Freiwilligenarbeit als Arbeit für die Zivilgesellschaft, als Sozialzeit - gemeinnützige Arbeit als Strafe für Versagen, als Fron?Korrekturfaktor und Ergänzung - oder Ziel der Politik?
Teilnahme an der Gestaltung der Gesellschaft, so wie wir sie haben wollen.
[Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“* Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft. pdf 432 S.]
Deutschland hat hier ein exzellentes Beispiel einer paradisziplinären Arbeit vorgelegt, an der Experten und Politiker 2 Jahre arbeiteten. Ein grosser Vorteil davon, für die Verwendung in der Schweiz, ist, dass Deutschland, ungleich der Schweiz, nicht den Eindruck hat , Vater- oder Mutterland der Demokratie und Bürgerbeteiligung zu sein. In Deutschland überlegt man sich also, wie man die Beteiligung der Bürger, damit eine wirkliche Demokratisierung verbessern könnte ... was wir ja nicht nötig haben.
Die Zivilgesellschaft ist der Nährboden der Demokratie. Sie lebt von bürgerschaftlichem Engagement, vom freiwilligen, gemeinwohlorientierten und unentgeltlichen Einsatz, den Bürgerinnen und Bürger tagaus, tagein leisten: in Vereinen, Verbänden und Gewerkschaften, im politischen Engagement in Parteien, Bürgerinitiativen, sozialen Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen, aber auch in Nachbarschaftsinitiativen, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder den Rettungsdiensten, bei Umweltinitiativen oder Naturschutzprojekten, bei der Betreuung von Alten und Kranken, in der Hospizbewegung, in Selbsthilfegruppen oder Kulturprojekten. ... Auch durch Zivilcourage, gelegentliche Mitarbeit, Spenden, die Beteiligung an einer Bürgerstiftung oder durch Kooperationsfähigkeit und Aufmerksamkeit einer Organisation, einer Initiative oder eines Verbandes für bürgerschaftliche Anliegen kann Engagement erfolgen.
Die Bürgerinnen und Bürger erneuern mit ihrem freiwilligen Engagement in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Tag für Tag die Bindekräfte unserer Gesellschaft. Sie schaffen eine Atmosphäre der Solidarität, der Zugehörigkeit und des gegenseitigen Vertrauens. Kurz, sie erhalten und mehren, was wir heute „soziales Kapital“ nennen: die Verbundenheit und das Verständnis zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft, die Verlässlichkeit gemeinsam geteilter Regeln, Normen und Werte und nicht zuletzt das Vertrauen in die Institutionen des Staates.
Die Bürgergesellschaft bildet ein Tätigkeitsfeld eigener Art zwischen Staat, Wirtschaft und Familie.
Bürgerinnen und Bürger werden als Experten ihres eigenen Alltagslebens bezeichnet. Sie verfügen über Interesse, Wissen und Handlungskompetenz, auf deren Grundlage eine effektive Gestaltung kollektiver Angelegenheiten besser möglich ist als durch ausschließlich staatliche Regulierung.
Oft fehlt es heute aber an „Bürgersinn“, an Möglichkeiten oder auch an der Bereitschaft, gemeinsam zu handeln. Vielfach werden private Interessen rücksichtslos durchgesetzt, anstatt ihre Berechtigung argumentativ zu vertreten.
Dieses Bild, diese Utopie, versucht sie per Selbstorganisation zu realisieren:Letztlich geht es um das Bild,
das sich die Gesellschaft
von ihrer Zukunft macht. [S. 71]
Den Bürgerinnen und Bürgern sollte die Möglichkeit geboten werden, nicht nur als Kunde und Klient Einfluss zu nehmen, sondern auch Mitverantwortung tragen und kompetent mitreden und mitwirken zu können.
Bürgerschaftliches Engagement und Bürgergesellschaft Bürgerschaftliches Engagement steht im Zentrum eines zeitgemäßen Demokratieverständnisses, das Volkssouveränität praktisch neu definiert. Die aktive Bürgerin und der aktive Bürger beschränken heute politisches und gesellschaftliches Engagement nicht auf Wahlen und Mitgliedschaften, sondern greifen auf vielfältige Weise in das politische Geschehen ein. Neben dem „klassischen Engagement“ in Parteien, Verbänden und Vereinen tun sie dies z.B. durch Initiativen, Bewegungen und Proteste, aber auch durch Selbsthilfe sowie die Koproduktion und Übernahme vormals öffentlicher Aufgaben. Dieses erweiterte Handlungsrepertoire und ein gestiegenes Kompetenzbewusstsein bilden das Potenzial einer entwicklungsfähigen Bürgergesellschaft. Es gilt, Engagementhindernisse zu beseitigen, Aktivitätswünsche zu unterstützen, Wege freizumachen und aufzuzeigen, die in Richtung einer Bürgergesellschaft – verstanden als demokratisches Mehrheitsprojekt – weisen. Zudem verspricht bürgerschaftliches Engagement einen Mehrwert, der über den demokratischen Nutzen hinausgeht. Unstrittig sind positive soziale und ökonomische Effekte, die gegenwärtig mit Begriffen wie „soziales Kapital“ und „Sozialvermögen“ debattiert werden. Es sind dies durchaus erwünschte gesellschaftliche Nebeneffekte eines politischen Leitbilds. In diesen Verknüpfungen liegen besondere Chancen.
Jürgen Habermas hat in seinen Schriften ein Modell deliberativer Öffentlichkeit entworfen, das den zivilgesellschaftlichen Erfordernissen entgegenkommt (vgl. Habermas 1992). Deliberative Öffentlichkeit bedeutet, dass sich Bürgerinnen und Bürger in zivilgesellschaftlichen Foren argumentativ zu bestimmten Themen und Sachfragen begegnen. Aktive Bürgerinnen und Bürger benötigen mehr als nur Informationen. Sie verlangen auch nach Möglichkeiten, sich mit ihren Argumenten und Erfahrungen in der Öffentlichkeit bemerkbar machen zu können. Das Modell der deliberativen Öffentlichkeit sieht mehr Sprecher vor als nur die Massenmedien. In ihr können sich auch bürgerschaftlich Engagierte und zivilgesellschaftliche Vereinigungen zu Wort melden und ihre Anliegen und Interessen vertreten. Als wichtigstes Kennzeichen dieser deliberativen Öffentlichkeit hat Habermas das Kriterium der Diskursivität genannt. Diskursivität bedeutet, dass für Aussagen Gründe benannt werden und dialogische Verfahren eingehalten werden. Während im Repräsentativmodell eher die politischen Eliten und die gewählten Repräsentanten zu Wort kommen, umschließt das deliberative Modell auch die Gruppierungen der Bürgergesellschaft. In vielen Fällen – gerade im Bereich des politisch-sozialen Engagements – schaffen bürgerschaftlich Engagierte durch ihr Handeln erst Öffentlichkeit. Durch Protestaktionen, Versammlungen, Kundgebungen, Unterschriftensammlungen etc. wird ein öffentlicher Raum geschaffen, in dem vielfältige Stimmen und Argumente wahrnehmbar werden können.
Wir hätten hier bereits die wichtigsten Aspekte der Bürgergesellschaft beeinander:
Mit der „partizipatorischen Revolution“ (Max Kaase) seit den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich ein neues Rollenverständnis der Bürgerinnen und Bürger gegenüber Staat und Gesellschaft entwickelt. Die Forderung nach mehr Beteiligungsrechten hat zu einem Ausbau direktdemokratischer Formen geführt.
So hat beispielweise das Bundesland Schleswig-Holstein am 13. Juni 1990 eine Verfassungsreform durchgeführt, mit der das repräsentativ-parlamentarische Entscheidungsmonopol aufgegeben wurde und direktdemokratische Elemente (Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid) als Formen der politischen Willensbildung auf Landesebene aufgenommen wurden.
So gibt es heute – nachdem Hamburg im Jahre 1996 den „Schlussstein“ gesetzt hat – in allen Bundesländern Volksbegehren und Volksentscheide.
Es gibt drei Typen von Bürgerbegehren:
In Kommunen, die bürgerschaftliches Engagement besonders fördern, haben sich Runde Tische, Bürgerforen, Planungszellen/Bürgergutachten und Zukunftswerkstätten besonders bewährt. Auch das Programm „Soziale Stadt“ arbeitet mit innovativen Formen der Bürgerbeteiligung. Diese Formen sollen eine größere Verbreitung in den Kommunen finden.
Lange Zeit hatten Wissenschaft und Politik wenig Vertrauen in die politische Urteilskraft von Bürgerinnen und Bürgern. Dieses fehlende Vertrauen fand seinen Niederschlag in Auffassungen von Demokratie, die demokratische Mitgestaltung auf den Wahlakt reduzierten. Die „Rückkehr des Bürgers“ (Kymlicka/Norman 1995), die wir heute beobachten, ist mit einer Neubewertung des bürgerschaftlichen Engagements verbunden und meint ein wieder erwachtes Interesse an den Leistungen und Gestaltungskompetenzen der Bürgerinnen und Bürger für das Gemeinwesen.
Mit dem Begriff „ermöglichender Staat“ wird ein Staat bezeichnet, der Gelegenheitsstrukturen für Engagement schafft und der Bürgergesellschaft Gestaltungsräume öffnet. Er ermöglicht die Selbstorganisation und die Eigenverantwortlichkeit der Bürgergesellschaft und lässt damit soziales Kapital zur Entfaltung kommen.
Zur Bürgergesellschaft gehört das Prinzip der Subsidiarität. Dieses Prinzip beinhaltet den Vorrang der kleinen Einheiten in ihrer Selbstbestimmung und Leistungskraft. Diese soll nicht beeinträchtigt, sie muss aber auch ausgeschöpft werden, bevor eine höhere Einheit – wie Kommune, Land, Bund oder Europäische Union – helfend einspringt.
Auf dem Gebiet "Soziales" hat der Staat die bürgerlichen Institutionen und Anstrengungen weitgehend ersetzt:
So lange die lokalen Vereine, Anstalten und Stiftungen die Kultur der Privatwohltätigkeit prägten, und so lange die staatlichen Anreize für die Formierung schlagkräftiger Spitzenverbände fehlten, blieben die überregionalen Spitzenverbandsstrukturen sowohl auf evangelischer als auch auf katholischer Seite „Bewegungsorganisationen“, die darauf abzielten, die im Zusammenhang mit Pauperisierung und Proletarisierung aufgetretenen Probleme und Leidenserfahrungen gegenüber einer zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit zu artikulieren und auf diese Weise zu einer Bewusstseins- und Gesellschaftsveränderung beizutragen.
Dabei rückten insbesondere im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die verschiedenen konfessionellen und
nicht-konfessionellen caritativen Bewegungen näher an sozialreformerische Strömungen unterschiedlicher politischer Prägung heran, um in einer Art von „Doppelstrategie“ sowohl durch praktisches Handeln zur Linderung der Notlagen beizutragen als auch eine politische Lösung der „sozialen Frage“ zu finden.
Allerdings entstand durch diese staatliche Lösung, die primär der sozialen Befriedung diente, auch ein neues Problem, denn genau der Aspekt der Doppelstrategie: Linderung der Not & politische Lösung, ist heute extrem in der Bredouille, da die mit der Sozialhilfe Beauftragten, die Sozialarbeiter, nur noch den Auftrag haben, Not sparsam zu lindern, auf keinen Fall aber Politik zu betreiben. Demnach stellt sich das sozialpolitische Institutionen- und Leistungssystem also als eine Instanz dar, die im Verhältnis zu den Adressaten bzw. Nutzern vor allem kontrollierende, disziplinierende und entmündigende Wirkungen hervorruft. Präzise hier ruht das Dilemma der heutigen Sozialhilfe - und vermutlich kann es auch hier gelöst werden, indem dieser politisch-korrektive Teil dem Staat wieder entzogen und der Gesellschaft überlassen wird:
Die Diskussion um die „Krise des Sozialstaates“ wird meist als Finanzkrise, als Überbeanspruchung des Staates verstanden. Bürgerschaftliches Engagement wird in diesem Zusammenhang als Lückenfüller oder Einsparpotenzial ins Spiel gebracht – eine Indienstnahme, die bei vielen im sozialen Bereich Tätigen Misstrauen schafft.
Soziale Handlungsfelder erstrecken sich von Ansätzen und Leistungen zum Schutz vor und zur Bekämpfung von Armut, Benachteiligung und Ausgrenzung unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen, über Angebote und Aktivitäten der Kinder- und Jugendhilfe, der Familienhilfe, der Alten- und Gesundheitshilfe, der Behindertenhilfe bis hin zu Hilfen für Menschen in besonderen Lebenslagen und mit besonderen Problemen und Belastungen.
Das jährlich vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung veröffentlichte Sozialbudget vermittelt einen Überblick über den finanziellen Umfang der in der Bundesrepublik Deutschland erbrachten sozialen Leistungen: im Jahr 1990 wurden 725,9 Mrd. DM in soziale Leistungen investiert, was einem Anteil von 28,8 % des Bruttoinlandsprodukts entsprach (Sozialleistungsquote). 1999 waren es bereits 1306,6 Mrd. DM. Die Sozialleistungsquote lag bei 33,7 %5.
Freie Träger unterhalten in der Bundesrepublik Deutschland:
- 33.974 Einrichtungen der Jugendhilfe mit 1.835.231 Plätzen und 146.482 Vollzeit- und 110.250 Teilzeitbeschäftigten, –
- 9.453 Einrichtungen der Familienhilfe mit 58.757 Plätzen und 34.505 Vollzeit- und 54.942 Teilzeitbeschäftigten, –
- 15.212 Einrichtungen der Altenhilfe mit 481.495 Plätzen und 129.437 Vollzeit- und 108.140 Teilzeitbeschäftigten, –
- 12.449 Einrichtungen der Behindertenhilfe mit 344.819 Plätzen und 98.208 Vollzeit- und 59.503 Teilzeitbeschäftigten sowie –
- 1.568 Einrichtungen der Aus-, Fort- und Weiterbildung mit 114.310 Plätzen und 8.435 Vollzeit- und 7.990 Teilzeitbeschäftigten (vgl. BAGFW 2001).
Sie verfügen jeweils über eine differenzierte Binnenstruktur und sind darüber hinaus auf allen föderalen Ebenen untereinander verknüpft. Für den Sozialstaat sind sie zentrale Verhandlungs- und Vertragspartner. Sie nehmen Einfluss auf die Gestaltung des „Sozialen“ und sind dabei in besonderer Weise in staatliche Strukturen und Prozesse inkorporiert.
