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Konstruktivismus als offenes - und dennoch systemisch integriertes Denken

[I: H.R. Fischer; S.J. Schmidt (Hrsg): Wirklichkeit und Welterzeugung. Carl-Auer-Systeme Verlag. Heidelberg. 2000
II: Paul Watzlawick: Die erfundene Wirklichkeit. Pieper. München, Zürich.  2006]

Konstruktivismus leitet sich ab vom lateinischen construere: zusammensetzen, bauen. Der Konstruktivismus leugnet keineswegs eine ontologische Realität, doch er behauptet, dass wir sie nicht rational erfassen können. So hat er seine Wurzeln im alten Skeptizismus und insbesondere in Protagoras' Relativismus. Dessen Aussage: Der Mensch ist das Mass aller Dinge, macht auf den Kern des konstruktivistischen Prinzips aufmerksam, der auch als Fundament Giambattista Vicos (1668-1713)  scienza nuovadiente: Vero ipsum factum: Das Wahre ist dasselbe wie das Gemachte. Wir sehen hier eine dem heutigen Verständnis von Wissenschaft diametral entgegengesetzte Meinung, die in den Wissenschaften eigentlich nur von der Humanökologie übernommen wurde, allerdings eigentlich auch Basis aller Textwissenschaften ist, also der Geistes- und der meisten Sozialwissenschaften, die Gemachtes mit dem Machen von Texten beschreiben und gemachte Texte analysieren.

Interessant hier, dass der Begriff Faktum von facere (= machen) stammt, die Tat-Sache von tun.
Die hohe Wertschätzung welche die abstrakte Wissenschaftlichkeit geniesst scheint also ein Produkt von Propaganda,
welche die Tat-Sachen so ziemlich verbogen hat.

Urheber der Wertschätzung der Abstraktion über den sozialen Relativismus war Platon. Er machte aus der sophia, die stets auch praktisches Wissen war, wie ja generell die Ethik eigentlich als praktische Philosophie begriffen wird, eine Wissenschaft reiner Betrachtung, der Identifikation der ewigen Ideen die hinter den Phänomenen stecken.

Es wundert wenig, dass dieser Ansatz in autoritären Zeiten in denen die Elite ganz klar definierte, was Wahrheit ist, wenig gefragt war und erst mit den unentflechtbaren Wirrnissen der Postmoderne wieder aktuelle wurde. So Wittgenstein 1931: Nichts, was man tut, lässt sich endgültig verteidigen. Sondern nur in Bezug auf etwas anderes Festgesetztes.

Die erste Regel des Konstruktivismus ist die der Relativierung, der Beschränkung aller Aussagen auf eine jeweils perspektivische Aussage: Alle Aussagen und Handlungen müssen tatsächlich relativ auf ihr jeweiliges Bezugssystem verstanden und beurteilt werden. [I. S. 41] Eine Regel, die Sie sich unbedingt zu Herzen nehmen müssen, wenn Ihnen Oekonomen, Technokraten, Genetiker, Nanotechniker, Architekten,  etc. mit Empfehlungen zur Entwicklung kommen - denn all diese Gremien und Personen arbeiten konstruktivistisch, auch wenn sie behaupten, es handle sich um Wissenschaft.

Problematisch am Konstruktivismus ist allerdings das Selbe, das die Postmoderne verwirrend macht: Sogar gleich lautende Aussagen können in unterschiedlichem Kontext  durchaus unterschiedlichen Sinn haben - was der Eristik Tür und Tor öffnet - aber auch zeigt, warum das germanische Recht, das jeden Fall als speziellen Fall betrachtet der nur anhand ähnlicher Fälle beurteilt werden kann, eigentlich neben dem systematischen römischen Recht immer noch Sinn hat und auch immer noch besteht (Wären die Gesetze so systematisch und klar wie die Theorie darüber, brauchte es ja bloss Gesetzbücher und keine Juristen mehr...)

Konstruktivistisches Vorgehen:

Konstruktivistisches Denken lässt die Idee der einen und der einzigen Wahrheit und der vorgefundenen Wirklichkeit hinter sich und verfolgt statt dessen den Gedanken einer kognitiven und sozialen Erzeugung von Wirklichkeit(en). [I. S. 9]

Prämissen der konstruktivistischen Konstruktion:

  1. Wir können eine von uns als unabhängig gedachte Welt prinzipiell nicht erkennen.

  2. Wir erzeugen die uns bekannte Welt mit Hilfe mentaler Operationen (inferenzieller Prozesse), mit Hilfe unserer Begriffe - d.h. die Idee von einer gegenüber unseren Vorstellungen unabhängigen Welt (Ontologie bzw. Metaphysik)  ist obsolet.

Der Konstruktivismus nimmt also die Tatsache ernst, dass die "Kreation" von Wissen, das Schaffen von Wissen (drum nennt sich dies ja Wissen-Schaft) nicht bloss poietisches (manchmal sogar künstlerisch-, geistes-), handwerklich herstellendes Handeln ist, sondern vor allem auch Handeln als Verfolgen von Zwecken.

Die wahre Metaphysik philosophischer Konstruktion besteht darin, das bestmögliche Gedankenschema zu entwerfen und auf der Grundlage dieses Schemas unbeirrt die Interpretation der Erfahrung zu erforschen.

 [A. N. Whitehead: Prozess und Realität. Zit. I. S. 13]

1. Realitäten

1.1 Die konstruktivistische Realität der Medien

Medien - die alltäglichen Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion.

S.J. Schmidt (I. S. 77-84)

Die eifrigsten Konstruktivisten sind die Journalisten. Tag für Tag, Stunde für Stunde, nehmen sie Informationen auf, sortieren diese in brauchbare und unbrauchbare, vor allem aber in interessant-uninteressant/neu-alter Hut - und verarbeiten sie zu einem Text der gedruckt wird, was dann bei den meisten Lesern zu der Illusion führt, hierbei handle es sich um "Wissen".

Texte und Gespräche entstehen immer Konstruktiv! Der Konstruktionsprozess:

  1. Selektion  - der richtigen, wichtigen Elemente ist ein erstes Mittel der Konstruktion

  2. Formgebung, der Plot, das Drehbuch - das wichtigste gestalterische Mittel, das nicht bloss Spannung erzeugen, sondern auch so Glieder soll, dass das Verstehen sich nach und nach aufbauen kann und am Schluss bestätigt oder geprüft wird.

  3. Empfehlung/Fazit/Schluss > LERNE! ... denn jeder Erfahrungsbericht Anderer aus dem wir unsere Schlüsse ziehen, erspart uns unter Umständen eigenen harte Erfahrungen.

Medien beeinflussen zunehmend die Prozesse sozialer Differenzierung und Entdifferenzierung. Medien "managen" die soziale Aufmerksamkeit, stellen Öffentlichkeit für Themen und Personen erst her. Sie stellen Sichtweisen der Welt (Perspektiven, Berichte, Meinungen ...) her nach Regeln, die nicht primär der Suche nach Wahrheit dienen, sondern der Erzeugung eines interessanten Textes der Käufer anzieht, Leser fesselt  und Abonnenten bindet. Durch diese Tätigkeit wird quasi als Nebeneffekt heute (früher war das mal die Hauptaufgabe ...) verborgenes sichtbar gemacht, Probleme aufgedeckt, Krisen zum öffentlichen Thema, Neuigkeiten verbreitet etcetc.

Gerade die Medien zeigen aber (obwohl sie immer eintöniger werden, da sie sich nach der Meinung der Masse richten müssen, von der sie gekauft werden ...), dass Wirklichkeit immer gedeutete Wirklichkeit ist. Und anders als in derlei Deutungen und Beschreibungen kann es eine Wirklichkeitsbeschreibung - wie immer sie im einzelnen beschaffen sein man - überhaupt nicht geben. Wirklichkeit ist, so Rorty 1981, immer Wirklichkeit unter einer Beschreibung. [I. S. 39] Anthropologie und Psychoanalyse bedienen sich ganz legitim der Erzählung als wissenschaftlicher Basismethode, Geschichtswissenschaften arbeiten re-konstruktiv und die Geisteswissenschaften ja generell mit Textauslegung, also dem Verstehen und Interpretieren von symbolisch-sprachlichen Konstrukten.

Die kritische Frage: Ist die Geschichte/Beschreibung wahr oder nicht? führt direkt zum Urproblem aller Orientierung, nicht bloss der Wissenschaft. Natürlich ist jeder Journalist darauf trainiert, sich die Fakten aus mehreren Perspektiven anzusehen, mehrere Meinungen von Fachleuten einzuholen. Dennoch dominiert im Tages-Schreiben das Novellistische, die Aktualität, die Präsenz und oft die banale Kausalität des zeitlichen Ablaufs: Das Ereignis wurde bedingt durch das vorhergehende Ereignis: post hoc ergo propter hoc: danach, also deswegen. Trivialkausalität, das triviale Ursachendenken nimmt den am nächsten liegenden Zusammenhang als entscheidend an. Dass sich der Journalismus von Wertungen und Interpretationen distanzieren  und nur Fakten liefern soll, gilt a) nur für guten Journalismus und ist b) eine Schlange die sich in den Schwanz beisst, denn woran lassen sich Fakten erkennen? Gerade weil die Medien hier häufig ein Instant-Gericht sind, erschweren sie häufig einen gerechten Prozess, der dann erst noch zu führen wäre.

Dass Medien die Realität herstellen muss hier vermutlich etwas präziser erklärt werden. Natürlich entstehen keine Berge, Seen, Bäume durch einen Artikel, der sie beschreibt. Natürlich fällt kein Apfel vom Boden auf den Baum, sollte das ein Journalist mal schreiben. Aber überall wo der Mensch schafft, zielorientiert, wirken die Konstruktionen der Medien mit - und nicht immer zum Guten wie sich gerade im Falle des Irak gezeigt hat. Praktisch alle Vorwürfe, insbesondere die potentielle Bedrohung der Welt durch den Irak, waren reine Konstrukte, die andern Konstrukten zur Realisierung verhelfen sollten. Da diese andern Konstrukte (US-Beherrschung aller Erdölreserven des Nahen und Mittleren Ostens) sich ebenfalls als nicht realisierbar erwiesen, bleiben heute nur noch Trümmer - die mit noch mehr Trümmern (Iran, Syrien, ...) zugedeckt werden sollen. 

1.2. "Kausalitäten" - das Fundament aller Wissenschaften

Warum eigentlich suchen wir so was wie Wissen? Primär weil es uns hilft, uns zu orientieren, sicherer durchs Leben zu schreiten. Orientierung ist also eine halbwegs verlässliche Prognose des einzuschlagenden Weges. Jede Prognose verlangt aber nach einer gewissen systematisierbaren, in Formeln, Regeln, Gesetzmässigkeiten, fassbarer Regelmässigkeit. Regelmässigkeit ist Ordnung.

Das höchste Qualität an Wissen, das höchste Gefühl aller Sicherheit der Orientierung bietet die Wissenschaft, die ganz klar, objektiv, von persönlichen Einstellungen und Interessen unabhängig sagt: WENN - DANN. Das ist die Kausalität per se, die Kausalität der Naturgesetze ... die allerdings von allen Gläubigen bloss als causa secunda angesehen wird, da für die die prima causa, der erste Grund, Gott der Schöpfer ist.

Dies ist aber nicht der einzige Grund, aus dem wissenschaftliches (kausales) Wissen relativiert werden kann oder muss. Es gibt gewichtigere:

  1. Die Rückbezüglichkeit, das kreisförmige Schliessen, das Steuern einer Kausalität durch ihren Effekt (Rückkoppelung (Kybernetik)) - die dem einfachen Kausalitätsdenken als paradox erscheinen, aber weitaus häufiger sind als wir meist annehmen, insbesondere in Oekosystemen.

