INTERDISZIPLINARITAET - TRANSDISZIPLINARITAET - PARADISZIPLINARITAET ...
Warum nicht einfach Philosophie?
|
Wie macht man die Wissenschaften philosophisch? Indem man ihnen philosophische Fragen stellt, sie sokratisch der Belanglosigkeit ihrer Antworten überführt, sie zwingt, über das Motiv ihrer Erkenntnis nachzudenken ..." Kocka, J (Hrsg.): Interdisziplinarität. Praxis-Herausforderung-Ideologie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 671. Frankfurt a.M. 1987. |
Definitionen:
Wissenschaften sind Systeme von Aussagen, Theorien, Fakten, Methoden und Experimenten - eine Begründungspraxis mit meist festgelegter Methode zur Entwicklung überprüfbarer rationaler Argumente.
Philosophie sucht nach dem Verständnis des Ganzen, nach Sinn und Weisheit, nicht nach Fortschritt oder Wahrheit in Details. Grundsatz der Philosophie ist, dass nichts was für gemeinsame Orientierungsbemühungen von Bedeutung ist, sich der philosophischen Such nach Begründungen und Kritik entziehen kann und soll. Philosophie ist nicht reine Spekulation, sondern ein auf Sachverstand beruhendes Können, ein sich Auskennen.
Kurz gefasst:
|
Wissenschaft vertieft das
Wissen systemisch integrierbarer Spezialgebiete, |
Das disziplinäre Vorgehen führt zu einer fragmentierten Anschauung. Diese ist bereits bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Organismen ein Problem, da das Lebewesen als Ganzes funktioniert und nur als Ganzes ein Organismus ist. Bei Problemen die von grundverschiedenen Wissenschaften, also Natur, Geistes- und Sozialwissenschaften gemeinsam bearbeitet werden, wie etwa der kulturelle Umgang mit der Natur, werden die Beziehungen und Verständigungsprobleme noch komplexer. Die echte Interdisziplinarität beruht auf echtem geistigem Zusammenhang, auf der Einheit im Gegenstand und in der Methode, auf der Einheit wissenschaftlicher Rationalität.
Der eigentliche Fall interdisziplinärer Forschung ist dann gegeben, wenn Vertreter aus Fächern mit unterschiedlicher Disziplinarität gemeinsam ein Problem untersuchen, das den beteiligten Fächern sowohl unterschiedliche Gegenstandsaspekte als auch unterschiedlich theoretische Integrationsniveaus anbietet." [p 138:]
Interdisziplinarität soll auf gemeinsamem Denken beruhen, nicht auf dem "Zusammenheften" mehrerer Teilansichten. Das wäre Multidisziplinarität - häufigstes Resultat interdisziplinärer Konsulententeams! Auch das transdisziplinäre Vorgehen, bei dem hierarchische Ziele durch eine Hierarchie der Leitdisziplinen verfolgt werden, löst das Problem der ganzheitlichen Anschauung nicht. Die Koordinations-, Kommunikations- und Kooperationsprobleme, die eigentlich Übersetzungsprobleme sind, bleiben. Meist sind sie nur zu lösen über eine Person, welche die Fähigkeit hat, die unterschiedlichen Aspekte und Sprachen in eine Gesamtschau umzuformen. Ansätze zu einer interdisziplinären Reintegration basieren meist auf der Anwendung einer oder mehrerer dieser drei Brennpunkte:
Die Intradisziplinarität, wo Übereinstimmung in Forschungsfrage und Problem herrscht, ist ein Spezialfall, wo eigentlich nur verschiedene Fachgebiete zusammenarbeiten - nicht unterschiedliche Disziplinen.
Häufig lässt sich die Einheit des Konzepts auch bereits durch eine Wiederherstellung der alten Disziplinarität erreichen, durch einen Rückgriff auf ältere Wissenschaftskonzepte. Man muss da nicht immer bis zu den Griechen zurückgehen!, denn, wie Kocka feststellt: "Gegensatz zur Interdisziplinarität ist nicht in allen Fällen Disziplinarität, sondern Spezialisierung um jeden Preis."
Kooperation ist eines der wichtigsten Mittel interdisziplinärer Arbeit und erfordert:
Beispiel
Nach Bormann/Kellert (p. 123, Details s. Bibliographie) sollten in einem interdisziplinären Team das Probleme der Umweltbewirtschaftung bearbeiten will, folgende Disziplinen vertreten sein:
|
Ein hervorragendes Beispiel: Enquete-Kommission Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements (3.6.2002)- Mitglieder - Verarbeitet unter: Die Bürgergesellschaft/Zivilgesellschaft. An diesem über 400-seitigen Werk haben über 200 Fachleute mitgewirkt, quer durch die Parteien, und als Dialog zwischen Politik und Wissenschaft. Die Arbeit dauerte 2 Jahre, ist aber die Zeit und das Geld wert. |
Wir benötigen also 16 Experten! Wenn wir multiple Begabungen annehmen wie in der obigen Tabelle gruppiert, dann sind immer noch 8 Spezialisten nötig! Jeder beinahe ein Genie, denn: "Each of these participants should be familiar with the language and fundamental concepts of the other disciplines represented, able to communicate his or her insights to nonspecialists, and experienced in multidisciplinary decision making. The team leader should be a capable environmental generalist as well as a trained and experienced facilitator."