Verstaatlichung (eigentlich Verprivatstaatlichung, s. Modell ppp, pspp) , Oekonimisierung und Professionalisierung fanden aber nicht nur im sozialen Bereich statt, sondern ebenso in dem Bereich, der für soziale Problemverursachung geradezu prädestiniert ist, der Arbeitslosigkeit und der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Hier wirkt sich die Entpolitisierung noch negativer aus, da die Ursache gar nicht mehr angesprochen werden kann, sondern automatisch den Betroffenen in die Schuhe geschoben wird (s. Armutsrisiken I. & II.). Zudem sind, bezogen auf den Arbeitsmarkt, bereits die Begriffe verquirlt, da der 2. und 3. nicht systematisch unterschieden werden. s. Arbeit für Markt, Staat oder Gesellschaft: 1., 2. und 3. Arbeitsmarkt. Dort, wie im Projektvorschlag Stadthelfer Basel, wird versucht, die Freiheit der Selbstorganisation und des Widerspruchs, des Anspruchs auf Korrektur unhaltbarer Zustände, zurückgewinnen, zuerst mal über eine begrifflich schärfere Trennung zwischen Staat und Bürgergesellschaft:
Es wird so getan, als sei bürgerschaftliches Engagement lediglich eine andere Form der Arbeit. Aus dieser Perspektive bedeutet Entgrenzung der Arbeit, dass die Gesellschaft von einem „Ende der Arbeitsgesellschaft“ weit entfernt ist. Im Gegenteil: Die Arbeitsgesellschaft hat sich in unserem Leben sehr viel stärker durchgesetzt und befindet sich nun in einem Stadium, in dem nahezu alle Tätigkeiten – angelehnt an die industrielle Erwerbsarbeit – als Arbeit bezeichnet werden. Damit ist die Gefahr verbunden, dass bürgerschaftliches Engagement immer häufiger einer Nutzenabwägung und ökonomischen Rationalität unterworfen wird, die nicht zum Eigensinn des bürgerschaftlichen Engagements passt (vgl. Jakob 2001b). Vor allem in den 1970er Jahren hat es eine weitere Form der Entgrenzung gegeben. Ausgelöst durch einen generellen Professionalisierungsschub hat eine Verberuflichung insbesondere des sozialen Engagements stattgefunden: Freiwillige und unentgeltliche Tätigkeiten wurden zunehmend durch reguläre Beschäftigungsverhältnisse ersetzt – aus bürgerschaftlichem Engagement ist Erwerbsarbeit geworden. Dies war ein ambivalenter Prozess. Einerseits wurden somit im Bereich der Sozialen Arbeit zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen, und es wurde ein hoher Professionalisierungsgrad erreicht. [S. 193]
In diesem Veränderungsprozess hat sich auch der Stellenwert bürgerschaftlichen Engagements in den Verbänden geändert. Sie haben insgesamt als „Agenturen gemeinwohlorientierten Handelns“ an Bedeutung verloren: „Die Wohlfahrtsverbände, ehemals erste Garnitur für freiwilliges Engagement, entdecken die Gesetze des Marktes und die Hindernisse in ihren eigenen Organisationsstrukturen. Zugleich müssen sie neue Handlungsspielräume als Dienstleister und Gemeinwohlagenturen gewinnen und ihre gesellschaftliche Legitimation neu begründen“ (Pott 2000: 382).
> Leicht zynische Randbemerkung: Wer sich als Dienstleister verkauft, wird zum gekauften Untertanen. (mh)
Bürgerschaftliches Engagement kann Erwerbsarbeit nicht ersetzen, aber es kann zur sozialen Integration Arbeitsloser beitragen.
Engagement verfolgt nicht immer „gute Ziele“. Das 20. Jahrhundert hat vorgeführt, wie zivilgesellschaftliche Mobilisierung für sehr unzivile Zwecke genutzt werden kann. (vgl. Kocka 2002). Ein Beispiel unter vielen ist die durchaus freiwillige und selbstorganisierte Massenbewegung des Nationalsozialismus vor 1933. (Nicht dass sie nachber besser war ... bloss nicht mehr freiwillig).
Die sog. Barbaren, die unzivilisierten gibt es also auch heute noch. Man muss mit der Klassierung ziemlich aufpassen, da sie sich sehr gut für kulturimperialistische Zwecke eignet, also die eigene Kultur gut zu schreiben, die andern schlecht zu machen. Manchmal allerdings muss man einer Organisation das Recht absprechen, für die gesamte Gesellschaft zu sprechen, insbesondere dann, wenn sie erwartet, dass sich die ganze Gesellschaft an ihre Anforderungen anpasst: antibürgerliche Organisationen: NS / Fundamentalismen jeglicher Art.
Es gibt auch unzivile Formen des Engagements. Helmut Dubiel unterscheidet vier Grundformen unziviler Gesellschaft: Despotismus/Totalitarismus, Korruption, ethnozentrischer Nationalismus und Barbarei (vgl. Dubiel 2001; Keane 1998). Hinzu kommen politisch und religiös motivierter Fundamentalismus, Gewaltbereitschaft, Intoleranz und viele Formen der sozialen und politischen Ausgrenzung.
Unzivile Formen des Engagements verstoßen gegen die Prinzipien der Öffentlichkeit, der Transparenz, der Achtung der Menschenwürde, der Toleranz, der Meinungsfreiheit, der Gleichheit, der Solidarität und der Gewaltlosigkeit.
Entstehungsgründe für das Aufkommen bürgergesellschaftlicher Organisationen waren vor allem:
Die Idee der aktiven Bürgerschaft geht auf die antike Polis und auf die italienischen Stadtrepubliken der frühen Neuzeit zurück und bezeichnet bis heute den Status, der die mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestatteten Mitglieder einer politischen Gemeinschaft auszeichnet. Demokratische Bürgerschaft ist gleichzeitig mit dem Anspruch aktiver Teilhabe verbunden, d.h. mit der Bereitschaft, sich informiert in die politische Willensbildung einzumischen, sich an Wahlen und Abstimmungen zu beteiligen sowie öffentliche Aufgaben und Ämter zu übernehmen.
Hier wird der Verweis auf die griechischen und norditalienischen Wurzeln allerdings bereits obsolet, denn in Griechenland wie Italien hatte der Bürger diese Rechte nur, wenn er ein richtiges Haus, Land und weitern Besitz sein eigen nannte. Hablose hatten nicht nur nichts, sie waren auch nichts, besonders aber keine Bürger mit Rechten. Man darf also auch hier "die guten alten Zeiten" nicht überstrapazieren.
Die Verwirklichung dieser Idee erfordert, die Kräfte bürgerschaftlicher Selbstorganisation zu stärken und sich von der Vorstellung einer Staatsgesellschaft zu verabschieden. Dies bedeutet auf lokaler Ebene eine Öffnung der Verwaltungen für die Anliegen der Bürger; auch müssen den Bürgern Ressourcen zur Verfügung stehen, um die eigenen Angelegenheiten erfolgreich in die Hand nehmen zu können.
In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland herrschte weithin ein „realistisches“ Demokratieverständnis vor. Nach diesem Modell soll ein politisch nur begrenzt interessiertes und informiertes Publikum in regelmäßigen Wahlen über konkurrierende Eliten, die das politische Geschäft professionell betreiben, entscheiden. Ein weiter reichendes politisches Engagement der Bürgerschaft ist nach diesem Modell verzichtbar, sieht man einmal von der Mitgliedschaft in politischen Parteien ab, in denen das professionelle Personal ausgebildet und ausgewählt wird. Wahlbezogene Aktivitäten erschienen als die Standardform politischen Engagements. Sicherlich war das politische Engagement faktisch auch in jenen Zeiten breiter, aber das Bild einer elitenorientierten und elitenbedürftigen Bürgerschaft erhielt erst in den 1960er Jahren tiefere Risse.
Allerdings können zumindest im Westen die großen Parteien den Anspruch, Mitglieder- und „Volksparteien“ im Sinne der Repräsentation eines breiteren Spektrums der Bevölkerung zu sein, nach wie vor mit einiger Berechtigung erheben.
Danach ist im Zeitraum von 1974 bis 1995 die Beteiligung an Unterschriftensammlungen im Niveau leicht angestiegen, deutlicher jedoch die Beteiligung an genehmigten Demonstrationen. Gaben 1974 nur 9 % der Befragten an, sich bereits an einer Demonstration beteiligt zu haben, so waren es 1995 bereits 21 %. Noch deutlicher wird die gesellschaftliche Akzeptanz von Protestaktivitäten, wenn nach der Bereitschaft, sich an Protesten zu beteiligen, gefragt wird. Bei Unterschriftensammlungen liegen die Werte bei durchschnittlich 80 %, bei genehmigten Demonstrationen deutlich über 50 % (Gabriel 1997: 458). Auch die Beteiligung an Boykottaktionen können sich über 40 % der westdeutschen Bevölkerung vorstellen, bei Verkehrsblockaden sind es über 20 %. Dies zeigt, dass solche und andere Formen des zivilen Ungehorsams nur von wenigen praktiziert werden, wobei die Beteiligung hieran in der Bundesrepublik Deutschland geringer ausfällt als in vergleichbaren europäischen Staaten. Zu ähnlichen Befunden kommt eine vergleichende Analyse von Protesten in der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und der Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1975 bis 1989 (Kriesi u.a. 1995). Eine Spitzenposition nimmt die Bundesrepublik allerdings beim Anteil der neuen sozialen Bewegungen an allen Protestereignissen im gleichen Zeitraum ein – in der Bundesrepublik sind dies 73,2 %, in den Niederlanden 65,4 %, in der Schweiz 61 % und in Frankreich lediglich 36,1 % (Kriesi u.a. 1995: 20).
Dieser Befund (1970 als aktivste Zeit) widerspricht einer gängigen öffentlichen Wahrnehmung, die bewegtere Zeiten eher mit den 1980er Jahren verbindet.
Allerdings fehlen umgekehrt die Interessenten, die politische Freiwilligenarbeit auf sich nehmen wollen: Mit „Säuglingssterben“ wird z.B. in Berliner Parteikreisen das Phänomen benannt, dass neue Parteimitglieder bereits nach dem ersten Besuch einer Parteiveranstaltung wieder austreten. Die Zukunft des politischen Engagements in Parteien wird vor allem davon abhängen, inwieweit sie Antworten auf folgende Entwicklungen finden: – Abnahme der Mitgliederzahlen, – Abnahme der Parteiidentifikation, – Abnahme der Wahlbeteiligung, – Wandel der Parteiorganisation und – Professionalisierung der Politik.
Gefordert ist von den Parteien eine größere Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber der Bürgergesellschaft, soll Verdrossenheit und der Eindruck von Abgehobenheit vermieden werden.
Im wirtschaftlichen Bereich dienen "Partizipationsförderungen", sog. "Beschäftigungsprogramme", meist eher als Notnagel (Der Bereich wird im Detail analysiert unter Projekt Stadthelfer Basel):
Das neoliberale Programm, die Zivilgesellschaft dort zum Ausfallbürgen zu machen, wo staatliche Aufgaben nicht an private Anbieter delegiert werden können, geht nicht auf: Bürgerengagement braucht Förderung und Infrastruktur, die nur der Staat leisten kann; und Bürgerinnen und Bürger setzen sich engagierter für das Gemeinwesen ein, wenn sie sich auf ein funktionierendes soziales Netz verlassen können.
Umgekehrt bleiben soziale Gruppen, die besonderen Arbeits- und Statusrisiken ausgesetzt sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dem bürgerschaftlichen Engagement weitgehend fern.
Notwendig ist die Unterstützung des unteren gesellschaftlichen Drittels beim Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen, wie man sich beteiligen kann („participatory skills“).
Die Suche nach dem Gemeinwohl ist ein offener Prozess. S. 64
Denn freiwilliges Engagement lässt sich nicht verordnen.
Die Deliberation, also "Befreiung", kennt als Befreiung von irgendwas natürlich unterschiedliche Ziele und entsprechende Methoden:
1) Im liberal-individualistischen Diskurs (sozio-moralische Dimension) ist das Individuum der Ausgangspunkt. Im Mittelpunkt einer individualistischen politischen Kultur stehen Rechte, die als liberale Abwehrrechte verstanden werden. Sie sollen die Handlungsautonomie des Einzelnen vor staatlichen Übergriffen schützen.
In einer individualistischen Sicht wird die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Gesellschaftsgestaltung „zuallererst aus dem Blickwinkel ihres Nutzens für je unterschiedliche Ziele und Präferenzen“
Der Begriff des aufgeklärten Eigeninteresses steht daher im Mittelpunkt einer liberalen Konzeption der Bürgerschaft. Aus der Perspektive einer „modernen liberalen Gesellschaft“ erscheinen viele Formen des Engagements in Gemeinschaften und spezifischen Milieus eher als Relikt früherer Gesellschaftsverhältnisse, und man ist äußerst skeptisch gegenüber jeder Verpflichtung, die dem Einzelnen jenseits von Gesetzestreue und Steuerpflicht vom politischen Gemeinwesen auferlegt wird. Engagement sollte unbedingt freiwillig sein, eine Sache individueller Entscheidungen und Präferenzen bleiben. (Interessanterweise kommen aber Vorschläge zur Zwangsverpflichtung, also Fron, dann meist eben aus dieser Richtung. Allerdings liegt das eben daran, dass hier der Einsatz als moralische Verpflichtung zur Gegenleistung verstanden wird, was an und für sich richtig ist ... aber meist die Schuldfrage, die Frage nach den Ursachen total umgeht).
2) Im republikanischen Diskurs (politische Dimension) dagegen stehen die Begriffe Gemeinwohl und Bürgersinn im Mittelpunkt. Bürgerschaftliches Engagement wird hier als Bestandteil politischer Handlungsfreiheit im Gemeinwesen verstanden. In diesem Diskurs werden auch Fragen der Beteiligungsmöglichkeiten von Organisationen diskutiert und in der politischen Kultur verbindende Wert- und Pflichtmotive gesucht, die Engagementbereitschaft erzeugen und stabilisieren. Die heute stark von angelsächsischen Beiträgen (Pocock 1975; Pettit 1997), in der Bundesrepublik Deutschland von Hannah Arendt (1958) und heute von Herfried Münkler (Röhr 2001) geprägte Theorietradition des Republikanismus stellt demgegenüber die politische Gemeinschaft in den Vordergrund, die sich den unterschiedlichen Lebenskonzeptionen und Bekenntnissen gegenüber möglichst neutral verhält. [S. 37]
3) Im „arbeitsgesellschaftlichen Diskurs“ (soziökonomische Dimension) steht schließlich nicht das politische Gemeinwesen, sondern das Konzept gesellschaftlicher Arbeit im Mittelpunkt. Betont wird, dass bürgerschaftliches Engagement eine eigenständige Tätigkeit neben der Erwerbsarbeit und der Familie ist. Werden durch Erwerbsarbeit Waren und Dienstleistungen hergestellt, und durch Familienarbeit unterschiedlichste unbezahlte Leistungen für Familienmitglieder erbracht, so ist das Ergebnis von bürgerschaftlichem Engagement als gesellschaftlicher Tätigkeit die Herstellung von Gemeinschaftsgütern, die Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens selbst und die Förderung einer nachhaltigen Ökonomie. Aus dem arbeitsgesellschaftlichen Diskurs heraus entsteht ein Konzept der Bürgerschaft als Gemeinschaft der Tätigen. Freiwilligenarbeit / Sozialwirtschaft
Der Pluralismus der Gruppen ist ein wesentliches Kennzeichen einer liberalen politischen Ordnung. Dieser ist Voraussetzung für eine lebendige Bürgergesellschaft und für bürgerschaftliches Engagement insgesamt.
Gesellschaftliche Arbeitsteilung und Spezialisierung haben im 19. und 20. Jahrhunderts zu einer stetigen Ausdifferenzierung von Familie und Beruf geführt.
Zunehmende Differenzierung
(s. Berufswahl unter "Gute Arbeit")
= zunehmende Integrations- und Steuerungsprobleme
Dazu kommt seit zwei Jahrzehnten zunehmend die Globalisierung, die staatliche Ordnungen, wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen einem verstärkten internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Nationale Regierungen, supranationale Institutionen (Weltbank, IWF, WTO), regionale Zusammenschlüsse (EU, NAFTA) und internationale NROs wären dazu aufgerufen, den Prozess der Globalisierung politisch, ökonomisch, sozial und ökologisch zu steuern. Davon, egal ob Weltregierung oder Weltorganisation/-Verwaltung sind wir aber noch weit weg.
In der Bundesrepublik Deutschland ist die Tradition einer aktiven Bürgergesellschaft, verglichen mit anderen westlichen Ländern, eher schwach entwickelt (vgl. A2.1.), da hier der Staat eigentlich immer relativ stark und paternalistisch war.
Frankreich
Die Qualität als Bürger wurde schließlich in der Déclaration des droits de l’homme et du citoyen (1789) unmittelbar und ausschließlich mit der Nation verknüpft, der auch das Monopol auf die Definition und den Vollzug des Gemeinwohls zugemessen wurde. Bürgerschaftliches Engagement war ausschließlich in diesem Kontext statthaft. Es verwundert nicht, dass Frankreich in dieser Tradition erst 1901 ein modernes Vereinsrecht, erst 1983 wieder ein Stiftungsrecht schuf, gerade Ersteres allerdings sehr wohl aus der Erkenntnis, dass sich bürgerschaftliches Engagement ohne die Chance der Selbstorganisation und Autonomie nur ungenügend entfalten konnte.
