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Max Weber: Die Leidenschaft eines Denkens zwischen Wissenschaft und Politik

 - und die Probleme der Sublimierung

umgedacht nach: Joachim Radkau. Carl Hanser Verlag. München, Wien 2005

Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.

1. Max Weber und die Ökonomie / 2 Max Weber und die Wissenschaft - Wissenschaft als Beruf / 3 Max Weber und die Politik - Politik als Beruf - Presse und Journalismus als Politik / 4 Max Weber und die Frauen

1. Max Weber und die Ökonomie

Kurzbiographie Max Webers:

 

1864: Geburt in Erfurt als erstes. von acht Kindern

1982: Beginnt das Studium der Jurisprudenz in Heidelberg, belegt aber auch Geschichte, Nationalökonomie und Philosophie.

1884: Fortsetzung des Studiums in Berlin bei Mommsen, Treitschke, Gierke und v. Gneist.

1886 Staatsexamen als Jurist

1889 Promotion über: Die Entwicklung des Solidarhaftprinzips und des Sondervermögens der offenen Handelsgesellschaft aus den Haushalts und Gewerbegemeinschaften in den italienischen Städten. Publ: Zur Geschichte der Handelsgesellschaften im Mittelalter.

1890: Landarbeiter-Enquête Ostelbien, eine fundierte Arbeit die ihn geprägt hat. Eine hohe Landflucht mit Ziel Berlin äusserte sich dort eben so virulent wie heute in Frankreich im Problem der Mietskasernenbewohner.

1896: Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaften in Heidelberg

1899 Zusammenbruch und Dispens vom Unterricht -bezahlt bis 1903, dann entpflichtet und zum Honorarprofessor ohne Promotionsrecht ernannt.

1901: Simmel: Philosophie des Geldes, Sigmund Freud: Traumdeutung

1904: Redaktion des Archivs für Sozialpolitik mit Edgar Jaffé und Werner Sombart

1909: Wirtschaft und Gesellschaft

1917: Wissenschaft als Beruf

1919: Politik als Beruf

1920: gestorben innert bloss 10 Tagen an der Spanischen Grippe

Max Weber verwechselte gewiss nicht Gemeinschaft mit Gesellschaft, denn zwischen der kleinen und der grossen Welt, bestand und besteht eine grosse Kluft. Aber er sah als Ökonom und Soziologe den Familienkommunismus als Urform der Gesellschaft: Nur im Schosse der Familie gedeiht der Mensch. [S. 27], das Haus ist die Urzelle der Gesellschaft.

Die Ökonomie machte damals, nach dem Übergang von Merkantilismus zu Kapitalismus, einen weiteren Schritt weg vom gemütlichen, kleinen, von der Oeko-nomie als Ordnung des Hauses, hin zu einer noch nicht globalen, aber doch bereits kontinentalen Gesellschaft mit einer grenzüberschreitenden Wirtschaft - die, sinnbildlich gesprochen, so dann weder Rahmen, Zaun noch Dach mehr besitzt.

Das klassische Ideal der Ökonomie, die Autarkie der Subsistenz, fiel dahin. Das Zinsverbot: Zins ist Herrenrecht! und wird nicht innerhalb der Familie, unter Brüdern, genommen - ging den selben Weg. Die Geldherren verlangten freie Bahn. Autarkie wurde durch die Schwerpunkte Wachstum, Grösse und Marktdominanz ersetzt, also die Schaffung von hegemonialen, neofeudalistischen, allerdings nicht mehr auf Boden, sondern auf Geld basierenden, Abhängigkeiten. Das Bildungs- verband sich mit dem Wirtschaftsbürgertum, eine Verbindung, die heute kurz davor steht, einen bittern Sieg zu feiern: Die Privatisierung des Wissens.

Um die Ökonomie zu einer Wissenschaft deklarieren (nicht machen, denn das ist bis heute nicht gelungen) zu können, mussten die Voraussetzungen wirtschaftlichen Handelns klar und in Formeln fassbar gemacht werden. Dazu erschuf man den Homo oeconomicus:

Er mochte den Homo oeconomicus nicht sehr; aber man muss einen solchen menschlichen Idealtypus unterstellen, um in der Ökonomie zu einer Art von Theorie zu gelangen. Es liegt nun mal im Wesen der Wirtschaftstheorie, dass sie den Menschen nur soweit erfassen kann, wie er Geld verdienen will - und zwar möglichst viel - und Konsumbedürfnisse auslebt, und möglichst auch solche, die über das Lebensnotwendige weit hinausgehen.  [S. 230]

Der homo oeconomicus, als Maximierer persönlichen Nutzens,  handelt rational, egoistisch, verantwortungslos, ohne Rücksicht auf andere, nur sich selbst verpflichtet. Er ist ein Modell aus der banal-hedonistischen Schule, die maximalen Lustgewinn vor allem im Erwerb sah.

Wenn Hypothesen zu ihrer Begründung einen bestimmten Menschentyp und dessen Verhalten verwenden, dann müssen die Anwender der Theorie diesen Charakter vertreten und sich so verhalten wie er, sonst gehen sie unter. Und präzise das passiert zur Zeit. Eine praktische Wissenschaft gestaltet also über ihre Theorie die Realität - anstatt sie zu beschreiben. Die Realität zu gestalten wäre aber, zumindest in einer Demokratie, Sache der Politik.

Bereits damals hatte diese hypothetische Gestalt des Homo oeconomicus Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen:

 

Homo oeconomicus und Homo sociologicus

Der Begriff des rational wirtschaftlich entscheidenden Menschen (Homo oeconomicus) wird von der Soziologie abgelehnt, da die Annahme beinhaltet, dass dieser Agent subjektive, nicht vergleichbare, äusserlich determinierte Präferenzen, keine Emotionen, einem Algorithmus der Nutzenmaximierung folgt und Entscheide unabhängig von andern fällt.

Ein sinnvolles Modell rational wirtschaftlichen Verhaltens erfordert aber auch folgende Fähigkeiten:

  • Engagement (eher als Präferenzen und Nützlichkeit)

  • Emotionen (als Teil der Rationalität, nicht als Gegen-Teil)

  • Besonnenheit (an Stelle einer automatisch-reaktiven Nutzensmaximierung)

  • Interaktion (eher als Unabhängigkeit)

Der Homo oeconomicus kennt hingegen nur eine einfache Skala des Nutzens (eben das Geld)

Menschen erwerben ihre Werte durch einen bedächtigen sozialen und historischen Prozess, nicht als Wahl aus einer Menuliste politischer oder wirtschaftlicher Programme. Diese Werte werden erfahren als Teil der eigenen Identität. Menschliche Werte sind ethischer Natur und verlieren ihre Bedeutung, wenn sie instrumentalisiert werden oder eben auch leichtfertig unter dem Aspekt der "Nützlichkeit" zusammengefasst werden.

Respekt z.B. muss durch ein entsprechendes Verhalten erworben werden, er lässt sich nicht kaufen (ausser man verwechsle ihn mit <Angst vor Repressalien>). Mut ist nicht nur von Bedeutung wenn's um Investitionen geht, sondern meist dort, wo Verlust an Werten droht die sich nicht in Geld messen lassen. Freundschaft die auf Nützlichkeit beruht ist eine zweifelhafte Form von Freundschaft.

Die einseitige, ja fast ausschliessliche Maximierung monetärer Werte ist amoralisch und zerstörerisch, sie wird keinem Menschenbild gerecht, ausser dem des selbstsüchtigen, gierigen Menschen dessen Wohl ausschliesslich vom Besitz abhängt ... weshalb man das Ziel ja auch Wohl-Stand und nicht Wohl-Sein nennt.

Die drei wirtschaftlichen Wertdomänen:

Fähigkeiten Freiheit Gerechtigkeit Für-Sorglichkeit (care)
Engagement Selbstwertgefühl Respekt Vertrauen
  Würde Fairness Sympathie
Emotionen Stolz Solidarität Zuneigung
  Autonomie Gleichheit Verantwortung
Besonnenheit Preis Stimme für Bindung
  Ausstieg Stimme Loyalität
Interaktion Unabhängigkeit Abhängigkeit Interdependenz
  Wettbewerb Regeln folgen Teilen

Ein Zusammenleben ist bereits in Kleingruppen unmöglich, wenn nicht die Bedürfnisse der Andern als Ausgangspunkt dafür stehen, was zu tun ist. Oder, wie die Araber sagen:

Erst der Nachbar - dann das Haus.

Der "Trick" des Typs "neoliberale Ökonomie" ist nun ganz einfach der, diese Werte auf die eigene Gruppe, d.h. präziser auf den eigenen Betrieb zu beschränken. Neoliberalismus ist so eigentlich nichts anderes als wirtschaftlicher Tribalismus, der den Anforderungen der "offenen Gesellschaft" genau so wenig entspricht wie die oft klein karierten sozialen Normen bei einigen noch reell existierenden Stammesgesellschaften.

Wir sehen bereits beim Kernbegriff der Wirtschaft, der Freiheit, dass diese ganz  offensichtlich nicht für alle gilt, denn nirgends werden Stolz und Würde so verletzt wie in den Betrieben. Insbesondere aber die Gerechtigkeit (Fairness, Solidarität, Gleichheit, Regeln folgen) wird von den Jüngern des totalen Wettbewerbs abgelehnt, noch mehr allerdings die Sorge für andere, die Verantwortung für negative Auswirkungen des Wettbewerbs, die Loyalität mit solchen die nicht zum Gewinnernetzwerk gehören, die Abhängigkeit von der Gesellschaft - und natürlich das Teilen, denn <Umverteilung> ist ja hier der grösste Schimpf.

Gemeinschaft und Kooperation ist geradezu der Gegenpol zu Wettbewerb und Externalisierung der Nebenwirkungen.

[nach: Irene van Staveren: Institutional Mediation of the Economy. S. 15-31 in: W. Elsner; A. Biesecker: Neurartige Netzwerke und nachhaltige Entwicklung. Komplexität und Koordination in Industrie, Stadt und Region. Institutionelle und Sozial-Oekonomie. Bd. 14. Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt a.M. 2003].

Wie der Homo oeconomicus und der Homo sociologicus aus ökonomischer Sicht beschrieben werden:

Economics ist all about ow people make choices,
sociology is all about how they don't have any choices to make.

[Duesenberry in Granovetter 1985. Dieses Düsenbeeri ist übrigens keine Figur aus Donald Duck Comics, sondern emeritierter Professor der Harvard Universität, für den Nobelpreis vorgeschlagen.]

Oekonomen gehen von einem frei wählenden und autonomen Individuum aus. Der homo oeconomicus, der sich im Durchschnitt gleich verhält, optimiert sein Verhalten entsprechend seinen exogen vorgegebenen und stabilen Zielen (Präferenzen), denen durch die Knappheit der Mittel (Restriktionen) Grenzen gesetzt sind (Choice under constraint). Institutionen (auch Normen) werden von ihm als Restriktionen erkannt. Ob er sich an diese Institutionen hält, wägt er jeweils in Kosten-Nutzen-Kalkülen bzw. je nach positiven oder negativen Anreizen ab. Institutionen sind somit Teil einer Wahlhandlung. Die Veränderung von Institutionen bzw. Restriktionen führt (im Durchschnitt) auch zur Veränderung des Verhaltens. Die strikte Trennung zwischen Präferenzen und Restriktionen ermöglicht Prognosen über Verhaltensbeeinflussung durch geänderte Restriktionen. Individuen können aber auch (bewusst wählend) Institutionen schaffen und verändern (Choice of Rules).

Soziologen gehen hingegen von durch soziale Normen (Institutionen) gesteuerten Präferenzen des Individuums (homo sociologicus) aus. Der auf Dahrendorf zurückgehende homo sociologicus ist in seinen Zielen und Werten vollkommen durch Institutionen geprägt (Rules without Choice). Er verhält sich gemäss dem von ihm erwarteten Verhalten bzw. entsprechend seiner sozialen Rolle. Institutionen begründen wie beim homo oeconomicus Verhaltenserwartungen. Diese werden jedoch vom homo sociologicus vollkommen internalisiert. Institutionen werden zu Präferenzen und das Individuum kann sie dementsprechend nicht mehr als Restriktionen wahrnehmen. Es wird nicht zwischen Alternativen wählen, da es keine Alternativen wahrnimmt. Dies ändert nichts an der verhaltensbeschränkenden Wirkung von von internalisierten Institutionen. Es ändert sich jedoch die Erklärung von Verhaltensänderungen durch Veränderungen von Institutionen. Durch die Verschmelzung von Restriktionen zu Präferenzen, steht nicht mehr die Verhaltenswirkung (Anreize) sondern das Verhaltensmotiv (Werte) im Vordergrund. Der Analyseschwerpunkt der Soziologie liegt weniger in der Erklärung der Wirkung von Normen und Institutionen als vielmehr in der Erklärung, woher Präferenzen oder Normen/Werte kommen (Sozialisation, sozialer Wandel etc.) und welche Beziehung zwischen Präferenzen und Institutionen besteht.

