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Ignoranz (Unwissen) und Wissen sind zwei Seiten der selben Medaille:

Nur die periodische und temporäre Auflösung fester Begriffe, also von Wissen, ermöglicht neues Wissen.

[Ursula Schneider: Das Management der Ignoranz. Nichtwissen als Erfolgsfaktor. Deutscher Universitäts-Verlag Wiesbaden 2005]

An jedem Zweig des Baumes des Wissens hängt ein Sack voll Unwissen. Mit jedem neuen Wissenszweig kommt auch ein Sack voll Unwissen hinzu. Deshalb gleicht er oft  einer Trauerweide ...

mh

Ignoranz ist eigentlich ein interessantes Thema. Dass so wenig darüber berichtet wird liegt eben daran, dass es das Reich des Nichtwissens ist, ein Reich, dass wir, wie der Name schon sagt, nur vom Rande her, also vom Wissen her, beschreiben können. Da aber die meisten nicht wissen, ja gar nicht wissen wollen, wie viel sie eigentlich nicht wissen, dominiert das Reich der Ignoranz über das Reich des Wissens.

Synonyme für Ignorant: Das Gegenteil davon, also Antonyme wären:
Analphabet, Anfänger, Banause, Dummkopf, Greenhorn, Grünling, Halbgelehrter, Hohlkopf,  Laie, Neuling, Nichtskönner, Nichtwisser, Stümper, Tölpel, Tropf, Unwissender ... Denker, Fachmann, fähiger Kopf, geistige Grösse, Gehirnakrobat, Gelehrter, Intelligenzbestie, kluges Haus, Könner, Leuchte der Wissenschaft, Schöngeist, Weiser, Wissender, etc.

 Sie sehen, dass auch die Umkehrung offensichtlich nicht all zu positiv bewertet wird.

Unser Wissen ist ein kritisches Raten, ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen.

 Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, Vorwort, 3. Auflage

Hypothesen sind Netze: Nur der wird fangen, der auswirft.

Novalis

Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen ein Ozean.

 Isaac Newton

Wissen nennen wir den kleinen Teil der Unwissenheit, den wir geordnet haben.

Ambrose Bierce

Amüsanterweise schreit heute dennoch alles nach mehr Bildung, Bildung von der Geburt bis ins Totenbett, denn diese soll der Wirtschaft förderlich sein (dass sie zur Aufhebung sozialer Klassen nicht gedient, sondern, im Gegenteil, die Unterschiede gesichert hat, ist längst erwiesen. s. Sozialer Aufstieg durch Bildung - und das Aufkommen des akademischen Prekariats - am Ende des Mittelalters. / Die Erhaltung sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem / Bildung fördert zwar soziale Ungleichheit, normiert aber Individualität - etcetc s. Links in Texten].

Dass Wissen nicht der Stein der Weisen ist und soziale Probleme, insbesondere die Arbeitslosigkeit nicht zu lösen vermag, sondern eher die Rolle einer äusserst ungleich verteilten Zugangsberechtigungen zu gut bezahlten Leistungen repräsentiert, ist eben so offensichtlich.

Der Ursprung der Illusion des Wissens, das Befreit, liegt in der Renaissance, mit Berufung auf die alten Griechen und Römer wie Horaz': sapere aude - wage zu wissen. Daher ist heute (fast) nichts peinlicher als in Bezug auf Nichtwissen ertappt zu werden, als auf Wissbares beim Entscheiden verzichtet zu haben oder zu signalisieren, dass man in Bezug auf neu zu integrierendes Wissen über keine Basis verfüge, welche Akkomodation erlauben würde.  [S. 73]

Dies war das humanistische Modell des Wissens: Das Potential jeden Menschen ist zu fördern.

Heute aber gilt das marktwirtschaftliches Modell des Umgangs mit Wissen:

Hochleistungsdenker sind zu fördern, die die Wirtschaft mit Innovationen versorgen. Die andern sollen sich gefälligst an die Trends halten, damit sie berechenbar bleiben.

Paradoxon des Wissens:

Ignoranz ist verpönt, da sie einer sachlich zwingenden Lösung im Wege steht ...
obwohl sich ja eigentlich sachlich gar niemand gerne zwingen lassen möchte.
...

Nur wenn dein Wissen von dir selber dich befreit, ist dein Erkennen besser als Unwissenheit.

Dschelal ed-din Rumi

Nicht wissen, aber Wissen vortäuschen, ist ein Laster. Wissen, aber sich dem Nichtwissenden gleich verhalten, ist Weisheit.

Aus China

Die Wissenden reden nichts, die Redenden wissen nichts.

Chinesisches Sprichwort

Überfeinerung des Wissens führt zur Vorherrschaft des Werkzeugs.

Zhuangzi

Der Wissende weiß und erkundigt sich, aber der Unwissende weiß nicht einmal, wonach er sich erkundigen soll.

Aus Indien

Wissen ist Macht. - Ich weiß nichts, Macht nichts.

(Sponti-Spruch)

Dass die ganze Idee der Aufklärung, den Menschen durch Bildung zu Selbstverwirklichung und Freiheit zu führen, gescheitert ist, zeigt alleine schon die Tatsache, dass wir seit bald einem Jahrhundert in der Postmoderne leben, in der es keine Gewissheit mehr gibt, also kein verlässliches Wissen, also eigentlich überhaupt kein Wissen. Nur noch Absichten, Meinungen, List, Tücke, Schlauheit und Gerissenheit zählen. Die "Noranz", als Bildung oder Kultur getarnt, dient bloss zur Tarnung und der Förderung der Exklusivität. (s. Bourdieu)

Nichtsdestoweniger müssen wir uns um Wissen bemühen, denn es gilt auch:

Unwissen schützt vor Strafe nicht!
Weder vor der Strafe des Gesetzes, noch vor der Strafe der Natur.

 

1. Definitionen des Wissens:

Trivial: Allgemein verfügbare Orientierungen im Rahmen alltäglicher Handlungs- und Sachzusammenhänge.

Im philosophisch-wissenschaftlichen Bereich: Wissen ist überprüftes Wissen, im Gegensatz zu Meinung und Glauben.

Lange Zeit wurden die Begriffe Wissen und Wissenschaft synonym verwendet. Solange die Philosophie die oberste Wissenschaft und der Inbegriff menschlichen Wissens war, stand auch der Begriff Philosophie für Wissen. Heute möchte man Philosophie eher mit Denken synonym setzen, also dem Prozess der zu Wissen führt (ausser bei den Wissenschaften natürlich, wo es die Methode ist). Wissen erfordert eine unablässige Anstrengung, einerseits. Wissen ist Macht, heisst es andererseits. Für diejenigen die Zweiteres vorziehen, ist ersteres natürlich lästig, also wurde Wissen historisch immer wieder betoniert, als festes Buch- und Schul-Wissen ausgegeben (Scholastik, doctrina, disciplina). Die Postmoderne, die dieser Expertokratie ein Ende setzen wollte, hat damit leider auch generell das Wissen etwas diffus gemacht. 