  2. Nichtvorhersagbarkeit der Reaktion komplexer Systeme.

  3. Insbesondere aber die causa finalis: Zweck, Ziel, Sinn, Absicht, Wunsch - Fachgebiet der Sozial und Geisteswissenschaften. Oft identisch mit der

    1. causa effiziens: Antrieb, Kraft, Grund,. MOTIVATION - Das Fachgebiet der Psychologen und Soziologen, manchmal auch der Priester religiöser wie wirtschaftlicher Provenienz, da allerdings als Nutzer des Motivationswissens, als Propagandisten.

  4. causa formalis: Bauplan, Strukturvorlage, Konzept, Konstruktionsplan ... der Sachzwang ... Das Fachgebiet der Ingenieure

[Detaillierte Analyse und Beschreibung unter Kapitel 3.4.5 Recommendations Concerning a "Development Science" as "Science" of Finalities (engl.)]

1.3. Die "Realität" der sozialen und kulturellen Prägung: Wissen ist eine Kulturleistung - und damit von der Kultur abhängig in der es entsteht

Kognition wie Kommunikation arbeiten also mit einer zwar selbst erzeugten, aber erfolgreich der Umwelt (fremdreferentiell) zugeschriebenen Ressource: mit kollektivem Wissen. Das "Management" dieses Wissens ist in allen Gesellschaften an ein "Programm" delegiert, das wir in der Regel Kultur nennen.

Und eben dieses Programm der gesellschaftlich als verbindlich unterstellten semantischen Thematisierung von Wirklichkeitsmodellen nenne ich Kultur. [I. S. 79]

Kultur, hier betrachtet als Grundstock verlässlichen gesellschaftlichen Wissens, ist in einem desolaten Zustand, und wird von mindestens drei Seiten weiterhin permanent angeknabbert:

Die Entstehung von Kulturen, also gesellschaftlich genormten Verhaltensweisen, ist nun oft weitaus weniger "göttlich" als uns das lieb wäre. Wie bei vielem was Menschen für unerlässlich halten dürfte es sich zum grossen Teil um Prägungen/Konditionierung handeln, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Prägungen sind aber oft recht zufälliger Art, wie die Forschung von Skinner gezeigt hat:

1.3.1 Das Entstehen von zufälligen Prägungen durch verzögerte Belohnung - am Beispiel von Tauben:

Skinner belohnte in seinen Boxen Tauben für das Drücken von Tasten, für das Drücken in bestimmter Reihenfolge oder in bestimmter Anzahl. Da Tauben aber, wie viele Menschen, kaum mal ruhig rumsitzen, sondern rumtäpplen, rucken, sich mit Körperpflege beschäftigen, mit dem Kopf nicken, scharren etc., hatte ein Versuch, bei dem die Belohnung erst nach ablauf einer gewissen Zeit nach dem Drücken der Taste verabreicht wurde, einen seltsamen Effekt. Die Tauben verbanden die zuletzt ausgeführte Handlung als auslösend, kausal, mit der Belohnung. Je länger der Zeitraum war, der bis zur Belohnung verstrich, desto absurder wurde das Verhalten. Sie drehten sich nach rechts, nach links, schlugen mit den Flügeln, schwenkten pausenlos den Kopf .... was irgendwie an Balzverhalten erinnert. Vermutlich sind die seltsamen Verhaltenstypen von Männchen bei der Werbung auf den selben Effekt zurückzuführen ... Menschen und Tiere als Reaktions-Automaten, dies das Konzept des Behaviourismus, das neuerdings auch wieder von Hirnforschern vertreten wird. Die wertende und damit lenkende Funktion des Nucleus accumbens, der Amygdala und weiterer Drüsen legt dies allerdings nahe ...

Wenn also die Ursache für die Belohnung oder Bestrafung unklar ist, können absurde Verhaltensweisen andressiert werden. Wenn Belohung oder Bestrafung in Geld erfolgen, kann dies den selben Effekt haben: Da Geld auf das Gehirn längst wie eine Droge wirkt, lassen sich durch Verabreichung oder Entzug die Menschen dazu dressieren, alles zu tun, sei es noch so absurd, um an Geld zu kommen.

Dieses lästige, aber umfassend benutzte Steuerungs- und Kontrollsystem wird ergänzt auf der Gegenseite durch Unterdrückung von Störmeldungen, von Meldungen negativer Art, die eigentlich zeigen würden, dass Fehlkonstruktionen und/oder Fehlfunktionen, wie die vielfältigen heutigen System-Paradoxien, vorliegen, die alle auf Nichtviabilität hindeuten, also das Konstrukt falsifizieren.

Diese Falsifikationen werden aber systematisch unterdrückt durch Alkohol, Drogen, Antidepressiva, Schlafmittel, und andere Psychopharmaka.

Um die "Wohltaten" des "Fortschritt" einigermassen objektiv beurteilen zu können, müsste man also die gesamte Weltbevölkerung erst einmal unter Generalentzug setzen ... Die Folgen für den Fortschrittsglauben dürften verheerend sein ...

Nebenbei ... dieses Dressurmodul erklärt auch ganz plausibel, warum der Sexualtrieb bei Männern generell höher ist als bei Frauen, denn genau diese Tatsache erlaubt es den Frauen, die Männer zu dressieren (s. speziell Balzverhalten) und, trotz freierer Spezialisierung bei der Arbeitsteilung (Jagd und Verteidigung) in der Aufzucht der Jungen auch längerfristig "bei der Stange zu halten" (aha ... von da kommt der Ausdruck ...).

Hat Freud noch seine ganze Psychoanalyse auf dem Urtrieb Sex aufgebaut, der praktisch alle menschlichen Einstellungen und Handlungen motivieren soll - also der bedeutendste Faktor der Prägung menschlichen Verhaltens, also DER Dressurfaktor war , so wurde dieser Urtrieb inzwischen längst und erfolgreich ersetzt durch die eben so direkte Wirkung des Geldes auf das Gehirn. Auch Geld führt zur Ausschüttung von Glückshormonen. Allerdings ist hier die Angelegenheit etwas problematischer. Mehr Geld macht nur bis zu einem gewissen Grad glücklich, einem Grad, der für alle erreichbar sein sollte. Noch mehr Glück wird dann weniger durch das Geld selbst erzeugt sondern durch das Erfolgserlebnis, Geld/Vermögen vermehrt zu haben, also über ein höheres Potential (Synonym von Vermögen!) zu verfügen, mehr machen zu können - ohne demokratische Abstimmung oder Einfluss anderer - also mehr Macht. Von einem gewissen Niveau an (Schweiz um die 5000  Fr.), ist mehr Geld ein Machtsymbol - und ein Machtproblem - aber auf keinen Fall ein "Bedürfnis" nach dem sich die Entwicklung zu richten hätte.

Apropos Sex und Geld: Kein Sex führt zu keinen Kindern. Viel Geld ebenfalls. Viel Geld ist also so viel wert wie kein Sex. Konnte Lysistrata einen Krieg verhindern durch Verweigerung von Sex, so gelingt dies beim Wirtschaftskrieg nicht mehr, denn die Wirtschaftskrieger holen sich quasi dauernd selbst einen runter durch Verabreichung von immer mehr Geld. Wir sollten dies als eine der Paradoxien sehen, die Störungen einer Fehlkonstruktion anzeigen.

Gerade Maslows Bedürfnispyramide zeigt deutlich, dass Geld zwar für die zwei untersten, für die Existenz wichtigsten Bereiche der physischen Bedürfnisse und des sich Einrichtens in der Umwelt entscheidend ist (im zweiteren Fall aber auch bereits zerstörerisch wirken kann), auf der höheren Ebene des Seins (Beziehungen, Werthaltung, Selbstverwirklichung) aber nicht bloss bedeutungslos werden, sondern sogar kontraproduktiv, denn Geld und Vermögen sind auch Fesseln - und nicht immer bloss für die Schuldner.

Nun ganz unabhängig davon ob durch Geld andressiert oder durch andere Belohnungssysteme, Kultur ist immer relativ. Da nun wiederum jede Form von Wissen, einschliesslich der Wissenschaften, eine erbrachte Kulturleistung darstellt, also von der entsprechenden Kultur abhängt, ist das meiste Wissen kultur-relativ. Interessanterweise lernen das zwar die meisten Ethnologen und Entwicklungshelfer über Jahre hinweg, ist ja nicht einfach, aber meist nur mit dem Effekt, dass ihre kulturangepassten Entscheide, samt ihnen, dann von den immer noch kulturimperialistischen Headquarters einfach überrannt werden. Predigten diese früher das Christentum, predigen sie heute Geldmacherei, meist nach neoliberal-sozialdarwinistischem Prinzip. Wer da nicht mitmacht, nach sich an andern Formen des Wissens orientiert, wie Afrika und grosse Teile der islamischen Bevölkerung, wird immer noch als unterentwickelt im Sinne von "geistig zurückgeblieben" betrachtet.

Der homo economicus, grosses Vorbild, wissenschaftliche Modell unseres ganzen Oekonomiekonstrukts, ist aber dummerweise weder rational noch frei, sondern offensichtlich ein zuerst auf dann mit Geldreiz dressierter Hamster (im doppelten Sinne des Wortes). Das Geldsystem konnte sich wegen des Söldnerwesens verbreiten. Das Geldsystem hat uns alle zu Söldnern gemacht. Nichts anderes ist der Lohnabhängige als ein Söldner. 

Freiheit heisst Vielfalt, Vielfalt heisst Pluralismus. Pluralismus macht die Welt zwar einerseits enorm kompliziert, komplex, also schwer steuerbar bis unsteuerbar ... aber eben vielleicht grad darum frei und lebenswert.

Vielfältig soll die Welt sein, nicht einfältig.
(Steht übrigens in einer etwas weniger zweideutigen Formulierung auch so in der Shari'a.)

1.4. Die Realität der Macher: Reelle und andressierte Bedürfnisse

Die stärkste Form der Wirklichkeit ist das, worauf wir uns beim Handeln verlassen.

[G. Abel. (Schule des Konstantin Stanislawski: Psychotechnik des Schauspielers an der Rolle.]

Die causa pecunia, der Drang nach Geld, hat sich als dominierendes Ordnungs-, Lenkungs-, Belohnungs- und Bestrafungssystem durchgesetzt. Das macht die Tatsache, dass die wichtigste Orientierung, diejenige die wir brauchen um zu handeln, problematisch wurde, denn sie beschränkt richtiges, rationales "Handeln auf wirtschaftlich produktives Handeln, d.h. auch bloss auf Geld produzierendes Handeln. Von Seiten der Frauenemanzipation wurde lange kritisiert, dass ein Grossteil weiblicher Tätigkeiten eben entweder gar nicht oder bloss schlecht bezahlt werden. Als Antwort darauf verstieg man sich auf "Lösungen" wie den Hausfrauenlohn - merkte aber offensichtlich nicht, dass die totale Ökonomisierung des Lebens dieses in ein Konstrukt zwängt, das kaum lebenswert ist. Wenn sich Handlung nur noch an der Frage orientiert: rentiert's? - dann geht der Spass flöten, d.h. er ist nur noch für Geld zu haben, dann geht die Ethik flöten, ausser jemand bezahlt dafür, dann geht die Gerechtigkeit flöten, ausser ... eben, etc.

Die Ursache dafür ist klar - die Folgen logisch:

Das limbische System, das zentrale Bewertungssystem unseres Hirns ... lässt sich durch Geld bestechen,
d.h. es produziert Glückshormone sobald Geld reinkommt.
Genau so wie wenn eine Dosis Heroin gespritzt würde.

Orientiert sich Handlung fast ausschliesslich an Geld, führt dies logischerweise zu einer entsprechenden "Wirklichkeit",
zu eben der "Wirklichkeit" in der wir zur Zeit leben (müssen).