Tja ... dummerweise kein dummes Geschwätz einer bekloppten Oekonomin, sondern eine Aussage auf dem Niveau einer Dissertation. Es muss also angenommen, dass diese Meinung der herrschenden Lehrmeinung der Oekonomie entspricht, was doch eher besorgniserregend ist. Dass sogar hochintelligente Ökonomiestudenten die Vorgaben so unbedarft übernehmen, liegt natürlich daran, dass sie ja ihre Examen bestehen wollen und müssen, also als Studenten nicht gleich die Ökonomie revolutionieren können, wollen, sollen, dürfen, müssen. Die Arbeit liefert im weitern eine excellente Analyse der Wirtschaftsform Taiwans, zeigt aber auch dort, dass im Namen des Profits dann halt doch gerne auf sonst von der Oekonomie verdammte Prinzipien wie Tribalismus, Familie, soziale Zwänge der Kleingruppe, speziell des Clans, zurückgegriffen wird.

Hauptprobleme:

  1. Der Homo sociologicus (grammatisch richtige Schreibweise: Gattung gross - Art klein) ist primär genau so ein Individuum, das sich mit seiner von innen her individuell entwickelten Identität und Persönlichkeit in seine soziale Umwelt einfügen muss, aber praktisch nie völlig durch die Umwelt gesteuert werden kann ... obwohl gerade die Ökonomie dies eigentlich gerne hätte: Gehorsame Arbeiter die gratis arbeiten ... aber doch irgendwie überflüssiges Geld haben dass sie für überflüssigen Konsum oder eben so überflüssige Spielereien an der Börse einsetzen können. Noch fieser ist, dass präzise diese gewisse Abhängigkeit von Andern, die gerade beim Clan extrem ist, von der Wirtschaft dann auch aus-genutzt wird.

  2. Der Homo oeconomicus hingegen lässt sich völlig durch monetäre Anreize steuern, da er auf Geld süchtig ist. Er ist also gar nicht mehr frei, sondern eine den Einflüssen der Werbung völlig ergebene Marionette, ein Junky, ständig auf der Suche nach einem weiteren Geld-Kick, einer weiteren monetären Dröhnung.

  3. Die optimistische Sicht der Freiheit des Homo oeconomicus beschränkt sich eindeutig auf das oberste Drittel oder Viertel, da die optimale Verteilung von Einkommen und Vermögen ja möglichst ungleich ist (s. Pareto-Verteilung). Die Aussage, dass es bei Ökonomie um freie Wahl, bei Soziologie um Zwänge geht, sieht aus der Perspektive der Mehrheit der Bevölkerung eigentlich grad umgekehrt aus, da diese praktisch nicht mehr frei Gestalten kann, weder ihr Leben noch die Politik, sondern bloss noch auf ökonomische Sachzwänge reagiert. (s. verfügbare Einkommen).

[P. S. Güllner: Netzwerke als Ordnungsprinzip. Eine institutionenökonomische Analyse von Unternehmensnetzwerken in Taiwan. Diss. Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Uni Freiburg CH. 2000. S. 44]

Obwohl er sich selbst der "asketischen Produktion" verschrieb, hatte Weber selbst beträchtliche Probleme, seine Leistungen so anzubieten, dass der Markt sie honoriert hätte. Bereits nach 3 Jahren an der Hochschule hatte er einen mentalen Zusammenbruch. Dank der Anstellung als Professor erhielt er allerdings sein Gehalt weiter, bis er selbst 1903 die Dienstentlassung ohne Pensionsansprüche beantragt  - was von seinen Mitbürgern dann definitiv als klares Zeichen dafür gewertet wurde, dass er verrückt war. Er lebt in derart prekären Verhältnissen, dass er sich 1905 über Nachthemden aus der Altkleidersammlung freut, die er von seiner Mutter zu Weihnachten erhält. Standesgemäss leben kann die Familie erst wieder, als seine Frau Marianne 1908 eine Erbschaft von 350000 Mark erhält. [Auch Weber wäre also ein weiterer höchst ungeeigneter Kandidat, als Vorbild einer Forscherkarriere.]

Das heutige Ideal entstand also bereits vor 100 Jahren. Folgende Erkenntnis Webers könnte noch heute über der Pforte irgendeines Arbeitsamtes prangen:

Im Hintergrund also das bürgerliche Berufsideal: Es geht um die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit. [S. 259]

Panoptikum zeitgenössischer, mit Weber verbundener Elite

  • Alfred Weber
  • Heinrich Rickert
  • Gustav von Schmoller historische Schule
  • Lujo Brentano

  • Wilhelm Windelband: Unterscheidet zwischen nomothetischen (Kriterium: Reproduzierbarkeit. Schwerpunkt: allgemeine Gesetze: Stoffhuber) und idiographische Wissenschaften (Kriterium Belegbarkeit. Schwerpunkt Ereignis, Geschichte, Individuum, eingebettet in Kultur, s. Sozialökologie/Humanökologie, Auf der Schneide des Wissens: Eine kurze Geschichte der Vorgerücktesten Techniken des Herstellens von von Wahrheit in jedem Alter. durch William McGaughey. Sinnhuber)

  • Werner Sombart veröffentlichte ein Buch nach dem andern, wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen, und war lange Jahre Weber an Arbeitskraft und insbesondere Breitenwirkung weit überlegen. Er hielt Vorlesungen und Vorträge vor überfüllten Hörsälen und bekam Spitzenhonorare - die er ganz im Stile der katholischen oder Abenteurerkapitalismus mit vollen Händen wieder in Umlauf brachte. Seine These, dass Kapitalismus vor allem auf der Basis von Luxuskonsum entstand (Nachfrageökonomie), steht in diametralem Widerspruch zu Webers Angebots-, Spar- und Investitionsökonomie. Die Lösung ist weitaus weniger schwierig als man sich denken könnte, sie liegt in der Optimierung beider Aspekte: Man kann sowohl zuviel als auch zuwenig sparen, man kann zuviel als auch zu wenig konsumieren. Eine zu scharfe Betonung der Angebotsökonomie führt zu freudloser Produktion auf Halde, eine Überbetonung des Konsums zu Schulden. So gesehen sind die USA heute seltsamerweise wirtschaftlich eigentlich nicht ein Musterland des Protestantismus, sondern erzkatholische Finanzabenteurer.
    Sombart ging unter, da er den Nationalsozialisten zu nahe kam.
  • Sombart und Georg Simmel waren beide äusserst produktiv, aber im Rufe, wissenschaftlich nicht seriös und moralisch nicht einwandfrei zu sein. Simmel durch seine jüdische Herkunft diskreditiert, Sombart später durch seinen Antisemitismus.

Max Webers feministisches Umfeld:

Obwohl er den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaften in Heidelberg innehatte, sind Webers Arbeiten zur Ökonomie, ja sogar seine Arbeiten in Soziologie - aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet, mehr als kläglich. Auf dem Gebiete fehlte im der Überblick offenbar total. Sei es darum, weil er sich zu sehr an seine eigenen Lieblingsthese: Kapitalismus als Resultat protestantischer Ethik hielt, oder sich für den Unterricht lieber an bewährtes hielt - oder, und das dürfte der Hauptgrund sein, weil er, so wenig wie seine Nachfolger in den nächsten 100 Jahren, die Kluft zwischen "protestantischer" und "katholischer" Wirtschaft nicht zu überwindenden vermochte. Daran dürfte vor allem seine nicht so gute Beziehung zu Werner Sombart verantwortlich sein.

 

2 Max Weber und die Wissenschaft

Grenzüberschreitungen waren das Typische an Weber, das Überschreiten von Fächergrenzen seine Spezialität.  - obwohl viele Professoren ihn den Studenten gerne als Vater der disziplinierten und kalten Wissenschaftlichkeit darstellen, die um Werte einen grossen Bogen macht.

Allerdings gab es damals noch weitaus weniger Einzeldisziplinen und das damit verbundene Spezialistentum. Auch Zeitgenossen wie Simmel, Sombart, Brentano, Schmoller, Gothein überraschen durch ihre Vielseitigkeit. Wissenschaft wurzelte noch in Bildung und Philosophie und stand nicht bloss, erfern, auf dem Sockel der Theorie. (Noch weniger lag sie allerdings an den Ketten wirtschaftlicher Verwertungsinteressen).

Weber hatte einen ungeheuren Antrieb zur Erkenntnis (Lust an der Erkenntnis wäre das katholische Gegenstück ...). Wut (s. Thymos) gehörte zu seinem Naturel - was seine Neigung (wie Unfähigkeit) zur Politik erklärt. Aber er war selbst unfähig zur "Wissenschaft als Beruf", da für ihn die wissenschaftlich notwendige methodische Stringenz der Fülle der Wirklichkeit nicht gerecht werden konnte. Ein Ausdruck dafür mögen ebenso sein Schreibtisch (Ein Chaos von Papieren und Zetteln) wie seine Handschrift sein, die, typisch für Kopfarbeiter, extrem krakelig und unlesbar ist, da die Gedanken weitaus schneller als die Finger sind. Er beklagte sich oft selbst, dass er nicht mehrere Gedanken gleichzeitig aussprechen konnte.

Die Wirkung auf seine Leser war zwiespältig. Während die einen, wie Paul Hensel: das Flügelrauschen des Genius gespürt, trotz des hingeschluderten und formlosen der Schriften Webers, kritisierten die andern wie Mommsen: Es sprudelt, aber es fliesst nicht, und Alfred Dove gar: Es wird von Weber nichts übrig bleiben, trotz seiner vielen Einfälle - womit er sich aber offensichtlich getäuscht hat.

Bereits 1917 stand Weber allerdings, als Querdenker der sich nirgends einfügte, ausserhalb der Wissenschaftshierarchie und damit ausser Reichweite einer wissenschaftlichen Karriere.

Was die wertfreie Wissenschaft betrifft, so wird Weber meist in den falschen Zusammenhang gestellt. Es ging im dabei eigentlich wenig um die Wissenschaften, mehr um die Politik - und noch mehr um den Schutz der Werte vor den Wissenschaften. Der Thymiker Weber stellte die Politik höher als Wissenschaft und Kampf über die Wahrheit. So hält er sich in eigenen Polemiken, insbesondere bei seinen Ausfällen gegenüber den Polen, auch nicht immer sehr an Wahrheit oder Wissenschaftlichkeit, nutzt aber gerne deren Autorität, auch dort , wo sie gar nicht gegeben ist.

Die wahre Wissenschaft war aus seiner Sicht von Werturteilen strikt zu trennen; praktische Entscheidungen dagegen verlangen Werturteile; jene Schulen, die nicht Staatsbeamte, sondern Wirtschaftsleute ausbilden, müssen praxisorientiert sein; daher kann die Wissenschaft an ihnen nicht gedeihen. -So etwa hat man sich die Prämissen der Weberschen Polemik vorzustellen [S. 632]

Die Konsequenzen der zentralen Aussage hier sollten die Konstrukteure der Fachhochschulen mal durchdenken.

Wenn Weber gegen die Werturteile in der Wissenschaft kämpfte, so ja nicht deshalb, weil es für ihn keine Werte gegeben hätte, sondern eher aus dem Grund, weil ihm seine Werte zu heilig waren, als dass er sie mit der Wissenschaft vermengen wollte. [S. 806] Die von Weber geforderte Trennung von Forschung und Werten war damals leichter, da es ihm 1. vor allem um die Naturwissenschaften ging, und diese 2. noch nicht mal am Rande die Probleme der Beherrschung und Gestaltung (bis Verunstaltung) der Welt beinhalteten, wie sie es seit Atombombe und Gentechnologie tun. Einen Beleg dafür, dass Weber die wissenschaftliche Forschung ganz und gar nicht über die Werte stellte, liefert folgender Dialog:

Das Gespräch war auf die Russische Revolution gekommen, und Schumpeter hatte darüber sein Vergnügen geäussert, da der Sozialismus nicht mehr eine Papierdiskussion bleibe, sondern seine Lebensfähigkeit erweisen müsse. Weber erklärte mit einiger Erregung den Kommunismus im russischen Entwicklungsstadium geradeheraus für ein Verbrechen ...; der Weg würde über unerhörtes menschliches Elend gehen und in einer fürchterlichen Katastrophe enden. "Kann schon sein", sagte Schumpeter, "aber das wird für uns ein recht nettes Laboratorium sein." "Ein Laboratorium mit gehäuften Menschenleichen", führ Weber auf. "Das ist jede Anatomie auch", gab Schumpeter zurück .... Weber wurde heftiger und lauter, Schumpeter sarkastischer und leiser, ringsum unterbrachen die Kaffehausgäste ihre Spielpartien und hörten neugierig zu, bis Weber aufsprang und mit den Worten "das ist nicht mehr auszuhalten" auf die Ringstrasse herauseilte ...." [S. 778]

Detailliertere Analyse s. Wissenschaft analysiert das Sein - sie prophezeit kein Sollen

 
 

Wissenschaft als Beruf

S 592/582 http://www.uni-potsdam.de/u/paed/Flitner/Flitner/Weber/WL.pdf (s. auch Wertphilosophie)

Denn es ist außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen. Er muß es mindestens eine Anzahl Jahre aushalten können, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher die Chancen hat, einzurücken in eine Stellung, die für den Unterhalt ausreicht. In den Vereinigten Staaten dagegen besteht das bürokratische System. Da wird der junge Mann von Anfang an besoldet.