Aus der Perspektive des Wissens, also eines Wissens mit Zertifikat, dass es kritisch überprüft worden sei, gibt es noch weitere Möglichkeiten, Ignoranz zu definieren:

A) Wissen das auf falscher Sicherheit beruht. Zu solchen falschen Grundlagen gehören nach Roger Bacon:

  1. unzureichende oder ungeeignete Autorität (keine Kenntnisse des Fachgebietes, der Zusammenhänge)
  2. Macht der Gewohnheit: was immer war ist immer richtig.
  3. Die Meinung der ungebildeten Menge. Hier kommt zu 1 noch die Masse hinzu, die gerade in der Demokratie zu Problemen führen kann, wenn sie einer Meinung anhängt, die als Antwort auf das behandelte Problem falsch ist, oder gar nichts damit zu tun hat (s. Minarettabstimmung).
  4. Die Tatsache, dass jeder seine Unwissenheit zu verschleiern sucht, also lieber irgend was behauptet als zuzugeben, dass er null Ahnung hat. Dies ist die schlimmste Plage.

B) Wissen das durch Idole, also einseitige Perspektiven zumindest getrübt oder gar verkrümmt ist:

1.1 Lob der Torheit oder: Wo das Wissen stört

Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit

[Panorama, Wiesbaden. Birkhäuser, Basel]

Torheit bedeutete für Erasmus Leichtsinn, Liederlichkeit, Dreistigkeit, Einbildung, Leidenschaft, Beschränktheit, Dummheit, Schwachsinn, Irresein - aber auch ungebrochene Lebensfreude, ungebremste Tatkraft, kindliche Harmlosigkeit, schrankenloses Vertrauen, Güte, Gutmütigkeit, Freisein von Klügelei und Doktrinarismus. Die arabische Sprache benutzt dafür das Wort meskin (arm), unbelastet von List, Trug, Spitzfindigkeit.

Lobe dich ruhig selbst, wenn es kein anderer für dich tun will, ist ein Rat, den Manager und Politiker ja äusserst gerne beherzigen. So lange dies in Massen geschieht, ist auch nichts dagegen einzuwenden, denn das Einfordern von Lob der Andern, die Abhängigkeit davon, wie es im Extremfall beim Narzissmus auftritt, ist doch noch um einiges verquerter als ein gesundes Selbstbewusstsein.

Erasmus erklärt die Bedeutung der Torheit sehr schön am Unterschied zwischen Männern und Frauen (vor 500 Jahren durfte man(n) das noch .... Er benutzt dazu die Form einer Geschichte über Platon, in welcher die Torheit spricht): Weil aber der Mann, dazu bestimmt, die Zügel in die Hand zu nehmen, von jenem Lot Vernunft ein paar Körnchen mehr musst zu schlucken bekommen und der Vater der Menschen auch für ihn nach Pflicht und Recht sorgen wollte, zog er mich, wie so oft, zu Rate, und alsbald macht ich ihm den Vorschlag, wie er von mir zu erwarten war. "Gib ihm", sagte ich, "das Weib zur Seite. Es ist ja freilich ein herzlich einfältiges und dummes Ding, aber possierlich und anmutig, und in häuslicher Gemeinschaft wird es mit seiner Torheit dem ernst gearteten Manne das Leben würzen und versüssen." Aber: Sobald sie nämlich recht überlegen, müssen sie es der Torheit zugute schreiben, dass sie beim Spiel ums Glück machen Stein mehr im Brett haben als die Männer. Ich nenne zunächst die Schönheit, einen Besitzt, der ihnen mit Recht über alles geht, dank dem sie selbst Tyrannen tyrannisieren. Denn woher hat der Mann seine ungeschlachte Figur, sein stoppeliges Fell, seinen waldigen Bart, kurzum, das Unjugendliche seiner Erscheinung? Einfach von dem Fehler, dass er klug ist. Den Frauen dagegen bleiben die glatten Wangen, die feine Stimme, die sammetweiche Haut, und so sehen sie aus wie ewig jung. Was wünschen sie sich ferner mehr vom Leben, als den Männern zu gefallen: Wozu sonst würden sie sich so eifrig putzen, schminken, waschen, frisieren, salben, parfümieren und Züge, Blick und Teint mit tausend Schauspielkünsten ändern, fälschen und färben? Allein - was zieht nun die Männer so unwiderstehlich an wie dieTorheit? Denn was erlaubt nicht alles ein Mann der Frau! Doch um welchen Lohn, wennnicht um die Freuden der Liebe? Ihren Reiz danken die Frauen nur der Torheit, was keiner bestreiten kann, der überlegt, welch dummes Zeug de Mann beim Weibe schwatzt, und wie läppisch er tut, wenn er jene Freuden zu geniessen gedenkt. So - nun wisst ihr, aus welchem Gärtlein sich das Leben seine liebste und schmackhafteste Frucht holt. Manche freilich, besonders die Alten, gucken lieber fleissig ins Glas als in schöne Augen und erklären, nichts gehe über die Freuden der Tafelrunde. [S. 40/41]

Vom Vorteil, nicht alles wissen zu wollen: Weiss der Tausend, da kämen wenig Ehen zustande, wenn sich der Bräutigam vorsichtig erkundigte, welche Spiele das waren, mit denen sein scheinbar so holdes und züchtiges Mägdelein schon lange vor der Hochzeit sich vergnügte, und wie wenige erst hielten zusammen, wenn nicht das meiste, was die Frauen tun und treiben, dem Mannge Geheimnis bliebe, weil er vertrauensselig oder dumm ist. Mit Recht zwar kreidet man das der Torheit an; dabei aber sichert sie Wohlgefallen auf beiden Seiten, Ruhe im Haus und Frieden mit der Verwandtschaft. ... Kurzum - es gibt kein Zusammenleben, das ohne mich erfreulich oder dauerhaft wäre: kein Volk könnte den Fürsten mehr ausstehen, kein Herr den Knecht, keine Zofe die Dame, kein Lehrer den Schüler, kein Freund den Freund, kein Weib den Mann, kein Vermieter den Mieter, kein Kamerad den Kameraden, kein Tischgenosse den Tischgenossen.

