Die ETH - eine
Zukunftsmaschine? Die Wissenschaften - eine magische Glaskugel?
Bildungspolitik der Schweiz für den tertiären Bildungssektor
Die Ausbildung der forstlichen Kader wird umgekrempelt. Der Dipl. Forsting. ETH wird zur aussterbenden Rasse.
Der Umbau der forstlichen Ausbildung an der ETH: Waldsystemmanagement statt Forstwirtschaft
Vom ORL zu IRL und NSL - und was so passieren kann, wenn "Praktiker" über "Wissenschaft" "Politik" betreiben: Städtische Herrschaft - Alpine Reservate - Voralpine Ruhezonen
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Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach [Hrsg.] Böhlau Verlag Ag, Köln, Weimar, Wien. 2004
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INHALTSVERZEICHNIS:
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Phasen der Entwicklung der Wissenschaften:
1450-1580: Humanismus, Renaissance: Die Entklassifizierung und Entkirchlichung des Wissens
1580-1660: Bürokratisierung, Schulsystem, Anspruch, Probleme zu lösen - in Konkurrenz zu Herrschaft des Adels - und der Kirche: Der spielerischer Einstieg in die Wissensproduktion und Verbreitung
An den Universitäten trat die subjektbezogene Philosophie in Konkurrenz zum Aristotelismus
Der Aufstieg der Territorialstaaten und die Reformation zerstörten mit der politischen Macht der katholischen Kirche auch ihr Monopol für die richtige Deutung der Wirklichkeit.
Rationales und induktives Denken stunden ohne dass dies ein Problem schien, neben der anerkannten Offenbahrung.
1660-1730: Korrespondenten-Netzwerke: Der literarische Einstieg in die Wissensverbreitung
1730-1780: Freier Zugang zu Studien, Popularisierung des Wissens, zunehmende Orientierung am praktischen Nutzen. Aufbau und Rationalisierung der Arbeit halten sich noch die Waage. Da der grösste Teil der Bürger immer noch Bauern sind, können sie ihre Existenz bei Arbeitsverlust, wenn auch auf niedrigem Niveau, immer noch sichern. Von diesem Modell der Eigenverantwortung träumen die rechten Unternehmer heute immer noch.
1780-1820: Die Industrialisierung verlangt neues Wissen. Am Ende besteht ein geschlossenes Wissenschaftssystem mit etablierten Disziplinen: praktische Wissenschaft, wirtschaftlich tätige, produktive Nutzung von Wissen. Abermillionen von Europäern werden arbeitslos, wandern aus und kolonialisieren die ganze Welt.
20. JH: propagandistische Nutzung der Wissenschaften. Da es nichts mehr zu kolonialisieren gibt, hilft nur noch die Kriegswirtschaft, erst mit 2 richtigen Weltkriegen, dann als Wirtschaftskrieg weltweit. Multiperspektivischer Zerfall in der Postmoderne und totale wirtschaftliche Kolonialisierung der ganzen Welt, inklusive der Innenwelten: Egal was, Hauptsache es verkauft sich.
Das wichtigsten wissenschaftlichen Instrumente des Mittelalters war der Kanon, auf der einen Seite der biblische Kanon des Glaubens, auf der andern Seite der philosophische Kanon des Denkens, also vor allem Aristoteles. Wissen ist Macht wurde bereits damals zementiert in der Jurisprudenz, die von der Katholischen Kirche entwickelt wurde um ihre Eigentumsansprüche auf Land und Leute zu sichern: Es gehört mir und ich kann beweisen warum!
Obwohl man annahm, Wissen entstünde in drei Kammern des Gehirns, was unabdingbar zu einer gewissen Perspektivität des Wissens führt, dominierten je nach Lebensbereich einzelne dieser Einflussbereiche recht absolut:
sensu communis: der Gemeinsinn, der gesunde Menschenverstand (Tradition, Überlieferung, direkt Einsehbares ...)
Vernunft: das Begreifen/Begriffsbildung über Zyklen der Spekulation und rationaler Begutachtung
Gedächtnis: Speicher
1450-80, mit dem Humanismus und der Renaissance, zerbrach die Autorität des alten Glaubens und vieler anderer Traditionen (Ritter). Die Vernunft befreite sich aus der aus der klerikalen Vorherrschaft - unter Beibehaltung der Lebensorientierung am Glauben, dessen Dominanz nie angezweifelt wurde. Auch was das Wissen betrifft so wurde man nun nicht einfach "liberal". Im Gegenteil. Die frühe Neuzeit kannte keine Meinungsfreiheit. Die Reformation bekämpfte Libertiner und Epikuräer. Auch unter den neuen Päpsten von Wittenberg und Genf war es nicht zu empfehlen, gewisse Ansichten zu äussern s. Galileo Galilei, Keppler. Gelehrte mit säkularer Auffassung von Naturwissenschaften trafen sich abseits von Kirche und Staat. Selbst wissenschaftlicher Fortschritt wurde nur innerhalb gegebener Grenzen begrüsst und geduldet. Wer sich gegen die Tradition wandte, riskierte seine Position in der Gesellschaft.
Luther etwa betrachtete die Universität als Teufelsschule (auch bei ihm sollte sich das Volk an die Bibel halten und nicht selbst denken, aber eben an seine Interpretation) meinte aber betr. der Schule: Und kehre dich nicht daran, dass jetzt der allgemeine Geizwanst die Wissenschaft so sehr verachtet und sagt: Ha, wenn mein Sohn deutsch schreiben, lesen und rechnen kann so kann er genug; ich will ihn dann zum Kaufmann (in die Lehre) tun. Eine Ansicht die heute noch oder wieder weit verbreitet ist.
Im 15-16. JH entwickelte sich nach Foucault die Tendenz, Menschen zu regieren, sie zum Heil zu führen, in allen Lebensbereichen regierbar zu machen. Noch kaum 5% der Bevölkerung waren des Lesens kundig, und auch das nur in de Städten,. Dennoch wurden Flugschriften zu den ersten Massenmedien.
Unterrichtet wurde damals vor allem, nebst den wenigen Universitäten, an Höfen und in Klöstern und zwar, nebst den alten Sprachen Griechisch und Latein, die "freien Künste" (artes liberales):
Trivium:
Grammatik
Rhetorik
Dialektik
Quadruvium:
Arithmetik
Geometrie
Astronomie
Musik
Dazu kamen: Poetik, Ethik, Geographie und Geschichte / Theologie, Jura, Medizin.
Motto:
Gute Theologen und Juristen = gute Kirche und guter Staat
Die Universitäten hatten also wissenschaftlich kontrolliertes Anwendungswissen zur Verfügung zu stellen und auf optimale Weise zu vermitteln:
Das wahre und rechtmässige
Ziel der Wissenschaft ist kein
anderes,
als das menschliche Leben mit neuen Erfindungen und Mitteln zu
bereichern.
Roger Bacon
Unter den Deutungsmächten, die in den modernen westlichen Gesellschaften das private und öffentliche Leben bestimmen, nimmt die Medizin eine führende Stellung ein. Diese Stellung haben sich die Aerzte und die Medizin aber über Jahrhunderte erst erarbeiten, herbeischreiben und medial inszenieren müssen. Aerzte gehörten nur in Ausnahmefällen zum Dekorum der Höfe, die ihre Machtstellung eher durch Architektur, Kunst, Feste, Repräsentationen, aber auch Alchimisten präsentierten. Das Gesundheitswesen war damals bereits genau so zersplittert wie heute. Nebst den Ärzten gab es Apotheker, Hebammen, Chirurgen (die eher Handwerker als Wissenschaftler waren, genau wie heute noch die "Knochenbrecher" (noblere Bezeichnung: Chiropraktiker), Scharfrichter, Feldscherer, Olitätenhändler, Arzneimittelhändler, Okulisten, Steinschneider, Dentisten, Kräuterhändler, Materialisten, Winkelapotheker ...
So sind auch die Ursprünge der Botanik sehr eng mit der Heilkunde verbunden. Die Gärten von Padua und Pisa waren zwar öffentliche Gärten, hatten aber wie heute immer auch einen praktisch-wissenschaftlichen Zweck. So war dem botanischen Garten Padua eine Apothekerwerkstatt angegliedert und der diente den Kaufleuten aus Venedig als Referenzsammlung um Art und Qualität ihrer Warenlieferungen kontrollieren zu können. [history of botany]
Allerdings geriet damals die ärztliche Heilkunst in Misskredit, weil die Hälfte der Patienten starb. Ein Leonhard Thurneissen brachte es im 16. JH zum kurfürstlich-brandenburgischen Leibarzt, ohne Lateinkenntnisse und Studium, da er einen 59. kostbaren Band eines Werkes publizierte, dessen andere 58 Bände nie erschienen. Von Zeit zu Zeit blamierte sich einer auch aufs Blut, indem er den Harn einer Kuh nicht erkannte und daraus auf die Gesundheit des Menschen schloss
Der Aufstieg der Anatomie als Basiswissenschaft der Medizin begann bereits im 17. JH. Mit der Autorität des Wissens war es aber auch Mitte des 18. JH nicht weit her. Im siebenjährigen Krieg konnte man ein Doktordiplom wie eine frische Semmel kaufen ...
Bei der Medizin stellt sich also die Frage: Ist Heilen eine Praxis, die mechanisch gelernt und gelehrt werden kann? Lässt sich die wissenschaftliche Medizin (als Kunst) von der Praxis der "Routiniers" (als Handwerker) abtrennen? Während dem sämtliche Forscher aus der Branche das klar befürworten werden, steht auf der andern Seite die Tatsache, dass viele Heilungen erfolgen, obwohl keine Behandlung erfolgte, dass viele Behandlungen erfolgen, ohne Wirkung ... oder sogar mit negativer Wirkung (Das selbe Problem haben wir heute noch. s. Krankenkassen). In Anbetracht der aktuellen Diskussionen über Doping (Tour de France) fragt es sich auch, warum den Radfahrern verboten werden soll, was der grösste Teil der Gesellschaft tagtäglich tut: Sich psychisch und physisch für mehr Leistung aufzuputschen mittels Drogen (Drogen ist eigentlich bloss der alte Ausdruck für Medikamente, Pharmaka, Wirkstoffe etc.)
