Die
schizophrene Weltmaschine -
Kapitalismus
- produziert: Prozesse statt Produkte, Güter statt Wohl-Sein, Preise statt
Werte, Effizienz statt Weisheit___________________________________________________________________________
[Gilles Deleuze; Felix Guatarri:
Anti-Oedpus. Kapitalismus und Schizophrenie. suhrkamp. Frankfurt 1977
Rhizom. Merve Verlag
Berlin. 1977]
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Die Wunschmaschine
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Deleuze und Guatarri haben mit dem Anti-Oedipus und dem Rhizom zwei schwer verständliche, um so gelobtere, aber im Inhalt kaum umgesetzte Bücher geschrieben. Das war allerdings vor einer Generation. Heute ist das, was sie als Ausgang ihrer neuen Psychoanalyse und ihres individualistischen Konstruktivismus nahmen, derart zum Normalfall geworden, dass es ein Leichtes sein sollte, den Inhalt zu verstehen.
1. Definitionen
Freud 1924:
In der Neurose gehorcht das Ich den Erfordernissen der Realität, mit der Auflage, die Triebbefriedigungen des Es zu verdrängen; in der Psychose steht es unter dem beherrschenden Einfluss des Es und muss mit der Realität brechen. [S. 158]
Schizo O (Definition. Besser verständlich unter dem harmloseren Begriff: Entfremdung, die hier und heute bis zur Entfremdung von sich selbst geht. Der Schizo kennt sich selbst nicht mehr, verliert den Überblick und die Kontrolle über seine Bestandteile) Das Delirium selbst oder der Bruch, die Abkehr von der Realität, wird begleitet (oder verursacht) vom relativen oder totalen Übergewicht des Innenlebens. (Dissoziation, Autismus)
Schizo I: Die Trennung des Menschen von der Natur
Aller Wahrscheinlichkeit nach tritt auf eine bestimmten Stufe die Trennung von Natur und Industrie ein: die Industrie setzt einerseits sich in Gegensatz zur Natur, entnimmt ihr andrerseits Rohmaterial und gibt ihr dafür ihre eigenen Abfallprodukte zurück. (CO2 z.B.)
Schizo II: Mittel/Prozesse werden zu Zielen
Lawrence sagt von der Liebe: <Aus einem Prozess haben wir ein Ziel gemacht; der Zweck eines Prozesses ist nicht seine Fortsetzung ins Endlose, sondern seine Verwirklichung. Der Prozess muss auf seine Verwirklichung hinstreben, nicht auf irgendeine grauenhafte Intensivierung, irgendeinen grauenhaften Endpunkt, in dem Seele und Körper letztlich vernichtet werden. >
Wir haben hier die heutige Situation präzise beschrieben, in der Wettbewerb des Wettbewerbs wegen betrieben wird- Produktion der Produktion wegen (der Wertsteigerung der produktiven Anlagen wegen) - nicht der Produkte wegen.
Deleuze/Guatarri:
Schizophrenie ist Projektion der Wunschmaschine. Der Schizophrene ist der universelle Produzent. Der Schizo ist ohne Prinzipien: eine Sache ist er nur, wenn er eine andere ist.
Es gibt nur den Wunsch und das Gesellschaftliche, nichts sonst. Selbst die repressivsten und demütigsten Formen gesellschaftlicher Produktion werden vom Wunsch innerhalb der Organisation erzeugt, die unter einer jeweiligen Bedingung, die wir zu analysieren haben, sich daraus ergibt. So bleiben die grundlegenden Fragen der Philosophie ...: Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlasst einen, zu schreien: Noch mehr Steuern! Noch weniger Brot! ... Warum ertragen die Ausgebeuteten seit Jahrhunderten Ausbeutung, Erniedrigung, Sklaverei, und zwar in der Weise, dass sie solches nicht nur für die anderen wollen, sondern auch für sich selbst? ... Nein, die Massen sind nicht getäuscht worden, sie haben den Faschismus in diesem Augenblick und unter diesen Umständen gewünscht.
2. Oedipus
| Das Biotop der Neurose: Zwang Das Kind wird nur Mensch, wenn es den Oedipuskomplex löst, und diese Lösung führt ihn ein in die Gesellschaft, wo er, in Gestalt der Autorität, die Verpflichtung vorfindet, ihn erneut zu leben, aber nunmehr unter der Bedingung restlos verriegelter Ausgänge. Und noch nicht sicher ist zudem, ob zwischen der unmöglichen Rückkehr zu dem, was dem Kulturzustand vorausging, und dem wachsenden Unbehagen, das dieser hervorruft, ein Gleichgewichtszustand gefunden werden kann. [A. Besançon, zit. S. 102] |
| Hitler hat, im wahrsten Sinne des Wortes, die Faschisten aufgegeilt. Im wahrsten Sinne des Wortes geilt eine Bank- oder Börsenaktion, ein Titel, ein Dividendenabschnitt auch solche Leute auf, die nicht Bankiers sind. |
Das Buch heisst Anti-Oedipus, weil sich Deleuze und Guatarri, wie übrigens schon viel früher Jung und Adler, gegen die zu engen Kategorien wenden, die von Freud als Ursache aller geistigen Störungen vorgegeben wurden. Die grosse Bedeutung von Sex bleibt unbestritten, da dieser immer die eine oder andere Wunschmaschine antreibt. Freud wird hier aber kritisiert, da er sie zwischen Vater-Mutter und Kind einsperrt: Kurz, die familiale Triangulation repräsentiert die minimale Bedingung, unter der ein "Ich" die Koordinaten erhält, die es in einem hinsichtlich der Generation, des Geschlechts und des Status differenziert. - Im Anfangskomplex gab es die gesellschaftliche Formation, vielmehr die gesellschaftlichen Formationen; gab es Rassen, Klassen, Kontinente, Völker, Königreiche, Souveränitäten; gab es Jeanne d'Arc und den Grossmogul, Luther und die aztekische Schlange. Im Endkomplex gibt es nur mehr Papa, Mama, Ich.
Freud sperrt die Sexualität im ödipalen Kinderzimmer ein: Nein, Oedipus ist kein Zustand des Wunsches und der Triebe, eine IDEE ist er, nichts weiter als eine Idee, die uns im Hinblick auf den Wunsch die Verdrängung eingibt, nicht einmal ein Kompromiss, sondern eine Idee im Dienste der Verdrängung, ihrer Propaganda und Propagierung.