Verstehen heisst rekonstruieren.

Max Weber

Bescheiden freilich. Das Gehalt entspricht meist kaum der Höhe der Entlohnung eines nicht völlig ungelernten Arbeiters. Immerhin: er beginnt mit einer scheinbar sicheren Stellung, denn er ist fest besoldet. Allein die Regel ist, daß ihm, wie unseren Assistenten, gekündigt werden kann, und das hat er vielfach rücksichtslos zu gewärtigen, wenn er den Erwartungen nicht entspricht. Diese Erwartungen aber gehen dahin, daß er »volle Häuser« macht. Das kann einem deutschen Privatdozenten nicht passieren. Hat man ihn einmal, so wird man ihn nicht mehr los.

Nun können wir bei uns mit Deutlichkeit beobachten: daß die neueste Entwicklung des Universitätswesens auf breiten Gebieten der Wissenschaft in der Richtung des amerikanischen verläuft. Die großen Institute medizinischer oder naturwissenschaftlicher Art sind »staatskapitalistische« Unternehmungen. Sie können nicht verwaltet werden ohne Betriebsmittel größten Umfangs. Und es tritt da der gleiche Umstand ein wie überall, wo der kapitalistische Betrieb einsetzt:

die »Trennung des Arbeiters von den Produktionsmitteln«. Der Arbeiter, der Assistent also, ist angewiesen auf die Arbeitsmittel, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden; er ist infolgedessen vom Institutsdirektor ebenso abhängig wie ein Angestellter in einer Fabrik: – denn der Institutsdirektor stellt sich ganz gutgläubig vor, daß dies Institut » s e i n « Institut sei, und schaltet darin –, und er steht häufig ähnlich prekär wie jede »proletaroide« Existenz und wie der assistant der amerikanischen Universität. Jeder junge Mann, der sich zum Gelehrten berufen fühlt, muß sich vielmehr klarmachen, daß die Aufgabe, die ihn erwartet, ein Doppelgesicht hat. Er soll qualifiziert sein als Gelehrter nicht nur, sondern auch: als Lehrer.

Motto: lasciate ogni speranza

Es besteht eine außerordentlich starke Kluft, äußerlich und innerlich, zwischen dem Chef eines solchen großen kapitalistischen Universitätsunternehmens und dem gewöhnlichen Ordinarius alten Stils. Auch in der inneren Haltung. Ich möchte das hier nicht weiter ausführen. Innerlich ebenso wie äußerlich ist die alte Universitäts v e r f a s s u n g fiktiv geworden. Geblieben aber und wesentlich gesteigert ist ein der Universitäts l a u f b a h n eigenes Moment: ob es einem solchen Privatdozenten, vollends einem Assistenten, jemals gelingt, in die Stelle eines vollen Ordinarius und gar eines Institutsvorstandes einzurücken, ist eine Angelegenheit, die einfach H a s a r d ist. Gewiß: nicht nur der Zufall herrscht, aber er herrscht doch in ungewöhnlich hohem Grade. Ich kenne kaum eine Laufbahn auf Erden, wo er eine solche Rolle spielt.

Aber auch jeden anderen muß man auf das Gewissen fragen: Glauben Sie, daß Sie es aushalten, daß Jahr um Jahr Mittelmäßigkeit nach Mittelmäßigkeit über Sie hinaussteigt, ohne innerlich zu verbittern und zu verderben? die mathematische Phantasie eines Weierstraß ist natürlich dem Sinn und Resultat nach ganz anders ausgerichtet als die eines Künstlers und qualitativ von ihr grundverschieden. Aber nicht dem psychologischen Vorgang nach. Beide sind: Rausch (im Sinne von Platons »manía«) und »Eingebung«.

Wissenschaftliche Arbeiten können gewiß dauernd, als »Genußmittel«, ihrer künstlerischen Qualität wegen, oder als Mittel der Schulung zur Arbeit, wichtig bleiben. Wissenschaftlich aber überholt zu werden, ist – es sei wiederholt – nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiter kommen werden als wir.

Kommentar: Auch hier eine Aussage Webers, die es heute zu beherzigen gilt: Dort wo Wissen patentiert, also privatisiert wird, wird der Strang des Forschungsdrangs, der wissenschaftlichen Entwicklung gekappt, um das Wissen kommerziell besser, und nur von den Eigentümern, nutzen zu können, wird es entweder zum Geheimwissen, oder zu kostenpflichtigem Wissen. (s. öffentliche Forschung - öffentliches Wissen)

Welches aber ist die innere Stellung des Mannes der Wissenschaft selbst zu seinem Beruf?, – wenn er nämlich nach einer solchen überhaupt sucht. Er behauptet: die Wissenschaft »um ihrer selbst willen« und nicht nur dazu zu betreiben, weil andere damit geschäftliche oder technische Erfolge herbeiführen, sich besser nähren, kleiden, beleuchten, regieren können. Was glaubt er denn aber Sinnvolles damit, mit diesen stets zum Veralten bestimmten Schöpfungen, zu leisten, damit also, daß er sich in diesen fachgeteilten, ins Unendliche laufenden Betrieb einspannen läßt? daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch B e r e c h n e n  b e h e r r s c h e n könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.

Nun kann man niemandem wissenschaftlich vordemonstrieren, was seine Pflicht als akademischer Lehrer sei. Verlangen kann man von ihm nur die intellektuelle Rechtschaffenheit: einzusehen, daß Tatsachenfeststellung, Feststellung mathematischer oder logischer Sachverhalte oder der inneren Struktur von Kulturgütern einerseits, und andererseits die Beantwortung der Frage nach dem W e r t der Kultur und ihrer einzelnen Inhalte und danach: wie man innerhalb der Kulturgemeinschaft und der politischen Verbände h a n d e l n solle, – daß dies beides ganz und gar h e t e r o g e n e Probleme sind.

Fragt er dann weiter, warum er nicht beide im Hörsaal behandeln solle, so ist darauf zu antworten: weil der Prophet und der Demagoge nicht auf das Katheder eines Hörsaals gehören. Dem Propheten wie dem Demagogen ist gesagt: »Gehe hinaus auf die Gassen und rede öffentlich.« Da, heißt das, wo Kritik möglich ist.

Kommentar: Dies gilt heute insbesondere in zwei Bereichen:

  1. dem der handlungsanleitenden Wirtschaftstheorien, durch die der Mensch immer mehr Freiheit verliert und bald nur noch auf ökonomische Sachzwänge re-agiert statt handelt

  2. der anwendungsorientierten Forschung, insbesondere im Bereich Gentechnologie. Hier ist der Forscher nur Autorität, was die Beschreibung der Sachverhalte, der von ihm in den Zellen oder in den Partikeln von Zellen untersuchten Abläufe betrifft - nicht jedoch für die wirtschaftliche Verwendung, die sozialen und politischen Auswirkungen dieser Technologie. Natürlich dürfen Genforscher ihren Arbeitsbereich genau so loben und fördern wie andere - aber sie sind dabei genau so menschlich, einseitig, voreingenommen - und unkritisch, wie andere Bürger. Hier muss man ihnen zwar die Möglichkeit des privaten wie institutionellen Engagements lassen, aber die Autorität als absprechen, als objektive und neutrale Forscher darüber zu sprechen, denn hier handeln sie als Interessensvertreter.

Rationalismus der ethisch-methodischen Lebensführung, der aus jeder religiösen Prophetie quillt, hatte diese Vielgötterei entthront zugunsten des »Einen, das not tut« – und hatte darin, angesichts der Realitäten des äußeren und inneren Lebens, sich zu jenen Kompromissen und Relativierungen genötigt gesehen, die wir alle aus der Geschichte des Christentums kennen. Heute aber ist es religiöser »Alltag«.

Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. Das aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird, und der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen A l l t a g gewachsen zu sein. Alles Jagen nach dem »Erlebnis« (s. event) stammt aus dieser Schwäche. Denn Schwäche ist es: dem Schicksal der Zeit nicht in sein ernstes Antlitz blicken zu können.

Der amerikanische Knabe lernt unsagbar viel weniger als der unsrige. Er ist trotz unglaublich vielen Examinierens doch dem S i n n seines Schullebens nach noch nicht jener absolute Examensmensch geworden, wie es der deutsche ist. Denn die Bürokratie, die das Examensdiplom als Eintrittsbillet ins Reich der Amtspfründen voraussetzt, ist dort erst in den Anfängen. Der junge Amerikaner hat vor nichts und niemand, vor keiner Tradition und keinem Amt Respekt, es sei denn vor der persönlich eigenen Leistung des Betreffenden: d a s nennt der Amerikaner »Demokratie«.

Ich persönlich bejahe schon durch meine eigene Arbeit die Frage. Und zwar auch und gerade für den Standpunkt, der den Intellektualismus, wie es heute die Jugend tut oder – und meist – zu tun nur sich einbildet, als den schlimmsten Teufel haßt. Denn dann gilt für sie das Wort: »Bedenkt, der Teufel, der ist alt, so werdet alt ihn zu verstehen.« Das ist nicht im Sinne der Geburtsurkunde gemeint, sondern in dem Sinn: daß man auch vor diesem Teufel, wenn man mit ihm fertig werden will, nicht – die Flucht ergreifen darf, wie es heute so gern geschieht, sondern daß man seine Wege erst einmal zu Ende überschauen muß, um seine Macht und seine Schranken zu sehen.

Daß Wissenschaft heute ein f a c h l i c h betriebener »Beruf« ist im Dienst der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern [und] Propheten oder ein Bestandteil des Nachdenkens von Weisen und Philosophen über den S i n n der Welt, – das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation, aus der wir, wenn wir uns selbst treu bleiben, nicht herauskommen können.

Daraus wollen wir die Lehre ziehen: daß es mit dem Sehnen und Harren allein nicht getan ist, und es anders machen: an unsere Arbeit gehen und der »Forderung des Tages« gerecht werden – menschlich sowohl wie beruflich. Die aber ist schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der s e i n e s Lebens Fäden hält.

 

3 Max Weber und die Politik

Obwohl eine der berühmtesten politischen Maximen Max Webers lautete: Drei Qualitäten vor allem machen den Politiker aus: Leidenschaft - Verantwortungsgefühl - Augenmass; liess er sich des öftern selbst durch die erstgenannte dominieren. Ein Problem, dass er mit vielen Landsleuten (und Verwandten südlich des Rheines) teilt: Weber war nur insofern Politiker, als er den dafür notwendigen Zorn aufbrachte. Da ihm aber die ebenfalls notwendige Diplomatie völlig fehlte, kam er als Politiker nie zum Zuge. Im Gegenteil. Er hatte noch Glück. So zog er immer wieder in härtesten Tönen über den Kaiser her - ohne wegen Majestätsbeleidigung belangt zu werden. Er zog mit Sarkasmus über die Jugendbewegungen her. Um in der Politik hochzukommen braucht man aber einen "Stimmenbeschaffungsapparat", also eine Partei, denn auch charismatische Anführer brauchen Anhänger, die bei der Charismatik mitspielen. Ebenso mangelte es ihm vermutlich an ausreichendem schauspielerischem Talent, ohne das sich keine Politik betreiben lässt, denn diese spielt auf der Bühne: "Dem Deutschen ist nicht leicht ums Herz, wenn er Politik treibt, weil er sich nicht zu spielen traut." Es gehöre - so Plessner - zum Wesen des Politikers, sich nicht mehr als er selbst zu geben, sondern in der Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen, ein Schauspieler zu sein. Diese Maxime triumphiert heute immer häufiger, s. Ronald Reagan, Schwarzenegger, ...Aus eigener Erfahrung wusste er von Jugend auf, welche Bedeutung dem politischen Insiderwissen zukommt, und daher war es ihm entscheidend, der Volksvertretung eine wirksame Waffe gegen die Geheimnistuerei der Ministerialbürokratie in die Hand zu geben: Geheimwissen ist das wichtigste Machtmittel des Beamtentums.

Weiter Amtsblüten

Weber sah Wissenschaft als Kontemplation - Politik aber als Kampf um die Macht, der Wille, Härte und Charisma voraussetzt. Deswegen hatte er einen derartigen Horror vor Verbeamtung und Bürokratie, 2.