Das wissenschaftliche Resultate oft mehr konstruiert als gefunden werden, dass insbesondere in den Bereichen, wo wissenschaftliche Resultate Verkaufbares erzeugen eher Marketing als wissenschaftlich seriöses Publizieren angewandt wird, ist nicht erst seit dem Boom der Pharmaindustrie so:
Selbst in den scheinbar "harten" Laborwissenschaften, so wurde deutlich, sind wissenschaftliche Erkenntnisse und "Wahrheiten" beileibe nicht das zwangsläufige Ergebnis immer genauerer Erforschung und Durchdringung von Mensch und Natur. Wissenschaftliche Wahrheiten werden vielmehr produziert, aus oft vieldeutigen empirischen Beobachtungen konstruiert. (s. Konstruktivismus) Und damit die Ergebnisse von andern Wissenschaftlern und schliesslich von der Gesellschaft akzeptiert werden, müssen sie entsprechend rhetorisch und gegebenenfalls visuell verpackt und präsentiert werden. Selbstinszenierung in den Medien und auf Vortragsveranstaltungen und Kongressen sowie die Pflege wissenschaftlicher Kontakte und Netzwerke fördern den Ruf, die Aura der Wahrheit und Autorität.
De meisten Ärzte gewannen zwischen 1750 und 1850 beträchtlich and Einfluss und Wohlstand - der gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Konkurrenzkampf um zahlende Kunden wieder schwindet. (s. Arztlöhne)
1730-1780 war das Zeitalter der praktischen Aufklärung. Im Zentrum des Fortschrittsgedankens stand die Eigenständigkeit des Individuums wie das Wohl der Gemeinschaft. (Irgendwie fragt man sich doch da, warum dem heute nicht mehr so sein soll?)
Die nun einsetzende Popularisierung des Wissens richtete sich insbesondere an die Landbevölkerung (die Mehrheit der Bevölkerung war ja nach wie vor in der Landwirtschaft tätig! In Asien und Afrika ist dies heute noch der Fall). Man versuchte also, wissenschaftliche Resultate für ein Publikum öffentlich und nutzbar zu machen, das mit der Produktion dieses Wissens selbst nichts zu tun hatte. Dafür war notwendig, dass dieses Publikum nicht bloss des Lesens kundig war (bei 75% damals nicht der Fall), sondern über hinreichendes Wissen verfügte, um diese Resultate auch verstehen, einordnen und umsetzen zu können. Voraussetzung war also auch ein funktionierendes Bildungswesen.
Die Beteiligung der "Bevölkerung" an den nun weitherum entstehenden Lesezirkeln und Umlaufgesellschaften, wie auch der Zugang zu "öffentlichen" Bibliotheken war allerdings recht beschränkt, der Zugang nur exklusiven Kreisen gestattet. Logischerweise handelte es sich mal um die Kreise, die Lesen konnten. Beschränkt war der Zugang aber auch auf Männer, die zudem zu einer der folgenden Gesellschaftsschichten gehören mussten: Geistliche, Beamte, Advokaten, Honoratioren, Studenten. Für Frauen waren aber diese Lesegesellschaften eh weniger interessant, da die bei ihnen beliebte "schöne Literatur" hier fehlte, da ihr der Bezug zum täglichen Leben fehle ... Die Bestände enthielten also vor allem theologische, medizinische, land- und forstwirtschaftliche und naturwissenschaftliche Bücher und Zeitschriften.
Bücher wurden zu den wahren Gesprächspartnern dieser Menschen - wo wie heute für viele das Internet. Auch damals war die Idee, dass Wissen nicht bloss absorbiert werden sollte. Im Gegenteil. Die Mitglieder der Lesegesellschaften waren dazu angehalten, ihr Wissen in Gesprächen zu erweitern und zu reflektieren, die Aufklärung durch Unterhaltung und wechselseitige Mitteilung zu verbreiten. Das Zitieren, Herausgreifen von Kostbarkeiten aus alten Zusammenhängen, Wiedereinsetzen und Umkleiden ... ist der Prozess der Dramatisierung des Wissenswerten. Auch dies entspricht präzise dem, was wir heute als das Neueste unter dem Firmament betrachten: copy and paste.
Der Aufklärung war Geheimwissen, wie jede sich selbst genügende Gelehrsamkeit suspekt, ja verächtlich. Man versuchte neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum allgemeinen Nutzen zu verbreiten. Volksbücher, und Lesebücher erreichten bald beträchtliche Auflagen. Beckers Noth- und Hülfsbüchlein (500'000), Zerrenners Volksbuch, Seilers Allgemeines Lesebuch für den Bürger und Landmann 250'000). Becker nutzte als Mittel der Wissensvermittlung vor allem die Reisebeschreibung, über die er Weltoffenheit und Toleranz förderte:
Die Erd' ist gross und überall
voll schöner Gottes
Güter,
Und alle Menschen, Jud' und Türk
und Christ, sind unsre Brüder.
[Rudolf Zacharias Becker, 1788]
Allerdings war bereits damals die Aufsplitterung des Wissens in Disziplinen ein Problem für das Verständnis, da Wissen in seinen vielen Spezialisierungen unüberschaubar wurde.
Die Volksaufklärung ist ein Kind des 18. JH und bleibt als Gedankengut bis zur Mitte des 19. lebendig. Dann kamen die Nationalregierungen und ihre "Geheimräte" hoch - und geheim gehaltenes Wissen wurde zur Macht.
Um 1750 konnten von den erwachsenen Männern in Frankreich gut ein Drittel, in England mehr als die Hälfte, in Schottland und den wohlhabenden Küstenmarschen Norddeutschlands etwa 3/4 lesen und schreiben. Für Frankreich wurde im Detail nachgewiesen, dass etwa die Unterschicht in Provinzstädten stärker alphabetisiert war als sozial höher stehende Bauern und sogar Landadelige in stadtfernen Provinzen: Die Alphabetisierung ist nichts anderes als die Geschichte des Eindringens eines elitären kulturellen Modells in die Gesellschaft. [S. 547] DieAlphabetisierung der Frauen konnte und wurde als Bedrohung, als Weckung emanzipatorischer Bedürfnisse verstanden.
Im 18. Jahrhundert machten Kaufleute, Kleinhändler, Handwerker, Pächter und Bauern spektakuläre Gewinne. Die Produktivität der Landwirtschaft stieg massiv an, die Wirtschaft wurde dynamischer. Zu Beginn des 18. JH lag mit der beschleunigten Bildungsexpansion die Alphabetisierung zwischen 70 und 100 % - nur bei 45% bei den Arbeitern und beim Gesinde, den Hausangestellten.
Schlusslicht war die katholische Bevölkerung (s. Max Weber: Katholische Wirtschaft, Traditionalismus, genügsame Wirtschaft), die allerdings im 18. JH aufholte und im 19. mit der protestantischen gleichzog.
Ab 1770 wurde die Gesellschaft lesewütig.
Treibend waren:
Fazit:
A) Es war also nicht die Schule, welche
die Bildung förderte, sondern diese erfüllte bloss den Auftrag.
B)
Lesen und Schreiben
wurde den Menschen
zwar nach und nach beigebracht, aber dennoch sollten sie glauben,
nicht denkend nach eigenem Wissen streben.
Heute haben wir eine verkehrte Situation. Schulen, vor allem Privatschulen, nehmen jeden Kokolores auf, mit dem man Menschen verschulen kann, bieten es an, und werfen die Ausgebildeten auf einen Markt, der auf dergleichen Wissen recht eigentlich pfeift. Da es aber in jeder Ausbildung ein paar Schläulinge gibt, die sich verkaufen können, werden diese als Vorbilder hingestellt. Die Guten finden immer was -ist die entsprechende Arschdefinition, Arschdefinition weil sie von hinten her als die Guten eben gleich die definiert, die Arbeit finden. Dieser Punkt zeigt gleich zwei Probleme:
A) 3. Welt: Meist kritisieren wir, das Ausbildungsniveau sei eben zu tief, es brauche mehr Ausbildung, mehr Schulen, mehr Universitäten, mehr Akademiker. Damit wird aber das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt, denn um dann am Markt eben doch seine "Flexibilität" als Taxifahrer oder Gemüseshopbetreiber zu beweisen, braucht es keine akademische Ausbildung.
B) 1. Welt: s. Ausbildung hilft nicht gegen Arbeitslosigkeit - sie verschiebt sie nur auf die Schwächeren
1580-1660 wuchs ein grosses Interesse am Aufbau von Sammlungen heran. Parallel dazu lösten sich aber auch, auf Grund der zunehmenden Spezialisierung, Sammlungen auf, d.h. sie wurden immer wieder neu zusammengestellt, neu geordnet. Die Bibliothek hatte sich also, wie die Wissenschaft und Philosophie, mit der Ordnung des Wissens auseinander zu setzen:
- Sollen Bibliotheken die Objekte einer Staatsräson sein, die den Bibliotheken ihre Zwecke einfach vorschreibt? Helfen Bibliotheken ökonomische und staatliche Wohlfahrt fördern?
- Oder sollen die Bibliotheken Orte sein, in denen man sich auf die Staatsräson als Maxime staatlichen Handelns dadurch einigt, dass man die Vielfalt der Interessen und Meinungen durch gemeinsame Studien und Beratungen zum Ausgleich bringt? Stellen Bibliotheken einen öffentlich-kosmopolitischen Raum dar, in dem wir uns debattierend über gemeinsame Ziele verständigen können?