Frankreich scheint hier irgendwie ganz anders zu funktionieren. Frankreich ist seit Jahrhunderten zentralistisch regiert, von Paris aus - in Frankreich gibt es aber immer wieder erstaunlich rabiate Proteste der Jugendunruhen in den Vororten von Paris, französische Bauern gegen Importe aus Spanien (Spanische Bauern gegen Milchimporte aus Frankreich), die Transporteure beider Länder gegen Dieselpreise, entlassene Angestellte von "New Fabris" drohen die Fabrik in die Luft zu sprengen, falls sie keine Entschädigung erhalten. Ab und zu nehmen entlassener Angestellte in Frankreich sogar Manager als Geiseln - unter der Zustimmung zumindest der Hälfte der Bevölkerung, wenn die Dinge von Paris zu anders gesehen werden als von den Betroffenen. Zur Zeit müsste Sarkozi also grad die Hälfte seine Bürger wegkarcherisieren.
USA
Zum Selbstverständnis der amerikanischen Bürgerinnen und Bürger gehört es bis heute, nicht nur wählende und steuerzahlende Staatsbürger, sondern auch und gerade bürgerschaftlich engagierte Gemeindebürger zu sein.
China
Nicht sehr zivilisiert, nicht sehr bürgerlich, aber in rabiater Selbsthilfe ("Eigeninitiative"), gehen Chinesen mit Managern um, die ihre Existenz bedrohen: Diese werden entweder als Geiseln genommen und erpresst, geschlagen oder gar erschlagen (Stahlwerk Tonghua). 2008 soll es 127'476 "Massenvorfälle" gegeben haben, 50% mehr als 2005.
Apropos Konflikte. Zählt man zu den Arbeitskonflikten auf der Karte rechts noch die Auseinandersetzungen um Tibet und die Dsungarei (Westen) dazu, ist China auch nicht mehr ganz so ruhig wie auch schon.
Die Bürgerstiftung soll eine Konkurrenz vieler kleiner Bürgerstiftungen in einem eng begrenzten Raum um knappe Ressourcen verhindern. Bürgerstiftungen bauen ihr Stiftungskapital erst allmählich durch Zustiftungen, unselbständige Stiftungen, Schenkungen, Erbschaften und Vermächtnisse auf. Zweifellos ist die Möglichkeit, in eine Bürgerstiftung nicht nur Vermögenswerte unterschiedlicher Größenordnung einzubringen, sondern sich dort auch mit Gleichgesinnten aktiv zu engagieren, für Bürgerinnen und Bürger eine reizvolle Option. Bürgerstiftungen betätigen sich in den Bereichen Kultur, Jugend, Soziales, Bildung, Natur, Umwelt etc..
Veränderungen im Selbstverständnis der Stiftungen setzen eine gezielte Organisationsentwicklung voraus. Dafür gilt es, von dem Anspruch Abschied zu nehmen, die in der Satzung beschriebenen Stiftungsziele möglichst billig zu verwirklichen, und stattdessen ein System der optimalen Nutzung von materiellen und Humanressourcen zu entwickeln.
Die erste Selbsthilfekontaktstelle wurde 1981 in Hamburg gegründet; es folgten Berlin und weitere Großstädte.
– In einzelnen zentralen Bereichen und um Gesundheitsprobleme wie Alkoholismus, Rheuma, Behinderungen haben sich die von solchen Beeinträchtigungen und Krankheiten Betroffenen und ihre Angehörigen – lange vor der Welle der neuen Selbsthilfebewegung – selbst organisiert und engagiert. – Gesundheit war schon immer Anlass für Bewegungen, in denen sich Betroffene, Engagierte, Laien und Professionelle gemeinsam engagierten – noch vor der neuen Gesundheitsbewegung war das z.B. in den Hygienebewegungen und Initiativen des 19. Jahrhunderts und in der Zeit der Weimarer Republik der Fall (zur Geschichte: vgl. Göckenjahn 1985).
Der Wert von Selbsthilfegruppen, ihren regionalen und überregionalen Zusammenschlüssen und Dienstleistungseinrichtungen liegt neben den Leistungen kleiner Gruppen in der direkten psychosozialen Hilfe auch darin, dass sie durch Standardbroschüren, Tips, persönliche Beratung u.ä. Formen der „Bildungsarbeit“ erheblich zum „Empowerment“ des Patienten als möglichem Partner beitragen. Information und Kommunikation sind, wie mehrere Umfragen zeigten (vgl. Wasem/Güther 1998), die beiden am deutlichsten wahrgenommenen Lücken im Gesundheitssystem.
Sie trägt zur Erschließung neuer Hilfepotenziale durch die Entwicklung und Stärkung informeller Netze bei, ergänzt professionelle Dienstleistungen und erhöht damit ihre Wirksamkeit und kann zugleich als Korrektiv des professionellen Hilfesystems fungieren, wenn sich die dorttätigen Experten ‘entmündigend’ gegenüber den Bürgern verhalten. Nicht zuletzt haben die Selbsthilfe und ihre Organisationen auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Die Teilnahme an Selbsthilfegruppen führt in der Regel zu einem Rückgang der Erkrankungen und hat eine geringere Medikamenteneinnahme sowie eine verminderte Inanspruchnahme ambulanter und stationärer Dienste zur Folge.
Dieser letzte Punkt macht deutlich, warum (vermutlich) die Einschränkung der Gemeinnützigkeit, dass diese nicht für Selbsthilfe gilt, bei Selbsthilfeorganisationen die praktisch allen Interessenten offen stehen, nicht gelten dürfte. Aber wo den Amtschimmel der Hafer sticht und er Lust kriegt zu wiehern, da wird das vermutlich nicht zu vermeiden sein.
3.6.1 Sport
Sport ist zwar der Bereich, in dem sich die meisten Freiwilligen engagieren, aber auch der Bereich, in dem die Gemeinnützigkeit die seltsamsten Blüten treibt. So ist die UEFA steuerbefreit, gemeinnützig ... weil sie Millionen Unterhaltung bietet ... und obwohl sie damit Abermillionen verdient. Der unrentable Kleinverein jedoch wird meist nicht als gemeinnützig angerkannt, weil seine Dienstleistungen bloss den Vereinsmitgliedern zugute kommen. Sogar der "bloss kantonale" FCB hat ein jährliches Budget von 25 Millionen, freiwillige gesponsert von Basler Milliardären. So kann er sich auch Transfersummen leisten wie die rund 7 Millionen (+ 2 Millionen Jahressalär) für Axel Frei. Das sind die neuen Gladiatoren des heutigen panem et circenses. Manch einer wird sich allerdings, wie bei der Euro 08, schon fragen, warum denn ausgerechnet er dabei gratis arbeiten soll.
Anyhow, dieser Bereich ist in meinen Augen eh ein Witz. Es gäbe aber eine Menge wichtiger Tätigkeiten im Sportbereich. Bekannterweise ist ein grosser Teil der Westlichen Bevölkerung, meist dank Bewegungsmangel, mehr oder minder stark übergewichtig, was gesundheitlich wie psychisch ein Risikofaktor sein kann, kann, nicht muss. Es wäre also zu überlegen, wie die Segnungen des Fortschritts, die uns alle körperliche Arbeit abnahm, so weit korrigiert werden können, dass sich jeder Mensch ausreichend bewegt. Jeder Mensch braucht Bewegung ... aber nicht jeder weiss das. Hier wären vermutlich Bewussteinsbildungs- und Aktivierungsprogramme "gemeinnütziger" als der Standard, bei dem 2x12 Manöggel auf dem Rasen rumrennen, und Millionen zusehen, mit Bier und Nüsschen.
Durch gesellschaftliche Modernisierungs- und Differenzierungsprozesse ist es seit den 1970er Jahren zu einem Bedeutungszuwachs von Freizeit und Bewegung im Bewusstsein und Lebensalltag der Bevölkerung gekommen, von dem auch der Sport – abzulesen am starken Anstieg der Mitgliederzahlen – deutlich profitiert hat. Die Herausbildung neuer Freizeitstile, die Entstehung neuer Körperideale und modifizierter Gesundheitseinstellungen haben zu einer Pluralisierung und Individualisierung der Bewegungsbedürfnisse und Sportinteressen geführt.
Während Sport im klassischen Verständnis fast ausschließlich als Synonym für Leistungs- und Wettkampfsport auf der Grundlage eines festen Regelwerkes und eines regelmäßigen disziplinierenden Trainingsablaufs galt, haben nicht regelgebundene und wettkampforientierte Spiel- und Bewegungsformen an Bedeutung gewonnen, bei denen Entspannung und Ästhetik, Körpertraining und -formung, Spaß und Wohlbefinden, Abenteuer und Abwechslung im Vordergrund stehen.
Ein wichtiger indirekter Indikator ist jedoch die in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegene Zahl der Mitglieder. Sie erhöhte sich in den letzten beiden Jahrzehnten von 16,5 Millionen im Jahr 1979 auf 26,8 Millionen im Jahr 2001, was einem jährlichen durchschnittlichen Anstieg von etwa 3 % entspricht. Auch die Zahl der Vereine hat deutlich zugenommen: von ca. 20.000 im Jahr 1950 auf derzeit ca. 88.500 Vereine.
Während sich die zahlenmäßig stark überwiegenden Klein- und Kleinstvereine mit bis zu 300 Mitgliedern – sie machen insgesamt 70 % aller Sportvereine aus – im Wesentlichen über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanzieren und sowohl auf der Führungs- als auch auf der Betreuungs- und Ausführungsebene fast ausschließlich durch bürgerschaftliches Engagement geprägt sind, ist bei den Großvereinen eine Tendenz zu professionellen Strukturen mit hauptamtlichen Mitarbeitern und wirtschaftlichen Zweckbetrieben unverkennbar.
50 % des bürgerschaftlichen Engagements im Sport entfallen auf informelle Tätigkeiten, die übrige Hälfte auf die stärker formalisierten Aufgaben des Übungsleiters (30 %) und des Vorstandsmitglieds (20 %). Charakteristisch für das bürgerschaftliche Engagement im Sport ist, dass es zu mehr als 90 % im organisatorischen Rahmen der Sportvereine stattfindet (Rosenbladt/Blanke 2000: 315–318).
Jugendliche in Sportvereinen weisen andere soziokulturelle Besonderheiten auf. Sie sind, verglichen mit dem gesamten Bevölkerungsanteil, überproportional in Sportvereinen vertreten: Mehr als 60 % der 12-Jährigen und ca. 40 % der 18-Jährigen sind aktive Sportvereinsmitglieder.
3.6.2 Freizeit
Dies hier ist ein ausgesprochener Problembereich was die Aktivitäten von Arbeitslosen und Ausgesteuerten/Sozialhilfeabhängigen betrifft. Die sollen sich ja nicht unterhalten, sondern leiden, abmühen, der Arbeit nachrennen (der hier meist empfohlene Sport, s. oben). Gemessen daran, dass das grösste Problem der meisten Menschen aber weder Gott noch der Markt sind, sondern schlichtweg Langeweile, verdiente der Punkt mehr Aufmerksamkeit. (s. Gute Arbeit > Langeweile)
3.6.3 Kultur
Kultur ist ein weiterer, äusserst problematischer Bereich. Sehr viele Menschen sind offenbar in dem Bereich freiwillig tätig - sehr viele versuchen gleichzeitig allerdings in dem Bereich Geld zu verdienen, um davon leben zu können. Gerade der Kulturbereich, bei mir als 4. Sektor beschrieben, wäre eigentlich der Sektor, in dem das Individuum frei, ohne Abhängigkeit von Gruppe (3. Sektor), Staat (2. Sektor) oder Grosswirtschaft (1. Sektor / Markt) tätig sein kann. Dieser Bereich ist sehr genau zu analysieren, um die Chancen der Individuen nicht durch überstürzte Masseneinsätze von Freiwilligen zu vernichten. Da allerdings viele dieser Individuen selbst beim Sozialamt landen ... ist das Feld unbedingt besser zu erschliessen.
Vor allem im internationalen Vergleich fällt auf, dass Organisationen im Kulturbereich stark von öffentlicher Unterstützung abhängig sind. 56 % der Einnahmen der Organisationen im Kulturbereich entfallen auf öffentliche Mittel, 20 % beträgt der Anteil selbst erwirtschafteter Mittel und 10 % der Anteil der Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen. 74 % der Kulturorganisationen betrachten zudem die unzureichende bzw. abnehmende Finanzierung durch die öffentliche Hand als ein Hauptproblem.
Im Schnittfeld von Kultur, Bildung und Sozialem entstand eine Kulturbewegung, die neue Engagementformen und -felder begründete. Soziokulturelle Zentren, Stadtteilkulturveranstaltungen, Kinder- und Jugendkulturarbeit, freie Theatergruppen, soziale Kulturarbeit mit Randgruppen, kulturpädagogische Projekte und Bildungsvereine sind nur einige Beispiele für diese Bewegung, die ausgehend von bürgerschaftlichem Engagement neue Zugänge zu Kunst und Kultur schaffen wollte. Bis heute ist es ein Kennzeichen der Soziokultur, dass sie gesellschaftspolitisches mit sozialem und kulturellem Engagement verbindet.
Dieser Bereich lässt sich sehr gut mit Quartierarbeit verbinden, erleichtert also dem Staat die Kontrolle über seine Bürger zu behalten. Die Fokussierung auf "halbstaatliche" Quartierzentren ist in der Schweiz, Deutschland und Frankreich ein dominantes Modell der Integration.
3.6.3 Schule
Auch dies ein sehr interessantes Feld freiwiliger Tätigkeit, insbesondere weil hier, als einziger Bereich, das Engagement von Ausländern, Immigranten, grösser ist als bei Einheimischen. Dominierend beim Engagement ist hier halt selten die Gemeinnützigkeit, das Interesse an Verbesserung der Schule generell, sondern primär das Schicksal des eigenen Kindes. Gerade in der Schule stossen allerdings auch Privatleben, Wirtschaft und Staat zusammen, speziell was die Befreiung der Frauen von Betreuungs-, für Produktionsaufgaben betrifft, also die Betreuung an Tagesschulen und die Kindertagesstätten.
Auf einem anderen Blatt steht die Entwicklung der Schule, des Auftrags der Schule. Diese wird bisher vor allem von Bildungsexperten höherer Kategorie gesteuert, sehr zur Verzweiflung vieler Lehrer. Da die Texte bei diesen so kompliziert sind, dass sie's meist selbst nicht mehr verstehen, hat der Laie, also der Normalbürger, Vater, Mutter eigentlich kaum eine Chance mitzureden. Auch hier eine Aufgabe für die Bürgergesellschaft. Die Dressur von lauter kleinen Genies auf der einen, des Ausschlusses von weniger genialen auf der anderen Seite, deren beste noch auf Praxis ohne wirkliches Theorieverständnis getrimmt werden (Fachhochschulen) dürfte nämlich eine äusserst seltsame Gesellschaft erzeugen. Hier fehlen die bürgergesellschaftlichen Gremien noch weitgehend, die sich mit dem Problem abgeben könnten.Der Trend läuft heute auf Frühverschulung/Frühverblödung hinaus.
Die Schule hat mit ihrem staatlich erteilten Bildungs- und Erziehungsauftrag in mehrfacher Hinsicht Bedeutung und Verantwortung für die Herausbildung bürgerschaftlicher Kompetenzen. Im Mittelpunkt des schulischen Bildungsauftrags, wie er in den Schulgesetzen der Länder formuliert ist, steht die Vermittlung kognitiver Wissensbestände. Genauso wichtig ist allerdings auch das Bildungsziel des mündigen Bürgers in einer demokratischen Gesellschaft.
