Forschung - Handlung - Entwicklungsforschung

1. Definition: Was ist Forschung?

Definition FORSCHUNG: Forschung vom lat. poscere, bedeutet fragen, erfragen, verlangen, sich bemühen um, suchen. Forschung ist systematische Bemühung um die Vemehrung des Wissens. Sie ist heute von zentraler Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft, da ihre Resultate Macht und Wachstum bedeuten, s. Innovation. Gerade aus diesen Gründen ist sie aber nicht nur positiv aufzufassen, s. Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit durch Innovation

Investigation, research, exploration stehen gleichenfalls für Kundschafter, solche, die nach neuem Wissen suchen.

"Kein produktiver Forscher kann im Grunde darüber im Zweifel sein, dass war methodische Sauberkeit zur Wissenschaft unerlässlich ist, aber die blosse Anwendung gewohnter Methoden weit weniger als die Findung von neuen - und dahinter die schöpferische Phantasie des Forschers - das Wesen aller Forschung ausmacht."

Gadamer, Hermeneutik II, S. 449:

Gibt es für Wissenschaft so viele Definitionen wie Professoren, so gibt es für Forschung so viele Definitionen wie Forschungsunternehmen. Während sich Forschung zwar meist immer noch als wissenschaftliche Forschung versteht, hat sie sich von der eigentlichen Aufgabe der Wissenschaft längst gelöst, die da war, einen Beitrag zur Mehrung der Erkenntnis zu leisten, oder einfacher, wie der Name sagt, Wissen zu schaffen. (Geprüftes Wissen, nicht Meinungen).

Nicht alle gehen in der Definition von Forschung heute so weit wie das europäische Patentamt:

Forschung ist die Umwandlung von Geld in Wissen -
Innovation ist die Umwandlung von Wissen in Geld.

http://www.european-patent-office.org/patlib/patlib98/presentations/kckrtz1.pdf

oder die Wirtschaft, deren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen nur dann zur Wissensvermehrung beitragen, wenn neues Wissen über Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu deren Verbesserung, rationalerer Herstellung, besserer Vermarktung, höherer Attraktivität beiträgt.

http://www.investorwords.com/cgi-bin/getword.cgi?4200

do: http://www.wordreference.com/english/definition.asp?en=research+and+development

Hamlet: Die Priorität der Handlung und des Vertrauten, Gewussten, als Antithese:

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleuder
Des wütenden Geschicks erdulden, oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,

Durch Widerstand sie enden? Sterben -Schlafen -
Nichts weiter! - und zu wissen, dass ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stösse endet,
Die unsers Fleisches Erbteil. Sterben - schlafen -
Schlafen! Vielleicht auch träumen! - Ja, da liegts:
Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
Wenn wir den Drang des Ird'schen abgeschüttelt,
Das zwingt uns still zu stehn. Das ist die Rücksicht,
Die Elend lässt zu hohen Jahren kommen.
Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geissel,
Des Mächt'gen Druck, des Stolzen Misshandlungen.
Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub,
Den Uebermut der Aemter
und die Schmach,
Die Unwert schweigendem Verdienst erweist,
Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte
Mit einer Nadel bloss? Wer trüge Lasten
Und stöhnt' und schwitzte unter Lebensmüh'?

Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tod -
Das unentdeckte Land, von des Bezirk
Kein Wandrer wiederkehrt - den Willen irrt:
Dass wir die Uebel, die wir haben, lieber
Ertragen als zu unbekannten fliehn.

So macht Gewissen Feige aus uns allen:
Der angebornen Farbe der Entschliessung
Wird der Gedanken Blässe angekränkelt;
Und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen. ....

Aber auch der Prozess der nicht kommerziellen Forschung beruht, nebst der Logik und Methodik,  vor allem auf Intuition, Einsicht, Inspiration und Genius  - nicht auf vorher festgelegten Arbeitsabläufen. Ihr Ursprung liegt, wie schon ... sagte, in der Frage: "Forschung ist, wie oben schon erwähnt, nicht möglich ohne Probleme; man muss - zumindest im Umriss - vorzeichnen, was man wissen will, man muss Fragen haben." [Kocka, J (Hrsg.): Interdisziplinarität. Praxis-Herausforderung-Ideologie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 671. Frankfurt a.M. 1987. p 114]. Und damit, wie die meisten Fragen, meist in einem Bereich zwischen Neugierde und Nützlichkeit. Eine kompromissfähige Formulierung bietet ....: Forschung und Experiment beinhalten systematische, kreative Arbeit , die helfen soll, unser Wissen zu mehre, Wissen über den Menschen, Kultur und Gesellschaft, und die Nutzung dieses Wissens für die Schaffung neuer Anwendungen. 

http://www.ecu.edu.au/research/web2002/definition-research.html

Des Forschers Tätigkeit sieht je nach Wissenschaftsphilosophie ganz anders aus. Im Ursprung war der (Schatz-)Jäger, Sammler und Ordner, hypothetisch deduktive und induktive Forscher entsprechen eher dem Homo depictor *, der die Welt der Tatsachen beschreiben und verstehen will, während vom modernen Forscher, als Homo creator *, vorwiegend erwartet wird, dass er einigermassen verlässliche Modelle erstellt, die Prognosen erlauben.