Hier wird der Theorie von Freud wieder der richtige Rahmen gegeben: Sie ist nur eine Theorie, eine Idee. Funktioniert sie, gut, funktioniert sie nicht - weg damit. Sie entstand in einer Periode mit extremen gesellschaftlichem Druck, vor allem moralisierendem Druck, der natürliche Triebe unterdrückte, was meist zu Aufstand führt, im Falle der Psyche also zu neurotischen Reaktionen. Unter diesen Bedingungen zeigte Freuds Ansatz erwiesenermassen einige Erfolge in der Befreiung von einem zu strengen Ueber-Ich: Die Möglichkeit, jenseits des Gesetzes des Vaters, jenseits allen Gesetzes zu leben, ist vielleicht die wesentlichste Möglichkeit, die die Freudsche Psychoanalyse mit sich bringt.
Mag man auch das Geheimnis veröffentlichen, sein Recht in der Werbung geltend machen, es sogar desinfizieren, es auf wissenschaftliche und psychologische Weise behandeln, man läuft doch immer Gefahr, den Wunsch abzutöten oder ihm Formen der Befreiung zu erfinden, die düsterer ausschauen als das düsterste Gefängnis - solange die Sexualität nicht der Kategorie des sei's auch veröffentlichten, desinfizierten Geheimnisses entrissen ist, das heisst der narzistisch-ödipalen Herkunft, die ihr als Trug aufgezwungen wird, unter dem sie sich nur in zynischer, schmachvoller oder demütigender Weise vollziehen kann.
Das Problem ist bis heute nicht gelöst, trotz oder wegen der Versexung der Werbung und fast aller Lebensbereiche. s. Zensur.
3. Kapitalismus und Schizophrenie
Warum die moderne Wirtschaft schizophren zu nennen ist, ja schizogen, eine irrsinnnige Spaltung fördernd, habe ich bereits aus meinen eigenen Erfahrungen und Texten anhand des Neoliberalismus erklärt, die vielleicht etwas verständlicher sind als der Ansatz von Deleuze und Guatarri: Der Neoliberalismus fördert aus psychologischer Sicht Normen, die in mehrfacher Beziehung zu gestörtem Verhalten führen.
Bei Deleuze/Guatarri tönt das etwa so:
Der Zynismus ist das Kapital als Mittel, Mehrarbeit herauszupressen, und das Mitleid ist dieses nämliche Kapital als Gott-Kapital, aus dem alle Produktivkräfte hervorzugehen scheinen.
Kurz, die kapitalistische Maschine beginnt, wenn das Kapital aufhört, Bündniskapital zu sein, und filiatives Kapital wird. Dies wird es, sobald das Geld Geld erzeugt oder der Wert einen Mehrwert.
Die monetären Ströme sind perfekte schizophrene Realitäten, aber sie existieren und funktionieren nur in der immanenten Axiomatik, die diese Realität beschwört und abweist. Die Sprache eines Bankiers, eines Generals, eines Industriellen, einer mittleren oder oberen Führungskraft, eines Ministers ist eine vollendet schizophrene Sprache und funktioniert doch nur statistisch innerhalb der erniedrigenden Vereinigungsaxiomatik, die sie in den Dienst der kapitalistischen Ordnung stellt.
In gewisser Weise ist es die Bank, die das gesamte System sowie die Wunschbesetzung erhält.
Zwischen dem Wert der Unternehmen und dem der Arbeitskraft der Lohnabhängigen besteht unzweideutig kein gemeinsames Mass.
Deshalb sind Managerlöhne nicht vergleichbar mit Löhnen die für Produktivität bezahlt werden, da es Löhne sind, die für Wertsteigerung bezahlt werden. Deshalb führt eine Kontrolle der Managerlöhne nicht zu höheren Löhnen bei den Angestellten, sondern bloss zu höherer Wertsteigerung für die Aktionäre. Deleuze/Guatarri betrachten es als grossen Irrtum, Lohn und Profit als gemeinsamen Strom zu betrachten. Die Realität der letzten 15 Jahre zeigt, dass sie recht hatten: Boomende Wirtschaft, steigende Börsenindizes, also Mehr_Wert für die Eigentümer - bei stagnierenden Löhnen.
Niemand wird bestohlen, denn alles basiert auf der Disparität zweier Arten von Strömen, wo Profit und Mehrwert wie in einem unergründlichen Schlund sich erzeugen: Der Strom der ökonomischen Macht des Warenkapitals und der so höhnisch mit der Bezeichnung <Kaufkraft> bedachte Strom, der die absolute Ohnmacht des Lohnabhängigen wie die relative Abhängigkeit des Industriekapitalisten offenkundig werden lässt. Geld und Markt sind die wirklichen Polizisten des Kapitalismus.
Was hier mit <Kaufkraft> gemeint ist finden Sie z.B. unter Pen-/Balassa-Samuelson-Effekt
Wie bewerkstelligt der Kapitalismus diese Täuschung der Massen über Parallele aber ungleiche Ströme von Geld und Kapital / Lohn und Profit:
Deterritorialisierung von Grund und Boden durch Privatisierung (Aufteilung des Gemeingutes); Dekodierung der Produktionsinstrumente durch Enteignung (Aktiengesellschaft, Grossfirmen statt Kleinproduktion); Privation der Konsumtionsmittel durch Auflösung der Familie und der Zünfte; schliesslich die Decodierung des Arbeiters zugunsten der Arbeit selbst oder der Maschine (Mechanisierung, Computerisierung) - und für das Kapital Deterritorialisierung des Reichtums durch Geldabstraktion (Steuerfreiheit für "Investitionen", Aktien, Dividenden, kurz: steuerfreie Kapitalerträge - Entwertung kleiner Ersparnisse durch Gebühren, Verlagerung der Steuern auf Zwangskonsum, der insbesondere im Nahrungs-, Gesundheits- und sogar bereits im Bildungsbereich unvermeidbar ist.); Dekodierung der Handelsströme durch durch Handelskapital; Dekodierung der Produktionsmittel durch Bildung des Industriekapitals, usw.
Die organisierte Plutokratie: Corporatocracy - die Herrschaft der Firmen
Der Erfolg der Kapitalgesellschaften widerlegt Überlegenheit des Privatbesitzes über Staats- oder Gemeinschaftseigentum.
etcetc.