1. Der pädagogische Auftrag der Schule ist im Zusammenhang der Veränderung von Wissensanforderungen und Erziehungskonzepten in Bewegung gekommen. Handlungsbedarf ergibt sich nicht nur in Hinblick auf neue natur- und humanwissenschaftliche Wissenskomplexe, auf Medienkompetenz, auf die richtige Balance von sozialem „Lernen lernen“ und dem Erwerb normierter Wissensbestände. Anforderungen stellen sich darüber hinaus auch als Fragen einer Neubestimmung pädagogischer Leitbilder und Praktiken – angesichts von Gefahren sozialer Verwahrlosung und problembelasteter Lebensumfelder, von denen viele Schüler und deren Familienmitglieder betroffen sind. Ein wichtiger Aspekt dieser Herausforderung ist dabei das Lernen von „Gemeinschaftsfähigkeit“ (Bertelsmann Stiftung 1999: 17), ein anderer, ergänzender Aspekt die Frage, wie man – auch im Rahmen der Schule – als Bürger Kompetenz erwerben kann. Wie kann Schule zur Bürgerschaftlichkeit erziehen? Wie kann „Politik praktisch gelernt werden“
2. Lernen und Betreuen. Bis in die jüngste Zeit hat das deutsche Schulwesen an einem engen Auftrag festgehalten, der sich vorrangig auf Wissensvermittlung und Erziehung konzentrierte, aber Betreuungsaufgaben weitgehend ausschloss.
Für die Diskussion um bürgerschaftliches Engagement sind Kindertageseinrichtungen nicht nur als Orte des frühen Lernens und Einübens zivilgesellschaftlicher Handlungsdispositionen bedeutsam, sie sind gleichzeitig Einrichtungen, in denen neben den professionellen Fachkräften das Engagement von Eltern eine wichtige Rolle spielt.
Die Macht der Eltern als Kunden bzw. Konsumenten wird dadurch ohne Zweifel gestärkt, sie endet aber mit der Entscheidung für eine konkrete Einrichtung. Eltern werden also als Kunden umworben, nicht jedoch als Bürgerinnen und Bürger an der Leistungserbringung beteiligt.
3.6.4 Soziales
Hier findet sich alles was sonst nirgends so recht hinpasst, aber in die Gesellschaft gehört ..
3.6.4.1 Kinder
Kinder sind Mitglieder der Bürgergesellschaft. Sie haben ein legitimes Anrecht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung. Die Stärkung ihrer gesellschaftlichen Position ist bereits Anliegen der UN-Kinderrechtskonvention von 1989. Eine Politik für Kinder in diesem Sinne muss die autonomen Rechte von Kindern ernst nehmen, Kinderrechte ausbauen und kindgerechte Beteiligungsmöglichkeiten schaffen (vgl. BMFSFJ 1998: 281ff.). Dabei kommt es darauf an, dem jeweiligen Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen angemessene Formen der Partizipation zu entwickeln und dadurch ihre Position als Mitglieder der Bürgergesellschaft, die sie unabhängig von ihrem Alter sind, zu stärken (vgl. die Beiträge in Oerter/Höfling 2001).
3.6.4.2 Jugend
Die Jugend muss sich heute und hier den selben Mist anhöhren, wie die Jugend im Ostblock fast das ganze 20. JH. hindurch: Die Mär vom harten Einsatz heute - und der goldenen Zukunft (wenn nicht morgen, dann eben übermorgen, oder überüber...). Der Wirtschaftsboom, der einer breiten Mittelschicht Wohlstand und Reichtum gebracht hat, ist längst vorbei. Die Mittelschicht kommt grad noch knapp mit mit Zahlen von Rechnungen, aber der Jugend wird "die gute alte Zeit" gepredigt, obwohl die Wachstumsraten in entwickelten Gesellschaften logischerweise sinken (s. Japan im Vergleich zu China oder Indien), obwohl die Renditen und Gewinne in ausgebauten Märkten gegen Null sinken müss(t)en, was eigentlich jeder Ökonom weiss. Also versucht man doch noch etwas mehr zu verdienen, indem man den "Mehrwert" auf immer weniger Köpfe verteilt dank betriebswirtschaftlicher Effekte wie der economy of scale und der sunk costs, durch immer weitere Rationalisierung und Restrukturierung immer weniger Produzenten bezahlen musst, dabei aber vergisst, dass erst deren Löhne den Konsum ermöglichen. Obwohl jung ist nicht alle Jugend dämlich. Immer weniger werden den Alten diese Sprüche abgekauft.
Hier gäbe es sicher eine Menge Möglichkeiten für Einsätze - aber das überlass ich den Jungen.
70 % der engagierten Jugendlichen wollen mit ihrer Tätigkeit anderen Menschen helfen, 68 % etwas für das Gemeinwohl tun.
Hedonistische und materialistische Wertorientierungen, wie „das Leben in vollen Zügen genießen“, „hoher Lebensstandard“, „Macht und Einfluss haben“, sind bei Kindern und Jugendlichen gegenwärtig stark ausgeprägt, und zwar stärker als in der Erwachsenengeneration.
Verbindlichkeiten, normierte Verhaltenserwartungen, relativ hohe zeitliche Verpflichtungen, organisatorische Erfordernisse und Kooperationsnotwendigkeiten mit professionellem Personal kollidieren mit dem Bedürfnis junger Menschen, über Handlungsräume zu verfügen, die sie selbst nach eigenen Vorstellungen gestalten können, ohne sich in die Hierarchien der Erwachsenenwelt einzugliedern (vgl. Olk 1987: 85).
Parallel dazu sehen sich die Jugendverbände einer verstärkten Konkurrenz durch die kommerzielle Freizeitindustrie ausgesetzt. Gleichzeitig haben auch im Bereich des Engagements von Kindern und Jugendlichen strukturelle Wandlungsprozesse stattgefunden, die mit veränderten Orientierungen, Wünschen, Bedürfnissen und Motivationen verbunden sind. Die von einer stärkeren Ich-Bezogenheit getragene Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement geht dabei einher mit einem gestiegenen Bedürfnis nach Subjektivität, Unverwechselbarkeit und Anerkennung (vgl. Deutscher Bundesjugendring 2000: 29).
S. 96
Problem Jugend und Politik:
Dabei wird eine insgesamt skeptische Distanz junger Menschen gegenüber gesellschaftlichen Institutionen im Bereich von Politik und Demokratie, insbesondere auch gegenüber den Parteien, konstatiert (vgl. Münchmeier 2002). Relativ hohes Vertrauen genießen hingegen zivilgesellschaftliche Organisationen wie Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen oder Bürgerinitiativen. Dennoch gehen die Autoren der Shell-Studie nicht von einer allgemeinen Politikverdrossenheit der Jugendlichen aus. Vielmehr erleben Jugendliche die Politik als jugendverdrossen (vgl. Deutsche Shell 2000: 262ff.): Sie haben das Gefühl, dass die Politik die Jugend und ihre Bedürfnisse nicht ernst nimmt und übergeht
Der Anteil von Jugendlichen (15 bis 24 Jahre), die sich für Politik interessieren, ist von 57 % im Jahr 1991 auf 43 % im Jahr 1999 deutlich gesunken – überproportional war der Rückgang dabei bei ostdeutschen Jugendlichen (vgl. Deutsche Shell 2000: 263).
Offensichtlich zweifeln junge Menschen grundsätzlich daran, durch eigenes Engagement politisch etwas bewegen oder verändern zu können.
„Einerseits lehnen sie ab, was nach abstrakter, allgemeingesellschaftlicher Politik und verkrusteter Institutionalisierung aussieht, andererseits engagieren sie sich für konkret greifbare Themen ihres Interesses in ihrem Lebensbereich, wenn ihnen dazu Möglichkeiten angeboten werden“ (Sturzenhecker 1998: 211).
So wichtig der Versuch ist, Kinder und Jugendliche in Planungsprozesse einzubeziehen, so hängt der Erfolg doch davon ab, ob das, was sie entwickeln, auch wirklich umgesetzt werden kann.
3.6.4.3 Senioren
- Klienten-Orientierung: Die Seniorenorganisationen der Parteien, Interessenverbände wie der VdK und Verbände wie die Rheumaliga beziehen sich auf diejenigen Älteren, die in besonderem Maße von sozialstaatlichen Zuwendungen abhängig sind. Sie bieten Beratung an und vertreten die Interessen der Betroffenen gegenüber der Politik.
- Konsumenten-Orientierung: Engagement ist hier vor allem mit geselligen Formen der Freizeitgestaltung verbunden; Seniorinnen und Senioren spielen als kaufkräftige Gruppe privater Verbraucher eine wachsende Rolle.
- Gemeinschafts-Orientierung: In kirchlichen Basisorganisationen und im lokalen Vereinsleben stehen traditionelle und neuartige Formen der Selbstorganisation in sozialen und kulturellen Belangen der Gemeinschaft im Vordergrund.
- Problembezogene Selbstorganisation: Aktive aus der Gruppe der „jungen Alten“ starten bei spezifischen Problemen Bürgerinitiativen und Projekte: Dabei kann es um die Verwertung spezifischen beruflichen Wissens gehen, etwa bei der Beratung von Initiativen in finanziellen Fragen, oder um die Bewältigung der gerade in den neuen Ländern besonders massiven Probleme der zwangsweisen Frühverrentung bzw. Arbeitslosigkeit.
Probleme krieg ich jeweils, wenn sich bereits 40-jährige als "graue Panter" und dergleichen bezeichnen und sich um eine Alterssiedlung kümmern. Aber vielleicht ist das so: Trotz Lebenserwartung über 80, ist mit 40 Feierabend, also werden die Kleinen bereits mit 3 Jahren eingeschult, so dass sie sich mit 22 oder 23, inklusive Studium, demnächst Dissertation + Praxis, auf die Arbeittssuche machen können.
3.6.4.4 Familie
Im familialen Zusammenleben erfahren die Familienmitglieder von Beginn an eine enge emotionale Verbundenheit und das immer wieder bestätigte Gefühl, sich aufeinander verlassen zu können. Gerade in einer durch anonyme und flüchtige Sozialkontakte geprägten individualisierten Gesellschaft sind es vor allem die familialen und verwandtschaftlichen Beziehungsnetzwerke, in denen in lebenslangen Beziehungen Erfahrungen der emotionalen Unterstützung und der wechselseitigen Anerkennung gemacht und bestärkt werden können. Auf dieser Grundlage kann das Selbstbild gestärkt und die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kontaktaufnahme und Kooperation mit anderen aufgebaut werden. Auch für die Entwicklung und Stabilisierung von Solidarpotenzialen in der Gesellschaft sind familiale und verwandtschaftliche Beziehungen von herausragender Bedeutung. In der Familie und im weiteren Verwandtschaftsnetz werden grundlegende Erfahrungen wechselseitiger Hilfe und Unterstützung bei Krankheit, in Lebenskrisen sowie im Alter gemacht und damit Formen der intergenerationalen und interpersonellen Solidarität und Verantwortungsübernahme gelernt, die auch auf außerfamiliale Netzwerke und Sozialbeziehungen übertragen werden können.
Tja, und auch hier ist die Kacke am Dampfen. Die Familien lösen sich auf, zerfallen immer rascher - oder kommen erst gar nicht zu stande (Alleinerziehende).
Dazu werden immer weniger Kinder geboren: Überalterung
Daran wird freiwiliges Engegagement wenig ändern können, da nach wie vor Wilhelm Busch gilt: Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.
3.6.4.5 Imigranten
Die hohen Solidaritätspotenziale von Familien ausländischer Herkunft sind eine wichtige soziale Ressource für die Integration in die Aufnahmegesellschaft. Familiäre Netzwerke tragen dazu bei, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden und Alltagsprobleme zu bewältigen.
Das gemeinsame Engagement von Migrantinnen und Migranten und Einheimischen in Vereinen und Organisationen trägt zu interkulturellen Lernprozessen auf beiden Seiten bei und eröffnet Zuwanderern Möglichkeiten der sozialen und kulturellen Teilhabe in der Aufnahmegesellschaft.
Integrationspolitik ist eine Querschnittsaufgabe in allen gesellschaftlichen Bereichen, die darauf abzielt, Zuwanderern „eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unter Respektierung der kulturellen Vielfalt zu ermöglichen“ (Unabhängige Kommission „Zuwanderung“ 2001: 199). Unabhängig von der politisch umstrittenen und von der Enquete-Kommission nicht zu erörternden Frage, ob und wie viel Zuwanderung die Bundesrepublik Deutschland in Zukunft benötigt, ist die Aufnahmegesellschaft aufgefordert, Zuwanderern einen gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt, zum Bildungssystem und öffentlichen Gütern und Dienstleistungen zu ermöglichen.
Auch hier gäbe es beträchtliche Einsatzmöglichkeiten von Freiwilligen jeder Art. Der starke soziale Zusammenhalt von Familie und Gesellschaft, über den die meisten Imigranten verfügen, hilft ihnen zwar, nicht unter zu gehen vor lauter Frust und Ablehnung, sich selbst zu bleiben - nicht aber, diese seltsame Gesellschaft besser zu verstehen, in der sie gelandet sind. Sprachkurse, einfachste Kommunikation, also Konversation, Helfen bei der Förderung gegeneitigen kulturellen Verständnisses. s. Vorschläge Bildungsbörse
3.6.5 Kirche
Mehr als drei Millionen Menschen engagieren sich im kirchlichen und religiösen Bereich. Innerhalb der evangelischen Kirchen sind etwa 1,5 Mio. ehrenamtlich tätig, davon etwa 400.000 im Bereich der Diakonie. Die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland repräsentiert etwa 1,2 Millionen junge Menschen. Für den katholischen Bereich werden vergleichbare Zahlen genannt, wobei besonders auf das große Engagement im Bereich der katholischen Jugendarbeit zu verweisen ist. Allein in den Mitgliedsorganisationen des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) sind 650.000 Kinder und Jugendliche eingetragene Mitglieder. Mehr als 50 % der in den Kirchen ehrenamtlich Tätigen üben zwei oder mehr Ehrenämter gleichzeitig aus. Eine Besonderheit des bürgerschaftlichen Engagements im kirchlichen Bereich ist der hohe Anteil von Frauen unter den Engagierten.
Schätzungen zufolge gibt es in der Bundesrepublik Deutschland 2.200 Moscheegemeinden, von denen die überwiegende Zahl so genannte „Hinterhofmoscheen“ sind (vgl. Sen/Aydin 2002). Lediglich 11,6 % der Moscheevereine verfügen über festangestelltes Personal. 90 % der Aktivitäten in diesen Gemeinden werden durch freiwilliges Engagement erbracht. Diese Aktivitäten umfassen Jugendarbeit, Frauenarbeit, informelle Beratung, religiöse Unterweisung, Sprachkurse und Hilfe bei Behördengängen.
Die viel geschmähten "faulen" Muslime machen also eine ganze Menge an Sinnvollem von ganz alleine.
3.6.6 Beruf
3.6.6.1 Erwerbsarbeit und Arbeitsmarkt
3.6.7 Umweltschutz
Im Bereich Umwelt-, Natur- und Tierschutz engagieren sich nach den Ergebnissen des Freiwilligensurveys von 1999 ca. 1,3 Millionen Menschen. V
Bürgerschaftliches Engagement im Handlungsfeld „Umwelt“ ist sehr vielfältig. Es findet sich u.a.: – in sozialen Bewegungen wie der in den 1970er Jahren entstandenen Anti-AKW-Bewegung oder der neuen globalisierungskritischen Bewegung „Attac“; – im politisch-parlamentarischen Umfeld der Partei Bündnis 90/Die Grünen; – in ca. 9.000 lokalen Umweltgruppen, die sich auf Teilgebiete der Umweltproblematik konzentrieren; – in Gruppen der lokalen Agenda 21; – in Projekten nachhaltigen Konsums (z.B. Rommelmühle, Kempodium); – in zahlreichen Projekten an Schulen (Energieprojekte); – im Rahmen des Freiwilligen Ökologischen Jahres von Jugendlichen und jungen Erwachsenen; – in kirchlichen Initiativen; – in Nachhaltigkeitsinitiativen von Unternehmen, die mit Umweltschutzgruppen oder Umweltverbänden kooperieren; – sowie in den großen national und transnational organisierten Umweltverbänden wie BUND, NABU, WWF, Greenpeace, Deutsche Umwelthilfe, von denen viele im Deutschen Naturschutzring (DNR) zusammengeschlossen sind.
