- Denken, Erinnern, Fühlen, Ausführen von Willkürbewegungen;
- Vermittler zwischen impulsiven Wünschen des Es und dem Über-Ich;
- sucht nach rationalen Lösungen
- ist zum größten Teil bewusst

Helmut Lück, Rudolf Miller (Hrsg): Illustrierte Geschichte der Psychologie. Beltz Taschenbuch138. Weinheim, Basel 2005
Psychologie ist, mit Ökonomie und Soziologie (DIE modische Systemwissenschaft Ökologie ist im Vergleich dazu einigermassen banal ...), eine der extremsten Systemwissenschaften, da die Psyche von allem beeinflusst wird, was ihre Umgebung bildet, aber selbst immer tatkräftig an der Gestaltung eben dieser Umwelt mitwirkt.
Psychologie ist eine äusserst komplexe Wissenschaft. Sie basiert einerseits auf Naturwissenschaften, wo sie Sinneswahrnehmungen untersucht, also das Funktionieren der Augen, Ohren, des Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinnes - oder auch in der Hirnforschung die Funktionen des Gehirns. Sie ist sozialwissenschaftlich orientiert, wo es ihr um die Beeinflussung der Psyche durch die soziale Umwelt geht - und die Wirkung des Individuums auf seine Umwelt. Sie ist Geisteswissenschaft, wo sie sich um Einfluss wie Vermittlung von Kultur und Bildung kümmert.
Psychologie ist, wie alle Wissenschaften, dort problematisch, wo sie sich vom Verstehen und Beschreiben abwendet und normierend wird, also Aussenseiter einsperrt, Unangepasste normieren will, Menschen klassiert auf Grund von Merkmalen, die sich nicht durch Willensanstrengung beeinflussen lassen, also etwa dem IQ. (s. William Stern) - oder den Menschen an die Maschine anpasst (s. Die Weltmaschine) - statt umgekehrt.
Psychologie ist, wie jede Wissenschaft, dort problematisch, wo sie alten, historisch bedingten Schrott, der sich längst erledigt hätte, aus Ehrfurcht oder Langeweile immer weiter trägt statt ihn über Bord zu werfen.
Psychologie ist auch dort problematisch, wo sie zur Politik wird, also das Verhalten grösserer Bevölkerungsteile zu verändern sucht, also den Staat bei Lenkung und Steuerung unterstützt.
Wo immer Sie also auf Psychologen stossen, müssen Sie genau so vorsichtig sein, wie dort, wo PR-Fachleute oder Rhetoren am Werk sind. Deren Auftrag ist es, die Botschaft zu vermitteln, nicht, diese auf Sinn und Zweck zu prüfen! Nur Verständnis und Vermittlung von Wissensind Sache der Psychologie - nicht aber die Inhalte selbst.
PsychologInnen können zwar feststellen, wenn sich jemand dauernd im Kreis dreht oder immer wieder an die selbe Wand rennt, oder sich im reellen Leben hoffnungslos verrannt hat - und das (manchmal) beheben - sie können aber niemandem den rechten Weg zeigen. Sie können feststellen, was der Norm entspricht und was am Rande liegt (borderline syndrom ... ein entsprechender Scherzausdruck), sie können Abweichler näher ans Zentrum der Normalität schieben - sie werden sich aber genau wie die meisten Bürger hüten, das Zentrum selbst zu kritisieren. Warum man das sollte, zumindest ab und zu? Weil es z.B. im Dritten Reich normal war Nazi zu sein, und absolut irr und gefährlich, sich von der Denkweise abzusetzen. Weder zur Kaiserzeit noch im 3. Reich haben sich die Psychologen und Psychiater getraut, ihren Herrscher ganz einfach für bekloppt zu erklären, obwohl sie ausreichend Belege dafür hatten. Psychologie ist also in gewissem Sinn eine Orientierungswissenschaft, aber nur so weit, als sie den Weg zu einer Neuorientierung öffnet, nicht so, dass sie diese angeben kann. Dies dürfte der häufigste Fall psychischer Störung sein, dass Menschen immer wieder ein altbekanntes Muster ablaufen lassen, in der Hoffnung, es würde mal funktionieren, obwohl es bereits 1487668 mal schief gegangen ist. Wenn hier der Psychologe/die Psychologin zeigen kann, dass es neben der Wand eigentlich ein paar Türen gäbe, die man mal versuchen könnte, ist das Problem schon fast gelöst.
Psychologie ist zwar die rechte Methode, Abweichungen von einer existierenden gesellschaftlichen Norm festzustellen, aber nicht, um neue Normen und Werte zu schaffen. Da sich die Psychologie an den gegebenen Normen orientiert, kommt sie der Normentwicklung erst hinterher. Da die Wissenschaft nicht die Autorität hat, Werte zu schaffen, brauchen wir dazu nach wie vor die Philosophie.
| Die Schule der theoretischen Psychologie, die
gegenwärtig am erfolgreichsten ist, behandelt das Gefühl und die
Gefühlshandlung als eine unlösliche Gemeinschaft. Was wir handelnd fühlen,
ist für sie die eine, und wie wir fühlend handeln, die andere Seite ein und
desselben Vorgangs. Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften S. 1163: |
Da das Hirn, oder besser die Psyche, genau wie die Gesellschaft, ein äusserst komplexes System ist, lässt es sich nicht einfach durch Anordnungen, Befehle und dergleichen umprogrammieren. Das gesamte Fühl- und Denksystem muss in ein neues Gleichgewicht verschoben werden. Dies geschieht durch mehr oder weniger vorsichtiges Anstossen, indem man Unstimmigkeiten, Differenzen, insbesondere die Differenz zwischen der eigenen Sicht und der des Analytikers/Therapeuten, der Umwelt, aufzeigt und dem therapierten beisteht, bis er sein neues Gleichgewicht gefunden hat. s. Therapie.
Johann Caspar Lavater (1741-1801): Physiognomische Fragmente.
Lichtenberg 1778 dazu: Die Bösewichter werden immer unkenntlicher, je mehr sie Erziehung genossen haben, je mehr Ehrgeiz sie besitzen und je wichtiger die Gesellschaft war, mit der sie umgingen.
Karl Philipp Moritz: 1782: Magazin zur Erfahrungs-Seelenkunde.. Erste psychologische Zeitschrift Deutschlands
Carl Stumpf (1848-1946) zeigt bereits 1904, dass "denkende Tiere", z.B. zählende Hunde oder Pferde, eigentlich nur auf unbewusste Signale des Menschen/Dresseurs reagieren. Gegenstand der Psychologie waren für Stumpf die "psychischen Funktionen", bei denen er die "intellektuellen" und die "emotionalen" Funktionen unterschied. Die intellektuellen Funktionen unterteilte er in Bemerken (Unterscheiden), Zusammenfassen, Begriffsbildung, und Urteilen, die emotionalen Funktionen in passive (Gefühle) und aktive (Wille)
Charles Darwin: Expression of Emotions in Man and Animals (1872)
Franz Brentano (1838-1917) ist einer der bedeutendsten Begründer der modernen Psychologie. Er beschrieb als Hauptmerkmal des psychischen dessen Intentionalität. Ein interessanter Ansatz, denn Intention will ja was auslösen - ist also etwas anderes als der spätere Schwerpunkt der Behavioristen, das Verhalten, als Reaktion auf einen Reiz. Deskriptive Psychologie
«Naturwissenschaftliche Grundlagen»: Von Sinnesphysiologie zu Hirnforschung
Ernst Heinrich Weber (1795 - 1878) Die Lehre vom Tastsinn und Gemeingefühl
Hermann von Helmholtz (1821- 1894) Sinneswahrnehmungen auf naturwissenschaftlicher Basis. Über das Sehen des Menschen (1855), Lehre von den Tonempfindungen (1862) u.a.
«Geisteswissenschaftliche Grundlagen»: Kultur als bestimmender Faktor psychischer Vorgänge
Wilhelm Wundt (1832-1920): Institutionalisierte die Psychologie und schuf damit die Voraussetzung für ihre Entfaltung im 20. JH: Finanzierte 1879 privat das von ihm selbst eingerichtete Institut für experimentelle Physik an der Universität Leipzig. Sein Programm war das einer historischen Psychologie, welche die fortschreitende gesellschaftsgeschichtlichen Veränderlichkeiten der seelischen Bedingungen erforschen sollte:
Wundt suchte auf experimentellem Wege seelische Elementarbeziehungen zu analysieren, um so zu Gesetzmässigkeiten des Aufbaus, der Struktur, der Entwicklung und der Funktionsweise psychischer Vorgänge vorzustossen. Die Gesetzmässigkeiten höher organisierter und komplexer geistiger Funktionen zu studieren hielt er für den Gegenstandsbereich der Völkerpsychologie, die die Psychologie als Wissenschaft krönen sollte, indem sie die psychische Untersuchung menschlicher Kulturentwicklung und ihrer "Erzeugnisse" repräsentiert. [S. 101]
Wilhelm Wirth (1876- ) Es ging ihm darum, exakt messbare Reize und eindeutig verabredete willkürliche Verhaltensweisen zwischen Experimentator und Versuchsperson als Grundlage einer allgemeingültigen vergleichenden Situation des Bewusstseins zu gewinnen.
Würzburger Schule: Untersuchung der Denk- und Willensprozesse im psychologischen Labor. Oswald Külpe: Heraushebung der relativen Unabhängigkeit der Denkprozesse von Assoziationsvorgängen (intuitivem Denken) in betont unanschaulichen, bildlosen, rein geistigen Denkvorgängen.
Otto Selz: Über die Gesetze des geordneten Denkens. Gesetze des Produktiven und des Irrtums. Probleme der Auslese und Ausbildung in Schule und Beruf.
Die Familie Selz beschäftigte Domestiken und Selz wurde nicht eingeschult, sondern von Hauslehrern unterrichtet. Seine Arbeit gilt, im Ausland, als einer der wichtigsten Vorläufer der heutigen Kognitionswissenschaften. Jude
Narziss Ach: Experimentelle Erforschung von Wîllensvorgängen. Methode: Instrospektion, Selbstbeobachtung. Psychologie des Wollens, Motivationsforschung - längst vergessener Vorreiter der modernen Motivations-. Handlungs- und Kontrolltheorie.