[S. 273 Uwe Jochum: Das Ende der Sammlung]
Diese Frage wurde für Bibliotheken nie beantwortet - hat sich aber mit dem Internet ganz klar auf zweiteren Ansatz verschoben. Bibliotheken enthalten nicht nur universales Wissen und damit universale Auskunftsmöglichkeiten - sondern dadurch auch das Potential "universaler Streitereien." Will der Staatsstreich ein wirklicher Gründungsakt sein, muss er sich Rat bei der diskursiven Vielstimmigkeit holen, die in der Universalbibliothek aufbewahrt ist, um dann, gut beraten, in der politischen Aktion die Vielstimmigkeit zu überwinden und zugleich wieder zu setzen. Der Satz ist komplex und kompliziert. Eine Entscheidung, auch eine demokratisch-politische, verlangt eine klare Zielsetzung - also die temporäre Überwindung der Vielstimmigkeit und Multiperspektivität. Aber, im Interesse der Wahrheit wie der Freiheit, darf trotz solch "beschränkter" politischer Entscheide das Denken selbst nicht gleichermassen sich beschränken. Populistisch äussert sich das meist als Querele zwischen kurz-schliessenden "Praktikern" und in der Komplexität sich verirrenden "Theoretikern". (s. komplexe Argumentation)
Gelehrsamkeit und Herrschaft stehen immer in einem ambivalenten Verhältnis zueinander. Die Möglichkeiten der Gelehrten auf die Politik Einfluss zu nehmen waren und sind beschränkt. (Ein erster Hinweis darauf, dass Wissen und Macht selten auf dem selben Stuhl sitzen). Thomas Morus meinte dazu: Alle Fürsten sind zu sehr von sich und ihren Interessen eingenommen, um den Rat eines Gelehrten anzunehmen. Morus selbst wurde auf dem Schafott hingerichtet, da er den Eid auf die Suprematsakte Heinrichs VIII von 1534 verweigerte. Diese erklärte den König zum Herrn der Kirche und die Englische Kirche unabhängig von Rom.
Die erste öffentliche Bibliothek in Italien ist die Bibliotheca Marciana, die auf eine Schenkung des Kardinals Bessarion von 1468 an die Stadt Venedig zurückgeht.. Des weitern die Laurenziana der Medicis in Florenz (1571), und die Privatbibliothek von Jacques-Auguste de Thou, dem Bibliothekar der königlichen Bibliothek in Frankreich.
In Deutschland gehörte die grösste Bibliothek Hans Jakob und Ulrich Fugger, war aber nicht öffentlich. Hans Jakob mussten die seinige allerdings wegen Zahlungsunfähigkeit an Herzog Albrecht V. von Bayern verkaufen. Diejenige von Ulrich ging nach dessen Tod über in den Besitz des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz und wurde damit Bestandteil der Bibliotheca Palatina. Während in Frankreich und England längst grosse öffentliche Bibliotheken entstanden waren, blieben die Nutzer in Deutschland vom Wohlwollen der Gnädigen Herren abhängig. Der deutsche Kleinstaat blieb eine geschlossene Veranstaltung des Landesherren [S. 276] Die Vielzahl der Kleinstaaten ermöglichte zwar eine Vielheit von Meinungen - aber man musste wissen, in welchem Kleinstaat man was sagen durfte. (So ähnlich wie in der Schweiz, oder ähnlich gestrickten kleinkarierten Herrschaften, also vor allem den Abteilungen der Wirtschaftsbetriebe) heute noch ...)
Während im westlichen Europa auf Grund der Konkurrenz von adligen, höfischen und bürgerlichen Bibliotheken die bürgerlichen Gelehrten vielfältige Möglichkeiten für ihr Auskommen finden konnten, blieben sie in Deutschland auf die Höfe angewiesen (den Staat, würde man heute sagen. Viel hat sich also nicht geändert). Jenseits de Sphäre des "Landes" gab es in Deutschland keinen Raum zur intellektuellen Entfaltung. [S. 277]
Ein schwerer Verlust für die deutsche Kultur war 1632 die Entführung der Bibliotheca Palatina von Heidelberg nach Rom. Mit 3500 Handschriften und 5000 Drucken war sie damals die grösste protestantische Bibliothek. Während nach dem Raub der Palatina auch die Hanoveraner Bibliothek bis 1680 auf rund 8000 Bände angewachsen war, erreichte etwa die königliche Bibliothek in Paris 1684 bereits 35'500 Bände. Deutschland, von der Schweiz gar nicht zu reden, war also eher provinziell.
Was die Ordnung des Wissens betrifft, so waren die ersten Bibliotheksverzeichnisse eher Inventare, Güterlisten, um Bescheid über Standort und Wert der Bücher oder Sammlungsgegenstände zu wissen. Hatten die Autoren des Mittelalters, und oft auch die Ab-Schreiber.der Bücher, aus Bescheidenheit am Ende des Buches signiert, oft ohne dass man den einen vom andern unterscheiden konnte, so kam mit der Entwicklung des Buchdrucks das Titelblatt hinzu mit Druckort und Datum. Verfassername und Titel wanderten damit ebenfalls an den Anfang des Buches
Des weitern begann man, die Bücher auch im innern zu gliedern, in Sequenzen zu zerlegen, Kapitel und Absätze zu katalogisieren - um das Wissen in einzelne Bausteine zu zerlegen, die einzeln zugänglich und rekombinierbar sein sollten.
Leibnitz entwickelte im Discours touchant la méthode de la certitude et l'art d'inventer pur finir les disputes et pour faire en peu de temps des grands progrés sogar ein System, mit dem alles Wissen auf die einfachsten Begriffe zurückgeführt werden sollte - aus denen mit der Exaktheit mathematischen Kalküls komplexes Wissen generiert werden sollte. Natürlich gelang es ihm nie, diese Erfindungskunst auf ein methodisch sicheres Fundament zu stellen - sonst hätten unsere Computer nun damit ja bereits alle möglichen Erfindungen berechnet. Was Leibnitz als "wahre Kerne von Sachverhalten, als Kerngedanken" bezeichnet, finden Sie bei mir als "Denkstücke" speziell unter Intuition und Webphilosophie.
Ein Booster (Düsenantrieb) wurde der Verbreitung von Wissen über Bücher, Zeitschriften und Handzettel aufgesetzt durch Gutenbergs Entwicklung des Buchdrucks zur Massenproduktion. Die ersten Drucke waren Werke der Kirche, juristische und medizinische Literatur sowie kaufmännisch-buchhalterisches Wissen. Bereits damals nahm die Entwicklung einer spezifischen, den meisten bis heute unverständlichen Banksprache ihren Ursprung. Bereits damals aber herrschte ein reger publizistischer Krieg gegen das Osmanische Reich (Islam).
Fortan musste nicht nur jede Obrigkeit, sei sie kirchlich oder weltlich, mit dieser Infrastruktur und dem jeweils über sie verbreiteten, häuslich, lokal und regional abgespeicherten und sich jeweils aufeinander schichtenden, also prinzipiell jederzeit aktualisierbaren Wissen rechnen. Vielmehr konnten auch alle relevanten Gruppen und entsprechend positionierte Individuen über die Chance verfügen, eigenes Wissen zu platzieren. [S. 87]
So setzte sich im politischen Bereich allerdings bald die Tendenz durch, Herrschaftswissen geheim zu halten - was Anlass gab zu einer neuen publizistischen Form, der Enthüllungsliteratur.
Die Funktion des Verlegers, Druckers und Händlers war damals meist in ein und derselben Hand. Wichtigste Absatzchancen boten die Messen.
Anfang des 16. JH begannen Zeitungen eine Rolle zu spielen, die im letzten Viertel des Jahrhunderts, vor allem aber im 17 JH. stark zunahm.
1660 - 1730 war die Blüte der europäischen Gelehrtenrepublik. Enzyklopädien wurden zu entscheidenden Quellen des Wissens. Lexika und Enzyklopädien stehen für das Vertrauen der frühen Neuzeit in die Macht des Wissens. Wissen verstaubte damals noch nicht. Die Ordnung des Wissens war wichtig, die Erfahrungen zu beherrschen, die Gegenwart zu regieren und die Zukunft zu erobern.
Während Lexika und Enzyklopädien heute - im Zeichen des Internets, des globalen virtuellen Netzes der Wissensgesellschaft - als Auslaufmodelle erscheinen, tummelt sich im Web doch beträchtlich mehr Wissen, dem kaum oder gar nicht vertraut werden kann und darf. Dem Netz fehlt, im Vergleich zur Enzyklopädie, die ordnende und selektierende Hand des Redaktors.
Mitte des 18. JH nehmen Buch- und Zeitungsproduktion weiter rasant zu - und auch die Lesefähigkeit. Zudem wurde das bisher dominierende Latein zunehmend durch die Landessprache ersetzt. (Hat also doch noch einiges gedauert seit der Reformation ..)
Die Pariser Academie Royale des Sciences publizierte 1665 die erste nichtlateinische Gelehrtenschrift. Wenige Monate später folgte die Royal Society mit ihren Philosophical Transactions. In Deutschland dauerte es noch länger. Als Christian Thomasius 1687 in Leipzig eine Vorlesung in deutscher Sprache ankündigte, erregte das einiges Aufsehen. Er erteilte damit dem Bildungsprivileg der literati eine klare Absage. Nicht nur eine kleine akademische Elite, sondern jeder vernünftige Mensch gleich welchen Geschlechts sollte Zugang zu Wissen erlangen. Was den verständlichen Stil betrifft sind die Engländer den Deutschen (und Franzosen sowieso) heute noch haushoch überlegen.
