Das andere, das praxisorientierte strategische Wissen:

List und Tücke, Schlauheit, Gerissenheit

List, die wir als Wurzel in Hinter-List und Arg-List finden, ist im deutschen Sprachraum kein Wort des Lobes. Bei den Griechen war das noch anders, was sich am besten am listigen Odysseus zeigt. Bei den Arabern wird List sogar weitaus höher geachtet als pure Intelligenz oder Wissen. Auch in China sind Listen weitaus gebräuchlicher, als manchem Chinahändler lieb wäre ... List gehört übrigens zur Kategorie Kunst, ein Begriff der ursprünglich nicht viel mehr als "Geschicklichkeit" bedeutete.

Das Thema List, Schlauheit, Gerissenheit, Bauernschläue, Lebensklugheit wurde hier bereits mehrfach angesprochen. Zum ersten Mal in den Texten zur Intelligenz, also präziser zum IQ, der eben gerade diese Form des Wissens nicht erfassen kann. Damit unterschätzt der IQ konsequent die sehr eigene Begabung und Kunst der Händler und Unternehmer, die nach dem Standard des IQ meist nicht all zu sehr brillieren. Neben Weisheit (sapientia), Klugheit (prudentia) lässt sich diese weitere Form des Wissens, die als Schlauheit (vafrities) bezeichnet wird, als "Abweichung auf der nächsten Biegung" (proximo deflexu) bildlich darstellen - was zeigt warum Ueber-Listige aber eben auch für "Kurzschlüsse" anfällig sind.

Listig verhalten sich oftmals gerade die Unwissenden und Einfältigen; für sie gibt es Rätsel und Geheimnisse, die man nicht sogleich aufzulösen, mit denen man vielmehr - listig - umzugehen trachtet. Narren, Toren und Kinder können durchaus auf eine verschmitzte Weise listig sein, auch wenn ihre Art von Klugheit nicht der vernünftigen, rationalen Klugheit der erwachsenen und sogenannten ernsthaften Menschen entspricht.

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.

chinesisches Sprichwort

List ist Handlungs-, Durchsetzungs- und Zielorientiert. Sie kann konflikthemmend wirken durch Hinhalten (- während im Verborgenen Tatsachen (Sachzwänge) geschaffen werden). Sie kann Widerstand mit einfachen Mitteln beseitigen, ist also effizient. Sokrates nutzte selbst die List der Vernunft, indem er durch: kleine, nicht durchschaubare Schritte, wie beim Schach, den Gesprächspartner am Ende in Verwirrung, Verwunderung und Erstaunen versetzt, das Erstaunen, das den Anfang allen Philosophierens bedeutet.

Definition List:

List ist ein Mittel, mit dessen Hilfe man (andere täuschend) etwas zu erreichen sucht, was man auf normalem Wege nicht erreichen könnte.

Weg zur Erreichung eines bestimmten Zieles, der bewusst eine Täuschung (fallacia) einsetzt und mehr auf dunklen Pfaden als auf offener Strasse zum Ziel gelangt.

Listige Rhetorik sendet keine klare Botschaft auf geradem Wege, so dass über Argumente diskutiert werden kann - sondern manipuliert das Verständnis, die Interpretation des Empfängers.

List in der Mitte zwischen Wahrhandeln und Lügen, kann als Ausweg zwischen kulturell gestützter Wahrheit und dem evolutionär gleichberechtigten Imperativ: "Lüge, wo für dich nötig," konflikthemmend und ausgleichend wirken.

Es ist zu sagen, dass die Schlauheit (calliditas) zum Schlechten hin klingt. Sie ist nämlich eigentlich der Scharfsinn, Täuschung und Schaden zu erfinden, und wird deshalb weder von den Heiligen noch von den Philosophen unter die Arten der guten Eigenschaften gerechnet. [Albertus Magnus: De Bono (13. JH):]

Die Frage, ist List immer mit Betrug (Tücke) verbunden stellten sich Vertreter der Fachrichtung Sinologie an der Uni Freiburg anlässlich einer Ringvorlesung mit Titel: List: Tücke oder Ausweg - eine Unbekannte in der westlichen Wissenschaft. Die Resultate wurden von Harro von Senger in einem Buch publiziert: Die List. Harro von Senger [Hrsg.] Suhrkamp 2039. 1999.

Etymologisch bedeutet das Wort "List" eigentlich Wissen (weshalb "Die List"" sich hier unter diesem Subdirectory befindet). List ist mit den Wörtern  "lernen" und "lehren" verwandt und gehört zur Wortgruppe von "leisten", das ursprünglich "einer Spur nachgehen, nachspüren" bedeutet. so wie es heute noch klar ausgedrückt wird im Satz: Schuster bleib bei deinen Leisten.

Das gothische lais, ich weiss, bedeutet eigentlich: ich habe nachgespürt - und "laists" steht für "Spur". Womit wir eine träfe Definition für Wissen haben (Kritik des Wissens ( . Die indogermanische Wurzel *lais- bedeutet "Spur, Bahn, Furche". [wiki. Allerdings stammen sämtliche hier aufgeführten Informationen original aus dem Duden Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache.] Im Mittelenglischen bedeutete "to list" Interesse zeigen. Heute wird "to list" nur für Schiffe benutzt, die sich neigen. Die ursprüngliche Bedeutung, aktiv nach etwas streben, echt interessiert sein, findet sich nur noch negativ in listless (teilnahmslos, gleichgültig). 

leisten/Leistung:

Die göttliche Verehrung die wir der Leistung entgegenbringen wird hier auch gleich zerbröselt, denn sie zeigt was Leistung effektiv ist: Die Bahn verfolgen, die vom Chef und/oder vom Markt vorgegeben ist - also bei weitem nichts so heroisches, wie wir es gerne hätten.

List wie Lernen folgen also Spuren, sollten aber auch Spuren prägen, im ersteren Fall irreführende Spuren.

Das Verfahren, mit dem heute diese Leisten erstellt werden, nennt sich "Benchmarking". Es sorgt dafür, dass niemand lange mit seiner Leistung zufrieden sein kann.

Überall wo Leistung und Flexibilität also in einem Satz auftreten, handelt es sich um unsinnigen postmodernen newspeak, um ein Paradoxon, oder Oxymoron ("scharfsinniges Dummgeschwätz), das nicht die Leistung, sondern bloss den Marketing-Charakter fördert, denn man kann nicht gleichzeitig den Spuren seiner Spezialisierung folgen und auf jede Richtungsänderung der Marktanforderungen reagieren.

Irgendwie könnte es ja sogar sein, dass fehlendes Wachstum eigentlich auf eben dieses verfehlte Leistungskonzept zurückzuführen ist. Wer produktiver arbeitet, also mehr leistet, produziert mehr per Zeiteinheit. Davon hat er allerdings nichts, denn entweder muss er die Mehrproduktion billiger abstossen, oder grössere Märkte erobern, um nur gleichviel zu verdienen wie vor der "Rationalisierung". Zudem kann sich Leistung offensichtlich nur auf bereits definierte Produkte und Wirtschaftskreisläufe beziehen - womit der wichtigsten Faktor unserer heutigen Wirtschaft untergeht: Die Innovation. Jede Definition von Leistung über Leistungsvereinbarungen wird, kaum besteht sie, von denen die dazu in der Lage sind - mit List und Tücke - missbraucht. Dies konnte und kann (oder her könnte - würden die Leute ihre Arbeit nicht hinter einem medialen PR-Schleier verbergen) insbesondere dort gut beobachtet werden, wo es um gesellschaftliche Innovationen ginge, also in der Entwicklungszusammenarbeit. Anzahl unterstützter Familien, besonders beliebt Kinder, Anzahl abgehaltener Kurse, Anzahl gebohrter Brunnen, Anzahl verteilter Mikrokredite etcetc. Aber wie oft kriegen Sie Antwort auf die Frage: Was machen die Familien, wenn die Unterstützung ausfällt? (> Einen neuen Sponsor suchen). Was konnten die Ausgebildeten mit dem in den Kursen vermittelten Wissen erreichen? (> Für die Ausbildungszeit Einkommen erzielt). (Eine Antwort, die auch bei uns betr. der Beschäftigungsprogramme z.B. gerne unter den Teppich gekehrt wird). Wie viele Brunnen sind zerfallen, während neue gebaut wurden? (> Mindestens 3 für jeden neuen). Wie viel Vegetation ist noch vorhanden, um die Brunnen herum? (> Keine).

Noch tragischer wirkt sich dieses beschränkte Leistungskonzept dort aus, wo es die ganze Gesellschaft formt, in der Schule. Das Prüfungssystem klassiert alle Bürger nach ihrem IQ. Da das heute verwendete Konzept des IQ aber ein recht beschränktes ist, trifft das Selbe auf die Auslese zu. Wenn Sie wirtschaftliche Leistung mit Schulleistung vergleichen, als IQ, sehen Sie sofort, dass hier ein totaler Missfit herrscht: Je "dümmer" desto Geld. Das macht klar, dass der IQ, und damit das Schulsystem, irgendwie falsch liegen und dringend auf das Konzept der multiplen Intelligenz übergegangen werden müsste, um jedem/r die Chance zu geben, die eigenen Talente zu erkennen und seine persönliche Begabung zu entfalten. Unser Bildungssystem ist damit auch wirtschaftsschädigend, und es wird dies um so mehr, je stärker noch mehr ungezielte Wissensvermittlung gefordert und gefördert wird (s. Frühenglisch - Frühfranzösisch - Frühverblödung). [s. Bildungskritik von Ivan Illich.]

Gerade am Konzept Leistung, das auf vorgegebenen Parametern in bestehenden Wirtschaftskreisläufen beruht, sehen wir auch, wie irrsinnig die Annahme ist, die in die Arbeitslosigkeit Entlassenen könnten sich durch eigene "Leistung" innovative neue Bereiche erschliessen. Nicht nur, dass diese als "Befehlsempfänger" jahrelang verdummt wurden, sondern auch die Bedingungen wirtschaftlicher Machtentfaltung stehen dagegen. Um neue Produkte auf den Markt zu bringen, und/oder neue Märkte zu erschliessen, um Innovationen entwickeln zu können, braucht es erst beträchtliche Investitionen, die als "sunk costs" im Falle des Scheiterns eben ... versenkt sind. Insbesondere zeigt sich, dass Leistung die sich nicht in Geldwertschöpfung ausdrückt, eben vom Markt nicht eigentlich als Leistung akzeptiert wird. Die ersten die hier auf gewisse Probleme aufmerksam gemacht haben, waren die Feministinnen. Haushalt, Kindererziehung, Altenbetreuung, die meiste Arbeit die von Frauen traditionell geleistet wurde, war (und ist) Arbeit, die offenbar "nicht marktfähig" ist, also eigentlich nicht als Leistung betrachtet wird. Die Emanzipation hat nun in dem Bereich kaum eine Besserung gebracht. Seither steigt eher der Trend zur "Hausfrauisierung" an, d.h. immer weitere Bereiche der wenig rentablen Ökonomie (s. Claudia von Werlof & Der Mythos der Leistungseliten) werden erstens den Frauen, zweitens der Freiwilligkeit, drittens der Nebenarbeit (kleine und mittlere Bauern können praktisch nur noch als Nebenbetrieb überleben) oder sonst einer nicht oder äusserst schlecht bezahlten Form der Arbeit zuzuordnen - wie insbesondere den äusserst beliebten Praktika (s. Generation P).

Um Leistung erbringen zu können
- womit heute immer bezahlte Leistung gemeint ist -
müssen Sie sich erst über einen Leisten schlagen lassen.

Akuter Einschub vom 26.7.08: Eben so dämlich ist hier, auch wenns für einige vernünftig tönt, das "neue" angloamerikanische Konzept der FDP für Sozialhilfeempfänger: Kein Geld ohne Gegenleistung. Tja ... da rennt nun also die selbe Partei 150 Jahre lang rum und behauptet, der Staat sei ineffizient, nur die private und freie Initiative könne wirklich wirtschaftlich effizient und kreativ tätig sein. Dann kommen sie und wollen diejenigen, die ihre Parteianhänger zu Ueberflüssigen erklärt haben durch Rationalisierung, Redimensionierung, Mergers, Verlagerung ins Ausland etc und die trotz langjähriger Anstrengungen keine bezahlte Arbeit mehr finden, in staatliche oder halbstaatliche Zwangsarbeitsprogramme schicken (oder als staatlich Subventionierte in private Betriebe?). Die Partei, die (zumindest vor es die SVP (in ihrer lauten Form) gab, immer schrie: Weniger Staat - mehr Freiheit, will nun offenbar eine staatliche Parallelwirtschaft einrichten mit denjenigen, die ihr zu wenig effizient sind. Vermutlich sollen die dann jene Arbeiten erledigen, mit denen sich kein Gewinn (mehr) erzeugen lässt, womit sie zuverlässig in ihrem Schicksal gefangen bleiben - aber, bei aller Anstrengung, eben doch keine Leistung erbringen, da unrentabel.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das Schicksal des Wortes Fleiss. Seit Calvin wurden Generationen unserer Vorväter und Mütter auf Fleiss trainiert. Das Wort stammt vom mittelhochdeutschen flizan: streben, trachten, sich bemühen, bis hin zu Streit, Wettstreit. Interessanterweise bemerkt auch Wikipedia dazu, dass das Wort heute nicht gern benutzt wird, da Fleiss im Ruche der Bravheit, Angepasstheit, mangelnder Spontaneität und Selbständigkeit steht. Da hat offenbar bloss noch niemand gemerkt, dass Leistung präzise den selben Hintergrund hat. Noch wichtiger aber am Übergang von der Forderung von Fleiss zu der nach Leistung ist, dass mit Fleiss bereits das Streben belohnt wurde, während Leistung erst und nur das Resultat belohnt. Dies entspricht zwar völlig dem Gebot der Wirtschaftlichkeit, widerspricht jedoch pädagogischen und sozialen Grundsätzen. Man müsste also kalauern: Fleiss ist Scheiss, denn Fleiss kriegt keinen Preis!

