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Martin Herzog

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PISA 2009

6 Zur Vererbung der Intelligenz, zu Sozialstruktur und Familienpolitik.

  1. Gedanken zum IQ
  2. Was ist das eigentlich, der IQ ?
  3. Intuition und Kreativität
  4. Intelligenz, Präsentation, Erfolg
  5. Gehirn und Gedächtnis
  6. Zur Vererbung der Intelligenz
    1. Der Flynn-Effekt
  7. Die Abhängigkeit des regionalen IQs von der Wirtschaftslage

Gab in einem ersten Ansatz bereits schon die Tatsache Anlass zur Sorge, dass IQs die schulische und berufliche Laufbahn bestimmen - aber weder dem eigenen Willen, noch dem der Eltern oder Lehrer oder des Marktes unterliegen sondern ganz einfach so sind, normalverteilt und zu mindestens 50% vererbt - so liegt die Sache leider noch komplexer, aber dennoch nicht besser. Nebst dem IQ bestimmt nämlich noch stärker das familiär tradierte kulturelle Kapital (Bourdieu) und dadurch die soziale Herkunft über das erreichbare Bildungs- und Karriereziel.

Soziale Klassen heute Die Erhaltung sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem [24.2.07]

Die PISA-Studie und die Analyse der Resultate war für Deutschland ein ziemlicher Schock, da insbesondere belegt wurde (Deutschland hatte den höchsten Unterschieden zwischen dem obersten und untersten Quintil), dass die Bildungsreform gescheitert war, also Bildung nicht zu sozialem Ausgleich führt, sondern Ungleichheit konserviert, wenn nicht gar verstärkt.

Dieses Resultat wurde natürlich innert kürzester Zeit übertüncht mit Klagen darüber, dass unqualifizierte Einwanderer den Durchschnitts-IQ drücken und die Wettbewerbschancen auf dem Weltmarkt schmälern.

Die Bestimmung des kulturellen Kapitals:

Das kulturelle Kapital der Eltern wurde durch die Häufigkeit des Lesens, die Häufigkeit des Besuchs von Fortbildungskursen und die Anzahl der Bücher im Haushalt indiziert.

Als Indikatoren für das kulturelle Kapital des Kindes wurde die Häufigkeit des Uebens mit Musikinstrumenten, der Konversation mit Gleichaltrigen über Theater, Filme, Bücher und Kunst, des Lesens von Büchern und des Hörens von klassischer Musik verwendet.

Resultate:

Das elterliche Bildungsniveau hat einen viel stärkeren Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder als der effektiv ausgeübte Beruf der Eltern.

Sarrazin: Wer keine Ahnung hat vom IQ sollte nicht andere damit bewerten!

Sarrazin hängt zur Zeit hier, bei der Vererbung des IQ ein - wie die Kommentare in diesem, bereits 2003 erstellten Artikel zeigen, aber verfehlt, mehrfach verfehlt:

Das von Sarrazin angestochene Problem mit der Intelligenz ist eines, aber weniger was die Immigranten betrifft, mehr was unser eigenes Bildungs- und Wirtschaftssystem betrifft. Der IQ zeigt die (Normal-)Verteilung der Intelligenz innerhalb einer Gesellschaft. Da er vor allem die Leistung im Umgang mit abstrakten Denkmustern beschreibt, ist er von Zeit und Umfeld, also Gesellschafts- und Wirtschaftsstuktur stark abhängig - und genau deshalb für Vergleiche unterschiedlicher Gesellschaften wie Zeiten ungeeignet. Ein IQ etwa von Cäsar ist ein Witz. Ein IQ eines analphabetischen Bauern in der 3. Welt auch, denn der kann unter Umständen dennoch ein gewiefter Dorfchef sein (- mit IQ von 0, was bei uns bedeuten würde bewusstlos oder tot).

Tragischer als solche in Rassismus endende Beurteilungen anderer ist aber, sogar oder gerade aus chauvinistischer Sicht, dass das gleiche Denkprinzip auf die eigene Bevölkerung angewandt wird. Tiefere Intelligenzen werden durch Schulsystem wie Berufsprüfungen systematisch ausgeschaltet. Wo bereits für KindergärtnerInnen eine Matur erwartet wird, haben IQs unter 115 kaum mehr eine Chance, und das sind in dem Fall ganze 84% der Bevölkerung! Obwohl die Leute andere und gute Fähigkeiten haben, werden sie an den Rand gedrängt, Einheimische im eigenen Land, nicht durch Ausländer, sondern durch Dummheit, durch die Anwendung eines Wirtschaftssystems das sich nicht Dienstleistungssystem für alle versteht, sondern als selektives Herrschaftssystem, in dem nur die klügsten und reichsten etwas zu melden haben.

Dazu kommt, dass der Wissensstand unserer "Wissensgesellschaft" eh massiv überschätzt wird. s. Qualität der Medien

Wie wenig der IQ mit Glück oder Erfolg zu tun hat, wird in diesem Artikel hier beschrieben, weiter unten.

Tragisch ist, dass 2/3 der Bevölkerung, also immerhin 16% mit einem IQ von über 100, die Ansichten Sarrazins teilen:

Die Schulbildung des Vaters trägt in den oberen Schichten mehr zum Bildungsstatus der Eltern bei als in den unteren. Die Anzahl der Bücher und die Häufigkeit des Lesens differenzieren am besten - obwohl gerade bei 16-jährigen, und nur diese werden von PISA erfasst, also nicht überinterpretieren!, die Subkultur der Clans die Erfassung kultureller Ressourcen gerade in dem Alter schwierig macht.