Bürokratie als Schreckgespenst:

Wir erkennen ja sehr gern an, dass oben an der Spitze unseres Beamtentums ehrenhafte und begabte Leute stehen .. Aber so fürchterlich der Gedanke erscheint, dass die Welt etwa einmal von nichts als Professoren voll wäre ..., noch fürchterlicher ist der Gedanke, dass die Welt mit nichts als jenen Rädchen, also mit lauter Menschen angefüllt sein soll, die an einem kleinen Pöstchen kleben und nach einem etwas grösseren Pöstchen streben ... Diese Leidenschaft für die Bürokratisierung ... ist zum verzweifeln. Es ist, als wenn in der Politik der Scheuerteufel, mit dessen Horizont der Deutsche ohnehin schon am besten auszukommen versteht, ganz allein das Ruder führen dürften, als ob wir mit Wissen und Willen Menschen werden sollten, die "Ordnung" brauchen und nichts als Ordnung, die nervös und feige werden, wenn diese Ordnung einen Augenblick wankt, und hilflos , wenn sie aus ihrer ausschliesslichen Angepasstheit an diese Ordnung herausgerissen werden. [S. 505]

Dieses Schreckgespenst hat sich weitgehend realisiert, denn heute leben wir in einer Welt, die so perfekt funktionieren soll, wie eine grosse Maschine. Eine grosse, perfekt funktionierende Maschine kann aber nicht mit freien Menschen, sondern nur mit normierten Rädchen funktionieren. Dass dem so ist, liegt weder an den Gesetzen der Natur noch an denen des Marktes, sondern an der von uns gewählten Orientierung:

Die volkswirtschaftliche Organisation jedes Volkes ist kein Naturprodukt, wie man so lange gefaselt hat, sie ist hauptsächlich ein Produkt der jeweiligen sittlichen Anschauungen über das, was im Verhältnis der verschiedenen sozialen Klassen zueinander das Rechte, das Gerechte ist. [S. 507]

Dem entgegen kam der seit 1890 rasant anwachsende Kult um Nietzsche genau so, wie die, nach einem halben Jahrhundert immer noch revolutionären, Ansichten von Charles Darwin (Na ja, in gewissen Teilen der USA sind diese ja heute noch des Teufels, der nie schläft (s. Bild links). Mit der Evolutions- und Selektionstheorie, also dem Kampf ums Überleben und dem survival of the fittest, wurde das Konzept der geschaffenen, damit ewigen und unveränderlichen Natur, über Bord geworfen und die Geschichte selbst zu einem bestimmenden Faktor. Da diese Erkenntnis neu war, wurde sie von den Historizisten bis zu dem Punkte hin übertrieben, wo sie nicht mehr stimmt, nämlich zur geschichtlichen Vorherbestimmung, zur teleologischen, zielgerichteten Entwicklung. Diese Auffassung von Geschichte würde es der Geschichtswissenschaften erlauben, Vorhersagen über die zukünftige Entwicklung zu machen, also quasi wissenschaftliche Prophezeiungen. Und dagegen hat sich Weber in aller Härte im Werturteilsstreit gewendet.

Trotz des Rufes nach Macht und Härte den viele Sozialdarwinisten vorbrachten, waren fast alle vor 1914 gegen den Krieg, da sie sahen, dass der technisierte Krieg keineswegs zum Überleben der Besten und Kräftigsten führte - sondern zum Überleben derjenigen, die sich am besten drücken. Einerseits. Andererseits war er, obwohl im die Verbesserung der Verhältnisse der unteren Klassen ein Anliegen war, die Sozialpolitik nicht ganz geheuer, und er vertrat auch da Thesen, die zwar richtig, aber halt recht rechts sind: Ich lege gar kein so grosses Gewicht auf unsere Sozialpolitik; was hilft es, wenn Arbeiter auf ihre alten Tage etliches Behagen haben, wenn sie gehorchen müssen, solange sie ihre gesunden Knochen noch beieinander haben. [S. 811-12] Eine weise Vorwegnahme der heutigen Probleme mit allen Möglichen Zwangsabgaben wie AHV, Krankenkasse, Ausbildung, Pensionskasse - die einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft kein Geld mehr in der Tasche lassen, das Leben zu geniessen.

Weber war an und für sich kein Antisemit - aber ausgesprochener Antipole und Antisozialist: Dass wir heute nicht einmal eine Division gegen die Polen entsenden können, das haben wir dieser Revolution zu verdanken. Man sieht nichts als Schmutz, Mist, Dünger, Unfug und sonst nichts anderes. Liebknecht gehört ins Irrenhaus und Rosa Luxemburg in den Zoologischen Garten. (Max Weber 1919 ) So geriet er dem Nationalsozialismus recht nahe und hat auch sonst einige heute eher peinliche Ansichten hinterlassen:

Auf der Suche nach dem charismatischen Führer, also dem Führer mit der "Gnadengabe", der einzigen wahren Berechtigung zur Politik, entdeckte er 1917 die geborene Führernatur mit starkem Machtinstinkt in Alfred Hugenberg, dem Leiter der Kruppwerke, dem späteren deutschnationalen Führer und Pressezaren, der zum Wegbereiter Hitlers wurde.

Webers liberaler Imperialismus teilt ein bisschen Bush's Sicht der Freiheit, also immer die limitierte Perspektive der eigenen Freiheit, ohne Rücksicht auf Verluste bei den Andern: Die Chance der Freiheit wächst mit dem Freiraum; daher enthält der Vorstoss in neue Räume eine Verheissung von Freiheit. Da die 3. Welt von England und Frankreich kolonialisiert war, blieb den Deutschen nur noch die Kolonialisierung Europas.

 

Politik als Beruf

http://www.uni-potsdam.de/u/paed/Flitner/Flitner/Weber/PS.pdf  S. 394/396

Was verstehen wir unter Politik? Der Begriff ist außerordentlich weit und umfaßt jede Art selbständig l e i t e n d e r Tätigkeit. Man spricht von der Devisenpolitik der Banken, von der Diskontpolitik der Reichsbank, von der Politik einer Gewerkschaft in einem Streik, man kann sprechen von der Schulpolitik einer Stadt- oder Dorfgemeinde, von der Politik eines Vereinsvorstandes bei dessen Leitung, ja schließlich von der Politik einer klugen Frau, die ihren Mann zu lenken trachtet.

Definitionen des Staates:

  • letztlich nur definieren aus einem spezifischen M i t t e l , das ihm, wie jedem politischen Verband, eignet: der physischen Gewaltsamkeit. “Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet”, sagte seinerzeit Trotzky in Brest-Litowsk.

  • das M o n o p o l  l e g i t i m e r  p h y s i s c h e r  G e w a l t s a m k e i t für sich (mit Erfolg) beansprucht.

Denn das der Gegenwart Spezifische ist: daß man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur so weit zuschreibt, als der S t a a t sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des “Rechts” auf Gewaltsamkeit.

Politik” würde für uns also heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt.

– Wer Politik treibt, erstrebt Macht,
– Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele
– idealer oder egoistischer
– oder Macht “um ihrer
selbst willen”: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen.

L e g i t i m i t ä t s gründe einer Herrschaft – um mit ihnen zu beginnen – im Prinzip drei:

  1. Einmal die Autorität des “ewig Gestrigen”: der durch unvordenkliche Geltung und gewohnheitsmäßige Einstellung auf ihre Innehaltung geheiligten Sitte: “traditionale” Herrschaft, wie sie der Patriarch und der Patrimonialfürst alten Schlages übten.

  2. Dann: die Autorität der außeralltäglichen persönlichen G n a d e n g a b e (Charisma), die ganz persönliche Hingabe und das persönliche Vertrauen zu Offenbarungen, Heldentum oder anderen Führereigenschaften eines einzelnen: “charismatische” Herrschaft, wie sie der Prophet oder – auf dem Gebiet des Politischen – der gekorene Kriegsfürst oder der plebiszitäre Herrscher, der große Demagoge und politische Parteiführer ausüben.

  3. Endlich: Herrschaft kraft “Legalität”, kraft des Glaubens an die Geltung legaler S a t z u n g und der durch rational geschaffene Regeln begründeten sachlichen “Kompetenz”, also: der Einstellung auf Gehorsam in der Erfüllung satzungsmäßiger Pflichten: eine Herrschaft, wie sie der moderne “Staatsdiener” und alle jene Träger von Macht ausüben, die ihm in dieser Hinsicht ähneln.

... daß er persönlich als der innerlich “berufene” Leiter der Menschen gilt, daß diese sich ihm nicht kraft Sitte oder Satzung fügen, sondern weil sie an ihn glauben. Er selbst zwar lebt seiner Sache, “trachtet nach seinem Werk”, wenn er mehr ist als ein enger und eitler Emporkömmling des Augenblicks. Seiner Person und ihren Qualitäten aber gilt die Hingabe seines Anhanges: der Jüngerschaft, der Gefolgschaft, der ganz persönlichen Parteigängerschaft. In den beiden in der Vergangenheit wichtigsten Figuren: des Magiers und Propheten einerseits, des gekorenen Kriegsfürsten, Bandenführers, Kondottiere andererseits, ist das Führertum in allen Gebieten und historischen Epochen aufgetreten. Dem Okzident eigentümlich ist aber, was uns näher angeht: das p o l i t i s c h e Führertum in der Gestalt zuerst des freien “Demagogen”, der auf dem Boden des nur dem Abendland, vor allem der mittelländischen Kultur, eigenen Stadtstaates, und dann des parlamentarischen “Parteiführers”, der auf dem Boden des ebenfalls nur im Abendland bodenständigen Verfassungsstaates gewachsen ist.

Jeder Herrschaftsbetrieb, welcher kontinuierliche Verwaltung erheischt, braucht einerseits die Einstellung menschlichen Handelns auf den Gehorsam gegenüber jenen Herren, welche Träger der legitimen Gewalt zu sein beanspruchen, und andererseits, vermittels dieses Gehorsams, die Verfügung über diejenigen Sachgüter, welche gegebenenfalls zur Durchführung der physischen Gewaltanwendung erforderlich sind: den personalen Verwaltungsstab und die sachlichen Verwaltungsmittel.

Der Verwaltungsstab, der den politischen Herrschaftsbetrieb wie jeden anderen Betrieb in seiner äußeren Erscheinung darstellt, ist nun natürlich nicht nur durch jene Legitimitätsvorstellung, von der eben die Rede war, an den Gehorsam gegenüber dem Gewalthaber gekettet. Sondern durch zwei Mittel, welche an das persönliche Interesse appellieren: materielles Entgelt und soziale Ehre. Lehen der Vasallen, Pfründen der Patrimonialbeamten, Gehalt der modernen Staatsdiener, – Ritterehre, ständische Privilegien, Beamtenehre bilden den Lohn, und die Angst, sie zu verlieren, die letzte entscheidende Grundlage für die Solidarität des Verwaltungsstabes mit dem Gewalthaber. Auch für die charismatische Führerherrschaft gilt das: Kriegsehre und Beute für die kriegerische, die “spoils”: Ausbeutung der Beherrschten durch Ämtermonopol, politisch bedingte Profite und Eitelkeitsprämien für die demagogische Gefolgschaft.

Einen politischen Verband, bei dem die sachlichen Verwaltungsmittel ganz oder teilweise in der Eigenmacht des abhängigen Verwaltungsstabes sich befinden, wollen wir einen “ s t ä n d i s c h ” gegliederten Verband nennen. Der Vasall z. B. im Lehnsverband bestritt die Verwaltung und Rechtspflege des ihm verlehnten Bezirks aus eigener Tasche, equipierte und verproviantierte sich selbst für den Krieg; seine Untervasallen taten das gleiche. Das hatte natürlich Konsequenzen für die Machtstellung des Herrn, die nur auf dem persönlichen Treubund und darauf ruhte, daß der Lehnsbesitz und die soziale Ehre des Vasallen ihre “Legitimität” vom Herrn ableiteten.

Überall aber, bis in die frühesten politischen Bildungen zurück, finden wir auch die eigene Regie des Herrn: durch persönlich von ihm Abhängige: Sklaven, Hausbeamte, Dienstleute, persönliche “Günstlinge” Während im “ständischen” Verband der Herr mit Hilfe einer eigenständigen “Aristokratie” herrscht, also mit ihr die Herrschaft teilt, stützt er sich hier entweder auf Haushörige oder auf Plebejer: besitzlose, der eigenen sozialen Ehre entbehrende Schichten, die materiell gänzlich an ihn gekettet sind und keinerlei konkurrierende eigene Macht unter den Füßen haben. Alle Formen patriarchaler und patrimonialer Herrschaft, sultanistischer Despotie und bureaukratischer Staatsordnung gehören zu diesem Typus. Insbesondere: die bureaukratische Staatsordnung, also die, in ihrer rationalsten Ausbildung, auch und gerade dem modernen Staat charakteristische.