Ernst Mach (1838-1916): Beweis dafür, dass der Sitz der Bewegungsempfindung sich im Innerohr befindet. Bekannter als Physiker, speziell aber als Vater des Positivismus.
Christian von Ehrenfels: & Alexius Meinong - Gestaltpsychologie: Eine Melodie z.B. wird nicht als Einzelpunkte (Noten) erfasst und memoriert, sondern als Vorstellungskomplex. (hier finden wie einen Anklang zu den Atomen des Denkens, den Denkstücken) Die Gestaltpsychologie lehnt sich auch an ganzheitliche Philosopohien Asiens an wie etwa das I Ging, Yang und Yin, aber auch an die umfassende Philosophie des Aristoteles, sowie, moderner, die Ganzheitlichkeit der Systemanalyse.
Wolfgang Köhler: Intelligenzprüfungen an Menschenaffen 1921
Gerard Heymans (1857-1930): Erforschung der Telepathie
Institutionalisierung: 1878: Psychologische Gesellschaft, 1888 Gesellschaft für Experimental-Psychologie, 1904: Gesellschaft für Experimentelle Psychologie
Wichtigste Nutzung: Psychologische Tests, Personalauslese: Militärfahrer, Piloten. Nebst der Leistung im Test wurde das Verhalten des Kandidaten erfasst. Bewältigt er den Test souverän und systematisch, probiert er nur aus, lässt er sich irritieren wenn etwas nicht gelingt ? Erste Simulationsgeräte für Tramfahrer und Lokomotivführer wurden bereits zu Ende des 19. JH entwickelt.
«Sozialwissenschaftliche Grundlagen»: Jede Psyche wird beeinflusst durch Kommunikation mit andern.
«Psycho- und sozial-technische Intention»: Verhaltensbeeinflussung, -Aenderung
Sportpsychologie:
Arbeitspsychologie
Obwohl man denken könnte, der 1. Ansatz habe sich erledigt, feiert er immer wieder Urständ. Vor 10 Jahren war es klar, dass sich die Computerbenutzer den Computern und Programmen anzupassen haben. Bis heute gibt es Programmiere, die diese Illusion haben und gegenüber Nutzern als Autoritäten auftreten (wenn man sie lässt ....)
Aspekte des persönlichen Arbeitserlebnisses, die in Freud und Leid, in Mut und Schwäche sich kundtuende gefühlsmässige Stellungnahme des Arbeiters zu seiner Arbeit wurden als wissenschaftlich irrelevant ausgeklammert, zum Teil weil sie sich der exakten experimentalpsychologischen Erfassung zu widersetzen schienen, im wesentlichen jedoch deswegen, weil die Persönlichkeit des Arbeiters weitgehend mit seiner Arbeitskraft gleichgesetzt wurde, so dass es jenseits dieser für die Arbeitspsychologie nichts zu untersuchen gab. S. 272.
Der Wirtschaftspsychologie kommt eine dienende Rolle zum Wohle der Wirtschaft zu. Sie hat nicht nach den Zielen zu fragen.
Hugo Münsterberg 1912
Ähnliche Aussagen müssen sich ja heute noch Psychologen, Berater, Forscher, Mitarbeiter anhören, wenn sie einen "Auftrag" fassen.
Militärpsychologie
Ethnopsychologie
Betriebs- und Organisationspsychologie
Wurden noch 1734 in Paris polizeiliche Verordnung gegen das Verteilen von beschriebenen oder bedruckten gewerblichen Handzetteln erlassen, so druckte in den USA der Zirkus Barnum bereits 1886 Plakate für 6 Millionen Mark. Die Forschung in dem Bereich, bis und mit Vance Packards: Die geheimen Verführer, wird als spekulativ überzogen und von tiefem Niveau angesehen. Das verhindert allerdings nicht, dass Werbung Wirkung zeigt, eben gerade durch ihre Hinterlist, da sie nicht mit Fakten wie Qualität, Preis, Leistung argumentiert sondern "hintenrum" den Nutzern des Produkts Schönheit, Freiheit, soziale Anerkennung (bei Nutzung des rechten Waschmittels oder Spülis), Reichtum ... oder die Zugehörigkeit zu einem exklusiven Club (der Schnösel, wie z.B. ganz prägnant bei Nespresso) verspricht.
Kurt Lewin: (1890-1947) Nebst Freud und Piaget einer der bedeutendsten Psychologen des Jahrhunderts. Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. Schöpfer des Begriffs Gruppendynamik und der dynamischen, topologischen, Vektor-Psychologie, die er am Schluss aber am liebsten als Feldtheorie bezeichnete. Auswirkung von Führungsstilen auf Gruppen. Gruppendynamik. Impulse zur ökologischen Psychologie. Nutzt Kamera für verdeckte Beobachtungen.
Eine richtige Theorie ist das Praktischste was es gibt
Felix Krueger: (1874 Posen -1948: Basel ) Philosophie ist nicht ohne Psychologie möglich ... was umgekehrt natürlich genau so gilt, denn die Psychologie kann zwar die Bedingungen des Denkens erforschen, nicht aber dessen Inhalte und Ziele festlegen.
Ivan Pavlow (1849-1936), Watson: Behavorismus (1) Behaviorismus (umfassende Kritik) beruht auf Stimulus - Response, erfasst also nur Reaktionen, nicht freie Handlung. Er dient damit bis zu einem gewissen Grad als Grundlage von Psycho- und Sozialkybernetik, die in der Postmoderne auf starke Kritik stossen. Das Programm: agents of social control musste in den USA auf Grund von Bürgerinitiativen eingestellt werden. Präzise hier lag auch der Grund, den Kazynsky (der Unabomber) angab, warum er den Computerwissenschaftler David Gelernter, einen Erforscher der Kybernetik, in die Luft sprengen wollte. Verhalten schliesst Freiheit aus, Systeme die Menschen zu einem bestimmten Verhalten zwingen wollen, sind also genau so freiheitsfeindlich wie eine diktatorische Regierung oder Betriebsherrschaft.
Die Frage, ob die Psychologie immer noch die Wissenschaft vom Verhalten sei, wird allerdings auch heute noch positiv beantwortet. Das technische Ideal der Verhaltenskontrolle, auch in der Tradition der operanten Verhaltenspsychologie konsequent formuliert.
Hulls Axiom der Verhaltensprinzipien: SER = SHR x D Reaktionspotential E = Produkt aus Gewohnheitsstärke H und Trieb D Stimulus- Response + Triebreduktion
einerseits ... andererseits deutet die durch Glückshormone gesteuerte Reflexbildung im Hirn , also die Konditionierung des Bewusstseins, schon stark in diese Richtung ...
Ernst Friedrich Wilhelm Meumann zählte zu den bedeutendsten Begründern der pädagogischen Psychologie. Er übertrug systematische Ansätze und Methoden der empirischen Psychologie auf Probleme der Erziehungswissenschaften.
William Stern: Psychologie der individuellen Differenz - als Kontrapunkt zum IQ, für dessen Erfindung er bekannt ist, wollte er hier mit einer personalistischen Psychologie die schlimmsten Auswüchse des IQ entgegen wirken. Jude
Wiener Schule der Entwicklungspsychologie, 1922 durch Karl Bühler: Entdeckung und Erfindung in Literatur und Kunst. / Schulreifetest,
Psychologie umfasst drei Aspekte:
Berühmtester Dissertant ist Karl Popper. Bekannteste Mitarbeiterin: Charlotte
Bühler: Life-Span-Developmental-Psychology - Diese gründet auf der Bedeutung des Lebenssinns und der
Verwirklichung eines erfüllten Lebens für die Entwicklung einer Person. Wurde
nach dem Krieg durch
Maslow und Goldstein zur
humanistischen Psychologie.
Die Theorie von Maslow, die Bedürnispyramide (s. Graphik rechts)ist nun ein äusserst interessanter Fall. Sie wird in Kaderkursen gerne verwendet, um die Aussage zu bekräftigen, dass die Erfüllung der existenznotwendigen Grundlagen wie der Sicherheit natürlich vor sozialen Beziehungen kommen, also Arbeitseinsatz und die Firma wichtiger sind als Familie oder gar Freunde und Gesellschaft. Umgekehrt wird soziale Anerkennung als Triebfeder genommen für den Ehrgeiz der (meist selbsternannten und selbstpropagierten) Führer, die im Erreichen höchster (und bestbezahlter) Funktionen (gilt auch in der Politik) DIE Selbstverwirklich sehen. Tönt gut ... ist aber Scheibenkleister und Volksbetrug. Maslow selbst betonte nämlich mit der Pyramide präzise das Gegenteil dieser Unterordnung und wollte darauf aufmerksam machen, dass die wenigsten Menschen ihr Potential wirklich nutzen (können), weil sie zeitlebens an untergeordneten Zielen kleben bleiben.
Maslow fand selbstverwirklichte Individuen überwiegend realistisch, obwohl die meisten von ihnen tiefe mystische oder spirituelle Erfahrungen hatten. Solche Menschen unterhalten enge Beziehungen in der Regel nur zu sehr wenigen Menschen, und diese sind meist sehr engagiert und tiefreichend, nie oberflächlich. Diese Menschen - und das wird nicht als Widerspruch angesehen - weisen jedoch auch ein starkes Bedürfnis nach Zurückgezogenheit und Distanz auf. Selbstverwirklichte Menschen verfügen über viel Spontaneität, und ihr Sinn für Humor ist gut entwickelt und selten feindselig. Sie sind überaus kreativ und leisten dem auf sie ausgeübten Druck, sich blind an die Gesellschaft anzupassen, entschieden Widerstand.
[Krech/Crutchfield et. al.: Grundlagen der Psychologie. Bd 5. Motivations- und Emotionspsychologie, 2. Kapitel: Theorien der Persönlichkeit. S. 55 / 56 Tabelle unten.]