* Terme von Ulrich Charpa: Wissen und Handeln. Grundzüge einer Forschungstheorie. J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar. 2001. S. 47.

Vom Forscher wird erwartet, dass er:

Ulrich Charpa: Wissen und Handeln. J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar. 2001

Forscher und Wissenschaftler die nach Wahrheit suchen werden also durch Gruppendenken und der so genannten Teamgeist eher behindert als gefördert, wenn diese festlegen, was der Forscher zu denken hat, oder gar, welcher Art das Resultat der Forschung zu sein hat..

Durchbrüche in Philosophie und Wissenschaft kann nur der erzielen, der sich vom grauen Star der überlieferten Meinung befreit hat.

Arthur Köstler

2 Forschung, Dialog und Handlung: Der Beitrag der Sozialwissenschaften - Die Aktionsforschung

Während der Unterricht an Hochschulen die Forschung meist nach den hehren Prinzipien der Grundlagenforschung darstellt, sehen sich die Absolventen, noch bevor sie die Hochschule verlassen, auf einem Arbeitsmarkt der danach fragt, was sich mit dem Wissen des Kandidaten am Markt neues und Gewinnbringendes schaffen lässt, und nur selten, nämlich bei denen, die die Hochschule nicht verlassen, was der Kandidat zur Erweiterung von Grundlagenwissen beitragen kann.

Forschung lässt sich also, denkt man an das Wohl der Absolventen, nicht auf experimentelle Bestätigung oder Widerlegung von Theorien (Poppersches Modell)  beschränken, aber auch nicht auf die Kreation neuer Produkte. Insbesondere bei Bildungs-( http://tecfa.unige.ch/tecfa/research/pnr33/report/nti-ch-155.html), Sozial-, Gesundheits- und Politikforschung, generell bei Entwicklungsforschung, nimmt die Aktionsforschung einen immer grösseren Raum ein.

Aktionsforschung will nicht nur Zustände und Prozesse beschreiben, sondern auch Entwicklungsprozesse anstossen und ihren Verlauf präzise beobachten. Hier sollten sich also Erkenntnis und Handlung zu einem Ganzen fügen.

Der Widerstand gegenüber der Vernetzung von Wissenschaften, gegenüber Interdisziplinarität oder Transdisziplinarität, ist nach wie vor gross, auch wenn dauernd davon geredet wird, denn Wissenschaft und Interdisziplinarität sind eigentlich ein Widerspruch in sich, da Wissenschaft per Definitionem disziplinär arbeitet, im Gegensatz zur Philosophie, die sich mit der Gesamtschau befasst.

Da diese zerbröselten Disziplinen aber inzwischen unser gesamtes Leben durchdringen, als wissenschaftliche Marktforschung, wissenschaftliche Kriegsführung, wissenschaftliche Aussenpolitik, wissenschaftliche Bildungsforschung, wissenschaftliches Management und Führung, können sich die Wissenschaftler nur schlecht aus der Verantwortung für die praktische Anwendung ihrer Theorien heraus stehlen, insbesondere als sie präzise diese praktische Anwendbarkeit sehr gerne betonen, wenn es um Forschungsgelder geht.

Cordes, H: Oekologische Bildung als Verbindung von Gesellschaft und Lebensgeschichte - zur gesellschaftlichen Lebensgeschichte von Persönlichkeitsbildung im ökologischen Kontext. Diss. Oldenburg 1985

All diese Anwendungsorientierten Wissenschaften gehörten eigentlich zum Oberbegriff Ingenieur:

Definition Ingenieur:

Laut Fremdwörterlexikon stammt das Wort „Ingenieur“ aus dem lateinisch-französischen Wortschatz und bedeutet Techniker mit wissenschaftlicher Ausbildung. Ebenfalls aus Frankreich stammt eine Definition der Tätigkeit des Ingenieurs, die besagt, dass der Ingenieur ein Mensch ist, der Ideen, Material und Menschen einsetzt, um Produkte oder Projekte zu realisieren.

Bei der Definition war es den Definitoren vermutlich bereits etwas unwohl, den wahren Hintergrund des Ingenieurswesen anzugeben, denn in der Tat leitet sich Ingenieur etymologisch ab vom lateinischen ingenium, das mechanisches Kriegsgerät bezeichnet, womit der europäische Ingenieur also erst mal Waffenproduzent war. Ein interessanter Gegensatz dazu ist das arabische Wort muhandis, ein Lehnwort, aus dem persischen handasa abgeleitet, das Geometrie bedeutet. Dies, weil die ersten Ingenieure im Nahen und Mittleren Osten sich nicht mit Kriegsgerät, sondern mit wichtigerem, nämlich der Bewässerung beschäftigten.

