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| Eine richtige Theorie ist das Praktischste was es gibt. Kurt Lewin |
- Wissenschaften behaupten von sich, sie seien wertfrei, objektiv, sie werten den untersuchten Gegenstand nicht und sie begründen keine Werte. -
Aber sie werten doch, denn eine der härtesten Kritiken an einem Projekt oder Argument ist heutzutage immer noch: Das ist nicht wissenschaftlich! Was also würde es bedeuten, ein Argument wissenschaftlich zu begründen? Was begründet den Wert des Arguments "wissenschaftlich"?
Definition Wissen:
Trivial: Allgemein verfügbare Orientierungen im Rahmen alltäglicher Handlungs- und Sachzusammenhänge.
Im philosophisch-wissenschaftlichen Bereich: Wissen ist überprüftes Wissen, im Gegensatz zu Meinung und Glauben.
Lange Zeit wurden die Begriffe Wissen und Wissenschaft synonym verwendet. Solange die Philosophie die oberste Wissenschaft und der Inbegriff menschlichen Wissens war, stand auch der Begriff Philosophie für Wissen. Heute möchte man Philosophie eher mit Denken synonym setzen, also dem Prozess der zu Wissen führt (ausser bei den Wissenschaften natürlich, wo es die Methode ist). Wissen erfordert eine unablässige Anstrengung, einerseits. Wissen ist Macht, heisst es andererseits. Für diejenigen die zweiteres vorziehen, ist ersteres natürlich lästig, also wurde Wissen historisch immer wieder betoniert, als festes Buch- und Schul-Wissen ausgegeben (Scholastik, doctrina, disciplina). Die Postmoderne, die dieser Expertokratie ein Ende setzen wollte, hat damit leider auch generell das Wissen etwas diffus gemacht.
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Phantasie ist wichtiger als Vernunft, Albert Einstein |
Definition Wissenschaft (scientia):
Wissenschaften sind Systeme von Aussagen, Theorien, Fakten, Methoden und Experimenten - eine Begründungspraxis mit meist festgelegter Methode zur Entwicklung überprüfbarer rationaler Argumente.
Die Methode bildet seit dem 14/15. Jahrhundert Grundlage der Disziplinen (lat. disciplina: Schule, schulische Zucht). An und für sich ist Methode nicht das Böse per se. Auf griechisch bedeutet methodos: Der Weg des Nachgehens. Denken soll also überprüfbar, nachvollziehbar, sein. Das Unglück daran ist, dass die meisten Menschen gerne Wege benutzen, die bereits da sind, also das Selbe denken und tun, was andere vor ihnen gedacht und getan haben. Je länger etwas fraglos gedacht und getan wurde, desto verschulter wird das Wissen und desto schwieriger wird kritisches Hinterfragen.
Da Verschulung das Denken behindert, wurde diese Definition von Wissenschaftlichkeit, die auf der Verwendung einer bestimmten Methode beruht, von Feyerabend kritisiert - dem Propheten der postmodernen Wissenschaftstheorie. Allerdings entspricht das von ihm geforderte offene Denken eigentlich einer (allerdings, auf Grund ihrer Zersplitterung und Praxisferne, dringend notwendigen) Rückführung der Wissenschaften in die Philosophie. Dass man isolierte Teile einer Hypothesen nicht empirisch überprüfen kann, sondern nur in ihrer Einbindung in die Gesamttheorie, sagt bereits die Duhem-Quine-These. Da aber komplexe Theorien meist keine verlässlichen Voraussagen mehr produzieren, stehen wir vor dem grässlichen Erkenntnis der Postmoderne: Wir können die Zukunft weder bestimmen noch wissen! Da aber die ganze Antike, das Mittelalter und die Moderne ebenfalls mit dieser Vorgabe leben mussten, geht die Welt vermutlich auch heute nicht an dieser Erkenntnis unter.