Prinzipien und Maximen für einen personenzentrierten
Menschen:
|
Mit dem Tode von Maslow wurde Carl Rogers zum führenden
Exponenten des phänomenologischen oder humanistischen Persönlichkeitsansatzes,
der die gesunde, funktionsfähige Persönlichkeit betont. An Stelle des
Neurotikers der krankhaft sein Unbewusstes, dass seine Triebe steuert, vor sich
selbst und anderen versteckt, mit entsprechenden Reaktionen, trat nun ein
gesundes Bedürfnis nach Selbstachtung als treibender Faktor der persönlichen
Entwicklung. Die personenbezogenen Individuen von Rogers stehen in engem Kontakt
zu ihren eigenen Gefühlen und Werten. Das ideale Bild dass sie von sich haben
stimmt mit dem realen Selbstbild überein - das Ich lässt sich also weder vom
Über-Ich noch vom Es drangsalieren. Sie haben mit Maslows Selbstverwirklichern
gemein, eigenständige Menschen zu sein, die nicht den Wünschen anderer
entsprechen, sondern das sind, was sie sein wollen. Rogers gesunde
Persönlichkeiten sind umgänglich, natürlich und ebenso bereit, andere zu
akzeptieren, wie sich selbst. Sie sind "cool", entspannt, - wie das Ideal
vieler nichtaktivistischer Gesellschaften und Gruppen, speziell der Araber (s.
social & socialising markets). In unserer Strebergesellschaft
werden sie charakterisiert als lässig bis Schlaffis, Tuwenig, Tunix, laid
back - was Rogers als kindhafte Haltung beschreibt: Man bekommt das
Gefühl eines spontanen, entspannten Geniessens, einer primitiven Lebensfreude,
vielleicht vergleichbar mit dem Lamm, das auf einer Wiese umhertollt, oder mit
einem Delphin, der geschmeidig über die Wogen schnellt. In dieser
idealisierten Form hat sich allerdings die "Coolness" nicht durchgesetzt. Sie
wurde vermarktet (man kann auch sagen: verkauft), am Preis und Etikett der
zerschliessenen Kleidung und Schuhe gemessen - was bereits zur Reuniformierung
an Schulen führt, mit dem Vorwand, "soziale Unterschiede" auszugleichen. Patente
Methode, Uniformen statt besserer Löhne, ist natürlich der billigere Weg soziale
Unterschiede zu übertünchen, statt sie dort zu beheben, wo sie entstehen, also
bei den Löhnen. [Protestierende Studenten und Schützenvereine, schwule Jecken
und Burschenschafter, Gothics und Messdiener – Sabine Otto
fotografierte Gruppen, die offenbar nichts gemeinsam haben.
Haben sie doch, findet Otto. Die »freiwillige
Uniformierung« ist der Leitfaden ihrer Arbeit. Otto interessiert
dabei die doppelte Funktion der Einheitskleidung: »Nach außen signalisiert sie
einen gemeinsamen Standpunkt, nach innen bietet sie ein Stück Heimat.«
p.s: In Basel musste das Experiment nach einem halben Jahr eingestellt werden.
Es kam gar nicht gut an - was erfreulich ist, denn gerade Basel uniformiert ja
alles, von den Fastnächtlern bis zu den Einwanderern. Wie sauber gebündelt hier
das Altpapier entsorgt wird und die
Abfallsäcke zugebunden werden, in einem Quartier das dominant von Ausländern
bewohnt wird, macht mir schon fast etwas Sorgen ...]
| Möglichst schnell und effizient zu arbeiten macht
eigentlich nur dann Sinn, wenn man die gewonnene Zeit NICHT dazu
verwendet, um für etwas anderes, wichtigeres, Zeit zu haben. mh |
Jean Piaget (1896-1980): kognitive Entwicklung, kindliche Entwicklung des Denkens und Lernens, des Weltbildes. Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung basiert auf der doch vernünftigen Überzeugung, dass diese aus der Interaktion des kindlichen Gehirns mit der Umwelt resultiert. Die Elemente geistigen Lebens, von Piaget Schemata genannt, von der heutigen Hirnforschung "Strukturen", werden zu immer grösseren und Komplexeren Schemata zusammengefügt. Nach der Organisation der Ideen über das Selbst folgt in der 2. Phase die Organisation der Ideen (Erkenntnisse) über andere Menschen und reale Dinge und erst dann der Umgang auch mit nicht real vorhandenen, also abstrakten Dingen, also Ideen, Symbolen. Den fortgesetzten Austausch zwischen Organismus und Umwelt nennt Piaget Adaptation (Anpassung). Wachsende Komplexität der mentalen Strukturen erlaubt die Bewältigung immer komplexerer Anforderungen der Umwelt.
Damit aber nicht die Umwelt die Steuerung über das Ich übernimmt, wirkt ein Filter, von Piaget Assimilation genannt: Die Einverleibung des Gegenstandes in das Schema. Jeder Organismus hat die Tendenz, Dinge, auch Nahrung, aus der äusseren Umwelt in sich aufzunehmen, die sich bereits darin befinden, also mit minimaler Bearbeitung verwertet werden können. Nahrung für das Denken wird so ausgewählt, dass sie für das jeweilige Entwicklungsniveau des Denkapparates verdaubar ist. Darum hören wir lieber immer wieder die selbe eigene Meinung als uns mit anderen rumzuärgern. Darum nehmen wir vieles in unserer Umwelt gar nicht wahr, das dem bereits vorhandenen Wissen widerspricht oder sich durch dieses nicht erklären lässt. Werden Informationen die nicht passen, durch Schulzwang einfach hinein gepresst, kann dies zu Störungen führen. Das Gehirn ist also tendenziell konservativ - wäre da nicht noch eine zweite Komponente, von Piaget als Akkommodation bezeichnet: Die Anpassung des Schemas an den Gegenstand. Können Signale von aussen zwar nicht assimiliert werden, sind aber zu hartnäckig um ignoriert zu werden, passen sich die vorhandenen Schemata an, werden vernetzt oder umstrukturiert, d.h. man lernt. Diese Kombination aus Beharrlichkeit und Anpassung an äussere Reize, sowie die Notwendigkeit, beim Lernen neuer Fakten ev. das ganze vorhandene Gebäude umstrukturieren zu müssen, erklärt den Zeitbedarf und Widerstand viele Menschen gegen das Lernen. Das Überschreiten konkreter Operationen, der Übergang zu Operationen abstrakter Symbole, also Sprache, Mathematik, Geometrie ...) geschieht ab 16 bis 19 Jahren ... wobei es viele allerdings nie lernen (das sind dann häufig die, die so allergisch gegen Theorien sind. Na ja, für den privaten und wirtschaftlichen Gebrauch reicht es ja zu wissen, dass 1+1 = 1.5 gibt, wenn es um meine Schulden geht, 3 wenn es um deine Schulden geht). Zuhören oder Zusehen reicht bei lernenden Kindern nicht um Akkommodation auszulösen. Es braucht den menschlichen Kontakt, es muss jemand auf die Aktivitäten des Kindes reagieren. Erst wenn sich das Denken aus dieser Beschränkung gelöst hat, wird Selbststudium, wie speziell das Hochschulstudium, möglich.
Piaget löste sich in der Analyse von der Sprache und setzte mehr auf Beobachtung (notgedrungen). Er betrieb ausgesprochen interdisziplinäre Forschung. An seiner Forschungsgruppe beteiligten sich Logiker, Mathematiker, Physiker, Biologen, Linguisten und Psychologen, die sich auf längere Zusammenarbeit an einer gemeinsamen Aufgabe einigten (Projektorientierung). Wichtig für Piaget vor allem der Wert gegenseitiger systematischer wissenschaftlicher Kontrolle in einer Atmosphäre ausreichender Reziprozität - d.h. systemischer Ansatz, ohne Leitwissenschaft oder gar Leithammel - aber intensiven und kritischen Dialogs (Der "Nachbar" wird nicht mit Kritik verschont, weil er seine Wissenschaft wohl besser verstehe ...)
| Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen
Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: 'Was will
eine Frau eigentlich?' Sigmund Freud |
Psychoanalyse: Sigmund Freud (1856- ) Traumdeutung, 1899. Entscheidende Leistung: Die Entdeckung des Unbewussten und Vorbewussten beim Menschen - wie die Traumdeutung. Damit wurde der Mensch vom Sockel des Ebenbildes Gottes gestossen, seine Triebhaftigkeit, seine erotischen, egoistischen und destruktiven Triebe erst ansprechbar. Mit dem Streben nach Lust, von Freud als Libido bezeichnet, hat er ein bisschen ein Kuckucksei gepflanzt, denn, es ist zwar unbestritten dass in einem Reiz-Reaktionssystem immer Lust angestrebt und Schmerz vermieden wird. Durch die beinahe-Gleichsetzung von Libido mit Sexualität hat sich die freudsche Psychoanalyse allerdings etwas in die Nesseln gesetzt. Nach Freud ist die Sexualität die beherrschende Kraft des Lebens und die durch sie entstehenden Konflikte bilden die Ursache für die klassischen Neurosen: Hysterie, Zwangs- und Angstneurose. Narzissmus (1912) ist die Besetzung des eigenen Ichs durch die Libido - Religion ist eine Zwangsneurose.
Das Mekka der Psychoanalyse scheint heute nicht mehr New York zu sein, sondern Buenos Aires, wo auf 200 Einwohner ein Therapeut kommt. Dem entsprechend ist die psychoanalytische Vereinigung Argentiniens mit 1200 Mitgliedern die grösste der Welt. Auch hier wurde und wird sie vor allem von emigrierten Juden betrieben. (s.u.)