Interessant ist die Tatsache, dass Lesen an und für sich die Chancen fördert - unabhängig davon, was gelesen wird. Unterhaltungsliteratur erfüllt also - was das Training des Gehirns angeht - die selbe Funktion wie gehobene Literatur (was allerdings für die Inhalte dann mit Sicherheit nicht gilt). Negativ wirkt sich so die Lektüre von Unterhaltungsliteratur allerdings bei Kindern von Eltern mit hohem Status aus, da hier das Hirn nicht gefordert, sondern unterfordert wird. Während dem das Lesen von Unterhaltungsliteratur bei Kindern mit tiefem Status die Dauer der Schulbildung um durchschnittlich 2 Jahre zu verlängern vermag, führt das Selbe bei Abkömmlingen aus hohem sozialem Status zum Abstieg.

Die Prognosen für das erreichbare Bildungsniveau, auf Grund von Messungen während der Hauptschulzeit, wird bei männlichen Schülern durch soziale Herkunft, Intelligenz und Noten, bei weiblichen, die auch hier "weniger berechenbar" sind, nur durch die Intelligenz bestimmt. Während der Realschule lässt sie sich nur bei weiblichen Jugendlichen prognostizieren und zwar durch die Leistungsbereitschaft, im Gymnasium durch soziale Herkunft, Intelligenz und Noten bei Schülerinnen, nur durch Noten bei Schülern:

Die männlichen Jugendlichen (13 Jahre) stehen offenbar unter starkem Erwartungsdruck, was durch hohe Korrelation mit den Erwartungen der Eltern gestützt wird. Bei Konstanthaltung dieser Merkmale haben diese Schüler aber eine geringere Intelligenz und ein geringeres schulisches Selbstbewusstsein. Trotzdem schaffen sie einen relativen Weg nach oben. [S. 284]

Die Langzeituntersuchung bei Alter 35 unterstützt die These, dass Männer nebst dem Antrieb durch soziale Herkunft und Intelligenz auch durch die Selbstbestätigung durch die Noten die sie mit 15 erhielten angetrieben werden. Die schulische Laufbahn von Frauen wird jedoch völlig von innerschulischen Determinanten wie Erfolg, Leistungsbereitschaft, Selbstbewusstsein und Noten abgekoppelt. Zudem wirkt sich eine positive Lernumgebung auf Mädchen fördern aus, nicht aber auf Jungs, die offensichtlich durch die aktuellen Bildungsstrukturen diskriminiert werden, eine Diskriminierung die mit zusätzlichen Sprachen weiter zunimmt.  Bildungswege sind also immer nach Geschlecht getrennt zu erforschen. [

[Werner Georg (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Eine empirisch-theoretische Bestandesaufnahme. UVK Verlagsgesellschaft mbH. Konstanz 2006.  S. 288]

______________________________

Eine Nachbetrachtung zum Bericht PISA 2000 http://www.v-weiss.de/pisa3.html
- Pisa 2003 [publ. 6. Dez. 04]:

Nehmen Sie den Test nicht ernster als einen Intelligenz- oder sonst irgend einen Test. Es gibt in der Welt weitaus mehr Intelligente als man daraus schliessen könnte, aber viele davon können eben noch nicht mal lesen - und beziehen ihre Intelligenz aus ihrer eigenen praktischen Erfahrung.

Viel wichtiger als solche Mittelwerte, die statistisch von derart vielen Faktoren abhängen, dass sie eh kaum viel aussagen, ist die Beachtung der tiefen Werte, da hier ganz offensichtlich keine Chancengleichheit herrscht. Auch für die Bildungspolitik sind die tiefen und mittleren Werte entscheidend. Da Pisa quasi einen Intelligenztest darstellt, ist die Skala gegen oben begrenzt. IQs über 140 lassen sich erstens nur wenig präzise schätzen und es handelt sich um weniger als 1% der Bevölkerung der in diesem Bereich liegt, der so wenig zur Erhöhung des Durchschnitts beitragen kann.

Gerade weil die Schule mit ihrer dauernden Be- und Entwertung von Menschen die Chancengleichheit ad absurdum führt, forderte Ivan Illich bereits vor 35 Jahren, und zwar aus den missglückten Erfahrung von Entwicklungsländern im Bildungsbereich, präzise das Gegenteil des gegenwärtig über PISA forcierten internationalen Wettbewerbs, nämlich einen gesetzlichen Schutz vor obligatorischer Bildung und vor Bildungszwang. Der Bildung darf KEIN prioritärer Status zugemessen werden - denn der beschränkt die Freiheit der Menschen, insbesondere derer mit geringeren Bildungsmöglichkeiten. Die Bürger müssen davor geschützt werden, auf Grund schulischer Beurteilung keine Arbeit finden zu können, da dies nicht bloss ihre Freiheit, sondern sogar ihre Existenz beeinträchtigt. Die Überbewertung von Bildung, von schulischen Qualifikationen, führt also zu einem Verstoss gegen das erste und wichtigste Menschenrecht, das Existenzrecht. Institutionalisierung und straffe Ausrichtung auf die selben Bildungsziele (mehr Produktivität) machen das Schulsystem zum eigentlichen "grossen Bruder".

Der Test sollte auch nicht überbewertet werden, da weder Bildung noch Intelligenz das Problem Arbeitslosigkeit als ganzes beheben, sondern Arbeitslosigkeit eh immer auf die Schwächern verlagert wird. [s. Bildung & Arbeitslosigkeit]. In dem Beitrag wird auch gezeigt, dass z.B. der höhere Bildungsgrad in der Westschweiz, wie ihr besseres Abschneiden bei Pisa, eben gerade nicht mit einer tieferen Arbeitslosigkeit einher geht, sondern ein missglückter Versuch ist, derselben zu entgehen. 