Torheit als Ursprung von Lebensfreude: Mir dankt ihrs, wenn ihr seht, wie überall Greise in Nestors Jahren noch guter Dinge sind, Gestalten kaum mehr wie Menschen, stammelnd, schwachsinnig, zahnlos, graubärtig, glatzköpfig oder wie Aristophanes sagt: "gebeugt, gebrechlich, ungepflegt, zahnlos, kahlköpfig, runzlig, längst ausgebrannt ...", aber sie freuen sich noch ihres Daseins und nehmen es mit den Jungen auf: der färbt die grauen Strähnen, der stülpt auf den Kahlkopf falsche Haare, der leiht sich sein Gebiss - am Ende noch von einer Sau -, der ist kläglich in ein Mägdelein verschossen, und sein albernes Geschäker könnte den jüngsten Fant beschämen; und dass ein alter Kracher, die reinste Mumie, ein blutjunges Ding heiratet, und zwar ohne Mitgift und zu Nutz und Frommen anderer, ist so alltäglich, dass man es nächstens lobenswert findet. Noch köstlicher sind die Weiber: vor Schwäche schon halbtot und so dürr, dass man meint, sie kämen aus dem Grabe, trällern sie noch immer: "Licht und Leben sind so schön!"; und noch juckt es sie wie die läufigen Hündlein oder Säue. Sie kaufen sich um schweres Geld einen hübschen jungen Burschen, bemalen fleissig die runzlige Haut mit Schminke, weichem vom Spiegel keinen Schritt, roden sich aus, was da unten spriesst, hausieren mit den schlaffen, verwelkten Brüsten, girren und schmachten, den lustlosen Freund zu animieren, trinken über den Durst, tanzen im Reigen bei den Mädchen und kritzeln verliebte Briefchen. Alles lacht und nennt das mit Recht Narretei - sie aber gefallen sich, schweben in eitel Wonne, schwimmen in süssem Glück und sind selig - dank meiner Gnade. [S. 62/63]

Wem das gar lächerlich vorkommt, soll nur überlegen, ob es gescheiter ist, sich einen Ast zu suchen, um sich aufzuhängen, oder in der Torheit dieser Art ein Leben voll süsser Stunden zu geniessen. Und meint man, ein solches Benehmen untergrabe den guten Ruf, so hat das für meine Toren wenig zu bedeuten: entweder merken sie nichts von diesem Schaden, oder sie machen sich nichts daraus. Ein Stein auf den Kopf - ja, das wäre wirklich ein Unglück; aber Schimpf, Schande, Schmach, Schelte? Die tun ja doch nur so weit weh, als man sie spürt, spürt man sie nicht, so sind sie gar nichts Schlimmes.[S. 64]

Alle Götter sollen mich strafen, wenn es etwas Glücklicheres gibt als den Menschenschlag, den man mit den Titeln Narr, Tor, Esel, Gimpel und ähnlichen für mich allerliebsten Namen bezeichnet. ... Denn erstens: unbekannt ist diesen Leuten die Furcht vor dem Tode - weiss Gott, eine schlimme Sache-, ungekannt ein quälendes Gewissen; die Märchen von den Toten ängstigen sie nicht, Gespenster und Geister schrecken sie nicht; keine Furcht vor drohendem Unglück martert sie, keine Erwartung kommenden Glückes foltert sie; kurz, die tausend Sorgen, die diesem Leben zusetzen, schlagen ihnen keine Wunden. Sie kennen nicht Scham, nicht Scheu, nicht Ehrgeiz, nicht Neid, nicht Verlangen, und schliesslich, wenn sie fast so stumpf sind wie das liebe Vieh, sind sie - fragt nur den Theologen - zur Sünde selbst unfähig. [S. 70]

Toren als geschickte Vermittler von Wahrheiten: Die Toren gehören eben auch wirklich den Göttern, vor allem mir, und darum sind sie mit Recht bei jederman angesehen. Die mächtigsten Könige sogar haben an ihnen die grösste Freude, und mancher könnte ohne seinen Narren keinen Bissen zu sich nehmen und keinen Schritt tun, ja, erhielte es ohne ihn überhaupt keine Stunde aus. Darum steht aber auch der Mann in der Schellenkappe beträchtlich höher im Rang als die griesgrämigen Herren im Doktorhut, deren zwei oder drei man sich schandenhalber freilich auch hält. ... Bei den Narren aber finden die Herren das, worauf allein sie Jagd machen, wo und wie es sei: Unterhaltung, Gelächter und Zeitvertreib. [S. 72] Diese Funktion hat heute das Cabaret übernommen.

Doch nun kommt das Merkwürdige: aus dem Munde eines Narren hören sie nicht bloss Wahrheit, nein auch Grobheit it wahrer Wonne an; was einem Weisen den Kopf kostete - spricht es der Narr aus, so macht es ihnen unglaublich Spass. Denn es wirkt ein vergnüglicher Zauber in der Wahrheit, sobald sie nicht verletzt; aber diese Gnade schenken die Götter nur den Dummen.

Wohlan, vergleichen wir jetzt auch des grössten Weisen Schicksal mit dem unseres Narren; denkt euch ein Muster von Weisheit und stellt es neben ihn. Das wird ein Mann sein, der Kindheit und Jugend zerrinnen liess ob dem Studium aller Wissenschaft und die köstlichste Lebenszeit mit ewigem Wachen und Grübeln und Arbeiten sich vergällte, aber auch später sein Leben lang nicht ein Schlückchen aus dem Freudenbecher sich gönnte, ein Mann, der allezeit sparsam, arm, vergrämt, verschlossen, gegen sich hart und streng, den Mitmenschen lästig und zuwider, bleich, abgezehrt, krank und halbblind, schon lange vor der Zei gealtert und ergraut, vor der Zeit aus dem Leben sich davongemacht - was hat es auch zu sagen, wann einer stirbt, der niemals lebte? Das Bild des Weisen! [S. 74-75]

Von den Studierten beanspruchen die Rechtsgelehrten den ersten Rang, und wirklich bildet sich niemand soviel auf sich ein wie sie, wenn sie rastlos den Stein des Sizyphus wälzen, wenn sie hundert Gesetze in einem Atemzug zusammenkoppeln, gleichgültig, was sie betreffen, wenn sie Auslegung auf Auslegung, Lehrmeinung auf Lehrmeing häufen, um ihrer Wissenschaft den Anschein des schwierigen Studiums zu geben; denn was mühselig ist, muss, wie sie meinen, gleich auch bedeutend sein. [S. 109]

Realisten, Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occamisten, Scotisten ... Paulus war Manns genug, für seinen Glauben zu zeugen; aber wenn er sagt: "Glaube ist zuversichtliche Erwartung von Dingen, die man erhofft, Ueberzeugung von Dingen, die man nicht sieht, so ist das keine magistrale Definition, und hat er auch die Liebe aufs herrlichste betätigt, so fehlte es ihm doch an der nötigen Dialektik, um ihren Begriff nach Umfang oder Inhalt genügend zu bestimmen. [S. 116]

Auf den folgenden 71 Seiten kriegen vor allem die Priester und Bibelgelehrten noch ihr Fett weg, ein Gebiet also, auf dem wir uns bloss noch entrüsten, wenn es um andere Religionen geht, vor allem den Islam, da wir die eigene derart gezähmt haben, dass sie zum Kuscheltierchen wurde.