Die Royal Society wendete sich bereits damals ausdrücklich gegen verbale Manierismen und Weitschweifigkeiten und verpflichtete ihre Mitglieder, sich um einen präzisen und nüchternen Stil, um sprachliche Korrektheit und Natürlichkeit zu bemühen. Als Vorbild galt gerade nicht die Ausdrucksweise der Gelehrten, sondern diejenige der Handwerker, Bauern und Kaufleute. [S. 483]
Bei den Aufklärern handelte es sich meist um publizistisch tätige Gelehrte, Theologen, Juristen und Mediziner, aber auch Verleger, Beamte im Dienste territorialer und städtischer Obrigkeit. Für die kulturelle Vermittlung von Handlungswissen waren die diversen Formen dieser narrativen Kultur unersetzlich: Klatsch, Sprichwörter, Legenden, Memorabilien oder Gespräche über Neuigkeiten. Auch hier propagiert die Neuzeit mit dem story telling (s. Microartikel, Problem Kontext) Uraltes als topmoderne Lösung. Unterhaltung war also bereits damals als Träger von Wissen wichtig. Webforen wären der Ort des heutigen Klatsches ...
Die Enzyklopädisten waren noch nicht so geizig mit Raum. Bartolomeo de Felice verfasste in seiner Encyclopedie d'Yverdon Beiträge, die 40 mal so lang waren wie im bisher dominierenden Diderot-d'Alembert. Er rückte damit Brasilien, Chile, Paraguay, Peru erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Die Reiseberichte von Cook, Forster und speziell die von Bougainville waren radikal zivilisationskritische und antikolonialistisch. Auch Bonapartes Ägypten-Expedition eröffnete neue kultureller Horizonte. Mit differenzierten philosophischen Betrachtungen versuchte man, den "Andern" eine Stimme zu geben, den Besiegten Raum und Gehör zu verschaffen. Abbé Henri Grégoire postulierte 1808 in La Litterature des Nègres die Gleichheit und intellektuelle Entwicklungsfähigkeit aller Menschenrassen. Das 20. Jahrhundert war diesbezüglich ein schwerer Rückschritt, da 1. den Juden die schiere Menschlichkeit abgesprochen wurde, wobei sich allerdings diejenigen unmenschliche verhielten die sich besser dünkten. Dann suchte man sich Minderheiten, also speziell Einwanderer aus als schwarze Schafe, und zur Zeit ist es vor allem der Islam, der als Religion der globbalen Terroristen und kulturellen Hinterwäldler herhalten muss.
Keine andere literarische oder publizistische Gattung trug so sehr zur Politisierung der unteren Volksschichten bei wie die Zeitungen. Sie erschienen, nachdem erste Versuche - ein Beispiel ist der "Wandsbecker Mercurius - bereits aus den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts datierten, seit den achtziger Jahren in grösserer Zahl auch für einfache Leser, unterrichteten und provozierten Diskussionen. Man hatte hier einen gangbaren Weg zur Aufklärung gefunden:
Der "gemeine Mann", so erhoffte man, dem es in der Regel an Geld, Zeit und Interesse an einer ausgebreiteten Lektüre fehlte, sei leichter durch eine stückweise erscheinende Schrift anzusprechen als durch das Buch. Der Landmann liest nicht. Alles was für ihn geschrieben wird, ist verloren. Aber ein Zeitungsblatt liesst er doch - wenn es spottwohlfeil und mit guter Laune geschrieben wäre, so würde ers lesen.
Im Vordergrund stund bereits im 18. JH alles was mit der täglichen Wirtschaft zu tun hat. Auch war man sich (bereits damals, die Bauern kommen nie zur Ruhe...) bewusst, dass die geringe Produktivität besonders in der Landwirtschaft jede gesellschaftliche Weiterentwicklung hemmte.
Zedler's Lexikon von 1749 postuliert wiederum eine Ausgeburt der Weisheit, deren sich manche in den letzten Jahren wieder rühmen, die Erfindung des lebenslangen Lernens:
Denn ein Mensch muss, so lange er lebt, in der Erkenntnis der Wahrheit zu seiner Glückseligkeit theils durch Erfahrung, welches entweder die eigene oder fremde ist, theils durch Nachdenken lernen, sonst wird er bald in diesem und jenem Stücke, sonderlich in der Gesellschaft der Menschen, die neben ihm sind, und immer weiter kommen, ein Ignorant, und sich sowohl als andern unnütze werden. [S. 578]
Zedlers Lexikon: Oekonomische Zeitungen
Oft ist die Volksaufklärung in der Forschungsliteratur als gigantischer Disziplinierungsversuch aus ökonomischem Kalkül beschrieben und als "verhältnismässige Aufklärung" charakterisiert worden, die den neuen Adressaten zusätzliches Wissen nur insoweit zugestehen wollte, als diese es für die bessere Ausübung ihres Berufes benötigten. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts geschah aber der entscheidende Schritt zur Moderne: Lasst euch von niemanden überreden, dass ihr das Nachdenken über Religion und politische Gegenstände den Gottesgelehrten und Staatsmännern ohne Schaden überlassen könnet.
Nun ersetzen Sie mal die Gottesgelehrten (die Staatsmänner wären heute eh bloss noch Politiker ... Handelsvertreter der Partei-Meinung) durch Ökonomen - dann haben wir präzise die heutige Problemlage, in der wir uns immer noch an diese 200-jährige Empfehlung halten sollten!
Wissen lässt sich sich, so erkannte man bald, auch über Klatsch und das Ansprechen der Gefühle verbreiten - also das, was die meisten Zeitungen heute noch so betreiben. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür sind die Anfänge der Forschung über die Elektrizität. Das ganze 18. Jahrhundert hindurch wurde damit eigentlich nur spielerisch ungegangen. Professoren, reisende Schausteller, Mechanici, Ärzte, Apotheker, Instrumentenbauer und Schlosser demonstrierten elektrische Phänomen, bauten Apparate und wandten diese an. In einer solchen Situation waren Streitigkeiten um Tätigkeitsbereiche und Kompetenzen unausweichlich. Erst Galvani unternahm gegen Ende des Jahrhunderts systematische physiologische Versuche, Volta erfand um 1800 die erste Batterie, und Coulomb entwickelte 1785 die Präzisionsmessung elektrischer Abstossung - was der Auftakt war zu einem gezielten mathematischen Programm.
Ein ganzes Jahrhundert wurde also rein
spielerisch experimentiert -
und diese Experimente primär als Unterhaltung dargeboten
Die Pietisten waren da allerdings anderer Meinung: Lass dich nicht verwegen ein/von den Dingen dieser Welt zu reden - so lautete die oberste Maxime. [s. auch die Heiligung der Zeit und die Verdammung des Zeitvertreibs bei Max Weber.] Die bis zur Methode gesteigerte Verdammung jeder Untätigkeit, jeder Zeitvergeudung, wirkte nachhaltig auf die Geselligkeitskultur des ganzen Jahrhunderts; die totale Ausrichtung auf das Arbeitsprinzip vernichtete das Streben nach Luxus und selbstzweckhaften Umgangsformen. (s. Die geistige Verwirrung um die Arbeit) Die selben Kreise die uns heute Globalisierung, mehr Wettbewerb, Restrukturierung etc. als notwendig und nur positiv einreden. Zusammenfassend: Post-Kapitalismus: Effiziente Netzwerke statt teuerer Strukturen auf der einen - Motivation durch Sachzwang und Angst auf der andern Seite.]
Während also in Deutschland die Landesherren entschieden, was wahr und richtig ist, was bis hin zur Frage der Religion ging (cujus regio ejus religio), während in Frankreich, insbesondere aber England, Wege gesucht wurden, dem Volk eine Mitsprache in der Politik zu erlauben (Parlament), war dies die Lösung des Wissenschaftlers, der ohne Politik, rein sachlich, die "richtige" Lösung suchte. Dies trug dazu bei, dass sich die Lösungen auf den Bereich des Nützlichen beschränkten.
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| Konrad Klapheck 1965:
Der Krieg |
Nach dem Zusammenbruch der Stauferherrschaft im 13. JH. waren im nördlichen Italien zahlreiche Stadtstaaten entstanden. Mit der Stadt entstand generell DAS der Wirtschaft förderlichste Stratum. Die herrschenden Familien demonstrierten ihre Macht durch repräsentative Architektur, Gemälde, Denkmäler und Skulpturen. Solches, wie die ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen sorgten für zahlreiche Innovationen in den Bereichen Waffentechnik, Befestigungswesen, Wasserbau und Giessereiwesen. Die Gelehrten nahmen erstmals von der handwerklich- technischen Welt als wissenschaftlich relevantem Untersuchungsgegenstand Kenntnis.
Dies war ein prächtiges Umfeld für die ersten Ingenieure Europas, denn hier leitet sich der Ingenieur ab von ingenium, das bei den Römern mechanisches Kriegsgerät bezeichnet. Der militärisch-wirtschaftliche Komplex ist also ebenfalls nichts neues, sondern quasi systembedingt. Ingenieursarbeit bedarf der Präzision und Messgenauigkeit insbesondere bei Kartographie, Feldmessen, Bergbau, Navigation, Artillerie und Handel. Damit kam es zu einer ersten Blüte des wissenschaftlichen Instrumentenbaus, so zum Beispiel in Süddeutschland: Astronomische, geodätische und nautische Messinstrumente, Zirkel und Visierstäbe, Sonnen- und Räderuhren, Planetarien und Automaten gingen aus seinen Werkstätten hervor. So wurde die Mechanik im 17. JH zur Leitwissenschaft.
Diese miteinander konkurrierenden absolutistische Territorialstaaten boten Ingenieuren und Wissenschaftlern eine Vielzahl von attraktiven Tätigkeitsfeldern. Sicherung und Erweiterung der Macht nach aussen durch stehende Heere und eine von merkantilistischen Gesichtspunkten bestimmte Wirtschaftspolitik zu Erzielung von Einnahmen für die rasch ausufernden Ausgaben der absolutistischen Hofhaltung, die zentrale Verwaltung und den in staatlicher Regie betriebenen Landesausbau, der vor allem in den grösseren Territorien folgende Bereiche umfasste: das Vermessungswesen und die Kartographie, den Ausbau der Infrastruktur (Bau von Festungen, Flotten, Kanälen und Strassen), die Gewinnung von Edelmetallen und andern Bodenschätzen durch ein staatlich reglementiertes Berg- und Hüttenwesen, die Errichtung von staatlichen Manufakturen für den Heeresbedarf und die Luxusproduktion und den Aufbau von Forschungs- und Bildungseinrichtungen (Akademien, Universitäten).