Die Welt, die wir erleben, ist so und muss so sein, wie sie ist, weil wir sie so gemacht haben. [II. S. 29]

Hier dürfte der Kern des Problems des Krieges der Kulturen liegen, nicht  in der Frage Allah oder Gott/Jesus/HeiligerGeist. Afrikaner, Araber und grosse Teile der Islamischen Bevölkerung unterwerfen sich dieser Geld-Ordnung nicht. Natürlich sind sie alle genau so versessen darauf, an Geld zu kommen. In keinem Land das ich besucht habe, wurde so viel über Geld geredet, wie im Jemen. Aber - keiner würde sich den Anforderungen und Zwängen eines permanenten Geldvermehrungssystems unterwerfen. Bei uns hat sich Geld als Ordnungs- und Steuerungsinstrument durchgesetzt. Und dies so, dass es häretisch ist, diese Normen zu hinterfragen. Für Geld, kann man alles verlangen, für Geld tut man alles ... solange der Preis stimmt.

Sehen wir uns allerdings die Bedürfnispyramide nach Maslow an, sehen wir dass Geld nur beschränkt funktionsfähig ist. Markierung: Rot: Geld ist ideal, Grün: Geld wirkt eher kontraproduktiv. Wer denkt, dass viel Geld die Selbstachtung verbessert, der vergisst, dass es immer andere gibt, die noch mehr Geld haben, und an denen misst sich der Reiche - nicht an Ihnen. Wer denkt, dass Geld die Suche nach und die Verwirklichung (Konstruktion) des eigenen Ich erleichtert, vergisst a) dass man, je mehr Geld man hat, um so mehr Geld verwalten muss. Reichtum macht also zum Buchhalter. b) "Wertvorstellungen", Identität, Rolle, Verhalten etc sind auf dem gesellschaftlichen Niveau noch kleingeistiger und enger als beim Durchschnittsbünzli. 

Die menschlichen Motive - in Beziehung zur maslowschen Bedürfnispyramide [für weitere Entwicklung s. Grice]

betreffend Selbsterhaltung und Sicherheit (Defizitmotiv) Befriedigung und Anregung. also Lust (Abundanzprinzip)
Körper: physische Bedürfnisse Vermeidung von Hunger, Durst (auch hier ist Geld wieder ideal), . Suche nach lustbetonten sinnlichen Erlebnissen; Geschmacksreize (gute Küche), Gerüche (Parfüms, Blumen), Musik; sexueller Genuss; körperliches Behagen; Betätigung der Muskeln ... (hier hilft Geld in vielen Fällen)
Beziehungen zur Umwelt Vermeidung gefährlicher und erschreckender, hässlicher und Ekel erregender Objekte; Suche nach Objekten, die für das künftige Überleben und die Sicherheit nötig sind (auch hier ist Geld wieder ideal); Erhaltung einer stabilen, klaren, verlässlichen Umgebung. Erwerb erfreulicher Besitztümer; Spiele spielen; Objekte bauen und erfinden; (auch hier ist Geld wieder ideal) oder hilft zumindest <> die Umwelt verstehen; Probleme lösen; Suche nach Neuheiten und Veränderungen der Umwelt etc. - (aber hier nutzt Geld nicht viel, eher im Gegenteil)
Beziehungen zu andern Menschen: Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnisse Vermeidung von interpersonalen Konflikten und Feindseligkeiten; Aufrechterhaltung von Gruppenzugehörigkeit, Prestige und Status; Umsorgt werden durch andere; Anpassung an Gruppenmassstäbe und -Werte.

(Hier sind die Vor- und Nachteile der organisierten arbeitsteiligen Wirtschaft gleich.)

Streben nach Liebe und positiven Identifizierungen mit einzelnen und Gruppen; Freude an der Gesellschaft anderer Menschen; anderen helfen und sie verstehen; Unabhängigkeit; die Bewunderung oder Unterwerfung anderer gewinnen. (fifty-fifty)
Das Selbst: Wertschätzungsbedürfnisse, Prestige und Selbstachtung

Bedürfnis nach Selbstverwirklichung

Vermeidung von Gefühlen der Minderwertigkeit und des Versagens beim Vergleich mit anderen oder mit dem idealen Selbst; Vermeidung von Identitätsverlust; Vermeidung von Gefühlen der Scham, Schuld, Furcht, Angst etc.

Hier kommt, man muss sagen leider, das Erwerbsleben und damit das Streben nach Geld ebenfalls flach raus, vor allem auf Grund des Mobbings, der Fremdbestimmung, der schizophrenen Anforderungen des Arbeitsmarktes an den Einzelnen - und, dank des Wettbewerbs, sogar bei den Besten (s. Milliardäre), weil es immer noch bessere, noch reichere gibt.

Streben nach Gefühlen der Selbstachtung und des Selbstvertrauens; Äusserung der eigenen Persönlichkeit; Gefühl der eigenen Leistung; Gefühl der Herausforderung; Festlegung moralischer und anderer Wertvorstellungen; Entdeckung eines sinnvollen Platzes für das Selbst im Universum.

                                      do

Geld hilft also bei der Erfüllung der niedrigen, allerdings primären Stufen der Bedürfnispyramide (die hier halt auf dem Kopf steht) -
Je näher man der Spitze kommt um so nutzloser wird es jedoch.

1.5. Das Wertesystem

1 Hierarchie der Werte
2 Praktische Werte, materielle Werte
3 Naturwerte
4 Persönlichkeitswerte
5 Gemeinschaftliche Werte / gesellschaftliche Werte / nationale Werte
6 Geschaffene Werte / kulturelle Werte
7 Aesthetische Werte
8 Ideelle Werte
9 Religiöse Werte
10 Ethische Werte

Wertekompass

Eine wissenschaftliche Begründung von Moral (obwohl ich die selbst mal suchte), macht so viel Sinn wie ein Gottesbeweis: Sie würde die Freiheit zu Grabe tragen und uns zu Marionetten machen. Kant's kategorischer Imperativ: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne - ist ein schlechter Witz, der jeden Spass, ja jede Individualität verunmöglichen würde, sollte man ihn ernst nehmen, denn:

Das Leben braucht Unterschiede, Freiheitsgrade, Varianz. Gleichförmigkeit ist der Tod. Die Suche nach der Weltformel, dem Weltgesetz - ist der Traum eines "Wissen-ist-Macht-Diktators, ein Albtraum für den Rest der Bevölkerung.
 

2. UEBER-EIN-STIMMUNG und Viabilität statt Wahrheit

"passen" (von lat. passus: Schritt) ist offenbar ein äusserst interessantes Wortelement, denn wir finden es in Myriaden unterschiedlicher Ausdrücke:
Pass(port) - der das Durchschreiten von Grenzen erlaubt,
Passpartout - der überall das Durchschreiten erlaubt
Passevite - der auf schnelles Durchschreiten (von Obst und Gemüse) besteht
passieren: etwas "läuft"
passé: das was gelaufen ist
Passivität: das Laufen lassen
Passagier/Passant: der Laufende (na ja, das war einmal ...)
Kompass: der zeigt, wohin man schreiten soll
passabel: etwas das grad noch so durchgeht
anpassen, aufpassen, verpassen (doppeldeutig: als "zu spät, schon gelaufen" oder als etwas brutale Form des Anpassens: Anzug verpassen, Tracht Prügel verpassen)
Engpass
etc.etc.
Interessant, dass all diese von den Füssen abstammen. Was hat sich wohl aus den Händen entwickelt (Manufaktur, Manager, Manipulation, Manifest, Manitou ...). Und warum so wenig aus dem Kopf? (caput) ... aha, drum ..

Die triviale (volkstümliche) Kritik des Konstruktivismus begnügt sich meist damit, es als erschütternd zu finden, dass man "die Realität" konstruieren könne. Ja so ein Saich! Diese Kritik ist leicht zu widerlegen, denn es geht beim Konstruktivismus (viele Texte gelehrter Herren sind hier allerdings äusserst missverständlich und fördern dadurch das Selbe) nicht darum, durch Gedanken die Welt zu konstruieren, sondern bloss darum, sich ein Modell davon zu schaffen, über das man reden kann, das sich analysieren und erweitern lässt. Was also im Konstruktivismus konstruiert wird ist nicht die Welt, sondern bloss ein (meist partielles) Weltmodell.

Konstruktivismus wird von der Trivialkritik so aufgefasst, als ob einfach wild irgend welche Bestandteile zusammengewürfelt werden können, wobei dann so was wie ein Tinguely entsteht. Dem ist aber nicht so. Konstruktion erfordert, dass die Teile zusammen passen: Abstraktionen, Generalisierungen, Formalisierungen, Idealisierungen müssen "über-ein-stimmen". Hier löst sich sogar die Postmoderne in Wohlgefallen auf, denn all die Partikel, in die die grosse Geschichte zerfallen ist, müssen immer noch ein Ganzes bilden, also über-ein-stimmen, denn es gibt kein "überviel(oder multi)-stimmen". Das gibt ausreichend Flexibilität, da Übereinstimmung nicht zu verwechseln ist mit Identität, sondern bloss fordert, dass sich alle Teile zu einem Ganzen fügen.

Die Konstruktions-Teile wie Teil-Konstruktionen müssen also

a) zusammen passen -

b) im richtigen Rahmen präsentiert werden.

Die "Passung" ist der entscheidende Faktor.
Sie bestimmt, ob es sich um Wahrheit handelt.
Rahmen und Perspektiven bestimmen, wie weit die Wahrheit gilt.

Anpassung ist nun allerdings ein Begriff, der häufig falsch verwendet wird, und noch häufiger bloss um "unangepasste" zu ärgern oder gar zu diskreditieren. Wer "Anpassung" für das grösste und unumstösslichste Gebot hält, sollte sich zwischendurch vielleicht mal vor Augen führen, dass sich der Nationalsozialismus nur durchsetzen konnte, weil sich die Mehrheit an die neuen Machtverhältnisse angepasst hat, statt diese Politclowns von Anfang an kräftig auszulachen. Anlass dazu haben sie ja genug geliefert (s. Chaplin: Der grosse Diktator).

Der "Passendste" (the fittest)  ist derjenige, der mit seinen Fähigkeiten/Instrumenten/Wissen am besten in der gegebenen Umgebung wirken kann.
Derjenige, der sich der Umwelt am geschicktesten zu bedienen weiss, sich über die passende Rolle (s. Rolle als Passe-Partout) am einträglichsten Ort ein-bringt oder besser ein-passt.

mh

Anpassung gilt als wichtigster Begriff der Evolution: Survival of the fittest - Das Überleben des am besten Angepassten. Bevor nun alle, die von unangepassten Anpassung verlangen Hurrah schreien, hört Darwin selbst: Anpassung ist nicht eine Tätigkeit der Organismen, sondern eine Beschreibung ihres Zustands. 

Fitness, die Anpassung (ADAPTATION) von Organismen an ihre Umwelt ist eben keine aktive ANPASSUNG, sondern Anpassung durch Auslese. Die natürliche Selektion liest nicht die am besten Angepassten aus, sondern eliminiert diejenigen, die der Prüfung nicht stand halten. Das erklärt, warum der Sozialdarwinismus neoliberaler Prägung nicht funktioniert. "Unpassende" sterben ja nicht weg, sondern verursachen dem Sozialstaat Kosten. Gesetzt der Fall, sie stürben weg, wäre das Problem ebenfalls nicht gelöst, da Wirtschaft in erster Linie von der Anzahl abhängt, denn sie braucht auch noch Konsumenten wenn alles durch "intelligente" Maschinen erzeugt wird - und diese müssten sich die Produkte leisten können. Die gegenwärtigen Diskussionen zur Ueberalterung zeigen die Absurdität neoliberaler Vorstellungen.

Für Piaget ist Organisation (des Gehirns) stets das Ergebnis einer notwendigen Wechselwirkung zwischen bewusster Intelligenz und Umwelt, und da er sich in erster Linie als Philosoph der Biologie sieht, charakterisiert er diese Wechselwirkung als "Anpassung". [s. II. 2 S. 23]

Mach, obwohl eigentlich Positivist, sieht das ebenso: Anpassung der Gedanken an die Tatsachen und aneinander.