Die vorrangigen Themenfelder von Umweltorganisationen liegen im Umwelt-, Arten- und Naturschutz (91 %) sowie der Landschaftspflege (77 %). Im Bereich Tierschutz ist jede vierte Umweltorganisation engagiert.
3.6.7.1 Rio
Die Umweltverbände stellen nicht nur – als Teil der Umweltbewegung – eine „Gegenmacht“ dar, sondern sie sind durch die Rio-Konferenz und die nachfolgenden UNWeltkonferenzen der 1990er Jahre auch in ihrer Rolle als „Themenanwälte“ deutlich aufgewertet worden. Ihr Fach und Expertenwissen wird für viele Themen auf allen politischen Ebenen nachgefragt. Sie können auf Grund ihrer Verständigungskompetenz auch zu einer höheren Effektivität und Transparenz der Verhandlungsprozesse beitragen und die Positionen der von den Umweltproblemen direkt betroffenen Menschen einbringen. Sie steigern so die Legitimität der Verhandlungsprozesse und ihrer Ergebnisse (vgl. Beisheim 2001).
Auf der anderen Seite laufen die Expertinnen und Experten in den Verbänden Gefahr, sich von den gruppeninternen demokratischen Prozessen abzukoppeln und so selbst ihre Legitimation zu verlieren. Außerdem besteht das Problem der Überforderung der NGOs, wenn sie sich in die verschiedenen inter- und supranationalen Institutionen integrieren müssen.
3.6.7.2 Nachhaltigkeit
3.6.7.3 A21
Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik haben fast 90 % der Städte einen Beschluss zur Lokalen Agenda 21 getroffen, fast drei Viertel der Städte haben bereits ein Leitbild für nachhaltige Entwicklung verabschiedet oder planen dies zu tun (vgl. Rösler 2000).
Bei den inhaltlichen Schwerpunkten im Rahmen der Lokalen Agenda 21 dominieren die Themen Klimaschutz und Energie sowie Verkehr und die Versorgung mit regionalen Nahrungsmitteln („Aus der Region für die Region“).
Folgende Probleme zeichnen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits ab: – Vielfach wird vor Beginn der Lokalen Agenda 21-Prozesse nicht geklärt, welchen Status und welche Verbindlichkeit Vereinbarungen haben sollen, die in Agenda 21-Gremien getroffen werden. Haben Engagierte den Eindruck, dass ihre Ergebnisse von Rat und Verwaltung einfach ignoriert werden, sind Frustration und Rückzug eine naheliegende Konsequenz. (s. Rheinfelden) Wie bei anderen Formen kommunaler Beteiligung ist es mit entscheidend für den Erfolg, dass bereits am Beginn des Prozesses geklärt wird, in welcher Form die Ergebnisse in den kommunalen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess einfließen. – Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass von den Lokalen Agenda 21-Prozessen vor allem bereits aktive Bürgerinnen und Bürger mit guter Ausbildung angesprochen werden. Die in der Agenda 21 explizit geforderte Beteiligung von Jugendlichen, Frauen und benachteiligten Gruppen ist dagegen bisher nur in Ansätzen gelungen. – Dazu kommen Probleme, die nicht unmittelbar mit der Rolle bürgerschaftlichen Engagements in Agenda 21-Prozessen zusammenhängen. Die Integration ökologischer, sozialer und ökonomischer Dimensionen zu einer kommunalen Querschnittsaufgabe gelingt nicht immer, zumal selten eine Gesamtstrategie entwickelt wird und die Ressourcenausstattung von Agenda-Büros, die den kommunalen Nachhaltigkeitsprozess steuernd begleiten sollen, häufig zu wünschen übrig lässt.
> Information, Reflexion, Entscheidungsfindung sind komplexe Abläufe
Qualifizierung und Weiterbildung:
Auf Grund der oftmals sehr komplexen Zusammenhänge und Ursachen für Umweltprobleme ist Qualifizierung und Weiterbildung der bürgerschaftlich Engagierten im Bereich des Umweltschutzes ein besonders wichtiges Thema. Anbieter von umwelt- und entwicklungspolitischer Weiterbildung sind neben Umwelt und Naturschutzverbänden u.a. auch Jugendverbände, Kirchen, Volkshochschulen, Gewerkschaften und Parteien. Insbesondere die entwicklungspolitische Bildung ist dabei stark ehrenamtlich organisiert und strukturiert
> warum nur Umwelt? Es gibt eine Menge anderer Gebiete von ebensolcher Bedeutung- und damit eine Unzahl von Tätigkeitsfeldern und Einsatzmöglichkeiten für Freiwillige.
3.6.8 Politik
Der Bereich Politik und politische Interessenvertretung findet sich mit 3 % erst an neunter Stelle unter allen Engagementbereichen.
Das politische Handeln der Bürgerinnen und Bürger ist praktizierte Volkssouveränität (Grundgesetz, Art. 20,2).
Je nach Handlungsfeld und demokratietheoretischer Perspektive wird politisches Engagement verstanden – als Ausdruck und Lernort von demokratischen Fähigkeiten (Bereitschaft zum Zuhören, Einfühlungsvermögen, Offenheit, Achtung anderer Überzeugungen und Lebensweisen, aber auch die Vorbereitung von und die Mitwirkung an Beschlüssen etc.) und Bürgertugenden, wie z.B. Gemeinsinn und Solidarität (Schmitz 2000), – als Beitrag zur Unterstützung politischer Institutionen und als Ausdruck des Vertrauens in Institutionen (Warren 1999), – als Garant für die demokratische Qualität von politischen Diskussions- und Entscheidungsprozessen (Deliberation) oder – als Übernahme öffentlicher Aufgaben (etwa durch Schöffen, Wahlhelfer etc.).
In Anbetracht dieser Vielfalt an positiven Auswirkungen politischen Engagements ist es eigentlich erstaunlich, dass hier nicht mehr Freiwillige aktiv sind. In Kenntnis der real existierenden Parteien und Gruppierungen, ihrer Engstirnigkeit, Kleinkarriertheit, ihrem bürokratischen Gehabe und dem Gerangel um Plätze möglichst weit oben, ist das Problem allerdings sehr leicht verständlich. Vermutlich sollten mehr Bürger die Frechheit (oder den Mut) haben, Politik mal auf eine andere, als die graue und vertrocknete, an Statuten und Voten orientierte Art zu betreiben. Die Verhältnisse schreien eigentlich geradezu danach. (s. Frankreich). DAS Problem in der Politik ist allerdings immer, dass man für sein Anliegen eine Mehrheit erreichen muss, ganz egal, was man von dieser Mehrheit hält ...
Ein Ansatz zur Erneuerung der Politik für eine attraktivere Politik, eine Politik sachorientierter Bürgerforen statt ideologiegesteuerter Parteien, ist in Bearbeitung. #
3.6.9 Gewerkschaften
Weitgehend unbeabsichtigt und unbemerkt hat sich der Deutsche Gewerkschaftsbund mit seinen Mitgliedsorganisationen zu einer der größten deutschen Seniorenorganisationen entwickelt. Hinzu kommt, dass wachsende Gruppen der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft über die betriebliche Organisation nicht mehr erreichbar sind. Dies gilt für Rentner und Arbeitslose ebenso wie für Mitglieder, die außerhalb gewerkschaftlich organisierter Betriebe stehen: Beschäftigte in Kleinbetrieben, Leiharbeiter etc.. Im Bereich der Industriegewerkschaft Metall betrifft dies mittlerweile rund die Hälfte der Mitglieder (vgl. Teichmüller 1998).
Eine Auseinanderentwicklung zwischen der gewerkschaftlichen Mitgliederstruktur und den Strukturen in der Arbeitswelt ergibt sich auch aus der Entstehung neuer Wirtschaftszweige und aus den Veränderungen der Erwerbsarbeit. In den Unternehmen im Bereich der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien gelingt es den Gewerkschaften nur schwer, Mitglieder zu gewinnen. Vielfach erscheinen die Gewerkschaften hier als “antiquierte" Organisationen, die nur wenig Attraktivität ausüben und kaum Anreize für ein Engagement bieten. Auch die wachsende Zahl privater Kleinbetriebe sowie die Zunahme prekärer und deregulierter Beschäftigungsverhältnisse erschwert den Gewerkschaften die Gewinnung neuer Mitglieder.
.... dabei sogar Konkurrenzbeziehungen zwischen Partizipationsformen, die im Rahmen neuer Produktionskonzepte (mit ihren flachen Hierarchien, Gruppenarbeit etc.) von den Unternehmensleitungen etabliert werden, und den institutionalisierten Formen der Mitbestimmung auf. Die Betriebsräte werden angesichts dieser Entwicklungen verstärkt mit unterschiedlichen Interessenlagen der Beschäftigten konfrontiert.
– Eine weitere Herausforderung ergibt sich für die Gewerkschaften aus der anhaltenden Auseinanderentwicklung der gewerkschaftlichen Mitgliedschaft und den Strukturen der modernen Arbeitswelt, die mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel, der Ausweitung des Dienstleistungssektors sowie der Herausbildung neuer Wirtschaftszweige zusammenhängt. Mit der Ausweitung des Dienstleistungssektors verändert sich auch die Zusammensetzung von Berufsgruppen. Der Anteil der Angestellten und Beamten unter den Beschäftigten hat sich zwischen 1950 und 1995 mehr als verdoppelt, während der Anteil der Arbeiter gesunken ist. An diesem Ausbau des Dienstleistungssektors haben die Frauen stark partizipiert
Mehr gewerkschaftliches Engagement wäre eindeutig gefordert, in Anbetracht der Tatsache, dass die Arbeit sich stillschweigend aus der Arbeitsgesellschaft entfernt - der Lohn aber immer noch für Überleben, gutes Leben und sozialen Status entscheidend ist. Die Liste von Problemen dürften aber bereits reichen, um zu erklären, warum Gewerkschaften heute nicht grad zu den wirksamsten Organisationen der Zivilgesellschaft gehören:
Als freiwilliges Engagement sollte es hier ev. schon so langsam aber sicher mal Gruppen geben, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzen, wo möglich ein klein bisschen Qualifizierter als bloss wieder mit dem alten Ruf nach Sozialismus oder Kommunismus. Denn Staatsdiktat ist auch keine Lösung für die meisten.
3.6.10 Bildung
Gewaltiges Potential, ohne all zu grosse Störung des gewerblichen Bildungsmarktes. s. Bildungsbörse
3.6.11 Gesundheit
Die entsprechenden Qualitätskonzepte machen es schwer, überhaupt noch kommunikative und soziale Hilfen in die Versorgungsmuster zu integrieren und bei der Qualitätssicherung als Teil von Pflegequalität und Professionalität wahrzunehmen. „Alte und kranke Menschen sollen lernen, ihren Bedarf zu gewichten und Pflegekräfte müssen lernen, ihre Einsätze zu begrenzen und nach zehn Minuten zu gehen. Das Ganze wird dann als Erfolg gefeiert, eine Einrichtung schließt und wir machen weiter in ‚Qualität‘ ... Es wird dazu kommen, dass auch Pflege im Akkord noch als Qualität bezeichnet wird. Eine Schwester, die es für fachlich richtig hält, bei einer Patientin länger zu bleiben, muss sich vorhalten lassen, sich nicht abgrenzen zu können“
Diese weitgehende Nichtbeachtung bürgerschaftlicher Potenziale, die bei kommerziellen Trägern und Anbietern nahe liegt, findet sich überwiegend auch bei freien, nicht kommerziellen Anbietern: Die Organisation von Fördervereinen, Partnerschaften und engagierter Mitarbeit ist die Ausnahme. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer großen und weiter wachsenden Lücke bei Bedarfen, die nicht unbedingt rein professionelle Antworten erfordern und überdies in ihrem gesamten Umfang weder mit organisierten bezahlten Hilfen noch mit einer Kombination derartiger Angebote und familialer Leistungen abzudecken sein werden:
Jein, äusserst problematischer Bereich. Heute darf ja niemand ohne belegte Ausbildung irgend welche Pflege anbieten. Ist auch rechtlich äusserst heikel. Beispiel, selbst erlebt mit meinem Vater: So gegen 80 hatte er zunehmend Mühe mit dem Gleichgewicht, fiel also ab und zu um - ohne sich zu verletzen. Da er äusserst schwer war, konnte ihm praktisch niemand aufhelfen, und wenn ich nicht in der Nähe war, musste die Ambulanz des Spitals geholt werden. Darauf verbrachte er wieder ein paar Tage im Spital, bis er wieder nach Hause gebracht wurde. Eine einfacher Lösung wäre gewesen, einen in der Nähe lebenden kräftigen Mann dafür zu trainieren und anzustellen - aber der hätte eben dann das Risiko tragen müssen, rechtlich belangt zu werden, wenn er einen ernsthaften Schaden übersehen hätte. Also der Drang nach Perfektion, danach jeden möglichen Fehler zu vermeiden, macht hier manchen das Leben echt schwer.
Das selbe Problem wird sich ergeben, wenn noch nicht so alte ganz alte Pflegen und sich Pflegegutscheine erwerben (Vorschlag Bundesrat Nasenbär, der allerdings in Tauschkreisen seit Urzeit bekannt ist (der Vorschlag, nicht der Nasenbär)).
Das Hauptproblem, das ich direkt selbst hier erlebe, ist jedoch, dass alternde, falls nicht verheiratet, also in Dauerstreitgemeinschaft, sich zu langweilen beginnen, irgend jemanden brauchen um ihn oder sie vollzuquatschen. Das Problem heisst also Beziehung, Freundschaft, Kollegen etc. - nicht Arbeit. Und Beziehungspflege als Freiwilligenleistung ... scheint mir nun doch etwas dubios. Wer Freunde will, muss sich um diese Kümmern, wer Freunde vertreibt, na ja ... der sollte das dann auch nicht an einem Zivi auslassen.
3.6.12 Stadt- und Quartierentwicklung
Aus einer ganz anderen Situation heraus entwickeln sich Ansätze der Wohnumfeldentwicklung in Städten und Gemeinden, in denen sich in den vergangenen 15 Jahren die sozial-räumliche Struktur so verändert hat, dass ganze Stadtteile von Stagnation, sozialem und baulichem Niedergang oder gar der Abkopplung von der Entwicklung der restlichen Stadt bedroht wurden.
Hier lassen sich immer wieder drei Tendenzen beobachten, die zur Veränderung der sozialräumlichen Situation geführt haben und führen:
Möglichkeiten der Umgestaltung von Krisenregionen etwa in Form der Wohnraumbewirtschaftung (im Rahmen von Stadtteilerhaltungs- und -erneuerungsprogrammen)
- Gemeinsam werden Ressourcen genutzt (angemietete Räume, Werkzeuge usw.).
- Wirtschaftliche Überschüsse können für gemeinnützige Zwecke (innerhalb oder außerhalb des eigenen Betriebs) verwendet werden (Not-for-profit-Orientierung) usw..