Die List bei den Griechen - der listige Odysseus und Hermes, der verschlagene Gott der Händler

Bereits bei den Griechen gab es für listiges Verhalten eine ganze Menge unterschiedlicher Ausdrücke:

Bereits damals war der Fuchs das Sinnbild der List. Er symbolisiert ihre Attribute:

Der Titan Prometheus verhalf mit List Zeus an die Macht - und den Menschen zu Feuer. Während die biblische Eva erschaffen wurde, weil es Adam langweilig war, erschufen die griechischen Götter die Frau als personifizierte List, um den schlauen Betrug des Prometheus zu rächen. Intuitives (weibliches) Denken verbindet sich sehr gut mit List, da es eh sprunghaft und "bunt" ist.

ethics of business are games ethics, different from the ethics of religion

Is Business Bluffing Ethical? by Albert Carr

Hermes trismegistos, der Gott des Marktes, des Handels und der Verträge, ist zugleich Namensgeber der Wissenschaft der Textauslegung, also der Hermeneutik, die so ganz ohne Schlauheit und Phantasie eine ziemlich langweilige Angelegenheit wäre.

Odysseus seinerseits wurde auch Odysseus polytropos (der Vielgewandte) oder polymechanos (der Erfindungsreiche, also auch hier wieder der Ingenieur ...) genannt. Interessant, da in absolutem Gegensatz zu dem was wir unter Wissen verstehen, insbesondere unter wissenschaftlichem Wissen, ist die Ableitung einiger Synonyme für List aus der Klugheit (metis). Diese wird in Verbindung mit dem Adjektiv bunt (poikilos) zu listig. Athene nannte Odysseus den Gedankenbunten. Der Listige fängt sich eben nicht in den eigenen grauen Gedanken wie Buchhalter, Gesetzeshüter, Wissenschafter und Religionsgelehrte, sondern benutzt ein mulitperspektives Denken. In der billigeren Variante der List wird aber auch ganz einfach die Mehrsinnigkeit der Sprache genutzt um den Leser oder Zuhörer gedanklich in die Irre zu führen.

Wichtigstes Vehikel der List ist die Sprache. Durch sie wird der Hörer zu Trugschluss verleitet - ohne dass der Verursacher dafür Verantwortung übernehmen mussen Die rhetorische Methode dafür ist die Eristik.

Obwohl der Klugheit verwandt, steht die List im Widerspruch zu dieser, da sie gegen die Gerechtigkeit gegenüber dem Nächsten verstösst, unter deren Teiltugenden die Wahrhaftigkeit in Wort und Tat einen besonderen Rang einnimmt. [S. 234: ]

Unerfreulich (aber wichtig und richtig, da die Vorhersagen über Modell streng von den Annahmen abhängen, nach denen die Modelle gebaut wurden) für die Entwicklung der komplexen Wissenschaften und generell des Wissens in der Postmoderne, ist die Charakterisierung des wichtigsten Werkzeugs dieser Art von Forschung, also der Simulation durch Modelle, als Scheinwahrheit.

Eine ... na ja, Grille oder so was, als Blüte verkleidet.

Die Mehrzahl der Wörter für <listig> haben auch bei den Griechen einen negativen Beigeschmack von Trug > Betrug, Schurkerei, dennoch scheint ohne List das Leben wie eine Mahlzeit ohne Salz und Pfeffer:

Ist das berühmte "archaische Lächeln", das der griechischen Menschendarstellung ab dem 5. Jahrhundert so gründlich verlorengeht, möglicherweise Ausdruck einer Weltsicht, die das Bunte, Vielfältige, Glitzernde und Wandelbare der Welt betont? Und ist die "edle Einfalt und stille Grösse" der Klassik, die Schwermütigkeit des strengen Stils Ausdruck einer Mentalität, in der Welt letztlich zum Unwandelbar-Eindeutigen geronnen ist, das vom Menschen nicht mehr manipuliert werden kann? Ist das Lächeln vielleicht gar nicht heiter, wie es uns erscheint, sondern hintergründig, gefährlich? Und wie steht es in diesem Zusammenhang mit dem berühmten chinesischen Lächeln?

[S. 111-132: Renate Zoepffl: Die List bei den Griechen]

Die List bei Indern und Germanen

List gibt es auch bei unsern Sprachverwandten, den Indern. Im Sanskrit hat List auch die Bedeutung von: ausgebrannt: mit allen Finessen vertraut / geschickt / scharf. List prägt insbesondere das Dritte der drei Lebensziele der Hindus:

  1. dharma (Leben im Einklang mit den transzendentalen Geboten)

  2. artha (irdischer Besitz, Wohlstand)

  3. kama (Lebensgenuss) Kamasutra (ars armatoria) die Schule der Liebeskunst: Die Eroberung von Mädchen, bei der listige Annäherung (= Verführung) empfohlen wird, spielt hier eine wichtige Rolle.

Als die erste Übersetzung des Kamasutra 1897 auf Deutsch erschien, wurden anstössige Stellen in Latein belassen. Eine vollständige Übersetzung führte noch 1965 zu einem Prozess vor dem Amtsgericht Kempten. Wenn wir also über Muslime lächeln, nicht zu fest lächeln, denn soooo gross ist die Distanz nun auch wieder nicht. Das zeigt sich auch am Begriff Verführung. Aufgeklärte Menschen wollen ja nicht manipuliert, also verführt werden, aber auch nicht mit Gewalt zu etwas gedrängt. Was jedoch Sex betrifft, wird der wohl nur in seltenen Fällen aufgrund eines "rationalen" Dialogs stattfinden, sondern muss in der Form der Erotik, also einer eher theatralischen Veranstaltung, einer Scheinverführung, zu Stande kommen.

Verführung bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch eine Person so zu "manipulieren", dass sie etwas tut, was sie eigentlich nicht wollte (z.B. etwas kaufen etc.). Im Speziellen bedeutet Verführung eine Form der gewaltfreien Überwindung von Widerständen zum Erreichen sexueller Befriedigung, z.B. durch das Herstellen einer erotischen Atmosphäre.

Vielleicht müsste man, um einigermassen frei darüber reden zu können, die Literatur benutzen, also den Begriff anhand von Casanova und Don Juan analysieren. Vermutlich ergibt sich daraus aber nicht mehr an Erkenntnis, als dass beide eigentlich recht durchtriebene, gerissene, schlaue und erfolgreiche Schauspieler, wenn nicht gar Hypokriten waren.

In der germanischen Mythologie ist Loki die schillerndste, moralisch anfälligste Gestalt des Götterolymps. Obwohl von Anfang her den Göttern nahe verbunden, entwickelt er sich zum Aussenseiter der göttlichen Gruppenexistenz. Loki ist charakterisierbar durch impulsive, unbesonnene, aufrührerische Intelligenz, Unbeständigkeit, Verschlagenheit, ist Unheilstifter, doch nie verlegen, Auswege zu finden. Loki ist schmuck, schön von Aussehen, aber böse, was den Charakter anbelangt, und sehr unbeständig in seinem Verhalten. [S. 291]

List auf Englisch

  • cunning

    1. Marked by or given to artful subtlety and deceptiveness.
    2. Executed with or exhibiting ingenuity.
    3. Delicately pleasing; pretty or cute: a cunning pet.
    n.
    1. Skill in deception; guile.
    2. Skill or adeptness in execution or performance; dexterity.
  • craftiness

    1. Skilled in or marked by underhandedness, deviousness, or deception.
    2. Chiefly British Skillful; dexterous.
  • craftartfulnes

  • artifice

    1. Cleverness or skill; ingenuity; inventiveness.
    2. An ingenious or artful device or expedient.
    3. An artful trick or stratagem.
    4. Trickery; craftiness; insincere or deceptive behavior.

  • trick

         1: a cunning or deceitful action or device; "he played a trick
              on me"; "he pulled a fast one and got away with it"
              [syn: fast one]
         2: a period of work or duty
         3: an attempt to get you to do something foolish or imprudent;
            "that offer was a dirty trick"
         4: a ludicrous or grotesque act done for fun and amusement
            [syn: antic, joke, prank, caper, put-on]
         5: an illusory feat; considered magical by naive observers
            [syn: magic trick, conjuring trick, magic, legerdemain,
             illusion, deception]
         v : deceive somebody; "We tricked the teacher into thinking that
             class would be cancelled next week" [syn: fob, fox, pull
             a fast one on, play a trick on]

  • ruse: a deceptive maneuver (especially to avoid capture) [syn: artifice]

  • stratagem

Ein Schmetterling, der auf rosa Blüte macht

Die List als selektiver Vorteil bei der Evolution

Die Evolutionsbiologie sozialen Verhaltens geht davon aus, dass das Prinzip, welches dem Reproduktionswettlauf allein zugrunde liegt, die interindividuelle Konkurrenz ist. Die Forscher dieses Wissenschaftszweiges haben aus ihrem empirischen Material den Schluss gezogen, dass ganz allgemein Kommunikation - selbst zwischen nahen Verwandten, geschweige denn sonst - ein Verfahren ist, nicht um Wahrheit zu übermitteln, sondern den eigenen Vorteil zu sichern, und zwar durch entsprechende Manipulation des Signalempfängers. [S. 126]

Vom Standpunkt der Evolution verschafft Ehrlichkeit meist keinen Vorteil. Der Tiger will fressen - nicht durch Elimination überflüssiger und zerstörerischer Grassfresser das Biotop im Gleichgewicht halten. Er hat keinen Grund, seiner Beute über seine Motivation und Intentionen Rechtfertigung abzulegen. Die Gazelle ihrerseits möchte in Ruhe ihr Gras mampfen, und sähe ohne Tiger oder Löwen und dergleichen wenig Grund, in der Landschaft rumzurennen. Der Mensch ist da etwas problematischer. Er will nicht bloss fressen, sondern auch andere Fresser davon abhalten. Er will nicht bloss die Gazelle, er will sie schmackhaft und am liebsten ohne flinke Füsse, so dass er ihr nicht nachrennen muss. Die menschliche Gestaltung des Schlaraffenlandes ist also eine ziemlich perverse Einrichtung, verglichen mit der Schöpfung. Da diese perverse Einrichtung zwar von einzelnen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft geschaffen wird, aber alle drin leben müssen, begründet sich hier ein Rechtfertigungszwang, und die Notwendigkeit der mehrheitlichen Akzeptanz, also der Demokratie.

List ist, wie Imponiergehabe, verhaltensbiologisch betrachtet eine typische Reaktion auf eine ausweglos gewordene Angriffssituation - die wir in der Wirtschaft mit den Grenzen des Wachstums ebenfalls erreicht haben. Drum ist äusserste Vorsicht geboten vor Schlaumeiereien (nicht nur was Teakpflanzer betrifft).

 

2. Weitere Synonyme für List, Schlauheit und Gerissenheit

  1. Als neutral oder gar positiv empfundene Ausdrücke (die natürlich gerne verwendet werden, um negative Täuschungsabsichten zu verbergen):  Strategie, Taktik, Kunstgriff, Kniff, Finte, Coup, Pfiffigkeit, Chuzpe, Geniestreich, Trick, Eulenspiegelei, Dreh, Bubenstück, Gimmick etc

  2. Als negativ beurteilt: Intrige, Kabale, Ränkespiel, Machenschaften, Winkelzug, übler Trick, Taschenspielertricks, fauler Trick, Rattenfängerei, Schmierenstück, Schlich, Manipulation, fauler Zauber, Augenwischerei, krumme Tour, Masche, Bluff, Täuschungsmanöver, Gaukelspiel, Verarschung etc.

  3. Nur Umrisshaft oder falsch beschriebene Strategeme: Zynismus, Mythos, Heuchelei, Missbrauch, Farce / Königsweg, Geste, Symbolik ...

2.1 List ist nicht gleich Lüge

ein Fisch, der scih als Blatt tarnt.

Die Lüge (mendacium) ist abzugrenzen von Verschlagenheit (astutia), List (dolus) und Betrug  (fraus). Sie bedarf dreier Momente:

  1. Die Aussage ist sachlich falsch (falsitas materiale)

  2. Die falsche Aussage wird bewusst gemacht (falsitas formale) und

  3. Die falsche Aussage ruft beim Hörer eine falsche Vorstellung hervor. (falsitas effektive)

Das Mittelalter ging oft recht pragmatisch mit der Wahrheit, auch der ewigen, um. Johannes Cassian (4-5.JH) vertraut auf ein kluges Offenhalten verschiedener Optionen und warnt davor, sich den Weg zur grösseren Vollkommenheit durch die voreilige Festlegung auf eine einzige Wahlmöglichkeit (= Fundamentalismus) zu verbauen. {S. 165] Wenn der Vorteil, der uns aus der Bekundung der Wahrheit erwachsen würde, die daraus entspringenden Nachteile nicht ausgleichen kann, ist eine "nützliche und heilsame Verstellung" (utilis ac salubris hypocrisis) als das bessere Mittel zur Erreichung unserer Handlungsziele gerechtfertigt.

Das Gebot: Du sollst nicht lügen - kommt auch für Kirchengelehrte dann nicht zum Tragen, wenn dem Fragenden das Recht auf Befragung abgesprochen werden muss, wie etwa zu Zeiten der Christenverfolgung oder des Nationalsozialismus, an dem sich das Konzept am besten verstehen lässt: Schulde ich einem mörderischen Regime die Wahrheit? Wohl kaum!