Der Kapitalismus ist die einzige Gesellschaftsmaschine, die sich als solche auf decodierten Strömen aufbaut und die intrinsischen Codes durch eine Axiomatik abstrakter Quantitäten in Form des Geldes ersetzt hat. ... Drittens existiert keine einzige Gesellschaftsformation, die die reale Figur der Grenze, von der heimgesucht zu werden sie Gefahr läuft, nicht ahnen oder voraussehen würde und die sie mit allen Kräften beschwören oder anzuwenden versucht. Daraus die Hartnäckigkeit, mit der dem Kapitalismus vorausgehende Formationen den Händler und den Techniker einzwängen und Geld- und Produktionsströme daran hindern, eine Autonomie zu entfalten, die ihre Codes zerstören würde.
Nicht einmal mehr Herren gibt es mehr, sondern nur noch Sklaven, die anderen Sklaven Befehle erteilen - nicht mehr muss jemand das Tier beladen, es belädt sich nun selbst. Nicht dass der Mensch Sklave der technischen Maschine sei; er ist Sklave der Gesellschaftsmaschine, ... Reproduktionsvieh des Kapitals. Nur als Personifikation des Kapitals ist der Kapitalist respektabel.
Der Kapitalismus sammelt und besitzt die Macht/Stärke des Zwecks und Interesses (Herrschaft), doch hegt er interesselose Liebe für die sinnlose und nichtbesessene Macht/Stärke der Maschine. Gewiss doch, nicht für sich noch seine Kinder arbeitet der Kapitalist, sondern für die Unsterblichkeit des Systems. Ziellose Gewalt, Freude, reine Freude, sich als ein Rädchen in der Maschine fühlen zu dürfen, von den Strömen durchquert, von den Spaltungen durchdrungen zu werden. Sich dorthin begeben, wo man derart vom Sozius durchmessen, in den Arsch gefickt wird, den richtigen Platz aussuchen, wo man entsprechend den uns zugewiesenen Zielen und Interessen etwas fliessen spürt, das weder Interesse noch Ziel besitzt. [S. 449]
Das ist Leistung ... fremdbestimmte Leistung, monetär bewertete Leistung = Entfremdung
Dazu kommt:
Die regulativen Funktionen des Staates implizieren keineswegs eine Art Schlichtung zwischen den Klassen ... weil nämlich aus der Perspektive der kapitalistischen Axiomatik nur eine einzige Klasse dazu befugt ist, einen universellen Anspruch geltend zu machen: die Bourgoisie.
Da sich die Klassen aufgelöst haben in eine kontinuierliche schiefe, sehr schiefe, aber kontinuierliche, also stabile Verteilung von Einkommen und Vermögen (s. Pareto-Verteilung)
Und ebenso ist die Behauptung, dass Bildung hier das Problem der Überproduktion und Unterbeschäftigung oder Unterbezahlung löse, ein Schwindel, denn Bildung war und ist a) primär ein Selektionsmittel (bereits im Mittelalter), b) hat die Tätigkeit in der grossen Maschine mit Bildung recht wenig zu tun, da sich hier nur an- und einpassen kann, wer einigermassen beschränkt und unkritisch bleibt::
So gewinnt das Doppelportrait seinen umfassenden Sinn, das André Gorz vom "wissenschaftlich-technischen Arbeiter" erstellt, diesem Meister des Stroms an Wissen, Information und Ausbildung, der aber so im Kapital absorbiert ist, dass mit ihm ein Rückstrom an organisierter, axiomatisierter Dummheit koinzidiert, der bewirkt, dass er, des Abends nach Hause gekommen, seine kleinen Wunschmaschinen anwirft und am Fernseher bastelt, o Verzweiflung! [Gorz, zit S. 303]
3.1 Kreislaufstörung
Die wirtschaftlichen Zusammenhänge die Ihnen den Hintergrund zum Verständnis diesen Zitates liefern, finden Sie unter dem Preis-Menge-Gesetz (erklärt anhand der Holzwirtschaft) und der economy of scale - der wirtschaftlichen Macht bedingt durch Grösse:
Wenn es aber stimmt, dass die Innovation nur in dem Masse aufgenommen wird, wie sie eine Profitsteigerung durch Senken der Produktionskosten erwirkt und ein ausreichend gestiegenes Produktionsvolumen existiert, das sie rechtfertigen lässt, so ist daraus zu schliessen, dass die Investition von Innovationen nie ausreichen wird, den von der einen oder anderen Seite erzeugten Mehrwert an Strömen zu realisieren oder zu absorbieren. Marx hat die Bedeutsamkeit des Problems formuliert: der sich ständig erweiternde kapitalistische Zirkel, der auf immer höherer Stufenleiter seine immanenten Grenzen reproduziert, schliess sich nur, wenn der Mehrwert nicht nur geschaffen und ausgepresst, sondern wenn er absorbiert, realisiert wird. Definiert sich der Kapitalist keineswegs durch den Genuss, so nicht deshalb, weil sein Ziel das mehrwerterzeugende <Produzieren um des Produzierens willens> allein wäre, sondern die Realisierung des Mehrwerts ein nicht realisierter Mehrwert an Strömen gleicht einem nicht-produzierten und muss sich in Arbeitslosigkeit und Stagnation niederschlagen. Die Liste der wichtigsten Absorptionsformen unabhängig von Konsumtion und Investition ist leicht erstellt: Werbung, Zivilverwaltung, Militär, Imperialismus. [S. 301-2]
Wo die Abnahme fehlt, sei es von Gütern, Dienstleistungen oder Kapital, muss dieses periodisch durch einen Potlach, eine grosse Rezession oder einen Krieg, wozu auch Wirtschaftskriege gehören, zerstört werden. (s. Amerikanische Armee und verschiedene Wirtschaftsimperialismen, insbesondere den erstarkenden chinesischen).
