweis oder Verlangen des jeweiligen Vereins tätig. Für das Jahr 2001 beziffert die Deutsche Gesellschaft für Freizeit die eingetragenen Vereine mit 544.701.
Befragungen haben ergeben, dass etwa 60 % der Bevölkerung über 15 Jahren einem Verein angehören (vgl. H. J. Klein 1998: 678). Andere Erhebungen kommen auf etwas höhere oder leicht geringere Zahlen (vgl. Zimmer 1996: 102). Man kann aber in jedem Fall davon ausgehen, dass mindestens jeder zweite erwachsene Bundesbürger Mitglied mindestens eines Vereins ist. Frauen sind bei einer Geschlechterverteilung in der Bevölkerung von 52 % Frauen und 48 % Männer deutlich unterrepräsentiert. „Die Mitgliedschaft eines statistisch durchschnittlichen Vereins setzt sich hier zu 62 % aus Männern und zu 38 % aus Frauen zusammen.“ (Zimmer 1996: 103). Das Geschlechterverhältnis kehrt sich allerdings bei den kirchlichen Vereinen um. Hier gibt es bei den Mitgliedern mehr Frauen als Männer. Ein höherer Frauenanteil findet sich auch bei Vereinen in den Bereichen Erziehung, Gesundheit und Soziales. Unter den Vereinsmitgliedern sind Berufstätige überdurchschnittlich stark vertreten. Und bei den Berufstätigen sind wiederum Beamte, Selbständige und Angestellte stärker repräsentiert als Arbeiter. Unterrepräsentiert ist auch die jüngere Generation bis zum Alter von 30 Jahren. Lokale Vereinsuntersuchungen, beispielsweise für Kassel, haben ergeben, dass 65 % der Vereine keine ausländischen Mitbürger als Mitglieder haben
Der Aktivitätsgrad der Mitglieder ist von der Größe des Vereins abhängig. Je kleiner die Vereine, desto höher ist der prozentuale Anteil der Aktiven unter den Mitgliedern.
GESCHICHTE
Die Anfänge des Vereinswesens liegen in der Mitte des 18. Jahrhunderts und sind Teil der modernen Emanzipationsbewegungen. Mit dem Verein oder der „Assoziation“, wie er damals auch genannt wurde, lag eine neuartige soziale Organisationsform vor, die durch freiwilligen Beitritt, Austritt und Auflösung gekennzeichnet war. Der Verein ermöglichte ein statusneutrales Zusammenwirken von Menschen jenseits von Familienherkunft, Konfession, Beruf und Besitzstand. Der Verein wurde damit wesentliches Element einer nachständischen, bürgerlichen Sozialordnung und zum Kristallisationspunkt der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Für die bürgerlichen Schichten und Funktionseliten boten die Vereine die Möglichkeit der Interessenvertretung und der politischen Artikulation. Die „Patriotischen Gemeinnützungen Gesellschaften“ und die „Landwirtschaftlichen Gesellschaften“ waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neben den Geselligkeitsvereinen in den Städten die dominierenden Formen. Die Assoziationsfreiheit war im Frühliberalismus ein wesentliches politisches Grundrecht. Denn Vereine bildeten im 19. Jahrhundert die Vorformen der politischen Parteien und der Interessenvertretungsorganisationen.
Der Verein entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur dominierenden Form der Selbstorganisation – zunächst des Bürgertums.
So blieb das auch: Am häufigsten, nämlich in 43 % aller Tätigkeiten, wird bürgerschaftliches Engagement im Rahmen eines Vereins ausgeübt (vgl. Rosenbladt 2000: 72f.). Zum Spektrum der Organisationsformen gehören außerdem Kirchen und religiöse Vereinigungen (14 %), Selbsthilfegruppen, Initiativen und Projekte (13 %), staatliche oder kommunale Einrichtungen (11 %), Verbände (7 %), Parteien (4 %) und Gewerkschaften (2 %) sowie Stiftungen.
Die Bestandsaufnahme zeigt deutlich, dass bürgerschaftliches Engagement weiterhin auf einen organisatorischen Rahmen angewiesen ist. Auch neue Gruppen wählen sich Rechtsformen und Organisationsprinzipien, die ihrer Existenz Dauer und Verlässlichkeit geben.
Die Anzahl ist nicht klar ... man könnte also ohne all zu spitzfindig zu sein von "unzähligen Vereinen" reden. Die Deutsche Gesellschaft für Freizeit geht für das Jahr 1997 von rund 84 Mio. Mitgliedschaften aus (vgl. BMFSFJ 1997: 37]
Die Schätzungen für Deutschland schwankten zwischen 659.400 Vereinen über 500'000 rechtsfähige Vereine (nach groben Schätzungen) bis 350.000 bestehenden Vereinen
Bevor sich überhaupt Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege herausbilden konnten, entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dann verstärkt in der Phase zwischen der Revolution von 1848 und der Reichsgründung insbesondere in den deutschen Städten eine breit gefächerte lokale Vereinskultur, die auch das konfessionelle wie nicht-konfessionelle Engagement für die Armen und Notleidenden umfasste (vgl. Sachße 1986). Bereits in dieser historischen Situation kam das bürgerschaftliche Engagement – damals vornehmlich der gehobenen bürgerlichen Schichten – in einer breiten Palette von Organisations- und Handlungsformen zum Ausdruck: Das Spenden von Geld für die Finanzierung mildtätiger Stiftungen und für die Gründung von Anstalten für spezielle Nöte und Hilfsbedürftigkeiten gehörte ebenso dazu wie die Bereitstellung von zum Teil erheblichen Geldmitteln und zeitlichem Engagement für die Aufrechterhaltung der Arbeit lokal und regional operierender Organisationen und Vereinigungen.
Nicht nur die Anzahl der Vereine hat sich seit den 1960er Jahren verändert, gewandelt haben sich auch die Schwerpunkte der Vereinstätigkeit.
Verbände Verbände sind Kennzeichen einer funktional ausdifferenzierten und demokratisch strukturierten Gesellschaft – die „Verbändeliste“ des Deutschen Bundestages verzeichnet 1.746 Verbände (Stand: 18. März 2002).
Probleme der Freiwilligenarbeit in Deutschland:
Auf Grund der dominanten Struktur der Interessenvertretung kommt es zur Ausformung organisatorischer Strukturen, die bürgerschaftlichem Engagement wenig förderlich sind. Mitglieder sind vielfach passive Beitragszahler oder Kunden, die auf das Geschehen im Verband wenig Einfluss ausüben. Umgekehrt erwarten die Mitglieder durch ihren Mitgliedsbeitrag eine möglichst effektive Präsenz ihrer Interessen im öffentlichen Raum. Auf Grund unterschiedlicher Rollen, Ressourcen und Strukturen kommt es auf der organisatorischen Ebene zur Ausbildung bürokratischer Muster, die der innerverbandlichen Demokratie nicht förderlich sind. Auf der Ebene der Durchsetzung der Interessen geschieht die Beeinflussung der staatlichen Politik durch bezahlte Spezialisten. Bürgerschaftlich Engagierte sind auch hier nicht zu finden.


Martin Herzog, Basel, 14.7.09