Listen können durchaus eingesetzt werden - ihr Einsatz ist aber dem Gebrauch der Fairness unterzuordnen, oder, wie der Theologe Mauch gesagt hat: Die Wahrheit ist zu ergänzen durch die List - aber gepaart mit Herz. [S. 279]

Wer listig vorgeht, geht nicht offen vor und umgekehrt. Offenheit ist ein Antonym zur List. Statt klug:handelt der Listige klüglich, schlau, verschlagen, raffiniert.  s. Diskussionsforen

Machiavelli ging es darum, den Fürsten vom Zwang zu befreien, nach ethischen Gesichtspunkten zu handeln. Dies vor allem in Situationen der Gefahr und Not. Es ist fraglich, ob sich diese Trennung von der Ethik, wie vom Neoliberalismus empfohlen, auch für die heutige Kriegsform, die Wirtschaft, empfiehlt.

Hypokrit (Heuchler, Scheinheiliger): Der sich Verstellende - also jeder auf einer Bühne, jeder, der eine Rolle wahrnimmt, jeder der seine Rolle spielt, jeder der sich an die Erwartungen des Publikums anpasst. Seltsam, dass in unserer Gesellschaft Hypokriten und Chamäleons so geschätzt werden.

Allerdings nutzen auch die muslimischen Gelehrten die Gerissenheit mit Einschränkungen, denn: Etwas krummes ist ihr eigen, ein Umgehen der Norm und in beiden Fällen auch ein Vertrauensmangel in geradlinige, offene Durchsetzbarkeit. Eine Begründung dafür, warum der gerade Weg nicht immer ans Ziel führt, liefert  Muhammed Ibrahim (1983): Die Schlechtigkeit der Menschen erfordert kluges (d.h. bei den Arabern meist gleichbedeutend mit listiges) Bedenken.

Die Unbedenklichkeit des technischen Tricks, der Staatsmannskunst, der Heilbehandlung und selbst der weiblichen List, mit der sich die islamische Kultur von anderen nicht unterscheidet, hat als problematisches Gegenstück die Grauzone zwischen Gesetzestreue und strafbarem Handeln.

Das legendäre Geschick der Juden im Handel wird von manchen Autoren auf präzise diese Notwendigkeit zurückgeführt, die Erfordernisse des modernen Leben mit uralten Texten und seltsamen Vorschriften in Einklang bringen zu können. Die <Urlist> findet sich also am ehesten bei den Anhängern des ältesten und härtesten Verhaltenskodex', des alten Testamentes.

Im Jemen ist der ehemalige Imam Yahja noch heute berühmt für seine List: Nachdem ihm die Chinesen in den frühen 60er Jahren, vor Beginn der Revolution 1962, die Strasse von Hudeidah nach Sana'a gebaut hatten, also vom Meer über eine Höhe von 2700 m wieder auf 2200m, vergleichbar in der Schwierigkeit des Terrains mit der alten Gotthardstrasse, sah er sie sich an und sagte: Sie gefällt mir nicht, nehmt sie wieder mit. Bezahlt hat er sie natürlich auch nicht. Also falls die Chinesen manchmal nicht ganz ehrlich sind, haben sie's vielleicht ja irgendwo gelernt ....

 

2.2. Gattungen und Methoden der List (s. Eristik)

  1. "Wenn Ihr für die Jagd den ganzen Wald niederbrennen lasst, werdet Ihr dieses eine Mal viele Tiere erlegen. Später aber wird es keine Tiere mehr geben.
    Wenn Ihr dem Volk mit List begegnet, werdet Ihr ein einziges Mal Nutzen daraus ziehen, aber ein solches Vorgehen kann nie mehr wiederholt werden."

    altes chinesisches Sprichwort, aus: Moritz Leuenberger:
     
    Rede über die List in der Politik

    Jagd, Tierfang: auf den Leim gehen, Lockvogel, Fallgrube, Fallstrick, eine Falle stellen, in der Schlinge sitzen. (Zur Verwandtschaft von Jagd und Wirtschaft s. Sombart.)

  2. Krieg, Kampf: Tücke (von Tuck=Schlag), wie "einen Streich spielen", Handstreich, Hinterhalt, Tarnfarbe. Taktik

  3. Recht: Winkelzüge, Fangfragen

    Spiel: Kniff (vom Einkneifen (Zinken) der Spielkarten), Trick (lat tricali: Winkelzüge machen > worin der Winkeladvokat spezialisiert ist.)

    Kniffe (hiyal) werden insbesondere im islamischen Recht eingesetzt, na ja, eigentlich in jedem Recht, denn Juristen geniessen ja meist nicht den Ruf von Weisheit, sondern eben von Gerissenheit. Eine List kann hier aber nicht bloss Täuschung - sondern auch eine geschickte Problemlösung sein. Gerade die Kasuistik, das Einbinden eines Teilbereichs in das entsprechende Gesamtsystem, verlangt nach einer guten Uebersicht wie nach "buntem Denken". (Entsprechende Fähigkeiten verlangt die Webphilosophie).

  4. Verkaufspraxis: Schleichwerbung (product placement)

  5. Politik: Stimmenfang (Populismus)

  6. Fussball: eine Schwalbe machen

  7. Kunst, Theater, Schausteller: Kunstgriff, Gaukelbild, Possenspiel, Hokuspokus, Taschenspiel, Vorspiegelung, blauen Dunst vormachen, jemanden zum Narren halten

Eine der gebräuchlichsten, erfolgreichsten - und bei hinter-listiger Anwendung übelsten Methoden der Überzeugung durch das Erspielen von Vertrauen ist das Rollenspiel, die Annahme einer Rolle zum eigenen Vorteil (alter casting):  Hochstapler nehmen gerne die Rolle sozial hoch Gestellter an. Beliebt und hilfreich sind auch die Rolle der Autorität (was zu extremen Gehorsamsleistungen der "Schüler" führen kann, bis zur Tortur, ja der Hinnahme der Tötungsrisikos für Dritte (s. Milgram Experiment), des Fachmannes und Experten, demgegenüber der Andere (alter) als Unwissender zur Gefolgschaft verpflichtet ist - was zur Zeit insbesondere bei der Durchsetzung der Gentechnik zu beobachten ist. Das Selbe ist möglich über den Gruppenzwang einer frei erfundenen Schein-Gemeinschaft (gran falloon), deren abstrusen Normen sich die Kandidaten willig unterziehen- weil sie unbedingt dazugehören wollen. Zu dieser Kategorie kann man vermutlich viele Anhänger all der verschiedenen Ismen zählen. Die Rolle eines Freundes, Bekannten oder Verwandten wird erfolgreich von Betrügern eingesetzt, um älteren Damen oft grössere Beträge als Unterstützung abzuzwacken, für einen armen Verwandte ... den sie vergessen hat, Der selbe Appell an die Hilfsbereitschaft hilft, wenn man sich als selbstloser Vertreter von Bedürftigen, Armen etc. ausgibt, als Prophet der sich selbstlos für die Menschen opfert und/oder an die Liebe appelliert. Bei Politikern beliebt ist die Rolle des Vertreters "des normalen Volkes" (s. Populismus), der Steuerzahler, um Einsparungen durchzusetzen.

Aussenseitern/Kritikern wird dabei umgekehrt gerne die Rolle des Sünders, Parasiten oder Volksschädlings angehängt: Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass sich solche in unserer Gesellschaft breit machen. Eine Methode die erfolgreich gegen Arbeitslose angewandt wird.

2.3 List und Tücke = Strategie und Taktik

Ein Strategem, umfasst 4 Komponenten
  1. bewusst

  2. mit Schläue eingesetztes

  3. aussergewöhnliches Mittel,

  4. mit dem ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll.

Ein weiteres, vielleicht das wichtigste Synonym für List ist Strategem. Jedes Strategem (Kriegslist) ist ein (schlauer, gerissener, listiger und tückischer) Plan, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dieses Konzept der Zielerreichung, die causa finalis, steht dem wissenschaftlichen von <Ursache und Wirkung> diametral entgegen (s. Link für umfassende Diskussion, zwar auf englisch, aber trotzdem ....).

Die berühmteste Sammlung von Strategemen ist die des Chinesen Miben Bingfang: Sanshiliu Ji aus der Ming Zeit (15. JH:):

  1. Den Kaiser täuschen [indem man ihn in ein Haus am Meeresstrand einlädt, das in Wirklichkeit ein verkleidetes Schiff ist] und [ihn so dazu veranlasst] das Meer [zu] überqueren.
  2. [Die ungeschützte Hauptstadt des Staates] Wei belagern, um [den durch die Hauptstreitmacht des Staates Wei angegriffene Staat] Zhao zu retten. > Den schwachen Punkt des Feindes entdecken und ausnutzen.
  3. Mit dem Messer eines anderen töten. > Fremde Ressourcen nutzen. Stellvertreterkrieg. Unvorsichtige Bemerkungen des Feindes gegen ihn nutzen. Das Wissen anderer Gegner des selben Feindes nutzen.
  4. Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten. > Die Rahmenbedingungen setzen, entspannen - und dem Gegner diese Möglichkeit durch Einschüchterung, Verzögerung, Störungen rauben. Beim Feind den Eindruck erwecken, man sei selbst geschwächt, es sei Zeit, anzugreifen.
  5. Eine Feuersbrunst für einen Raub ausnutzen. > Die Situation ausnutzen, wenn der Gegner eh schon Probleme hat.
  6. Im Osten lärmen, im Westen angreifen. > Die wirklichen Interessen und Absichten tarnen, die Aufmerksamkeit des Feindes auf unwichtige Dinge lenken, um ungestört und gezielt angreifen zu können. Die Ressourcen des Feindes werden so am falschen Ort eingesetzt.
  7. Wenn ein Feind dir Böses angetan hat, schenke jedem seiner Kinder eine Trompete.

    (Chinesisches Sprichwort)

    Aus einem Nichts ein Etwas erzeugen: Fehlalarme, Trugbilder beschwören, diffamieren, Gerüchte streuen ...
  8. Sichtbar die Holzstege wieder instandsetzen, heimlich nach Chencang marschieren. > Offen mit der einen Seite verhandeln, heimlich mit der andern. Guten Willen sichtbar machen - Böswilligkeit nur überraschend einsetzen. Die Marschrichtung, d.h. die Absichten verschleiern.
  9. Das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten. > Verzögerungstaktik, Blockade, Zermürbung des Gegners.
  10. Hinter dem Lächeln den Dolch verbergen [erinnert an das zur Grimasse gefrorene Lächeln von Micheline Calmy Rey [La vache qui rit] und Ruth Genner) > Mit einem freundlichen Eindruck, mit Gastfreundschaft das Vertrauen gewinnen, erst zustechen, wenn man nahe genug ist.
  11. Der Pflaumenbaum verdorrt anstelle des Pfirsichbaums (läuft bei uns unter: Bauernopfer oder in der Kriegsmedizin unter Triage: Weniger wichtiges Opfern um wertvolles zu schützen. Der Pfirsich ist schmackhafter und seltener als die Pflaume).
  12. Mit leichter Hand das [einem unerwartet über den Weg laufende] Schaf wegführen. [Womit das Kapital unter Ausnutzung der Pareto-Verteilung, der economy of scale und der sunk costs wie weiterer wirtschaftlicher Gesetzmässigkeiten die Mehrheit der Bevölkerung über den Tisch zieht. Vergleichbar damit wäre unsere Volksweisheit: Das Geld liegt auf der Strasse.] > Ständig, bei der kleinsten Gelegenheit, kleine Zugeständnisse fordern, Extras, Zugaben.
  13. Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen > auf den Busch klopfen, durch Scheinangriffe den Feind zermürben.
  14. Für die Rückkehr der Seele einen Leichnam ausleihen. Etwas Gefürchtetes, Geliebtes, Traditionelles zwecks Einschüchterung bzw. Ermutigung wieder aufleben lassen.
  15. Den Tiger vom Berg in die Ebene locken. > Den Gegner in eine Umgebung locken, in der er keinen Vorteil hat (so wie die Germanen die Römer in die Wälder lockten).
  16. Will man etwas fangen, muss man es zunächst loslassen > In Sicherheit wiegen, einlullen, keinen Widerstand erzeugen. Unterwanderung der gegnerischen Truppen durch freigelassene Kriegsgefangene, die man zuvor freundlich behandelt hat.
  17. Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen. Beispiel: Durch gezielte Streuung von Informationen, der schwachen Befestigung einer eigenen Festung, den Feind zu einem raschen Vorgehen zu verleiten und dann aus einem Hinterhalt den Feind an seiner schwächsten Stelle anzugreifen.
  18. Will man eine Räuberbande unschädlich machen, muss man deren Anführer fangen. Wenn man die führenden, die wichtigsten Leute überzeugt, hat man gewonnenes Spiel.
  19. Das Brennholz unter dem Kessel wegnehmen > Suche geziehlt nach Massnahmen, wie die Stärken des Gegners unterminiert werden können.
  20. Das Wasser trüben, um die Fische zu ergreifen. Verwirrung schaffen, den Gegner im Unklaren lassen - um dann seine Hilflosigkeit auszunutzen.
  21. Die Zikade wirft ihre goldglänzende Hülle ab. > Alle falschen, zu strategischen Zwecken ersonnenen Äußerlichkeiten hinter sich lassen. Wie die Haut der Zikade bleibt die Fassade intakt, doch das eigentliche Geschehen spielt sich nun anderenorts ab. Angeblich hat die unterirdisch lebende Larve der Zikade eine goldglänzende Hülle. Für das oberirdisch lebende erwachsene Tier ist diese Hülle zu gefährlich, sie streift sie ab und tarnt sich.
  22. Die Türe schliessen und den Dieb fangen. Setzte den Feind so unter Druck, dass er nicht ausweichen kann (allerdings nur, wenn Du ihm gewachsen bist). > Weiche die gegnerische Front nach und nach auf.
  23. Sich mit dem fernen Feind verbünden, um zunächst den nahen Feind anzugreifen. > Der Feind meines Feindes ist mein Freund
  24. Vorgeben, dass man durch den Staat Yu zwecks Angriff auf den Staat Guo hindurchmarschieren wolle, und jenen dann doch besetzen. > Partnerschaft eingehen - und zum eigenen Vorteil ausnutzen [zur Zeit beliebtes Verfahren in China]
  25. [Ohne Veränderung der Fassade eines Hauses in dessen Innerem] Die Balken stehlen und gegen [morsche] Stützen austauschen. [Was die SVP mit dem Staat betreibt]
  26. Die Akazie schelten, [dabei aber] auf den Maulbeerbaum zeigen. > Den Sack schlagen und den Esel meinen
  27. Verrücktheit mimen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren [Zyniker, Brainworker, generell Hofnarren aller Art] > Verstecke die eigenen Ziele, tu so, als würdest Du nichts verstehen.
  28. Auf das Dach locken, um dann die Leiter wegzuziehen. > Dem Gegner ein leichtes Ziel bieten und ihn damit in eine Gegend zu locken, aus der es nur wenige Fluchtmöglichkeiten gibt. Diese Fluchtmöglichkeiten müssen dann abgeschnitten werden, damit sich die Falle schließt.
  29. [Dürre] Bäume mit [künstlichen] Blüten schmücken. [neu als "window dressing" in Wirtschaft und Politik allgemein verbreitet]
  30. Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren. > Dem Gegner Nutzen für sich selbst vortäuschen, sich selbst als schwach und verloren geben.
  31. Das Strategem der schönen Frau > Mata Hari & Co
  32. Das Strategem der Oeffnung der Tore [einer in Wirklichkeit nicht verteidigungsbereiten Stadt] > leere Versprechungen
  33. Das Strategem des Zwietrachtsähens [hier als "divide et impera" bekannt und auch innerhalb der Familie äusserst beliebt]
  34. Das Strategem der Selbstverstümmelung
  35. Die Strategem-Verkettung
  36. [rechtzeitiges] Weglaufen ist [bei sich abzeichnender völliger Aussichtslosigkeit] das beste [der 36 Strategeme]