So wie sich erst die Fachwissenschaften vom umfassenden, also Ganzheitlichen, Denken der Philosophie abgespalten haben, zerfiel das Fachwissen in den letzten 150 Jahren in unendlich viele Teilbereich, die noch heute unter den 3 methodischen Hauptrichtungen zusammengefasst werden als:
Naturwissenschaften: Untersucht Kausalitäten, Ursache-Wirkungsgesetze, also Naturgesetze
Sozialwissenschaften (Gesellschaftswissenschaften): Theoretische und praktische Untersuchungen zu Mensch und Gesellschaft: Psychologie, Soziologie, Politologie, Sozial- und Kulturanthropologie, Ethnologie, Wirtschaftswissenschaften. Untersuchen mit qualitativen wie quantitativen Methoden Finalitäten: Handlungen, Motive, Ziele, Sinn, Werthaltungen. Da der Mensch frei ist, kommt hier eine Komponente ins Spiel, die bei den Naturgesetzen durch die Statistik ausreichend genau erfasst werden können, bei den Sozialwissenschaften aber beträchtlich breitere Unsicherheit offen lassen.
Geisteswissenschaften: Aufgabe der Geisteswissenschaften ist es, Geistesprodukte zu untersuchen, zu verstehen und auszulegen (interpretieren), ohne dabei feste Normen und Wertskalen vorzugeben. Sie untersuchen und begründen mit der Methode der Hermeneutik Sinn und Wert menschlichen Handelns. Pädagogik, Sprach- und Kunstwissenschaften, Rechtswissenschaften, Technik, Literatur, Philosophie, Religion.
Die Trennung zwischen den Gebieten ist weitaus weniger scharf als erwartet werden könnte, da mit zunehmender Komplexität auch die Naturwissenschaften mehr und mehr sich mit Wahrscheinlichkeiten begnügen müssen, schwindet der Unterschied zu den Sozialwissenschaften zusehends. Bei den Sozial- und Geisteswissenschaften, die auch oft in einem Atemzug genannt werden, ist die Unterscheidung noch schwieriger. Habermas etwa unterschied die historisch-hermeneutischen Wissenschaften von den systematischen Handlungswissenschaften wie Ökonomie, Sozialwissenschaften, Politik. Zudem eröffnete er als 3. Feld etwas, das heute, wo die Vermarktbarkeit das wichtigste Merkmal eines Produktes ist, stark im Schwinden begriffen ist: Die Ideologiekritik, als kritische Sozialwissenschaft.
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Price's Law of Science: Scientists who dislike the restraints of highly organised research like to remark that a truly great research worker needs only three pieces of equipment - a pencil and a piece of paper, and a brain. But they quote this maxim more often at academic banquets than at budget hearings. |
Wilhelm Dilthey schlug folgende Untereilung vor: Auf der Seite der Naturwissenschaften: Physik, Astronomie, Geographie, Geologie, Chemie, Zoologie, Botanik, Medizin, Technik. Die Geisteswissenschaften sind: Psychologie, Soziologie, Geschichte, Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft und Ethik. Die Zweiteilung erfolgt aufgrund der Gegenüberstellung von Geist und Natur. Zudem sieht Dilthey einen Unterschied in den Erkenntnisweisen: In den Naturwissenschaften ist es das Erkennen, in den Geisteswissenschaften das Verstehen.
Mathematik und Philosophie haben eine Sonderstellung: Mathematik hat es nur mit gedachten Gegenständen zu tun und entzieht sich somit der Geist-Natur-Dichotomie, die Philosophie ist im Gegensatz zu den oben genannten Einzelwissenschaften eine Universalwissenschaft, die diese umgreift, aber dennoch von den Ergebnissen der Einzelwissenschaften abhängt.