In der Dialektik der Entwicklung ist

  1. Adaptation der 1. Schritt: das rechte Mass der Verdichtung von der Vielheit der Einzelnen zur Einheit der Vielen.

  2. Organisation - zwischen Ordnung und Komplexität

  3. Sozialisation - zwischen Kollektiv und Anarchie

  4. Partizipation - zwischen Sicherheit und Freiheit

  5. Innovation - zwischen Stabilität und Wechsel

Wir sehen anhand der Abfolge der Entwicklungsschritte auch gleich, dass Konstruktivismus, der sich ja primär mit der Organisation befasst, sich auf einer höheren Ebene befindet als Aus-Bildung im Sinne der Wirtschaft, als "passend machen für die Wirtschaft, Ausbildung, die also primär für das rechte Mass an "Adaptation" zuständig ist. Wir sehen weitere Probleme: Organisation wird von Kadern geleitet und ausgeführt, da möchte man sich nicht dreinreden lassen, verzichtet also lieber auf "zu viel" Ausbildung. Sozialisation wird zwar dauern eingeklagt wenn wieder was extrem schief geht an Schulen oder sonstwo unter Jugendlichen, z.B. bei Fussballrowdies - aber eigentlich behauptet ja gerade der Neoliberalismus, dass es die Gesellschaft nicht gäbe, sondern nur das Individuum. Folglich gäbe es auch keine Notwendigkeit der Sozialisation ... sondern nur die des betrieblichen Gehorsams. Partizipation? In der Wirtschaft?? Haben Sie Geld??? Dann dürfen sie partizipieren ... Nun zum amüsantesten Punkt: Innovation sei ja entscheidend für die Wirtschaft, die durch dauernde Restrukturierung auf dauernden Wechsel drängt, auf immer mehr Flexibilität (bei den andern), auf immer kürzere Entscheidungs- und Produktionszeiten, immer kürzere Nutzbarkeit von Investitionen, die in kürzester Zeit rentieren müssen, weil sie sonst gleich veraltet sind. Hier hat nicht nur die Geschwindigkeit extrem zugenommen mit der Wissen produziert wird, sondern auch die Entwertung von Wissen, also die Berge an überflüssigem Wissen, die nie entsorgt werden..

Des weitern haben wir aber noch zwei Worte mit ähnlicher Bedeutung, die zu noch mehr Wirrwar im Denken führen: ASSIMILATION - AKKOMMODATION:

Wo Akkommodation verstanden wird als die Bildung eines neuen Schemas, wenn eine Handlung einer wahrgenommenen Situation assimiliert ist, aber nicht zum erwarteten Ergebnis führt, d.h. wenn eine "Perturbation" auftritt.

Piaget

Im Gegensatz zu der Assimilation, bei der das Kind einen neuen Sachverhalt an ein vorhandenes Schema integriert, dient die Akkommodation als Möglichkeit für das Kind eine neue Erkenntnis zu verarbeiten (mit sich selbst in Einklang zu bringen), indem es das bis dahin befestigte Schema erweitert (s. strukturänderndes Lernen). Akkommodation kann niemals getrennt und unabhängig von Assimilation auftreten.

Assimilation ist die Übernahme, das Imitieren, Kopieren  - Akkommodation aber strukturänderndes Lernen. Die Assimilation von Ausländern unter der Perspektive also eher ein Witz, allerdings ein schlechter, der ihre Identität zerstört:

Assimilation bezeichnet in der Soziologie die Anpassung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen aneinander. Empirisch bedeutet das überwiegend die Anpassung einer Minderheit an die Mehrheit. Assimilation kann auf kultureller (Übernahme von Sprache, Bräuche und Sitten), struktureller (Platzierung auf dem Arbeitsmarkt, im Schulsystem u.ä.), sozialer (Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen) und emotionaler Ebene (Identifikation mit den anderen Gruppen) erfolgen.

Umstritten ist, ob es sich beim Konzept der Assimilation um ein gezieltes "Aufzwingen" der Eigenschaften und Einstellungen der dominanten Gesellschaft handelt oder ob Assimilation lediglich empirische Voraussetzung zur Erreichung gleicher Lebenschancen darstellt ohne dass damit eine Wertung der Eigenschaften von Minderheiten verbunden wäre.

Assimilation (Soziologie) - Wikipedia)

Die Frage lässt sich eigentlich leicht beantworten: Wo Minderheiten gezwungen werden, und auch Zwang durch verminderte Lebenschancen durch "fremde" Namen und Gebräuche ist Zwang, den Lebensstil der Mehrheit anzunehmen, herrscht Unfreiheit und Gleichmacherei statt Pluralismus.

DAS Modell der Assimilation ist die Identifikation, Identifikation mit Fussballern, ja ganzen Fussballvereinen, Politikern - aber auch Parteien, Reichen - und deren eigennützigem Programm, Beruf - und den Interessen der Gilde/Zunft, bis hin zu TrashoderGeldadel-soap-operas übelster Art wie Dallas, Denver Clan, Dynasty,die meist weniger positive Identifikationsfiguren anbieten, als dass sie die Situation der Oberschicht ins Absurde überzeichnen (Heilender Effekt für die weniger Reichen: Gott sei Dank sind wir nicht so ....), die der Unterschicht verniedlichen und erträglich machen sollen. (Al Bundy mit seiner schrecklich netten Familie, Lindenstrasse). (s. umfassende Liste). Die Heroen aus der Mittelschicht, wie Superman, der mächtige Aussenseiter - obwohl Buchhalter (jüdisches Identifikationsmodell), kommen heute eher in Cartoons und vor allem Videospielen vor, was aber nicht meine Domäne ist.

Eben so wirksam bei der Ausformung des individuellen Modells (= Konstrukts) der Identität, dass an- und übernommen oder zumindest angestrebt wird, ist das Milieu. Die Einstellungen, Interessen, Erwartungen, Kauf- und Wahlverhalten unterschiedlicher Milieus sind der Wirtschaft präzise bekannt, da sie milieuspezifisch wirbt, den politischen Parteien in den USA eben so perfekt, da die unterschiedlichen Milieus dort ebenfalls mit präzise angepassten Botschaften beworben werden bei Wahlen.

Verbunden mit dem Milieu ist der Status. Praktisch der gesamte politische Bereich rechts ist primär statusorientiert. Man identifiziert sich über den Status. Status beruht auf kulturellem Wissen (nebst Geld), und dieses eignet man sich durch ein Studium, wie den Verkehr in den richtigen Zirkeln, an. (s. Bourdieu) D.h. man (und noch mehr Frau in dem Falle) wählt seinen Beruf, sein Studium auf Grund des Status, den es verleiht, wählt also auch die Universität oder Hochschule mit dem höchsten bezahlbaren Statusgewinn. "Wissen" hat damit rein gar nichts zu tun. Die Statusorientierung bestimmt also die "Bedeutung" einzelner Wissenschaftsbereiche fast eben so stark wie die Gewinnorientierung. Es wundert so gesehen wenig, dass Forscher aus Interesse, also aus Forschungs- und Erkenntnisdrang, in dieser verquerten Welt plötzlich zu Aussenseitern in ihrem eigenen Bereich werden.

INTEGRATION: von lat. integer bzw. griech. entagros = unberührt, unversehrt, ganz, zu deutsch Herstellung eines Ganzen. Die Integration wäre also nicht die einseitige An-Passung sondern eine gegenseitige Ein-Passung, also gegenseitige Akkommodation von zwei Identitäten. Ziel jeglicher Integration ist die Herausbildung neuer sozialer Strukturen und sozialer Ordnungen. Integration kann also nicht, wie das von Rechtsparteien, dem Volkstum und den Medien gerne getan wird, "eingefordert" werden (von den "Andern"), sondern Integration ist nur im toleranten (= ausharrenden) Dialog zu erreichen. Gesellschaftliche Integration darf nicht zur Aufgabe der kulturellen Identität zwingen, also keine Übernahme der Mehrheitskultur = Leitkuh/ltur.

 

2.1 Die Entwicklung der Konstruktionsfähigkeit nach Piaget:

Die frühkindliche Entwicklung: Vom Be-Greifen zur Adaptation der eigenen Vorstellungen an die Realität

  1. Einer der wichtigsten Schritte der Entwicklung ist das Greifen. Es handelt sich dabei nicht bloss um eine motorische Aufgabe. Gegenstände werden aus der Nähe und Ferne sowie aus verschiedenen Richtungen gesehen, also perspektivisch. Wo also später das Erkennen unterschiedlicher Perspektiven nicht mehr klappt, muss das am fehlenden Be-Greifen liegen. (Sie sehen, wie einfach unsere Sprache eigentlich konstruiert ist). Folgerichtig belegt die Steuerung der Hand den proportional grössten Anteil des Grosshirns des Menschen. Folgerichtig sollte Handarbeit auch später nicht zu sehr vernachlässigt werden.

  2. Mit 8-12 Monaten erlangt das Kind aktiven Zugriff auf das Langzeitgedächtnis. Es kann nun neue Bilder bewusst mit alten vergleichen. In dieser Phase beginnen Kinder auf Gegenstände zu zeigen, was bedeutet, dass sie sie erkennen, und versuchen sich immer häufiger auch verbal zu artikulieren. Objekte haben nun eine eigene Existenz, unabhängig vom Ich. Bereits hier in dem Alter ist menschliches Denken den meisten Tieren überlegen, da diese den Gegen-Stand, also das vom ich losgelöste, als Konzept nicht kennen. (Eindrücklich zeigen sich die unterschiedlichen Begabungen hier anhand des Versuches, Futter aus einem zugedeckten Eimer zu holen. Während dem dies Katzen und Affen relativ problemlos gelingt, scheitern Hunde kläglich.)

  3. Mit 18 bis 24 Monaten verflüssigen sich die Bewegungsabläufe, das Kind beginnt  zu rennen, zu springen, Bälle zu werfen und herumzutollen.  Das Kind kann sich einfache Handlungsziele vorstellen, und darauf hin planen und das Ergebnis mit den Vorstellungen vergleichen. Es besteht mehr und mehr auf Selbermachen, Klötzchenbauen z.B. Wichtig ist in der Phase, dass ausreichend Lernreize zur Verfügung stehen.

  4. Das in diesem Alter häufig auftretende Trotzverhalten liegt an der noch sehr starren Planung. Wenn nur das geringste nicht stimmt, gerät ihm das ganze Konzept durcheinander. Das Kind ist starr auf sein Ziel fixiert. Wird es dabei gestört oder bei der Ausführung unterbrochen, gerät es in ein Handlungsvakuum. Es weiss weder ein noch aus. Das Verhalten verschwindet mit zunehmender Handlungskompetenz, es sei denn, es werde durch eben so bockige Erziehung chronisch verankert.

Kognitiv-moralische Entwicklungsstufen:

Stufen und Dimensionen (kognitiv - moralisch)  
IV: formaloperational - universalistisch

Auf der vierten Stufe schliesslich wird die Ausarbeitung neuer Regeln qua theoretischer Antizipation von Problemen systematisiert und zum Selbstzweck erhoben.

Hypothetisches Denken und Führen von Diskursen. Transzendieren des Objektivismus einer gegebenen Natur qua Erklärung des Gegebenen durch Hypothesen aus zufälligen Randbedingungen. Transzendieren des Soziozentrismus einer überlieferten Ordnung qua Kritik von Normen (als Konventionen durchschaut) im Licht von Prinzipien.
III: konkretoperational - soziozentrisch

Auf der dritten Stufe beginnt die Zusammenarbeit. Das Kind nimmt an der Ausarbeitung der Regeln teil und hält sie für veränderbar.

Differenzierung zwischen Dingen und Ereignissen einerseits, sowie Subjekten und Äusserungen andererseits. Unterscheidung zwischen Zeichen, Referent und Bedeutung. Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Phantasie, Impuls und Verpflichtung, Abgrenzung der Subjektivität gegenüber der äusseren Natur, Beherrschung eines Systems von Sprechakten, komplementäre Verbindung generalisierter Verhaltenserwartungen.
II: präoperational - egozentrisch

Auf der zweiten Stufe entsteht ein Regelbewusstsein. Regeln werden als heilig und unantastbar aufgefasst, obgleich das Kind noch nicht in der Lage ist, sich an sie zu halten.