Diese Strategeme lassen sich zu 7 Kategorien zusammen fassen:

  1. Simulationsstrategeme, die eine nicht vorhandene Wirklichkeit vortäuschen (7, 27, 29, 32)
  2. Dissimulationsstrategeme, die eine tatsächlich vorhandene Wirklichkeit dem Blick entziehen (1, 6, 8, 10)
  3. Informationsstrategeme, die eine unbekannte, bzw. verborgene oder vertuschte Wirklichkeit enthüllen, bzw. tabuisierte oder verbotene, schwer mitteilbare Wirklichkeitssicht wieder vermitteln. (13, 26) - Zur Zeit hier als Experiment laufend in Bezug auf Sex, Pornographie (WARNUNG! Der Link enthält effektiv einige für Kinder ungeeignete Nacktphotos)
  4. Ausmünzungsstrategeme, die eine herbeigeführte oder gegebene Wirklichkeit, auf Grund überlegener Stärke, Geschicklichkeit, Geistesgegenwart - oder Finanzkraft - ausnutzen (2, 4, 5. 9, 12, 18, 19)
  5. Fluchtstrategeme, mittels derer man sich einer ausweglosen Situation entzieht - unter möglichst geringen (eigenen) Verlusten [Eigene Aktien verkaufen vor dem Bankrott .. und so]
  6. Hybride Strategeme
  7. Strategemverkettung

Diese wiederum lassen sich in 3 Hauptgruppen fassen:

  1. Täuschungsstrategeme (1, 2)
  2. Präsenzstrategeme (3, 4, 5)
  3. Mischstrategeme (6)

Im Menschen kann die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, Das Maskiertsein, die verhüllende Convention, Das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, das fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. [S. 400]

Tücke stammt aus der germanischen Wurzel tuc, die bedeutet: Schlag. Die klassische Wortkombination List und Tücke bedeutet also strategischer Plan, Kriegslist (Strategem) und Schlag (Taktik) - und das ist präzise womit Elite und Kader, also die Führungskräfte, ihre hohen Löhne verdienen ... mit List und Tücke. Dessen ungeachtet sitzt der Rest rum und labert was von besserer Ausbildung, mehr Wettbewerb und ähnlichem Stuss.

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/arbeit_und_e/loehne__erwerbseinkommen/blank/publikationen.Document.77662.html

Unsere Topverdiener, also Verwaltungsräte und CEOs (Betriebsleiter), erhalten ja nicht so viel Geld, weil sie so viel wissen. geschweige denn, weil sie so viel leisten würden (leisten im normalbürgerlichen Verständnis von Arbeitsleistung). Topsaläre werden bezahlt, weil diese Leute  bewiesen haben, dass sie List profitabel für den Betrieb einsetzen können.

Eine der wichtigsten Hinter-Listen des kapitalistischen Systems ist die Pareto-Verteilung, durch  die 80% "ausgemünzt" werden, weil sie am wirklich lukrativen Geld- und Finanzmarkt gar nicht mitspielen können. Ebensolche Listen sind die economy of scale und die sunk costs.

Die Regeln für die erste Milliarde:

  1. Eine gute Idee haben ist gut. Eine benutzen ist besser.

  2. Es gibt nur zwei Produkte: das beste und das billigste.

  3. Es gibt nur zwei Fragen: Was fehlt hier? Und: Was gibt es hier, das ich nicht ausnutze?

  4. Alles was nervt, ist ein potentielles Geschäft. Für den, der es abstellen kann.

  5. Es ist immer das Paket, nie nur ein Feature.

  6. Einfach denken macht zufrieden. Einfach machen macht reich.

  7. Lieber nicht so gut als nicht auf dem Markt

  8. Auf die Details kommt es an. Finden Sie jemanden, der sich darum kümmert.

  9. Wenn es einen Namen hat, dann muss ein Japaner ihn aussprechen können

  10. Und los!

Michaelis Pantelouris: selfmade billionaire. Bolero-Men 2. 06, S. 75-77

All diejenigen, die sich ein MBA-Zertifikat erworben haben, in der Absicht, dazu zu gehören, können das Papier in der Pfeife rauchen, da an diesen Kursen die List kaum je geschult wird. Ebenso wäre es zu erwägen, an den Schulen eher Früh-Rhetorik zu lehren, an Stelle von Früh-Englisch, Früh-Französisch und bald noch Früh-Chinesisch, um zu lernen, wie leicht man sogar in einer Sprache die man perfekt spricht, schreibt und versteht - über den Tisch gezogen werden kann.

Da Strategie und Taktik des Handelns generell zielorientiert sind, unser Wissen aber eben so generell auf Ursache-Wirkung, also Kausalität basiert, die mit Zielen absolut nichts zu tun hat, haben Wissenschaft und Handlung eben recht wenig gemein. Handlungsziele ergeben sich nicht aus wissenschaftlicher Forschung. Diese kann nur Handlungsmöglichkeiten zeigen und Möglichkeiten der Zielerreichung. Sie sehen anhand der Anleitung rechts "Wie werde ich Milliardär" grad einige Probleme, über die Denker immer wieder stolpern:

  1. Eine Idee bringt erst was, wenn sie was Verkaufbares ist oder erzeugt.

  2. Ein "Beitrag" wird nie zum Geschäft - nur das ganze Paket.

  3. Details sind wichtig - können und sollen aber Angestellten überlassen werden.

  4. Komplexität ist hinderlich.

Oder, wie Bankdirektor Leo Fischel in Musils Mann ohne Eigenschaften sagte: Ansichten kann jeder haben, aber bleibend sind auf die Dauer nur die, mit denen man etwas verdient, weil das beweist, dass sie anderen Leuten auch einleuchten!"

Die Verbindung von kausalem Wissen mit teleologisch orientierten Interessen erlaubt es, dass sich jede(r) über Konstruktivismus, unter tätiger Beihilfe des konstruktivistischen Thesenjournalismus, seinen Golem schafft, dem mit Vernunft nur noch schwer beizukommen ist.

Wie listig heute Kriege geführt werden, zeigt uns (nein, nicht Bush, der ist zu plump) eine chinesische Studie, welche die USA in einige Aufregung versetzt hat: Unrestricted Warfare. Qiao Liang and Wang Xiangsui. [Summary part 1 - part 2. Chinese Doctrine, full collection]

Military Trans-military Non-military

Atomic warfare

Conventional warfare

Bio-chemical warfare

Ecological warfare

Space warfare

Electronic warfare

Guerrilla warfare

Terrorist warfare

Diplomatic warfare

Network warfare

Intelligence warfare

Psychological warfare

Tactical warfare

Smuggling warfare

Drug warfare

Virtual warfare (deterrence)

Financial warfare

Trade warfare

Resources warfare

Economic aid warfare

Regulatory warfare

Sanction warfare

Media warfare

Ideological warfare

http://www.cryptome.org/cuw.htm

3. Wissenschaft und Philosophie haben durch verpasstes "agenda setting" dazu beigetragen, das Volk in die Irre zu führen.

 

Agenda-setting:

Ereignisse werden erst zu solchen, wenn die Medien sie dazu machen. Als spezifisches agenda-setting kann, nein muss, hier auch die Rhetorik des Schweigens betrachtet werden, die dadurch, dass sie es ablehnt von etwas zu reden, aus diesem Etwas ein Nichts, ein nonevent, ein Unbedeutendes macht.

Der rhetorischen Maschine werden unausgegorene Gedankengänge im Rohzustand eingegeben; am Ende findet man einen kompletten, strukturierten, für die Überredung  gerüsteten Dialog. So konzentriert sich die ganze Redekunst auf drei Faktoren, die der Überzeugung dienen:

  1. Den Beweis der Wahrheit (s. Topik)

  2. Den Gewinn der Sympathie unseres Publikums

  3. Die Beeinflussung seiner Gefühle - im Sinne dessen, was der Fall erfordert.

Die captatio benevolentia, das Gewinnen der Sympathie des Lesers, der Akzeptanz - ist meist weitaus wichtiger als sachliche Richtigkeit. Zusammen mit dem richtigen Ansprechen der Gefühle und Affekte, wie Hass, Mitleid, Liebe - hat dieser Aspekt der Rede nach Cicero solchen Einfluss, dass er offenbar mehr ausmacht als die Sache selbst, d.h. die sachbezogene Argumentation. ...

In der Praxis jedoch hilft der Rückgriff auf bleibende Wahrheiten zumeist wenig. Soll sich die Wirklichkeit den menschlichen Absichten und Zwecken fügen, wollen oder müssen wir sie verändern, so bedarf es zwar auch hier einer Kenntnis der Natur und der Gesetzmässigkeiten dieser Wirklichkeit. Vor allem aber der Weg und die Mittel, die geeignet sind, die eigenen Absichten den Tendenzen oder auch der Trägheit der Sache gegenüber durchzusetzen. Auf Grund der objektiven Gegebenheiten und Widerstände kann das Ziel oftmals nur entweder durch physischen Zwang oder durch List und Verstellung erreicht werden. Insbesondere wenn es sich bei dem Entgegenstehenden um Menschen handelt, die ihrerseits eigene Antriebe, Interessen usw. haben. [S. 400]

Die Abendländische Philosophie hat sich fast keine Gedanken über die List gemacht. Warum? List ist ein Mittel, einen Feind zu unterwerfen, oder zumindest, einen Vorteil über andere zu erlangen. Sie betrieb die Suche nach der reinen Wahrheit, dem reinen Sein - getrennt von der Praxis, die ihr gegenüber abgewertet wird, ganz im Gegensatz zum chinesischen Denken!

Listiges Denken ist jedoch ein Verhalten der Praxis, das auf Zielen aus ist, Handeln will um diese Ziele zu erreichen.

Die westliche Zivilisation hat in dieser Hinsicht durch das alte griechische wie römische Erbe Erbe gleichsam eine Nullprägung erhalten

Aus diesem Grund ist vielen Wissenschaftlern und sachbezogenen Philosophen (wie spez. Kierkegaard) die Rhetorik suspekt, wenn nicht gar verhasst. Aber präzise diese Einstellung führt zum Problem, in dem wir nun stecken, nämlich dass die (wirtschaftliche) Praxis macht, mit vollem Einsatz listiger Argumentation, während wir immer noch mehrheitlich glauben, bei Argumentation gehe es um Wahrheit.

Gerade weil wir in einer derart verlogenen Welt leben, ist vermutlich die List hat als Forschungsobjekt bisher kaum auf Interesse gestossen, weder bei Politologen noch bei Wirtschaftswissenschaftlern oder Philosophen. Die einzigen die sich damit etwas beschäftigt haben, sind Totalitarismusforscher, denn

Dialog der auf Philosophie und Wissenschaft basiert - und konstant die Strategien der List übersieht, führt in die Irre. Die Scheuklappen der Philosophen und Wissenschaftler gegenüber den wahren Prozessen beim Dialog haben kräftig dabei geholfen, 2000 Jahre lang die Irreführung zu erleichtern und Aufklärung zu verhindern.

 

So regieren heute List und Tücke - und alle meinen, weil jeder dazu (genau wie zu Sex und Pornographie) einfach bäh sagt, gäbe es das nicht. So einfach funktioniert die Welt aber nicht.