Geisteswissenschaften erzeugen in der Regel kein Produktionswissen, sondern Reflexionswissen, kein 'Verfügungswissen', sondern Orientierungswissen. Sie stellen damit eine Wissensform bereit, die im Prozess gesellschaftlicher Modernisierung stetig an Bedeutung gewonnen hat, denn moderne Gesellschaften können die Verbindlichkeit ihrer Normen nicht mehr aus der Autorität überkommener Traditionen und Institutionen ableiten, sondern müssen sie aus sich selber (aus der Übereinkunft freier Subjekte) hervorbringen. Zur Begründung ihrer Normativität sind sie deshalb, anders als vormoderne Gesellschaften, genötigt, zu sich selbst, zu ihren Traditionen sowie zu den Beständen ihres Produktions- und Verfügungswissens in ein wissenschaftlich-reflektiertes, in ein "Vernunftverhältnis" (E. Tugendhat) zu treten
http://www.uni-saarland.de/fak4/fr41/lohmeier/loh-onlinetext/aml-Selbstverstaendnis.html
Das historische Wörterbuch, ebenso bei Wiki erwähnt wie der Begriff Geisteswissenschaften, verwehrt sich gegen die dort publizierte, da offenbar weit verbreitete Meinung, das Wort Geisteswissenschaft(en) sei, wie von Dilthey und Rothacker behauptet, von Schiele in seiner Untersuchung der "Logik" John Stuart Mills als Übertragung von "moral science" zum ersten Mal geprägt worden. (Apropos Geist ... den gibt es im englischen Sprachraum eh nicht, der ist eine deutsche Erfindung. Wenn man sich Bush, Blair & Co so ansieht, wundert das wenig ...).
Der erste reelle Beleg findet sich 1787 in einer anonym publizierten Schrift: Wer sind die Aufklärer? F. van Calker empfiehlt dann, ihn als Synonym für Philosophie zu verwenden. So findet er sich auch bereits um 1800 im Nachlass von Schlegel. Dem heutigen Begriff recht nahe kommt dann bereits W.J.A. Werber in: Der Parallelismus zwischen Natur und Kultur. Ein System der Natur- und Geistphilosophie. Eine Verwendung präzise im heutigen Sinn findet sich bei E.A.E. Calinich 1847 - weite Verbreitung findet der Begriff aber erst gegen Ende des 19. JH.
Nach 1945 wird er durch Sozial- und Gesellschaftswissenschaften ersetzt, die neben den Naturwissenschaften und den technischen Wissenschaften stehen ... leider .... denn eigentlich war und ist ja eben der Geist die Anleitung zum Handeln, und nicht (nur) der technisch-rationale naturwissenschaftlich begründete Sachzwang. Nur freie Handlung ist Handlung. Sachzwänge bewirken keine Handlung, sondern nur Reaktionen. Im englischen Sprachraum werden sie zu humanities, liberal arts, human studies, französisch: sciences humaines. Diese besetzen nach und nach folgende Felder:
Ethik und Moral, die klassische Stammdisziplin
Logos als Geist, Gedanke, Begriff und Rede - als Rhetorik und Dialektik eine ebenfalls klassische Stammdisziplin.
Die schönen Wissenschaften: Künste - also Literatur, Malerei, Bildhauerei, Theater etc., also ein Grossteil dessen, was gemeinhin heute als "Kultur" bezeichnet wird.
Kultur - ausser der Kulturtechnik, die eher geographisch-mathematisch-naturwissenschaftlich ausgerichtet sind (Vermessung)
Wertwissenschaften, an Sinn orientierte Wissenschaften
Geschichte und historische Wissenschaften
Anhand des letzteren Gebiets, der Geschichte, unterscheiden sich heute die Natur- und die Geisteswissenschaften primär. Die nomothetischen Naturwissenschaften erklären, deuten Abhängigkeiten als Ursache-Wirkungsprinzip, während dem die ideographischen Geisteswissenschaften ihr Gebiet meist nur anhand von meist einmaligen, besonderen, nicht wiederholbaren Fällen, also an der Geschichte von Individuen, Gesellschaften, Ideen und Begebenheiten, oft nur anhand von Erzählungen, erfassen und begreifen können.
Beklagt wird hier die schlechte Vorhersagekraft der Geisteswissenschaften, eine Eigenschaft, die eine enorme Wirtschaftliche Nutzbarmachung der Natur- und Ingenieurswissenschaften ermöglichte. Vergessen wird dabei, dass es präzise dies Offenheit der Geschichte ist, die nicht auf Wiederholung drängt, sondern andere, ev. bessere Lösungen erlaubt, die recht eigentlich die menschliche Freiheit konstituiert. Wären die Gesetze der Geschichte eben so zwanghaft wie die Naturgesetze, müssten wir alle Muslime werden und uns der göttlichen Vorbestimmung unterwerfen.