Der Titel mag ignorant tönen, denn der Urheber, Erasmus, meinte es nicht zynisch sondern ernst damit. Vorgehende Auszüge zeigen allerdings warum, warum der Ansatz eine gewisse Berechtigung hat:

Ein aktuelles Problem anhand dessen Sie sich die Sache durchdenken können, ist etwa die Gentechnik. Wir haben bereits heute enorme Möglichkeiten, Dispositionen für Krankheiten erkennen zu können. Wir können relativ problemlos die Vaterschaft bestimmen ... Aber wollen wir es? Der Gesetzgeber nahm an, dass nein. Begründung: Wenn wir alle Krankheiten (und Probleme) kennen, die uns möglicherweise befallen könnten, kämen wir aus der hypochondrischen Vor-Sorge (Sorge auf Vor-Rat) wohl kaum mehr raus.

Ursula Schneider unterscheidet zwischen 5 Formen von Ignoranz, von denen nur 2 problematisch, also zu beheben sind, nämlich das Nichtwissen, dort wo Wissen nötig wäre - und das falsche Wissen, dem nur durch ein ausreichendes Mass an Skepsis (Kritik) begegnet werden kann.

Ihr Fazit (in Aphorismen):

Sei dir bewusst, was du weisst
Was du hingegen nicht weisst, das gebe zu.
Das ist das richtige Verhältnis zum Wissen.

Konfuzius

Menschen konstruieren Geschichten als Begründungen für ihr Verhalten (s. Konstruktivismus - wird demnächst substantiell ausgebaut) . Das Verschleiern von Wissenslücken kostet in Wirtschaft und Verwaltung sehr wahrscheinlich Millionen. [S. 80]

Wisse wer Du bist und wohin du strebst. Danach bestimme, was für dich Relevanz besitzt und wovon du dich bewusst fern hältst - das ist die Grundlage positiver Ignoranz.

Positive Ignoranz bezeichnet die Fähigkeit zu wissen, was man nicht zu wissen braucht. Es geht darum sich frei zu schwimmen, um die Aufmerksamkeit auf Wesentliches konzentrieren zu können. [S. 77]

 

Manifestation Verwandte Themen Wirkung Massnahmen
Positive Ignoranz

Zu wissen, was man nicht zu wissen braucht

Vergessen, Entlernen, Musse, Meditation Schafft Leere für Intuition, schützt vor Overflow, ermöglicht Tiefergehen statt oberflächlicher Links (von vielem etwas, nichts gründlich) Klärung von Zielen und Schwerpunkten, Training des Loslassen Könnens;

Stärkung der Fähigkeit, Ungewissheit zu zu lassen.

Schützende Ignoranz

Prinzipiell gewinnbares Wissen, dessen Bewusstwerdung aber sozial unverträglich wäre oder erwünschte Wirkungen beeinträchtigen würde.

Tabus

Re-framing

Entlastet von Reproduktion zugunsten von Kreativität, ermöglicht soziales Miteinander durch vorsichtigen Umgang mit "Wahrheiten". [S. Kritik]

Grenze zur manipulierten Ignoranz fliessend

Vereinbarung von Grenzen der Machbarkeit.

Pflege von Umgangsformen

Verweigerung von Unterwerfung

Chancen zum (Eigen-)Versuch & Irrtum

Einstellung von Querdenken

Ignoranz im Sinne bewusster Lücken Bildungslücke

Qualifizierungsbedarf

Löst die Suche nach Wissen aus, was zu besten Lernergebnissen führt. Diagnosetool zur raschen Bewusstmachung dieses Ignoranztyps, wie z.B. herausfordernde Problemstellungen.
       
Manipulierte Ignoranz

Nichtwissen
Fehlurteile durch den Einfluss Dritter

 

Betrug
Täuschung
Lügen
Vorenthalten von Informationen und von Zugang zu Bildung bzw. Streuung unzutreffender Information. Skepsis (ohne in Paranoia zu verfallen)

Schule der Wahrnehmung

unabhängige Beschaffung von Informationen

Transparenz

Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung und Personalentwicklung

Förderung von (mentaler) Autonomie

Ignorierte Ignoranz

Nichtwissen, dessen Vorhandensein nicht gewusst wird

Blinde Flecken

Grenzen der Erkennbarkeit

Halbwissen

Teilweise schützend, meist aber riskant; führt zu Fehleinschätzungen von Situationen, Handlungsalternativen und Handlungskonsequenzen Aufklärung, Bildung, Schulung in Forschungsfähigkeit (wie exploriert man gezielt?) und in lateralem Denken (De-Konstruktion)

 

1.2 Die Grenzziehung zwischen Klugheit, Dummheit ... und nicht zu vergessen: Betrug

Definitionen s.

 

 

 

 

 

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  • LIST:

Das andere, das praxisorientierte strategische Wissen:
 

List und Tücke, Schlauheit, Gerissenheit

Klugheit: Phronesis/Prudentia, steht zwischen Einsicht (Verständigkeit, Wissen um das Richtige und Zweckmässige) und Weisheit. Sie ist nicht so theoretisch wie die Einsicht, aber auch nicht so abgeklärt wie die Weisheit. Im frühen Mittelalter stand Klugheit für behände, gewandt, listig, glatt, beweglich, gescheit. Der Klugheit fehlt also die Ausrichtung auf Werte, die erst auf der Stufe der Weisheit integriert werden. Erst wenn in den Dienst spezifischer geistiger Ziele gestellt, erhebt sich Intelligenz über Schlauheit, List, Gerissenheit.

Klugheit ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall
unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanter Faktoren,
individueller Handlungsziele und
sittlicher Einsichten.

Eristik / Rechthaberei
Diskussion ist ein Austausch von Wissen. Ein Streit ein Austausch von Ignoranz.