 

Kommunikationsanalyse:

Für einen klareren Dialog zwischen den Menschen reichen also die bis anhin von mir favorisierte Argumentation nicht. Jeder sachlich-wahrheitsorientierte Dialog muss unter diesen Gegebenheiten drei- bis viergleisig beobachtet werden:

Die sachliche (objektive) Ebene des ES

Die persönliche (subjektive) Ebene des ICH

Die zielorientierte (strategische) Ebene des WIR
(auf englisch als speen bezeichnet, die Drehrichtung)

Die Beschränkung des Diskurses über Machtpositionen (s. Foucault: Die Ordnung des Diskurses):
  • Die Agenda des/der Redenden oder Schreibenden (s. Rolle / Rollenspiele):

    • Wer sagt was?

    • Warum tut er oder sie das?

    • Welche Rolle spricht aus der Person - welche Rolle wird angesprochen.

  1. WAS in einem Wissensgebiet sagbar ist - was zugleich die Sprechenden auf ihre "Wissens-Disziplin" festnagelt

  2. WER das Sagen hat, wer wann wie sprechen darf - und damit:

    1. was gesagt werden SOLL - und was nicht gesagt werden darf

 

Der Hauptgrund für das Scheitern von Kommunikation ist eben a), dass es unendlich viele ICHs und WIRs gibt, die am liebsten mit und für sich selbst - also am Gegenüber vorbei - reden - oder, als Rollen, in unendlich viele Interessen zersplittern und einen klaren Dialog fast unmöglich machen, b) die Macht, die praktisch alle Bedingungen unterläuft die für die kommunikatorische Wahrheitsfindung (Quine) uns Konsens nach Habermas nötig sind. Die Benehmensdressur behauptet zwar, dass es ihr darum gehe, die Würde des Gegenüber zu wahren - nebenbei nimmt sie aber vor allem die Funktion war, die Vorherrschaft der Elite zu sichern, zu verhindern, dass <ungehörige Fragen> gestellt werden. Es ist also nicht nur der Eigensinn der einzelnen der Dialog schwierig macht, sondern fast noch mehr die Zerlegung der ehemals ganzheitlichen Persönlichkeit in eine Vielzahl oft widersprüchlicher Rollen. Das zeigt, warum Politik, und alle Gespräche zwischen Menschen, in denen es vordergründig bloss um Sachfragen geht, so schwierig sind. Zu oben gelisteten Ebenen des Diskurses kämen nämlich noch eine ganze Serie weiterer hinzu, wie etwa die geistige Reife nach Piaget [S. 411-2]:

 

Niveau 0: Kinder unterscheiden nicht die eigene Perspektive und die der anderen

Niveau 1: Kinder erkennen, dass andere eine Handlung/Situation anders sehen als sie selbst = differenzierte Perspektive

Niveau 2: Heranwachsende können ihr Handeln aus der Perspektive des andern betrachten = reziproke Perspektive

Niveau 3:  Heranwachsende können die Perspektive eines Dritten übernehmen und die Perspektiven der beiden Partner kombinieren. = Perspektive der dritten Person

Niveau 4: Zwischenmenschliche Beziehungen werden als Netzwerke begriffen, gebildet durch die unterschiedlichen Perspektiven in einer Bezugsgruppe; gesellschaftliche Normen werden als Regulative dieser Sozialbeziehungen gesehen und unter dem Gesichtspunkt der Perspektivenhaftigkeit reflektiert. = Perspektive-n des Netzwerks - besser: Mögliche Perspektiven innerhalb des Systems = s. Webphilosophie

Niveau 5: [Kommt bei Piaget nicht vor, da nicht "realitätsbezogen", sondern zukunftsgerichtet, also spekulativ - und strategisch] Mögliche Perspektiven bei Systemwechsel & mögliche Perspektiven für Systemwechsel.

Ehrlich, wie viele Menschen kennen Sie, denen es, obwohl sie tödlich beleidigt wären, als Kind (oder besser kindisch) bezeichnet zu werden, nicht gelingt, zwischen eigenen Interessen und denen ihrer Mitmenschen zu unterscheiden [Egozentriker & Egoisten], die also Stufe 1 nie erreicht haben?

Ist es nicht schon fast eine Mehrheit, die sich weigert, die Perspektive anders Denkender schon nur als Plausibel, geschweige denn als der eigenen gleichwertig zu erachten, die also Stufe 2 nicht erreicht haben?

Wie viele Menschen dürften als Moderatoren bezeichnet werden, denen es gelingt, zwei Streithähne zu einer gemeinsamen Lösung zu führen, die also Stufe 3 erreicht haben?

Als akutes Problem unserer Zeit kommt das Zusammenleben höchst unterschiedlicher Kulturen auf dem engen Raum der Städte hinzu. Menschen handeln um der Selbsterhaltung willen unter den jeweils herrschenden historischen gesellschaftlich-kulturellen Normen. Das heisst aber auch, dass jeder Mensch, will er vernünftig handeln, immer an gewisse Normen der Kultur gebunden bleibt, aus der er stammt. Wir müssen also lernen, unterschiedliche historische Hintergründe nicht nur zu verstehen, sondern auch bis zu einem gewissen Masse in ihrer Auswirkung zu akzeptieren.

Eine der ersten Grundlagen dafür wäre die Ideologiekritik - allerdings nicht in der bekannten marxistischen Form, auch nicht als Kritik politischer und religiöser Glaubenssätze, sondern als ganzheitliche Analyse der Inhalte von Kommunikationen - eben im Sinne der Topik.

Zur Analyse der Verwendung hinter-listiger Strategien durch die Wirtschaft eignet sich zur Zeit grad die Pharmazeutische Industrie und die Krankenkassen, wo akute Probleme herrschen. Eine kurze (hinterlistig-zynische) Kritik zeigt, dass dort von den oben erwähnten 36 Strategien nicht nur eine, sondern ganze 7 eingesetzt werden.

    Der nicht-sachliche, ideologische Diskurs

 

Während oben die Möglichkeiten eines wahrheitsorientierten, also philosophischen Diskurses beschrieben werden, dürfen wir nicht vergessen, dass der grösste Teil menschlicher Kommunikation eigentlich nicht mal am Rande die Absicht hat, ehrlich etwas mitzuteilen, sondern kurz und einfach die eigene Meinung als Wahrheit nimmt und diese verbreiten will. Journalisten müssen sich dem Problem spätestens beim Berufseinstieg stellen:

  1. Will ich die Öffentlichkeit, oder zumindest eine spezifische Gruppe davon, mit zuverlässigen Informationen, Fakten versorgen - also Journalist sein? - oder:

  2. Will ich die Interessen einer Organisation, eines Auftraggebers vertreten - also PR betreiben, mit List und Tücke?.

Weitaus mehr Studenten der Kommunikationswissenschaften (die dort als zukünftige Journalisten eh falsch sind) möchten Ersteres, landen aber nach kurzer Zeit bei Zweiterem, ganz einfach weil es mehr Jobs gibt und diese besser bezahlt sind. Von den 5 Typen des Kommentars stehen im also "ehrlich" 3 zur Verfügung: Meinungsartikel, Glosse, Pamphlet. Dennoch wird weitaus häufiger ein schein-argumentative Ansatz gewählt.

Bürger bestehen ja meistens darauf, mündig zu sein und selbst entscheiden zu wollen. Dieser Bürger will also eigentlich gar keinen Kommentar, sondern nur die Fakten, die er dann selbst interpretieren will. Würde "der Bürger" das ernst meinen und auch so handhaben, hätten die meisten Bürger einen direkten Draht zu den Nachrichtenagenturen und liessen sich die Meldungen direkt reintickern. Sie sehen das Problem. Die wenigsten Bürger würden über ausreichend Hintergrundwissen verfügen, diese Kurzmeldungen in einen verständlichen Zusammenhang einzufügen und in den dahinter stehenden historischen und kulturellen Zusammenhang. Da hier allerdings auch das Wissen der Journalisten beschränkt ist, passiert die erste Verzerrung. Und folgerichtig ist es erst die Reportage, in der sich die Erzählkunst des Journalisten verwirklicht. Die Reportage bietet dem Leser nicht bloss eine Aufzählung kalter Fakten, sondern zieht ihn in die Geschichte hinein. Er erlebt sie mit - wenn die Reportage gut ist.

Diese Einbettung in den für das Verständnis notwendigen Kontext wird also den Journalisten (meist) vertrauensvoll gestattet. Nun sollte sich aber der Journalist der eigenen Meinung enthalten, und nur Faktisches durchgeben. Den meisten gelingt das hervorragend, so scheint es, aber wenn man sich bewusst macht, dass Journalismus, ganz anders als Brainworker, nicht mit Argumenten agiert sondern mit Gefühlen, sehen wir, dass und wie wir über den Tisch gezogen werden. Indem eine bestimmte Stimmung hergestellt wird, die gute oder schlechte Gefühle hervorruft, vermag der gewiefte Journalist die Meinung der Leser weitaus wirksamer, und erst noch im verborgenen, zu lenken, als das der Philosoph durch offenes Argumentieren kann.

 

 

 

In der Schweiz werden Sie in nächster Zeit die Gelegenheit haben, dazu einiges direkt zu beobachten. Zur Zeit liegen sich Migros und die Gewerkschaften in den Haaren. Während Mediensprecherin Monica Glisenti (die bereits vor ihrer Migros-Zeit mit den Bauern weder freundlich noch ehrlich umging und z.B. des öftern den Betriebsertrag als Lohn ausgab) meint: Die Migros ist eine vorbildliche und verantwortungsbewusste Arbeitgeberin - haben Unia und Syna da eine ganz andere Meinung: Die Migros scheint an der Syna nur deshalb interessiert zu sein, um sich einen sozialen Anstrich zu geben. So sind auch nur 3% der Migros Mitarbeiter den Gewerkschaften angeschlossen: Wer für die Gewerkschaft ist, ist gegen die Migros.

...

 

 

Historische Phasen die besonderer List bedurften - und bedürfen - also auch einer entsprechenden Analyse der listigen Strategien:

  • 16/17 JH: gespaltene Glaubenswelt, Religionskriege

  • 19/20 JH: Aufspaltung in Nationen einerseits, Weltbeherrschungstriebe und Kolonialisierung andererseits. Ein "Krieg der Kulturen" wäre so betrachtet nichts Neues, sondern bloss die Fortsetzung der alten Geschichte unter neuem Titel.

  • > 2. Hälfte 20 JH: Wirtschaftliche (Aus- und/oder Be-)Nutzung aller Ressourcen

Die drei Kränkungen der Menschheit:

  1. Kopernikus: Die Erde ist nicht das Zentrum des Universums

  2. Darwin: Der Mensch ist (bloss) eine Weiterentwicklung der zum grössten Teil bei Tieren angelegten Möglichkeiten

  3. Freud: Der Mensch ist nicht frei und selbstbestimmt, sondern oft beherrscht von Trieben und von Entscheidungen, die ohne sein bewusstes Eingreifen ablaufen.

Eine Blüte, die auf ganz gross - vor allem aber alt macht, was Fresslustige abhält.

Martin Herzog, Webphilosoph, Basel, 8.6.06

Beispiele:

A) Sozialarbeit als listige Wissenschaft: Die Erhaltung der Sozialarbeit bedarf offensichtlich listiger Strategien, genau so listiger, wie die des als Restrukturierung getarnten Sozialabbaus.

Nikolaus Dimmel: "Verbetriebswirtschaftlichung, Professionalisierung und sozialpolitisches (Doppel)Mandat - ein Bermuda-Dreieck der Sozialen Arbeit ?" archiv.php-documents=true&getDoc=c4e5a6e51abd030a9ea1802b44c63825

Dimmel öffnet hier zwar die Büchse der Pandora, indem er ausgerechnet in dem Bereich, der die Opfer des Wirtschaftskrieges betreuen soll, die Stategien und Taktiken offen legt. Andererseits fehlt präzise der Diskurs über Strategien und Taktiken. Er versteckt sich hinter dem Mäntelchen der Wissenschaft. Autorität, strenger Vater oder Mutter. Nase in der Luft, zum Guten der Betroffenen, Kurse verordnet, am besten die, die die betroffenen nicht wollen, denn sie sollen sich ja nicht auch noch vergnügen als Arbeitslose. Fronarbeit verordnen. Strafen einordnen - und sparen. Radfahrerkultur: Lächeln gegen oben, treten gegen unten. Effizienz nahe Null, was nicht mal böse gemeint ist, denn wo sich 40, 100, 400 Arbeitslose um eine offene Stelle bewerben, kriegt eben auch nur einer eine Stelle. Durch Erhöhung der Anzahl Bewerbungen wird quasi die gekaufte Anzahl Lose erhöht, was dieser Person mehr Arbeit und mehr Chancen verschafft - aber an der Gesamtsituation, den soundsoviel Prozent Arbeitslosen, absolut nicht das geringste ändert.

Die folgenden Auszüge aus Dimmels Beitrag zeigen ihnen, wie widersprüchlich die Anforderungen auf dem Gebiet sind - Widersprüche, die eben nur noch mit listigen Strategien bewältigt werden können:

Die Frage Georg Vobruba´s, ob man auch essen dürfe, ohne vorher zu arbeiten, wurde neuerlich, diesmal allerdings ablehnend, beantwortet. Der Wohlfahrtsstaat der 1990er Jahre (wieder)entdeckte die „classes dangereuses", die gefährlichen sozialen Unterklassen. Man sprach wieder von einer „culture of poverty", einer Kultur der Armut.

Die „welfarization"-Debatte machte deutlich, worum es hier gehen sollte, nämlich:

    1. Steigerung der Selbstverantwortung statt Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit sozial-staatlicher Institutionen;
    2. Privatisierung statt Kollektivierung von sozialen Risiken;
    3. bedingungslose „Compliance" der Betroffenen im sozialen Krisenfall;
    4. direktive Eingriffe in die Lebensführung betroffener Personen
    5. stärkere Sanktionsbewehrung sozial- und wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen.