Das mehr Wissen auch zu mehr Dummheit führen kann, zeigt die Anhäufung des Wissens im 20. Jahrhundert und die Folgen einer unglücklichen Komplexitätsbewältigung durch Fokussierung in Faschismus, durch Selektion in Postmoderne. [s. Kritik der zynischen Vernunft: Achten Sie insbesondere auf Wissenszynismus 1 & 2].

Dummheit ist nicht unverschuldetes Nichtwissen, sondern eigenwilliges bewusstes Handeln gegen besseres Wissen. Und dagegen hilft die Anhäufung von immer mehr zusammenhangslosem Detailwissen nun schon grad gar nicht!

Einige schliessen nun eben daraus auf die Notwendigkeit, sich einem globalen Wettbewerb der Bildung und Intelligenz zu stellen. Eine Schlussfolgerung, wie sie nur von wenig intelligenten Kurz-und-Einfachdenkern gezogen werden kann, denn in Was ist das eigentlich, der IQ ? wurde bereits deutlich gezeigt, dass es DIE Intelligenz nicht gibt, sondern dass es unterschiedliche Faktoren und auch unterschiedliche Intelligenzen gibt. Noch wichtiger jedoch die Tatsache, dass reiche Leute erfahrungsgemäss meist nicht zu den Intelligentesten gehören [Warum sind reiche Leute meist nicht besonders Intelligent? (Mathematisch belegt)] - und neuer, dass man sogar als ausgewachsener Trottel Präsident werden kann. Das liegt daran, dass sich Reiche wie Zielstrebige nicht um komplexe Zusammenhänge kümmern, was eben gerade die Begabung der Intelligenten ausmacht, sondern intuitiv oder instinktiv wissen, welche Faktoren (für ihr begrenztes Vorhaben) von Bedeutung sind und sich nur um diese kümmern (wobei dann allerdings jemand anders die Folgen ausbaden muss, die sich unweigerlich in jedem komplexen System ergeben und die kaum vorhersehbar sind.).

Der Unterschied zwischen einem Denken (und damit einer Intelligenz) die zielgerichtet nach Verwirklichung des Guten strebt Phronesis), und einer Intelligenz, die danach strebt, ein Ziel zu erreichen, unabhängig davon ob es richtig ist oder nicht (Cleverness), wurde bereits von Aristoteles aufgedeckt.

Dass die Sache mit dem internationalen Wettbewerb der Intelligenz wirklich eine Aussage der geistig Armen ist wird auch bereits klar, wenn man sich überlegt, was Wettbewerb eigentlich bedeutet, nämlich wenige Gewinner - viele Verlierer, noch mehr Zuschauer. s. Warum Wettbewerb als Allerweltsheilmittel nicht taugt.

Es gibt also eine ganze Menge Gründe, warum weder der IQ in der traditionell verwendeten Form, noch die auf ihn beruhenden Schulnoten überbewertet werden sollten. Es gibt sogar wirtschaftliche Gründe dafür. Heute finden wir unter den Topverdienern keinen einzigen Nobelpreisträger oder gar eine philosophische Koryphäe - aber sehr viele Menschen mit sehr beschränkter Begabung ... der beschränkten, aber oft ausgezeichneten Begabung, den Markt für sich zu nutzen. Unter den Topverdienern finden wir aber nicht nur Geldhändler, sondern auch Schauspieler, Fussballer, Sänger, Regisseure, SchriftstellerInnen (Rowlings als Musterbeispiel). Hätten die sich nach ihrem IQ und den Schulnoten klassieren lassen, wären sie fast allesamt spurlos in der Masse untergegangen. Wie jede Klassierung von Leistung ist auch der IQ beengend, zu beengend für die Vielfalt der menschlichen Begabungen.

Das ruft aber eigentlich nicht nach noch mehr Schulfächern und noch rascherem Anhäufen von Wissen, sondern nach einer besseren Erfassung, Schulung und Nutzung der bei einzelnen wirklich vorhandenen Begabungen und Talente - also nach einer Anwendung und Umsetzung des Konzepts der multiplen Intelligenz.

Merk-Würdig: Der intelligenteste Mensch der Welt lebt zur Zeit in den USA. Er hat einen IQ von über 200, ist erfolgloser Obdachloser, und konnte als Kind einer verwahrlosten Trinkerfamilie seine Begabung nie einsetzen. [Malcolm Gladwell: Ueberflieger]

7.5.08: Die Sache wird immer klarer. Anlässlich der Zugangsprüfungen in Zürich zum Langzeitgymnasium wurde vom Kompetenzzentrum für Bildungsevaluation der Universität Zürich ein Test durchgeführt, der etwas sein soll zwischen PISA und IQ-Test. Ermittelt werden soll die "allgemeine Problemlösungsfähigkeit", allgemeine kognitive Fähigkeiten, durch das Erkennen von Mustern/Regeln in graphischen und sprachlichen Darstellungen. Ziel: Schaffen die "richtigen" Kinder den Sprung ins Gymnasium? Für den Erfolg der Bildungsinstitutionen ist das sicher das richtige Vorgehen - für eine gerechtere Verteilung von Chancen, von Zugang zu recht bezahlten Jobs, ganz sicher nicht. Das Vorgehen entspricht aber zu 100% der Ideologie der Produktivität und Funktionalität. (s. Heidegger: Die Wissenschaft denkt nicht - und die Technik ist von Macht und vom Machen besessen.)