Der Wissenschaftler kam übrigens erst im 19. JH auf. Zuvor war er ein Wissenschafter und Wissenschaftler eine verächtlich machende Verkleinerungsform. Tja ....
| 6.0 | Wissenschaften | |
I. Einteilung |
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| 6.1 | Ist es grün oder schlängelt sich, dann ist es Biologie. | |
| 6.2 | Wenn es stinkt, ist es Chemie. | |
| 6.3 | Wenn es nicht funktioniert, ist es Physik. | |
| 6.4 | Wenn man es nicht versteht, ist es Mathematik. | |
| 6.5 | Wenn es unlogisch ist, ist es Philosophie, Psychoanalyse oder Theologie. | |
| 6.6 | Wenn es nur so strotzt vor Halbwahrheiten, dann ist es
Statistik. Fortsetzung: http://www.topos-online.at/murphy/s7.htm |
Etwas seriöser:
Agenda für die
Wissenschaft - Aktionsplan
verabschiedet von der UNESCO-Weltwissenschaftskonferenz "Wissenschaft für das
21. Jahrhundert - Eine neue Verpflichtung" (Budapest, Ungarn, 26. Juni bis 1.
Juli 1999)
Definition Philosophie [gr. philo-sophia: Liebe zur Weisheit]:
Zentrales Thema der Philosophie ist das Denken an und für sich. Philosophie sucht nach dem Verständnis des Ganzen, nach Sinn und Weisheit, nicht nach Fortschritt oder Wahrheit in Details. Grundsatz der Philosophie ist, dass nichts, was für gemeinsame Orientierungsbemühungen von Bedeutung ist, sich der philosophischen Suche nach Begründungen und Kritik entziehen kann und soll. Sie bringt keine gesicherte Erkenntnisse die man besitzen und verkaufen kann, aber Gewissheit über die eigenen Position in der Welt. Wittgenstein sagte, Philosophie sei eine Tätigkeit, keine Lehre. Allerdings - Philosophie ist nicht reine Spekulation, denn ursprünglich bezeichnete sophia ein auf Sachverstand beruhendes Können, ein sich Auskennen.
Ganz so eindeutig wie es nach obigen Definitionen aussieht ist die Trennung allerdings nicht. Bei den Griechen wie im Mittelalter war die Philosophie die Mutter aller Wissenschaften und damit die Königsdisziplin, was sich zwischen Renaissance und 19. Jahrhundert ziemlich auflöste. Für Schopenhauer, Mitte 19. JH., war die "richtige" Philosophie allerdings immer noch wissenschaftliche Forschung, die Philosophie der Universitätsbeamten allerdings eher Propaganda und damit Theologie: Überhaupt aber bin ich allmählich der Meinung geworden, dass der erwähnte Nutzen der Kathederphilosophie von dem Nachteil überwogen werde, den die Philosophie als Profession der Philosophie als freier Wahrheitsforschung, oder die Philosophie im Auftrag der Regierung der Philosophie im Auftrag der Natur und der Menschheit bringt. Was den Unterricht der Philosophie betraf, so wünschte er sich allerdings, dass dieser beschränkt werde auf den Vortrag der Logik, als einer abgeschlossenen und streng beweisbaren Wissenschaft ... womit er die möglichen Aufgaben der Philosophie natürlich stark beschränkt.
Parerga und Paralimpomena I: Ueber die Universitätsphilosophie.
Und vor 10 bis 20 Jahren durfte man sich, insbesondere als Student, schon kaum zu fragen trauen, ob Philosophie denn wissenschaftlich sei, da unwissenschaftlich zu einem derart deklassierenden Ausdruck geworden ist, dass es eigentlich nur noch als Beleidigung dient(e). Heute haben wir einen beträchtlichen Salat, was Wissenschaft, Philosophie und Praxis betrifft. Wissenschaftler wollen praktisch werden (Gen-, Nanotechnologie u.a.), Praktiker werden philosophisch oder gar theologisch und verzapfen neoliberalen Unsinn, während die Philosophen gerne wieder Meister der Wissenschaften werden möchten, weshalb sie gerne Wissenschaftsphilosophie betreiben und darob oft ihren eigentlichen Job vergessen, der darin bestünde, Klarheit zu schaffen und den Menschen zu erklären, wie die Welt zusammenhängt und funktioniert. Engels war zwar noch der Meinung, die Philosophie als "Wissenschaft des Gesamtzusammenhanges" werde überflüssig, sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge ... sich klarzuwerden. Aber davon ist bis anhin wenig zu sehen. Das Management des Verfügungswissens, das heute die Aus-Bildung dominiert, gehorcht anderen Regeln als sie für die Pflege des Orientierungswissens nötig wären.