Nach 1648 begann auch die Ausformung gesicherter Territorialstaaten in Deutschland und eine Machtkonzentration bei den lokalen Herrschern (Junker). Wie im absolutistischen Staate Frankreich prägte auch hier die der "Lokalabsolutismus" die Erwartungen der Untertanen in diese Herrscher und ihre Verwaltung: Wer absolut herrscht, trägt auch die absolute Verantwortung. Man sollte sich das heute wieder merken, denn, wenn der Finanzmarkt und die Kapitäne der Privatwirtschaft über jegliche Entwicklung des Marktes bestimmen will, dann soll er auch für die Folgen aufkommen.
Die Macht des Wissens wurde zunehmend von machtbewussten Nationalstaaten in Anspruch genommen, und die Hauptstädte sollten dabei eine Hauptrolle spielen. Traditionell waren Universitäten in deutschsprachigen Ländern, mit Ausnahme Wiens, allerdings nicht in Haupt- und Residenzstädten beheimatet, um Störungen durch aufmüpfige Studenten und zugleich deren moralische Gefährdung zu vermeiden, um Studien in ruhiger Abgeschiedenheit zu ermöglichen. Präzise so ist übrigens heute die Situation in Saudi-Arabien und Jordanien.
Im 17. JH verlagerten sich auch die Zentren von Mittel- nach Westeuropa, womit Rom, Venedig, Sevilla, Lissabon gemeint sind, die im 15./16. JH herrschten, nach London, Amsterdam, Leyden und Paris-Versailles. Nach dem Dreissigjährigen Krieg waren die in der Wirtschaft tätigen, Verleger, Handwerker und Landwirte gezwungen, sich die nötigen Informationen aus den Niederlanden, Frankreich und England zu holen. Als in Frankreich um 1685 das Duldungsediktes von Nantes aufgehoben wurde, sah sich eine halben Million von Hugenotten zur Emigration gezwungen. Diese trugen ihr fortschrittliches Wissen dann in die Länder, die ihnen Asyl boten. Basel, wie viele andere Schweizer Städte machten durch diese Immigranten einen grossen wirtschaftlichen Sprung nach vorne. Berlin profitierte von der Anwerbung niederländischer Ingenieure (wie heute die FAO ...) und vom Zuzug hugenottischer Flüchtlinge aus Frankreich und Böhmen Die Akademie von Paris dokumentiert die handwerklichen Praktiken in "Déscription des Arts et Métiers allerdings erst ab 1761, vermutlich einer der ersten, wie meist auch "zu späten" Ansätze zum "knowledge management".
In Deutschland stellte insbesondere das Berg- und Hüttenwesen zu Beginn des 18. JH ein Einfalltor für die Mechaniker dar. Wer allerdings mechanisches Génie besass, musste nach Paris oder noch besser nach London. Diese Auswanderer vermittelten dem Kontinent nach 1814 das nötige Wissen
Die Schweiz muss wohl als "Sonderfall" eines Territorialstaates betrachtet werden, als Ministaat aus einer Konföderation von Mikrostaaten, die anderswo als Regionen bezeichnet würden, aber die eigentliche politische Oberhoheit besitzen, die sie aber teilen müssen mit unzähligen Lokalhonoratioren auf lokalem Niveau, den Gemeinden, die ebenfalls über weitgehende politische Rechte verfügen.
Diesen ist ein Ordnungssystem eigen, das ich als "Funktionalistisch" bezeichnen möchte: Politik und Wirtschaft müssen in erster Linie funktionieren - und die dazu nötigen Strukturen geschaffen werden oder erhalten bleiben (s. Funktionspolitik). Wir haben hier also nebst dem angelsächsischen Liberalismus und dem nordischen Sozialismus ein drittes eigenständiges Modell, das nicht, von Geldgier und Marktmachtgeilheit besoffen, einfach über Bord geworfen werden sollte.
Kontrapunkt: Auch die von mir des öftern gelobte Funktionalismus hat nicht nur positive Seiten. Er ist heute das wichtigste Argument zu Gunsten sozialer Differenzierung, also Ungleichheit, also oft auch Ungerechtigkeit:
Nach Davis und Moore gibt es „in jeder Gesellschaft soziale Positionen zur Erfüllung gewisser notwendiger Funktionen, wobei einige der Funktionen bzw. Positionen funktional ‚wichtiger’ seien als andere. Gerade für die funktional besonders wichtigen Positionen komme es aber darauf an, jene Akteure zu finden die dafür besonders talentiert seien und die erforderliche Ausbildung mitbrächten. Talente sind aber knapp, und der oftmals mühseligen Ausbildung für die betreffenden Positionen würde sich normalerweise kaum jemand unterziehen. Daher ‚müssten’ die knappen Talente motiviert werden, sich der Mühen der nötigen Ausbildung zu unterziehen. Materielle und immaterielle Entlohnungen wären die Anreize dafür. Die ungleiche Belohnung der Besetzung der funktional wichtigen gegenüber den funktional eher unwichtigen Positionen sei aber genau das, was die soziale Ungleichheit bzw. die soziale Schichtung ausmache (...) ‚
[Hartmut Esser (2000, Soziologie, Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft. Frankfurt / New York: Campus, S. 214-231.S. 222)]
In Frankreich konnte man mit technischen Kenntnissen in der militärischen Hierarchie gut ausharren und erhielt Anerkennung und weitere staatliche Aufgaben wie im Strassen. und Brückenbau; während dem in Deutschland der Aufbau entsprechender Militärhierachien - man staune - bescheiden blieb. Es entstanden Corps für Strassen. und Brückenbau mit entsprechenden Schulen - die zwar wichtig waren für das Fortkommen in der bürokratischen Hierarchie, nicht jedoch in der Privatwirtschaft. Auch dieses Modell besteht also seit über 200 Jahren.
So war bis fast zum Ende des 20. JH die Voraussetzung für ein Studium an der Forsthochschule in Nancy, oh Graus - ein Offiziersgrad in der Armee.
Die Idee einer um ihrer selbst willen betriebenen Wissenschaft fand in Paris nur wenig Anhänger. Prestige und Nutzen für den Staat hatten den Vorrang. Unter Napoleon kam es zu einer dezidierten Disziplinierung und Militarisierung von Forschung und Lehre, vor allem an den noch jungen Eliteschulen wie der Ecole Polytechnique und der Ecole Normale Superieure. Um 1800 fanden sich 64% der europäischen Mathematiker in Paris, während Grossbritannien und die deutschen Staaten lediglich auf jeweils 11% kamen.
Erfinder und, Verfasser von Maschinenbüchern erhielten ihre Privilegien oder ihren Lohn vorweg - wodurch in Deutschland und Frankreich kein Zwang zur Geheimhaltung des Wissens mehr bestand.
London war eine der ersten "global cities", die Handel betrieb mit der ganzen Welt und auch entsprechende politische Beziehungen pflegten. Neue, von den Physikern erforschte Effekte wie der Luftdruck erlaubten den Bau von Pumpmaschinen; neue mathematische Erkenntnisse der Statistik erlaubten mehr finanzstarke Spekulationen, sei es im Versicherungswesen oder in Lotterien. Da England bereits damals so liberal war, dass man den Bau von Strassen und Kanälen oft privaten Investoren überliess, konnten diese hohe Renditen erzielen. In andern Ländern herrschten diese Freiheiten auch damals nicht.
Boulton und Watt z.B. hatten bereits 1769/76 die Dampfmaschinen so weit verbessert, dass der Kohleverbrauch um 1/3 reduziert wurde. Dies taten sie aber nicht auf Grund sozialer Verantwortung oder dergleichen, sondern weil sie sich vertraglich 1/3 dieser Einsparungen sichern konnten..
Allerdings wurde so auch das Wissen geheim gehalten. Die ersten Wurzeln des Patentschutzes finden wir vermutlich im späten Mittelalter im Umfeld Venedigs, das seine Glasbläserkunst per Todesstrafe zu schützen versuchte. Es gab bis weit ins 19. JH keine öffentlichen Schulen für Mechaniker. Lange praktische Lehrzeiten und die gesellschaftliche Einbindung der Ausgelernten in Clubs uws. boten soziale Absicherung. So ist England auch heute noch reich an einer Vielzahl wissenschaftlicher Gesellschaften, die in dieser Zeit des Aufbruchs vor 200 Jahren entstanden, wie etwa die Linnean Society 1788, (Askesian Society 1796), Horticultural Society 1804, Geological Society 1807, (City Philosophical Society 1809), Astronomical Society 1820 ... 4 davon bestehen heute noch.
Obwohl weder London noch Berlin (anders als Wien, Prag, Leipzig, Strassburg, Neapel und Rom) um 1800 eine Universität besassen, waren sie Zentren der Wissenschaft, getragen von Akademien, Fach- und Militärschulen, Krankenhäusern, Museen, Bibliotheken, Clubs und Vereinen. Die Wissenschaft selbst scheint also kaum auf einen städtischen Kontext angewiesen zu sein. [S. 681] Wissenschaft lässt sich offensichtlich auch relativ unabhängig vom herrschenden politischen Konzept betreiben, solange sich dieses nicht direkt in den Betrieb der Forschung und Lehre einmischt. Es gibt also eine ganze Menge an möglichen alternativen Forschungs- und Wissensstrukturen. Eine wissenschaftliche Tätigkeit unter Marktherrschaft, den meisten Wissenschaftlern vermutlich eher verhasst, müsste sich also wieder auf ihre Funktion als Unterhaltung besinnen:
Dabei war Wissenschaft in London auch damals bereits in deutlich stärkerem Masse den Gesetzen des Marktes unterworfen als in Paris oder Berlin. Ein meist zahlendes Publikum wollte belehrt und amüsiert werden, die Vortragenden oder Laborassistenten hofften ihrerseits auf mögliche Anschlussaufträge. Wer besonderes Glück oder Talent besass, konnte wohlmeinende Mäzene auch für wissenschaftliche Unternehmungen begeistern, die keinen direkten Gewinn versprachen.