Dass es bei "Schule" offenbar eben so, wenn nicht mehr, um Selektion als um "Bildung" geht, belegt auch ein Postulat von SVP/EVP zur Einschränkung der Zugangsprüfung zum Langzeitgymnasium im Kanton Zürich. Wer die Prüfung nicht schafft, ist raus. Es gibt keine zweite Chance. Verlierer werden defintiv als solche markiert. Das Land braucht offenbar nicht bloss Bildung, sondern ebenso Verlierer.

Wie unbrauchbar die Selektion auf einzelkriterien ist - wie sie auch und gerade der IQ darstellt - zeigt eine Untersuchung der Qualität von 1122 Aufsätzen. Es galt das Thema "Schuluniformen" oder "Spucken und Abfallentsorgung in der Oeffentlichkeit" darzustellen, durch Zusammenfassen eines Zeitungsartikels, Pro und Kontra Argumente sowie eigene Erlebnisse. Eine Aufgabe, die die meisten ziemlich fordern würde. Nichtsdestoweniger ist deutlich, dass viele Sek. C Schüler die Aufgabe besser meisterten als Sek. B Schüler, die besten sogar an die Mitte der Sek. A Schüler herankamen. Die Klassierung ist also äusserst relativ - und darf nicht als Mass genommen werden, nach dem über das zukünftige Schicksal der Schüler schon entschieden wird, bevor sich diese über ihr zukünftiges Berufsleben auch nur die geringste Vorstellung machen können. Genau so wenig allerdings sollte der "neue" Test dafür verwendet werden, wie das offenbar www.stellwerk-check.dh nun vorschwebt, denn da wird der Teufel einfach durch Beelzebub ersetzt. DAS Problem das es zu lösen gilt heisst: Wie kann jeder eine menschen-würdige Stellung im Leben einnehmen, auch diejenigen, die durch gewisse Eigenschaften dafür nicht "qualifiziert" sind. [Daniel Schneebeli: Viele "schlechte" Schüler schnitten gut ab. Tagesanzeiger 9. Mai, S. 17]

Alle Jahre wieder ... Bemerkungen zur soeben erschienenen Studie Pisa 2009, veröffentlicht am 7. Dezember 2010:

Noch immer herrscht der Glaube, bei der Intelligenz gäbe es einen Wettbewerb wie bei der Olympiade. Dummerweise wollen oder sollen es hier alle mit Schnellauf versuchen, auch die Heavyweights. Ich habe oben des Langen und Breiten die Meinung vertreten, der Test sei für die Katz, was internationale oder gar interkulturelle Vergleiche angehe. Die neuen Entwicklungen bestätigen meine Vorbehalte. Die Schweiz ist heut stolz, zu den Besten zu gehören (endlich, wo wir doch die reichsten, die glücklichsten, die wettbewerbsfähigsten, kurzum die einzigen sind):

In Deutschland sind, wieder mal, die Lehrer schuld, dass es nicht ganz so rausgekommen ist, wie erwartet.

Dass das Ganze ein Witz ist, hier z.B. anhand der Lesefähigkeit erläutert: Ich hab da so einen Kollegen, der glaubt nicht, dass ich ausreichend Englisch kann, dass ich überhaupt was versteh von Literatur, dass von meinem Wissen (Schulwissen und Berufswissen) überhaupt noch ein substantieller Teil da sei. Also muss ich mich ab und zu testen lassen, in Englisch, Textverständnis und ähnlichem. Gerade bei so einem Lesetest bin ich mal knapp genügend rausgekommen, was etwas seltsam ist für jemanden, der nicht pro Jahr, sondern pro Woche an die 3 Bücher liest, diese öffentlich rezipiert, und bereits ein ganzes Lexikon verfasst hat (Brainworker umfasst gedruckt ca. 20'000 Seiten). Also nam es mich wunder, wonach der Test eigentlich beurteilt. Und die Sache ist so: Um gut abzuschneiden, muss man über sämtliche gelesenen Bestandteile Auskunft geben können, muss sich den Inhalt also merken, zumindest bis zur Abfrage. Dies unabhängig davon, ob der Text totaler Mist, Propaganda, oder einfach uninteressant ist. Gerade bei der heutigen Ueberflutung mit Daten steht das quer zu allem, was da nötig ist: Schnelle Selektion, selektives Merken und Integration in bestehendes Wissen. Der Test belohnt also schülermässiges Verhalten, dressiert auf Scholastik: Jeder Text ist wichtig. Es ist Dir nicht erlaubt, ihn zu kürzen, zu ändern, oder gar zu vergessen.

Geht es nun also um eine Prüfung, wird sich der Geprüfte darauf einstellen, sich das Gelesene (inklusive Mist) einfach einprägen, in Erwartung der seltsamen Fragen die da wohl kommen werden. Was also in den letzten Jahren geschehen ist, ist a) eine bessere Vorbereitung auf die Prüfung (PISA genannt), b) aber auch die Förderung eines ev. problematischen Volltextlesens, dass dem heutigen, widersprüchlichen Angebot nicht entspricht. Ob die Leser ihren Text wirklich verstanden haben, kann nur der Lehrer bei direkter Befragung, allenfalls Aufsätzen über den Text herausfinden. Die Tests sind Mist. Der erziehlte Effekt ist der selbe wie der Flynn-Effekt, nämlich eine Steigerung der Vertrautheit mit dem Fragenkatalog. Wer z.B. keine Ahnung hat von mathematischen Reihen und Geometrie, braucht zu einem solchen Test kaum anzutreten: 1,2,3,4 ... 5 / 2,4,6,8 ...10 / 3,9,27,81 ... 243 / 4,7,12,21 ... 39.