Das Credo des New Public Management-Ansatzes "aktivierender Sozialstaat" lag und liegt in der „employability", also in der Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitskraft. Der Begriff der Employability ist zugleich auch Ausdruck eine Neuorientierung der sozialen Arbeit. Nicht mehr subjektbezogene, sondern marktbezogene Befähigung steht ganz oben im Zielkatalog. Das Gegenbild dieser Aktivierung findet sich in einer sozial selektiven Verlierer- und Sündenbock-Ideologie. Wer verliert, verliert nicht nur sozialen Status, sondern auch bislang sicher gewähnte soziale Rechte.

Im Ergebnis bedeutet dies die Verwandlung der Arbeitnehmer in Arbeitskraftunternehmer. Den Arbeitslosen sollen Habitus und Denkhaltung der Kleingewerbetreibenden eingepflanzt werden. Die Elle der europäischen Arbeitsmarktpolitik seit den „employment guidelines" 1998 lautet: „Arbeit um jeden Preis".

Grösstes Problem der Sozialarbeit ist die Ambivalenz des Doppelmandates, gleichzeitig zu kontrollieren und zu helfen.

In den Köpfen der handelnden Personen stiftet diese Janusköpfigkeit Verwirrung. Nicht nur in Ämtern und Behörden erweist sich das Spiel mit situativ-wechselnden Rollenverständnissen, mal „HelferIn", mal „SozialanwaltIn" der Armen, mal VerwaltungspolizistIn im Sozialhilfevollzug zu sein, mühsam.

Freilich bleibt dabei wie angedeutet ausgeblendet, dass die Soziale Arbeit die Lebenswelt ihrer KlientInnen im Habermas´schen Sinne durchaus „kolonisiert". Eigentlich lebt sie von ihrer mehrheitlich noch akzeptierten Definitionsmacht über soziale Probleme. Und sie lebt insbesondere davon, dass ihr strukturell autoritärer Zugriff auf die Lebensführung der Klientel als Hilfestellung verbrämt wird. Nur damit kann die moralische Sorge von SozialarbeiterInnen mit dem Regulierungsanspruch des arbeitenden Wohlfahrtsstaates in Deckung gebracht werden.

Mit Niklas Luhmann gesprochen: die Kommunikationen Sozialer Arbeit haben die Aufgabe, ein Ensemble von Techniken sozialer Kontrolle zum Zweck der Systemreproduktion an den Anschlag zu bringen. Das Ziel dieser Techniken ist es, Individuen an geänderte gesellschaftliche Institutionen anzupassen.

Hier stoßen wir nun auf das zentrale Paradoxon der gegenwärtigen Entwicklung: nach wie vor muss die Soziale Arbeit beide Leistungen erbringen, nämlich Disziplinierung und Empowerment, Regularisierung und Befähigung zum Widerspruch. Allerdings knüpft sie mit ihren professionellen Eigeninteressen nicht länger an der Empowerment-Dimension, sondern am Disziplinierungskontext an. Sie gewinnt ihren gesellschaftlichen Stellenwert nicht aus ihrer sozialpolitischen, sondern aus ihrer sozialtechnologischen Funktion. Diese sozialtechnologische Funktion wird sukzessive weiter ausdifferenziert, je stärker in den einschlägigen Gesetzesmaterien Aspekte der Beratungs- und Betreuungsqualität verankert werden.

In der Tat ist nicht von der Hand zu weisen, dass es der Profession zumindest streckenweise an eigenständiger theoretischer Orientierung mangelt. Beklagenswert auch, dass es die Sozialarbeitswissenschaft gegenüber dem nunmehr zwei Jahrzehnte „tobenden" New-Public-Management-Diskurs unterlassen hat, ihre (mögliche) Effektivität darzustellen. Empirische Studien zu Output, Wirkung (Outcome), Akzeptanz oder Umwegrentabilitäten sozialarbeiterischer Interventionen bilden bislang noch immer eine exotische Nische.

Im Bereich der Randgruppen führt Wettbewerb nachgerade zu „Creaming"-Effekten (Abschöp-fung, Mitnahme) der am leichtesten zu verrechnenden bzw. mit positivem Ergebnis zu betreuen-den KlientInnen und damit zu einer Verdrängung der schwächsten KlientInnen.

Während die KundInnen-orientierung des New Public Management auf die Marktkonformität von Bedürfnissen abstellt, operiert die wohlfahrtsstaatliche Intervention vor dem Hintergrund einer Bedürfnistheorie, die Be-dürfnisse und Bedarfe kombiniert und zudem auch zwischen legitimen und illegitimen Bedürfnissen unterscheidet.

Gegenüber der Klientel geht es im Weiteren nicht mehr um das „Schaukeln" der Ambivalenzen von Kontrolle/Disziplinierung und Bemächtigung/Hilfe zur Selbsthilfe. Vielmehr geht es jetzt um die Trennung von KundInnen und KlientInnen. Gegenüber den KundInnen geht es um Qualität, Marktorientierung und das Diktat der KundInnenzufriedenheit (Akzeptanzanalyse). Gegenüber den KlientInnen geht es um die repressive Ausgrenzung kostenintensiver, im betriebswirtschaftlichen Erfolgskalkül der sozialwirtschaftlichen Unternehmen nicht abbildungsfähiger Klientelgruppen. Das Gegenbild dieser Ausgrenzung ist das „Creaming", das Abschöpfen der ´Besten`, die sich bei Leistungsverträgen als Erfolgsausweise ´verkaufen` lassen. An die Stelle der moralischen Ökonomie des Helfens tritt die monetäre Ökonomie der Umwegrentabilität öffentlich finanzierter Dienstleistungen.

Definitionen:
  • Hilf Dir Selbst, sonst hilft dir ein Sozio.

    Warnung betreffend diesen Konzepts auf einem Brett am Platzspitz, Zürich, vor 1998

    Entsprechend sei die Fürsorgepolitik darauf ausgerichtet, die Armen als Quelle von Instabilität ruhigzustellen. Diese Politik habe nur ein Ziel: nichts zu bewegen, nichts zu verändern. .. die Armen von der sichtbaren Oberfläche der Stadt zu entfernen. Sogar die Bänke im Bahnhof wurden entfernt.

    Christoph Delay, Maria Domschitz: Vom besseren Leben im schlechten. Utopien eines Gassenarbeiters. Claudia Honegger/Marianne Rychner (Hrsg): Das Ende der Gemütlichkeit. Limmat Verlag Zürich 1998

    Appeasement (Beschwichtigungspolitik, von frz. apaiser, lat. pax, "befrieden") bezeichnet die Politik/Strategie der Zugeständnisse, der Zurückhaltung, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens gegenüber Aggressoren zur Vermeidung von Konflikten. Für die Sozialarbeit heisst das, dass sie weder kritisch noch gestaltend (politisch, gesellschaftlich), sondern versucht die Probleme zu lösen und auf die Art, wie ihr aufgetragen wird, also Symptomtherapie betreibt. Sie übernimmt also das populäre Motto:
    • Die Betroffenen sind selbst schuld ... und wir müssen ihnen aus humanitären und/oder rechtlichen Gründen helfen.
  • Assimilation (Ähnlich machen): Das eigenen Aussehen, die eigene Rolle, die eigene Aussage, das Projekt whatsoever wird an die Vorstellungen des Adressaten angepasst. Es handelt sich also um eine Täuschungsstrategie. Die Aktivitäten der Sozialarbeit werden in die Sprache des NPM (New Public Management) umgeschrieben, also als Beitrag zur Leistungssteigerung und zu höheren Profiten ausgegeben. Muster s. http://www.brainworker.ch/waldphilosophie/forstethik.htm#csr corporate social responsibility. Die Sozialarbeit übernimmt also das heute dominierende Motto, das Motto der Wirtschaft:
    • Es rentiert sich finanziell, wenn wir den Betroffenen helfen.
  • Repolitisierung: Hier zeigt sich ein Missverständnis vieler akademischer Professionen, die sich lieber an Wissenschaftlichkeit als an Politik orientieren - obwohl ihre Tätigkeit nie etwas anderes war, das Re- also überflüssig ist. Alle die sich mit gesellschaftlicher Entwicklung befassen, nicht bloss Entwicklungshelfer, versuchen auf die eine oder andere Weise, Menschen und ihr Verhalten zu beeinflussen. Dafür gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Politik und Bildung. Dass "Bildung" zu sehr dem Schwarzpeter-Prinzip anhängt: Die Arbeitslosen/Entwicklungsländler etc. sind einfach zu dumm, zu faul, zu bequem, denen müssen wir mal zeigen, wie's geht, hat sich längst als eben so unhaltbar wie unwirksam erwiesen. Der Versuch, Einfluss auf die Urheber der Probleme zu nehmen, ist aber eben ein langfristiger Prozess, in dem mit Finten und Taktiken die Verantwortung hin und her geschoben wird - eben, ein politischer Prozess. Details s. 3.3 The Steering of social Development = Politics?

Der politische Ansatz der Sozialarbeit steht im Gegensatz z.B. zur „Wohltätigkeit“, die, wie obige zwei Strategien, ebenfalls nur Symptome kuriert, indem sie Geld verteilt oder Nahrungsmittel – nicht aber das Problem: fehlende wirtschaftliche Strukturen, ungerechte Verteilung, Korruption, Ungerechtigkeit angeht. Wirkliche gesellschaftliche Veränderungen lassen sich eigentlich nur politisch erreichen, denn so können die Betroffenen mitwirken (mehr oder weniger), so kann ein neuer Konsens erarbeitet werden. Diese Position beschreibt eine Sozialarbeit die nicht nur Symptome therapiert, sondern das Uebel an der Wurzel anpacken will – womit sie sich notgedrungen in die Politik einmischen muss:

  • Die Gesellschaft ist schuld, wir müssen die Gesellschaft ändern, d.h politisch gestalten.

  • Adaption (Anpassung) - Laut Aussage von Dimmel geht es darum, eine durch Ökonomisierung fehlgeleitete Sozialarbeit in eine am Menschen und seinen Bedürfnisse orientierte umzuwandeln - nicht sich an den vom Stärkeren verlangten Status quo anzupassen. Es handelt sich bei dieser Strategie, noch stärker als bei der 3., um eine aktive, nicht um eine konfliktvermeidende. Man könnte fast von einer revolutionären, allenfalls evolutionären Strategie reden, was aber selten gut ankommt, also ist Adaption hier ein Tarnwort für "notwendige Änderung, Anpassung". Motto (meine Formulierung, nicht dass Sie Dimmel dafür belangen)::

  • Neoliberalismus ist Scheisse. Jeder/m gebührt sein fairer Anteil an Rechten und Pflichten in der Gesellschaft – und diese sollen nicht von einer Geld-Elite diktiert werden!

Die Empfehlungen Richtung Stakeholder-Perspektive, Multipflichtverhältniss wurden hier bereits unter dem Thema "Funktionspolitik" behandelt, müssen aber von allen Disziplinen aufgenommen werden, die sich mit Unterhalt und Pflege komplexer Systeme, also Kultur, befassen. Hier steht die Sozialarbeit nicht alleine da, sondern Teilt ihre Probleme mit andern praxisorientierten Wissenschaften, insbesondere der Land- und Forstwirtschaft, aber auch Landesplanung, Städtebau etc - die a) nicht wissenschaftlich ex-cathedra tätig sein können, sondern sich b) mit den Wünschen und Widerständen der Betroffenen auseinander zu setzen haben - ganz egal ob sie sich nun Geistes-, Sozial-, Natur- oder Ingenieurswissenschaften nennen.

Der Hinweis von Adorno dürfte hier einen Schritt weiter führen, wobei die Sozial-Arbeit nun eben in den Clinch kommt mit der Soziologie: Ist Soziologie zuständig für das Wissen und die Kritik - und Sozialarbeit nur für die Anwendung/Umsetzung, nach politischem Auftrag? Ist Sozialarbeit angewandte Soziologie oder angewandte Politik oder Volksbildung, d.h. "Nachhilfe" in sozialer Integration? Disziplinierungs-, Emanzipierungs-, Reparatur-, Entwicklungs- oder Revolutionswerkstatt?

Der Umbau der Universitäten für die Zwecke der Wissensgesellschaft, in der die instrumentelle Nützlichkeit des Wissens Programm ist, verbaut einen Ort von kritischer Reflexivität. Indem sich auch die Sozialwissenschaften dem anpassen, machen sie sich überflüssig: Instrumentellen Einsatz von Wissen beherrschen die Juristen aus einer langen Tradition ungleich raffinierter und Betriebswirte und Informatiker zeitgemässer und schnittiger. Die Aufgabe der Sozialwissenschaften ist Kritik dieser Wissensformen, ihre Rückführung auf die gesellschaftlichen Zustände die sie hervorbringen.

[Alex Demirovic (Hrsg.): Modelle kritischer Gesellschaftstheorie. Traditionen und Perspektiven der kritischen Theorie. Verlag J.B: Metzler. Stuttgart, Weimar. 2003. S. 336]

KOMMENTARE: Assimilation, Akkommodation und Adaptation werden in den Sozialwissenschaften meist im Sinne Piagets verwendet. Die Verwendung bei Dimmel kann so zu einigen Missverständnissen führen:
Assimilation: Ein neuer Sachverhalt wird per Übernahme oder Kopieren in ein vorhandenes Schema integriert. Z.B. IVorbilder.
Akkommodation: Wenn die Assimilation nicht störungsfrei klappt, werden die bestehenden Strukturen/Schemata entsprechend angepasst. Z.B. Strukturänderndes Lernen.
 