Obwohl ganz offensichtlich das menschliche Produktionspotential weitaus höher ist als die Absorptionskraft (spez. durch fehlende Kaufkraft behindert) der Konsumenten - und nicht zu vergessen der Natur, drängt das System nach immer weiterem Wachstum. Obwohl beträchtliche Teile der Bevölkerung, und nicht nur die am wenigsten ausgebildeten und intelligenten, aus dem Erwerbsprozess ausgeschlossen sind, unternimmt die Wirtschaft alles, um die Arbeitszeiten zu verlängern, das Pensionsalter zu erhöhen, die Einschulung früher anzusetzen, die Frauen verstärkt in die Produktion einzubinden etc. Der Produktivismus beherrscht das Denken fast uneingeschränkt. Produktion wird zu eben dem Selbstzweck, den Marx längst kritisiert hat:
Produktion als Selbstzweck, ... unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivität der Arbeit; andererseits aber kann er es nur im Rahmen seines eigenen beschränkten Zwecks; innerhalb seiner bestimmten Produktionsweise, <Produktion für das Kapital>, Verwertung des vorhandenen Kapitalwertes. Unter dem ersten Aspekt fährt der Kapitalismus fort, seine eigenen Grenzen zu überschreiten, immer weiter zu deteritorialisieren: <Das Kapital treibt dieser seiner Tendenz nach ebenso hinaus über nationale Schranken und Vorurteile .. Es ist destruktiv gegen alles dies und beständig revolutionierend, alle Schranken niederreissend, die die Entwicklung der Produktivkräfte, die Erweiterung der Bedürfnisse, die Mannigfaltigkeit der Produktion und die Exploitation und den Austausch der Natur- und Geisteskräfte hemmen>.
Bedenklich hier auch oft die Funktion der Entwicklungszusammenarbeit - was sich an Deleuze/Guatarris Kurzbeschreibung der Wirkung einer Reise beschreiben lässt: Grenzen überschreiten, durchbrechen, nicht-codierte Räume besetzen. Präzise das betreiben wirtschaftsimperialisten genau so wie andere, mit Unterstützung gutmeinender "Entwicklungshelfer" (die zwar seit ca. 30 Jahren unter Entwicklungszusammenarbeiter laufen). Sie alle helfen bei der weltweiten Verbreitung von Marktwirtschaft, Demokratie, rat-sionaler Verwaltung ... whatsoever. Vor allem whatsoever, Hauptsache es läuft was.
4. Schizo-Analyse als Befreiung der Wünsche
Die Psychoanalyse ist eine äusserst geisttötende Droge geworden, in der die fremdartigste persönliche Abhängigkeit den Patienten gestattet, die Zeit der Stunden auf der Couch, die ökonomische Abhängigkeit, die sie hierher trieb, zu vergessen. Wissen denn diese Psychoanalytiker, die Frauen, Kinder, Neger, Tiere ödipalisieren, überhaupt, was sie tun? Wir träumen davon, bei ihnen ins Zimmer zu treten, die Fenster zu öffnen und zu sagen: es riecht dumpf hier, etwas mehr Verbindung nach draussen ... Denn der Wunsch überlebt nicht, wenn er vom Aussen, von seinen ökonomischen und gesellschaftlichen Besetzungen und Gegenbesetzungen abgeschnitten wird. [S. 463]
Die These der Schizo-Analyse lautet schlicht: der Wunsch ist Maschine, Maschinensynthese, maschinelle Anordnung - Wunschmaschinen.
Die Schizo-Analyse trägt diesen ihren Namen, weil sie, statt wie die Psychoanalyse zu neurotisieren, während ihres gesamten Behandlungsverlaufs schizophrenisiert.
Aufgabe der Schizo-Analyse: Die Natur der libidinösen Besetzung des gesellschaftlichen Feldes, ihre möglichen inneren Konflikte, ihre Beziehungen zu den vorbewussten Besetzungen dieses Feldes, kurz, das umfassende Spiel der Wunschmaschinen und der Repression des Wunsches blosszulegen.
Aufgabe der Schizo-Analyse ist es folglich, zu den unbewussten Wunschbesetzungen des gesellschaftlichen Feldes vorzudringen, die sich von den vorbewussten Interessebesetzungen unterscheiden, ihnen nicht nur entgegenwirken, sondern zuweilen auf entgegengesetzte Weise koexistieren können.
Der Schizo-Analytiker stellt keinen Interpreten, noch weniger einen Regisseur dar, er ist Mechaniker, Mikromechaniker. Im Unbewussten wird keine Ausgrabung vorgenommen, keine Archäologie betrieben, werden keine Statuen gefunden, sondern nur, wie bei Beckett, Steine zum lutschen, und weitere Maschinenelemente deterritorialisierter Mengen. Herauszufinden gilt es, welches die Wunschmaschinen eines jeden sind, wie sie laufen, mit welchen Synthesen, welchen Durchdrehungen, welchen grundlegenden Fehlzündungen, mit welchen Strömen, welchen Ketten, welchen Ausprägungen des Werdens in jedem Fall.
All dies sieht relativ harmlos aus, allerdings ergibt sich daraus ein wichtiger weiterer Schluss: An Stelle der Psychoanalyse die Neurose diagnostiziert, allenfalls therapiert, wollten Deleuze/Guatarri die Schizoanalyse setzen, die Schizoidie diagnostiziert - und auf Therapie verzichtet, da dieser Wahn perfekt in unsere Zeit und insbesondere unsere Wirtschaftsform passt.
Denkräume sind Wirkungsräume - was wir nicht denken können, uns nicht vorstellen können, das können wir auch nicht tun. Ist das Denken beengt, ist die Handlungsfreiheit beengt. Nun schlage ich vor, alle beide zu ersetzen durch eine Geistesanalyse, eine Analyse der Denkprozesse, welche die Anbindungen, die Anschlüsse des individuellen Denkens freilegt - ohne in finstern Kammern zu wühlen, ohne "Störungen", also Denkprozesse die nicht der Norm, den Ansprüchen der Gesellschaft oder den persönlichen Wünschen entsprechen gleich zu Psychiatrisieren. Eine Geistesanalyse, als Denkanalyse, sollte helfen, den Geist von Zwängen zu befreien. (Natürlich nur den, der sich per Denken erfassen lässt, also weder den heiligen noch irgend einen finstern Ungeist).