OEDIPUS rehabilitiert, der Komplex müsste nämlich, wenn schon, IOKASTE-Komplex heissen:
Als Folge viktorianischer Verklemmtheit und der aus den USA herüber geschwappten Modeerscheinung der Neurasthenie (s. Max Weber), wurde der Sexualtrieb zum alles erklärenden Faktor. Hier hat sich Freud allerdings massiv verlaufen, insbesondere mit seinem Oedipus-Komplex (oder bei Frauen der Elektra-Komplex, dank dessen das kleine Mädchen mit der Mutter um die Gunst des Vaters konkurriert) , dessen Ursprung er zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr ansetzt. Abgesehen davon, dass die Vorgänge in der Geschichte reiner Zufall waren (glaubt man nicht an ein relativ bösartiges Wirken von Göttern), hapert a) mal die Sache mit dem Trieb: Vater töten - Mutter heiraten, der ein dominanter, aber unbewusster sein soll. Es ist unwidersprochen, dass Kleinkinder Lust empfinden beim Saugen, Scheissen, gestreichelt werden - aber die Gleichsetzung dieser "Lust" mit Sex ist ein Witz. Das sexuelle, also geschlechtliche Bewusstsein erwacht mit den entsprechenden Gefühlen und Organen ja erst in der Pubertät. Die Trennung der Geschlechter in Männlein und Weiblein fällt Kindern vielleicht bereits mit 5 Jahren zum ersten Mal auf, aber viel anfangen können sie damit aber nicht. Falls sich ein Kind in dem Alter Mama oder Papa als Eigentum aneignen will, dann wohl eher aus Gründen der Fürsorge, die es empfängt als in der Absicht der Fortpflanzung, die ja treibendes Element sexueller Beziehung ist. Obwohl sich dieses je länger desto mehr auflöst, bleibt das dafür bedeutende Verhalten immer noch dominierend: Suche nach gesunden, starken Partnern, welche auch materiell die Pflege der Nachkommenschaft sichern können. Von all dem ist das Kleinkind weit weg, der "Oedipus" in dem Alter also ein Witz. Zudem ist das Kleinkind in hohem Masse von der Mutter abhängig, eine Abhängigkeit die sich nach und nach löst, vor allem in der Pubertät, und noch mehr, sobald die eigene Mutter mal als Schwiegermutter erlebt wird. Das überlebt kein Oedipus ... Einerseits ... Andererseits hat Freud mit dem Einheitsbegriff Libido eine Tatsache richtig erfasst, die uns die moderne Hirnforschung zeigt: Sämtliche Glücksgefühle werden durch das Belohnungssystem des Nucleus accumbens, durch körpereigene Endorphine. Hier kann die Psyche nun massiv in Verwirrung gebracht werden, da offensichtlich Sex das selbe Gefühl auslöst wie Heroin, und, noch schlimmer, wie Geld. War Oedipus also ev. ein treffendes klärendes Symbol für das verklemmte viktorianische Zeitalter, so müsste der moderne Urtyp der geistigen Verwirrung, die vor allem durch Geldbesessenheit ausgelöst wird, vielleicht eher eine Gestalt zu wählen, die den eigenen Vater tötet und dessen Reich (Firma) übernimmt, also die immer wiederkehrende Götterdämmerung, in der Zeus seinen Vater Kronos enthronte - genau so wie dieser seinen Vater Uranos gestürzt hatte. (s. psychology of money). EIN Trieb, ein dominanter, wurde hier ob der ganzen Sexbesessenheit aber total vergessen: Der Muttertrieb, Mutterinstinkt, whatsoever, insbesondere die Bindung der Mütter an ihre Söhne. Hätte Iokaste irgend eine Ahnung gehabt (Frauen sind doch sooooo stark in ihren Gefühlen ... im übrigen hätte sie das wortwörtlich und nicht nur bildlich "riechen" müssen), wär aus dem Drama ja nix geworden. Sie hatte aber keinen blassen Dunst und war offenbar äusserst willig, einen Mann zu heiraten der halb so alt war wie sie, dafür erfolgreich, nicht wie ihr alter Sack, der sich von einem jungen Schnösel hatte erschlagen lassen. Ach so, hier noch grad der Grund, warum der Elektra-Komplex bei weitem nicht so häufig ist wie der Oedipus/Iokaste-Komplex: Warum sollte die Tochter die Mutter töten und den alten Sack, ihren Vater, heiraten? Sie erbt dessen Geld ja auch so. Spätestens in der Pubertät sollten sich männliche wie weibliche Kinder von den Eltern als Vorbilder der Geschlechterrolle lösen. Das schiere Vorhandensein eines Vaters hilft bei der Lösung an die stärkere Bindung an die Mutter, der Mangel eines Vaters bei alleinerziehenden Müttern kann hier Probleme verursachen: Der Psychoanalytiker Horst Petri fordert Schluss mit dem Drama der Vaterentbehrung
Wer Petri für vielleicht ein bisschen rabiat hält mag recht haben, aber wer daran zweifelt, dass die Emanzipation der Männer von ihren Müttern vielleicht doch ein Problem ist, dass noch vor der Emanzipation der Frauen gelöst werden müsste, vielleicht grad, weil es dessen Ursache sein könnte, soll mal ein paar Männerbiographien lesen wie z.B. Joachim Radkaus Max Weber: Die Leidenschaft des Denkens - oder insbesondere Marianne Fehrs Biographie Meienbergs. Die Mütter ersetzen hier gleichsam das Ueber-Ich durch ihre eben so unverständlichen wie unerbittlichen und lebenslänglichen Anforderungen. Der Sohn als getreuer Untertan seiner Mutter, als jugendlicher Verehrer und Lieb-Haber (die Zweideutigkeit ist eindeutig) einer alten Frau (Iokaste), als lebenslänglicher Leibeigener. Ich geb's zu, ich übertreib ein bisschen, aber nur ein bisschen, denn das ist die andere Seite der Münze genannt Oedipus, die wirklich dunkle Seite, die Seite der Frau, sprich Mutter, in dieser Angelegenheit. Eine Mutter, die dauernd an ihren Jungs rumzupft, Zustände kriegt, wenn sie von ihnen getrennt wird, ist bereits mit 12 peinlich ... im Alter von über 20 nicht mal zu reden davon. Die fürsorgliche liebende Mutter erwartet aber Dankbarkeit. Distanzierung wäre bösartig:
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Scherz beiseite (Fortsetzung von *). Gerade die unterschiedlichen Hormone die, produziert durch den Nucleus accumbens, Glücksgefühle auslösen, zeigen wie beschränkt die Reduktion auf die sexuelle Komponente ist, denn erstens werden die Endorphine auch produziert wenn sonst was glückt, also entweder ein Geschäft, bei den einen, oder ein Denkprozess, bei den andern (AHA!), oder rumrennen, von Türmen ins Wasser oder ein elastisches Seil springen, Snowboarden, Skateboarden, whatsoever, bei den Dritten. Interessanterweise ist auch eben das Hormon (Oxytocin), welches beim sexuellen Glück, dem Orgasmus, klingelt, das Selbe das Mütter ihre quängelnden Kinder nicht nur stillen, sondern sogar lieben lässt - und uns ein positives Gefühl verschafft, wenn wir in menschlicher Gesellschaft sind. Die Mittel mit denen Mutter Natur ihre Sprösslinge auf den rechten Weg bringt sind also auch in der Psyche höchst divers. Etwas peinlich die Tatsache, dass also Wichser, Popper, Sportler, Geldhaie, Denker und Philosophen eigentlich auf präzise die selbe Belohnung durch einen internen Drogenschub geil sind. Tja ... das war's dann, mit den heroischen Akten.

Das Über-Ich bezeichnet durch formelle und informelle Erziehung verinnerlichte Handlungsnormen, Ichideale, Rollen und Weltbilder, also das was wir heute als "Kultur" bezeichnen würden.
Das Ich und das Über-Ich entstehen aus dem Es. Die verdrängenden Vorstellungen werden dem Über-Ich zugeschrieben. Es ist ein Teil des Ich und beurteilt die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Ich.
Mit dem ES bezeichnet Freud jene psychische Struktur, in der die Triebe (z.B. Essen, Sexualtrieb), Bedürfnisse und Affekte (Neid, Hass, Vertrauen, Liebe) gründen. Die Triebe, Bedürfnisse und Affekte sind auch Muster (psychische „Organe“), mittels denen wir weitgehend unwillentlich bzw. unbewusst wahrnehmen und unser Handeln leiten.
Wenn man den Kokolores (hier eh weggelassen) mit dem Oedipus und dem alles beherrschenden Sex weglässt oder, im zweiten Fall, zumindest auf ein erträgliches Mass zurückstuft, handelt es sich noch heute um ein recht vernünftiges Konzept der Eingliederung des Individuums in das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Selbstentwicklung/Selbstbestimmung - und den Anforderungen der Gesellschaft. C.G. Jung hat dieses Konzept dann noch um die kulturunabhängigen Archetypen erweitert, die man vielleicht auch mit Jaspers Chiffren gleich setzen könnte, also Zeichen aus der Transzendenz. Gesichert ist jedoch ihre Verwandtschaft mit Platos Ideen als metaphysischer Wesenheit eines Dinges. Für Sigmund Freud wäre diese Deutung allerdings nicht akzeptabel gewesen, da sich so die Religion quasi durch die Hintertür wieder hereinschleicht.
Wenn man sich allerdings bewusst macht, welche Bedeutung Sex heute noch hat (für Zufriedenheit wichtiger als Macht und Geld / 50% der 100'000 Besucher von Brainworker/Diskussionsforen besuchen ein einziges Dokument: Cartoons zum vielgeschätzten Thema Sex), und sich denkt, im nachviktorianischen postmodernen versexten Zeit seien Verklemmtheit und andere Hindernisse, Sex zu geniessen (mal abgesehen von Aids & Co) eigentlich keine Probleme mehr, der sollte mal Klaus Heers Paarlauf lesen [Scalo Verlag, Zürich, 2005]: Kleinkrieg wegen einseitiger Minderwertigkeitsgefühle, dauernde Dressurversuche (besonders bei Frauen beliebt), Betrügereien (beiderseitig wohlgemerkt, es sind nicht immer nur die Frauen die armen betrogenen ... logisch, woher sollten die Männer die Frauen für den Seitensprung sonst her nehmen), Verweigerung, Einengung, Unverständnis, Fügung wegen finanzieller Abhängigkeit, Eiseskälte, schwuler Ehemann, ... erst nach 17 Jahren bemerkt, unvereinbare Interessen was Ferien betrifft, Sex gegen Sicherheit, Geld oder Unterwerfung, Streitsucht, Frau als Ersatzmutter - Mann als Ersatzvater, nackter Egoismus, Angst vor dem Alleinsein, Unzufriedenheit mit Arbeit ... und der ganzen Welt, ... also was in der Praxis abläuft hat ganz offensichtlich rein gar nichts mit dem zu tun, was die Medien propagieren, mit irgend einem Ideal schon grad gar nicht. Sex scheint eine ziemlich geplagte Sache zu sein. Schade. Aber ihn zur Ursache von sämtlichen verquerten Träumen und absurden Wunschvorstellungen zu machen, wie Freud es tat, dürfte auch dazu beigetragen haben.
Währenddem eine ... äh ... "hingebungsvolle" Freundin bei Weber Wunder wirkte, also dessen Werk als Sublimation gesehen werden könnte, widerlegt z.B. Gustav Klimt die Idee der Sublimierung (Abwehr unbewusster sexueller Triebe durch geistige oder kulturelle Aktivitäten) ziemlich.