Es dient aber gleichzeitig auch der ganzen Stadt; denn hier wird, insbesondere bezüglich der Integration von Menschen aus anderen Ländern, eine Integrationsarbeit für die ganze Stadt geleistet. Wesentliche Qualitäten des bürgerschaftlichen Engagements zur Quartierserneuerung in solchen segregierten Stadtteilen sind der Aufbau und die Entwicklung von Kommunikationsnetzen. Basis dafür ist die wechselseitige Anerkennung der Bewohnergruppen untereinander. Wichtig ist zunächst die Ebene der kleinen Netze (z.B. im Umfeld von Kindergärten, Seniorentreffpunkten, Frauengruppen). Bei deren Aufbau spielen Frauen, und zwar über alle Ethnien hinweg, eine besondere Rolle, insofern sie über eine spezifische Alltagskompetenz verfügen.
Da dieser Bereich für viele Städte, insbesondere in Frankreich, leider auch in Basel, den Kernbereich für Bürgeraktion bildet, kann ich auf eigene Empfehlungen ruhig verzichten (möchte aber doch noch eine kleine fiese Randbemerkung anbringen: Die hier gelisteten Gebiete sind sortiert nach Rang, also nach Anzahl der Freiwilligen die sich auf dem Gebiet engagieren. Stadt- und Quartierentwicklung steht hier ziemlich am Schluss, und da sollte man sich vielleicht doch mal fragen, ob es geschickt sei, genau hier mit der (für viele verpflichtenden) Freiwilligkeit anzusetzen.
3.13 Andere
Die organisatorischen Kontexte sind verschieden; relevant sind hier insbesondere:
Für bürgerschaftliches Engagement in diesem Feld lassen sich jedoch auch Probleme und Hindernisse identifizieren. Diese sind:
Ein besonderes Strukturproblem ist die Unberechenbarkeit, Heterogenität und das ungleiche Niveau von Hilfen, die selten auf umfassender Vorsorge oder gar Rechten aufbauen können, sondern sich sporadischer Einzelinitiative verdanken.
Im Gegensatz zu den USA entwickelt sich die Dritte-Sektor-Forschung in Europa eher zögerlich. Zudem orientiert sie sich primär an Begriffen wie Solidarität, Gemeinwohlorientierung, gesellschaftliche Nützlichkeit, soziale Gerechtigkeit, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft; während dem der Fokus in den USA im Wirtschaftlichen liegt. Zudem befürchtete hier der Staat ein Ausfransen durch die Verlagerung von Aufgaben auf den halbstaatlichen und privaten Bereich - dennoch war man primär daran interessiert (vermutlich im Sinne des NPM), die bestmögliche (= günstigste) Organisation für die Erledigung öffentlicher, speziell sozialpolitischer Aufgaben zu finden (institutional choice). Diese Organisationen sind für den Staat insbesondere darum interessant, weil sie zentrale Unterstützungsleistungen bringen und damit zur Legitimation staatlichen Handelns beitragen - und dies mit grosser Vielfalt und Breite:
Während in den USA an rund 30 Universitäten, darunter
z. B. Harvard, Yale, Johns Hopkins, Duke, NYU, Indiana,
UCLA usw. gut ausgebaute Forschungs- und Lehrzentren
mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu bürgerschaftlichem
Engagement arbeiten und etwa zehn unabhängige
Einrichtungen wie Brookings, Independent Sector, The
Foundation Center usw. ganz oder teilweise diesen Teil
der Gesellschaft bearbeiten und als Think Tanks ihre Ergebnisse
auch in die politische Arena kommunizieren, ist
die Forschungslandschaft in Deutschland, übrigens auch
im Verhältnis zu anderen europäischen Staaten, noch eher
dürftig besetzt. Kein einziges voll ausgebautes Hochschulinstitut
hat den Dritten Sektor als Schwerpunkt, von
einem interdisziplinären Forschungszentrum ganz zu
schweigen. Unabhängige Institute sind vereinzelt, klein
und unterfinanziert.
Die Johns Hopkins University konnte auch zeigen, dass gerade in den USA, speziell im Osten (NY mit bereits 10% aller NPO-Arbeitskräfte der USA), die Nonprofitorganisationen einen beträchtlichen Anteil am Arbeitsmarkt haben, am höchsten mit in Columbia mit 17.6% des Totals der Arbeitskräfte. Von dem Sektor wird auch speziell der Erhalt und die Entwicklung gesellschaftlicher Innovationspotentiale erwartet.
Die Anteile zeigen deutlich, dass in wirtschaftsliberalen Staaten die Bürgergesellschaft wichtiger ist, dass sie aber in ehemaligen Dikaturen und Entwicklungsländern noch stark unterentwickelt ist.
Dem entsprechend die rasante Entwicklung z.B. der Vereine in Ostdeutschland nach der Vereinigung:
Die Entwicklung in Deutschland zeigt eine Verdreifachung der Stellen im 3. Sektor, eine Verdoppelung im 2., zwischen 1960 und 95.
So ähnlich sieht die Entwicklung auch in ganz anderen Kulturen aus, hier Taiwan, unten Korea.

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Die Einschätzung ihrer Wirksamkeit ist allerdings etwas ambivalent. Obwohl die meisten Freiwilligen mit Begeisterung arbeiten und die Arbeit wichtig finden, gibt es auch Probleme. So die zunehmende Verrechtlichung, Bürokratisierung und Professionalisierung, die mit weiterer Monatarisierung noch mehr ansteigen wird. Hier (spezifisch in den Bereichen Soziales und Gesundes) wird vor allem der Staat als Problem gesehen, der zudem unzureichend finanziert und weitgehend konzeptlos agiert. Zudem sind sie gerade im dominierenden Bereich, der Wirtschaft, kaum in der Lage, Einfluss zu nehmen.
Die Entwicklung zu einer ernst zu nehmenden echten gesellschaftlichen dritten Kraft (nebst Politik und Wirtschaft), wird (2004) bezweifelt (s. S. 215).
[A. Zimmer; E. Priller: Gemeinnützige Organisationen im gesellschaftlichen Wandel. Ergebnisse der Dritte-Sektor-Forschung.
Bürgergesellschaft und Demokratie Bd. 7. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2004]
Zum bürgerschaftlichen Engagement gehören öffentliche Kritik und Widerspruch, d.h. Formen der Selbstorganisation, die neu, unbequem, herausfordernd und (noch) nicht anerkannt sind. Stadtbürger drängten im 18. Jahrhundert protestierend darauf, dass Gesetze und Verordnungen veröffentlicht werden, nach denen sie die Obrigkeit behandelt und besteuert. Proteste und soziale Bewegungen trugen zu den demokratischen Verfassungsreformen des 20. Jahrhunderts bei.
Die Freiheit des Bürgers besteht eben nicht nur darin, reich und wichtig zu werden, sondern auch, wenn einige zu reich werden und sich zu wichtig nehmen, zu protestieren, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Hier ist das neoliberale Modell total pervers, da es Freiheit nur für den Kampf anerkennt, die Verlierer sich aber den Siegern zu unterwerfen haben. (S. Fazit: Verteilungsgerechtigkeit)
Und präzise dies fehlt z.B. beim Staat, denn wo und wenn einmal Gesetze gegeben sind, ist eine Änderung über Proteste schwierig und langwierig. Gesetze müssen möglichst klar und anwendbar sein - die realen Gegebenheiten sind das eben nicht sondern eher verflochten, wirr, unberechenbar und zufällig. Genau darum darf Staat und Zivilgesellschaft nicht als "identisch" betrachtet werden. Der Zivilgesellschaft muss gegenüber dem Staat wie der Wirtschaft immer ihr Eigensinn belassen werden - und eben die Möglichkeit des Protestes, die Chance dagegen zu sein. Für Sokrates war das Gesetz noch heilig. Wer würde heute aber bezweifeln, dass eine ganze Menge unserer Gesetze höchst überflüssig, ja manchmal einfältig, ja manchmal sogar schädlich sind?
Besonders wichtig ist der Aspekt des Widerspruchs bei Problemen, die durch oberflächliche Massnahmen bloss unsichbar gemacht werden sollen, aber so nie gelöst werden. Hierher gehören insbesondere Arbeitslosigkeit und Armut:
Ausdrücklich zu unterstützen sind solche Ansätze, die konkrete Hilfen im Einzelfall mit der öffentlichkeitswirksamen Thematisierung struktureller Probleme verbinden – etwa ein Obdachlosenprojekt, dass einerseits Essen und Unterkunft bietet, sich aber gleichzeitig gegen städtische Politiken wendet, die solche Personen aus dem Gesichtskreis der Öffentlichkeit möglichst verschwinden lassen wollen (Aufenthaltsverbote, Privatisierung öffentlicher Räume etc.). Derartige Formen des Engagements sind am ehesten geeignet, der Gefahr zu begegnen, dass die Bereitstellung von Maßnahmen der Notfallversorgung womöglich als angemessene „Lösung“ missverstanden wird und von Fragen wie rechtlicher Benachteiligung und anderen Faktoren, auf die öffentliche Politik durchaus Einfluss nehmen kann, abgekoppelt wird. Maßnahmen wie die der „Tafel“ widersetzen sich zu Recht dem Einbau in eine vorgeprägte Hierarchie von sozialen Maßnahmen. Sie ergänzen nicht einfach den Status quo sonstiger Hilfen, sondern sind auch ein unbequemer Verweis auf unbewältigte Probleme.
Es gibt kein Gesetz, das den Staat dazu zwingt, generell etwas gegen Ungerechtigkeit zu tun - es sei denn, Interessengruppen hätten bereits spezifische Gesetze erlassen, wie z.B. gegen Rassendiskriminierung, zur Gleichstellung der Frau, etc.
Bürgerschaftliches Engagement hat auch in der Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Benachteiligung einen zentralen Stellenwert – nicht als Ersatz für materielle Unterstützung durch den Sozialstaat, sondern als ein Weg, soziale Ungerechtigkeiten zum Thema zu machen.
Bürgerschaftliches Engagement und Zivilcourage machen oft erst Ungerechtigkeiten als möglichen Gegenstand sozialstaatlicher Politik kenntlich – etwa, indem sie bestimmte Sachverhalte und Missstände skandalisieren und sich zum Anwalt nicht nur provisorischer Lösungen machen.
Und genau aus diesem Grund, der Erhaltung der Möglichkeit des Widerspruchs und Widerstands, darf die Zivilgesellschaft nicht mit dem Staat identisch sein, sondern braucht eine gewissen Unabhängigkeit:
Allerdings widerstrebt der prozessuale Charakter der Bürgergesellschaft als Lern- und Entwicklungsprozess einer langfristigen rechtlichen Normierung und stellt an eine flexible und gleichzeitig Sicherheit gewährleistende Rechtsetzung und Rechtsanwendung neue Anforderungen. [S. 58]
Die Zivilgesellschaft baut nicht auf dem Gesetz, sondern auf Beziehungsnetzen: Initiativen, Netzwerke und soziale Bewegungen sind als dauerhafte und zukunftsfähige Formen des bürgerschaftlichen Engagements anzuerkennen.
Ein zunehmendes Problem ist hier der Markt der Meinungen. Die Medien werden durch wenige grosse Verlage dominiert, denen es primär darum geht, zu wachsen, zu wirtschaften, am Markt nicht nur zu bestehen, sondern zu brillieren. Das führt aber nicht immer, na ja, meistens gar nicht, zu der Information, die eigentlich für das Mangement und die Entwicklung der Bürgergesellschaft notwendig wäre. s. Internetjournalismus: Markztzensur - Selbstzensur.
Ein wichtiger, ja zentraler Punkt der Bürgergesellschaft war und ist also immer, die Versammlungsfreiheit, die Redefreiheit, und die Freiheit, zu demonstrieren und zu protestieren. Dank des heiligsten Gesetzes, dem höchsten aller Gesetze, dem Schutz des Eigentums, arten Demonstrationen einerseits aus ... werden andererseits aber auch übermässig erschwert, ja fast lächerlich gemacht, indem Ort und Weg etc. zuerst von der Polizei bewilligt werden müssen. Noch ein bisschen mehr in die Richtung, und nur noch Demonstrationen zum Wohle von Wachstum und Globalisierung werden bewilligt.
Problematisch ist hier auch die zunehmende Privatisierung von ehemals öffentlichen Plätzen, Anlagen, Strassen. Ein Musterbeispiel liegt grad etwa 300 m von hier, Novartis Campus. Nichts prinzipiell gegen Forschung und Pharma - aber ab und zu laufen da doch echt seltsame Dinge, die ganz und gar nicht im Sinne der Bevölkerung sind, insbesondere zu Zeit Biotechnologie, Gentechnologie, Nanotechnologie, Stammzellenforschung, Klonung etc. Gerade solche Orte müssten also per Dekret einen grossen öffentlichen Platz beinhalten, auf dem sich der Protest artikulieren kann. Heute wird er ausgezäunt.
Eine wichtige Voraussetzung für das Engagement in Initiativen, Netzwerken und sozialen Bewegungen ist, dass die Privatisierung öffentlicher Räume nicht weiter voran schreitet, sondern lokale öffentliche Räume, die allgemein zugänglich und für politische Kommunikation offen sind, erhalten und ausgebaut werden.
Geeignete Maßnahmen zur Bearbeitung des Öffentlichkeitsdefizits können sowohl auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite entwickelt werden. Ein entsprechend strikt gefasstes Informations- und Akteneinsichtsrecht der Bürgerinnen und Bürger, mit dem bereits in einigen Bundesländern erste Erfahrungen gesammelt worden sind, kann diesen Prozess entscheidend unterstützen.
Medien und eine funktionierende Öffentlichkeit sind für eine lebendige Bürgergesellschaft unverzichtbar. Vor allem im Bereich der Informations- und Beteiligungsrechte gilt es, politische Entscheidungsprozesse offen und transparent zu gestalten und die Chancen der neuen Kommunikationstechnologien zu nutzen. Alle Formen der politischen Partizipation und auch das themenanwaltschaftliche Engagement leben vom Zugang zur Öffentlichkeit.
Die zigtausend Gruppen und Grüppchen müssen die Möglichkeit haben, ihre Anliegen in Politik und Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen. Dies gilt heute insbesondere für Arbeitsloseninitiativen – die auf nationaler Ebene nicht oder nur schwach repräsentiert sind, oder sich gleich selbst verulken (s. Liste 13/Planet 13).
Hier böte die neue Informations- und Kommunikationstechnologie einige Chancen, die aber immer noch von den wenigsten auch nur halbwegs professionell genutzt werden:
Dazu kommen allerdings noch die "normalen" Probleme der menschlichen Kommunikation, nämlich dass die meisten Menschen, nicht wie sich das Habermas für seinen deliberativen Diskurs ideal so vorstellt, mit Argumenten und Toleranz angehen, sondern zuerst mal mit dem Interesse, sich selbst zu präsentieren, dann mit vorgefassten Ideologien und dem Willen recht zu behalten, was sowieso nicht schwer fällt, wenn man den andern schon gar nicht zuhört. (s. Kommunikationsprobleme bei Foren )Zudem gibt es bei partizipatorischen Prozessen eine Reihe von immer wieder auftretenden Problemen:
Hier noch ein paar Beispiele aus eigener Erfahrung, was da so vorkommt in der Natur:
Im selben Prokrustesbett landen zur Zeit allerdings immer mehr soziale Organisationen über das Modell ppp oder pspp. Sie vergessen ob der Begeisterung des Bezahlt-Werdens, das jeder der seine Dienste verkauft, dann eben verkauft ist, ein gekaufter Untertan.
Neuere US-amerikanische Forschungsansätze (vgl. Putnam 1993, 2000) verstehen auch dieses Kooperationsproblem letztlich als ein Kommunikationsproblem: Den Bürgern fehlen Informationen bezüglich der Vertrauenswürdigkeit und Berechenbarkeit möglicher Partner.
Gelungene Beispiele für den Einsatz professioneller Moderation sind kommunale Energie-, Umwelt-, Agenda und Familien-Tische, die von professionellen Instituten seit einigen Jahren bundesweit durchgeführt werden. Ebenso Bürgerbüros, Stadthäuser, Stadtteilkonferenzen.