5. Rhizom - Neuron - Informion: Die Vernetzung des gespaltenen (schizoiden) Wissens
Deleuze und Guatarry, die bereits ihren schwer verständlichen Anti-Oedipus anboten per: Ja, nehmt was ihr wollt. Wir haben nicht vor, eine Schule zu gründen; auch Schulen, Sekten, Cliquen, Kirchen, Avantgarden und Arrièregarden sind Bäume, die in ihrer lächerlichen Erhabenheit und durch ihren lächerlichen Sturz alles zermatschen, was sich Wichtiges ereignet. [S. 41] - stellen der Baumstruktur des Wissens das Rhizom gegenüber, das hier analysiert, weiter entwickelt und angewendet werden soll:
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| Amsterdam: Stadt ohne Wurzeln, Rhizom-Stadt der Stengelkanäle, wo sich in einer Handelskriegsmaschine Nützlichkeit mit grösstem Wahnsinn verbindet. [S. 26] |
Freud geht ausdrücklich auf die Kartographie des kleinen Hans ein, aber immer nur, um sie auf ein Familienphoto zu reduzieren. ... Wenn ein Rhizom verstopft ist, wenn man einen Baum daraus gemacht hat, dann ist es aus, dann kann der Wunsch nicht mehr strömen. Denn der Wunsch bewegt sich und produziert sich nur durch ein Rhizom. [S. 24]
Die Kritik geht nun aber über eine der Psychoanalyse hinaus, und umfasst alle Strukturen, denn: Strukturen und Konstruktionen der Einen, verlangen Anpassung von den Andern. (der ist von mir, im Falle ...)
Der Baum ist genau die Staatsmacht. Im Laufe einer langen Geschichte war der Staat Modell für Buch und Denken: Logos, Philosophenkönig, Transzendenz der Idee, Innerlichkeit des Begriffs, Gelehrtenrepublik, Tribunal der Vernunft, das beamtete Denken, der Mensch als Gesetzgeber und Subjekt. Welche Anmassung des Staates, das verinnerlichte Bild der Weltordnung zu sein und den Menschen zu verwurzeln. [S. 39]
In zentrierten (oder auch polyzentrischen) Systemen herrscht hierarchische Kommunikation und von vornherein festgelegte Verbindungen; dagegen ist das Rhizom ein nicht zentriertes, nicht hierarchisches und nicht signifikantes System ohne General, organisierendes Gedächtnis und Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert. [S. 35]
Das Rhizom selbst kann die verschiedensten Formen annehmen, von der Verästelung und Ausbreitung nach allen Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen und Knöllchen. [S. 11]
In einem Rhizom gibt es keine Punkte oder Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel. Es gibt nichts als Linien. ... Wir haben keine Masseinheiten, sondern nur Massvielheiten oder Massmannigfaltigkeiten. [S. 14]
s. Intentionalität und Entwicklung: Der Mensch als sein eigenes Ziel, wich auch Das Wissen der Vielen Individuelles Wissen und Denken und Wünschen ist entscheidend für Mannigfaltigkeit, .d.h. Freiheit, d.h. Lebensqualität.
Sprache konstituiert Strukturen: Es gibt keine Muttersprache, sondern die Machtergreifung einer herrschenden Sprache in einer politischen Vielheit. Die Sprache stabilisiert sich im Umkreis einer Pfarrei, eines Bistums, einer Hauptstadt. Sie bildet Knollen. Sie entwickelt sich durch Stengel und unterirdische Ströme längs Flusstälern oder Eisenbahnlinien, sie verschiebt sich durch Oelflecken. [S. 13]
Der Kapitalismus sammelt und besitzt die Macht/Stärke des Zwecks und Interesses (Herrschaft), doch hegt er interesselose Liebe für die sinnlose und nichtbesessene Macht/Stärke der Maschine. Gewiss doch, nicht für sich noch seine Kinder arbeitet der Kapitalist, sondern für die Unsterblichkeit des Systems. Ziellose Gewalt, Freude, reine Freude, sich als ein Rädchen in der Maschine fühlen zu dürfen, von den Strömen durchquert, von den Spaltungen durchdrungen zu werden. Sich dorthin begeben, wo man derart vom Sozius durchmessen, in den Arsch gefickt wird, den richtigen Platz aussuchen, wo man entsprechend den uns zugewiesenen Zielen und Interessen etwas fliessen spürt, das weder Interesse noch Ziel besitzt. [S. 449]
Das präzise ist das, was heute unter "Leistung" verstanden wird ...
In einem Rhizom dagegen verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Codierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten. [S. 12]
Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen.
Für einen klareren Dialog zwischen den Menschen reicht allerdings die bis anhin von mir favorisierte Argumentation nicht (allerdings für einen konstruktiven sokratischen schon). Jeder sachlich-wahrheitsorientierte Dialog muss unter diesen Gegebenheiten aus drei Perspektiven beobachtet werden:
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Die sachliche (objektive) Ebene des ES |
Die persönliche (subjektive) Ebene des ICH |
Die zielorientierte (strategische)
Ebene des WIR |
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s. Konstruktivismus 2.4 Nichtviabilität als Falsifikation
Kartographie:
Schreiben hat nichts mit Bedeuten zu tun, sondern mit Landvermessen und Kartographieren, auch des gelobten Landes. [S. 8]
Kritik:
A) sind diese Wünsche noch kaum irgendwo verwirklicht. Forumszeitungen haben immer noch einen Trend (Mittellandzeitung, AZ recht rechts, Tagi auch schon eher rechts ...) Das Internet, in dem sich diese Vorstellung am ehesten realisieren lässt, erlaubt zwar Individualität - bezahlt aber (per Werbung) nur für Masse. (s. Bannerwerbung). Hier hilft das Rhizom nicht viel weiter, wo Anschluss primär kommerziell erfolgt: Denn beim Schreiben geht es nur darum, zu wissen, an welche andere Maschine die literarische Maschine angeschlossen werden kann, ja angeschlossen werden muss, damit sie funktioniert [S. 7] Bei so was denkt heute fast jeder an Vermarktung. Und so ist Schreiben auch bloss noch als Werbeträger für andere, für Dinge und Dienstleistungen (s. Gratiszeitungen, die nur noch Werbeträger sind, keine eigenständigen Werke und Ideenträger).
B) idealisieren Deleuze&Guatarri das Rhizom, denn botanisch betrachtet ist es nichts als eine Sprossachse die Wurzeln geschlagen hat, also der vegetativen Vermehrung dient. Das Rhizom ist also im Anfang genau so abhängig wie Kinder. Es schmarotzt bei den Eltern, bezieht seine Energie von Stamm, ist also nicht die Bohne unabhängig und frei. Das Rhizom kann sich erst "befreien", wenn ein ausreichend grosses Wurzelsystem und Blätter das Rhizom mit Nährstoffen, Wasser und Energie versorgen. Zudem ist es genetisch mit diesen absolut identisch. Das Problem des Dialogs, d.h. die Verständigungsschwierigkeiten zwischen den unterschiedlichen "Sprachen" der Teilsysteme (Rhizome) bleibt ungelöst. Rede in vielen Zungen, die babylonische Sprachverwirrung der Sondersprachen führt zu Sophismus in seiner negativen Bedeutung, also sinnlosem Gebrabbel.