Nicht dass da nicht jede(r) so seine frustrierenden eigenen Erfahrungen hat in dem Bereich. Aber wenn man grad so den Eindruck kriegt, dass sei generell eine Katastrophe, dann kriegt man fast schon Lust sich kastrieren zu lassen und/oder ins Kloster einzutreten. ... oder ? ... mal wieder einen Versuch zu wagen:
Auguste Forel (1848-1931): Kompromissloser Kämpfer für sozialpolitische Anliegen, insbesondere Abstinenz, Frauenrechte (Verhütung, Abtreibung, Gleichstellung unehelicher Kinder) und Sexualethik (Abbau der sexuellen Tabus der viktorianischen Zeit). Propagierte bereits während des Ersten Weltkriegs "Die vereinigten Staaten der Erde" und unterstützte die Bemühungen um eine neue Weltsprache (Esperanto)
Durch seine visionäre Vorstellung von einer gerechten und aufgeklärten Gesellschaft und seinen leidenschaftlichen Einsatz für ihre Verwirklichung machte er den Psychiaterberuf zum ersten Male populär und trug wesentlich zum allgemeinen Verständnis der Geisteskrankheiten bei. Zugleich entwickelte er durch seine spezifische "monistische" Auffassung der Psychiatrie, die biologische, (tiefen)psychologische und soziale Aspekte gleichwertig berücksichtigt, eine Grundlage der Psychiatrie, die bis heute fruchtbar geblieben ist.
| Die edle Kunst und Wissenschaft und unsrer Hände rege Kraft Sie bauten, bis das Haus bereit Das tiefstem Unglück ist geweiht Denn Unglückselig ist der Mann Der nicht mehr das Gesetz der Welt Und dessen, der sie aufrecht hält In seinem Sinn begreifen kann. Zimmermannsspruch zum Richtfest des Burghölzli am 6.10.1866 |
Eugen Bleuler, Nachfolger Auguste Forels am Burghölzli in Zürich: Geist der Anstalt: unbedingte Angerkennung der Person, der gesunden wie der kranken. 1916: Lehrbuch der Psychiatrie
Psychoanalyse: C.G. Jung (1875-1961 ), lebte von 1879-96 in Kleinhüningen, Basel.
Freuds Prinzip, alle Bilder (Träume, Botschaften aus dem Unbewussten) auf verpönte und deshalb verdrängte Wünsche zurückzuführen standen Jungs Erfahrung entgegen. Diese Bilder erschienen ihm vielmehr als Botschaft eines grösseren kollektiven Bewusstseins (wir könnten das als eingebrannte kulturelle Prägung bezeichnen) "Mein Leben ist die Geschichte einer Selbstverwirklichung des Unbewussten" - eine wichtige und notwendige Korrektur zur Wirtschaftsführerideologie der geplanten Karriere bei sich selbst, der minimalistischen Dressur (Schulung) der Untergebenen. s. Individuationsprozess
Analytische Psychologie: Das "Kollektive Unbewusste" besteht aus ererbten Grundlagen der Menschheitsgeschichte. Auf ihm beruhen alle entwicklungsgeschichtlich jüngeren Persönlichkeitsstrukturen, wie etwa das Ich. Im kollektiven Unbewussten manifestieren sich Archetypen. Archetypen sind universell vorhandene Urbilder in der Seele aller Menschen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur. Dazu zählen Gegenstände und Lebewesen aus der Umwelt wie etwa Bäume oder Bären. Die Existenz von Archetypen, die nicht direkt, sondern als Anbahnungen von Vorstellungen vererbt werden, wurden von Jung nachgewiesen
Kernelemente der jungschen Psychologie:
Psychoanalyse: Alfred Adler (1902-) Begründer der Individualpsychologie. Betont gegenüber Freud das Individuum als zielgerichtetes ganzheitliches und soziales Wesen (nicht durch Sex fremdgesteuerten Zombie). Allerdings betont er das Streben nach Überlegenheit in seiner Ganzheits- und Gestaltpsychologie.
Die Eckpfeiler seiner Psychologie sind Minderwertigkeit - Kompensation, oder Überwertigkeit <> Unterwertigkeit. Damals, auch heute noch stark (aber nicht ausschliesslich! Es gibt ausreichend Männer unter dem Pantoffel, sogar bei den als Machos berüchtigten Arabern), betrifft dies Frauen, die sich nicht bloss in der Firma, sondern auch noch zu Hause unterordnen mussten/müssen. Frauen waren generell stark betroffen durch die kulturell vorherrschende niedrige Bewertung, was Emanzipation und der Ansatz der Gender Forschung zu korrigieren suchen.. Dieses geringe Selbstwertgefühl wird kompensiert durch Geltungs- oder Machtstreben, Distanzierung von Menschen.
Adlers Folgerung war: NICHT zum Gehorsam erziehen, sondern auf Gleichstellung der Geschlechter achten! Psychische Störungen sind Beziehungsstörungen. Machtstreben sollte in eine positive soziale Richtung gelenkt werden.
Heute wird Überwertigkeit <> Unterwertigkeit nicht aufgelöst, sondern durch Wettbewerb und Karrierestreben noch gefördert. (> Machttreppe) Die berufliche und vor allem lohnmässige Klassierung in anspruchsvoll <> einfach, hochwertig <> unterwertig zementiert sich in der äusserst ungleichen Vermögensverteilung, die der Sache gleich den rechten Titel gibt: Vermögen: das was eine(r) zu tun vermag, also Macht: was einer machen kann ... mit den andern. Jünger Adlers gibt's noch ... aber haben Sie mal einen gehört, der sich gegen die Förderung des Konkurrenzprinzips gestellt hätte, das erst eigentlich die Rangordnung erstellt? Mehr Konkurrenz bedeutet nicht bloss höhere Leistung von einzelnen, sondern auch mehr Lohn für die Gewinner, also eine Konzentration der Vermögen, der Macht-Potentiale, also mehr Ungerechtigkeit.
[Alfred Adler: Le sens de la vie. Etude de la psychologie individuelle. Petite Bibliothèque Payot 127. Original in Deutsch, 1950, Uebersetzung ca. 1975. Die "Zitate" sind also Rückübersetzungen meinerseits und stammen so nicht wortwörtlich von Adler ]
Es ist eindeutig, dass wir durch Fakten beeinflusst werden, aber durch unsere Meinung über die Fakten. Diese Meinung hängt ab vom Bild das sich der Mensch von der Welt macht, das so sein Denken beeinflusst, sein Fühlen, seinen Willen und seine Handlung. (Aus dieser frühen Lektüre (Gymnasialzeit, 1973 oder 74) stammt vermutlich die Bedeutung, die ich selbst der Weltbildanalyse zuordne]. Der echte Sinn des Lebens ergibt sich aus dem Widerstand den das Individuum erfährt, wenn es falsch handelt. Das Problem des Unterrichts, der Bildung, und der Heilung ist es, eine Brücke zu bauen zwischen den beiden gegebenen Punkten: dem reellen Sinn des Lebens und der verfehlten Handlung des Individuums. Das Kind darf nicht verwöhnt werden (führt zum Überlegenheitskomplex, heute eher histrionische oder narzistische Persönlichkeit genannt). Das soziale Gefühl ist zu fördern, denn die grossen Fehler unserer Zeit: der Krieg, die Todesstrafe, Rassismus, Neurose, Selbstmord, Kriminalität, Trunksucht etc entstehen aus mangelndem sozialem Gefühl.
Das Grundgesetz des Lebens ist der Triumph über Schwierigkeiten. Das psychische Gleichgewicht ist dauernd bedroht. Das menschliche Dasein beruht auf einem Gefühl der Minderwertigkeit (Unzulänglichkeit), das dauernd nach Kompensation ruft.
Diese Aussagen rufen heute Widerstand hervor - stimmen aber auf jeden Fall evolutionär betrachtet, denn im Vergleich zu den meisten Tieren war der Mensch schwach, besass weder Krallen noch Gebiss um sich zu verteidigen, weder Flossen noch Flügel um seinen Feinden zu entfliehen. Er hat all diese Schwächen durch seinen Erfindungsgeist kompensiert (- bis er im Wahn der Überheblichkeit technischer Allmacht endete. Visionaus der Zukunft).
Der Überlegenheitskomplex ist eine Flucht vor der Realität. Er äussert sich in 3 Formen: Überbetonung des Intellekts (Intellektualismus), der Instinkte und Gefühle (Gefühlsduselei), des Tätig seins (Aktivismus, Produktivismus ... eine der häufigsten Formen heute, Basis unseres Wirtschaftssystems - was bereits Adler auffiel: Die Güter sind im Überfluss vorhanden. Man kann sie in Gold umwandeln (heute würde Adler von Aktien reden). Man kann Gold ausleihen für den Wert der Güter. Man kann das Talent anderer kaufen (der sog. Arbeitsmarkt). Man kann sie rumkommandieren, man kann ihnen eine Ideologie einflössen, einen Lebenssinn. Man kann sie im Sinne der Administration, der Macht und des Goldes beeinflussen (s. die goldene Horde). Man kann ihnen Gesetze auferlegen die sie in den Dienst von Macht und Reichtum stellen. - Und die Frau hat keine Aufgabe in dieser Spähre).
Manchmal übertreibt er's ein bisschen. So tendieren laut Adler aktive Kinder zu Autoritarismus, Ungeduld, Erregung, Angeberei, Grausamkeit, Desertion, Diebstahl, sexuellen Straftaten - während dem aus den passiven Kindern Nichtstuer, Abhängige, Untätige, Gleichgülte, Ängstliche, Leugner, Schüchterne werden. Eben so schlecht kommen die Menschen mit tiefem IQ weg, die eh zum Minderwertigkeitskomplex verdammt sind, da sie dauernd scheitern: in der Schule, im Gemeinschaftsleben, in der Gesellschaft, in der Liebe. Die Hälfte der Menschen die irgend wann eine kriminelle Handlung begehen sind nichtqualifizierte Arbeiter, die bereits in der Schule gescheitert sind.
Das Ziel der menschlichen Seele ist der Triumph. die Perfektion, die Sicherheit, die Überlegenheit
Leben heisst, sich entwickeln.