Sergio Benvenutos [Derridas Selbst-Dekonstruktion. Lettre International. Winter 2004. S. 125] Beschreibung von Derrida klärt die besondere Position der Philosophie bestens:
Der wahre Philosoph stützt kein politisches Lager, das Lager, dem er treu bleibt, ist das der Philosophie. ... Erbe der unmöglichen Quadratur des Kreises, die der Philosoph des 20. Jahrhunderts vollbringen muss: wirkliches Engagement und kritischen Geist miteinander zu verbinden. Denn das ist das Paradox des Philosophen: Mann seiner eigenen Zeit und seiner eigenen Stadt zu sein und doch gleichzeitig mit seiner Zeit und seiner Stadt unzufrieden, ironisch anders, was die Überzeugungen und Wünsche seiner Zeitgenossen und Landsleute angeht; hypersensibler und äusserst nervöser Interpret der Stimmungen seiner Epoche und zugleich mürrisch allein.
Philosophie ist kritische Wertwissenschaft und Weltanschauungslehre. [Rickert]
Wissen und Anwendung
Aristoteles' Systematik der Philosophie umfasst folgende Disziplinen:
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"Die Wissenschaft hat nicht nur die Aufgabe, die Ideale der Gerechtigkeit zu formulieren, sie muss auch die Wege und Mittel zu ihrer Realisierung beschreiben." Leon Walras, Markttheoretiker, quantitativer Oekonom (1834-1910) |
Dies macht klar, dass es sich nicht bei allen Wissenschaften um realitätsferne theoretische Angelegenheiten handelt ohne grossen Einfluss auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Während Poeten und Techniker sich noch häufig darauf hinausreden, dass nicht sie, sondern ihr Auftraggeber für die Verantwortung für die Verwendung ihres Produktes trägt, ist diese, ohnehin faule Ausrede, bei direkt handlungsanleitenden Wissenschaften inakzeptabel. Politik, Ethik, Ökonomie und Bildung sind eminent praktische Tätigkeiten mit reellen Auswirkungen. Sie unterstehen damit der freien Entscheidung, Akzeptanz oder Ablehnung, der Betroffenen. Diesbezüglich ist es erfreulich, dass dies z.B. in der Informatik bereits erkannt wurde, worum sich die Ökonomen und Wirtschaftsexperten immer noch drücken:
| Auszug aus: ETHIK UND INFORMATIK. Die Herausforderung der Informatik für die praktische
Philosophie. Rafael Capurro
http://www.capurro.de/antritt.htm Gegenüber der herkömmlichen Auffassung als Struktur- und Ingenieurwissenschaft wird die Informatik als hermeneutische Disziplin herausgestellt, mit der Aufgabe der technischen Gestaltung menschlicher Interaktionen mit der Welt. W. C. Zimmerli spricht deshalb mit Recht von einer "fortschreitenden Hybridisierung von Wissenschaft und Technik": "Logik ist technisch, Technik logisch." Das bedeutet, daß die Grenzen der Verantwortung zwischen den verschiedenen Akteuren - Industrie, Wirtschaft, Hochschule und Politik - sich verwischen bzw. daß alle sich über die Folgen ihres techno-logischen Tuns bewußt werden müssen Sowohl als Verstandes- als auch als Vernunftwesen ist also der Mensch ursprünglich ein Handelnder. Handeln - das heißt auf Griechisch praxis. So ist also Philosophie als Wissenschaft des vom Handeln her aufgefaßten Menschen ursprünglich praktische Philosophie. Informatik ist auf der einen Seite eine Strukturwissenschaft, die sich an der Mathematik und der Logik orientiert, und sie ist zugleich eine Ingenieurswissenschaft, was sich in Bezeichnungen wie Software Engineering, Requirements Engineering, Knowledge Engineering und Systems Engineering niederschlägt [10, 37]. Dieses klassische Selbstverständnis der Informatik stellt sie also sowohl den Naturwissenschaften, bei denen es um Erkenntnis geht, als auch den Geisteswissenschaften, bei denen es um Verstehen geht, gegenüber.