C) Kartographie ist sekundär, kritisch ist aber immer die Konstruktion: Wer erbaut welche Strukturen, zu welchem Zweck - und wer wird dazu verpflichtet oder verführt, sich diesen Strukturen anzupassen:
Die Priester errichten Strukturen, sind also Konstruktiv tätig,
die Krieger verteidigen sie,
die Bürger nutzen sie,
die Unterdrückten und Ausgeschlossenen verfluchen sie
- denn Strukturen zementieren Macht, verlangen Anpassung, und das gilt für alle Strukturen, angefangen bei denen des Denkens!
Wir müssen uns also etwas vom zu realen Bild des Rhizoms lösen, weshalb ich dieses Ding etwas abstrakter Neuron (ein Denk-Kern, der mit einer Unzahl anderer Denk-Kerne vernetzt ist) oder doch lieber, weil auch dieser Begriff besetzt und nicht ganz passend ist, INFORMION nenne. Es enthält einen Kern Wissen, der mit andern Kernen verbunden ist. Da im selben Raum, also auf der Erde, alles mit allem irgendwie verbunden ist (s. Stoa), gibt es keine wirklich unabhängigen Bestandteile.

Die Gesamtheit des Wissens konzentriert sich im Weltbild, aus dem sich seinerseits wiederum der Sinn (des Lebens ...) ableitet. Dieses steht auf der selben Ebene mit Kultur, Tradition, also dem lokalen, regionalen, nationalen whatsoever Orientierungswissen.
In der Graphik rechts sehen Sie im untersten Feld die Faktoren, welche die Handlung beeinflussen. Es sind, neben dem motivationell höher liegenden eher generellen Orientierungswissen und dem fallspezifischen Sachwissen vor allem Machbarkeit, Intention (und Plan), Entscheidung und der Wille zur Durchsetzung, die unabdingbar sind bis Handlung erfolgt. Beeinflusst wird diese aber noch durch Interessen, Gerechtigkeit, Klugheit und ein Bewusstsein von Gerechtigkeit, Verantwortung und weitern ethischen Prinzipien.
Details s. Weltbildforschung
| Beim Jahrtausendwechsel 1900 war man neurotisch - 100 Jahre später schizoid, um dazu zu gehören. Nicht mehr der Zwang (an den man sich gewöhnt hat, da er nicht mehr von Personen, sondern "vom Markt" ausgeht, bedrängt die Menschen, sondern die Aufspaltung des Wissens, des Tuns, der Rolle, ja der Identität zerlegt den Menschen in Brösel. |
In der Realität wird dieser komplexe Ablauf oft auf ein Minimum reduziert, oft soweit, dass sogar gehandelt wird ohne zu denken, was allerdings der Bedeutung von Handeln nicht mehr gerecht wird, da Handlung als solche immer bewusst erfolgt - und Handlung immer auch Verantwortung bedeutet.
Die folgende Graphik, die das Riemann-Thomann-Kreuz darstellt, zeigt die Relationen zwischen Nähe und Abgegrenztheit (Extremfall Schizoidie, bei Abtrennung des Geistes von der gesellschaftlichen Realität) auf der einen, Dauer (Zwangsneurose) und Wechsel (Hysterie) auf der andern Achse. Waren vor 100 Jahren, als Freud sein Konzept entwickelte, die Männer noch auf Sicherheit, Ordnung (bis zur Neurose), Unterordnung aus und am liebsten in Truppen organisiert, die Frauen der Harmonie- und Nähe bedürftig (also meist hysterisch, da die Welt (der Männer) bereits zu wechselhaft wurde), so änderte sich das bis zum letzten Millenniumswechsel ziemlich massiv. In unserer Gesellschaft ist nicht Dauer und Verlässlichkeit das Höchste, sondern Innovation, Wandel, Veränderung, Flexibilität. Im Wettbewerb eines Jeden gegen Jeden zählt der Sieg, also gnadenlose Selbstbehauptung, Unabhängigkeit, Omnipotenz, Distanz - was die Frauen wiederum im Gegenpol verlässt, also der Depression.
Die grassierenden Neurosen zur Zeit Freuds waren also das Resultat von Autorität und Zwang, die zu einer autoritär-national(-sozialistischen Grundhaltung/Weltbild führten, während dem heute die Grundhaltung, das Weltbild dominant wirtschaftsliberal, individualistisch, wissenschaftlich-technisch-rational, bürokratiesozial ist, was bei den Männern zu Schizoidie, bei den Frauen zu Depressionen führt.
Wohlgemerkt:
Schizoidie ist NICHT das Resultat von fehlender Autorität, sondern von fehlender gesellschaftlicher Orientierung!

Wahrheit muss immer anschlussfähig sein, nur der Irrsinn steht isoliert da. Hier muss ich noch präzisieren: isoliert im Netzwerk des Wissens, denn in der Gesellschaft liegen die Dinge gerade umgekehrt: Je dämlicher und beschränkter eine Idee, desto einfacher ist es, Anhänger zu finden und damit die Massen zu mobilisieren. Bevor sie eine Meute oder Menge mit komplexen Argumenten mobilisiert haben, sind die längst eingeschlafen oder haben sich was interessanteres gesucht. Trends und Moden, Mengen, Gruppen, Massen bestimmen also nicht darüber, was Wahrheit ist. Im Gegenteil, sie massieren den Irrtum. Denken und Urteilen muss also individuell erfolgen - und sich dann, erst dann, in der Gesellschaft mitteilen; ausgleichen, tarierend das Mittelmass finden. (s. Das Wissen der Vielen)
Der Baum, das Wurzelbuch, die binäre Logik, die dichotome Aufspaltung erfasst die Vielheit nie wirklich, da die obligate Einheit von Hauptwurzeln, Stamm, Blättern, Blumen, Früchten, Seitenwurzeln eine begrenzte und damit begrenzende Struktur bereits vorgibt. Dennoch ist der Baum, strebend als Achse zwischen dem Niederen, Irdisch-Unterirdischen, und dem Hohen, dem Licht, zum Symbol und zur Grundstruktur der meisten Kulturen geworden. Polarität (zwischen links und rechts z.B.) dominiert heute noch, dominierte immer: Apollon<>Dionysos, Stoa<>Epikur, Sparta<>Athen, Rom<>Karthago, Senat<>Plebs, Gotik<>Renaissance, Katholizismus<>Protestatismus, Kant<>Rousseau, Liberalismus<>Sozialismus etc. Die Vorgabe einer binären Struktur entspricht der Realität nicht, produziert also Nonsense.