Während die Engländer an ein kommerzialisiertes und in Patenten sowie Firmeninhaberschaft aufgehobenes technisches Wissen dachten, das ganz traditionell mit langjähriger Lehrlingszeit und unter gegenseitiger Bekanntschaft bzw. Bindung durch Clubs weitergegeben wurde, neigten die Kontinentaleuropäer stärker zur Formulierung eines lernbaren technischen Wissens, doch war die soziale Sicherung dieser Wissensbasis bislang nur unter den Fittichen des Landesherrn möglich gewesen.
Während die Professionalisierung der Wissenschaft im 19. JH vor allem an Universitäten geschah - blieb das praktische Wissen, das Wissen der Ingenieure, noch bis zum Ende des 19. JH meist in privater Hand, insbesondere in England.
Das andauernde Geplapper von der notwendigen Liberalisierung der Wirtschaftsmodelle besteht also schon seit 200 Jahren - die zu überwindenden Strukturen noch länger. Wären diese wirklich so schädlich, wie uns der Neoliberalismus weis machen will, wären sie vermutlich längst weg. [s. blabla Köppel]
Im 17. JH entstanden Ritterakademien, an denen bildungswillige Adelige standesgemäss unterrichtet und auf ihre politische Führungsaufgabe in Staat und Gesellschaft vorbereitet wurden.
Mit der zunehmenden Aufnahme qualifizierter Universitätsabsolventen bürgerlicher Herkunft in den Staats- und Verwaltungsdienst stieg der meritokratische Druck auf den Adel, sich selbst mehr zu bilden. Also eine ganz ähnliche Situation wie seit ca. 30 Jahren, da immer mehr "Normalbürger" die Universitäten eben so erfolgreich absolvieren wie die ehemalige Herrschaftsschicht - und diese einen Vorteil über noch höhere Weihen (Dr./Prof/MBA) von exklusiven Universitäten suchen müssen.
Mit der Übernahme des Bildungsauftrags in Politik, Ökonomie, Naturrecht und jus publicum, der die Verpflichtung einschloss, neue Staatsdiener auszubilden und sie mit nützlichen Kenntnissen auszustatten, hatte die Universität die Legitimationskrise zu einem guten Teil überstanden, in die sie im Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert zu stürzen drohte.
Technische Wissenschaften entwickelten sich erst ab dem 18. JH und mit ihnen die Einsicht, dass die erwünschte Gestaltung zur Erleichterung des Lebens vieler Menschen wohl möglich sei, dass aber die Abschottung bestimmter Stände voneinander tendenziell aufgegeben werden müsste. Konkret: Der Mathematiker müsste seine Vorstellung dem Praktiker (Handwerker) weitergeben, der Praktiker (Handwerker) wiederum müsste sich von gewohnten Techniken lösen und Ratschläge von Wissenschaftlern annehmen. Der Leitspruch der Berliner Akademie lautete, nach Leibnitz: theoria cum praxi [S. 515]
Newton und Leibnitz schuffen die Analyse (Differenzial und Integralrechnung, welche die mathematische Behandlung bewegter Vorgänge erlauben. Und was ist, angesichts des Zeitablaufes, schon nicht bewegt in der Natur ...? Die darstellende (beschreibende) Geometrie, noch heute der Graus mancher mathematisch-abstrakt nicht so Begabter, wird entwickelt, da die Technik dreidimensionale Gegenstände (Maschinen, Häuser, Landschaften ...) in zwei Dimensionen (auf Papier) darstellen muss, und zwar nicht als Kunstwerk, sondern so, dass man damit rechnen kann und dass die Darstellung auch eine exakte Lagebeschreibung der Körper zueinander liefert.
Trotz ... oder wegen ? ... all dieser Fortschritte, erhielt die Entwicklung der technischen Wissenschaften erst mal einen kräftigen Dämpfer - durch die Philosophie. Es geht um den noch heute nicht entschiedenen Streit zwischen Romantik (1790-1850) und Positivismus (Auguste Comte (1798-1857) :
Erstes Ziel der neuen polytechnischen Schulen, der Speerspitze der Forschung dazumals, war die Überwindung der Kluft von Theorie und Praxis. Praktisches Ziel: die späteren Ingenieure, Sozialwissenschaftler und anderen staatstragenden Funktionäre zu befähigen, Mathematik und angewandte Wissenschaften in allen nur denkbaren Anwendungsbereichen einsetzen zu können. [S. 621] .
Oberstes Ziel der neuen Wissenschaften war die umfassende Quantifizierung der Welt. Alles Geplante, Organisierte, Konstruierte wurde dem bloss Gewachsenen vorgezogen. Das ging oft so weit, dass ein Grundgesetz vergessen wurde, das dem Menschen Grenzen seines Wirkens setzt, der Grundsatz der Renaissance und frühen Neuzeit: Wissen erhielt einen gestalterischen Anspruch, der ihm früher fremd gewesen sein soll (Die Autoren vergessen die Poietik und Phronesis des Aristoteles!): Wer die Gesetzmässigkeiten kennt, denen die Natur gehorcht, kann nach ihnen handeln und bestimmen, was geschehen soll. [S. 1]
Das totale Quantifizierungskonzept des Positivismus ging also total in die Hosen - und ist dummerweise umgekippt in totale Quantifizierung als totale Bewertung jeder Sekunde, jeder Ressource, jeden Quadratmeters durch die Ökonomie.
DIE Gegenbewegung zum Positivismus war die Romantik. Die starke - und vergebliche - Betonung materieller Verbesserungen in der Aufklärung und die Erlebnisse der Französischen Revolution mögen verantwortlich dafür sein, dass nun vor allem den verinnerlichten Werten hohe Priorität zukam. Gesucht wurde mit Hilfe der idealistischen Philosophie (Platon, Fichte, Kant, Hegel, Schelling). Sie will das Ganze - statt nur Teile erfassen, ganzheitlich - und vor allem, intuitiv Denken - und auch den Gefühlen Raum lassen.
Wie der Positivismus das Rechenhafte - übertrieb nun die Romantik ihre Abscheu vor dem Nützlichen. Ausgerechnet ein Mediziner, Reil, forderte: Vorzüglich müssen die Nützlichkeitsapostel von der Universität an die Industrieschulen verwiesen werden, weil es ihnen ganz an Sinn für Wissenschaft fehlt, sie dieselbe nicht um ihrer selbst willen, sondern deswegen schätzen, weil sie taugt, Häuser zu bauen, den Acker zu bestellen und den Kommerz zu beleben.
Kritisiert wird die Romantik vor allem vom Existentialismus, also zuerst Kierkegaard, als der objektive Geltungsanspruch der Ideen abgelehnt wird. Die eigenständige Lebensführung wird dem gegenüber besonders betont.
Eine Wiedervereinigung ist seither scheinbar nicht gelungen *, wäre aber nötig, denn der Existentialismus glitt all zu oft all zu sehr in reine Überlebenslist ab, und verlor die Ziele des Menschseins aus den Augen. Es ist zwar richtig, dass das Dasein zuerst gesichert sein muss um das Sein daraus entwickeln zu können. Aber ohne eine Vorstellung darüber, was es denn da zu entwickeln gäbe (so sehen ich etwa auch die äusserst wichtige Funktion der Religionen), also Ideen, Idealen, ja sogar Utopien, kann es auch kein Streben danach geben.
* ... aber vielleicht doch im Kommen: Ein erster, etwas zu esotherischer Ansatz der philosophischen" Neoromantik", das New Age, ging in die Binsen, ein zweiter, die Allgemeine Systemtheorie, konnte sich noch nicht durchsetzen, zum Teil vermutlich, da sie immer noch Vertreter der harten, berechnenden Variante hat wie Anatol Rappaport und die gesamte Richtung der Kybernetik ... obwohl sich die Unberechenbarkeit komplexer Systeme längst erwiesen hat.
Am Ende des 18. JH stand die Produktionstechnik als Hoffnung auf Befreiung von der feudalen Bevormundung durch einen trägen Adelsstand im Vordergrund. Die neue idealistische Staatsphilosophie von Hegel sah in der Ausbreitung der Freiheit das grundlegende Moment der Erneuerung. (hab ich doch erst kürzlich wo gehört ... wo war das bloss ..?) Die Mechanici mussten so unter sehr gedämpftem Anerkennungsklima ihre Arbeit aufnehmen. Produktionsbezogene Forschung in Staat und Industrie gab es nicht, und sie wurden auch nicht eingerichtet, obwohl erst beide nach gut ausgebildeten Fachkräften verlangt hatten. Die Aufnahmebedingungen waren äusserst niedrig und auf Handwerker ausgerichtet. Die erst noch bestellten Studenten stunden also, wie heute die um 2000 bestellten Informatiker, plötzlich ziemlich dumm in der Landschaft rum, obwohl sie eine der anspruchsvollsten Studienrichtungen absolviert hatten.
Nach 1810 beobachten wir, dass viele naturwissenschaftliche und berufspraktische Bezüge aus dem höheren Unterricht verschwanden, vor allem die Technologie zählte dazu. Es waren die spekulativen Wissenschaften, die auf die Ergründung der "reinen" Wahrheit gerichteten Ueberlegungen, die an der Universität eine neue Bildungselite mit den Anforderungen eines weniger autokratisch regierten Staates vertraut machen sollten. Im Bereich der Wirtschaft fehlte es daher nun an Fachbildung. [S. 619] Bildung wurde zur Menschenbildung, nicht zur Fach- oder Berufsbildung. Mechaniker und das Zunfthandwerk stiegen sozial stark ab (... wofür sie sich heute wohl immer noch rächen)
1802 wurde die Einrichtung einer Mechanikerschule in Berlin versäumt - aber in München durchgeführt. Auch die Qualifizierungen reichten erst 1851 so weit, dass die Gewerbefreiheit eingeführt werden konnte. (Superliberale vergessen bei ihren Klagen über staatliche Beschränkungen sehr gerne, dass solche meist erst eingeführt wurden, nachdem sich Klagen über Betrügereien und Unfähigkeit von Gewerbetreibenden häuften.