Robert Quillen

Rechthaberei ist immer unangebracht, da dogmatisch, fundamentalistisch: Ein offener Tatbestand wird geschlossen, ein Ring des Wissens wird gebildet, der anderes Wissen als falsches Wissen ausschliesst aus der Diskussion, bereits bevor die Diskussion beginnt. Der Fokus erzeugt Blindheit im Umfeld. Die Wahrheit Gewinner und Verlierer (s. die Empfehlungen von Kant). Alternative Möglichkeiten werden verbaut. (> Rechthaberei ist aber nicht gleich zu setzen mit Argumentation, solange diese nicht in Eristik abgleitet)

Der soziale Kontakt verlangt Anschlussfähigkeit, die nicht nur durch unkontrollierte Emotionen, Taktlosigkeit, sondern auch durch das Äussern von Wahrheiten gefährdet sein kann. Deshalb ist Diplomatie die Kunst des geschickten Antönens oder Verbergens von Wahrheiten ... und meist keine wissenschaftliche oder philosophische Wahrheits- oder Lösungssuche, sondern:

List: Setzte die Aufklärung auf vollständige Ergründung der Welt und umfassendes Wissen, tun Politik und Wirtschaft, begründet auf gesellschaftlichem Umgang, eher das Gegenteil. Wissen wird nur kommuniziert wo es dem eigenen Vorteil dient. Wo es erschreckt oder auf Widerstand stösst, da schweigt man lieber.
Auch gibt es geschäftliche Verhältnisse, unter denen ein Mensch, der nicht listig und gewissenlos ist, als dumm gilt.

Musil

Ein weiterer Grund liegt im versteckten Curriculum der Bildungsveranstalter, die ja ihrerseits meist bürokratisierte Grossinstitutionen sind: Studierende werden zu "braven Soldat/innen" des Wirtschaftsgeschehens geformt. Sie lernen Hierarchien und undurchschaubare administrative Anweisungen zu akzeptieren, sie erfahren Konkurrenz, sie stellen sich darauf ein auf Terminvorgaben hin zu funktionieren und sich nach Misserfolgen wieder zusammenzureissen. Ferner vertiefen sie ihre Fähigkeiten zur strategischen statt authentischen Kommunikation, d.h. zur Vorenthaltung ihrer wahren Absichten und versuchen Manipulation des Gegenübers. Dies sind in der Welt der Grossorganisationen überaus nützliche Fähigkeiten.

1.3 Der Wechsel zwischen Ignoranz und Wissen erhält letzteres als modulierbar, d.h. entwickelbar

Ein Problem des festen Wissens, wozu Wissen auf Grund der erwünschten Verlässlichkeit immer gerne koaguliert, ist dann eben, dass es sich selbst an der Weiterentwicklung behindert. Umgekehrt treten, wo verlässliches Wissen fehlt, Gerüchte, Spekulationen, Suggestionen an seinen Platz. Oft werden solche auch erst geschaffen, um eine Entwicklung (Mode) in Gang zu setzen.

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben aber muss man es vorwärts.

Kierkegaard

Als wenig erfolgreich hat sich die Konservierung von Wissen im sog. knowledge management erwiesen, denn Wissen ist vergangenheitsorientiert und strukturkonservativ, weil wir nur lernen können, wenn uns Ausgangsstrukturen bekannt, d.h. vorhanden sind (s. strukturänderndes Lernen). Lernen baut immer auf Anknüpfbarkeit, also auf Vorwissen. Die meisten Lernprobleme, speziell etwa bei Immigrantenkindern, basieren so auf fehlender Berücksichtigung des Vorwissens, der gegebenen Wissensstrukturen - wie natürlich der Interessen und Motive.

Wissensmanagement muss mit einer Paradoxie leben: Einerseits geht es darum, durch Identifizieren, Explizieren, Speichern, für verbindlich Erklären die Grenzen möglichst klar und eindeutig zu bestimmen und alles, was sich innerhalb der Grenzen abspielt auf Basis einer auf positivem Wissen beruhenden genauen Analyse zu beschreiben und in der Folge auch vorzuschreiben. Andererseits wirken die Wiederholung und ihr Zwang offenbar phantasietötend und lähmen Eigeninitiative.

Insbesondere angesichts des Overkill-Problems ist daher immer wieder ein Wechseln auf die "dunkle", die andere, die nicht markierte Seite erforderlich, um geistiges Neuland zu gewinnen und sich von Definitionsmacht und Herrschaftswissen zu emanzipieren. ... also die Position des Nichtwissens einzunehmen. [S. 70]

 

2. Die Dressur des Menschen durch "Wissen", d.h. präziser durch Verschulung und eine Flut von Verfügungswissen

Wenn Sie meinen, Wissen sei teuer,
versuchen Sie es mal mit Ignoranz.

R. Kemm

Ignoranz ist die mildeste Form der Intoleranz.

Karl Jaspers

Wegweiser gehen nicht den Weg, den sie weisen.

Eine der unerträglichsten Kombinationen seelischer Eigenschaften beim Menschen ist die von Dummheit und Fleiß. Schon Talleyrand soll das wie folgt formuliert haben:

klug und fleißig —    gibt's nicht;
klug und faul —      bin ich selbst;
dumm und faul —    für Repräsentationszwecke noch ganz gut zu gebrauchen;
dumm und fleißig — davor behüte uns der Himmel!

Wenn von Wissensgesellschaft geredet wird, wird nicht von historischem, philosophischem, kulturellem Wissen geredet, sondern von Verfügungswissen, das direkte Anwendung erlaubt, Anwendung die gegen Entgelt auf dem Markt angeboten werden kann. Das Selbe, präzise der selbe Unterschied gilt für das, was generell "Beratung" genannt wird. Anders als ich das gelernt habe, anders als Sie es lernen, wenn Sie Beratung im sozialen Bereich oder der Entwicklungszusammenarbeit einsetzen, will Beratung in der Wirtschaft sofort einsetzbare Problemlösung die auf Erfahrung basiert, also nicht akademisch fundiertes Wissen, sondern solches das von den sog. "Machern" schon mal selbst gewinnbringend eingesetzt wurde. Relevantes Wissen steht im Vordergrund, welches es erlaubt, Wert zu schaffen, entweder durch Verbesserung von Produkten und Dienstleistungen oder durch Verbesserung von Prozessen. [S. 54]

Und diese Art von oft zusammenhangslosem Empfehlungswissen, Handhabungswissen, Manipulierungswissen vermehrt sich genau so rasant wie das punktuelle naturwissenschaftlich-technische Verfügungswissen.