Manchmal trifft er's dennoch: Es ist unerlässlich und wichtig, den Kindern absolute Freiheit zu geben zu reden und Fragen zu stellen.
Kritik und Lob müssen sich immer auf das Scheitern oder den Erfolg beziehen, niemals auf den Charakter des Kindes. Dies relativiert die einigermassen üblen Charakterisierungen von vorher. Allerdings erwartet Adler hier eindeutig zu viel Vernunft von den meisten Menschen - und setzt zu sehr auf die Wirkung der Vernunft, mittels derer er sogar Süchte wie Alkoholismus oder verirrte sexuelle Orientierungen beseitigen will. Sein Ziel ist dem heutigen, der absoluten Individualisierung im Wettbewerb aber diametral entgegen gesetzt. Er betrachtet das soziale Empfinden als durch die Evolution erworbenes und für Menschen entscheidendes Merkmal, sieht es aber bereits in seiner Zeit bedroht durch wirtschaftliche Zwänge, die Selbstmord, Kriminalität, schlechte Behandlung von Kranken und Alten, Vorurteile gegenüber gewissen Rassen verursachen - und die Frauen immer in einen Zustand der Minderwertigkeit (heute als tiefere Produktivität (dank tieferer Löhne in weniger ertragreichen Sparten sogar zahlenmässig belegbar) versetzen. Tugend war für ihn die Teilnahme, die Zusammenarbeit in der Gesellschaft. Wer sich dieser verweigert, oder scheitert, behindert die Entwicklung (der Gesellschaft ... heute ist klar, dass es sich eher um eine Behinderung weiterer linearer Entwicklung des Produktivismus handelt, der selbst quer zu einer optimalen Entwicklung der Gesellschaft steht, weil er zunehmend selbst Bürger aus der Teilhabe an der Produktion, also auch am Mehrwert, ausschliesst.).
In der ganzen Geschichte der Menschheit gibt es kein isoliertes Subjekt (Individuum)
... eine etwas seltsame Aussage für einen Individualpsychologen ... denke ich, auch wenn es absolut betrachtet natürlich stimmt. Allerdings ist mir das ideale Menschenbild das daraus resultiert, also der optimale Anpasser, etwas suspekt, ziemlich kleinbürgerlich. Anyhow. Sogar wenn wir den als sinnvoll betrachten, zeigt sich das heutige Problem deutlich: Wer sich anpassen will oder muss, sollte mindestens wissen, woran. Den Sinn psychiatrischer Behandlung sah Adler immerhin nicht in der Normierung, sondern darin, den Betroffenen wieder Mut zu geben, sie wieder einen Sinn im Leben sehen zu lassen.
Erich Fromm (1900-1908): Der Mensch wird von psychischen Bedürfnissen getrieben, auf die Welt und andere Menschen bezogen zu sein, einen Rahmen der Orientierung und ein Objekt der Hingabe zu haben, sich verwurzelt und identisch zu erleben. Die Biophilie, die Liebe zum Sein, wird aber in der materialistischen Gesellschaft durch Nekrophilie, die Hingabe an das Haben, das Horten toter Gegenstände, verdrängt. Das Selbsterlebens geht durch den Marketingcharakter der Gesellschaft immer mehr verloren, der moderne Mensch leidet unter Entfremdung.
Diese Theorie, kombiniert mit Adler und der Soziologie Horkheimer-Adornos (Frankfurter Schule: kritischen Theorie und Dialektik der Aufklärung), bietet die Grundlage zu einer freien, offenen Gesellschaft die ihre Probleme über Dialog löst und den Konsens über die für (fast) alle erwünschbare Zukunft über das Konzept von Habermas, die dialogische Wahrheitsfindung, bestimmt.
Georg Groddeck: Der erste Psychosomatiker
Aleksandr Romanoviĉ Lurija: (1902 -) psychologische Forschung ist nur dann sinnvoll, wenn sie die komplexe Ordnung umfasst:
Lurija postulierte einiges, das heute durch die Hirnforschung bestätigt wird:
Martha Muchow: Lebensraum des Grosstadtkindes (1935): Indem man das Verhältnis Person/Welt grundsätzlich neu durchdachte, trat immer deutlicher heraus, dass in der Beziehung Kind/Grosstadt nicht die Welt der Grossstadt "erst durch nachträgliche Konvergenz mit der Person (des Kindes) in Beziehung tritt, sondern dass es sich bei der vom Grossstadtkind "gelebten" wie überhaupt bei jeglicher "gelebten Welt" um ein eigentümliches, zwischen Person und Welt sich realisierendes Leben handelt." Sie schuf so die Grundlage der Kindergartenpädagogik. Allerdings handelt es sich um eine lange Zeit verlorene Forschungstradition, die heute in Entwicklungspsychologie, pädagogischer Psychologie und Umweltpsychologie zum Teil wieder aufgenommen wird.
1960 beginnt die anglo-amerikanische Psychologie die bis anhin dominante deutschsprachige Referenzkultur zu verdrängen.
Otto Selz, Carl Lewin, Sigmund Freud, William Stern, Erich Fromm, Georg Groddeck, 6 von den 31 hier erwähnten, 4 davon entscheidend für die Entwicklung der Psychologie.
Keine Sorge, das ist nicht eine Neuauflage der Rassentheorie ... Man kommt aber nicht umhin, gerade in diesen Fächern nicht bloss den hohen Anteil an jüdischen Koryphäen, sondern recht eigentlich eine Dominanz von Gelehrten jüdischer Kultur zu erkennen. Warum ist dem so?
Prof. Dr. Jacques Picard von der Universität Basel hat das untersucht und beantwortet in: Jüdisches Denken und Wissenschaft in der frühen Neuzeit
Die Vertreibung der Juden aus Spanien (1380-1492)
Wichtig sind hier drei Muster.
Erstens konnte nur eine schmale Elite der iberischen Juden sich neue Aufenthaltsorte aussuchen, weil ihr Wissen, ihre Bildung und ihre Netze und Kommunikation eben in den Städten gefragt waren. Der grössere Teil der Flüchtenden, die einst Landwirtschaft, Handwerke oder Kleinhandel ausgeübt hatten, wurden in entlegene Ort abgedrängt, wo sie zumeist unter ärmlichen Verhältnissen lebten. Dieses Muster galt schon in Portugal, und es setzte sich überall fort, wo iberische Juden sich letztlich nach längerem Umherziehen niederliessen.
Zweitens
Damit entstanden, drittens, aber auch innerjüdische Gegensätze. Die spanischen Juden hielten an ihrer überlieferten Sprache und Kultur fest, und diese Kultur setzte sich zuweilen gegenüber der Kultur der länger angestammten Juden auch durch, oder sie wurde, im Gegenteil, von ihr aufgesogen. Judenspanisch und Judeo-Arabisch konnten dann zu angelernten kulturellen Gegensätzen werden, die erst nach Generationen sich auflösten. Dieses dritte Moment lenkt unseren Blick in den Herrschaftsbereich des Ottomanischen Reiches. Gerade dort wurden das Ladino und der sefardische Lebenstil weiterhin stark kultiviert.
2. Jüdisches Denken und moderne Wissenschaft in der frühen Neuzeit
Für das später 19. und 20. Jahrhundert wird die Beteiligung von Juden an der Wissenschaft, vor allem in Medizin und Naturwissenschaften, aber auch für die Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, gerne hervorgehoben. Man spricht, ob zu Recht oder zu Unrecht, von einem überdurchschnittlichen Anteil der Juden in der Wissenschaft. Juden betrieben, gemäss diesen Topoi, Wissenschaften, seit es sie gegeben hatte. Aber entsprechen die historischen Befunde diesen Bildern des jüdischen Arztes auf ewiger Wanderschaft oder des jüdischen Naturwissenschaftlers von „Alters“ her? Gab es überhaupt eine Haltung im jüdischen Denken gegenüber den naturwissenschaftlichen Einsichten und Verfahren? Seit wann genau ist das festzustellen, und wo liegt der Zeitpunkt, an dem ein solches Verhältnis sich bewusst einstellt? Wir verfügen heute über einige Forschungen, allerdings erst lückenhaft, die es uns doch deutlich machen, dass die Beteiligung von Juden an und damit die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht erst im späten 19. Jahrhundert zu verorten ist, sondern in der frühen Neuzeit beginnt. David Rudermann (Yale) etwa hat entlang dreier verschiedener, aber miteinander vernetzter Gruppen deutlich gemacht, dass im 16. und 17. Jahrhundert naturwissenschaftliche und medizinische Tätigkeiten unter den europäischen Juden festzustellen sind.
Erstens studierten seit dem 16. Jahrhundert Hunderte von Juden aus Europa und aus dem Ottomanischen Reich an italienischen Universitäten Medizin und verbreiteten medizinisches und naturwissenschaftliches Wissen in ihren Herkunftsgebieten; zweitens praktizierten in Holland, Italien, England und Deutschland zahlreiche Ärzte aus Spanien und Portugal, wo sie einst als durch Zwang getaufte Christen studiert hatten, danach geflohen waren und in ihren neuen Lebensorten als Juden ihre Kenntnisse einsetzten; und drittens verbreitete sich unter der rabbinischen Gelehrtenwelt in Prag, Krakau und anderen Orten Osteuropas zunehmend naturwissenschaftliches Wissen, vor allem Astronomie. Von der Erbschaft des biblischen Judentums her war die Vorstellung der Natur keineswegs von stabilem und mit fester Bedeutung ausgestattetem Charakter, im Gegenteil. Die Vorstellung von Gott, der in die Natur hinein interveniert, in die alltägliche Geschichte eingreift und die Welt nach unergründlichem Gutdünken schafft oder zerstört – diese Vorstellung war nicht angetan, der Natur einen ihr eigenen und stabilen Status zuzuerkennen. So besehen, lässt sich, wie Moshe Idel festgestellt hat, die Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens als ein Einbruch einer Vorstellung des Kosmos verstehen, welcher fest gefügt ist und auch fest gefügten Gesetzen und Regeln gehorcht. Mit dieser Vorstellung wird der aus der biblischen Geschichte bekannte Interventionscharakter gedämpft und auch beruhigt durch eine Vorstellung eines stabilen und geordneten Universums, dessen Funktionieren intellektuell verstanden werden kann.