Entstehung der Permanenz des Objekts. Erste Differenzierung zwischen Ich und Umwelt, keine Differenzierung zwischen physischem und sozialem Bereich. Situationen werden nicht unabhängig vom eigenen Standpunkt wahrgenommen (entsprechend leibgebundene Perspektive)
I.: sensomotorisch - symbiotisch

Auf der ersten Stufe herrscht ein naiver Hedonismus

Beziehung zwischen Mutter und Kind ist so eng, dass von einer subjektiven Abgrenzung der Subjektivität noch nicht die Rede sein kann.

Die Entwicklung der geistigen Reife (als Konstruktionsfähigkeit) in 5 Stufen:

Niveau 0: Ausgangspunkt: Kinder unterscheiden nicht die eigene Perspektive und die der anderen

Niveau 1: Kinder erkennen, dass andere eine Handlung/Situation anders sehen als sie selbst = differenzierte Perspektive

Niveau 2: Heranwachsende können ihr Handeln aus der Perspektive des Andern betrachten = reziproke Perspektive

Niveau 3:  Heranwachsende können die Perspektive eines Dritten übernehmen und die Perspektiven der beiden Partner kombinieren. = Perspektive der dritten Person

Niveau 4: Zwischenmenschliche Beziehungen werden als Netzwerke begriffen, gebildet durch die unterschiedlichen Perspektiven in einer Bezugsgruppe; gesellschaftliche Normen werden als Regulative dieser Sozialbeziehungen gesehen und unter dem Gesichtspunkt der Perspektivenhaftigkeit reflektiert. = Perspektive-n des Netzwerks - besser: Mögliche Perspektiven innerhalb des Systems = s. Webphilosophie

Niveau 5: [Kommt bei Piaget nicht vor, da nicht "realitätsbezogen", sondern zukunftsgerichtet, also spekulativ - und strategisch] Mögliche Perspektiven bei Systemwechsel & mögliche Perspektiven für Systemwechsel.

 

2.2 Die Moralentwicklung frei nach Kohlberg

Niveau 1 - Prämoralisch

Stufe 1: Orientierung an Lob und Strafe (fraglose Unterwerfung unter Macht): Mit Stufe 4 das Ideal autoritärer Bewegungen und Organisationen, z.B. Betriebe, Schule, ...

Stufe 2: Naiver instrumenteller Hedonismus (Moral ist wie ein Handelsgeschäft: wichtig sind Fairneß, Gefälligkeiten erwidern, aber auch Rache für Unrecht. Wie Du mir, so ich dir.) Der eigene Gewinn wirkt als Triebfeder. (Eisenberg)

Niveau 2 - Moral der konventionellen Rollenkonformität

Stufe 3: Moral des guten Kindes, das gute Beziehungen aufrechterhält und die Anerkennung der anderen sucht. (Die Konventionen werden auf dieser Stufe durch die geliebte Gemeinschaft und geliebte Autoritätspersonen repräsentiert.)
Stufe-3-Menschen erziehen indem sie Unterordnung unter die nächste verfügbare Autoritätsperson verlangen. -

Stufe 4: Moral der Aufrechterhaltung von Autorität. Die Konventionen werden hier durch geschriebene und ungeschriebene Gesetze und Regeln konkreter Gruppen repräsentiert. Die bestehenden Gesetze werden nicht infrage gestellt, wohl aber die Autorität von Autoritätspersonen, die gegen diese Regeln verstoßen. Stufe-4-Menschen erziehen, indem sie darauf pochen, daß alles weiter so gehandhabt werden muß, wie das schon immer war. Da sie die Konventionen, auf deren Einhaltung sie bestehen, auswendig lernen und sie nicht an den dahinter stehenden Grundsätzen messen, sind sie nicht fähig moralische Regeln von formalen Regeln zu unterscheiden.

Niveau 3 - Postkonventionell - Moral der selbst akzeptierten moralischen Prinzipien

In diesem Stadium besteht ein deutliches Bemühen, moralische Werte und Prinzipien zu finden, die ihre Gültigkeit und Bedeutung unabhängig von der Autorität von Gruppen oder Menschen haben, die diese Prinzipien vertreten, aber auch unabhängig von der Identifizierung des einzelnen mit diesen Gruppen.

Menschen die dieses Niveau erreichen (in der Regel Erwachsene, im Ausnahmefall Jugendliche) eignen sich moralische Normen, Werte und Prinzipien an, die über ihre eigenen Gruppen und der Gesellschaft hinaus gültig sind, und handeln in autonomer Verantwortung danach.

Das Individuum kann hier zum ersten Mal eine Perspektive annehmen, die ihm erlaubt, sich von Bedingungen gegebener sozialer Ordnungen freimachen zu können und ist nun in der Lage bestehende Regeln zu hinterfragen.

Es unterscheidet zwischen Heteronomie und Autonomie, Partikularem und Universalem und leidet an Schuldgefühlen, wenn es seine universalen Prinzipien verletzt hat.

Personen die dieser Stufe zuzuordnen sind, handeln und urteilen autonom, in moralischer Freiheit und nach ihrem Gewissen. Jedoch erreichen nur wenige Menschen diese Stufe.

Stufe 5: Moral des Vertrages, der individuellen Rechte und des demokratisch anerkannten Gesetzes/Rechtssystems. (Das konkrete einzelne Gesetz wird nicht mehr als absolut richtig und unveränderlich betrachtet sondern an den dahinter stehenden moralischen Prinzipien gemessen. Hier erst bekommt der Begriff "Gesetzeslücken" seine Bedeutung: Gesetzeslücken sind besondere Situationen, wo das konkrete Gesetz nicht mehr dem Prinzip gerecht wird, dessen Einhaltung es garantieren soll oder wo es mit übergeordneten Prinzipien in Konflikt gerät.)

Stufe 6: Gesetzgeber: Menschen die sich bewußt sind, daß eine moralische Entwicklung stattfindet, daß Menschen, die auf Stufe 1-4 stehen noch nicht fähig sind die bestehende Moral sinnvoll infrage zu stellen, und daß man ihnen deshalb Rahmenbedingungen vorgeben muß, die 1. einfache Regeln vorgeben, die allgemein anerkennbaren Prinzipien entsprechen und 2. dazu anleiten, eine moralische Entwicklung durchzumachen, so weit es die Intelligenz und die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten ermöglichen, möglichst bis zu Stufe 6 der moralischen Entwicklung führt.

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/KohlbergStufen.shtml#Postkonventionelles,%20autonomes

Bei Stufe 6 verrennt sich Kohlberg ein bisschen, denn die Vorstellung des "Gesetzgebers" als höchster Form moralischer Entwicklung entspricht einem Elite- und Führerdenken das in Monarchismus oder gar Diktatur endet. In der Demokratie wirkt ja eben das Parlament, als Vertretung der unterschiedlichsten Volksinteressen, als Gesetzgeber. Hier ist die Auffassung von Moral als etwas Kompliziertem und komplexem, das a) durch Gesetze geregelt werden kann und b) nur von Führern verstanden wird doch etwas zu eng. Moralisierende Gesetze sind heute den meisten ein Gräuel und kommen eigentlich nur noch in Gottesstaaten vor. Die Idee des "Gesetzgebers" als höchste Stufe der Verständnisses für Moral widerspricht nicht nur der Erfahrung (nach der viele Anwälte rechte Windhunde sind, viele Führer nicht führen weil sie darin so begabt sind, sondern weil sie die Macht geniessen. Weitaus mehr Gesetzgeber dürften sich in die Position gehievt haben, weil sie ihren Karriere und Machttrieb befriedigt, als dass sie eine überragende Stufe an Moralität erreicht haben.), sondern vor allem den auf Stufe 5 erwähnten Prinzipien der Demokratie, der berechtigten Kritik an Normen, die, genau wie alles Wissen, immer nur unter gewissen Perspektiven stimmen. Der Begriff "anleiten entschärft diese Kritik, deutet aber eben präzise eher auf eine Funktion als Lehrender, Intellektueller, Aufklärer ...

Zum Problem der Identität als konstruiertes oder von aussen gestütztes Ich

Es mag nun ein etwas seltsamer Zufall sein, der die Identität in eine Präsentation des Konstruktivismus gebracht hat ... vielleicht aber auch nicht, denn die menschliche Identität, als "mit sich selbst im Einen sein, mit sich selbst einig sein" ist selbst ein Konstrukt, ein sehr komplexes Konstrukt, dass der dauernden Anpassung bedarf. Die Identität ist immer der Realität ausgesetzt, und die sich daraus ergebenden Widersprüche können in ihr Risse verursachen, oder sie aufspalten in unterschiedliche personae (Masken) oder Rollen. Die Identität kann sich auf Grund ihrer Unverträglichkeit mit der gegebenen Umwelt auch irgend wann als Fehlkonstruktion auf Grund irrtümlicher Annahmen, oder eines "seltsamen" Umfeldes, oder unhualtbarer Zielsetzungen etc. entpuppen. Die Gefahr eines Bruches ist um so grösser, je stärker die eigene Identität aus Abgrenzung gegen andere (s. Identität I), statt aus innerem Wachstum eigener Stärken (und Schwächen) konstruiert ist (s. Identität II).

Dass diese Einheit des Menschen, das ICH, immer schwerer zu finden ist, wird auch unter Brainworker vielfach erwähnt (s. insbesondere Schizoidie, schizoid ...). Da Richard David Precht ein ganzes Buch darüber geschrieben hat [Richard David Precht: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? Goldmann. München. 2007], lassen wir ihn kurz zu Wort kommen: Das ICH, die Seele, ist bis heute noch nie gefunden worden. Am bekanntesten ist hier die Aussage des Anatomen Rudolf Virchow: Ich habe tausende von Leichen seziert, aber nie eine Seele gefunden.

Beim Menschen scheinen fast immer verschiedenste Ich-Zustände auf: Rollen, Identitäten als Familienvater oder - Mutter, Ehepartner, Nachbar, in Beruf, Hobby, Clubs, Vereinen, gesellschaftlichen Kreisen, als Gemeinde-, als Parteimitglied, als Staatsbürger.

Identität durch Liebe & Erwartungen

Eine einheitliche Identität bilde sich auf diese Weise nur schwer. Was fehle sei eine Bestätigung, in deren Spiegel sich der Einzelne als etwas Ganzes erfahren könne, eben als Individuum. Diese "Selbstdarstellung" leistet nach Luhmann die Liebe - das ist ihre Funktion. Liebe ist demnach die ganz normale Unwahrscheinlichkeit, "im Glück des anderen sein eigenes Glück zu finden." Je mehr sich der Liebende sicher sein kann, dass seine Erwartungen an die Stabilität erfüllt werden, um so spannungsloser werden dabei die Liebesbeziehungen - im guten wie im schlechten Sinne. Die romantische Idee der Liebe als Einheit von Gefühlen, sexuellem Begehren und Tugend, so Luhmann, ist deshalb immer eine Ueberforderung. In der Welt eines anderen überhaupt Sinn zu finden - und sei es auch nur auf Zeit - sei deshalb schon viel.

In der Gesellschaft werden keine Stoffe und Energien ausgetauscht, keine Neuronen wie im Gehirn, sondern Erwartungen. Der Satz "Ich liebe Dich" ist weit mehr als eine Gefühlsäusserung wie etwa der Satz: "Ich habe Zahnschmerzen". Gemeint ist ein ganzes System von Versprechungen und Erwartungen. Wer seine Liebe versichert, verspricht, dass er sein Gefühl für zuverlässig hält und dass er für den Geliebten sorge trägt. Dass er also bereit ist, sich wie ein Liebender zu verhalten mit all dem, was dies in den Augen des anderen in unserer Gesellschaft bedeutet.

