KOOP - Bildungsbörse - WISSENSCAFE:Programm / Archiv

Stadthelferzentrum
Vogesenstrasse 110
4056 Basel - St. Johann

Eintritt/Teilnahme frei

Anfragen an M. Herzog, 061 831 80 15, hewww@brainworker.ch

Funktionen und Martyrium des Wissens in der Politik

Oder: Hat der Bürger wirklich unzureichendes "Wissen" für eine direkte Demokratie?

Hauptproblem: Es geht bei Abstimmungen gar nicht darum, dass "die Wahrheit" gefunden werde, der Bürger sein Wissen kundtue, sondern darum, dass der Wille der Mehrheit geschehe. Der Bürger muss also nur wissen was er will, nicht nachrechnen, ob ein Atomkraftwerk sicher ist oder die Statik eines Tunnels oder einer Brücke richtig gerechnet wurde. Da kann er sich immer noch getrost (mit Ausnahme der Atomkraftwerke vielleicht ...) auf die Ingenieure verlassen. Der Bürger wird gefragt nach Nutzen, Zweck und Sinn, die die Vorlage für ihn selbst macht: Will ich den Scheiss oder nicht, bringt er Glück, Wohlstand .. oder zumindest ein paar Verbesserungen für die Zukunft die ich will - oder stört er diese.
Persönlich halte ich Basisdemokratie für richtig (ist es meine Meinung - also kritisierbar), weil derjenige, der Entscheide, auch falsche Entscheide, am Schluss immer ausbaden muss, der Bürger ist. Kommt was zu teuer - der Bürger zahlt mehr Steuern. Funktioniert was nicht, der Bürger leistet Ersatz. Macht eine Strasse Lärm, der Bürger lebt damit. Während dem die Haftung der Politiker für falsche Entscheide nahe  bei Null liegt.

Nimmt man an, der Bürger sein zu dumm (oder anständiger ausgedrückt: überfordert) seine Angelegenheiten zu verstehen und Politik zu betreiben, so fragt es sich, ob die "Fachkräfte der Politik" in der repräsentativen Demokratie da wirklich in einer besseren Verfassung sind? Aber eigentlich geht es auch hier nicht um tiefschürfende sachliche Probleme, sondern um Interessenausgleich, unterschiedliche Anschauungen darüber, wie die gute Welt auszusehen hat, mit welcher Politik und Wirtschaft wir dahin gelangen.

Was das Sachliche angeht, so wurden die Universitäten seit dem 15. JH ja primär deshalb etabliert, um für die Staatsführung, insbesondere aber die technische Staatsverwaltung, qualifiziertes Personal zur Verfügung zu haben.

In der Politik geht es ja mehr um die Durchsetzung der eigenen Interessen - als Ganzes betrachtet also um einen optimalen Ausgleich aller - meist widerstrebenden - Interessen. Bedeutsamer für die Politik ist also nebst dem Wissen - das Wollen - das Bewusstsein - die Wertung - und vor allem die Entscheidung. Der Bürger muss sich bewusst machen, warum er sich für oder gegen etwas einsetzt, denn unbewusste Entscheidungen, Entscheidungen ohne Wissen über die Gründe, ohne bewusste Wertung, sind dumpf. Der Bürger muss sich Nutzen, Zweck und Sinn der Sache klar machen: Will ich den Scheiss oder nicht, bringt er die Zukunft die ich will - oder stört er sie.

Definitionen:

Bei Aristoteles hat das wissenschaftliche Wissen die Aufgabe, den Wahrheitsgehalt von anerkannten Meinungen zu klären und abzusichern. Wissen steht im Dienste der richtigen Lebensführung (nicht von Wachstum, für die Wissen nur noch Produktions- und Verkaufswissen bedeutet). Für Platon ist das richtige Ziel der Wissenssuche das richtige Handeln, also ein ethisches, ein wertendes.

Xenophanes (s. Skeptiker) kritisierte, dass Erfahrung nicht zu sicherem Wissen führt. Er setzt die Suche an Stelle des Wissens. In der Suche nach Einsicht findet der Mensch Besseres. Dagegen wiederum wendet sich Heraklit, der lehrt, dass empirische Vielwisserei nicht zu Einsicht führe.

Phänomene kausal erklären

Komplexität logisch reduzieren: Systematik aufbauen

Diese fielohsofische Definition vergisst ein bisschen, dass die meisten Entscheidungsprozess heute weder in der Jurisprudenz noch der Politik durchgeführt werden, sondern in der Wirtschaft. Diese hat sich auch ein dementsprechend enormes Sammelsurium an Methoden der Entscheidungsfindung erarbeitet (s.u. ein paar Beispiele. Weitere Entscheidungsbaum, neuronale Netze, ). Die Definition macht klar, dass hier kaum oder nur ungenügend Wissen vorhanden ist, dennoch wird, besonders in der Politik, gerne zu sachlicher Argumentation gegriffen, was dann allerdings bloss zu einem sog. und sehr beliebten Sachzwang führt. Damit steuert die Verwaltung ihre Regierung.
Die Entscheidungstheorie  gehört zur Wahrscheinlichkeitstheorie. Man versucht also, bestmöglichst zu raten. Das zentrale Problem der Entscheidungstheorie ist das Auffinden bzw. Aufstellen von Kriterien für die Wahl einer «optimalen» oder «rationalen» Handlungsalternative in Entscheidungssituationen.

Als Verfahren der Entscheidungsfindung stehen zur Verfügung:

  1. Quantitatives (mathematisches) Verfahren:
    1. Kalkül inklusive Spieltheorie
    2. Optimierung
    3. Wahrscheinlichkeit
    4. Analytischer Hierarchieprozess (analytischer Netzwerkprozess, Nutzwertanalyse, Klepner-Tregoe (KT), Verbundmessung (conjoint analysis), TOPSIS (Technique for Order Preference by Similarity to Ideal Solution)
  2. Empirische Entscheidungsverfahren:
    1. persönliche individuelle Entscheidungen (subjektiv)
    2. Gruppenentscheidungen s. Sozialwahltheorie

Grundproblem der Demokratie: Die Verführbarkeit der Massen: Da der Mensch frei ist, sind seine Entscheide gerne will-kürlich, d.h. der persönliche Wille bestimmt, was und wie entschieden wird.  Wird der Wille nun bestimmt durch nicht belegte Fakten, also Annahmen, Nichtwissen, hängt der Entscheid quasi in der Luft. Wird der Wille bestimmt durch polemischen Populismus, lässt sich das Individuum durch die Masse verführen und gibt seinen eigenen Willen samt Urteilskraft ab.

Wird die Mehrheit durch beliebiges Palaver und Gewäsch der unterschiedlichen Parteien unwissend und verwirrt stehen gelassen, obsiegt in der Entscheidung einer meist ideologisch festgerfahrene Minderheit die in all dem Wirrwar immer noch behauptet, den Ueberblick und die Lösung zu haben. Das ist ebenfalls ein beliebtes Verfahren der Manipulation.

Martin Herzog, Basel, 3.5.2011