Dieser Effekt spielt insbesondere da eine starke Rolle, wo es um den Umgang mit Prüfungen generell geht. Ein geschickter Proband checkt die Fragen erst mal nach Schwierigkeitsgrad, beantwortet sofort die Fragen, zu denen er die Antwort gleich weis. In einem zweiten Gang werden dann die Fragen beantwortet, bei denen man etwas hirnen muss, im dritten Arbeitsgang diejenigen, bei denen es ev. auch noch Papier und Bleistift braucht - und die echten Knacknüsse, die zwischen Genie und Masse unterscheiden, bewahrt man sich für den Schluss - um auch da die lösbarsten, die einfachsten rauszusuchen. Denn, nicht vergessen, bei Pisa wie bei jedem IQ-Test geht es um Leistung, also richtig beantwortete Fragen x Schwierigkeitsgrad / Zeit. Auch dieses Vorgehen ist natürlich ein Zeichen von Intelligenz - aber nur das erste Mal, danach ist es angelernt, eben ein Flynn-Effekt. Präzise dieser Bereich, Erfahrung mit Prüfungen unter Zeitdruck, erklärt vielleicht die Ueberlegenheit der Asiaten, da diese viel mehr als wir darauf gedrillt sind, zu lernen und geprüft zu werden, vielleicht auch immer noch, das Vorgelegte, zu Lernende, zu Prüfende relativ kritiklos einfach zu übernehmen, weil es ja von Autoritäten, von Aelteren stammt. "Lehrstoff" einfach mit einem "Bockmist" in den Papierkorb zu befördern ist vermutlich keine asiatische Tugend, dürfte es aber mit der Masse von seichtem Wissen das im Internet geboten wird auch noch werden, so nach und nach.

Statt die Lehrer auszuwechseln, sollte man des öftern vielleicht eher die Verfasser der Texte und Tests auswechseln.

______________________________

Aus den Untersuchungen von Volkmar Weiss:

Die Hochbegabten (ihr mittlerer Test-IQ 130) und fast ausnahmslos alle ihre Verwandten 1. Grades (also Eltern, Kinder und Geschwister) sind entweder selbst hochbegabt oder gehören einer Berufs- und Leistungsgruppe mit mittlerer Qualifikation (mittlerer IQ 112) an, zu der rund 30% der Gesamtbevölkerung gehören. Heiratet ein hochbegabter Ehepartner einen ebenfalls hochbegabten Partner, dann sind mit fast 100%-Sicherheit die Kinder dieses Paares wiederum hochbegabt. Die Kinder dieser Ehepaare besuchen das Gymnasium und ausnahmslos die Fachrichtungen, in denen wissenschaftlich-technische Hochleistungen heute so gefragt sind. Heiratet jedoch ein Partner mittlerer Qualifikation (und dazu gehört die Mehrzahl der Geschwister der Hochbegabten) einen Partner mit ebenfalls mittlerer Qualifikation, dann sind nur 25% der Kinder aus diesen Ehen wiederum Hochbegabte, 50% der Kinder haben eine mittlere Qualifikation und 25% eine einfache Qualifikation (mittlerer IQ 94).

Untersuchungen dazu: http://www.mugu.com/cgi-bin/Upstream/Issues/psychology/IQ/elite.html

Die folgende Analyse von Weiss will auf Probleme mit Wanderungsbewegungen hinweisen, stellt dabei aber gerade auch deutlich dar, dass unser Begriff von Intelligenz sehr stark, vermutlich zu stark, auf einem einseitigen Begriff abstrakter Erkenntnisfähigkeit beruht: Lesegeschwindigkeit, Mathematik und Physik. So weit mag die Korrelation ja stimmen, allerdings fehlt der Nachweis, und dieser dürfte schwer fallen, dass Mathematiker, Physiker und Bücherwürmer überdurchschnittlich erfolgreich seien, was die Teilnahme an Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben betrifft:

Wenn man das Buch "PISA 2000" von vorn bis hinten durchliest, dann ist es von einem einzigen Gedanken durchzogen: Nämlich die Ursachen von Unterschieden in der sozialen Umwelt zu finden und nur und ausschließlich dort.

Die PISA-Studie „beansprucht, Basiskompetenzen zu erfassen, die in modernen Gesellschaften für eine befriedigende Lebensführung in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht sowie für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben notwendig sind“ . Eine bessere Definition für die Wirkungen eines „Generalfaktors der Intelligenz“ (Herrnstein und Murray 1994; Brand 1996; Gottfredson 1997; Rost 2000) liest man selten, aber das Buch umgeht den Begriff „Intelligenz“ wie die Katze den heißen Brei. Unter den „Basiskompetenzen“ versteht man „Lesekompetenz, Mathematische Grundbildung und Naturwissenschaftliche Grundbildung“. Unter Lesekompetenz wird nicht nur, wie man etwa vermuten könnte, die Lesegeschwindigkeit (Weiss 1995a) gemessen, die ebenfalls sehr hoch mit dem IQ korreliert und deshalb ein Bestandteil mancher Intelligenztests ist (z. B. des KAI – Kurztest für Allgemeine Intelligenz; Lehrl et al. 1991), sondern „Lesekompetenz wird in PISA in Einklang mit der Forschung zum Textverstehen vielmehr als aktive Auseinandersetzung mit Texten aufgefasst. ... Neben den basalen Lesefähigkeiten gehören auf Seiten des Lesers hierzu vor allem auch kognitive Grundfähigkeiten, Sprach-, Welt- und inhaltliches Vorwissen, strategische Kompetenz.Und wie, bitte, soll man diese „kognitiven Grundfähigkeiten“ anders begreifen als eben als „Allgemeine Intelligenz“? Doch die ist für Pädagogen inzwischen tabu.