Sie zweifeln? Noch zweifelhafter allerdings ist die heute dominierende Art der Identitätskonstruktion - über das Haben:

Nicht weniger plausibel aber ist der Verdacht, dass es auch gerade umgekehrt sein könnte: Weil Liebe keine Langfristigkeit sichert, weiche ich auf den Konsum aus - einfach weil er zuverlässiger ist. (Wer musste schon je an der Liebe einer Gucci-Tasche zweifeln ...). Exzessiver Konsum wäre damit so etwas wie ein Zeichen von Lebensangst oder von Bequemlichkeit oder beides. Wo die Gefühlswelten anderer Menschen zu kompliziert sind, verlasse ich mich lieber auf die zuverlässigeren Bilder- und Gefühlswelten von Waren. Ein Mercedes ist auch in fünf Jahren noch ein Mercedes, ein geliebter Mensch, ein Partner oder ein Freund, garantiert dies nicht. Auf diese Weise wäre dann auch erklärbar, warum ältere Menschen in ruhigeren Lebensverhältnissen zumeist langfristig hochwertige Dinge bevorzugen; Jugendliche mit einem altersbedingten geringen Bedürfnis nach emotionaler Zuverlässigkeit, dagegen den schnellen Wechsel - die Mode.

Kulturgeschichtlich betrachtet hat die "Liebe zu den Dingen" in den industrialisierten Ländern heute einen Höhepunkt erreicht, den es so noch nie zuvor gab. [S. 333. do Erich Fromm]

Denn Eigentum bietet eine vergleichsweise stabile Möglichkeit, sich emotional auszudehnen - wenn auch mitunter auf Kosten alternativer sozialer Ausdehnungsmöglichkeiten. [S. 334] Wachstum wurde genau hier zum Fetisch.

Auch hier wieder die Dominanz der Spaltung, der Schizoidie, vielleicht sogar Schizopphrenie unserer gegenwärtigen kultureller Normen. Dennoch spricht alles dafür, dass der Geist des Menschen Gestalt ist, also etwas Geschlossenes, Kompaktes, wenn auch Wandelbares. Das ICH muss (fast) immer in der Lage sein, die zerfallenden Teile zusammen zu halten, zusammen zu fassen, sonst zerbricht die Psyche früher oder später wirklich.

Mehr zu dem Thema demnächst als Bearbeitung von Karen Horney: Der neurotische Mensch unserer Zeit und Erich Fromm: Haben oder Sein?

2.3 Identität  - die soziologisch definierte Rolle - das virtuelle (also konstruktivistische) Berufs- und Gruppen-Ich.

[W. Reese-Schäfer (Hrsg.): Identität und Interesse. Der Diskurs der Identitätsforschung. Leske + Budrich. Opladen 1999.]

Die grundlegenden Merkmale der Gemeinsamkeit können wechseln. Mal ist es die Gemeinsamkeit der Sprache, mal eine bestimmte geschichtliche Tradition; mal ist es die gemeinsame Religion; aber auch Kombinationen kommen vor. ... Entscheidend ist, dass schon die Nationswerdung nicht als quasi naturwüchsiger Prozess zu betrachten ist, sonder als "ein bewusster, ins Werk gesetzter Vorgang, angestossen und geprägt von einer sei es geistig, sei es politisch führenden Schicht. Die Herstellung eines Wir-Bewusstseins ist ein politischer und organisierter Prozess - allerdings kann er nicht völlig frei an beliebig vorhandenen Merkmalen konstruiert werden, weil sonst die Akzeptanz bei den auf diese Weise zu organisierenden Bürgern nicht hergestellt werden könnte. [S. 19]

Definitionen:

Identität bedeutet Bindung an Sinnkonzepte, kulturelle Werte und Orientierung an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft innerhalb der Gesellschaft. In komplexen, sich rasch wandelnden Gesellschaften wird dies zum Problem.

http://www.brainworker.ch/psychologie/entwicklungspsychologie.htm

Auf jeden Fall bezeichnet Identität nicht den letzten unhintergehbaren, substantiellen Kern des Subjekts, sondern einen Relationsbegriff, der eine mit den Übergängen zwischen den verschiedenen Lebensformen verbundene Komplexität ausdrückt. Identität bedeutet demnach, sich zu den pluralen Möglichkeiten des modernen Lebens überhaupt adäquat verhalten zu können und adäquates Verhalten bedeutet, Übergänge gestalten zu können. [Welsch, zit. von Brenner/Zierfas in: Lexikon der Lebenskunst. S. 221]

Identität bedeutet wörtlich: vollständige Übereinstimmung. ist also ein eher dämlicher Ausdruck, denn vollständige Übereinstimmung hat ja jemand bloss mit sich selbst ... ausser er sei Schizophren. Niemand kann also eine selbständige, freie Person sein und gleichzeitig vollständig durch eine partielle Kultur wie die des Geschlechts, der Sprache (Röschtigraben, Belgien), der Heimat (gute Nationalisten versus böse Einwanderer),  der geschichtlichen Hintergründe determiniert werden. Der Begriff taugt bloss als Herrschaftsmittel, wenn Personen auf Merkmale reduziert werden: Also primär fremder Fötzel (allenfalls gemässigt durch: ... allerdings mit viel Geld). Identitäten sind normativ, übel ausgenutzt in allen autoritären Regimes die "die richtige Einstellung" verlangen.

Noch dämlicher ist "Identität" über Fussball (die sofort zerbröselt, wenn die Mannschaft verliert), oder national herausragende Persönlichkeiten, die ebenfalls sofort weg vom Fenster sind, sobald sie mal was sagen, was im Mainstream nicht so ankommt. Gipfel der Dämlichkeit der nationalen Identität sind Tele-Hanswurste, Figuren wie xy-national, von denen die meisten nicht mal wissen, was sie tun, die aber doch vielen bekannt sind weil sie telegen gut aussehen, falsch singen oder konsensfähigen Unsinn verzapfen. Ja mei, nein danke für eine solche "Identität". Not for me, not with me.

Meine Definition:

Identität ist das perfekte Konstrukt, das Person und Persönlichkeit quasi 1:1 abbildet - aber dieser zugleich als Entwurf dient, sich selbst zu entwickeln. Identität ist also Abbild und Bauplan zugleich, damit ein "ewiges Provisorium."

Die Identität des ins Leben, in die Existenz geworfenen Menschen (im heideggerschen wie im geburtstechnischen, also wörtlichen Sinn), ist meist ein Entwurf, der danach strebt, zum grossen Wurf, zum Übermenschen zu werden (s. Existenzialismus, insbesondere Camus) ... oder zumindest seine(n) Beruf(ung) zu finden.

Flexibilität im Beruf macht also auch die Identität "flexibel", was früher ein "windiger Charakter genannt wurde, ist heute Standartanforderung an jeden.

Flexibilisierung verbunden mit der Globalisierung zwingen die Persönlichkeit/Identität ja praktisch dazu, sich dauernd neu nach Vorgaben von aussen, vom Markt umzugestalten, also quasi dauernd "ausser sich zu sein" - dauernd aus dem Gleichgewicht. (s. u.)

Identität könnte man also nach der Definition von Brenner/Zierfas definieren als den Kompass und das persönliche "Zeichenbrett", mit denen das Individuum die unterschiedlichen Lebensformen die es konstituieren immer wieder re-konstruiert und anpasst.

2.3.1 Die Konstruktion der Identität

Jedes Ding bedarf zu seinem Sein seines Gegenteils

Heraklit

Piaget betrachtet den Menschen als ein "offenes System". Darunter versteht er einen Organismus, der sich wandelt, auf Einflüsse der Umwelt reagiert, sich anpasst und die Umwelt selbst beeinflusst. Somit gliedert der Mensch seine Welt. Das System bleibt offen.

In diesem "offenen System" ist vieles möglich. Dennoch sind dem Menschen Grenzen gesetzt, z.B. die biologische Grenze. Zur Offenheit des Systems gehören Denkstrukturen und Gefühle, die für andere Menschen nicht ohne weiteres erkennbar sind.

Piaget ist der Ansicht, dass Menschen nach einem ständigen Ausgleich streben, dass sie versuchen, ihr Gleichgewicht zu erlangen. Dies geschieht durch Assimilation oder Akkommodierung. Wenn dies misslingt, entsteht ein Ungleichgewicht. Doch der Organismus strebt nach Erkenntnis bzw. hat ein Bedürfnis nach Erkenntnis dessen, was für ihn eine Bedeutung hat. Das Sein wird durch seinen Antrieb aktiv, das "offene System" entwickelt sich.

So entsteht nach Piaget Identität durch das ständige Streben nach Gleichgewicht und die Auflösung des Ungleichgewichts.

http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Piaget

Persönliche Identität umfasst sowohl Selbstreflexivität als auch Integration, hat immer die Aspekte von Ich-Identität und Wir-Identität. Die "kollektive Identität" an und für sich ist jedoch eine virtuelle Identität, für das Individuum keine selbst bestimmte Identität, sondern eine auferlegte Identität - also Teil der RolleIm Mittelalter wurde der Mensch erst zu einem solchen, wenn er eine Rolle übernahm, die er nicht selber geschrieben hatte ... Heute gilt wieder das Selbe, wenn man einen Job sucht. Renaissance, Aufklärung, Selbstverwirklichung adé.

Castells unterscheidet 3 Formen des Aufbaus von Identitäten:

  1. Legitimierende Identität: Wird durch die herrschenden Institutionen einer Gesellschaft eingeführt, um ihre Herrschaft gegenüber den sozial Handelnden auszuweiten und zu rationalisieren. Sie bringt durch ihre Apparate (Gramsci) wie Kirche, Gewerkschaften, Parteien, Kooperativen, Bürgervereinigungen die Zivilgesellschaft hervor.
  2. Widerstandsidentität: Wird hervorgebracht durch Akteure, deren Position oder Lage durch die Herrschaft entwertet und/oder stigmatisiert werden. Sie errichten daher Barrikaden des Widerstandes und Überlebens, auf der Grundlage von Prinzipien, die sich von denjenigen unterscheiden, die die Institutionen der Gesellschaft durchdrungen haben oder diesen entgegen stehen. Regionalismus - als Gegenbewegung zum Nationalismus, dieser - als Gegenbewegung zur Globalisierung, Feminismus als Gegenbewegung zum Paternalismus und Patriarchat, Faschismus als Gegenbewegung zur diffusen Steuerkraft der Demokratie, Terrorismus als aktiver Widerstand gegen herrschende Macht ... kurzum fast alle Ismen die nicht in den herrschenden (Neoliberal-)Ismus passen. Sie bringt neue Gemeinschaften (communities) hervor. Sie muss die Probleme lösen, die das herrschende System verursacht und aus eigener Kraft, wegen Systemblindheit (fundamentalistischer Loyalität zum System), nicht zu lösen vermag (Kommunitarismus / Bürgergesellschaft als Gegenbewegung zum Kapitalismus, nachdem der Kommunismus den Löffel abgegeben hat) . Oft allerdings entsteht daraus, dass die Ausschliessenden durch die Ausgeschlossenen ausgeschlossen werden, bloss eine unergiebige Pendelbewegung, typisch für das Zweiparteiensystem.
  3. Projektidentität: Wenn soziale Handelnde auf der Grundlage irgendwelcher ihnen verfügbaren kulturellen Materialien eine neue Identität aufbauen, die ihre Lage in der Gesellschaft neu bestimmt, und damit eine Transformation der gesamten Gesellschaftsstruktur zu erreichen suchen. Hierfür stehen diejenigen Ismen der Widerstandsidentität, die sich ausreichend abgegrenzt haben und nun konstruktiv eine Veränderung anstreben.

[Manuel Castells: Die Macht der Identität. Das Informationszeitalter II. UTB 8260, Opladen 2003. S. 10 ff.]