Überall kommt die Entwicklung des modernen Staates dadurch in Fluß, daß von seiten des Fürsten die Enteignung der neben ihm stehenden selbständigen “privaten” Träger von Verwaltungsmacht: jener Eigenbesitzer von Verwaltungs- und Kriegsbetriebsmitteln, Finanzbetriebsmitteln und politisch verwendbaren Gütern aller Art, in die Wege geleitet wird. Der ganze Prozeß ist eine vollständige Parallele zu der Entwicklung des kapitalistischen Betriebs durch allmähliche Enteignung der selbständigen Produzenten. Am Ende sehen wir, daß in dem modernen Staat tatsächlich in einer einzigen Spitze die Verfügung über die gesamten politischen Betriebsmittel zusammenläuft, kein einziger Beamter mehr persönlicher Eigentümer des Geldes ist, das er verausgabt, oder der Gebäude, Vorräte, Werkzeuge, Kriegsmaschinen, über die er verfügt. Vollständig durchgeführt ist also im heutigen “Staat” – das ist ihm begriffswesentlich – die “Trennung” des Verwaltungsstabes: der Verwaltungsbeamten und Verwaltungsarbeiter, von den sachlichen Betriebsmitteln. Hier setzt nun die allermodernste Entwicklung ein und versucht vor unseren Augen, die Expropriation dieses Expropriateurs der politischen Mittel und damit der politischen Macht in die Wege zu leiten. Das hat die Revolution wenigstens insofern geleistet, als an die Stelle der gesatzten Obrigkeiten Führer getreten sind, welche durch Usurpation oder Wahl sich in die Verfügungsgewalt über den politischen Menschenstab und Sachgüterapparat gesetzt haben und ihre Legitimität – einerlei mit wieviel Recht – vom Willen der Beherrschten ableiten.

Im Verlaufe dieses politischen Enteignungsprozesses nun, der in allen Ländern der Erde mit wechselndem Erfolge spielte, sind, und zwar zuerst im Dienste der Fürsten, die ersten Kategorien von “Berufspolitikern” in einem z w e i t e n Sinn aufgetreten, von Leuten, die nicht selbst Herren sein wollten, wie die charismatischen Führer, sondern i n d e n D i e n s t von politischen Herren traten. Sie stellten sich in diesem Kampfe den Fürsten zur Verfügung und machten aus der Besorgung von deren Politik einen materiellen Lebenserwerb einerseits, einen ideellen Lebensinhalt andererseits. Wieder n u r im Okzident finden wir d i e s e Art von Berufspolitikern auch im Dienst anderer Mächte als nur der Fürsten. In der Vergangenheit waren sie deren wichtigstes Macht- und politisches Expropriationsinstrument.

“Stände” sollen uns heißen die eigenberechtigten Besitzer militärischer oder für die Verwaltung wichtiger sachlicher Betriebsmittel oder persönlicher Herrengewalten. Ein großer Teil von ihnen war weit davon entfernt, sein Leben ganz oder auch nur vorzugsweise oder mehr als gelegentlich in den Dienst der Politik zu stellen. Sie nützten vielmehr ihre Herrenmacht im Interesse der Erzielung von Renten oder auch geradezu von Profit und wurden politisch, im Dienst des politischen Verbandes, nur tätig, wenn der Herr oder wenn ihre Standesgenossen dies besonders verlangten.

Es gibt zwei Arten, aus der Politik seinen Beruf zu machen. Entweder: man lebt “für” die Politik, – oder aber: “von” der Politik.

Damit jemand in diesem ökonomischen Sinn “für” die Politik leben könne, müssen unter der Herrschaft der Privateigentumsordnung einige, wenn Sie wollen, sehr triviale Voraussetzungen vorliegen: er muß – unter normalen Verhältnissen – ökonomisch von den Einnahmen, welche die Politik ihm bringen kann, unabhängig sein.

Das heißt ganz einfach: er muß vermögend oder in einer privaten Lebensstellung sein, welche ihm auskömmliche Einkünfte abwirft. So steht es wenigstens unter normalen Verhältnissen. Zwar die Gefolgschaft des Kriegsfürsten fragt ebensowenig nach den Bedingungen normaler Wirtschaft wie die Gefolgschaft des revolutionären Helden der Straße. Beide leben von Beute, Raub, Konfiskationen, Kontributionen, Aufdrängung von wertlosen Zwangszahlungsmitteln: – was dem Wesen nach alles das gleiche ist. Aber das sind notwendig außeralltägliche Erscheinungen: in der Alltagswirtschaft leistet nur eigenes Vermögen diesen Dienst.

Aber damit allein nicht genug: er muß überdies wirtschaftlich “abkömmlich” sein, d. h. seine Einkünfte dürfen nicht davon abhängen, daß er ständig persönlich seine Arbeitskraft und sein Denken voll oder doch weit überwiegend in den Dienst ihres Erwerbes stellt. Abkömmlich in diesem Sinn ist nun am unbedingtesten: der Rentner, derjenige also, der vollkommen arbeitsloses Einkommen, sei es, wie die Grundherren der Vergangenheit, die Großgrundbesitzer und die Standesherren der Gegenwart, aus Grundrenten – in der Antike und im Mittelalter auch Sklaven oder Hörigenrenten – oder aus Wertpapier- oder ähnlichen modernen Rentenquellen bezieht. Weder der Arbeiter, noch – was sehr zu beachten ist – der Unternehmer –, auch u n d g e r a d e der moderne Groß unternehmer – ist in diesem Sinn abkömmlich. Denn auch und g e r a d e der Unternehmer – der gewerbliche sehr viel mehr als, bei dem Saisoncharakter der Landwirtschaft, der landwirtschaftliche Unternehmer – ist an seinen Betrieb gebunden und n i c h t abkömmlich. Es ist für ihn meist sehr schwer, sich auch nur zeitweilig vertreten zu lassen. Ebensowenig ist dies z. B. der Arzt, je hervorragender und beschäftigter er ist, desto weniger. Leichter schon, aus rein betriebstechnischen Gründen, der Advokat – der deshalb auch als Berufspolitiker eine ungleich größere, oft eine geradezu beherrschende Rolle gespielt hat.

Die Leitung eines Staates oder einer Partei durch Leute, welche (im ökonomischen Sinn des Wortes) ausschließlich für die Politik und nicht von der Politik leben, bedeutet notwendig eine “plutokratische” Rekrutierung der politisch führenden Schichten.

Nur dies bedeutet es: daß die Berufspolitiker nicht unmittelbar f ü r ihre politische Leistung Entgelt zu suchen genötigt sind, wie das jeder Mittellose schlechthin in Anspruch nehmen muß. Und andererseits bedeutet es nicht etwa, daß vermögenslose Politiker lediglich oder auch nur vornehmlich ihre privatwirtschaftliche Versorgung durch die Politik im Auge hätten, nicht oder doch nicht vornehmlich “an die Sache” dächten. Nichts wäre unrichtiger. Dem vermögenden Mann ist die Sorge um die ökonomische “Sekurität” seiner Existenz erfahrungsgemäß – bewußt oder unbewußt – ein Kardinalpunkt seiner ganzen Lebensorientierung. Der ganz rücksichts- und voraussetzungslose politische Idealismus findet sich, wenn nicht ausschließlich, so doch wenigstens gerade bei den infolge ihrer Vermögenslosigkeit ganz außerhalb der an der Erhaltung der ökonomischen Ordnung einer bestimmten Gesellschaft stehenden Schichten: das gilt zumal in außeralltäglichen, also revolutionären, Epochen.

Kommentar: Wir haben hier eine, wenn auch leicht zynische, Definition Webers für "rechts" und "links".

Manche Parteien, so namentlich die in Amerika, sind seit dem Schwinden der alten Gegensätze über die Auslegung der Verfassung reine Stellenjägerparteien, welche ihr sachliches Programm je nach den Chancen des Stimmenfangs abändern.

In der Schweiz repartieren die Parteien im Wege des Proporzes die Ämter friedlich untereinander, und manche unserer “revolutionären” Verfassungsentwürfe, so z. B. der erste für Baden aufgestellte, wollte dies System auf die Ministerstellen ausdehnen und behandelte so den Staat und seine Ämter als reine Pfründnerversorgungsanstalt.

aua ...

Vor allem die Zentrumspartei begeisterte sich dafür und machte in Baden die proportionale Verteilung der Ämter nach Konfessionen, also ohne Rücksicht auf die Leistung, sogar zu einem Programmpunkt. Mit steigender Zahl der Ämter infolge der allgemeinen Bureaukratisierung und steigendem Begehr nach ihnen als einer Form spezifisch g e s i c h e r t e r Versorgung steigt für alle Parteien diese Tendenz und werden sie für ihre Gefolgschaft immer mehr Mittel zum Zweck, derart versorgt zu werden.

K o l l e g i a l e höchste Verwaltungsbehörden waren entstanden. Der Theorie und, in allmählich abnehmendem Maße, der Tatsache nach tagten sie unter dem Vorsitz des Fürsten persönlich, der die Entscheidung gab. Durch dieses kollegialische System, welches zu Gutachten, Gegengutachten und motivierten Voten der Mehrheit und Minderheit führte und ferner dadurch, daß er neben den offiziellen höchsten Behörden sich mit rein persönlichen Vertrauten – dem “Kabinett” – umgab und durch diese seine Entscheidungen auf die Beschlüsse des Staatsrats – oder wie die höchste Staatsbehörde sonst hieß – abgab, suchte der Fürst, der zunehmend in die Lage eines Dilettanten geriet, dem unvermeidlich wachsenden Gewicht der Fachschulung der Beamten sich zu entziehen und die oberste Leitung in der Hand zu behalten: dieser latente Kampf zwischen dem Fachbeamtentum und der Selbstherrschaft bestand überall.

Die Entwicklung der Politik zu einem “Betrieb”, der eine Schulung im Kampf um die Macht und in dessen Methoden erforderte, so wie sie das moderne Parteiwesen entwickelte, bedingte nun die Scheidung der öffentlichen Funktionäre in zwei, allerdings keineswegs schroff, aber doch deutlich geschiedene Kategorien:

Fachbeamte einerseits, “politische Beamte” andererseits. Die im eigentlichen Wortsinn “politischen” Beamten sind äußerlich in der Regel daran kenntlich, daß sie jederzeit beliebig versetzt und entlassen oder doch “zur Disposition gestellt” werden können, wie die französischen Präfekten und die ihnen gleichartigen Beamten anderer Länder, im schroffsten Gegensatz gegen die “Unabhängigkeit” der Beamten mit richterlicher Funktion.

Der Minister war eben der Repräsentant der p o l i t i s c h e n Machtkonstellation, hatte deren politische Maßstäbe zu vertreten und an die Vorschläge seiner unterstellten Fachbeamten anzulegen oder ihnen die entsprechenden Direktiven politischer Art zu geben. Ganz ähnlich steht es ja in einem privaten Wirtschaftsbetrieb: der eigentliche “Souverän”, die Aktionärversammlung, ist in der Betriebsführung ebenso einflußlos wie ein von Fachbeamten regiertes “Volk”, und die für die Politik des Betriebes ausschlaggebenden Persönlichkeiten, der von Banken beherrschte “Aufsichtsrat”, geben nur die wirtschaftlichen Direktiven und lesen die Persönlichkeiten für die Verwaltung aus, ohne aber selbst imstande zu sein, den Betrieb technisch zu leiten. Insofern bedeutet auch die jetzige Struktur des Revolutionsstaates, welcher absoluten Dilettanten, kraft ihrer Verfügung über die Maschinengewehre, die Macht über die Verwaltung in die Hand gibt und die fachgeschulten Beamten nur als ausführende Köpfe und Hände benutzen möchte, keine grundsätzliche Neuerung.

“Berufspolitiker” nach ihrer historischen Herkunft:

  1. die Kleriker. Technisch deshalb, weil sie schriftkundig waren.

  2. Ein zweite derartige Schicht waren die humanistisch gebildeten Literaten. Der chinesische Mandarin ist oder vielmehr: war ursprünglich annähernd das, was der Humanist unserer Renaissancezeit war: ein humanistisch an den Sprachdenkmälern der fernen Vergangenheit geschulter und geprüfter Literat.

    Wenn Sie die Tagebücher des Li-Hung-Tschang lesen, finden Sie, daß noch er am meisten stolz darauf ist, daß er Gedichte machte und ein guter Kalligraph war.

  3. Die dritte Schicht war: der Hofadel.

  4. Die vierte Kategorie war ein spezifisch englisches Gebilde; ein den Kleinadel und das städtische Rentnertum umfassendes Patriziat, technisch “gentry” genannt:

– eine Schicht, die ursprünglich der Fürst gegen die Barone heranzog und in den Besitz der Ämter des “selfgovernment” setzte, um später zunehmend von ihr abhängig zu werden. Sie hielt sich im Besitz der sämtlichen Ämter der lokalen Verwaltung, indem sie dieselben gratis übernahm im Interesse ihrer eigenen sozialen Macht. Sie hat England vor der Bureaukratisierung bewahrt, die das Schicksal sämtlicher Kontinentalstaaten war.