Bürgergesellschaftliche Organisationen erfüllen folgende Funktionen:
Generell: Verbesserung der Beratung, Schulung, Information, Vernetzung, Absicherung, Anerkennung ...
Damit sie ihrer Aufgabe gerecht werden können, ist unabdinglich, dass sie im innern eben so offen, partizipativ und demokratisch funktionieren, wie sie das umgekehrt von Gesellschaft und Staat verlangen (und hier hapert es leider sehr oft ...)
Für die Organisationen der Bürgergesellschaft regt die Enquete-Kommission an, dass Vereine und Verbände (siehe Kapitel B1.I.4.1.), Stiftungen (B1.I.4.2.), Kirchen (B1.I.1.3.), Gewerkschaften (B2.5.) sowie Körperschaften und Anstalten des öffentlichen Rechts ihre zivilgesellschaftliche Rolle stärker wahrnehmen. Einrichtungen des Gesundheitswesens (B3.2.1.) und der Freien Wohlfahrtspflege (B3.3.) ebenso wie Kirchen und Gewerkschaften sollten das Engagement im Kernbereich ihrer Institution stärken. Bürgerschaftliches Engagement sollte ein systematischer Bestandteil der Organisationsentwicklung werden. Bei der Modernisierung von Organisationsstrukturen und insgesamt bei der Organisationsentwicklung sind vermehrt Möglichkeiten der Partizipation zu schaffen (B3.4.) und kooperative Organisations- und Führungsstrukturen zu etablieren.
Erwerbsarbeit allein führt nicht zu einer gelungenen sozialen Integration. Vielmehr gehört dazu auch, dass Menschen inner- und außerhalb der Erwerbsarbeit, insbesondere in den Familien, mit Freunden, in der Nachbarschaft und in ihrer Region, einen sozialen Zusammenhalt finden. Die Fähigkeit einer Gesellschaft, den sozialen Zusammenhalt (von Institutionen und Menschen) zu bewirken, wird – allgemein formuliert – als soziales Kapital bezeichnet. Damit sind unterschiedliche Institutionen gemeint: Familien, Betriebe, Gewerkschaften, Behörden, Vereine, Schulen ebenso wie Normen, Werte, (formelle und informelle) Regeln und Verhaltensmuster, die in einer Gesellschaft verbindlich sind. Kooperatives, gemeinschaftsbezogenes und solidarisches Verhalten gehören auch dazu.
Bürgerschaftliches Engagement schafft soziales Kapital. Das soziale Kapital wirkt wie Bildungskapital.
Dem sozialen Kapital werden unterschiedliche Funktionen zugeschrieben:

Böhle (2001: 35) differenziert auf der Basis vorliegender quantitativer Motivstudien fünf übergreifende Motivgruppen, die Personen veranlassen können, ein bürgerschaftliches Engagement auszuüben bzw. die sie von einer solchen Tätigkeit erwarten:
Folgende Liste ist etwas anders organisiert, enthält aber im Prinzip die selben Motive:
Altruistische Motive:
Instrumentelle Motive:
Moralisch-obligatorische Motive
Gestaltungsorientierte Motive:
Die Anderung der Motive im Laufe der Zeit:
In Deutschland waren die Stadt und das Stadtbürgertum bis ins 20. Jahrhundert der Ort des bürgerschaftlichen Engagements; denn die Stadt wurde zum Leitmodell der gesamtgesellschaftlichen Ordnung.
Wenngleich der Anteil der Bürger an der Bevölkerung im 19. Jahrhundert nur zwischen 5 und 10 % lag, wenngleich Besitz und Bildung – neben dem männlichen Geschlecht – als qualifizierende Merkmale den Zugang zum Bürgerstatus stark einschränkten, so war Bürgerschaft doch das Modell der Zukunft.
Altruismus und Pflicht waren Motive des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seither haben sich die Motive massiv verändert, was bei der Organisiation der Zivilgesellschaft berücksichtigt werden muss:
Im Zuge dieser Veränderungen treten altruistische Begründungen und Orientierungen einer Dienst- und Pflichterfüllung in den Hintergrund, während das Engagement zunehmend mit Erwartungen einer Bereicherung der eigenen Lebenserfahrung, einer Erweiterung der individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen sowie dem Wunsch einer Mitgestaltung des persönlichen Lebensumfeldes verbunden wird. Die Mitgestaltungsmotive erschöpfen sich aber nicht im eigenen Lebensumfeld. Soziale Bewegungen, politisches Engagement und internationale zivilgesellschaftliche Organisationen zeugen von umfassenderen Gestaltungsansprüchen.
Grundlagen des Engagements:
Die Engagierten gehen stärker selbst gewählte Verpflichtungen ein.
Ein Engagement kommt nur dann zustande, wenn es zu der jeweiligen biografischen Situation ‘passt’ und wenn sich die biografischen Präferenzen mit den Anforderungen an das Engagement vereinbaren lassen. [S. 54]
Für Umweltschutzgruppen arbeitet Ulrike Schumacher (2001) fünf Typen der Vereinbarung von Erwerbsarbeit und Engagement heraus.
Entgegen der These, Selbstentfaltungswerte führten zu Egoismus und gesellschaftlicher Bindungslosigkeit, lässt sich aus dem Wunsch, gemeinsam mit anderen etwas für andere und für sich selbst zu tun, bürgerschaftliches Engagement zwanglos motivieren – sicherlich ein Grund für die anhaltend hohe Engagementbereitschaft.
Bürgerschaftliches Engagement ist Ausdruck eines spezifischen Lebensstils, der sich durch eine hohe Leistungsbereitschaft, ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl und ein starkes Interesse an Mitsprache und Mitgestaltung auszeichnet. So sind die Engagierten nicht selten beruflich und auch in ihrem Engagement in leitenden Positionen tätig.
Mit Blick auf die Zukunft des Engagements geht es daher um mehr als um Fragen angemessener Organisationstechniken, die die an einem Engagement interessierten Einzelnen bei ihren Motiven und Bedürfnissen „abholen“. Es geht ebenso um die Schaffung institutioneller Rahmenbedingungen, die Engagement nicht nur gewinnen, sondern auch unterstützen, und um eine politische Kultur, in der bürgerschaftliches Engagement als selbstverständlicher Aspekt und Ausdruck der Zugehörigkeit zum politischen Gemeinwesen gilt.
Dabei geht es sowohl um den Neuerwerb von Fähigkeiten und eine mit dem Engagement verbundene Qualifizierung als auch um die Verwirklichung zentraler biografischer Pläne und Zielsetzungen. So kann das Engagement für beruflich qualifizierte Mitarbeiterinnen in der Sozialen Arbeit die berufliche Orientierung aufrechterhalten, obwohl sie die Erwerbstätigkeit in der Familienphase unterbrechen (vgl. Wessels 1994). Die Frauen erhalten sich mit dem Engagement Kontakte zu ihrem Berufsfeld, bringen ihre erworbenen Qualifikationen ein, erwerben neues Wissen und stellen – vermittelt über das Engagement – eine berufsbiografische Kontinuität her, die den späteren Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern kann. Die andere Variante dieser Motivstruktur besteht darin, dass mit dem Engagement ein „biografisches Thema“ verfolgt und umgesetzt wird (vgl. Jakob 2002a). Dies kann die Aufnahme einer Bildungslaufbahn, die Ausübung eines geliebten Hobbys oder die Erfahrung mit einem fremden Land und seiner Kultur sein.
> Allerdings ist mit diesem Selbstbezug oder Individualismus schwerpunktmäßig nicht die Durchsetzung auf Kosten anderer oder in Konkurrenz mit anderen gemeint, sondern die Fähigkeit zur Artikulation und Realisierung eigener Vorstellungen und Lebenspläne durch starke und relativ unabhängig handelnde Persönlichkeiten.
Das Fazit für Freiwilligenorganisationen im Dienste einer Idee wie im Dienste der Gesellschaft (ähnlich gilt das natürlich auch für Organisationen im Dienste von (Staat, Wirtschaft und Natur) heisst also:
Zum anderen geht es darum, den Eigensinn bürgerschaftlichen Engagements in produktiver Weise mit vorhandenen gesellschaftlichen Aufgaben und Herausforderungen zu verbinden, die auf die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung und auf das Engagement aktiver Bürgerinnen und Bürger angewiesen sind.
Zur Produktivität bürgerschaftlichen Engagements gehört auch die Fähigkeit, durch Widerspruch und Protest auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen.
Die primären Problembereiche sind:
Diese Entwicklung hatte – neben allen Vorteilen – auch unerwünschte Nebenwirkungen:
Dies kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass die Verantwortlichen vor Ort Ehrenamtliche zunehmend auf diejenigen Leistungsbereiche verweisen, die für den Bestand des Verbandes keine große funktionale Bedeutung besitzen bzw. nicht abrechenbar sind, wie z.B. Besuchsdienste im Krankenhaus oder zusätzliche Leistungen bei ambulant versorgten Pflegebedürftigen.
In dem die Freiwilligen auf relativ unbedeutende Arbeiten beschränkt werden, nimmt man der Freiwilligkeit einen grossen Teil ihrer Attraktivität und ihres Gehalts (also Inhalts, Sinngehalts, denn Geld gibt's ja eh keines).
Inhalte von Qualifizierungsangeboten:
Die Vielfalt bürgerschaftlichen Engagements spiegelt sich auch in den Themen von Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen wider. Die Inhalte von Qualifikationsangeboten lassen sich nach folgenden Bereichen zusammenfassen:
Zwischen bürgerschaftlichem Engagement und sozialem Lernen besteht eine enge Wechselwirkung. Qualifizierung als zentraler Baustein einer umfassenden Anerkennungskultur knüpft an das Bedürfnis der Engagierten nach Selbstentfaltung, Persönlichkeitsentwicklung und Mitgestaltung an. Soziales Lernen lässt sich darüber hinaus als Erwerb sozialer Kenntnisse, Einstellungen und Verhaltensweisen durch die Lernenden selbst verstehen.
Soziales Lernen findet hier vor allem statt als Qualifizierung durch Tätigsein: Bürgerschaftliches Engagement ist ein Lernfeld. In diesem Sinne ist Qualifikation nicht als organisierte Fort- bzw. Weiterbildung gemeint, sondern vielmehr als „Effekt“ bürgerschaftlichen Engagements.
Für die eher formelle Qualifizierung der bürgerschaftlich Engagierten bieten sich folgende Formen an:
Missverstanden und wenig geschätzt, da es "die Durchsetzung", die Leitung, die klaren Strukturen immer wieder stört, ist die „civic education“, deren Ziel die Entwicklung bzw. Herausbildung von Bereitschaften und Fähigkeiten zur Mitbestimmung bei und Mitgestaltung von allgemeinen gesellschaftlichen und sozialen Belangen wäre. Ohne diese ist der Bürger aber kein freier, kein Souverän - sondern immer wieder Untertan.
Wenn Sie also als Freiwillige(r) in einem Verein landen, in dem die sog. "Kader" eh alles besser wissen, wenn Sie bei der Abklärung eines ev. neuen Engagements für sich, Sprüche hören wie: Hören Sie erst mal ein paar Jahre zu, machen Sie mit, bevor Sie alles ändern wollen. Die Sache ist ja soooo kompliziert. Die Leute sind schon sooo lange dabei und verstehen sooo viel. Empfehlung: Umkehren auf dem Absatz und so rasch wie möglich weg. Alles andere ist Zeitverschwendung.
5.2.2 Oekonomisierung - Instrumentalisierung ("verordnete Freiwilligkeit") - NPM
Die Entwicklung und der schrittweise Ausbau des Systems sozialer Leistungen ist verbunden mit einer zunehmenden – für bürgerschaftliches Engagement folgenreichen – Professionalisierung und Ökonomisierung der Leistungserbringung. Mit dem Wachstum des Sozialsektors in den letzten 30 Jahren hat sich ein expandierender Arbeitsmarkt für soziale Berufe herausgebildet. Der Professionalisierungsprozess sozialer Arbeit ging einher mit einer tendenziellen Abwertung und Marginalisierung sozialen Engagements (vgl. Jakob 2002c: 119). Das hat dazu geführt, dass bürgerschaftliches Engagement in sozialen Einrichtungen und Diensten immer weiter zurückgedrängt wurde und soziale Leistungen mittlerweile überwiegend von hauptberuflich tätigen Fachkräften erbracht werden.
Dieser Prozess wurde gerade bei "halbstaatlichen" Organisationen, inbesondere Dienstleistern für den Staat durch das New Public Management NPM extrem beschleunigt. Dazu wurde der Bürger vom Souverän oder Mitgestalter zum Kunden und Konsumenten.
Das Neue Steuerungsmodell ist durch drei eng miteinander verbundene Elemente gekennzeichnet:
Wir haben bereits hier ein Problemchen, das allen politisch Denkenden längst hätte aufstossen müssen: Der Output steuert die Verwaltung, also die Produktion bestimmt, was eigentlich nichts anderes heisst, als dass hier der Schwanz mit dem Hund wedelt. Dazu kommt verstärkend, und nach meiner Ansicht verschlimmernd, eine totale, ja totalitäre Monetarisierung sämtlicher Lebensbereiche:
In Abkehr von der klassischen bürokratischen Steuerung, die insbesondere auf festgelegte Regeln, Verfahren und Anweisungen (regulative und hierarchische Steuerung) Wert legte, setzt das Neue Steuerungsmodell auf finanzielle und informationelle Anreize und Belohnungen einerseits, auf die strukturelle Veränderung von Entscheidungsstrukturen und -prozessen andererseits.
Unter dem Leitkonzept des „schlanken Staates“ wurde zu Beginn der 1990er Jahre im öffentlichen Sektor mit der Entwicklung und Erprobung von Modellen einer – zunächst kommunalen – Verwaltungsreform begonnen (vgl. Naschhold/Bogumil 2000). Angeleitet durch die Philosophie des New Public Management wurden betriebswirtschaftliches Denken in den Bereich der öffentlichen Verwaltung übertragen und marktähnliche Strukturen auch innerhalb des professionell-bürokratischen Leistungssystems verankert. Diese zielten darauf ab, durch den Einbau marktförmiger Elemente und neuer Anreizstrukturen in das öffentliche Versorgungssystem Effizienz- und Qualitätsgewinne zu ermöglichen. Vor dem Hintergrund eines Aufgabenwandels des Staates sind seitdem Bestrebungen zu beobachten, im Bereich sozialer Dienste und Leistungen so genannte Quasi-Märkte einzuführen, bei denen der Staat soziale Leistungen nicht mehr selbst erbringt, sondern bei privaten (gemeinnützigen wie gewinnorientierten) Anbietern einkauft, die miteinander um die Erteilung staatlicher Aufträge konkurrieren.
Aber gerade die hohe symbolische Bedeutung der Kundenmetapher zeigt, dass es hierbei – neben der durchaus auch proklamierten Kostensenkung – vor allem auf eine bessere Versorgung und Bedürfnisbefriedigung des Bürgers als Kunden, keineswegs aber um eine Stärkung seiner Rolle als Mitproduzent und Gestalter der Leistungen geht. Darüber hinaus verdrängen betriebswirtschaftlich orientierte Managementund Professionskonzepte die letzten Reste bürgerschaftlichen Engagements endgültig an die Ränder und in die Nischen des sozialpolitischen Institutionensystems. Während in den Kernbereichen der sozialen Versorgung im betriebswirtschaftlichen Sinne immer perfektere Produktions- und Steuerungssysteme etabliert werden, werden bürgerschaftliche Initiative und Eigenverantwortung allenfalls noch dort geschätzt und in Anspruch genommen, wo es um wirtschaftlich unrentable Nischenprodukte, um schwache Interessen oder um Versorgungslücken geht, in die weder staatlich-bürokratische noch marktliche Versorgungssysteme hineinreichen.