Wo werden solche Leute heute ausgebildet? In den USA jedenfalls nicht (Bormann/Kellert!), und im Nahen Osten auch nicht und in der Schweiz offenbar eben so wenig.
Kockas Thesen zur Interdisziplinarität [p 153]
1. Disziplinen sind nichts naturgegebenes, sondern etwas durch die Wissenschaftsgeschichte Gegebenes. Ihre Grenzen sind in erster Linie nicht theoretische Grenzen, sondern historische Grenzen. Zu dem, was die historische Identität einer Disziplin oder eines Faches ausmacht, gehören bestimmte Forschungsgegenstände, Methoden, Theorien, Forschungszwecke.
2. ... dass mit jedem Schritt der Spezialisierung, der erzwungen wird, eine Gegenmassnahme der Integration erfolgen müsse,
3. dass Interdisziplinarität dabei häufig nichts andres als die Wiederherstellung der alten Disziplinarität bedeutet. Man lerne: Gegensatz zu Interdisziplinarität ist nicht in allen Fällen Disziplinarität, sondern Spezialiserung um jeden Preis. Im übrigen gibt es auch keine interdisziplinäre Kompetenz, die disziplinäre Kompetenzen ersetzen könnte: interdiisziplinäre Kompetenz setzt disziplinäre Kompetenz voraus. Ohne diese würde Interdisziplinarität zur blossen wissenschaftspolitischen Rethorik.
4. Spezialisierung um jeden Preis löst nicht nur die Wissenschaft in wissenschaftliche Partikularitäten auf, sie ist auch wirklichkeitsfremd. .... Es gibt eine Asymmetrie von Problementwicklung und disziplinärer Entwicklung. Das Wissenschaftssystem trennt sich immer weiter von der alltäglichen Erfahrung und ihren Problemen. Es gibt in der Regel keine additiven Lösungen, etwa nach dem Motto: Wenn jeder nur das Seine tut, wird das Ganze schon gelingen! (Das der in der Ökonomie wirksamen (ä hum ...) göttlichen Hand vergleichbar wäre.)
5. Interdisziplinarität dient der Rückgewinnung wissenschaftlicher Wahrnehmungsfähigkeiten, die nicht zuletzt auch Probleme und Problementwicklungen erkennbar macht, bevor sie da sind, ...
"Wer immer nur auf Gegenstände blickt, wie häufig in einer Disziplin üblich, übersieht allzu leicht, dass wir nicht nur in einer Welt der Gegenstände, sondern auch in einer Welt der Bedürfnisse und schwächer werdender Orientierungsleistung leben. Was Krüger als >Diskrepanz zwischen Sachorientierung und Fragenorientierung<, ... beschreibt
6. Wissenschaft hat nicht nur die Aufgabe unser Verfügungswissen in - besser: über - Natur und Gesellschaft zu vermehren. ... Wahrnehmung für ein gesellschaftliches System gerechtfertigter Bedürfnisse, für die Ausbildung eines Orientierungswissens. In Form reinen Expertenkultur ist die Wissenschaft dazu unfähig. [präzise diesem Ziel dient die Arbeit über den Wald im Jemen sowie die in allen praktischen Wissenschaften begründete Forderung nach einer ethisch orientierten Phronesis
7. Interdisziplinarität nicht zwischen den Disziplinen schwebend, sondern stellt sie in einen Probemlösungszusammenhang und stellt die ursprüngliche Einheit der Wissenschaft wieder her als Einheit der wissenschaftlichen Rationalität.
Obwohl die Wissenschaften im Grunde aus zwei Dingen bestehen, der Frage und der Antwort, verschwenden sie oft wenig Zeit mit der Suche nach wichtigen Fragen, aber viel mit der Suche nach wissenschaftlichen Antworten. Kocka: Forschung ist, wie oben schon erwähnt, nicht möglich ohne Probleme; man muss - zumindest im Umriss - vorzeichnen, was man wissen will, man muss Fragen haben. (p 114:)
A) Heuristik ist also die erste Grunddisziplin jeden interdisziplinären Ansatzes.