Diese Formen erklären auch grad, warum die Linke meist derart zerfleddert ist, dass die Rechte eigentlich machen kann, was sie will (was sie selbst dadurch tarnt, dass sie dennoch unentwegt gegen die Linke anschreit): Es gibt sehr viele Widerstandsidentitäten, die sich die Kooperation gegenseitig schwer machen, ja eigentlich verunmöglichen, weshalb daraus auch nur sehr wenige Projektidentitäten entstehen. Sind diese aber entstanden, sind sie ebenfalls meist wieder genau so exklusiv, wie die Identität, gegen die man Widerstand leistet ... oder all die andern Projektidentitäten. Hier wäre es ab und zu mal nötig, den gemeinsamen Nenner der Widerstände zu suchen und zu benennen, um die Reihen schliessen zu können. Hier allerdings besteht dann wiederum die Gefahr, dass man auf zu einfache Geschichten reduziert, und reinen Populismus produziert, wie das von Rechts gerne getan wird.

2.3.2. Wer hat Interessen an der Identität?

Identifikation braucht, wie das Wort schon zeigt, Identität. Wer seine Kunden, Wähler, Konkurrenten, Feinde etc. identifizieren kann, hat leichteres Spiel, da er Schwächen und Stärken gezielt ausnutzen kann - wie bereits oben beim Thema Politik.

Spielten früher bei uns Ideologien und die Religion einen entscheidende Rolle zur Identifikation spezifischer Interessen, ist es der Marktgesellschaft geschickt gelungen, Interessen auf einen einzigen Faktor zu konzentrieren, der sich zudem äusserst Nützlich erwies, um das individuelle Verhalten zu steuern: Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zum Gewehr. [S. 10]

Man hielt eine Welt, in der die Menschen nur noch ihre Privatinteressen verfolgen, für wesentlich kalkulierbarer und deshalb auch besser regierbar als eine solche, in der die Bürger um Ruhm und Ehre wetteifern. [S. 9]

Wenn der Gelderwerb ein für allemal mit dem Interessebegriff gleichgesetzt wird, dann kann man auch die irrationalsten damit verbundenen Tätigkeiten als interessemotiviert betrachten. [S. 12] ...

2 x lesen, der Satz ist Kernsatz, ja Axiom unserer Gesellschaft!

Folge:

Es kam zu einer völligen Unterordnung der gesamten Lebensplanung unter das Wohlstandsziel. Der konservative Soziologe Helmut Schelsky fasste diese Totalität in seiner Modellvorstellung von der "nivellierenden Mittelstandsgesellschaft zusammen, in der die Masse der Gesellschaft sich in den mittleren Einkommensschichten gruppiert, mit sozialen Konsequenzen: Es scheint so, als ob an Stelle des Klassenstatus die Verbraucherposition zur zentralen Determinante aller Verhaltensformen wird, sei es in der Kindererziehung, in der Politik oder in den kulturellen Bereichen, so dass der negative Prozess der Nivellierung der Klassengesellschaft positiv als die Herausbildung der hochindustriellen Freizeit- und Verbrauchergesellschaft zu bestimmen wäre. [S. 238-9]

Für Adam Smith allerdings war Selbstinteresse der lebenslange, ruhige und leidenschaftslose Handlungsdisposition des Menschen, die von Habsucht und Habgier strikt unterschieden werden muss. [S. 11]

Identität geben sich heute aber nicht bloss Menschen, sondern, der besseren Verkaufbarkeit wegen, auch Standorte, die ihre Identität als "Image" vermarkten:

Standorte sind in der Tat Produkte, deren Identität und Wert aufgebaut und vermarktet werden müssen. Ein Standort, der es versäumt, sich erfolgreich zu platzieren, riskiert wirtschaftliche Stagnation und Niedergang (Kotler 1994. Zit. S. 207])

Die Schaffung eines mächtigen Images ist Teil des gesamten Marketingprozesses. Es verlangt nach einer guten strategischen Marktprüfung, zielgerichteter Produktionsverbesserung und kreativer Erfindung von Symbolen. Hat ein Standort diese Schritte unternommen, ist seine nächste Aufgabe, das neue Image unter seinen Zielgruppen zu verbreiten.

Eine "Identität" brauchen auch Staaten, insbesondere neue Strukturen wie etwa Europa, um den Zusammenhalt zu sichern:

  • Für die Ausbildung einer europäischen Identität bedarf es als Bezugsobjekt einer normativen und verhaltensstrukturierenden Ordnungsvorstellung.  [S. 91]
  • Die Europäische Gemeinschaft hat sich primär über ökonomische Effizienzkriterien legitimiert und lange Zeit umfassendere Ordnungsvorstellungen abgewiesen. [S. 93]
  • Der Euro ist ein Symbol der Europäischen Identität.

2.3.3. Probleme und Gefahren

  • In der Hauptsache müssen wir uns also davor hüten, wie das liebe Vieh der Herde unserer Vorgänger zu folgen und weiter mitzugehen, wohin man eben geht, und nicht, wohin man eigentlich gehen sollte. Nichts verwickelt uns nämlich in grössere Schwierigkeiten als unsere Neigung, sich nach dem Gerede der Leute zu richten, das heisst, immer für das Beste zu halten, was allgemein Beifall findet, und sich an die blosse Zahl der Beispiele zu halten, also unser Leben nicht nach Vernunftgründen, sondern nach verwandten Erscheinungen zu gestalten.

    Seneca

    Identitätsgruppen zentrieren sich um sich selbst und für sich selbst und niemand sonst. Eine Koalition solcher Gruppen würde nicht von einem gemeinsamen Ziel oder gemeinsamen Werten zusammengehalten und deshalb nur zeitweise funktionieren. "Befreiungsbewegungen" entpuppen sich immer wieder (zumindest teilweise) als erwünschte Entlastung von armen Vettern: Lega del Norte / Basken / Kurden Iraks / :

    Durch räumliche Segregation entstehen auch innerhalb eines Landes reiche und arme communities und durch Verstärkung der wechselseitigen Autonomie lassen sich soziale Verpflichtungen der Gemeinschaft kappen. [S. 84]

  • Was auch immer ihre Rhetorik ist: die gegenwärtigen Bewegungen und Organisationen mobilisieren nur Minoritäten. Auch innerhalb der Zielgruppen wird kaum mehr als eine Minderheit mobilisiert.
  • Der Druck auf Menschen, sich für eine und nur eine einzige Identität zu engagieren, trennt sie voneinander und wirkt isolationistisch. [S. 24]

Gerade Europa zeigt das Problem der "multiplen Identität" einer multikulturellen Gesellschaft. Um dieses zu lösen gab es in der Geschichte folgende Ansätze:

  1. Einwanderungsgesellschaften sind liberale Gesellschaften mit einem systematischen Vorrang individueller Wahlfreiheit und individueller Selbstachtung im Bereich möglicher, wählbarer Lebensformen vor Herkunft und Zugehörigkeit.
  2. Eine liberal-individualistische Grundorientierung resultiert im Vorrang einer nationalen Kultur vor ethnischen, sprachlichen oder religiösen Teilkulturen. Ausnahme von diesem Prinzip gelten nur für solche Menschen, die sich aus kontingenten Gründen nicht auf Dauer in der Einwanderungsgesellschaft aufhalten wollen bzw. gegen ihren willen in ihren politischen Verband aufgenommen worden sind oder die aufgrund von Verfolgung als Gruppe mit dem Ziel wanderten, ihre Lebensform zu bewahren und weiterzuentwickeln.
  3. Aufgabe und Pflicht des demokratischen Rechts- und Sozialstaats in der Einwanderungsgesellschaft ist es, alle Menschen in die Lage zu versetzen, zu einer sich befriedigenden Lebensform zu finden, aber nicht, diese Lebensform als Staat selbst zu fördern. [S. 47]

Gesellschaftliche Integration darf nicht zur Aufgabe der kulturellen Identität zwingen, also keine Übernahme der Mehrheitskultur = Leitkultur.

Anhand des Denkmodells Konstruktivismus lässt sich das Problem von Einwandererkindern nun auch sehr leicht erklären: Ihre Identität ist gespalten in zwei kulturelle Identitäten. Ihr Konstruktionskonzept oft ärger als ein Bild von Escher. Die Folge davon: Schlechte "Passung" in beide Kulturen. Diese gespaltene Identität lässt sich nun nicht per Dekret und gehorsame Unterwerfung unter die Leitkuh/ltur in eine "einheimische, neoschweizerische" (gilt auch für neoschwäbische, neogermanische, neoaustrische etc) verwandeln, sondern kann sich nur entfalten, wo Chancen für einen Lebensplan sichtbar sind.

Identität besteht nämlich nicht bloss aus Vergangenheit, welche die Gegenwart bestimmt, sondern ist, als Bauplan, eben so stark auf zukünftige Entwicklungen und Erwartungen bezogen. Identität ist auch Zukunftsorientierung. Wo keine persönlichen Zukunfts-Erwartungen und -Hoffnungen vorhanden sind, kann kein Bauplan entstehen. Identität braucht Chancen und Freiheit, um sich entwickeln zu können, auch wirtschaftliche Freiheit - die bei Armut nicht existiert ... also nicht bloss auf Grund staatlicher Vorschriften! Identität ist die Antwort auf die Frage an das Ich: Welches Skript kann ich für mein Leben schreiben.

Die dringend zu beantwortende Frage betreffend der beruflichen Identität lautet:

Muss der Mensch in die Wirtschaft passen, muss er so konstruiert sein, dass er der Wirtschaft passt -
oder muss die Wirtschaft den Menschen passen,
also so konstruiert sein, dass sie ein gutes und angenehmes Leben erlaubt?

Wettbewerb ist keine Antwort darauf, sondern bloss ein Mittel, Menschen die der Wirtschaft nicht passen auszuscheiden und somit vom guten, angenehmen Leben auszuschliessen - und denen die übrig bleiben, vor allem denen, die sich lukrative Leistungsjobs sichern können, ein angenehmes Leben zu sichern.

De Chirico 1917: Hektor und Andromache

2.4 Nichtviabilität als Falsifikation
Eine Hypothese als falsch erwiesen zu haben, ist der Höhepunkt des Wissens.

McCulloch, Kybernetiker: 

Die (postmoderne) Philosophie kam in der 2. Hälfte des 19. JH zum Schluss, dass Aussagen immer relativ zu einem bestimmten Rahmen zu verstehen sind - und dass es keine Metaphilosophie gibt, anhand derer die Richtigkeit oder gar Wahrheit von Weltbildern, Konzepten, Denkstrukturen sich generell beurteilen liesse:

Und eigentlich nur dort, wo Weltbilder scheitern, meldet sich die Realität zu Worte.

Weltanschauungen lassen sich nicht falsifizieren - sie können allerdings angenehmere oder unangenehmere (Strukturbrüche, Funktionsstörungen ...) Folgen für ihre Anhänger haben. Vermutlich sollte man sie einfach danach bewerten ...

Von Glasersfeld ersetzt Wahrheit/Richtigkeit durch Viabilität (Überlebensfähigkeit) und Falschheit/Irrtum durch Nichtviabilität. (Manchmal tun es statt "wahr" auch Ausdrücke wie "unbestreitbar", "unwiderlegbar" oder "logisch unanfechtbar".) Viable Konstruktionen können mit der Realität nicht positiv abgeglichen werden. Zwar erlaubt uns das Scheitern unserer Konstruktion eine bloss negative Bestimmung der Realität, ein "So geht's nicht!"

Die Viabilität eigener Konstrukte, meist als Ideen oder Meinung bezeichnet, wird Tag für Tag in der Kommunikation erprobt:

Beispiel Kommunikationsanalyse:

 

Für einen klareren Dialog zwischen den Menschen reicht also die bis anhin von mir favorisierte Argumentation nicht (allerdings für einen konstruktiven sokratischen schon). Jeder sachlich-wahrheitsorientierte Dialog muss unter diesen Gegebenheiten aus drei Perspektiven beobachtet werden:

Die sachliche (objektive) Ebene des ES

Die persönliche (subjektive) Ebene des ICH

Die zielorientierte (strategische) Ebene des WIR
(auf englisch als speen bezeichnet, die Drehrichtung)

  • Die Agenda des/der Redenden oder Schreibenden (s. Rolle / Rollenspiele):

    • Wer sagt was?