Keine Schulzensur korreliert so gut und so hoch mit dem IQ wie die Mathematikzensur, gefolgt von der Physikzensur. Das ist ein gesichertes Ergebnis von 100 Jahren Psychometrie.

Es ist nichts als folgerichtig, wenn bei PISA die Lesekompetenz mit der Mathematikkompetenz mit .84 korreliert, mit der Naturwissenschaftskompetenz mit .83 und Mathematik und Naturwissenschaften untereinander mit .87 korrelieren. Aber es war gerade diese Beobachtung der hohen Interkorrelation von Einzelaufgaben verschiedener Inhalte und Erfahrungsbereiche, die den Psychologen Spearman (er studierte damals in Leipzig) im Jahre 1904 dazu brachte, von einem „Allgemeinen Faktor“ der Intelligenz zu sprechen. Und gerade aus diesem Verständnis heraus wurde dann in den folgenden Jahren das Maß des IQ entwickelt.

Vom untersuchten Jahrgang besuchten in der Bundesrepublik Deutschland 1999 23% aller Schüler eine Hauptschule, 9% eine integrierte Gesamtschule, 26% eine Realschule und 29% ein Gymnasium. In der Lesekompetenz haben alle Schüler zusammen einen mittleren IQ von 98, dabei die Gymnasiasten von 110, die Realschüler mit einer gegenüber der Gesamt-Schülerschaft oben und unten beschnittenen IQ-Verteilung einen mittleren IQ von 98, die Gesamtschüler von 92 und die Hauptschüler von 85.

Und die PISA-Berichterstatter schlußfolgern daraus: „Das Niveau der kognitiven Voraussetzungen bestimmt das Lernmilieu“ (S. 467). Genau das ist richtig! Und dieses „Niveau der kognitiven Voraussetzungen“ nennt man eben (psychometrische) Intelligenz und mißt es mit dem IQ. Schüler mit einem hohen IQ verkraften eine zweisprachige Umwelt ohne Leistungseinbußen, Schüler und Eltern mit einem niedrigen IQ sind einer zweisprachigen Welt nicht gewachsen – das ist das eigentliche Ergebnis.

Kommentar: 1. ist die sprachliche Begabung meist nicht mit der mathematisch-physikalischen verknüpft, 2. zeigen die Sprachgrenzen, z.B. Deutsch-Französisch, dass dort die meisten Leute problemlos zwei Sprachen reden - eben auf einem dem intellektuellen Stand entsprechenden Niveau. Was die nächste Aussage betrifft, so denken Sie mal darüber nach, mit welchem Resultat Sie einen IQ-Test in türkischer oder gar arabischer Sprache bestehen würden. 

Nach den Ergebnissen der PISA-Studie (Tabelle 8.19) kommt man nicht um die Feststellung herum, daß der mittlere IQ der Zuwanderer aus der Türkei nur bei 85 liegt, der aus der ehemaligen Sowjetunion bei etwa 90. Daß der IQ der Einwanderer aus der Türkei keinesfalls über 90 liegt, darauf deuteten bereits Schweizer Sozialstatistiken hin, aber die PISA-Studie hat jetzt viel besser belegte Zahlen erbracht.

Hier spricht allerdings nicht Rassismus, denn Weiss sagt deutlich: Türken sind nicht dümmer als Deutsche und Briten; aber ein IQ von 90 bedeutet, daß bei den zu uns Zugewanderten der Prozentanteil von Hochbegabten geringer ist. Und wenn wir uns weltweit umsehen, dann scheint ein effektive Wirtschaft und lebensfähige Demokratie vor allem auch davon abzuhängen, wie hoch der Bevölkerungsanteil ist, der komplexe Mechanismen überhaupt verstehen kann.

Die in Deutschland Einheimischen sind mit Werten um 508 im Lesen (Mittelwert 507), Mathematik (510) und Wissenschaftlichem Verständnis (507) – damit mit einem IQ von 101 (da laut Weiss die Pisa-Studie nicht viel anderes gemessen hat, als den IQ) - durchaus noch Durchschnitt, im Vergleich mit den in den unmittelbaren Nachbarländern (z.B. Österreich, Schweiz, Schweden und Belgien Werte um 520) Einheimischen aber eher leicht unterdurchschnittlich, so daß die Alarmglocken in den Kultusministerien mit Recht schrillen. (Würde man Deutschland und seine unmittelbaren Nachbarländer getrennt auf einen IQ von 100 normieren, dann hätten die Eingeborenen in Deutschland – genauer gesagt: ihrer derzeit 17-jährigen Jugendlichen - ziemlich genau einen mittleren IQ von 98.) Sehr hohe Werte – einen mittleren IQ um 105 - erreichen hingegen die in Australien (um 535), Kanada (536) und Neuseeland (um 540) Einheimischen.

Was unterscheidet diese mitteleuropäischen Länder von den klassischen Einwanderungsländern Kanada, Australien und Neuseeland? Wie bekannt, betreiben diese letztgenannten drei Länder seit Jahrzehnten eine konsequente Einwanderungspolitik. Ins Land gelassen werden nur qualifizierte Personen, deren Qualifikation im Land gebraucht wird. Alle anderen versucht man mit aller Kraft fernzuhalten. Uns sind die jüngsten Bilder von einem Flüchtlingsschiff, das Australien erreichen wollte, noch in Erinnerung. Die australische Regierung ist gerade für diese konsequente Politik im Jahre 2001 wieder im Amt bestätigt worden. Der Unterschied von 20 Punkten zwischen den Kindern von Einheimischen und Einwanderern in Australien ist vermutlich kein echter (d.h. genetischer) Unterschied, sondern eben die Folge von Nachteilen, mit denen die Einwanderer und ihre Kinder bekanntlich zu kämpfen haben.