Das Rhyzom stellt einen zweiten Typ dar: büschelig, die Hauptwurzel verkümmert, der Rest wuchert, mit einer Vielheit von Nebenwurzeln - aber doch eine Einheit, eine Einheit in Vielfalt, eine multikulturelle Ordnung.
Der Gedanke entsteht, laut Frege, in drei Stufen:
Fassen durch Denken - Urteilen durch kritisches Bestimmen des Wahrheitsgehaltes - Anschluss durch Publikation:

Urform des Informions s. Mikroartikel http://www.brainworker.ch/publizieren.htm
Der präzise Inhalt des Informions ist noch diffus. Für Wittgenstein (2) entsprach der Satz dem Gedanken - und ist selbst eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. Er verwarf aber später selbst seinen frühen strengen Formalismus. Auch obige Ausführung zur Entstehung des Gedankens zeigt, dass dieser eine Menge Wurzeln hat in unterschiedlichen Kontexten, was zu unterschiedlichen Perspektiven führt, sogar bei gleicher Ausgangsposition der Denker: Er wurzelt im Umfeld, im sachlich-wissenschaftlichen Umfeld, im persönlichen Umfeld, im beruflichen Umfeld - wo die Interessen der Auftraggeber bestimmen, was gilt.
Unter Strukturen des Denkens habe ich den einfachsten Baustein, das Atom des Denkens, vorläufig als Denkstück bezeichnet. Diese Gruppe umfasst Worte, Symbole, Formeln. Auch der Logos hilft nicht weiter, denn er wird zwar oft analog zum Wort verwendet: <Im Anfang war das Wort>, bezeichnet aber eigentlich eine geschriebene Rede, samt Buchstaben, Wörtern, Syntax, Grammatik, Sätzen.
Bereits anhand des Begriffs lässt sich das Problem leicht aufzeigen. Einer der wichtigsten Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens ist die Klarheit und Präzision, die Unzweideutigkeit der Begriffe. Will man aber den Gehalt eines Begriffes begreifen, nimmt das Wörterbuch oder Lexikon zur Hand (oder heute Google), erhält man Sätze, Paragraphen, Seiten, oft ganze Bücher - um bloss einen einzigen Begriff zu erklären (so etwa Gerechtigkeit, Klugheit, Emanzipation, Armut etc). Worte tragen also oft eine ganze Aura von Bedeutungen mit sich, was von den Rednern und Schreibern gerne ausgenutzt wird, um ihre eigenen Ziele zu fördern. Aus diesem Grund ist Information nicht bloss auf Grund ihres sachlichen Anschlusses, also der logisch-wissenschaftlichen Herleitung zu werten, sondern immer auch auf Grund ihrer Intention. (Nicht vergessen: Rhetorik ist die Kunst der wirksamen, d.h. der zielorientierten Rede, der Rede, die Wirkung erzielen soll.)
Die Ortung eines Informions auf der Karte des Wissens, im Index, ist also provisorisch [Wissensgebiet/Wissenschaft - Disziplin - Paradigma ...].
Noch schwankender ist der Wahrheitsgehalt wenn wir ihn an der PERSPEKTIVE bemessen: Gilt die Aussage für den Sprechenden persönlich, eine Gruppe (Familie, Stamm, Dorf, Nation) - oder global? Mit Begriffen wie "objektiv", "allgemeingültig" etc. wird hier per Wissenschaftlichkeit eine Differenz zugekleistert, die sehr viele Probleme verursacht. So wird heute, dank Neoliberalismus, betriebswirtschaftliche Regeln für alle mögliche Organisationsformen angewandt, dabei aber übersehen, dass sich z.B. ein Land dann mit dem Abfall und den Leuten befassen muss, die als Ausschuss im betriebswirtschaftlich organisierten Markt-Prozess übrig bleiben. Die Volkswirtschaft bildet hier längst keinen ebenbürtigen Gegenpol mehr, von einer globalen Volkswirtschaft, die ein globales Volk, ein globales Menschenrecht, ja eine globale Gerechtigkeit voraussetzen würde, nicht mal zu reden. Das wirtschaftliche Organisationsprinzip hat eine andere "Wahrheit" als das gesellschaftliche Organisationsprinzip. Wirtschaftlichkeit lässt sich in Gruppen, Clustern, Netzwerken (2) optimieren - Gesellschaftlichkeit muss sich an der Fläche orientieren, also an der Gesamtheit des Volkes, nicht bloss an den Auserwählten, Erfolgreichen, für die Produktion von Mehrwert Brauchbaren.
Das Informion trägt alle notwendigen Informationen mit sich, die für Anschluss oder Passung nötig sind:
Wahrheitskriterien: Argumente, Grundlagen, bestehendes Wissen als Ausgangslage
Denkkonzept/Methode: wissenschaftlich, philosophisch, ethisch, literarisch, künstlerisch, mechanisch, intuitiv, spekulativ, konvergent (normal), divergent (exzentrisch), synthetisch, analytisch ....
Troglologie: Das Wissen über die Löcher im Wissen - an welche Wissenslöcher grenzt das Informion an?
Strukturelle Löcher in Netzwerken
Perspektive Ausrichtung: Zu welchem Umfeld gehört dieser Wissensbrocken?
Individuum: freie Intentionalität und freie Entscheidung
soziale Gruppe: Geschlecht, Familie, Betrieb, Freunde, Verein, Volk, Rasse:
Die durch Kultur tradierten Wahrheiten - Quine's <truth by convention>
Die Mehrheit bestimmt was gilt: Topik
dialogische Wahrheit durch herrschaftsfreien Konsens (Habermas)
Betriebsordnung
...