Hier finden wir einen substantiellen Unterschied zwischen der Entwicklung der Wissenschaften in der jüdischen und der islamischen Kommune. Während dem die Juden die Unsicherheit der durch göttliche Allmacht immer wieder in "Unordnung" gebrachten Natur durch Wissenschaft zu bewältigen suchten, taten die Muslime das, was ihr Glaube fordert: Sie unterwarfen sich dem Willen Allahs und gaben sich der Tatsache hin. Von extremen Vertretern göttlicher Allmacht wurde jede Wissenschaft quasi als Gotteslästerung betrachtet, da Gott weiss und Gott herrscht. Diese Haltung steht zwar in deutlichem Widerspruch zur Auffassung die der Prophet Mohammed selbst immer wieder deutlich gemacht hat, wenn er sagte, er sei nicht als Landwirtschaftsexperte oder Viehzüchter gesandt, sondern um Gottes Wort zu lehren. Die Sachwissenschaften seien Sache der Gelehrten und nicht sein.
Erst die Ausbreitung der arabischen Sprache in den Mittelmeerraum setzte die Zeichen, die wir heute als Mittelalter bezeichnen. Vermittelt wurde damals naturwissenschaftliches und medizinisches Wissen aus der griechischen und persischen Welt, von wo es in den Mittelmeerraum transferiert wurde. Es setzte eine Rezeption griechischer Philosophie unter lateinisch und arabisch sprechenden Gelehrten ein, womit insbesondere aristotelische Kategorien zur Beschreibung der Welt bezogen werden konnten, die logisch, stabil und verlässlich erschienen. Darin lag die Voraussetzung, um Wissen zu sammeln, manchmal auch zu kategorisieren und so auszuwerten. Juden waren in diesem Prozess als Übersetzer und Übermittler zwischen der islamischen und christlichen Hemisphäre besonders wichtig, und sie entwickelten darin beachtliche Kreativität und Eigenständigkeit. Eine jüdische Beteiligung an wissenschaftlichen und medizinischen Fragen und ihre kulturelle Weitervermittlung hatte hier eine soziale und wirtschaftliche Bedeutung, zumal Juden Handel zwischen den Welten betrieben und darin einen ökonomischen und zuweilen diplomatischen Status inne hielten. Arabische Texte griechischer Philosophen ins Hebräische und von dort ins Lateinische zu übersetzen und so zu einem Intermediär zwischen „Morgenland“ und „Abendland“ zu werden, musste aber bedeuten, den eigenen intellektuellen Horizont zu weiten. Die Juden gehörten mit zu jenen, welche zu den Türöffnern für den Prozess der allmählichen Säkularisierung und der professionellen Neugier an Philosophie und Wissenschaft wurden.
(3) Übersetzen hiess damals ‚über-setzen’, indem man auch stets eigene Einsichten in den übersetzten Texten mitgab und zum anderen aus den Übersetzungen den Stoff für die Innovation neuer Traditionen in den eigenen Reihen bezog. Wonach wir uns heute richten, etwa bei der Sanktionierung eines Prof. Dr. Jacques Picard / Universität Basel / Jüdisches Denken und Wissenschaft in der frühen NZ 12 Plagiats, oder nach der Selbstverständlichkeit eines Zitatennachweises, war damals schlechthin kein Thema.
Medizinstudium im 16. bis 18. Jahrhundert: das Beispiel Padua
1714 regte sich Schudt über die nicht diskriminierende Praxis der Universität Padua bei der Zulassung von Ignoranten und Juden zum Medizinstudium auf, insbesondere aus seiner eigenen Heimat. Das sei einer berühmten Hochschule wie Padua unwürdig und erwecke den Eindruck, die Italiener würden das Geld nehmen und die Tölpel dann zurück schicken.
Paduas Ärzteausbildung genoss in Europa des 16. und 17. Jahrhundert einen guten Ruf. Obwohl katholisch geprägt, studierten hier auch Protestanten. Die Universität war, seitdem Padua im frühen 15. Jahrhundert unter venezianische Herrschaft kam, eine staatliche Institution. Nicht wenige Rabbiner in verschiedenen italienischen Städten waren auch promovierte und praktizierende Ärzte, die in Padua gewesen waren. Seine ausländischen Studenten kamen aus den Gebieten des heutigen England, Frankreich, Spanien, Deutschland, Schweiz, Holland, Belgien, Polen, Ungarn und Russland.
Padua war nicht die einzige italienische Universität, die jüdische Mediziner ausbildete, aber die wichtigste Hochschule in Europa, bis sie dann diesen Vorrang im 17. Jahrhundert einzubüssen begann, als Medizinische Schulen im Norden, etwa die Universität Leiden, Juden die Immatrikulation gestatteten. Aus der Sicht einer jüdischen Kultur- und auch Wissenschaftsgeschichte war Padua mehr als eine Institution, die jüdische Ärzte aus ganz Europa oder dem Ottomanischen Reich ausbildete. Hier handelt es sich darum, Padua als eine Drehscheibe zur Verbreitung einer säkularen jüdischen Kultur, und insbesondere einer Wissenschaftskultur unter den Juden, zu verstehen. In diesem Sinne wurde modernes jüdisches Denken in der Vormoderne, in der voremanzipatorischen Zeit, durch eine universitär gebildete jüdische Elite verbreitet. Der Beruf des Arztes dürfte wohl unter Juden, gerade wenn sie aus einem traditionellen Haus entstammten, bis ins 20. Jahrhundert hinein eine hohe Reputation beibehalten haben. Padua und andere Stätten erlangen für uns also deshalb Bedeutung, weil sie eine Diffusion an Wissen unter der jüdischen Elite und auch in den Gemeinden der Vormoderne bewirkten. Eine wichtige Rolle spielte der in Metz geborene Tobias Cohen, weil er 1707 ein enzyklopädisches Handbuch zur Medizin und Wissenschaft publizierte.
Zu Padua: Die Aussicht, in einem wirtschaftlich und kulturell erfolgreichen Zentrum zu studieren, gehörte mit zu den Faktoren, die den Erfolg Paduas begründeten. Wer Medizin studierte, kam im Curriculum auch in Kontakt mit humanistischen Fächern.
Kulturschock: Für nicht wenige Studenten aus dem „gotischen“ Norden, und hier gewiss auch für jüdische Studenten, war ein solches – auch multinationales, kosmopolitisches – Umfeld von höchster Anregung, aber auch ein Schock. Viele von ihnen waren geistig, sprachlich, kulturell und sozial auf eine solche intensive Erfahrung kaum vorbereitet, mit Ausnahme der jüdischen Converso-Gruppe (converso: (pro-forma)-Bekehrte). Wir besitzen gut fundiertes Material über die Herausforderungen, die sich hier stellten. In Padua selbst existierte ein organisiertes Netz zur familiären Beherbergung, gesellschaftlichen Unterstützung und pädagogischen Vorbereitung und Begleitung der Studierenden. Dies sollte den kulturellen Schock mindern, eine Brücke zwischen jüdischer Kultur und säkularer Wissenschaft herstellen sowie innerlich Psyche und Glauben in diesem Transformierungsprozess stabilisieren. Dazu existierte eine jüdische Vorbereitungsschule, die Latein, Italienisch, Mathematik und andere propädeutische Fächer anbot und somit eine gewisse Professionalisierung erkennen lässt. Insbesondere wurden hier auch gezielt die Analogien zwischen Tora und Medizin, zwischen Glaubensgrundlage und neuer Wissenschaft hergestellt, um keine häretischen Zweifel aufkommen zu lassen.
Diese Juden hatten also den Vorteil, nicht in eine neue Welt gestürzt zu werden, sondern für viele handelte es sich bei den Wissenschaften um eine ganz normale und bruchlose Weiterentwicklung jüdischen Denkens, das offenbar Religion und Wissenschaft weitaus geschickter verbindet als Christentum und insbesondere der Islam. Eine detaillierte Analyse der Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft im Islam finden Sie im Kapitel Orientierungswissen (engl) der Jemen-Studie.
Dazu kommt bei vielen erfolgreichen Forschern (auch Nichtjuden), das sie:
a) reich sind, also nicht auf Gelderwerb angewiesen und auch nicht darauf, sich Forschungsziele und -Methoden vorschreiben zu lassen. Auch mein grosses Vorbild Darwin musste sich nie um Arbeit bemühen oder darum, wem er wohl seine Erkenntnisse verkaufen könnte.
Auch hier kann die Vorliebe für eine Beschäftigung mit Geld ja nicht auf den angeborenen Volkscharakter zurückzuführen sein (immerhin herrscht diese Vorlîebe heute ha weltweit in fast allen Kulturen ...), sondern vermutlich ebenfalls auf die Aussenseiterstellung. Erstens war (und ist eigentlich) das Zinsnehmen laut Bibel verboten, es stunden also nur "ungläubige" für dieses Gewerbe zur Verfügung. Zweitens ist und war Geldkapital eben immer leichter transportierbar als anderes. Ging ein Bauernhof oder eine Werkstatt bei einem Pogrom definitiv verloren, so konnte Geldkapital, und damit das Risiko für Verlust, leicht auf verschiedene Standorte verteilt werden. So gesehen sind wir alle heute "Juden".
b) nicht durch den normalen Bildungsablauf dressiert worden sind.
c) Autodidakten sind -
- also generell nicht in die disziplinären Denkkorsette eingespannt wurden. s. Wissen das dumm macht
Was den Juden spezifisch zu gute kam, war der Umgang mit der Thora. Ein uraltes Gesetzeswerk mit detaillierten Vorschriften für jegliches Detail im Leben, das derart veraltet ist, dass das Leben unmöglich würde, könnte man nicht die Dinge etwas frei interpretieren. Der kritische Umgang mit autoritären Texten (in dem Falle immerhin Gottes Gebot!) begleitet also jeden, der sich als Jude bezeichnet, also seine religiöse Kultur ernst nimmt, durch das Leben.