Die drei Fachgebiete die von jeder interdisziplinär arbeitenden Wissenschaft verstanden werden müssen, sind Logik, Hermeneutik und Praxis. Erstere findet ihre Wahrheit in sich selbst, zweitere durch Kritik und die dritte durch Politik und/oder Markt
Obwohl die Wissenschaften für Erkenntnis, nicht für Handlung zuständig sind, werden ihre Resultate oft als Handlungsanleitung genommen, ohne philosophisch-ethische oder politische Überprüfung ihrer Auswirkungen auf Mensch, Gesellschaft und Umwelt - insbesondere wenn sich was verdienen lässt. Kocka: Auch die praktischen Fakultäten sind als Wissenschaften alle durch den Schritt von kasuistischer Kunst zu systematischer Theorie gekennzeichnet. (P 115)
B) Phronesis ist die erste Grunddisziplin jeden handlungsorientierten wissenschaftlichen Ansatzes. Phronesis optimiert zwischen den Ansprüchen ökonomischer Effizienz, ethischer Orientierung, politischer Akzeptanzbildung bei der Gestaltung der Zukunft, also der Wertung und Entscheidungsfindung
Obwohl die Wissenschaften bewusst und gezielt nur Teilbereiche bearbeiten, obwohl sie von sich behaupten, Leistungen für die Gesellschaft zu erbringen, sondern sie sich durch disziplinäre Zugangsschranken und kaum verständlich kommuniziertes Sonderwissen von andern Wissenschaften und durch eine Sprachbarriere von der Gesellschaft: "Alle Einzelwissenschaften seien im Grunde nur Untergliederungen der einen Anstrengung Wissenschaft: einer begründeten, von anderen nachvollziehbaren, also nachprüfbaren und mit zu tragenden Erkenntnisweise. Es gibt keine Geschichte ohne Geographie, Ökonomie, Ethnologie; die Anwesenheit der anderen legitimiert sie. Darum waren besondere Bemühungen um eine neue Interdisziplinarität wiederherzustellen: "Wissenschaften haben miteinander zu kommunizieren; Wissenschaften haben sich dauernd der von ihnen ausgeblendeten Aspekte zu versichern; Wissenschaften haben dabei für einander verständlich zu sein" (von Hentig 1972, S. 12, zitiert von Kocka S. 51)
C) Rhetorik die klare Rede, Kommunikation und Kritik, ist die erste Grunddisziplin der Verständigung der Disziplinen untereinander und mit der Gesellschaft.
Interdisziplinarität kann also drei Positionen zwischen Wissenschaft und Philosophie beziehen:
Eine interdisziplinäre Disziplin begründen, wie das z.B.die Humanökologie versucht, oder ein System aus diagonalen Wissenschaften: Denn probabilistisches Denken und seine Modellvarianten bieten ein analytisches Werkzeug, wie es auch bei der Kybernetik, der Informationstheorie oder der Computersimulation der Fall ist. Solche analytischen Werkzeuge sind ganz untypisch für Disziplinarität. Sie sind, wie Caillois gesagt hat, "Diagonale Wissenschaften", d.h. im hohen Masse übertragbar und generalisierbar auf die verschiedenen Gegenstandsaspekte und ihre theoretischen Integrationsniveaus.[p 136: Krügers Projekt: die probabilistische Revolution 1800-1930:] All diese Ansätze teilen sich aber eben das Problem, dass sie weder belegbare noch widerlebare Hypothesen aufstellen, sondern komplexe Modelle, die sich nicht mehr in einfache Ursache - Wirkungszusammenhänge zerlegen lassen. Sie sind also eigentlich nicht mehr Theorie, sondern philosophisches Argument.
Annäherung zwischen den Disziplinen: Einerseits können sich verwandte Disziplinen noch verständigen, als Wissenschaft mit einer Prise Philosophie - auf wissenschaftlicher Ebene Gemeinsamkeiten bearbeiten: Ohne Philosophie kein Verständnis von Interdisziplinarität ..." (p 111:)
Integration und Gesamtschau durch Philosophie: Andererseits ist es unmöglich, sämtliches Detailwissen der spezialisierten Disziplinen zu erwerben, und eben so überflüssig, denn in der interdisziplinären Diskussion taugt nur das Wissen, dass sich vermitteln lässt, das auch ausserhalb der Disziplin verstanden wird. Hier, bei der Transdisziplinarität, handelt es sich also eher um Philosophie mit einer Prise Wissenschaft als um eine Überwissenschaft, die am Ende noch kausalanalytisch darüber bestimmen will, was wir zu tun haben.
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Rheinfelden, 9. Oktober 2003
| Aphorismen zur Disziplinarität: "Disziplinäre Wissenschaften" sind eigentlich die "Zünfte des Denkens". Erinnern wir uns daran, warum Zünfte geschaffen wurden, so war dies wohl weniger, um den Kunden Qualität zu bieten, als darum, Konkurrenz auszuschliessen. Für die Existenz von Disziplinen gibt es zwei Ursachen:
Folgen:
Warnung: Hütet Euch vor den
autoritären Lehrmeistern, den falschen Gurus jeglicher Provenienz die
behaupten Bescheid zu wissen über etwas, das niemand kennt: Die Zukunft Spekulanten sind im Vergleich dazu relativ harmlos, denn die spielen nur mit Zukunftserwartungen ... um Geld. |