  1. Eine fünfte Schicht war dem Okzident, vor allem auf dem europäischen Kontinent, eigentümlich und war für dessen ganze politische Struktur von ausschlaggebender Bedeutung: die universitätsgeschulten Juristen. Die gewaltige Nachwirkung des römischen Rechts, wie es der bureaukratische spätrömische Staat umgebildet hatte, tritt in nichts deutlicher hervor als darin: daß überall die Revolutionierung des politischen Betriebs im Sinne der Entwicklung zum rationalen Staat von geschulten Juristen getragen wurde.

Der echte Beamte – das ist für die Beurteilung unseres früheren Regimes entscheidend – soll seinem eigentlichen Beruf nach nicht Politik treiben, sondern:

verwalten”, u n p a r t e i i s c h vor allem, – auch für die sogenannten “politischen” Verwaltungsbeamten gilt das, offiziell wenigstens, soweit nicht die “Staatsräson”, d. h. die Lebensinteressen der herrschenden Ordnung, in Frage stehen. Sine ira et studio, “ohne Zorn und Eingenommenheit” soll er seines Amtes walten. Er soll also gerade das nicht tun, was der Politiker, der Führer sowohl wie seine Gefolgschaft, immer und notwendig tun muß: k ä m p f e n . Denn Parteinahme, Kampf, Leidenschaft – ira et studium – sind das Element des Politikers. Und vor allem: des politischen F ü h r e r s . D e s s e n Handeln steht unter einem ganz anderen, gerade entgegengesetzten Prinzip der V e r a n t w o r t u n g , als die des Beamten ist.

Gerade sittlich hochstehende Beamtennaturen sind schlechte, vor allem im politischen Begriff des Wortes verantwortungslose und in diesem Sinn: sittlich tiefstehende Politiker: – solche, wie wir sie leider in leitenden Stellungen immer wieder gehabt haben: das ist es, was wir “Beamtenherrschaft” nennen; und es fällt wahrlich kein Flecken auf die Ehre unseres Beamtentums, wenn wir das politisch, vom Standpunkt des Erfolges aus gewertet, Falsche dieses Systems bloßlegen.


Weber zu Presse und Journalismus, die für ihn die wichtigsten Träger der Politik sind:

In der Folge bringt Weber einige Probleme der Demokratie, insbesondere ihrer Schwäche, wenn sie zur Diktatur der Mehrheit wird, zur Sprache. An diese Probleme haben wir uns derart gewohnt, dass sie heute kaum mehr diskutiert werden (s. Populismus, wirtschaftsorientierte Presse, Bedeutung einer verständlichen und umfassenden Information der Bürger ....)

Der “Demagoge” ist seit dem Verfassungsstaat und vollends seit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident.

Die moderne Demagogie bedient sich zwar auch der Rede: in quantitativ ungeheuerlichem Umfang sogar, wenn man die Wahlreden bedenkt, die ein moderner Kandidat zu halten hat. Aber noch nachhaltiger doch: des gedruckten Worts. Der politische Publizist und vor allem der J o u r n a l i s t ist der wichtigste heutige Repräsentant der Gattung.

Der Journalist teilt mit allen Demagogen und übrigens – wenigstens auf dem Kontinent und im Gegensatz zu den englischen und übrigens auch zu den früheren preußischen Zuständen – auch mit dem Advokaten (und dem Künstler) das Schicksal: der festen sozialen Klassifikation zu entbehren. Er gehört zu einer Art von Pariakaste, die in der “Gesellschaft” stets nach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird. Die seltsamsten Vorstellungen über die Journalisten und ihre Arbeit sind daher landläufig. Daß eine wirklich g u t e journalistische Leistung mindestens so viel “Geist” beansprucht wie irgendeine Gelehrtenleistung – vor allem infolge der Notwendigkeit, sofort, auf Kommando, hervorgebracht zu werden und: sofort w i r k e n zu sollen, bei freilich ganz anderen Bedingungen der Schöpfung, ist nicht jedermann gegenwärtig. Daß die Verantwortung eine weit größere ist, und daß auch das Verantwortungs g ef ü h l jedes ehrenhaften Journalisten im Durchschnitt nicht im mindesten tiefer steht als das des Gelehrten: – sondern höher, wie der Krieg gelehrt hat –, wird fast nie gewürdigt, weil naturgemäß gerade die verantwortungslosen journalistischen Leistungen, ihrer oft furchtbaren Wirkung wegen, im Gedächtnis haften. Daß vollends die Diskretion der irgendwie tüchtigen Journalisten durchschnittlich höher steht als die anderer Leute, glaubt niemand. Und doch ist es so. Die ganz unvergleichlich viel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, und die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt haben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und – jämmerlicher Feigheit zu betrachten. daß der journalistische Arbeiter immer weniger, der kapitalistische Pressemagnat – nach Art etwa des “Lord” Northcliffe – immer mehr politischen Einfluß gewinnt.

Bei uns waren allerdings bisher die großen kapitalistischen Zeitungskonzerne, welche sich vor allem der Blätter mit “kleinen Anzeigen”, der “Generalanzeiger”, bemächtigt hatten, in aller Regel die typischen Züchter politischer Indifferenz.

Denn an selbständiger Politik war nichts zu verdienen, vor allem nicht das geschäftlich nützliche Wohlwollen der politisch herrschenden Gewalten.

Es waren – ohne Parteiunterschied – zum Teil gerade die notorisch übelsten Boulevard-Blätter, die damit einen erhöhten Absatz erstrebten und auch erreichten. Vermögen haben die betreffenden Herren, die Verleger wie auch die Sensationsjournalisten, gewonnen, – Ehre gewiß nicht.

Unter allen Umständen bleibt aber die journalistische Laufbahn einer der wichtigsten Wege der berufsmäßigen politischen Tätigkeit. Ein Weg nicht für jedermann. Am wenigsten für schwache Charaktere, insbesondere für Menschen, die nur in einer gesicherten ständischen Lage ihr inneres Gleichgewicht behaupten können. Wenn schon das Leben des jungen Gelehrten auf Hasard gestellt ist, so sind doch feste ständische Konventionen um ihn gebaut und hüten ihn vor Entgleisung. Das Leben des Journalisten aber ist in jeder Hinsicht Hasard schlechthin, und zwar unter Bedingungen, welche die innere Sicherheit in einer Art auf die Probe stellen wie wohl kaum eine andere Situation. Die oft bitteren Erfahrungen im Berufsleben sind vielleicht nicht einmal das Schlimmste. Gerade an den erfolgreichen Journalisten werden besonders schwierige innere Anforderungen gestellt. Es ist durchaus keine Kleinigkeit, in den Salons der Mächtigen der Erde auf scheinbar gleichem Fuß, und oft allgemein umschmeichelt, weil gefürchtet, zu verkehren und dabei zu wissen, daß, wenn man kaum aus der Tür ist, der Hausherr sich vielleicht wegen seines Verkehrs mit den “Pressebengeln” bei seinen Gästen besonders rechtfertigen muß, – wie es erst recht keine Kleinigkeit ist, über alles und jedes, was der “Markt” gerade verlangt, über alle denkbaren Probleme des Lebens, sich prompt und dabei überzeugend äußern zu sollen, ohne nicht nur der absoluten Verflachung, sondern vor allem der Würdelosigkeit der Selbstentblößung und ihren unerbittlichen Folgen zu verfallen. Nicht das ist erstaunlich, daß es viele menschlich entgleiste oder entwertete Journalisten gibt, sondern daß trotz allem gerade diese Schicht eine so große Zahl wertvoller und ganz echter Menschen in sich schließt, wie Außenstehende es nicht leicht vermuten.


Politische Interessen unterscheiden sich nach Klassen, was von Populisten, die gerne nach dem starken Führer rufen, gerne vergessen wird:

Die Kreise von “Bildung und Besitz” unter der geistigen Führung der typischen Intellektuellenschichten des Okzidents schieden sich, teils nach Klasseninteressen, teils nach Familientradition, teils rein ideologisch bedingt, in Parteien, die sie leiteten.

Geistliche, Lehrer, Professoren, Advokaten, Ärzte, Apotheker, vermögliche Landwirte, Fabrikanten – in England jene ganze Schicht, die sich zu den gentlemen rechnet – bildeten zunächst Gelegenheitsverbände, allenfalls lokale politische Klubs; in erregten Zeiten meldete sich das Kleinbürgertum, gelegentlich einmal das Proletariat, wenn ihm Führer erstanden, die aber in aller Regel nicht aus seiner Mitte stammten.

Nebenamtlich und ehrenamtlich läuft, als Gelegenheitsarbeit, die Leitung der Klubs oder, wo diese fehlen (wie meist), der gänzlich formlose Betrieb der Politik seitens der wenigen dauernd daran Interessierten in normalen Zeiten; nur der Journalist ist bezahlter Berufspolitiker, nur der Zeitungsbetrieb kontinuierlicher politischer Betrieb überhaupt. Daneben nur die Parlamentssession.

Die Parteigefolgschaft, vor allem der Parteibeamte und -unternehmer, erwarten vom Siege ihres Führers selbstverständlich persönliches Entgelt: Ämter oder andere Vorteile. Von ihm – nicht oder doch nicht nur von den einzelnen Parlamentariern:

das ist das Entscheidende. Sie erwarten vor allem: daß die demagogische Wirkung der Führer p e r s ö n l i c h k e i t im Wahlkampf der Partei Stimmen und Mandate, damit Macht zuführen und dadurch jene Chancen ihrer Anhänger, für sich den erhofften Entgelt zu finden, möglichst ausweiten werde.

Und ideell ist die Genugtuung, für einen Menschen in gläubiger persönlicher Hingabe und nicht nur für ein abstraktes Programm einer aus Mittelmäßigkeiten bestehenden Partei zu arbeiten: – dies “charismatische” Element allen Führertums –, eine der Triebfedern.

So etwa sah die alte Parteiorganisation aus, halb Honoratiorenwirtschaft, halb bereits Angestellten- und Unternehmerbetrieb. Seit 1868 aber entwickelte sich zuerst für lokale Wahlen in Birmingham, dann im ganzen Lande, das “Caucus”- System. Ein nonconformistischer Pfarrer und neben ihm Josef Chamberlain riefen dieses System ins Leben. Anlaß war die Demokratisierung des Wahlrechts.

Zur Massengewinnung wurde es notwendig, einen ungeheuren Apparat von demokratisch aussehenden Verbänden ins Leben zu rufen, in jedem Stadtquartier einen Wahlverband zu bilden, unausgesetzt den Betrieb in Bewegung zu halten, alles straff zu bureaukratisieren: zunehmend angestellte bezahlte Beamte, von den lokalen Wahlkomitees, in denen bald im ganzen vielleicht 10% der Wähler organisiert waren, gewählte Hauptvermittler mit Kooptationsrecht als formelle Träger der Parteipolitik. Die treibende Kraft waren die lokalen, vor allem die an der Kommunalpolitik – überall die Quelle der fettesten materiellen Chancen – interessierten Kreise, die auch die Finanzmittel in erster Linie aufbrachten.

Diese neuentstehende, nicht mehr parlamentarisch geleitete Maschine hatte sehr bald Kämpfe mit den bisherigen Machthabern zu führen, vor allem mit dem whip, bestand aber, gestützt auf die lokalen Interessenten, den Kampf derart siegreich, daß der whip sich fügen und mit ihr paktieren mußte. Das Resultat war eine Zentralisation der ganzen Gewalt in der Hand der wenigen und letztlich der einen Person, die an der Spitze der Partei stand. Denn in der liberalen Partei war das ganze System aufgekommen in Verbindung mit dem Emporsteigen Gladstones zur Macht. Das Faszinierende der Gladstoneschen “großen” Demagogie, der feste Glaube der Massen an den ethischen Gehalt seiner Politik und vor allem an den ethischen Charakter seiner Persönlichkeit war es, der diese Maschine so schnell zum Siege über die Honoratioren führte. Ein cäsaristisch- plebiszitäres Element in der Politik: der Diktator des Wahlschlachtfeldes, trat auf den Plan.

Was war nun der Effekt des ganzen Systems? Daß heute die englischen Parlamentarier mit Ausnahme der paar Mitglieder des Kabinetts (und einiger Eigenbrötler) normalerweise nichts andres als gut diszipliniertes Stimmvieh sind.

Bei uns im Reichstag pflegte man zum mindesten durch Erledigung von Privatkorrespondenz auf dem Schreibtisch vor seinem Platz zu markieren, daß man für das Wohl des Landes tätig sei. Derartige Gesten werden in England nicht verlangt; das Parlamentsmitglied hat nur zu stimmen und nicht Parteiverrat zu begehen; es hat zu erscheinen, wenn die Einpeitscher rufen, zu tun, was je nachdem das Kabinett oder was der leader der Opposition verfügt. Die Caucus-Maschine draußen im Lande vollends ist, wenn ein starker Führer da ist, fast gesinnungslos und ganz in den Händen des leader. Über dem Parlament steht also damit der faktisch plebiszitäre Diktator, der die Massen vermittels der “Maschine” hinter sich bringt, und für den die Parlamentarier nur politische Pfründner sind, die in seiner Gefolgschaft stehen.