Die Ausbildung an einem Polytechnikum setzte ein erhebliches Mass an naturwissenschaftlicher Vorbildung voraus, die in Deutschland an nur wenigen Polytechnischen Schulen verlangt werden konnte. Solche Bildungskonzepte wurden noch bis 1840 abgelehnt. Die Berliner Universität hatte eine ausgesprochene Aversion gegen die "materielle Richtung" gegen diesen Amerikanismus. Erst 1860 konnten die Gewerbeakademien auf diese Vorbildung bauen. Damit wurde der Mechanikus zum Ingenieur - und der Werkzeugmaschinenbau, das Herz der Branche, im 20. JH zur Domäne des Exports für Deutschland wie für die Schweiz.
Der Praktiker weiss um die Gesetze, nach denen sein Handwerk funktioniert, intuitiv und sozusagen präwissenschaftlich. ...
| Wer
Wissen und Anwendung beispielsweise im Ingenieurswesen nicht vernetzen kann, ist schlechterdings kein guter Ingenieur. |
Der Gelehrte dagegen weiss jene allgemeinen Prinzipien, nach denen die Welt funktioniert, aber er weiss sie in einer abstrakten Form, die zur unmittelbaren Überführung in die Praxis nur sehr bedingt taugt.
Das Wissensideal etwa einer Fachhochschule bringt Absolventen hervor, die die abstrakten Grundlagen ihres Faches nur insoweit beherrschen, als diese zur Generierung neuer praktischer Anwendungen notwendig sind. Vom Hochschulingenieur wird verlangt, dass er die Theorie nicht nur anwenden kann, sondern sie auch kritisch bewerten und wo nötig anpassen kann.
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| Claes Oldenburg 1971 Maurerkelle |
Zwar scheint dieser Disziplin der Name einer Wissenschaft nicht mit Recht zuzukommen ... Was ihnen fehlte, war das theoretische Fundament. Dieses wurde durch den Römischen Architekten Vitruv geschaffen, basierend auf Geometrie, Mathematik, Rationalität und Proportionen. Architektur wurde vom praktischen Handwerk (ars mechanica) zur ars libera. Für die "Adelung" als Wissenschaft übertrieb Vitruv ein bisschen und schloss auch Medizin, Astronomie, Musik und Geschichte ein, neben den heute noch als Grundlagen notwendigen Rechtskenntnissen und der Zeichen- und Modellbaukunst.
Die Professionalisierung des Architektenberufs zum akademischen Fach, sowie die Entstehung der Ingenieurberufe, setze sich in Europa nur zögerlich durch. In Frankreich und Italien bereits um 1700, in Deutschland erst um 1800, und in der Schweiz noch etwas später ...
Architektur als "Medienkonstruktion" ist ebenfalls kein Phänomen des 20. JH sondern begann bereits mit dem Kupferstich. Was eine echte Wissenschaft ist, kann nicht auf gesichertes Wissen verzichten, also Normen. So normierte und vereinheitlichte der Architekt Palladio sogar ästhetische Standards und zwar nach dem Modell Italiens als Musterland und Roms als höchstem Vorbild der Architektur.
1660 entstand die erste Schule für Architekten in Rom.
1666 entstand die französische Akademie für Architektur, ebenfalls in Rom.
| Scientia sine arte nihil est; ars sine scientia nihil est. Jean Mignot, französischer Architekt 1392 |
Die Nobilisierung der Baukunst zur "echten" Kunst hatte die unbeabsichtigte Nebenwirkung, dass nun die Architektur zwischen die Stühle der normierten Bildungswege rutschte: Sie war kein Handwerk mehr, das man allein durch mehrjährige Lehre bei einem Meister erlernen konnte, noch war sie anerkannte Fakultät des akademischen Lehrbetriebs wie Philosophie, Medizin oder Jurisprudenz. Architektur war durchgeführt worden von Malern, dilettierenden Adeligen, Priestern, Zimmerleuten, Malern und Graphikern wie Dürer, der, wie Michelangelo, auch als Festungsbaumeister agierte; oder wie Borromini, der zugleich auch Mediziner war. Das Dogma der neuzeitlichen Baukunst, das sie zur "Disziplin" macht, heist: Schöne Architektur ist richtige Architektur, die normierten, allgemein anerkannten Gesetzen der Aesthetik folgt: Keine Experimente! Das Resultat: Zugekleisterte Städte und Landschaften.
Ganz ähnliche Probleme hat heute ein verwandtes Fach, der Design, "wissenschaftliche" unterrichtet an den Fachhochschulen - Aft allerdings fangen diese etwas zu früh an, nämlich grad mit einem absoluten 0 (Null) an Wissen, wie die Vorschläge der FH Zürich für die Neugestaltung des Kulturteils des Tagesanzeigers belegt haben.
Facetten der Architekten:
Künstler, der ein Bauwerk erfindet
Baumeister
Militär-Ingenieur: Der Genieoffizier war ein militärischer Rang der Artillerie, da fundierte Kenntnisse der feindlichen Belagerungsmaschinerie die Voraussetzung für deren effektive Abwehr war. Ein Meister seines Faches, Sébastien Le Prestre de Vauban, konstruierte auch die Festung Hüningen. Sein Lebenswerk bestand aus 160 Sternfestungen, die den direkten, vertikalen Beschuss der Mauern bis zum Einsturz sehr erschwerten, ohne Türme und Zinnen, der Eine noch bestehende ist in Neuf-Breisach zu bewundern.
Theoretiker: Schreibgewandt muss der Architekt sein, damit er durch schriftliche Erläuterung ein dauerndes Andenken begründen kann. [Vitruv] Ah darum, hab ich mir doch längst gedacht. Was die meisten Architekten über ihre Bauten schreiben ist meist viel eindrücklicher, als die Bauten selbst.
Auftraggeber und Bauherr: Organisation
Intendant: Überwachung, Kontrolle. Bereits Vitruv klagte, dass Architekten all zu sorglos mit dem Geld ihrer Auftraggeber umgingen.
und viele mehr. s. mit search
Der 1. Schritt der Wissenschaft ist <Beobachtung und Beschreibung>. Dies gilt natürlich auch für Wissenschaften die auf Erfahrungen basieren.
Bevor der Ingenieur irgend was berechnen kann, braucht er Zahlen, um an die Zahlen zu kommen, braucht er leistungsfähige Beobachtungsinstrumente: Teleskope, Mikroskope, Thermometer, Glaskolben, Waagen, Barometer, Uhren, schiefe Ebenen, Prismen, Linsen, Spiegel, Elektrisierapparate. Dank Produktion und Absatz derartiger Instrumente, die noch nichts produzieren ausser Beobachtungen ! wurden London und Paris im 17. und 18. Jahrhundert zu blühenden Zentren der Instrumentenherstellung
Das Experiment wurde zum wichtigsten Bestandteil naturwissenschaftlicher Forschungsmethodik
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| George Grosz 1920:
Republikanische Automaten |
So wie man heute primär den Elektroingenieur meint, wenn man vom Bedarf an Ingenieuren redet, so war es damals der Maschineningenieur. Im Bergbau und der Metallverarbeitung war der Bedarf an Antriebsenergie derart gewachsen, dass er mit tierischer Muskelkraft und Wasserkraft kaum noch befriedigt werden konnte. So machten sich Huygens und Papin bewusst an die Konstruktion einer Wärmekraftmaschine, mussten die Versuche mit Schiesspulver aber abbrechen. So machte man sich an die Weiterentwicklung der ersten Dampfmaschine von Thomas Newcomen, 1698. Bei der Mehrzahl der Erfindungen handelte es sich nach heutigem Verständnis eher um Verbesserungen an bereits vorhandenen Arbeitsgeräten oder Maschinen ...Maschinen sollten Arbeitsprozesse ohne menschliche Eingriffe selbständig ausführen, mit einer Kraft und Geschwindigkeit, die die menschliche bei weitem übertrifft. Ein wichtiges Ziel war so von Anbeginn die Zeitersparnis. Die Effekte waren, wir wissen das inzwischen (sofern wir wollen ...), nicht immer positiv. Am Ende des 18. Jahrhunderts konnte die inzwischen vollmechanische Bandmühle von niedrig entlohnten Kindern bedient werden ...Obwohl der Dreissigjährige Krieg zu einem enormen Rückgang der Bevölkerung geführt hatte und Arbeitsplätze nötig waren, sparten diese Maschinen bereits damals Arbeitskräfte ein, insbesondere gut ausgebildete. Die mechanisierten Industrialisierung vertrieb im 19. Jahrhundert einen grossen Teil der nun arbeitslosen Bevölkerung aus Europa, vor allem nach Nord- und Südamerika, aber auch Australien und Asien (Ausdehnung Russlands). Man könnte in der Mechanisierung und der sich daraus ergebenden "Überflüssigkeit" ganzer Völkerstämme den eigentlichen Antrieb dafür sehen, dass sich Europa im 19. Jahrhundert fast die ganze Welt unterwarf. Heute produzieren die zwei Bevölkerungsstärksten Länder der Welt, China und Indien, mit den selben Mitteln die selben Probleme. Aber diesmal geht's den ehemaligen Weltbeherrschern an die Pelle.