Dazu kommt, dass die Juden, gerade deshalb, weil sie nicht Opportunisten waren, sondern mehrheitlich an ihrem Glauben, mit all seinen Vorschriften, die sie zwangsweise exponieren mussten in fremden Gesellschaften, festhielten. Sie wurden also quasi zum Innbegriff des Aussenseiters, zum Volk der Aussenseiter - was für jegliche Therapeuten eine Vorbedingung ist (sie aber als solche auch zu den ersten Opfern von Mobbing, oft extremen Ausmasses (Pogrom, Genozid) machte) - womit wir wieder bei der Psychologie wären. Gerade weil sie immer die Vertriebenen, die Aus- oder Eingewanderten waren, also die Fremden, haben sie sich wohl so intensiv mit dem Problem der Integration auseinander gesetzt. So kommt es, dass nicht nur die Psychologie, sondern auch Soziologie und ganz besonders die Sozialphilosophie von jüdischen Denkern dominiert wird.
p.s: Seitdem ich im Tagesanzeiger den Überfall Israels auf den Libanon kritisiert habe, kriege ich dauernd Unterlagen antisemitischer Organisationen. Forget it. Da müsste ich ja auch gegen die Araber sein - und das Völkchen liebe ich. Sind doch die selben Chaoten ...
Trotzdem muss ich hier eine kleine Kritik anbringen. Vor einigen Jahren, als das Thema wieder hochschwappte, kam ein Test in Umlauf, zur Prüfung des eigenen Antisemtismus. Ich muss gestehen, dass ich dabei leicht mehrheitlich antisemitistisch rauskam. Allerdings basiert das auf den drei Fragen: Sind Sie der Meinung, dass Juden in Politik / Wissenschaft / Medien übervertreten sind - die ich mit ja beantworten musste, weil es eben so ist. Sehen Sie sich z.B. die Zusammensetzung der Berater von Bush an, der Neocons, die ihn ja weitgehend ferngesteuert in den Irakkrieg geschickt haben - aber heute die Hände in Unschuld waschen. Fast alles Juden:
Bush-Berater / Neocons:
Des weitern:
Medien:
Noch eine Frage? Also meiner Meinung nach darf man bei diesen Gegebenheiten sagen, dass Juden in der Welt-Politik und in den Medien übervertreten sind, ohne deshalb als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Gerade wenn Juden einen derart katastrophalen Scheiss propagieren wie eben die Neokonservativen, muss man sie in aller Härte kritisieren dürfen, nicht weil sie Juden sind, sondern obwohl sie Juden sind. (Das Selbe gilt ja auch für Kommunismus (Marx, ein Jude) und Liberalismus (Milton Friedman, ebenfalls ein Jude) - die in ihrer reinen Form als Ismen gleichermassen unbrauchbar sind zur humanen, freien und doch halbwegs gerechten Entwicklung und Lenkung einer Volkswirtschaft.
Der Antisemitismusvorwurf setz hier gerade den falschen den Maulkorb auf. Wer einzelne Juden oder jüdische Gruppierungen kritisiert, wer den Palästinensern die gleiche Würde und die gleichen Rechte wie der jüdischen Bevölkerung Palästinas zugestehen will, kann deswegen noch lange nicht als Antisemit bezeichnet werden, er ist allenfalls ein Antizionist, und das darf man genau so gut sein wie man gegen die unilateral und imperialistisch agierenden USA sein darf. Um so mehr, als gerade die Neocons weder Israel noch sonst jemandem einen Gefallen getan haben sondern eine Welle an Problemen ausgelöst haben. Kritisiert wird dies übrigens auch in Israel ... und das ist etwas von den erfreulicheren Seiten dieses Landes, sein Pluralismus, der so weit geht dass er es oft an den Rand des Zusammenbruches bringt, aber doch immer wieder schafft, Gemeinsamkeiten über Differenzen zu stellen ... was aber bisher leider bloss innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gelang.
Vielleicht hätte sich die Sache anders entwickelt, hätte man sich getraut darauf aufmerksam zu machen, dass Bush von einer Mehrheit von Juden beraten worden ist. Wenn jüdische Berater einen Krieg gegen ein arabisches und islamisches Land empfehlen, planen und propagieren, muss man ja wirklich damit rechnen, dass die Hintergründe nicht bloss in reellen Tatsachen, also einer wirklichen Bedrohung (der USA zumal) zu suchen sind. Es waren, wohlgemerkt, nicht DIE Juden, die den Krieg gegen den Irak angezettelt haben, aber es waren diese Juden: Perle, Adelman, Wolfowitz, Ledeen, Frum, Libby, Fleischer, Bolten, Goldsmith, Luttwak ... und vermutlich noch einige mehr, die den Präsidenten in die Richtung gedrängt haben ... was bei dessen Intelligenz kein all zu schwieriges Unterfangen war.
Psychologie
Physik
Oekonomie
Der israelisch-italienische Historiker Ariel Toaff, Sohn eines Rabbiners, hat mit seinem Buch: Pasque di Sangue (Blutige Ostern / Blutpessach) einen kleinen Aufstand in der orthodoxen Gemeinde angezettelt. 1475 wurden im Keller eines jüdischen Hauses die Leiche von Simon, einem zweijährigen christlichen Kind gefunden. Dies ist DIE Grundlage all der Greuelgeschichten über Juden, die Kinderblut trinken oder Kinder essen. Falls Sie die Geschichten noch nie gehört haben oder schlichtweg für absurd halten ... mir ist sie vorgekommen, persönlich. Nachdem ich 1978 in Israel (Volcani Center, Rehovot) ein Praktikum in Pflanzenpyhsiologie absolviert hatte bei Prof. Zvi Plaut, war ich wieder mal zu Besuch bei meiner Grossmutter mütterlicherseits in Marpod. Und prompt kam da die Frage, und zwar ernst gemeint: Ja wie ist das nun? Essen die wirklich Kinder? Ich konnte sie also da beruhigen.
Das Beispiel klärt ausgezeichnet darüber auf, was Rassismus ist, und warum das Antirassismusgesetz nicht überflüssig oder freiheitsbeschränkend ist.
Nun gut, der Ariel Toaff hat nun also bei seiner Recherche festgestellt, dass es zu der Zeit sehr wohl askenasische (askenas war die mittelalterlich-hebräische Bezeichnung für Deutschland) Fundamentalisten gab, die Blut zu medizinischen und magischen Zwecken nutzten ... was den meisten Juden (wie Muslimen) eh ein Greuel ist. Diese Fundamentalisten entwickelten zum Teil extreme Konzepte ... so ähnlich wie das Fundamentalisten auch heute noch tun, allerdings gehörten auch damals keine Konzepte dazu, die Kinderschlachtung beinhalteten. Toaff wurde nun, allein wegen seiner Feststellung, dass es Extremismus auch bei den Juden gab, sogar mit dem Tode bedroht, worauf er sein Buch zurückzog. Und eigentlich ist auch diese eine Form von Rassismus, wenn man sich jegliche Kritik an der eigenen Rasse, am eigenen Volk, am eigenen Glauben verbietet - sei diese auch noch so begründet. In dem Sinne: Antisemitismus ist Rassismus - aber es gibt auch prosemitischen (meist antimuslimisch-antiarabischen, antipalästinensischen) Rassismus, und der darf und muss auch kritisiert werden ... egal wie verständlich die Spannungen in der Lage sind.
... eine zu einfache Erklärung, tönt gut, entspricht aber offenbar nicht so ganz den Tatsachen, denn da waren noch William von Norwich, die Kreuzzüge, die Pest, die Inquisition und sogar die Vertreibung der Muslime aus Spanien, die sich im selben Sinne ausgewirkt haben:
Das Problem geht nämlich noch ein beträchtliches Stück weiter in die Vergangenheit. Jüdische Händler, mit ihren internationalen Beziehungen, waren bereits im Römerreich tätig und dies nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland. Im 11. und 12. JH wurden viele von deutschen Fürsten aus Italien gerufen, um den Fernhandel anzukurbeln. 1085 begannen allerdings auch die Kreuzzüge, und die waren nun echt antisemitisch, denn es ging nicht nur bloss gegen die Muslime, sondern auch gegen die Juden. 1096 wurde dadurch das erste Pogrom ausgelöst, dem sich viele durch Massenselbstmord, wie anno dazumals in Massada, entzogen. Die eigentliche Wurzel der Geschichte mit den Kindermördern ist aber auf eine Begebenheit in Norwich um 1144 zurückzuführen. Ein kleiner Junge namens William war ermordet gefunden worden. Man hatte keine Ahnung von wem er ermordet wurde. Dass daran die Juden schuld seien, wurde erst Jahre später, rein fiktiv, vom Mönch Thomas of Monmouth zum mehrbändigen Buch-Event aufgebaut. Einige denken, in der Absicht, einen lokalen Heiligen zu produzieren um dadurch die Wallfahrten zu fördern.
Voll zum Ausbruch kam der Judenhass aber erst mit der Pest. Ein unrühmliche Rolle spielte hier auch die Schweiz, denn im Schloss Chillon am Genfersee konnte dem ersten Juden durch Folter das Geständnis abgerungen werden, er habe die Brunnen von Venedig vergiftet. Brunnenvergiften wurde zu DER These, womit man sich von nun an die Pest erklärte. Die Juden waren DIE Brunnenvergifter ... obwohl sie unter der Pest genau so litten wie der Rest der Bevölkerung.
Noch ärger wurde die Situation mit der Rückeroberung Spaniens. Durch die Inquisition wurden 90% der (meist gezwungenermassen) konvertierten Juden grausam ermordet. Nach dem Fall der letzten Bastion der Semiten (in dem Fall eigentlich meist Hamiten aus Nordafrika ...) - Granada 1492, wurden alle Juden Spaniens, seit Jahrhunderten dort sesshaft, aufgefordert, innert 3 Monaten das Reich zu verlassen, was einem weiteren Zweig jüdischer Emigranten den Namen gab: Sephardim. (sephardim war die mittelalterlich-hebräische Bezeichnung für die iberische Halbinsel).
Es ist also mehr als verständlich, dass sich Juden (wie andere Aussenseiter) vermutlich öfters gefragt haben, was denn nun eigentlich "normal" - und wer hier eigentlich verrückt - sei. eieiei ...
Links:
Martin Herzog, Basel, 12.3.06
Wenn ich mit meiner Relativitätstheorie recht behalte, werden
die Deutschen sagen, ich sei Deutscher, und die Franzosen, ich sei Weltbürger.
Erweist sich meine Theorie als falsch, werden die Franzosen sagen, ich sei
Deutscher und die Deutschen, ich sei Jude.
(Albert Einstein, dt. Physiker, 1879-1955)