Gladstone, der ein Techniker des scheinbar nüchternen “Die-Tatsachen-sprechen-lassens” war, bis zur Gegenwart, wo vielfach rein emotional mit Mitteln, wie sie auch die Heilsarmee verwendet, gearbeitet wird, um die Massen in Bewegung zu setzen. Den bestehenden Zustand darf man wohl eine “Diktatur, beruhend auf der Ausnutzung der Emotionalität der Massen”, nennen.

Kommentar: Webers Analyse wirkt schon etwas antidemokratisch ... und war vermutlich auch so gedacht. Man darf aber, einfach weil uns diese Haltung unsympathisch ist, nicht den Wahrheitsgehalt dahinter verneinen. Wenn Sie an die Wahlen in den USA denken, dann wird doch sofort klar, dass da jeder Bezirk, jeder Distrikt und jeder Bundesstaat, mittels präziser statistischer Kenntnissen der sozialen Zusammensetzung der Wähler, von den Parteien mit der passenden Botschaft bearbeitet wird. Die Frage ist nicht: Welches Programm bringt die USA vorwärts, welchen Staat wollen wir - sondern: Mit welchem Programm kriegen wir die Schwarzen, die Juden, die Mexikaner, die Konservativen, die Progressiven, die Reichen, die Armen ... etc. dazu, uns zu wählen. Ja, der "informierte" Bürger der USA hat sich mittels Presse ja derart über den Tisch ziehen lassen, dass er einem Krieg zugestimmt hat, der auf wenig mehr als medial verbreiteten Lügen basierte.

So in England. Das dortige Caucus-System war aber nur eine abgeschwächte Form, verglichen mit der amerikanischen Parteiorganisation, die das plebiszitäre Prinzip besonders früh und besonders rein zur Ausprägung brachte. Das Amerika Washingtons sollte nach seiner Idee ein von “gentlemen” verwaltetes Gemeinwesen sein. Ein Gentleman war damals auch drüben ein Grundherr oder ein Mann, der Collegeerziehung hatte.

Was bedeutet dies spoil system – die Zuwendung aller Bundesämter an die Gefolgschaft des siegreichen Kandidaten – für die Parteibildung heute? Daß ganz gesinnungslose Parteien einander gegenüberstehen, reine Stellenjägerorganisationen, die für den einzelnen Wahlkampf ihre wechselnden Programme je nach der Chance des Stimmenfanges machen – in einem Maße wechselnd, wie dies trotz aller Analogien doch anderwärts sich nicht findet. Die Parteien sind eben ganz und gar zugeschnitten auf den für die Amtspatronage wichtigsten Wahlkampf: den um die Präsidentschaft der Union und um die Governorstellen der Einzelstaaten. Programme und Kandidaten werden in den “Nationalkonventionen” der Parteien ohne Intervention der Parlamentarier festgestellt: – von Parteitagen also, die formell sehr demokratisch von Delegiertenversammlungen beschickt wurden, welche ihrerseits ihr Mandat den “primaries”, den Urwählerversammlungen der Partei, verdanken. Schon in den primaries werden die Delegierten auf den Namen der Staatsoberhauptskandidaten gewählt; i n n e r h a l b der einzelnen Parteien tobt der erbittertste Kampf um die Frage der “Nomination”.

Damals herrschte in den USA offenbar noch das selbe System, das bis ans Ende des 20. JH. in vielen Staaten Südamerikas betrieben wurde (und zur Zeit im Irak eingeführt wird): Nach den Wahlen wurde nicht bloss die Legislative (Parlament) und die Spitze der Exekutive (Präsident, Minister) ausgewechselt, sondern die gesamte Exekutive, d.h. die Verwaltung:

In den Händen des Präsidenten liegen immerhin 300 000 bis 400 000 Beamtenernennungen, die von ihm, nur unter Zuziehung von Senatoren der Einzelstaaten, vollzogen werden. Die Senatoren sind also mächtige Politiker.

Von amerikanischen Arbeitern bekam man noch vor 15 Jahren auf die Frage, warum sie sich so von Politikern regieren ließen, die sie selbst zu verachten erklärten, die Antwort: “Wir haben lieber Leute als Beamte, auf die wir spucken, als wie bei euch eine Beamtenkaste, die auf uns spuckt.”

die Civil Service Reform schafft lebenslängliche pensionsfähige Stellen in stets wachsender Zahl und bewirkt so, daß auf der Universität geschulte Beamte, genau so unbestechlich und tüchtig wie die unsrigen, in die Ämter kommen. Rund 100 000 Ämter sind schon jetzt nicht mehr im Wahlturnus Beuteobjekt, sondern pensionsfähig und an Qualifikationsnachweis geknüpft. Das wird das spoil system langsam mehr zurücktreten lassen, und die Art der Parteileitung wird sich dann wohl ebenfalls umbilden; wir wissen nur noch nicht: wie.

Was wurde dabei aus den deutschen Berufspolitikern? Sie hatten keine Macht, keine Verantwortung, konnten nur eine ziemlich subalterne Honoratiorenrolle spielen und waren infolgedessen neuerlich beseelt von den überall typischen Zunftinstinkten. Es war unmöglich, im Kreise dieser Honoratioren, die ihr Leben aus ihrem kleinen Pöstchen machten, hochzusteigen für einen ihnen nicht gleichgearteten Mann.

Die Leitung der Parteien durch plebiszitäre Führer bedingt die  “Entseelung” der Gefolgschaft, ihre geistige Proletarisierung, Aber es gibt nur die Wahl: Führerdemokratie mit “Maschine” oder führerlose Demokratie, das heißt: die Herrschaft der “Berufspolitiker” ohne Beruf, ohne die inneren, charismatischen Qualitäten, die eben zum Führer machen. Und das bedeutet dann das, was die jeweilige Parteifronde gewöhnlich als Herrschaft des “Klüngels” bezeichnet. Vorläufig haben wir nur dies letztere in Deutschland.

Obwohl sich die Schweiz gegen Aussen wie Innen sehr basisdemokratisch gibt, stimmt diese Aussage leider auch hier. Politische Entscheide "wachsen" nicht aus dem Volk heraus. Sie werden von parteiinternen Gremien (Vorstand) ausgearbeitet und durchgeboxt, das Stimmvolk dazu nach und nach mit den geeigneten Parolen "angefüttert." Die Unterschiede zwischen Links und Rechts sind hier minim:

Für den, der “von” der Politik zu leben durch seine Vermögenslage genötigt ist, wird wohl immer die Alternative: Journalistik oder Parteibeamtenstellung als die typischen direkten Wege, oder eine der Interessenvertretungen: bei einer Gewerkschaft, Handelskammer, Landwirtschaftskammer, Handwerkskammer, Arbeitskammer, Arbeitgeberverbänden usw., oder geeignete kommunale Stellungen in Betracht kommen. Weiteres läßt sich über die äußere Seite nicht sagen als nur dies: daß der Parteibeamte mit dem Journalisten das Odium der “Deklassiertheit” trägt. “Lohnschreiber” dort – “Lohnredner” hier, wird es leider immer, sei es noch so unausgesprochen, in die Ohren klingen; wer dagegen innerlich wehrlos ist und sich selbst nicht die richtige Antwort zu geben vermag, bleibe dieser Laufbahn fern, die in jedem Falle neben schweren Versuchungen ein Weg ist, der fortwährende Enttäuschungen bringen kann.

Was vermag sie nun an inneren Freuden zu bieten, und welche persönlichen Vorbedingungen setzt sie bei dem voraus, der sich ihr zuwendet?

Nun, sie gewährt zunächst: Machtgefühl. Selbst in den formell bescheidenen Stellungen vermag den Berufspolitiker das Bewußtsein von Einfluß auf Menschen, von Teilnahme an der Macht über sie, vor allem aber: das Gefühl, einen Nervenstrang historisch wichtigen Geschehens mit in Händen zu halten, über den Alltag hinauszuheben.

Auch das äusserst moderne, d.h. präziser postmoderne Problem der Nichtvorherbestimmbarkeit der Reaktion komplexer Systeme war damals eigentlich bekannt, nur wurde mittels eher theologischer Argumente bearbeitet:

Das uralte Problem der Theodicee ist ja die Frage: Wie kommt es, daß eine Macht, die als zugleich allmächtig und gütig hingestellt wird, eine derartig irrationale Welt des unverdienten Leidens, des ungestraften Unrechts und der unverbesserlichen Dummheit hat erschaffen können? Entweder ist sie das eine nicht oder das andere nicht, oder es regieren gänzlich andere Ausgleichs- und Vergeltungsprinzipien das Leben, solche, die wir metaphysisch deuten können oder auch solche, die unserer Deutung für immer entzogen sind. Dies Problem: die Erfahrung von der Irrationalität der Welt war ja die treibende Kraft aller Religionsentwicklung.

Die indische Karmanlehre und der persische Dualismus, die Erbsünde, die Prädestination und der Deus absconditus sind alle aus dieser Erfahrung herausgewachsen. Auch die alten Christen wußten sehr genau, daß die Welt von Dämonen regiert sei, und daß, wer mit der Politik, das heißt: mit Macht und Gewaltsamkeit als Mitteln, sich einläßt, mit diabolischen Mächten einen Pakt schließt, und daß für sein Handeln es nicht wahr ist: daß aus Gutem nur Gutes, aus Bösem nur Böses kommen könne, sondern oft das Gegenteil. Wer das nicht sieht, ist in der Tat politisch ein Kind.

Wer Politik überhaupt und wer vollends Politik als Beruf betreiben will, hat sich jener ethischen Paradoxien und seiner Verantwortung für das, was aus i h m s e l b s t unter ihrem Druck werden kann, bewußt zu sein. Er läßt sich, ich wiederhole es, mit den diabolischen Mächten ein, die in jeder Gewaltsamkeit lauern.

Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, daß man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre:

Aber der, der das tun kann, muß ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, daß er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber: “dennoch!” zu sagen vermag, nur der hat den “Beruf” zur Politik.

Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.

 

4 Max Weber und die Frauen

Definition Sublimierung: Sublimierung (lat.) bedeutet Veredelung, Verfeinerung - wurde aber im Gefolge der Freudschen Psychoanalyse als Ersatz- und Verdrängungshandlung sexueller Regungen umgedeutet:

Abwehr unbewusster sexueller Triebe durch geistige oder kulturelle Aktivitäten.

 Ungeschickterweise wird so praktisch jede religiöse, metaphysische oder künstlerische, also jede kulturelle Tätigkeit zur sexuellen Ersatzbefriedigung herabgesetzt, denn da weder "Ersatz" noch "Verdrängung" irgendwie positive Aspekte beinhalten, fehlt der Sublimierung heute jedes höhere, veredelte, verfeinerte Gehalt. Das ist nun einerseits doch recht entwürdigend für alle Kulturschaffenden - enthält andererseits aber immer noch einen wahren Kern und eine Warnung, dass man die Natur nicht über die Massen vergeistigen sollte, denn in dem Falle schlägt sie gerne zurück, wie sich auch bei Max Weber zeigte. Gustav Klimt, bei dessen Tod allerdings 14 (in Worten: vierzehn!) Frauen Anspruch auf einen Anteil am Erbe für ihre unehelichen Kinder von Klimt erhoben, scheint da, trotz ähnlicher Ausgangslage betr. Oedipus, seine sexuellen Triebe ganz und gar nicht abgewehrt zu haben.

Dennoch: Freud sollte entsorgt werden!

Berlin 1884 war eine Schlangengrube der Intrigen, alle bespitzeln einander gegenseitig, man steht im Banne Bismarks und Wagners. Von Puritanismus und Verklemmtheit nicht die Spur, aber auch nicht von deutscher Tüchtigkeit. Die Damen nehmen sich Liebhaber nach Lust und Laune, so dass sogar Besucher aus Paris konsterniert sind.

 In Berlin wunderte sich der Figaro-Redakteur Jules Huret über die Vergnügungssucht, dass am Wannsee Männlein und Weiblein fast nackt unbekleidet bunt durcheinander baden.

In gewissen Kreisen (nklusive bei Weber ab 1912, herrscht ein ziemliches Kuddelmuddel, also nichts, was Freud oder die 68er hätten befreien müssen.