Die Folge davon ist, dass NGOs zu Diensteistern des Staates werden, also zu Produzenten, die von bloss einem Kunden abhängig sind. Man nennt dies Scheinselbständigkeit: ... ohnehin der Löwenanteil der Spitzenverbandsarbeit mit ca. 86 % in Form leistungsbezogener Entgelte erzielt; lediglich zu 6 % finanziere sich die Arbeit der Spitzenverbände aus staatlichen Subventionen und nur der marginale „Rest“ komme aus dem gesellschaftlichen Bereich.
Die Bürgerorganisationen, insbesondere die darin engagierten Freiwilligen, dürfen dann noch ein bisschen am Rande mitspielen, damit sie sich doch auch wichtig fühlen (und vor allem die Mitgliederbeiträge schön brav weiter zahlen. Die Mehrheit der sog. Mitglieder solcher Organisationen sind eh bloss Zahlmitglieder.) Je mehr aber der/die Freiwillige als Notnagel missbraucht wird, desto problematischer wird es sein, ein ehrliches Engagement fordern zu wollen.
Die Gefahr, dass soziale Hilfen und Konzepte, die besonders von Engagement geprägt sind, in Randbereiche verbannt werden, wo Staat, Markt und Professionalität keine Antwort wissen, lädt insbesondere den Wohlfahrtsverbänden eine besondere Verantwortung auf: Wie wollen sie rechtfertigen, dass sie zwei Kulturen des Sozialen verwalten? Quer über ideologische Fronten hinweg wird heute thematisiert, dass unter dem Dach der großen Wohlfahrtsverbände, die den Sozialstaat Bundesrepublik Deutschland maßgeblich prägen, zwei ganz verschiedene Kulturen und Konzepte des Sozialen koexistieren:
- große Versorgungseinrichtungen wie Hospitäler, Alten- und Pflegeheime, Anstalten u.Ä., die mit ihren Verfahren und Formen des Managements oft von staatlichen Angeboten bzw. auch von den Angeboten kommerzieller Wettbewerber kaum mehr zu unterscheiden sind;
- kleinteilige, weniger fest organisierte Angebote wie im Bereich der Familienhilfe, der Arbeit mit so genannten Problemgruppen u.Ä., die, gestützt auf ein hohes Maß an Engagement, so weder „marktfähig“ noch einfach als sozialstaatliche Regelleistung organisierbar
wären.Die Instrumentalisierung der Engagierten für (partei-)politische oder ökonomische Zwecke würde mit der Zerstörung des Grundansatzes der Selbstermächtigung und Selbstorganisation auch den gesellschaftlichen Nutzen bürgerschaftlichen Engagements nachhaltig beeinträchtigen und womöglich ganz zerstören.
Ein echtes Bürgerschaftliches Engagement mit dem Ziel der Beteiligung an der gemeinsamen Entwicklung der Gesellschaft wird auch durch die zunehmende Komplexität, Bürokratisierung und Internationalisierung erschwert:
Wir kommen hier gleich zum nächsten Kapitel, der auch hier in der Freiwilligenarbeit vorhandenen Diskriminierung (Unterscheidung) zwischen Männern und Frauen, wie auch hier der Abhängigkeit des Südens vom Norden:Eine ausufernde „Politikverflechtung“ und bürokratische „Mehrebenenpolitik“ machen es für die engagierten Bürgerinnen und Bürger nicht nur schwer, in diesem Gewirr Zuständige und Verantwortliche zu identifizieren, sondern auch Wege der legitimen Einflussnahme zu entdecken. Dieses bürokratische Dilemma wird durch die dominierenden Formen einer ständig an Bedeutung gewinnenden transnationalen Politik noch gesteigert.
Die Berücksichtigung von Fraueninteressen bei Weltbankprogrammen (Mikrokredite, Grundversorgung) blieb nicht zuletzt deshalb begrenzt, weil die dominierende US-Frauenbewegung für solche Themen kein mobilisierungsfähiges Interesse zeigt. Auch im Kampf um die Erhaltung der Artenvielfalt sprechen Nord- und Süd-NGOs eine unterschiedliche Sprache. Transnationale NGOs sind, so kritische Beobachter, weitgehend ein „Projekt“ des Nordens.
„Bürgerrechte, soziale Bürgerrechte sind auf männliche Erwerbsbiographien zugeschnitten und diskriminieren weibliche Lebenszusammenhänge“
Es gibt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede beim bürgerschaftlichen Engagement von Frauen und Männern: Männer sind in der Bundesrepublik Deutschland stärker freiwillig engagiert als Frauen. Laut Freiwilligensurvey von 1999 beträgt die Engagementquote bei Männern 38 %, während sie bei Frauen bei 30 % liegt (Zierau 2000: 32). Dieser signifikante Unterschied wird mit der Verteilung verschiedener Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern in Verbindung gebracht. Während die Frauenerwerbstätigkeit in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung in der privaten Sphäre weitgehend unverändert geblieben.
Wie bereits unter Definition und Abgrenzungen: Eigenarbeit - Freiwilligenarbeit - gemeinnützige Arbeit - Fron gezeigt, liegt dies vor allem daran, dass Frauen meist in informeller Freiwilligenarbeit (Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung für andere, Pflege von Verwandten und Bekannten, etc.) tätig sind, die statistisch noch schlechter zu erfassen ist, als die Formelle, die über Institutionen verfügt. Die vermeintlich geringere Beteiligung der Frauen an freiwilliger Arbeit ruht also, präzise beobachtet, ganz einfach daran, dass die Statistik Sch... ist. Genau das Selbe zeigt sich im Vergleich mit südlichen Ländern oder gar Ländern der 3. Welt. Da dürfte die freiwillige formelle Beteiligung zu aller Art Befürchtungen, Deklamationen und ev. gar Projekten betr. fehlenden Sozialkapitals führen, während dem die informellen Beziehungen, die Nachbarschaftshilfe, die Hilfe im Dorf immer noch unendlich viel stärker ist als bei uns, denn ohne dies könnte keines dieser Länder Arbeitslosenraten von 20, 30 oder noch mehr % aushalten:
Eine Differenzierung der Engagementbereiche nach Geschlechtern lässt weitere Unterschiede sichtbar werden. Die Bereiche Gesundheit, Schule/Kindergarten, Soziales sowie Kirche/Religion sind von Frauen dominiert: Hier liegt der Frauenanteil an den Engagierten bei zwei Dritteln (vgl. Zierau 2000: 34ff.). Im Umwelt-/Natur-/Tierschutz und in der Justiz sind beide Geschlechter gleich stark vertreten, in den anderen Feldern sind Frauen unterrepräsentiert. Bei rund 40 % liegt ihr Anteil in den Bereichen Freizeit/Geselligkeit und Kultur/Musik; im Sport bei einem Drittel.
Besonders gering fällt der Frauenanteil in den Bereichen Rettungsdienste/ freiwillige Feuerwehr und Politik/politische Interessenvertretung aus. Bürgerschaftliches Engagement und gesellschaftliche Aktivitäten von Frauen sind dadurch in der Öffentlichkeit weniger sichtbar. Wenn es um Macht und Einflussnahme, um die Gestaltung und Veränderung von Strukturen in Organisationen geht, sind Frauen weniger beteiligt als Männer.
Die Vereinbarkeit von Familie, Erwerbsarbeit und bürgerschaftlichem Engagement stößt heute auf vielfältige gesellschaftliche Hindernisse:
> Probleme des Engagements von benachteiligten sozialen Schichten, z.B. Arbeitslosen und Sozialfällen, s. Arbeit für Markt, Staat oder Gesellschaft: 1., 2. und 3. Arbeitsmarkt.
NGOs und Organisationen mit Freiwilligencharakter sind oft sehr schlechte "Arbeitgeber". Gerade weil ihr Hauptziel nicht geldorientiert ist (Non Profit), drücken sie auch bei jenen, die im Auftragsverhältnis angestellt sind, extrem auf die Löhne und Bedingungen, "zum Wohle der Allgemeinheit". Sie machen die Selbstausbeutung des kleinen Selbständigen zur Pflicht des freiwillig Engagierten - oder für gemeinnützige Organisationen arbeitenden - unabhängig von seiner eigenen Situation. Dementsprechend ist auch oft das Gerangel um bezahlte Jobs und Aufgaben extrem - und führt genau wie bei "normalen" Betrieben, eher noch mehr, zu Mobbing, Unterdrückung, Hickhack, Cliquenbildungen etc. .
Mit dem Begriff der Anerkennungskultur verbindet sich die Gesamtheit und die angemessene Mischung unterschiedlicher Formen der Anerkennung – ein Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Anerkennungskultur umfasst traditionelle und neuere Formen der Würdigung, Wertschätzung und Auszeichung, Möglichkeiten der Partizipation in Organisationen, Einrichtungen und Diensten, die Bereitstellung sachlicher, personeller und finanzieller Ressourcen sowie Angebote der Fortbildung und Qualifizierung.
Handlungsempfehlungen betr. Öffentlichkeitsarbeit:
Zu den immateriellen Anerkennungsformen zählen u.a.:
Gemeinwohlbezogenes Engagement – ob im Freizeit-, Kultur-, Sport- oder im politisch-sozialen Bereich – braucht auch Formen öffentlicher Förderung, die indirekt wirken: Angebote zur Weiterbildung, Einrichtungen wie Agenturen zur Erschließung des lokalen Milieus und eventuell auch zur Vermittlung von „Nachfrage“ und „Angebot“ an engagementbereiten Personen in Form von Freiwilligenagenturen, Seniorenbüros Seniorenbüros, Selbsthilfekontaktstellen u.Ä.
Der Staat muss vom Kontrolleur und Normverwalter zum <Ermöglicher> werden:
Eingebettet ist die erweiterte Fassung der Verwaltungsmodernisierung in einer neuen Staatsauffassung: Der ermöglichende Staat eröffnet den Bürgerinnen und Bürgern mehr Partizipationsmöglichkeiten und fördert zivilgesellschaftliche Organisationen bei ihrem bürgerschaftlichen Engagement. Darüber hinaus unterstützt der ermöglichende Staat gezielt diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die auf Grund fehlender Ressourcen nicht ohne weiteres in der Lage sind, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und an Problemlösungen mitzuwirken (vgl. dazu Bandemer/ Hilbert 2001). Der Inhalt von Leistungen wird somit nicht primär durch den Staat und seine Verwaltung definiert, sondern zuallererst von den Bürgerinnen und Bürgern selbst. „Empowerment“ lautet in diesem Zusammenhang das Stichwort.
Auf dem Weg dorthin ist jedoch eine grundlegende Änderung der Verwaltungskultur notwendig. Das klassische (Zerr-) Bild von Verwaltung mit den Merkmalen Traditionsorientierung („Das haben wir immer schon so gemacht“), Innovationsfeindlichkeit („Das haben wir noch nie so gemacht“) und Angst vor Engagement und Überbeanspruchung („Da könnte ja jeder kommen“) steht einer bürgerorientierten Verwaltung nur im Wege. Ihr Kennzeichen muss vielmehr sein, dass sie mehr Transparenz schafft, indem sie Verwaltungsabläufe nachvollziehbar gestaltet. Bürgerorientierte Verwaltung zeichnet sich aber auch dadurch aus, dass die Mitarbeiter mit den selbstbewussteren, engagierten Bürgerinnen und Bürgern in einer kooperativen Form umzugehen lernen.
Zwei Detailprobleme, die damit auch verschwinden sollten: Folgenlosigkeit ist der Tod jeder Bürgerbeteiligung. Bürgerinnen und Bürger werden sich auf Dauer nicht engagieren, wenn ihre Vorschläge und Anliegen nicht umgesetzt werden.
Mit Blick auf die USA hat Robert Wuthnow festgestellt, dass ein Rückgang des sozialen Kapitals vor allem bei marginalisierten Gruppen stattgefunden hat, wo in den letzten Jahrzehnten nicht nur die Lebensbedingungen immer schwieriger wurden, sondern auch die subjektive Gewissheit schwand, durch Beteiligung etwas bewirken zu können.
Na ja, betr. des zweiteren Problems war Detail... doch ein bisschen ein Euphemismus. Wenn Menschen nicht mehr glauben, etwas bewirken zu können, so werden sie zu Nihilisten - oder hängen sich an "starke" Führer. Beides führt ins Desaster.
Zusammenfassung:
Freiwilligenarbeit, präziser bürgerschaftliches Engangement, muss unbedingt engagementfreundlich gestaltet werden, also nicht als kleine Kopie der grossen Bürokratie, und, ein übersehenes Problem, übersichtlich. Die Zivilgesellschaft ist den meisten Bürgern schon nicht mal als Begriff ein Begriff, noch weniger, wenn sie danach gefragt würden, wie denn das Ding strukturiert sei oder gar funktioniere. Dafür kann man allerdings den Bürger nicht kritisieren, denn den meisten Professoren und Gelehrten ginge es genau so. Man hat sich darum einfach noch kaum gekümmert. Die Vertreter der Gesellschaft waren die Politiker. Punkt. Gott sei Dank ist dem aber nicht so. Genau drum aber ist die Bürgergesellschaft vermutlich so undeutlich zu sehen, denn sie würde zu einigen Korrekturen führen in der sog. "grossen Politik". Hierin liegt ihr Problem - und ihre Chancen. Zuerst mal muss sie sich aber einigermassen organisieren, also Strukturen und Funktionen ermitteln, klären, publizieren, anbieten, korrigieren, ausbauen.
Bürgergesellschaft hurrah ... aber was ist mit dem Rest der Welt? Wir geraten nun in ein ziemlich prächtiges Problem, also eigentlich das Problem der Schweiz: Klein, eigentlich unbedeutend, aber ab und zu eine extrem grosse Klappe. Schreit dauernd nach Anpassung - ist selbst aber total unangepasst (EU, Bankgeheimnis, ...). Sie gerät zusehends in ein ähnliches, allerdings doch schwerwiegenderes Problem wie anlässlich des Überfalles von Kuwait durch die Irakis. Die ganze Welt verurteilte Saddams Übergriff - mit Ausnahme von Jemen, Kuba ... und der Schweiz, der es dann in der Gesellschaft doch etwas mulmig wurde, trotz Neutralität. Also auch hehre Ideale (wozu ich das Bankgeheimnis nicht zähle) können einem plötzlich so ziemlich um die Ohren fliegen.
Aber auch die Länder der EU merken, dass einiges nicht so ideal läuft, wie gedacht, dass immer mehr Entwicklungen von irgendwoher, von irgend welchen Bürokraten gesteuert werden - aber nicht mehr durch den Bürger: War es früher vor allem die Agrarpolitik, so sind es heute die Bereiche der Wettbewerbs-, Sozial-, Verbraucher-, Währungs-, und Wirtschaftspolitik, die in zunehmendem Maße durch europäische Regulierung beeinflusst werden. Die fehlende Bürgernähe der europäischen Institutionen drückt sich seit geraumer Zeit bereits in niedrigen Zustimmungsraten (siehe Eurobarometer), Klagen über Bürokratie und in niedrigen Wahlbeteiligungen aus.
Aus der Perspektive wäre die Lage eigentlich gut für die Schweiz, sich einzubringen bevor es anders nicht mehr geht, denn die EU braucht so ein Stacheltier, dass bisher recht erfolgreich gezeigt hat, dass unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Religionen, Denkweisen zusammen können ... so sie denn wollen. (Gaddafi soll erst mal seinen eigenen Saustall ausmisten).
Zu einer demokratisch organisierten Bürgergesellschaft gehörte auch eine Wirtschaftsform, in der nicht das Geld über die Menschen verfügt, sondern eben umgekehrt, also eine demokratische Wirtschaft (economic democracy).
Das ist aber eine Sache für sich, die zu einem weitern Artikel ähnlichen Ausmasses führen dürfte. Eine erste Version wird am Wissenscafe Ende August oder Anfang September 09 präsentiert werden.
Neuere Konzepte einer Politik mit weniger Parteien und mehr Bürgerforen ist ebenfalls bereits vorgesehen.
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 18.7.09