Generell, für alle Wissensformen gilt, dass sich nur noch ein geringer Teil davon durch den Einzelnen aneignen- noch weniger erfahren und erproben lässt , womit die Orientierung verloren geht. Werte, Präferenzen, Ziele riskieren so, propagandistisch besetzt zu werden, wie dies eben durch den Drang nach mehr, Wachstum, Wirtschaft, "Wohlstand", geschieht. Besinnungslos:

Eine ökonomische Theorie, welche sich darauf beschränkt, Lehre von den Mitteln zu sein, bestimmte Ziele effizient zu erreichen, deren Bestimmung ausserhalb ihres Horizonts erfolgen, müsse, bleibt - mit Ausnahme dieser Wertung - scheinbar wertneutral und kann sich die Hände in Unschuld waschen. Scheinbar allerdings nur deshalb, weil Ziele und Mittel eine Frage des Betrachtungsniveaus sind, weshalb man der Frage nach Werten nicht entkommt. [S. 20]

Wir haben in der Einleitung gesehen, dass Ignoranz eigentlich meist negativ definiert wird als ein Fehlen von Wissen. Wissen ist aber derart vielfältig, dass eine Auswahl unumgänglich ist, die nichts anderes bedeutet als gezielte, positive Ignoranz. Woher aber wissen wir, bevor wir alles wissen, was wir denn wissen sollten, könnten oder müssten? Dietrich Schwanitz schreibt bereits in der Einleitung zu seinem 650-Seitigen Gigawerk über Bildung [S. 22]: Eine ernsthafte, fachlich solide Ueberlegung über Bildungsziele findet nirgendwo statt. Statt dessen herrschen die beiden Schwestern - die grosse Verunsicherung und die grosse Unübersichtlichkeit. (... und nicht zu vergessen, der Bildungszwang.)

Dietrich Schwanitz: Bildung: Kapitel Seiten

in %

Geschichte Europas 264 41
Europäische Literatur 86 13
Philosophen. Ideologien. Theorien. Weltbilder … 70 11
Geschichte der Kunst 36 6
Länderkunde 36 6
Geschichte der Musik 34 5
Sprachen 28 4
KOENNEN 22 3
Geschichte der Geschlechterdebatte 19 3
Buch und Schrift 14 2
WISSEN 13 2
Intelligenz und Begabung 12 2
Was man nicht wissen sollte 10 2
Das reflexive Wissen (Denken) 6 1
Total 650 100
Ich kann Ihnen die auch nicht so liefern ... auf die Schnelle ... und erst noch gratis. Aber eine kleine heuristische Übung zeigt uns doch den gewaltigen Unterschied zwischen dem, was heute an "Wissen" gefordert und vermittelt wird, und dem, was eigentlich an Bildung betrachtet wird. Obwohl hier sehr enttäuschend das Denken ebenfalls an letzter Stelle kommt - Geschichte und Philosophie aber ein bedeutender Raum zugestanden wird, der für das Anwendungswissen meist als eher überflüssig betrachtet wird ... was zwar falsch ist, denn wie der Irak deutlich gezeigt hat, sind alle Entwicklungen pfadabhängig, also an gewisse historische Voraussetzungen gebunden und lassen sich nicht einfach per Militär und/oder Marktwirtschaft zwangsweise einführen.

Das oft zitierte Beispiel des Vorrückens von Börsennachrichten an prominente Stelle der Berichterstattung spiegelt die Macht der Finanzmärkte. Ist nicht die Börse das Ritter-Tournier unserer Zeit. Sind nicht die Börsen- und Wirtschaftsberichte die heutigen Schlachtberichte, die Kriegsberichterstattung der Wirtschaftskrieger?

Schwanings Art von "Bildungswissen" eignet sich sehr gut zum gepflegten Parlieren in gehobenen Kreisen, vernachlässigt aber völlig Urtriebe die erst zu Wissen führen: Neugierde, Konflikt, Nachdenklichkeit (s. Interessen).

Dass Schulcurricula die Urgeschichte und schwarze Löcher behandeln, während sie die Abwehrkräfte gegenüber manipulierter Ignoranz einem kaum reflektierten Sozialisationsprozess überlassen, ist etwas, worüber vernünftige Leute unterschiedlicher Meinung sein können. Wieder liegt ein Dilemma vor: Gegenüber Dritten wären Widerstandskräfte erwünscht, wenn sie sich dann allerdings auch gegen Machtungleichgewichte und solche rechtfertigende Kommunikationsstrategien im eigenen System wenden, hätte man lieber wieder ignorante Untertanen resp. Untergebene (Leute, die unten sind und ungefragt tun, bzw. geben, wie der Begriff schon sagt). Das gilt in Organisationen wie Schulen, dem Militär und Unternehmen, aber auch auf der Ebene der Gesellschaft. [S.108]

Dialektik setzt auf Opposition und die wird laut Veblen am ehesten durch Aussenseiter geliefert. Aber präzise diese werden ja durch das vorgespurte Schulsystem eliminiert, wenn nicht dadurch, dann durch verbeamtete Personalverwaltungen.

Wegen seiner Fähigkeit abzuweichen und aus vorgegebenen Routinen auszubrechen, ist der Mensch immer wieder Ziel ambivalenter Steuerungsversuche: Sein Verhaltensrepertoire wird einerseits kulturell standardisiert oder zumindest kanalisiert, um seine Reaktionen vorhersagbar und damit an anderes vorhersagbares Verhalten anschlussfähig zu gestalten. Dies erleichtert Planung, Routine und im weitesten Sinn Oekonomisierung. Ein grosser Teil der Wissensmanagementprojekte beschäftigt sich mit Kanalisierung im genannten Sinn: Process Engineering, Benchmarking, best practices ...  [S. 34]

Wohl nicht zufällig nennt sich der Lebenslauf gleich wie das Schulprogramm/Lehrplan/Bildungsplan:

Curriculum = Lauf/Wettlauf ... immer im Kreis herum
do CV = Lernziel der "ewigen Wiederkehr"

 

3. Spencer-Brown: Grenzen des Wissens und Nichtwissens und ihre Ueberschreitung/Kreuzung

Alle Operationen eine Beobachters lassen sich zurückführen auf Grenzziehungen, das heisst die damit verbundenen Innen-Aussen Unterscheidungen und die Bezeichnung der beiden Seiten der Unterscheidung. Beobachten heisst unterscheiden und bezeichnen. (Simon 1993, zit. S. 58]) Diese Operationen wurden formalisiert von Spencer-Brown:

1. Axiom: Law of calling (Gesetz des Bezeichnens, der Begriffsbildung): Bezeichnung in Abhängigkeit von Unterscheidung, interpretiert als das Kreuzen einer Grenze. Innen, die beleuchtete Seite, das Wissen, aussen die dunkle Seite, die Nichtwissen bleibt, vielleicht noch eine Weile als Kontext mitgetragen wird, aber gerne verschwindet, besonders bei der medialen Banalisierung. Das ist Spencers nicht markierter Raum. Ein erneutes Ziehen der Grenze zwischen Bezeichnetem und Kontext schafft nichts neues, sondern wider das selbe Element.