Der Ingenieur, zuerst Gehülfe des Militärs, wurde nun zum Gehülfen der Wirtschaft, zum Projektemacher: Nicht künstlerische oder technische Begabung zeichnete ihn aus, sondern die Fähigkeit, den Herrscher davon zu überzeugen, dass die Durchführung eines bestimmten Vorhabens, sei es technischer, wirtschaftlicher oder alchemistischer Natur, trotz zunächst hoher Investitionen erheblichen Gewinn bringen würde.
Traditionell war die Logik das Instrument gelehrter Wahrheitsfindung. Die Logik wiederum fiel bis weit ins Mittelalter hinein mit der Dialektik zusammen, und die Disputation ist der Kern der Dialektik gewesen. Dialektik ist das planvolle Gespräch zweier, sie ist die Auseinandersetzung zwischen Opponent und Respondenten ... Die Wahrheitsfindung ist (war?) als Kommunikationsakt sozialisiert.
Eine Dissertation ist um 1700 alles andere als verstaubter Text. Noch erstaunlicher die Dissertationen im Mittelalter, die auf dem Markt, also in verständlicher und überzeugender Sprache gegenüber den Bauern, Schustern, Droschkenkutschern vertreten werden musste.
Die Thesen werden eingeführt, Begriffsdefinitionen und Herleitungen gegeben, die zum Thema vorliegenden Texte besprochen - bevor die These selbst systematisch behandelt wird. In der weiteren Formalisierung wurde dieser Disput zum Selbstgespräch - während die damalige Forschung vor allem auf Korrespondenz, also auf Netzwerkgeschehen beruhte - und das bereits im 17. JH. Aus den Korrespondenzen entwickelten sich die Zeitschriften - deren Artikel oft von den Redaktoren selbst geschrieben wurden (und werden), weil die Forscher vor lauter Forschen (oder Geld suchen) nicht mehr zum Schreiben kommen. Tatsächlich ist Wissenschaft eine Frage der Kommunikation, genauer der institutionalisierten Kommunikation, denn Medien kanalisieren. In ihnen wird nicht beliebiges, sondern bestimmtes Wissen in bestimmter Form an bestimmte Leute mit bestimmten Aufgaben in bestimmten Rhythmen und Formaten vermittelt. Wissen ist nicht nur Macht, sondern hat es schwer, nichts mit Macht zu tun zu haben. Wissen ist Macht. Das heisst: Wissen ist, was man daraus macht. Dies gilt auch dort, wo Wissen nicht gleich in Technik und Techniken umgenutzt werden kann.
Aber: Dass gesellschaftliche Unterhaltung aufs allerglücklichste zu richtigen Untersuchungen der Wahrheit und zur Berichtigung der Gedanken eines Menschen genutzt werden können, ist unnötig zu beweisen. Wenn die Gedanken eines Menschen bloss durch Lesen und eignes Studium gelenkt werden: so traut der Mensch, der keinen Widerspruch hört, auch als ein ächter Wahrheitsfreund, in dem Fall, da sein eigner Geist keine Einwürfe und Widersprüche entdeckt, seinen Gedanken zu leicht eine Zuverlässigkeit und Gewissheit zu, welche sie nicht haben. [S. 507]
Basisverfahren/Methodik der Wissenschaft, Philosophie und Literatur:
a) Beobachtung und b) Experiment
a) Beschreiben, b) Beurteilen, c) Argumentieren, d) Kombinieren, e) Ordnen
a) Aneignung, b) Sammeln, c) Klassieren, d) Ordnen, e) Speichern, f) Kommunizieren, g) Popularisieren von Wissen
optimale Kombination: a) systemische Beobachtung - b) Beschreibung - c) Beurteilung - d) Experiment - e) Beurteilung/Argumentation - f) Ordnen und Kombinieren - g) Speichern - h) Kommunizieren - i) Popularisieren.
Und jedes dieser Felder ist eine Wissenschaft für sich - was zum Problem beiträgt. Gute Beobachter sind nicht immer gute Beschreiber -und umgekehrt. Am besten sind diese Begabungen meist vereint bei den Journalisten, die es jedoch meist an Systematik fehlen lassen. Beide müssen nicht unbedingt toll sein in der Beurteilung, Experiment und Argumentation. Viele Wissenschaftler sind Chaoten, also nicht die besten Ordner - von Kommunikation oder gar verständlicher Kommunikation ganz zu schweigen.
Diese drei Kurzbeschreibungen der wissenschaftlichen Methode, die aus unterschiedlichen Artikeln stammen, lehren uns einiges. Die erste ist die reduktionistischste, die positivistischste: Nur was sich Beobachten und prüfen lässt, ist wissenschaftlich. Das und nichts anderes ist die Aufgabe der Wissenschaft. Die zweite ist bereits um einiges präziser. Bereits der nun erste Punkt, die Beschreibung, zeigt eines der grössten Probleme der spezialisierten Wissenschaften. Bei der Beschreibung wird selektioniert. Nicht nach der selben Methode wie beim Journalismus, also der Aktualität und dem Interesse des Publikums, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten. Aber dennoch bleibt das Problem, dass hier jede Disziplin nach ihrem eigenen Schwerpunkt die Welt aus einer ganz anderen Perspektive sieht - und dennoch jede behauptet, sie habe recht. Der zweite Punkt, die Beurteilung, basiert auf etwas, das den Wissenschaften eigentlich verhasst ist, nämlich der Wertung. Also versucht man auch hier wieder rein sachlich zu bleiben, ganz im engen Denkraum der eigenen Disziplin. Auf dieser Basis ist dann vom dritten Schritt, der Argumentation, eben nichts mehr zu erwarten, was für Aussenstehende irgendwie von Interesse wäre. Man bleibt im Detail. 4. Punkt, Kombinieren, weiteres Problem. Seit 30 Jahren wird über Inter- und Transdisziplinarität diskutiert, aber wenn diese irgendwo existiert, dann meist nur zwischen zwei oder drei Fakultäten, die im selben Gebäude oder am selben Projekt arbeiten - nicht aber im Sinne der Reintegration disziplinären Wissens in ein Gesamtsystem - was eigentlich auch eine philosophische Aufgabe wäre - genau wie der letzte Punkt, das Ordnen. Deshalb wohl die dritte Variante, die ähnlich komplex aussieht, aber innerhalb der Denkordnung der eigenen Disziplin bleibt. Das ist zur Zeit das Höchste, was wir von Wissenschaften erwarten können.
| Wegen
der rasanten "Technisierung" brauche sowohl der Staat als auch die Wirtschaft in
Zukunft immer mehr Akademiker, die neben der wissenschaftlich-technischen
Grundausbildung auch eine gute Allgemeinbildung besässen. Aber die Ingenieure,
von denen die Mehrzahl im Laufe ihres Berufslebens in unternehmerische oder
politische Führungspositionen aufstiegen, seien am Ende ihrer Ausbildung
"gehemmte Persönlichkeiten", die sich ungerne exponierten und sowohl
betriebsintern als auch gesamtgesellschaftlich kaum "den inneren Zusammenhang
vieler Probleme" überblickten. [S. 258] Hans C. Bechtler 1968: |
Das Ziel aber wäre, das Wissen wieder in einem Ganzen eingliedern zu können. Philosophisch ausgedrückt: Nach 200 Jahren in denen sich der analytische Positivismus vor allem in der Ökonomie durchgesetzt hat, sind die Myriaden an Wissensbrosamen dringend durch einen "romantischeren" Ansatz (philosophisch gemeint) wieder zusammen zu fügen. Immerhin ist einer der wichtigsten Grundsätze der Wissenschaft: Es gibt nichts Schöneres, nichts Ertragreicheres als die Ordnung. Diese wird aber erst nur an gewissen Örtern erkannt, die den Disziplinen zugeordnet sind. Die Landschaft des Wissens, die Einheit der Einzelwissenschaften, wäre aber nur durch die topica universalis sichbar zu machen.
Die Situation heute:
Aufgabe der Wissenschaft ist es, neue Produkte und Verfahren zu finden, die sich vermarkten lassen.
So gesehen steckt die Macht des Wissens offensichtlich eben nicht dort, wo das Wissen ist, sondern eher dort, wo Macht und Möglichkeit vorhanden sind, Glauben oder Meinen zu Wissen zu erklären - und Wissen als inexistent, überflüssig, langweilig zu deklarieren, sowie es nach eigenen Interessen zu verbiegen.
Die Macht, die früher in der Politik beheimatet war, und noch immer dort bekämpft wird, obwohl sie längst in die Burgen der Wirtschaft umgezogen ist, bedient sich nicht primär des Wissens, das an Schulen, Hochschulen und Universitäten gelehrt wird, sondern des listigen Wissens, der Strategien und Taktiken.
Listig bedient sich die Wirtschaft, um Wissen einzusperren - so absurd es tönen mag - der Netzwerke. Absurd ist das allerdings nur so lange, bis man sich bewusst wird, dass Netzwerk nur ein anderes Wort ist für FILZ.
Fortsetzung s. Die ETH - eine Zukunftsmaschine? Die Wissenschaften - eine magische Glaskugel? / Wissen und Macht - der Einbruch des gesicherten Wissens durch Relativitätstheorie, Quantenmechanik ... und Postmoderne / Die Kooperation der ETH mit der Privatwirtschaft / Der militärisch-industrielle Komplex und die Atombombenträume der Schweiz ... sowie die anhaltende Vernachlässigung der Soziologie / 1968 richtet sich die ETH endgültig nach betriebswirtschaftlichen Kriterien aus ... während die reale Welt sich bereits auf den Weg zur postindustriellen Zeit macht: Die "Zukunftsmaschine produziert weiterhin nur technisches Wissen, kein Orientierungs- also Handlungswissen! / Entwicklungsperspektiven / Insbesondere weist die ETH ein gewaltiges Demokratiedefizit auf, obwohl sie eine staatliche Schule ist /
Spezialfall: Geheimes Wissen, verschwiegenes Wissen, nur halbpatzig publiziertes Wissen .... - sich dauernd änderndes Wissen: Die Grundlage der Pharmaindustrie und Biotechnologie
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, 31.7.06