Mit dieser Veränderung des Selbstverständnisses bezüglich der grundlegenden sozialen Dimension der praktischen Informatik hängt die Infragestellung der überkommenen klassischen Auffassung von der Maschine - sowie von der Technik überhaupt - als einem neutralen Werkzeug eng zusammen. Diese Auffassung lieferte nämlich die Basis für eine prima facie saubere Trennung zwischen der ethik-freien Arbeit des Ingenieurs und der vom Auftraggeber oder vom praktischen Anwender zu übernehmenden Verantwortung. Diese rationalistische Trennung ist aber inzwischen untragbar geworden. Denn Maschinen sind in ihrem Entwurf und in ihrer Anwendung von ihren Auswirkungen auf den Menschen - von den Auswirkungen auf die Umwelt ganz zu schweigen - nicht abtrennbar. Das alte und das neue Technikverständnis haben etwas Gemeinsames: In beiden
Fällen geht es nämlich um die Hervorbringung von Werken. Während
aber die herkömmliche Technik sich auf stoffliche oder energetische Werke
beschränkte, geht es bei der Informatik Denn poiesis und techne meinen jeweils das Gestalten von stofflichen Werken bzw. das Wissen um das Hervorbringen eines Endzieles, das außerhalb des Handelnden bleibt. Praxis aber meint jenen Bereich sittlicher Handlungen, der selbstzweckhaft ist und der die allgemeine Norm - das Gute für den Menschen insgesamt - erst in der einsichtigen Beratung in Bezug auf den Einzelfall abzuwägen und zu verwirklichen weiß. |
Alle schreien, Jungunternehmer brauchen mehr Geld. Das stimmt nicht. Gute Leute mit guten Projekten finden immer Geld. Branco Weiss |
Umgekehrt macht die relative Wirkungslosigkeit von Wissenschaften wie Forst, Umwelt, ORL auch klar, dass Wissenschaften oft nicht mal am Rande das erreichen, wofür sie geschaffen wurden. Der Hauptgrund dafür dürfte meist in der Überbewertung des Argumentes Wissenschaftlichkeit liegen. Sehen Sie sich mal einige Dissertationen an. Zumeist ist die eine überflüssiger als die andere. Warum dies? Weil alle Professoren lieber eine überflüssige Dissertation mehr machen, die dem Argument wissenschaftlich standhält, als eine dringend notwendige Untersuchung, die vielleicht unter die Kategorie Philosophie, oder noch schlimmer, Journalismus geraten könnte. Wissenschaften haben die Entwicklung zur Moderne gefördert, aber die Fragmentierung der Wissenschaften und ihre Ablehnung, sich auf Wertungen einzulassen, verhindert auch oft ganzheitliche Lösungen und spielt so dem Liberalismus in die Hände: Jeder gegen jeden. Gut ist, was sich verkaufen lässt. Wenn die Wissenschaft also gratis zu Geld kommt, Geld das diesem Prinzip huldigt, kommt sie das vielleicht noch teuer zu stehen ...