 2. Axiom: Law of crossing (Gesetz des Ueberschreitens des bezeichneten Raumes, Verlassen/Eintreten in Begriffsraum): Durch Zurückschreiten wird ebenfalls nichts neues geschaffen, sondern, im Gegenteil, die Unterscheidung aufgehoben, führt zur Rückkehr in gesamthaft unmarkierten Raum. Die Erklärungen sind sehr theoretisch und vermutlich nur für Logiker geeignet ... aber man kann's auch einfacher sagen: Eine Unterscheidung die nicht getroffen oder aufgehoben wurde, besteht nicht. Abgesehen davon, dass die Sache in der Sprache der Logik extrem komplex ist, ist sie in der Praxis eigentlich einfach: Das Aufbrechen, d.h. Rücküberschreiten von gesetzten Grenzen, erlaubt es, Text und Kontext neu, in andere Räume aufzuteilen. Schneider bezeichnet deshalb das Rückkreuzen als dekonstruktive Kritik die neue Möglichkeitsräume eröffnet. Nochmals anders formuliert:

 

Hier zeigt sich aber bereits eine der grössten Schwächen von Logik und damit Rationalität: Die Anzahl der Unterscheidungen wird meist auf zwei beschränkt, auf eine Gabelung. Gerade aber im Falle des Wissens hätten wir es zumindest mit einer Dreigabelung zu tun, denn dem Wissen steht nicht bloss Unwissen gegenüber, sondern auch Glauben. Der Glaube nährt sich allerdings aus Botschaften aus der Unendlichkeit, der Transzendenz, also einer nicht physikalischen, geistigen Welt die unsern Sinnen nicht zugänglich ist, es sei denn man akzeptiere die Gnosis als spezielle sinnliche Begabung, was weniger schwer fällt, wenn wir ihre wichtigste phänomenologische Ausprägung, das Gewissen, als existent annehmen.

Levinas hat die Unendlichkeit der Transzendenz präzise im oben dargestellten Sinne Spencer-Browns des <Ueberschreitens> als eigentlichen Quell aller Freiheit dargestellt. Erst wenn wir die Totalität des Seins überschreiten und quasi von aussen betrachten, können wir die Grenzen erkennen und eventuell neu Gestalten. Der Glaube an die Zeichen aus der Transzendenz oder Ewigkeit, Gottes Zeichen, ist der feste Punkt nach dem Archimedes verlangte, um die Erde aus den Angeln zu heben. Mit einem Standpunkt, also einer Perspektive "ausserhalb", lässt sich alles aus den Angeln heben ...

Wir sollten in der erfassbaren Welt also nicht von Glauben reden, sondern allenfalls von Annahmen, Einschätzungen, provisorischen Konstrukten, Hypothesen, Meinungen und Vermutungen. Da wir nur von wenigem halbwegs sicher sein können, dass es sich wirklich um Wissen handelt, muss jede Form des Wissens auf Begründungen bauen und sich Kritik gefallen lassen. Konstruktivismus ist nicht des Teufels - es sei denn, er verweigere sich der Kritik, er verweigere es, selbst angesichts offensichtlicher Fehlleistungen, sich falsifizieren zu lassen.

Wir sollten aber umgekehrt in der Welt der Metaphysik die Zeichen und Chiffren Gottes nicht als Worte missbrauchen, die das Recht geben, Zweifler zu töten, denn es handelt sich immer um Interpretationen die immer von den Interpretatoren abhängig sind. Die Verwechslung von Zeichen und Chiffren mit klarer Sprache, ja gar mit Gesetz, ist der Trick mit dem sich Fundamentalisten die Macht über Menschen aneignen. Glaube sollte aber, gemäss des Laws of Crossing, als Überschreitung des genormten, bekannten Raumes zu mehr Freiheit, Sicherheit, Selbst-Bewusst-Sein und nicht zu Zwang führen.

Wissen, das immer auf gezogenen Grenzen und Beschreibungen beruht, kann immer sehr beengend sein, nicht nur im Falle der Religionen. Wenn wir uns trauen, dieses Wissen fallen zu lassen, die Sache unbelastet neu zu betrachten und zu beschreiben, eröffnen sich mit einiger Sicherheit ganz andere Perspektiven.

Hierin liegt eine Begründung für die Aussage <Wissen ist Macht>, denn diejenigen die das Wissen definieren, also die Entscheidung treffen, was wichtig und interessant genug wäre, "bezeichnet" (also begriffen, im Sinne von "in Begriffe fassen") zu werden, gestalten unsere Welt. Diese Weltzeichnung kann recht stabil sein, wie insbesondere Kuhns "wissenschaftliche Revolutionen" gezeigt haben, denn da muss immer erst eine Forschergeneration aussterben bevor sich ein neues Paradigma, und damit neue Räume des Wissens und Nichtwissens, etablieren können.

Understanding something difficult is a matter of effort. Understanding something different, requires not effort, but  willingness to accept new ideas.

[de Bono 1973, zit. S. 35]

Diese Bildsprache macht insbesondere auch die Problematik heimkehrender Entwicklungshelfer verständlich. Spencer bezeichnet die Wirkung des crossing als cancelling (Löschen) des markierten Raumes. Und das ist so ziemlich das was einem passiert. Alles was mal wichtig und richtig war, ist nach längerem Aufenthalt in einer fremden Kultur irgendwie wolkig, unbedeutend, künstlich .... präzise wie die ganze Welt der multikulturellen Postmoderne. Aber in der Welt leben wir, in der Welt des unentwegten Ent-, Be- und Ab-grenzens, des Wechselns zwischen unterschiedlichsten Ordnungen und Unordnungen, die uns nur begrenzt verständlich sind: So kommt es, dass die Welt mit uns eine Art Versteckspiel betreibt: Je mehr Information wir über die Welt gewinnen, desto weniger wissen wir, wir oszillieren zwischen Wissen und Nichtwissen. (Spencer-Brown). Nur der Spiesser lebt sicher und seines Wissens bewusst in seiner kleinen wohl definierten Welt. Er soll sie haben - aber nicht andere in die selbe Enge zwingen wollen.