Adaptation/Anpassung/engl-darwinistisch Fitnes:
Der am meisten missverstandene und missbrauchte Ausdruck, denn "Anpassung" die Akkommodation übersteigt, führt zu Identitätsverlust und ist in den meisten Bereichen gar nicht möglich. Anpassung erfolgt durch Auslese der Passendsten, wobei die weniger passenden verdrängt werden oder sterben*. Darwin selbst beschreibt "Anpassung" als Zustand, nicht als Tätigkeit. Dimmel verwechselt hier eindeutig "Anpassung" mit Politik. ... Allerdings beschreibt zwischendurch auch Piaget "

Dass die Verwendung des Wortes "Anpassung" hier etwas ungeschickt ist, zeigen ebenfalls die Erläuterungen von Michael Galuske in: Flexible Sozialpädagogik. Elemente einer Theorie Sozialer Arbeit in der modernen Arbeitsgesellschaft. Weinheim/München 2002, S. 129 – 138.

Nun kann Anpassung – wie schon SALOMON betonte – zweierlei bedeuten: Anpassung des Individuums an seine Umwelt oder umgekehrt: Anpassung der Umwelt an die individuellen Möglichkeiten des Subjekts. Insofern Umweltanpassung sich auf Erschließung von Hilfsquellen, Umgestaltung des sozialen Nahraums bzw. Modifikation von Kommunikations- und Beziehungsnetzen bezieht, also die Ebene einer generellen gesellschaftlichen Veränderungsstrategie nicht erreicht, ziehen einige Ansätze diese Ebene in die Betrachtung ein. Der Schwerpunkt liegt allerdings bei der Anpassung des Individuums, seiner Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster sowie seiner Verhaltensweisen.

http://www.uni-kassel.de/fb4/issl/mitg/thol/pdf/Folienzusammen.pdf

Die der Sozialarbeit mögliche Unterstützung der Adaptation:

* Na ja, beim Menschen ist das meist weniger tragisch, denn er kann lernend neue Fähigkeiten und neues Wissen erwerben - aber, wie der Ausdruck präzise sagt, das kostet Geld und Zeit - wie Flexibilität generell.

  1.  Lässt sich  Sozialarbeit ev. definieren als Management der Flexibilität? Auch hier kaum Chancen, denn dort spielt die Wirtschaft, und da haben Sozialarbeiter wenig zu melden was die Gestaltung betrifft.

  2. Eine weitere Möglichkeit der Sozialarbeit wäre also, die "Passung" dort zu erhöhen, wo das Ich auf die Umwelt stösst und dies einigermassen weich zu puffern versucht, also über die Rolle. Liesse sich Sozialarbeit definieren als Rollenberatung, Rollenschulung, Rollenspieltraining? Denn die Rolle ist auch Ort der Pass-List, der spielerische Anpassung erlaubt ohne die Substanz, die Identität, in Frage zu stellen.. Das Erste was ein Bewerber lernen muss, ist ja, seine Erfahrungen, die nie perfekt auf die Anforderungen passen, diesen entsprechend umzuformen, also neu zu konstruieren - ohne zu Lügen...

  3. Eine Dritte Möglichkeit, die Dimmel vermutlich mit "Anpassung" im Sinne der Anpassung der Sozialarbeit wie der Wirtschaft an die Bedürfnisse der Menschen meint, lässt sich so begründen: Piaget geht es um die Entwicklung des Gehirns als Selbstkonstruktion/Selbstorganisation, in Interaktion mit der Umwelt: Für Piaget ist Organisation (des Gehirns) stets das Ergebnis einer notwendigen Wechselwirkung zwischen bewusster Intelligenz und Umwelt, und da er sich in erster Linie als Philosoph der Biologie sieht, charakterisiert er diese Wechselwirkung als "Anpassung". [s.Paul Watzlawick: Die erfundene Wirklichkeit. Pieper. München, Zürich. 2006. S. 23]. Nun kann weder das Gehirn noch der Sozialhelfer die Umwelt durch Denken ändern - aber beide können sich ein "passenderes" Bild machen, in diesem Falle von der Funktionsfähigkeit des Konstrukts.

Da sich Sozialarbeiter ja permanent mit sozialen Problemen, also Problemen der Ausgrenzung auseinander setzen müssen,
   da Störungen im gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen Raum die zum Ausschluss führen ihr Beruf ist,
     da sie professionelle Störmelder sind für Konstruktions- und Funktionsfehler des
                 gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kombi- Systems
,
        da sie so eigentlich Experten sind  für die Nichtviabilität und Paradoxien 

sollten Sozialarbeiter aber auch, quasi als professionelle Störmelder, diese Meldungen an die Teilsysteme zurückgeben.

Damit diese sich nicht um solche Korrektur- und Reparaturaufträge drücken, müssten sich wohl die Teilsysteme, inkl. Wissenschaften, darüber verständigen können, wer denn nun zuständig sei.

Geht's um Ausschluss aus der Arbeit stehen heute die Sozialarbeiter nämlich genau so belämmert da wie die Politiker und andere Arbeitslose.  Die Huhn-oder-Ei-Frage der Sozialarbeit lautet nämlich: Helf' ich der Wirtschaft, den Menschen zu kreieren der ihr passt  oder:  Helf' ich den Menschen, die Wirtschaft zu konstruieren, die ihnen zusagt. Da Sozialarbeiter aber sehr leicht Jobs finden als Sozialbeamte (= Problemverwalter), aber nirgendwo einen Job als Sozialingenieur  (= Adaptor, Schöpfer neuer Strukturen) ... dürfte die Frage rhetorischer Art sein.

Trost:

Wirtschaft ist kein Naturereignis, sondern ein menschliches Konstrukt. Wenn es falsch funktioniert ist es falsch konstruiert - also weg damit, neu konstruieren - ev. gar mit der Beteiligung von Sozialarbeitern, unter Einbezug ihrer Erfahrung.

Wenn weder die gegebenen Strukturen der Politik noch der Wirtschaft das zulassen, dann funktionieren offenbar auch diese Strukturen nicht so, wie sie sollten. Also weg damit - neu konstruieren. ... [s. Konstruktivismus]

Also gewisse Vorteile haben Postmoderne und Konstruktivismus definitiv. Man sollte die Nutzung derselben nicht der Geldelite überlassen, denn präzise in dieser Hinterlist der einseitigen Nutzung von Freiheiten, liegen zur Zeit die Probleme begründet:

Das liberale wie das konservative Lager missbrauchen die Postmoderne, da sie ihre Angestellten in eine unsichere postmoderne Arbeitswelt werfen, ohne die Verlässlichkeit des klassisch-bürgerlichen Anstellungsverhältnisses, aber dazu auch noch ohne die Freiheit der Selbstgestaltung und Selbstorganisation.

[http://www.brainworker.ch/Orientierung/kritische_gesellschaftstheorie.htm#soziale_klassen]

Die Reaktion der Sozialen Arbeit auf die Hegemonie des Managerialismus sowie die Ökonomisierung des Sozialen schwankt. Je nach Handlungsfeld und institutionellen Rahmenbedingungen lassen sich vier Strategien, nämlich Appeasement, Assimilation, Repolitisierung und Adaption, unterscheiden:

Obwohl die Soziale Arbeit zwischen Mitte der 1970er und Ende der 1990er Jahre eine quantitative Expansion erfahren hat, konnte sie ihre professionspolitischen „normative claims" (Berufsrecht, Kollektivvertrag) nicht durchsetzen. Das Ergebnis ist bekannt: sie definiert weder ein Monopol für die Bearbeitung sozialer Inklusionsprobleme noch erhielt sie vergleichbar anderen Professionen korporative Verfügungsmacht über ihre Aufgaben und Bearbeitungsweisen. Bestenfalls kann man von der Sozialen Arbeit als von einer Semi-Profession als Ergebnis einer unabgeschlossenen Professionalisierung sprechen.

Dass Dimmel der Sozialarbeit Strategien der List empfiehlt ist richtig, denn Sozial-Arbeit ist eher Praxis als Theorie ... was übrigens für die Ökonomie genau so gilt. Und präzise weil diese mit so viel List und Tücke ans Werk geht, sogar die Reparatur an den Schäden, die sie selbst verursacht, als "unrentabel" deklariert und verbieten will, müssen sich die mehr human als profitorientierten vermutlich stärker mit dem Problem der Strategien auseinander setzen - mit dem Risiko allerdings, dass sie die ersten sind, die unter Beschuss kommen. (Ineffizienz, Beschäftigungsprogramme dienen Anbietern und Politikern, statt Teilnehmern, Umschulung braucht Zeit - soll aber quasi schon vor Beginn zu neuer Anstellung führen etcetc. Das Gebiet ist derart voller Widersprüche, dass vermutlich wirklich bloss noch eine offene Diskussion um die bisher eher "geheimen" Strategien zu einer sinnvollen Lösung führen kann..

B) Ein anderer, aber der List verwandter Ansatz: Reto Eugster: Wie sozial ist Sozialarbeit und wie freiwillig kann sie sein?  Sozialarbeit als therapeutische Korrektur der Exklusion/Inklusion. Basiert auf systemtheoretischem Denken, ist also nicht grad verständlich formuliert, enthält aber alles, um Funktion und Möglichkeiten der Sozialhilfe zu verstehen.

C) Die "Leiste" der Sozialarbeit lässt sich vermutlich am besten klären, wenn man erst den Inhalt des WIR klärt, dem deroderdie SozialarbeiterInnen verpflichtet sind - und mit dem Inhalt auch, wer vom WIR ausgeschlossen wird! Das Soziale ist das Gesellschaftliche - und lässt sich also in allereinfachster Form durch das WIR ausdrücken. Nun ist das WIR aber um einiges komplexer als man annehmen könnte. Ein Nationalist meint mit WIR nur die Mitglieder seiner Nation - und schliesst die Fremden aus. Ein Parteimitglied, ein Betriebsmitarbeiter, ein Familienmitglied redet von ganz unterschiedlichen Formen von WIR - und schliesst praktisch immer andere aus, auch beim WIR. Das einschliessende WIR ist uns im Westen eigentlich unbekannt, da wir immer ein abgrenzendes WIR (s. Wir und "die da")  verwenden. Davon ausgehend haben wir also eine ganze Menge unterschiedlicher Möglichkeiten, das WIR der Sozialarbeiter zu definieren:

Dementsprechend gibt es auch unterschiedlichste Typen von Sozialarbeitern, je nach dem beauftragenden WIR. So wäre etwa:

Die List des Populismus und des Neoliberalismus: Wenn Sie mir nun eine runterhauen möchten, weil genau diese Kreise Ihren Job in Grenzschutz, Polizei oder Armee abgebaut haben, dann nur noch ein Momentchen bitte. Denn hier zeigt sich die eigentliche List des Populismus, der nicht angewandt wird um Probleme des Volkes, der Gemeinschaft, der Nation oder wie immer das entsprechende WIR definiert sein mag zu lösen. Populismus wird von den charismatischen Führern einzig und alleine dazu verwendet, ihre Position, d.h. ihre Macht und ihr Einkommen zu sichern und zu verbessern. Dazu bedienen sie sich natürlich, als absolute Egozentriker, der Methoden des Neoliberalismus, der nun überhaupt kein WIR kennt, sondern nur das egoistische ICH. Das heisst, Moment mal, es gibt ein typisch neoliberales WIR, es ist präzise das exklusive WIR der Netzwerke. Dass die Anhänger hier natürlich über den Tisch gezogen werden, ist dem charismatischen Führer in etwa so lang wie breit. Das neoliberale Wirtschaftsmodell orientiert sich nach der Spitze, an den Gewinnern, an der technokratischen Elite - ist also zutiefst undemokratisch.

Um die Würde des Menschen zu gewährleisten, muss seine Unabhängigkeit/Freiheit gewährleistet sein. Sozialarbeit darf sich also nicht damit begnügen, Menschen die aus dem "normalen" Raster gefallen sind, in dieses wieder zu integrieren, was wie bei allen komplexen Systemen nur durch therapeutischen Anstoss möglich ist, sondern muss zugleich das Raster, das System das Ausstösst, hinterfragen und ebenfalls therapieren. SozialarbeiterInnen müssten also fähig sein, die Gesellschaft quasi von aussen zu betrachten.

http://www.brainworker.ch/waldphilosophie/beziehungslehre.htm

 

Arbeitsvermittlung - Arbeitsmotivation - Arbeitsverpflichtung - Arbeitszwang - Arbeitslager?

Gerade hier findet die List wieder eine offene Tür. Das Dilemma zwischen Beratungstätigkeit und Kontrolle wird so "gelöst", indem man es gleich als "good cop - bad cop"-Strategie nutzt. Der Berater: Ich verstehe Sie, ich bin auf Ihrer Seite - aber die ...Kontrolle (Arbeitslosenkasse bei den RAVs) ist unerbittlich, falls Sie diese Anforderungen nicht erfüllen.

Weniger theoretisch, rein praktisch, auf einem Gebiet auf dem die meisten von uns einige Erfahrung haben, können Sie das Problem analysieren anhand der Arbeitslosigkeit und der Versuche, dieser durch staatliche Beratungsstellen beizukommen (RAV/Arbeitsämter) - die jeweils zugleich beraten wie kontrollieren sollten. Eine gute, obwohl wissenschaftliche, Untersuchung dazu liefert Chantal Magnin in Chance oder Zumutung? Eine soziologische Studie zur Beratungspraxis von regionalen Arbeitsvermittlungszentren in der Schweiz. Sie stellt fest:

Doch die gleichzeitige Verwendung der öffentlichen Arbeitsvermittlung für politische Zwecke, das heisst die versuchte Einflussnahme auf das Verhalten arbeitsloser Personen auf dem Arbeitsmarkt, beeinträchtigt ihren Nutzen. Mit anderen Worten: Die beabsichtigte Professionalisierung ist auf halbem Weg stecken geblieben.