Ganz anders die Situation in den mitteleuropäischen Ländern: Jahrzehntelang hat man hier billige Arbeitskräfte gesucht, oft für Arbeiten, für die es in Zeiten der Konjunktur zu wenig Einheimische gab oder zu wenige, die sie ausführen wollten.

_______________________________

Kommentar: Der Redaktor (M. Herzog) hat sich während langjähriger Erfahrungen in Nah- und Mittelost (seit 1975) Überlegungen gemacht zu unterschiedlichen Denk, Argumentations-, und Arbeitsweisen, unterschiedliche Anschauung und unterschiedlichen Auffassungsgaben. Er kam dabei zum Schluss, dass diese Völker nicht weniger intelligent sind, aber ihre, meist eher "rurale" Intelligenz (= Bauernschläue), die man allenfalls als "soziale Intelligenz" (bis hin zur Gerissenheit) bezeichnen könnte, sich mit dem üblichen Verfahren nur schlecht messen lässt. Insbesondere zeigt sich in den meisten Entwicklungsländern deutlich der fehlende Flynn-Effekt. In EurUSA leben wir seit 200 Jahren nicht mehr in einem ländlichen, sondern in einem industriellen und komplexen Umfeld. In früher Kindheit spielen wir mit technischen Geräten, zerlegen bereits als Kleinkinder Wecker, die dann zumeist in dem Zustand bleiben, woraus wir aber doch lernen, dass der Vorgang des Zerlegens minutiös zu registrieren ist, soll die Wiederherstellung des Urzustands von Erfolg gekrönt sein. Später basteln wir an Motorrädern, Autos, Computern herum, sind also dauern gezwungen, uns mit komplexen Gegenständen herumzuschlagen, also präzise die Begabung zu entwickeln, die der IQ-Test dann misst. Wen wundert's, dass wir dabei besser abschneiden als türkische Bauern. Aus diesem Grund ist damit zu rechnen, dass IQ-Tests für interkulturelle Vergleiche schlicht und einfach unbrauchbar sind. Es ist auch bekannt, dass der IQ, wenn in einer Fremdsprache ausgeführt, bereits um 10 Punkte tiefer liegt. Zudem sollte man die Wirkung des IQs nicht überschätzen. Obwohl die Ansprüche an Auffassungsgabe und Lernfähigkeit dauernd zunehmen, trägt der IQ höchstens 20% bei zum Lebenserfolg, der Rest wird durch Klassenzugehörigkeit und Schicksal bestimmt.

Martin Herzog Webdesign Rheinfelden he www.brainworker.ch 24.7.03

  Schweizer, in % von Total Ausländer mit Bewilligung B/C, in % von Total In % vom Total
Berufslehre 40 21 36
obligatorische Grundschule 18 37 22
Höhere Berufsbildung 14 7 12
Universität/Hochschule 8 15 9
Maturität 8 9 8
Vollzeitberufsschule 6 5 6
Diplommittelschule 4 2 4
Anlehre 2 4 2
       

Sieht man sich die Zahlen an [Tabelle B12: Bildung, aus die Volkswirtschaft, basierend auf BfS], so zeigt sich auch, dass die Klagen, was die Schweiz betrifft, man habe zu viele niedrig Qualifizierte ins Land gelassen und diese drücken den IQ, nur die halbe Wahrheit ist. Nebst überdurchschnittlich vielen Ausländern mit mangelhafter Schul- und Berufsbildung kamen nämlich auch überdurchschnittlich viele mit Hochschulstudium. Ihr Anteil ist unter der ausländischen Bevölkerung doppelt so hoch wie der Anteil Studierter unter den Schweizern. Wäre er noch höher, dürfte das Überlegenheitsgefühl (Sonderfallbewusstsein) der Schweizer in Mitleidenschaft gezogen werden.

       

p.s: Offenbar, so zeigen einige Zuschriften, darf man als Lehrer nicht sagen, dass Intelligenz von Veranlagung, ja zum Teil sogar in der DNS hart verankerter und vererbter Veranlagung abhängt. Darum hier grad noch den neusten Beleg dazu: An der Universität Zürich wurde das Gen für den Serotonin-Rezeptor gefunden, dessen Abwesenheit prompt zu einer Leistungsverminderung von 20% führt. [s. auch http://www.newscientist.com/news/news.jsp?id=ns99994290 ]. Dies sollte für Lehrer allerdings keine Entschuldigung sein, aber vielleicht ein Argument für eine berechtigte Ungleichbehandlung, denn weniger Intelligente brauchen mehr Zeit und eine bessere Didaktik als Intelligente [Dafür sollte man Intelligente nicht zu sehr an den absolvierten Kursen und Diplomen messen, es könnte nämlich sein, dass sie einiges mehr wissen als verbrieft ist]. Zudem hängt, wie gesagt, der Erfolg im Leben nur mässig von der Intelligenz ab. Es kann Ihnen auch mit IQ 138 passieren, dass Ihnen das Telefon abgehängt wird, weil sie kein Geld haben, die Rechnung zu bezahlen. Andererseits, s. SVP&FDP, sind die reichsten Leute auch nicht immer die intelligentesten. Ohnehin ist der Aufbau einer intelligenten Gesellschaft ein extrem langwieriges Geschäft, also kein Grund zur Hetze, und der Markt für Kopfarbeiter (brainworker) ist auch hierzulande noch nicht so weit entwickelt, wie man den Eindruck haben könnte, kann Intelligenz also nur in Massen absorbieren ... zudem in schrumpfendem Masse, je mehr sich die Medien, zwecks Anpassung an die Bedürfnisse der Werbung, an Geschmack, Interesse und Verständnis der Menge orientieren müssen. Wozu braucht es Intelligenz, wenn man mit banalsten wenn-danns Bundesrat werden kann und alle für dumm verkauft, die Schlüsse aus mehr als ein oder zwei Faktoren ziehen wollen.