Hoheitsrecht & Gesetz - als räumliches Ordnungsprinzip: Gemeinde, Staat, Staatenbund - Menschenrechte
weiteren spezifischen Kontext
Entwicklung:
Herkunft/Geschichte
Entwicklungspotential
Das Informion ist immer auch ein Infirmion, also ein krankes Element, denn genau wie die gepflückte Rose, abgetrennt von Stamm des Lebens, ist es ein serbelndes Element, auf das nicht all zu lange und all zu viele Sorge verschwendet werden sollte. Es ist vergänglich. Ein haltbareres Informion wäre das Mem (die Meme), das Kulturgen - welche kulturelles Wissen über längere Zeiträume transportieren.
Anders als das Konformion, das sich anpasst, hat es immer was anarchistisches, freies, herrschaftsloses, denn es steht für sich selbst, unterwirft sich keiner Wurzel und keinem Stamm - was Deleuze/Guatarri mit dem Rhizom erreichen wollten, aber mit dem botanischen Analog etwas verfehlten. Das Rhizom ist ein sich bewurzelnder Klon - das Informion ist ein Teilstück das für gewisse Zeit relativ autonom bestehen und sich an beliebig viele passende oder antagonistische andere Informione anschliessen kann. Das Informion ist der Insubordination fähig, der Nicht-Unter-Ordnung, kann sich allerdings nicht verschiedenen Anschlüssen und Abhängigkeiten entziehen, denn erst durch diese erhält es seinen Wahrheitsgehalt..
Das im Informion vorhandene Wissenspaket, Wissensmolekül, darf, trotz seiner sprachlichen Herkunft und Verwandtschaft, nicht mit Information verwechselt werden. [s. Von Daten zu Informationen, Wissen und, last not least, zur Handlung]. Es ist um ein vielfaches komplexer als eine Information, die in Sachen Komplexität, Verknüpftheit und ihrem Beitrag zum Verstehen fast am Anfang der Reihe <Daten - Information - Wissen - Weisheit> steht, insbesondere wo es Wertung und Kritik (negative Beziehungen) mit einbezieht..
Das auf Informionen aufbauende Konzept des Denkens erlaubt die Prüfung und Einordnung von Wissen in weit grösserem Rahmen als es dem beschränkten wissenschaftlichen möglich ist, der heute die Norm darstellt in der Beurteilung der Qualität von Wissen:
Einige Beispiel zu den wichtigsten Wissenskategorien:
Wissenschaftliches Wissen: Eine wissenschaftliche Arbeit besteht standardmässig aus folgenden Teilen:
Problem
Methodik
Resultate
Diskussion
Entscheidend für die "Wissenschaftlichkeit" ist z.B. no 2, die Methodik, die es zu beherrschen gilt, was durch Absolvieren eines Studiums mit möglichst hohen Weihen (Dr. Prof. mult. und hc, noch besser Nobelpreis) belegt wird. Was sich mit der entsprechenden Methode nicht behandeln lässt, also alles was mit Werten und Wertung wie mit freien Entscheidungen zu tun hat, ist nicht wissenschaftlich ... also eigentlich die meisten reellen Probleme. Ein eher philosophischer Ansatz über Informione könnte da weiter helfen.
Wirkungsorientierte Wissenschaften, also Wissenschaften die zur Handlung disponieren oder gar auffordern wie speziell die Ingenieurswissenschaften, Medizin, Oekonomie etc, hatten hier schon immer ein Problem, das heute meist verschleiert wird, bei Aristoteles unter dem Terminus Phronesis, als praktische Weisheit (praktische Philosophie = Ethik), aber noch klar auf das Wahre und Gute ausgerichtet war. Im selben Problemfeld findet sich heute z.B. auch die Sozialarbeit, die eine ganz klar intentionale Ausrichtung hat: Verbesserung menschlicher Schicksale - durch Integration in die Gesellschaft, vor allem aber den Markt, wobei ihr aber nur Eingriffe, oft Übergriffe, in/auf das Individuum gestattet werden, kaum aber eine Veränderung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen.
Aktualitäten, Nachrichten- und Zeitungswissen: Dieses Wissen gehorcht in erster Linie dem Gebot der Neuigkeit, der Aktualität, die zwar gerne, oft durch reine Phantasie, in die Zukunft extrapoliert wird - aber zu selten, oder zu Oberflächlich mit der Geschichte verbunden werden. Bei guten Recherchen spielt präzise der Kontext eine Hauptrolle. Träger ist hier nebst der Attraktivität, die durch Bezug zu reellen Personen, bildhaften Beschreibungen von Farben, Formen, Gerüchen, kurzum Eindrücken hergestellt wird, die journalistische Verantwortung, also die Absicherung durch Befragung mehrerer Informanten - was im Vergleich zu den Wissenschaften eben eine recht beschränkte, wenn auch meist genügende Absicherung des Wahrheitsgehaltes darstellt.
Kunst (als primärer Inhalt des modernen Kulturbegriffs): Auch viele Kunst-Werke sind (oder waren ....) eigentlich Informione, wenn sie ein Wissen mitteilen können, meist intuitives Wissen über Menschen, Landschaften, den Zeitgeist, die Zukunft ... Wie eine mathematische Formel bezeichnen sie oft Tatsachen oder Wünsche oder Albträume - durch Symbole.
Politik misst ihre "Wahrheiten" an Topen/Themen, die Mehrheiten schaffen können, also konsensfähig sind. Es handelt sich um eine klar intentionale Wahrheit, die relativ und problematisch ist. Beispiel SPD: Soziale Gerechtigkeit schafft keine Mehrheit (Linksbündnis) - dann ist die Gerechtigkeit am Arsch. Ebenso intentional ist konservative Politik, da sie ja meist nicht das erhalten will, was besteht, sondern vorwärts zurück will zu einer imaginären guten alten Zeit, die es so nie gab.
Theologie und Oekonomie haben einen Kanon an Wahrheiten, die es zu respektieren gilt (die heilige Schrift / der Markt). Das Leiden das dadurch verursacht wird ist von den Betroffenen zu ertragen als Opfer für ein höheres Ziel, sei es das Himmelreich, Wohlstand oder bloss globale Wettbewerbsfähigkeit. Beide geben sich als gehorsame Dienerinnen der causa prima, der ersten und einzig bedeutenden Ursache - sind aber wirkungsorientiert, also final, also intentional, was immer nach einer Kritik der zugrunde liegenden Werthaltung ruft.
Martin Herzog, Webphilosoph, Basel, 14.3.08