Obwohl die Reform der Arbeitslosenversicherung Mitte der 1990er Jahre als Antwort auf die neuen Anforderungen eines flexibilisierten und deregulierten Arbeitsmarktes gedacht war, sind ihre Auswirkungen meist gegenteiliger Art. Bei der Analyse von Beratungsgesprächen zeigt sich, dass arbeitslose Personen aufgrund der restriktiven Ausgestaltung und Handhabung der Vorschriften nicht wie gewünscht mehr, sondern weniger Verantwortung wahrnehmen. Sie tun nur noch, was sie müssen, und nicht mehr, was sie für richtig halten.

Die sonst im Rechtsbereich gebräuchliche Unschuldsvermutung  wird bei Arbeitslosen nicht angewandt. Diese stehen dauernd unter Verdacht, selbst an ihrer Situation schuld zu sein, unflexibel zu sein, selbst nicht ausreichend zur Stellensuche motiviert zu sein, Unfähig zu sein, Bewerbungen zu schreiben und Vorstellungsgespräche durchzuhalten. Das Schreiben der verlangten Anzahl schriftlicher Bewerbungen wird zur Leistung, die von allen zu erbringen ist, die Arbeitslosengelder beziehen. Ob diese Bewerbungen in der Form sinnvoll sind oder nicht, ob sie ihren Zweck erfüllen, wird unbedeutend. Die Bewerbungen werden mit jeder Ablehnung immer mehr zur reinen Pflichtübung. Aber die Arbeitslosen haben konform zu sein. Nonkonformität wird mit Abzügen bestraft - während der Markt eben gerade das Gegenteil, also Flexibilität in jeder Beziehung verlangt (die allerdings auch bei den meisten Personalbüros der Betriebe fehlt! Dummerweise stossen hier eine Unzahl an Bürokratien aufeinander, jede mit dem eigenen Raster - und mancher Stellensuchende geht in diesem Labyrinth einfach unter).

Für die Versicherten beinhalten die aktivierungspolitisch motivierten Verhaltensvorschriften das Risiko einer Entwürdigung, weil ihnen damit implizit das Zugeständnis abgerungen wird, dass sie ohne solche Aktivierung nicht genug willens oder in der Lage zu sind, eine Arbeit zu suchen und auch anzunehmen, selbst dann, wenn dies, wie in den meisten Fällen, gar nicht auf sie zutrifft.

Da die Beratung immer auch auf Konformität kontrolliert, kann a) sie selbst nur Standardempfehlungen aussprechen, und b) werden sich die Beratenen hüten, ihre wirklichen Probleme aufzudecken, da sie andauernd riskieren, als unvermittelbar eingestuft zu werden. Magnin kommt also zu einer äusserst interessanten Folgerung:

Wie aufgrund der Ausführungen deutlich wurde, geht die Reform der Arbeitslosenversicherung für die Versicherten mit grösseren Einschränkungen ihrer Wirtschaftsfreiheit einher.

Würden sie ihr Recht auf frei gewählte wirtschaftliche Betätigung mit der selben Vehemenz wie die Wirtschaft einfordern, ja schon nur mit wenigen Prozent davon, sie würden stantepede mit Leistungskürzungen oder gar Leistungsentzug bestraft.

Fazit:

Weil es der Aktivierungspolitik beim Leistungsbezug im Zusammenhang mit einer Sozialversicherung grundsätzlich an Legitimität mangelt, wird sie nie die nötige Akzeptanz erreichen, damit sich ihre Ziele realisieren lassen.

Weil Arbeitslosigkeit der Erste Schritt in den sozialen Abstieg ist, plädiert Magnin dafür, hier die Beratung weitaus ernster zu nehmen als die Kontrolle. Je mehr und je intensiver Arbeitslose dazu gedrängt werden, jede sich bietende Möglichkeit anzunehmen, unabhängig davon wie die Bezahlung ist und wie sie sich auf die Karriere auswirkt, desto stärker wächst die Generation p, das Prekariat.

kleiner systemanalytischer Beitrag zu Dimmel:

Dachte ja, ich krieg da über Levinas neue und klarere Kategorien - aber die Tatsache, dass freie Menschen nur in einer pluralistischen Gesellschaft frei sein können, legt den Fokus eindeutig auf Verbesserung des Dialogs, der Verhandlungen - also der Politik - womit alle 4 Kategorien Dimmels ihre Bedeutung behalten - sich die Hauptaufgabe aber klar kristallisiert auf den Fokus Politik. Der zu erfüllende Auftrag müsste also als eine Art mikro-politisch-therapeutischer Auftrag.formuliert werden, wenn er durchführbar und sinnvoll sein soll. (Antwort auf Titelfrage. Da auch Politik in komplexen Systemen nur über therapeutischen Anstoss arbeiten kann, beantwortet sich der Teil von selbst. s.  Wie lässt sich Politik betreiben, wenn sich komplexe Systeme nicht lenken lassen? http://www.brainworker.ch/Politik/systempolitik.htm)
 

Aufgabe der Sozialarbeit/Entwicklungszusammenarbeit - Auftrag oder Anstoss (Therapie) der Autopoiesis?

  1. Appeasement: Konfliktlösung - im Auftrag einer Partei: Links oder Rechts - Unterstützung oder Zwang

Je nachdem für welche Organisation der Sozialarbeiter/Entwicklungshelfer arbeitet, kommt er nicht umhin, deren Zielsetzung zu vertreten. Wer für die Weltbank arbeitet, wird eine wirtschaftliche Zielsetzung hinnehmen müssen, wer für eine kirchliche Organisation, eine mehr oder minder missionarische Tätigkeit, wer für eine technische Organisation, einen Technofix etc.

Appeasement ist aber auch für die höchste Stufe, den Einsatz im Rahmen des Pluralismus, unabdingbar. Jedes freie Individuum stösst bei der Begegnung mit einem zweiten Individuum auf Widerstände, auf Grenzen, auf  Probleme, die es lösen muss. Das selbe gilt für Organisationen. Da kein Individuum alles weiss und vor allem nicht für andere werten kann, muss verhandelt werden.

> Aufgaben sind hier die Förderung von Dialog, Moderation, Verhandlungsfähigkeit etc.- also auch hier die Kunst der Politik.

  1. Assimilation: Listige Schein-Anpassung an dominierende Kultur: Neoliberalismus. Ziel: Rendite ... oder zumindest Sparen
Anpassung ist die Stärke des Schwachen.

(Wolfgang Herbst, dt. Aphoristiker und Schriftsteller, *1925)

Jede Partei hat zwar dominante Ziele, findet sich selbst aber in einem Ganzen, dem sich ihre eigenen Ziele wiederum einfügen müssen. So kann auch der Neoliberalismus nicht die Welt auf Geld reduzieren, sondern die Wirtschaft hängt ab vom sozialen Frieden.  Eine Religion die das Paradies im Himmel predigt - auf der Erde aber Hölle organisiert, wird nicht lange überleben. Eine Bank oder Politik, die sich nur um eine Elite kümmert, wird früher oder später eines besseren belehrt, und sei es durch Gewalt. Also ist die Notwendigkeit der Anpassung gegenseitig. Sogar Ausbeuter müssen sich sozial geben. Die Strategie geht also nicht bloss zu Lasten der Sozialarbeiter.

> Aufgaben: Gerade im Pluralismus muss sich der Sozialarbeiter/Entwickler der der Gruppe eigenen Werte bewusst machen und kann nicht ungestraft gegen diese verstossen. Er müsste den Überblick über unterschiedliche soziale Gruppen und Strukturen mit ihren Werten haben - und auch diese meist zu engen Werte erweitern können, um zwischen den unterschiedlichen Gruppeninteressen vermitteln zu können

  1. Repolitisierung: Aktiver Einsatz für den Menschen, das Individuum: Ideologische Basis: Menschenrechte

Um politisch tätig sein zu können, müsste der/die Betreffende, präzise wie in der Politik, wirtschaftlich unabhängig sein. Keine Organisation duldet eine ihr kritische oder gar feindliche Propaganda im Innern. Das Schicksal der 68, die mit ihrem Marsch durch die Organisationen fast alle zu neoliberalen politischen oder wirtschaftlichen Führern wurden, zeigt dies. Der politische Einsatz für Menschenrechte, die Rechte des Individuums, innerhalb der Organisationen ist zwar notwendig - aber nicht karrierefördernd.

> Aufgabe: Die Medien, die 4. Macht, und die Nutzung der 3 klassischen politischen Mächte sind für Makropolitik geeignete Mittel - Dialog, Moderation, Verhandlungen für Mikropolitik.

  1. Adaptation: Gestaltung. Entwicklung von der Basis her, vom Menschen her - nicht von Organisationen her. Basis: Pluralismus

Um die Würde des Menschen zu gewährleisten, muss seine Unabhängigkeit/Freiheit gewährleistet sein. Die Menschen teilen sich nach ihren Interessen und Bedürfnissen in die unterschiedlichsten Gruppierungen - die oft auch sehr unterschiedliche Menschenrechte beanspruchen, also ganz andere Prioritäten setzen. Kein Sozialwissenschaftler, noch weniger ein Sozialarbeiter, kann über all diese a fonds Bescheid wissen. Solche Gruppierungen lassen sich auch kaum auf Bestellung bilden (s. social forestry). Da jede Gruppierung natürlich findet, sie habe recht, muss es quasi so viele x-Sozialarbeiter geben wie soziale Kategorien. Sie müssen sich selbst wie ihre Kunden also jeweils an die entsprechende Gruppierung "appeasen" oder "assimilieren" können um die Probleme mit den systemeigenen Mitteln lösen zu können - und haben nur beschränkte (politisch-erzieherische) Möglichkeiten für Veränderungen innerhalb der Gruppierungen oder gar zur Gründung neuer Gruppierungen.

Sozialarbeit/Entwicklungszusammenarbeit darf sich also nicht damit begnügen, Menschen die aus dem "normalen" Raster gefallen sind, in dieses wieder zu integrieren, was wie bei allen komplexen Systemen nur durch therapeutischen Anstoss möglich ist, sondern muss zugleich das Raster, das System das Ausstösst, hinterfragen und ebenfalls therapieren. SozialarbeiterInnen und Entwicklungshelfer  müssten also fähig sein, die Gesellschaft quasi von aussen zu betrachten.

Fazit:

Sie müssen sich dazu also immer der Politik bedienen, sich aber nicht auf die offiziellen vier Kanäle beschränken, sondern allenfalls in die Psyche (als Individualpolitik, "internen Dialog), die Betriebspolitik, Landespolitik, Sozialpolitik - also eben die Politik einmischen, die für das anstehende Problem (der Desintegration) zuständig ist.

Sozialarbeit wie Entwicklungszusammenarbeit sind also keine Wissenschaften, da die Wissenschaft nicht zuständig ist für die Prüfung und Schaffung von Werten und Werthaltungen - soziale Entwicklung aber primär auf den Werten basieren, nach denen sich dieselbe orientiert. (s. Orientierung - Planung, Kultur und Bildung zwischen den Polen Geld und Werte.)

Eine Reduktion der Sozialarbeit oder der Entwicklungszusammenarbeit auf einfache Grundsätze (wie speziell die des Neoliberalismus) würde durch Bürokratisierung (= Mechanisierung und Automatisierung) also eine zwar listige Trivialisierung und Banalisierung bewirken - die der Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklung, ja bereits der menschlichen Psyche, absolut nicht gerecht werden kann.

Und es sind präzise diese Mittel, Trivialisierung und Banalisierung, mit der im Bereich der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, speziell durch die Medien, die grösste Hinter-List betrieben wird.

12.8.09: Allerdings, so ein dutzend Bücher und Artikel weiter, muss ich sagen, dass auch im Bereich Politik die Sozialarbeit zu einer äusserst listenreichen Kategorie an Wissenschaften/Praktiken zählt. Sie hat zwar keine anderen, keine grösseren Rechte, in die Politik einzugreifen, als jeder Bürger, sie kann keine direkte Politik machen - aber - sie stellt Theorie und Lehre auf ein Fundament aus Ethik, samt einigen praktisch dazu verfügbaren international anerkannten Normen, wie Menschenrechte, Konventionen zum Schutz der Kinder, Rassen, Wanderarbeiter, Flüchtlinge etc. Damit unterläuft sie die Antihaltung und Antistrategie lokaler Biertischpolitiker, die den Wunsch nach sozialen Verbesserungen in bestimmten Bereichen einfach klassisch beantworten mit: Ja was kostet denn das wieder? Wer soll das bezahlen? Sie hat so einerseits bereits eine leitende Funktion in Familien, Schul-, Quartier- und Stadtentwicklung erreicht, und kann sich in ihrer Arbeit auf international anerkannte Standards berufen. Was noch bleibt (auch hier in Kooperation mit den betroffenen Akteuren natürlich) ist eine optimalere, wirkungsvollere Organisation der Bürgergesellschaft. Diese ist zwar ein mächtiges Wesen, aber sie weiss noch nichts davon:

That's the problem of the civil society .... kein Überblick, keine Ahnung, kein gemeinsamer Dialog, keine Kooperation, kein gemeinsames Ziel (andererseits eben in der Pluralität fast bedingt). Wäre das anders, brauchte sich der Bürger weder um einen übereifrigen kontrollierenden und bevormundenden Staat, noch um die Dominanz individueller Eigeninteressen gewisser Klassen all zu viele Sorgen zu machen.

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B) Warum Architekten so gerne Gemeinde-Räte sind ... (was natürlich genau so für Juristen, Energie-, Politik-, Wirtschafts- und andere Berater gilt - und auch für Bildungs- und Schulungsexperten) ...