Allerdings war es damals auch offenbar in Mode, "neurasthenisch" zu sein. (Definition Neurasthenie: Nervenleiden, Erfindung der Neurologen. Krasseste Symptome: Sprech- und Bewegungsstörungen.) Neurasthenie war patenterweise auch eine exklusive Krankheit der "geforderten" Oberschicht. So wie heute ein müder Arbeiter einfach faul oder leistungsschwach ist, der müde Direktor dagegen "ausgebrannt", litten die besseren Bürger damals an Neurasthenie, das ohne Selbstverschulden, durch Überreizung der Nerven, durch zu viel denken und arbeiten .... ballaballa .. entsteht, während das Proletariat bloss unter Hysterie litt, die ein Mann mit starker Geisteskraft leicht überwinden konnte (weshalb sie vorwiegend Frauen befiel).

Zeitalter der Nervosität, Hysterie Theatersucht, heute der Normalfall

Psychische Störungen traten damals gehäuft auf ... vielleicht auch, weil man erst darauf aufmerksam gemacht worden war, durch die Mode, die aus den USA herübergeschwappt war: Die Werbeanzeigen der Nervenheilstätten, die um 1900 wie Pilze aus dem Boden schossen, wetteiferten mit Naturheilverfahren und Naturidyllen. Die Psychisierung der Lehre von der Nervenkraft kam nach der Jahrhundertwende allgemein in Mode. Dank der sich verbreitenden "Nervosität" - einem ursprünglich französischen Leiden, das jedoch erst als Import aus den USA um 1880 in Deutschland zur Nationalkrankheit wurde - stieg der Verbrauch von Bromkalium in der Pariser Zentralapotheke zwischen 1855 und 1875 auf nahezu das Zweihundertfache. Dazu kamen Barbiturate, Opium, Heroin - von Bayer damals als "nebenwirkungsfreies Medikament" verkauft, Veronal (Bayer bis 1970) , Trional und manches mehr. Man kann (und sollte vermutlich) diese Modewelle mit der heutigen der Pharmaindustrie, speziell was die gegenwärtige Gentechnik- und Stammzelleneuphorie betrifft, vergleichen. Was die medikamentöse Behandlung von Massenhysterie betrifft, so ist das heutige Analog zur damaligen Nervosität, die Depression, die, genau wie damals, mit reichlich Antidepressiva unterdrückt wird (in Rheinfelden etwa war ein Arzt bekannt, der kaum einen Patienten ohne Verschreibung von Antidepressiva entliess ...), statt den Ursachen auf den Grund zu gehen:

Viele litten an einer Gebrochenheit und Unentschiedenheit der Gefühle und sehnten sich nach einer Leidenschaft, die alle Energien in eine Richtung bündelt. Vergangen war die Zeit, in der die Weisheitslehre Heilmittel gegen die Raserei der Liebe empfahlen: In einer Zeit der zunehmenden Kommunikation, in der sich die menschlichen Gefühle auf immer mehr Beziehungen zersplitterten, litten viel eher unter einer Unfähigkeit, leidenschaftlich lieben zu können - auch Weber muss lange darunter gelitten haben. (S. 242)

Ebenso litt der Philosoph Heinrich Rickert an extremer Platzangst und musste beim Gehen geführt werden, Karl Jaspers hatte Ticks im Gesicht, deren Beherrschung seinen späteren verkniffenen Gesichtsausdruck verursachen, der Kunsthistoriker Carl Neumann litt an Depressionen, versuchte sich mehrmals das Leben zu nehmen und musste in die Nervenheilanstalt eingeliefert werden ... und selbst Max Weber erlitt 1899 einen Nervenzusammenbruch, der ihm die weitere Tätigkeit an der Universität unmöglich macht. Geheilt davon wurde er erst im Sommer 1912 ... durch eine Liebesbeziehung zur Schweizer Pianistin Mina Tobler.

In der Biographie die Joachim Radkau zu Weber verfasst hat, bildet dieses Thema eigentlich den Schwerpunkt. Es wird wenig Zweifel daran gelassen, dass die Symptome sich so verhielten, wie Freuds Theorie es verlangten. Webers Probleme in sexueller Hinsicht waren vermutlich früh in seinem Charakter angelegt, denn bereits auf den ersten Seiten kriegt man eigentlich den Eindruck, er müsse schwul sein ("sehr spezielle Beziehung zum Bruder ..").

Durch die Heirat mit der Frühemanze  Marianne Weber (Zeittafel) 1893 dürften diese Probleme eher verstärkt als gelöst worden sein, denn die beiden hatten zwar eine offenbar recht gute geistige, aber keinerlei geschlechtliche Beziehung. Weber war zu 100% impotent, also ein überzeugter männlicher Feminist. Sein Vater war ihm ein wandelnder Vorwurf an das männliche Geschlecht. Dieser war als Jurist rasch selbständig geworden - während der Sohn lange von elterlicher Unterstützung abhängig blieb, und sich auch später oft nur dank der Güter seiner Frau und dank versch. Erbschaften durchbringen konnte. Sein Vater war zwar, wie er selbst bis zur Begegnung mit Mina Tobler, völlig treu in seiner ehelichen Beziehung, hatte aber einen selbstverständlichen, bäuerlichen Anspruch auf regelmässigen Geschlechtsverkehr. Max Weber dazu: Man müsse dem Vater endlich beibringen, dass er die Mutter als etwas anderes als einen Stiefelknecht und eine Flasche Wein behandelt.

Dazu kam dann noch der zeitgemässe freudsche Oedipus: Weber vermeint sich zu erinnern, dass seine ersten sexuellen Erregungen entstanden, als er von einem Dienstmädchen geprügelt wurde. Psycho-analytisch wird dann herausgefunden, dass die, die ihn schlug, in Wahrheit nicht das Dienstmädchen, sondern niemand anders als seine Mutter war. Wen wundert's da noch, dass dabei einer impotent wird.

Es ist sicher so, dass Mütter ihre Söhne und Väter ihre Töchter stark prägen, was den Umgang mit dem jeweils andern Geschlecht betrifft, und dass die Befreiung von diesen Vorbildern (oder Schreckbildern) oft problematisch ist: Heute gibt es keinen Mann, mit dem zusammen zu sein sich lohnt und der sich von seiner Mutter lösen kann. Ihre Mütter sind alle in sie verliebt, und sie sind alle in ihre Mütter verliebt. [Mr. Noon. D.H. Lawrence, aufgrund autobiographischer Daten der Familie Weber]. Es ist sicher so, dass in verklemmten Zeiten hier einiges zu Bruch gehen kann, dass sich kaum mehr reparieren lässt (s. Wolf Singer, demnächst in diesem Theater). Es ist sicher so, dass die Aussage zutreffen mag: Die dem Mann von der Mutter eingepflanzten "unzerstörbaren Hemmungen gegen die Hingabe an das Triebhafte erscheinen als die letzte Ursache - und es ist sicher so, dass die Welt ohne Sex, aber genau so ohne die Werke die als Sublimierung bezeichnet werden, um ein beträchtliches Stück ärmer wäre. Leider wurde aber die Analyse des Geistes (nicht bloss der Psyche) durch die freudsche Theorie dermassen auf ein abgelegenes, düsteres "Schmutzgeleise" geschoben, dass sie in den letzten 100 Jahren kaum Fortschritte gemacht hat und mehr zur Parodie als zur Therapie genutzt wird. Es könnte heute allerdings gelingen, sie daraus zu lösen, indem die Geistesanalyse sich nicht mehr vorwiegend darauf anlegt, im Unbewussten bloss verdrängten Schweinkram zu suchen, sondern ganz einfach mal danach, was dort wirklich ist. (s. Denkstücke der Intuition).

Nachdem Weber 1912 dank Mina Tobler sich auf wirtschaftliche Askese beschränkte und den Sex genoss, pflegte er ab 1919 auch eine Liebesbeziehung zu Else von Richthofen-Jaffe. Edgar Jaffe hatte sie 1902 geheiratet, als sie noch die Geliebte des Anarcho-Psychoanalytikers Otto Gross war, denn dessen Motto war, vermutlich moderner als das der 68er: Jede unausgelebte Beziehung zwischen Mann und Weib ist Schmutz. Bei Gross ist das allerdings etwas theoretisch, denn dieser hatte ursprünglich einen derartigen Horror vor Geschlechtsverkehr, ja sogar vor Entkleidung, dass er noch Jahre nach der Eheschliessung in voller Kleidung zu Bett ging. Else hatte also bereits zu Hause einen Mann mit ähnlichen Problemen wie Weber, aber sie hatte offensichtlich nicht die geringsten Hemmungen, sich anderswo das zu holen was sie brauchte, wenn's zu Hause nicht zu haben war. Es war auch die Zeit des Monte Verità, lange vor den 68ern eine Zeit der freien Liebe, des Vegetarismus, alternativer Lebensreform, der Nacktkultur, östlicher Esoterik und der Anarchie [Erich Mühsam, Fritz Brupbacher, ....  Praktisch allerdings war der Monte Verità leider bloss eine Demonstration der politischen Irrelevanz des Anarchismus]. In der Beziehung zu Else brachte Weber offenbar auch das fertig, was ihm den Umgang mit der Politik erschwert hatte: Er lernte

  1. das Spielen: Obwohl in Wahrheit eine hochintellektuelle Frau, bei der auch in der Liebe vieles über den Kopf läuft, ist sie für Weber das wilde, katzenhafte Wesen und die Erdgöttin, die er haben möchte. Dass beide ein wenig miteinander spielen, erhöht eher das Vergnügen. [S. 796] - und
  2. sich einer Herrschaft zu unterwerfen: Auch deshalb macht er sie wohl zur Herrscherin, weil er nur ihre Machtlust zu befriedigen vermochte. [S. 804] (Im letzten Satz steckt mehr drin, als es auf den ersten Blick scheinen mag, aber interpretieren Sie den vorerst mal selbst.)

Später schien im allerdings dann doch wieder das Kloster ein geeigneterer Ort, die Seelenruhe zu finden: Wirklich, wenn man sich so die Idee eines Klosters klar macht, so erkennt man, dass dieses eine ideale Nervenheilanstalt ist. ... Die Klöster sorgten ja nicht nur für den Glauben, sondern auch für eine straff geregelte Lebensmethodik: Und eben diese ist fortan für Weber in allen Religionen der springende Punkt. (s. Orientierung).

  1. Aber hier, in der Sinnfindung, der Orientierung des Lebens, führt uns Weber nicht weiter, vermutlich weil es hier um Werte geht, also explizit nicht um Wissenschaftliches. Das Fragmentarische seines Werkes reizte eh die einen zur Kritik - und andere zum Weiterdenken. Gerade hier, wo selbst Weber praktisch alles offen gelassen hat, ist am meisten Weiterdenken erforderlich.
  2. Ein zweiter äusserst wichtiger Punkt an dem es gilt, weiter zu denken als Weber, ist die Verbindung von Arbeitslast und Arbeitslust, saure Wochen - frohe Feste, Ökonomie als Askese - Ökonomie des Überflusses, protestantische und katholische Wirtschaft. Wurde im letzten Jahrhundert den Kommunisten zum Vorwurf gemacht, dass sie viel versprechen und wenig leisten, so wendet sich das Blatt nach dem Niedergang des Kommunismus dahin, dass nun auch im Kapitalismus harte Zeiten angebrochen sind, härter und länger gearbeitet werden muss - für mehr Wohlstand. Ein Motto das eher als Thema eines Cabaretabends taugt, nicht aber als Lebensmotto.
  3. Ein dritter Punkt wäre der bessere Einbezug des "unbewussten" Wissens in die Prozesse des Verstehens, da dieses insbesondere intuitive Eingebungen stark bestimmt. Diese Bestimmungsstücke des Denkens besser zu greifen wäre nötig, da unbewusstes Wissen sich denkbar schlecht für einen argumentativen Dialog eignet. Dazu müsste man aber das Unbewusste besser analysieren, also von den Befürchtungen befreien, die es seit Freud charakterisieren, nämlich dass es sich mehrheitlich um Schweinereien handle, und es darum unbewusst sei. (s. Intuition & Antipsychiatrie).
Max Weber im Internet:

Am 4. Juni 1920 erkrankte er an der spanischer Grippe, an der er 10 Tage später stirbt, wie weltweit weitere 25 Millionen Menschen.

Seine Ehefrau Marianne publiziert sein Lebensbild, oft bis zur Indiskretion so lebensecht, dass Webers Kollege Otto Gnadenwitz dazu bemerkte: das Lebensbild sei dadurch geschichtlich wertvoll, dass es Verständnis für das viel verkannte Institut der Witwenverbrennung wecke.

Im Vergleich zu Simmel und Sombard, die gerade noch einigen Geldspezialisten bekannt sind, verdankt Weber seinen, erst eine Generation später aufkommenden, aber  bis heute andauernden Weltruhm, vor allem der posthumen Förderung durch Marianne Weber. (Die Aktivitäten einer weiteren nachruhmfördernden Marianne, Marianne Fehrs Biographie Niklaus Meienbergs, dürfte da die eher die umgekehrten Folgen haben.)

Martin Herzog, Basel, 9.12.05