Ergänzung vom 24. Oktober 03

[Tabellen aus: Robert Wildi: Gefragter Import von Fachwissen. Handelszeitung No 41. 8.-14. Oktober 08. S. 67]

Die Schweiz kann sich offenbar nicht beklagen, was den IQ ihrer Einwanderer betrifft: 78% der in den letzten 10 Jahren eingewanderten Erwerbstätigen verfügen über abgeschlossene Berufsbildung, Maturität oder Hochschulabschluss. Früher waren es bloss 55% . Das zieht allerdings anderes nach sich. Am 28.2.07 droht die Wirtschaftszeitung, dass die stark vertretenen deutschen Manager nach und nach auch deutsche Werbefirmen nachziehen werden, weil sie es vorziehen, mit ihresgleichen zu verkehren.

Die Probleme von Weiss, schon bloss die Wahrheit sagen zu dürfen, sind seltsam, denn sachlich gab es von Seiten der Forschung eigentlich nie Zweifel an der Tatsache, dass der IQ vererblich ist. Hier die Korrelationskoeffizienten die Bouchard 1993 gefunden hat

Aus präzise dem Grund enden Kinder von Grundschulabgängern ebenfalls als Grundschulabgänger - und Kinder von Akademikern meist an Hochschulen. Das Geschrei nach mehr Bildung löst hier kein Problem sondern verschärft den status quo der Ungleichheit.

Entscheidend wäre auch hier die "Passung". Stärken müssen gefördert und genutzt werden, was eben nicht bedeuten darf, dass Intelligente noch mehr Förderung erfahren, weniger Intelligente halt selbst schauen müssen. Eltern, und Schulen, und die Gesellschaft, können im Umgang mit Kindern 3 Fehler machen, was die Förderung der Intelligenz und des Denkens betrifft:

  1. Die Eltern bemühen sich in erster Linie darum, kulturell positiv bewertete Ziele zu erreichen. Beispiele: Der oder die Sportbegabte die zum Musikunterricht gezwungen wird, der begabte Musiker der in eine technische oder ökonomische Schule gezwängt wird, der klevere und begabte Handwerker, dem Theorien sauer aufstossen, der aber trotzdem die höheren Weihen etcblablabla erstreben soll

  2. Eltern verkennen die positiven Entwicklungspotentiale ihrer Kinder und gestalten ein bezüglich dieser Potentiale ein deprivierendes familiäres Umfeld, während sie weniger ausgeprägte Potentiale zu fördern versuchen.

  3. Eltern unterschätzen die Entwicklungspotentiale und/oder ihre eigenen Möglichkeiten (und Verantwortlichkeiten) zur Entwicklungsförderung und bieten keine ausreichenden Entwicklungsgelegenheiten.

Dazu kommt heute natürlich die Wirtschaft, die Schulabsolventen viel zu wenig Möglichkeiten bietet, ihre Fähigkeiten in die Wirtschaft einzubringen (> fehlende Lehrstellen) - dafür aber um so lauthalser nach Anpassung und besseren Leistungen seitens derer schreit, die für bezahlte Leistung (> Diese Definition von Leistung hier unbedingt ansehen, denn mit dem Leistungsbegriff wird heute der grösste Schabernack getrieben!)  kaum mehr zugelassen werden. Es ist heute präzise die Überschätzung dieser seltsame Idee von Leistung, die die Entwicklung der persönlichen Potentiale längst in den Hintergrund gedrängt hat. Und es steht zu befürchten, dass die Anstrengungen zur Förderung hoch Begabter ebenfalls nicht eigentlich deren Interessen fördern will, sondern sie so zu verbiegen trachtet, dass sie in der Wirtschaft profitabel eingesetzt werden können. Denn, und hier zeigt sich die Dämlichkeit der meisten autoritären Bildungskonzepte, eigentlich braucht das Gehirn nicht motiviert werden zum lernen - was nicht die antiautitären von Summerhill behaupten, sondern der unverdächtige Piaget. Das Gehirn ist ein sich selbst konstruierendes System. Der sich entwickelnde Mensch erkundet seine Umwelt aktiv und strukturiert sein Denken nach den Informationen, die er nach und nach erhält. Die Strukturen werden durch Training fixiert. So z.B. das Kleinkind, dass das Werfen entdeckt hat, und alles was es in die Hände kriegt, so weit wie möglich weg wirft. Oder, ein paar Jahre später, wenn es seine ersten Erfahrungen mit der Kausalität macht, seine Eltern durch unentwegtes Fragen "warum" in den Wahnsinn treibt. So wird sein Denken immer komplexer, so lange sein Erkenntnisdrang besteht, er etwas erproben und anwenden will. Denken ist also nicht bloss eine theoretische Angelegenheit. Auch der erfinderische Handwerker kommt darum nicht herum.

Der grösste Fehler hier ist, strukturiertes Denken oder Lehren nach Strukturen zu gestalten, die von der Wirtschaft oder anderen Autoritäten vorgegeben werden, denn das Lernen kann nur erfolg haben, wenn strukturiertes Lernen eben auf den bereits vorhandenen Denkstrukturen der Schüler aufbaut. Vermutlich ein Irrtum vieler Didaktoren.