    • Warum tut er oder sie das?

    • Welche Rolle spricht aus der Person - welche Rolle wird angesprochen.

 

2.5 Paradoxie als Warnsignal

Die Paradoxie ist somit ein epistemologisches Warnlicht, das zu blinken beginnt, wenn - im Sinne von Glasersfeld - eine Konstruktion nicht mehr passt oder, in andern Worten, wenn es sich herausstellt, was die Wirklichkeit nicht ist. [II. S. 231]

Strukturbrüche und Funktionsstörung (Arbeitslosigkeit auf der einen - Ueberlöhne und -Profite (nicht vergessen!) auf der andern Seite) stellen ebenfalls solche Warnungen dar, die Aufzeigen, dass etwas mit dem Konstrukt nicht stimmt. Die Theorie des Konstruktivismus, konsequent angewandt, erlaubt uns nun eigentlich solche Störungen wirklich als Warnungen ernst zu nehmen, und uns nicht propagandistisch über den Tisch ziehen zu lassen durch das Argument, es handle sich bloss um temporäre Probleme auf dem Weg zum goldenen Zeitalter, Probleme die zudem von den Betroffenen, den Verlierern, den Geschädigten, den Entlassenen, den Armen ... selbst zu verantworten wären. Konstruktivismus heisst nämlich auch, dass irgendwer konstruiert. Und wer was konstruiert auf dieser Erde haftet immer für sein Konstrukt - wie jeder Journalist für sein Produkt haftet, falls es gegen rechtliche Normen verstösst. Fassen wir also endlich die Wirtschaft als das auf was sie ist, als Konstrukt, und behandeln sie dementsprechend, d.h. wenn sie mehr Schäden und Leid produziert als Lust und Freude - als Fehlkonstruktion.

2.5.1 Das Paradoxon von Spezialisierung, Flexibilität und Loyalität

Wissen im Sinne von Bildung ist hier nicht gefragt, sondern bloss Ausführungswissen, Wissen, wie sich in die Maschine einfügen, die Fähigkeit, sich dem Takt der Maschine anzupassen. (Apropos Takt: Deshalb wohl wird "Takt" so stark betont von der Elite, den Führenden, den Gebüldeten - und ihren, meist weiblichen, Trainern.). Takt zeugt von Einordnung in das Gegebene, von Einklang mit dem Bestehenden, von Konservatisvismus..

Die Optimierung von flexibler Passung ist heute wichtigsten Ziel der Ökonomie - im Dienste maximaler Produktions- und Gewinnsteigerung. Was die Aufgabe der Ökonomie, Notwendiges mit geringstem Aufwand zu erzeugen - betrifft, ist dies wohl richtig, nicht aber wenn es um die Funktion der Menschwerdung geht, denn genau hier läuft die Entwicklung total verkehrt. Statt dass der Mensch die Wirtschaft zur Produktion notwendiger und auch bloss erwünschter Güter und Dienstleistungen nutzt - missbraucht die Wirtschaft den Menschen als Funktionär. Funktioniert er nicht richtig, fliegt er raus und der Staat soll sich um ihn kümmern, oder, noch besser, er soll sich in die richtige Form bringen, dass er als Rädchen vorübergehend und günstig wieder wo eingesetzt werden kann. Ein Staat in dem die Wirtschaft über den Menschen bestimmt wird zum Ameisenstaat (was um so absurder ist, als A-Meise als "ohne Meise" ausgelegt werden könnte ... so was aber ohne Meise ja gar nicht auszuhalten ist.) Hier also ein weiteres Paradoxon, das Paradoxon des Gehorsams: Geredet wird von Freiheit - gewünscht und herangezogen werden Ameisen.

Geredet wird von der Wissensgesellschaft - gefragt ist aber weder Wissen noch Identität als Persönlichkeit, Charakter sondern maximale Funktionspassung. Identität ist nicht gefragt, sondern Funktionalität und Flexibilität - die leicht zu identifizieren ist. Identität gilt bloss als Mass für die Passung oder Kriterium des Ausschlusses.

 

3. Neues Denken = strukturänderndes Denken = Häresie und der Pluralismus

Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern,
Was ihr nich fasst, das fehlt euch ganz und gar,
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sei nicht wahr,
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht,
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.

Mephisto, Faust II

Der Glauben an Regelmässigkeit, also an Induktion und einer gewissen Vorhersagbarkeit, erlaubt erst das Leben. Würden die Aepfel heute vom Baum auf den Boden fallen, morgen vom Boden auf den Baum, wäre kein Leben möglich. Wir sehen allerdings anhand des Beispiels, dass zwischen unterschiedlichen Wissensbeständen und ihrer Orientierungsqualität stark unterschieden werden muss. Während Physik, Chemie; Naturwissenschaften generell relativ präzise Vorhersagen erlauben (abhängig von der Komplexität des Systems natürlich, s. Wetter), ist das in der Soziologie und Politik schwieriger. Da werden selbst Experte immer wieder überrascht. So hat keiner den Zusammenbruch der UDSSR vorhergesagt, so konnte keiner den Krieg im Irak verhindern, obwohl es allen die sich ehrlich mit den Daten befasst haben, dass hier massiv gelogen wurde.

Gewisse Dinge müssen regelmässig, konstant, unverändert bleiben, da Veränderungen immer Kosten verursachen (s. Paradoxon der Flexibilität). Anhand dieser Gesetzmässigkeiten machen wir uns ein Bild von der Welt, ein Welt-Bild. Da für die einen bloss Naturwissenschaften verlässliches Wissen darstellen, für die andern die Religion, unterscheiden sich die Weltbilder entsprechend.

Problematisch geworden sind heute nicht bloss religiös fundierte Weltbilder, sondern auch dasjenige der Wissenschaften. Ihnen ist Objekt und Objektivität abhanden gekommen. Die Sicherheit abhanden gekommen. Motive Interessen und Forscherdrang müssen unterdrückt, diszipliniert, den Profiterwartungen untergeordnet werden. Das Interesse an Studienrichtungen die nicht versprechen, dass man dadurch reich wird, lässt nach. Ingenieure können nicht pröbeln, sondern müssen Aufträge erfüllen. Erkenntnis wird so weit fragmentiert, dass bei der Detailarbeit industrieller Forschung nicht bloss der Überblick, sondern oft gleich der Sinn verloren geht (also zumindest jeder Sinn, der nicht  Rendite heisst).

Häresie / Pluralismus: Die Regelmässigkeit des Denkens, geprägt durch Rollenverhalten (> s. auch Identität), geprägt durch ein Vorverständnis in der Lebenswelt, durch Erwartungen von Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Mitmenschen, normiert. Persönlichkeit sperrt ein, trennt ab, ideologisiert, verarmt. Harry, der seinen Auftrag wortgetreu erfüllt, wird bestraft durch Auslachen.

Steppenwolf Hesses im magischen Theater, erklärt von Pablo:

Mein Theaterchen hat so viele Logentüren, als Ihr wollt, zehn oder hundert oder tausend, und hinter jeder Tür erwartet Euch das, was Ihr gerade sucht. Es ist ein hübsches Bilderkabinett, lieber Freund, aber es würde Ihnen nichts nützen, es so zu durchlaufen, wie Sie sind. Sie würden durch das gehemmt oder geblendet werden, was Sie gewohnt sind, Ihre Persönlichkeit zu nennen. Ohne Zweifel haben Sie ja längst erraten, dass die Ueberwindung der Zeit, die Erlösung von der Wirklichkeit, und was immer für Namen Sie Ihrer Sehnsucht geben mögen, nichts anderes bedeutet als den Wunsch, Ihrer sogenannten Persönlichkeit ledig zu werden. Sie ist das Gefängnis, in dem Sie sitzen. Und wenn Sie so, wie Sie sind, in das Theater träten, so sähen Sie alles mit den Augen Harrys, alles durch die alte Brille des Steppenwolfes. [II. S. 312]

Häresie: bedeutete ursprünglich nicht Ketzerei, sondern Wahl, bezeichnete also einen Zustand in dem man noch wählen kann ... was den Fundamentalisten natürlich immer ein Gräuel war.

Ebenso ist der normierte Denker nie Erfinder oder Forscher, sondern allenfalls Erfindungsbeamter (Ausnahmen wie Einstein als Patentbeamter bestätigen die Regel ...) oder Forschungsfunktionär. Denkänderungen, Neues, Erweiterungen unseres Wissens geschehen nämlich erst durch "Verstösse" gegen etablierte "Denkgesetze", Taxonomien oder Logiken zustande - durch Adaptation, durch Umstrukturierung, durch Schaffen neuer Denkstrukturen - also durch Häresie:

Wer erfasst hat, dass seine Welt seine eigene Erfindung ist, muss dies den Welten seiner Mitmenschen zubilligen. Wer weiss, dass er nicht recht hat, sondern dass seine Sicht der Dinge nur recht und schlecht passt, wird es schwer finde, seinen Mitmenschen Böswilligkeit oder Verrücktheit zuzuschreiben und im primitiven Denken des manichäischen "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich" zu verharren. Die Einsicht, dass wir nichts wissen, solange wir nicht wissen, dass wir nichts endgültig wissen, ist die Voraussetzung des Respekts für die von andern Menschen erfundenen Wirklichkeiten. Erst wenn diese anderen Wirklichkeiten selbst intolerant werden, würde er - wiederum im Sinne Karl Poppers - das Recht für sich in Anspruch nehmen, die Intoleranz nicht zu tolerieren. [II. S. 311]

Sehen wir uns einmal das Problem Grosse Geschichte/Grosses Buch (die's in der Postmoderne nicht mehr gibt) - kleine Geschichte/kleines Buch (= perspektiven- und situationsabhängige Konstruktion) anhand der Fachhochschulen an:

Fachhochschulen wurden geschaffen, um die dort auszubildenden schneller und eben praktischer, also weniger theorielastig auszubilden.

Hier besteht das Risiko, dass der konstruktivistische Grundsatz: Menschliche Konstruktionen die für menschliche Konstruktionen genutzt werden können - etwas zu eng ausgelegt wird. Aristoteles mag zwar ein alter Knochen sein, als "abgeschrieben" kann er jedoch nicht gelten, denn seine Klassierung des Wissens war hier um einiges intelligenter als unsere Unterscheidung von Theorie und Praxis, unrentabel-rentabel:

http://www.brainworker.ch/waldphilosophie/wertphilosophie.htm

Konstruieren ist eine Handlung mit einem Zweck und bestimmten Mitteln und Kriterien für die Beurteilung des Gelingens oder Scheiterns. Deshalb bleibt auch die Wissenschaft immer rechtfertigungspflichtig.

Und derjenige der immer beide Seiten der Münze ansieht, bevor er sie lobt - und sie umprägt falls sie ihm wertlos erscheint, das wäre dann eben der Kyniker, der dummerweise von Sloterdijk mit den Geldzynikern - die alle Werte durch den Geldwert ersetzen - in den selben Topf geworfen wurde. Nur ein Zyniker ist eigentlich auch in der Lage, den Konstruktivismus mal "pro forma" ernst zu nehmen, d.h. für ein plausibles Modell des Wissens zu halten und auszuprobieren ... wobei er sich erstaunlicherweise als äusserst produktiv erweist, der Konstruktivismus natürlich.

Banale, unqualifizierte - aber für die meisten Wissenschaftler und Philosophen, die noch an "die Wahrheit" glauben, vermutlich typische Kritik des Konstruktivismus von 2003, ergänzt durch ein aktuelles Lob des Konstruktivismus und seiner Vorzüge.

Martin Herzog, Basel, 22.4.07