Obwohl die ETH hunderte von hoch qualifizierten Experten der Orts-, Regional- und Landesplanung ausgebildet hat, in einem Nach-Diplom-Studium, müsste die Schweizer Nationalhymne heute lauten:
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Trittst im Morgenrot daher, seh ich dich im Häusermeer ... |
Der wissenschaftliche Ansatz, unter Ausschluss der Handlungs- und damit der Wirkungskomponente, war ganz offensichtlich eher von beschränktem Erfolg. Dabei wird es auch bleiben, solange diese poietischen Wissenschaften ihre Aufgabe nicht erkennen, sich statt auf Kausalitäten auf Finalitäten (Ziele, Werke) ausrichten und sich weiter hinter einer abstrakten Wissenschaftlichkeit verstecken. Motive und Werte haben eher Ziele als Ursachen. Die wichtigste Frage einer Forstwirtschaft die nicht mehr rentiert, also nach ökonomischen Regeln obsolet wird, ist nicht mehr das technisch-kausale WIE, sondern das final-begründende WARUM (auch schon in der ganz banalen Form: Warum soll der Staat, und damit das Volk, für etwas Geld aufbringen, das nicht rentiert? ... wenn nicht aus ethischen Gründen? Womit wir schon wieder bei den Werten wären (mehr dazu, s. Wertphilosophie und Wertesystem):
Werte sind die wichtigsten Motive für Handlung.
Die ungewollte Rückkehr der Naturwissenschaften zur Philosophie:
Wissenschaftliche Modelle sind keine Beweise mehr, sondern nur komplexe Argumente
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Wenn du ein wirklicher Wissenschaftler werden willst, denke wenigstens eine
halbe Stunde am Tag das Gegenteil von dem, was deine Kollegen denken.
Albert Einstein |
Konnte sich die traditionelle Wissenschaft auf die Logik zurückziehen und abstrakt deduzieren und induzieren, müssen sich handlungsorientierte Wissenschaften wie Medizin, Architektur, Bildung, Kunst und Ingenieurswesen immer mit den Handelnden herumschlagen, also mit Menschen die frei entscheiden können und wollen. Hier sind sie mit den selben Unsicherheiten belastet, wie die Humanwissenschaften, sollten sich also vielleicht diesen wieder vermehrt annähern: "In der Diskussion um die Wissenschaftlichkeit soziologischen Forschens wird auch die Ueberlegung Poppers, der von der Falsifizierbarkeit von Gesetzeshyptothesen spricht, eingebracht. Der Anwendbarkeit dieses Modells auf die Soziologie bzw. die Sozial- und Geisteswissenschaften ist zu widersprechen, wie wir sahen, da menschliches Handeln nicht gesetzmässig abläuft und es wegen seiner Komplexität grundsätzlich nicht prognostizierbar ist. ... Gesetzmässigkeiten" sozialen Handelns gibt es nur insofern, als die handelnden Menschen sich an bestimmte Regeln o.ä. ausrichten, was aber nicht heisst, dass die Menschen dies auch immer tun." [R. Girtler: Methoden der Qualitativen Sozialforschung. Anleitung zur Feldarbeit. Böhlau. Wien, Köln, Graz 1988. p 23:]
Theoretische Systemanalyse wie Realität belegen, dass eigentlich alles irgendwie verknüpft ist und das damit eine isolierte Betrachtung eines Gegenstandes, was das Grundprinzip der Naturwissenschaften darstellt, nur von mässiger Aussagekraft ist. Klare Ursache-Wirkungs-Relationen gibt es in einer komplexen Welt kaum - und damit auch keine klaren Gesetzmässigkeiten.
Haben die Naturwissenschaften damit ihr Arbeitsgebiet verloren? Nicht unbedingt, aber sie müssen sich mehr und mehr auf die Erstellung von Modellen beschränken. Modelle aber, die sich auf mannigfaltigste und unterschiedlichste Art darstellen lassen, die keine gezielte Steuerung mehr erlauben, gehen der Autorität des Arguments "wissenschaftlich" verlustig. Gerade für handlungsanleitende Wissenschaften ist dies eigentlich, zumindest aus ethisch-philosophischer, wie auch aus demokratischer Sicht, nichts als erwünscht. Damit ist nämlich die Expertokratie gestorben. Wahrheit lässt sich nicht mehr nur durch logische Induktion und Deduktion begründen. Die quinesche Wahrheit durch Konvention steht ihr im Feld der Anwendung gleichwertig zur Seite.