Unter der Annahme, dass hinter jeder Unterscheidung eine Intention steht (Interesse, Absicht, Ziel - also finale Orientierung) werden das einzig gültige Wissen und die zwingende Logik der Sache in unterschiedliche Paradigmen und interessabhängige Logiken aufgefächert.

Ohne Wechsel auf die dunkle Seite des gesellschaftlich als selbstverständlich implementierten Wissens, ist nur Gegenabhängigkeit möglich, keine befreiende Kritik

Diskurse um die soziale Verantwortung von Unternehmen, um Wirtschafts- und Unternehmensethik zeigen, dass in einer Raum und Zeit verdichtenden Umwelt positive Ignoranz leicht in dysfunktionale ignorierte Ignoranz kippen kann. Weil die Verdichtung Pufferzonen beseitigt, die bislang in der Lage waren, negative Effekte der einzelnen spezialisierten Subsysteme zu dämpfen und abzuleiten, müssen die Grenzen neu gezogen werden.

Nach Jahrzehnten der Konfrontation mit studentischen Arbeiten wird mir die Notwendigkeit, den Anfang bei Spencer-Brown zu nehmen und das Treffen von Unterscheidungen zu trainieren immer bewusster. [S. 87]

Ein weiterer, dringend notwendiger Schritt wäre, nicht nur die Ab- und Ausgrenzung durch Begriffe zu hinterfragen, sondern das Selbe auf einer höheren Stufe der Komplexität ebenfalls zu tun, auf der Ebenen der Systeme. Seitdem der Konstruktivismus die herrschende Denkweise der herrschenden Wissenschaft (die man allerdings besser als Glaubensform bezeichnen würde), nämlich der Oekonomie geworden ist, wird eine Kritik, als Dekonstruktion dieser künstlichen Konstruktionen (die gerne im Gewand des "goldenen Kalbes" daher kommen), immer dringender.

4. Denken, d.h. die Kreation von Wissen, als Troglologie - und als Lernzyklus

Wissen entsteht durch Begründung und Lernen. Für die Begründung muss es seinen rechten Platz in der multiperspektivischen Welt einnehmen können, also wandelbar sein bis zu einer ebenfalls nur provisorisch endgültigen Deklaration als "verlässliches Wissen". Im individuellen Lernvorgang musss es in vorhandene Wissensbestände eingepasst werden können, und auch dies verlangt eine gewisse Anpassbarkeit an das bereits Gewusste. Die Mehrheit der Wissensbesitzer wehrt sich aber gegen Verformung, z.B. die Theoretiker gegen die Kooperation mit den Praktikern, was zu Lernstörungen führt, also die Entwicklung neuen Wissens (Innovation genannt) blockiert.

Andererseits ist einsichtig und in vielen Fällen nachgewiesen, dass Planung und Analyse, wie das (Vor-)Denken in Alternativen  den Weg zum Ziel verkürzen, verbessern und damit von Kosten entlasten können, was wiederum für Theorie gestütztes Problemdenken spricht. Daraus könnte eine höchst fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Praxis und Theorie erwachsen, die auf der wechselseitigen Verschiedenheit beruht. Tatsächlich verweist die Wissenssoziologie eher auf gegenseitige Dominanzbemühungen. ...

Insbesondere die Disziplinarität ist nur schwer zu überwinden. Feyerabend hat ein Leben lang (und fast ohne sichtbare Ergebnisse) gegen diesen Methoden- und Denkzwang gekämpft. Aber da geht's eben um, meist durch langjährige Arbeit und Arschkriecherei hart verdiente akademische, Pfründen (Meine Worte und Erfahrung. Dafür kann die Frau Schneider nix ...).

Ein vollständiger Lernzyklus umfasst die Phasen der Konzeption, Umsetzung, Beobachtung, Generalisierung der Beobachtung sowie des Entwurfs neuer Konzepte, wobei Theorie eher auf Planung, systematische Beobachtung und Generalisierung, Praxis mehr auf Umsetzung und Entwürfe spezialisiert ist. Aktuell scheint das Gewicht in den Sozialwissenschaften in Richtung Pragmatik gering. Neugier ohne Verwertungsabsicht ist kaum noch hoffähig, Konzepte ohne Umsetzungsdesign werden als graue Theorie diskriminiert, Reflexion bzw. Nachdenklichkeit als Resistenz gegenüber dem Neuen diskreditiert. .... Mit dem Schlachtruf, dass es vorangehen müsse, um im Wettlauf die Nase vorne zu behalten (oder zu gewinnen), wird jedenfalls agiert und kopiert. ... [S. 42-43] In diesem Brutalpragmatismus wird aus Fehlern nichts gelernt. Die durch Reflexion ermöglichte Aufklärung wäre durchaus praxisrelevant, begründet allerdings nur begrenzt Geschäftsmöglichkeiten. Nach Rorty ersetzt sie das Prinzip Hoffnung durch Wissen, ein Wissen allerdings, an dem oft nur geringer Bedarf besteht, weil es individuelle Motivationen, kollektive Interessendurchsetzung und bewährte begrenzt rationale Ueberlebensstrategien bedroht. [S 44]

Solche Barrieren bestehen aber nicht nur zwischen Disziplinen, sondern auch innerhalb hoch diszipliniert arbeitender Strukturen, wo diese als Netzwerke organisiert sind:

Da Netzwerke weitaus eher durch die Löcher als durch das Wissen definiert werden, steckt dort auch weitaus mehr drin an demselben als in den Köpfen der Knotenbesetzer.

Am besten zeigt zur Zeit, welche Schätze in den Gräben zwischen den Disziplinen liegen können, die Nanotechnologie, in der sich technische Physik, Biologie (präziser Biochemie) und organische Chemie vereinen, um die Gräben und Wüsten der Ignoranz zwischen den Disziplinen durch Brücken, Netze, Seile und Gräben zu erschliessen und zu erkunden.

Der Spruch von Sokrates: Ich weiss, dass ich nichts weiss - ist also nicht bloss ein Kalenderspruch, sondern eben die Einsicht, dass das menschliche Wissen nur aus Punkten, Linien und einigen Flächen besteht, aber nie "global" ist. Und obwohl, oder gerade weil er wusste, dass er nichts wusste, was er ja nur wissen konnte, wenn er die Löcher sah, wusste er damit eben um einiges mehr als all diejenigen, die Schul-, Betriebs- und/oder Bücherwissen anhäufen. Also:

Denken und selbständiges Lernen vor lauter Wissen und Wissenserwerb
nicht, nein: nie (!)
vergessen.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 9.4.07