Mit dieser, aus der Sicht der meisten Wissenschaftler allerdings eher erzwungenen als erwünschten, Abkehr vom Positivismus, erhalten auch weniger bornierte Forschungsansätze wieder eine Chance (s. basteln, tüfeln, improvisieren ... bricolage). Bereits Schopenhauer zählte sich stolz zu dieser Gattung:
Specialized meaninglessness has come to be regarded, in certain circles, as a kind of hall mark of true science. Aldous Huxley
Dilettanten, Dilettanten! - so werden Die, welche eine Wissenschaft der Kunst, aus Liebe zu ihr und Freude an ihr, per il loro diletto (zu ihrem Ergötzen, Vergnügen; aus Liebhaberei), treiben, mit Geringschätzung genannt von Denen, die sich des Gewinnes halber darauf angelegt haben; weil sie nur das Geld delektieren, das damit zu verdienen ist. ... Nur der aber wird die Sache mit ganzem Ernste treiben, dem unmittelbar an ihr gelegen ist und der sich aus Liebe zu ihr damit beschäftigt, so con amore treibt. Von Solchen, und nicht von den Lohndienern, ist stets das Grösste ausgegangen. [§ 255]
Der Deutsche Gelehrte ist aber auch zu arm, um redlich und ehrenhaft sein zu können. Daher ist drehn, winden, sich akkommodieren und seine Ueberzeugung verleugnen, lehren und schreiben was er nicht glaubt, kriechen, schmeicheln, Partei machen und Kameradschaft schliessen, Minister, Grosse, Kollegen, Studenten, Buchhändler, Rezensenten, kurz, alles eher, als die Wahrheit und fremdes Verdienst, berücksichtigen, - sein Gang und seine Methode. [§ 258]
Im Ganzen genommen, ist die Stallfütterung der Professoren am geeignetsten für die Wiederkäuer. Hingegen Die, welche aus den Händen der Natur die eigene Beute empfangen, befinden sich besser im Freien. [§ 259]
Die meisten Gelehrten sind sehr oberflächlich. [§ 260]
[Schopenhauer: Parerga und Paralipomena: Ueber Gelehrsamkeit und Gelehrte]
Eines der am weitesten entwickelten Modelle dieser Art (Sensitivitätsmodell) stammt vom Vater des vernetzten Denkens, Frederic Vester, der betont, dass nicht riesige Datenbanken die Lösung der Informationsflut sind, sondern die Reduktion durch Herstellung von Beziehungen zwischen den Daten.
Der neue Ingenieur, zuständig für sozial akzeptable Lösungen, muss versiert sein in Kommunikation (nicht zu verwechseln mit Kommunikationstechnik) und Lehre, fähig, seine Botschaft klar und verständlich zu formulieren - ohne Angst davor, deshalb als unwissenschaftlich disqualifiziert zu werden - und, last not least, er muss fähig sein, die Mitwirkende (und/oder Betroffene) Bevölkerung zu kritischem Mitdenken und zur Mitarbeit motivieren zu können.
| Fazit: Der Forstingenieur ist damit, was Ausbildung und Voraussetzungen an Kenntnissen über die natürliche Umwelt bedingt, am richtigen Ort bei den Umweltnaturwissenschaften. Nicht nur semantisch, sondern auch was seine Aufgabe betrifft, ist er als Naturwissenschaftler aber eben so eindeutig am falschen Ort.
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Martin Herzog, Dipl, Forsting. ETH, Rheinfelden, Oktober 03
Die Zukunft dürfte unserer heutigen Form disziplinär zersplitterter Wissenschaften und ihrem Brosamenwissen, dem inter- und paradisziplinäre Zusammenhänge weitgehend fehlen, mit etwa der selben "Hochachtung" begegnen, die wir der mittelalterlichen Scholastik mit ihrem autoritären Buchwissen entgegen bringen. - Zur Zeit haben wir allerdings ein ganz akutes Problem, da eine "wissenschaftliche Disziplin" unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit gestaltend in das Grundgefüge des Lebens eingreifen will [s. Risiken der Gentechnik].
Links:
Für eine Demokratisierung der Wissenschaft und die Prüfung der Rolle, die Wissenschaft zukünftig spielen wird, wem sie nützt und wen sie gefährdet, wer sie braucht oder bekämpft, sie sich leistet und über sie verfügt, wo sie hilft und was sie kann - setzt sich vor allem ein der Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Wissenschaftsläden - und deren Verbreitung
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