3 Entwicklungsforschung

Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das,
was man nicht tut.

(Laotse, chin. Philosoph, 4-3 Jhd. v. Chr.)

Definition Entwicklungsforschung: Hier müssen wir wohl zwei Tendenzen unterscheiden, die akademische und die wirtschaftliche. Bei den wirtschaftlichen R&D Abteilungen (Research & Development, Forschung und Entwicklung) geht es um Design und Evaluation neuer Produkte (oft lebenswichtiger wie Zahnpasta und Waschpulver) und Verfahren. Diejenige Entwicklungsforschung, die einen Beitrag leisten will zur Verbesserung der Situation der 3. Welt, untersucht nebst sozio-ökonomischen, kulturellen und politischen Problemfeldern auch die Wirkung von Massnahmen, die zur Verbesserung der Situation getroffen wurden. Leider wird hier meist von sozialwissenschaftlicher Analyse und Kritik ausgegangen, die Ursachen der Probleme, die ökonomischen Theorien, aber rechts liegen gelassen. Das wissenschaftliche Instrumentarium hat inzwischen einen beträchtlichen Umfang erreicht. Es sind vor allem Methoden qualitativer Soziologie.

Die Entwicklungsforschung bedient sich in ihren auf allen Ebenen angesiedelten empirischen Fallstudien eines vielfältigen Instrumentariums. Gleichzeitig besteht auch der Anspruch einer konzeptionellen Verortung der empirischen Studien. Dies heißt einerseits, daß wir uns an (jüngeren) theoretischen Modellen und Vorstellungen orientieren. Andererseits sollen unsere Projekte idealerweise auch einen Beitrag zur Verifizierung und/oder Weiterentwicklung theoretischer Konzepte leisten. Die Theorieorientierung wird ergänzt durch Bezüge zur Entwicklungspraxis: Indem wir versuchen, verschiedene Sichtwiesen offenzulegen oder zu hinterfragen und Entwicklungsprozesse empirisch zu belegen, können wir im Idealfall Betroffenen und Entscheidungsträgern Handlungsempfehlungen geben oder in der Entwicklungszusammenarbeit und -politik Wege für Problemlösungen aufzeigen.
http://www.geographie.uni-erlangen.de/forsch/defelf.html

Theorien in der Entwicklungsforschung

1 Theorien der nachzuholenden Entwicklung

2 Dependenztheorien (Def. s. hier Wikipedia- Dependenztheorien)

3 Grundbedürfnisorientierte Konzepte

E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 3, März 2002, S. 68 - 69)

Einen Ueberblick über die verschiedenen Entwicklungstheorien bietet, wieder mal, http://www.payer.de/entwicklung/entw31.htm,

Da Management die Aufgabe der Leitung, Führung von Betrieben und andern sozialen Systemen obliegt, müsste sich Entwicklungsforschung dort eigentlich am weitesten entwickelt haben. Das ist sie ... aber leider nur, sofern sie dem Fokus von Produktion und Absatz dient. Was die Gestaltung gesellschaftlicher Entwicklung betrifft, so hat hier eine Karte des Wissens etwa die Qualität einer mittelalterlichen Karte von Afrika. Es wundert wenig, dass auch was die Politische Beratung betrifft, die Wissenschaften noch in Kinderschuhen der Liberalismuspropaganda von Think-Tanks hinterher humpeln:

4 Forschung und Entwicklungs-Politik

Auszüge aus der hervorragenden Präsentation zur Situation in unserem Nachbarland, Detuschland: Hartmut Ihne: Entwicklungsforschung und Politik. Warum lassen sich die Politiker zu wenig beraten? E+Z, Nr. 3, März 2002, S. 68-96 [s. dazu auch: THINK TANKS -Wie kommt Wissen in die Politik? Wer macht die Diagnose? Wer den Design? ]

Die Entwicklungspolitik könnte großen Nutzen daraus ziehen, wenn sie die Entwicklungsforschung stärker zu ihrer Beratung heranziehen würde, insbesondere für interdisziplinäre Fragen. Dass sie das nicht tut, hat Gründe auf beiden Seiten, meint Hartmut Ihne: Einerseits gewährt die Politik der Wissenschaft zu wenig Einblick in ihre Probleme, andererseits ist die Wissenschaft zu wenig bereit, ihre Erkenntnisse nutzerfreundlich und verständlich aufzubereiten.

1. Die Welt, oder genauer das Bild, das wir von ihr haben, wird mit fortschreitender Globalisierung zusehends komplexer. An dieser Zunahme von Komplexität hat die Wissenschaft ihren nicht unerheblichen Anteil, weil immer mehr analytische Daten, Informationen und Wissen über die Welt angehäuft werden. Sie spielt in diesem Zusammenhang eine Doppelrolle: Einerseits ist sie durch ihre Erkenntnisse an der Verdichtung unserer Vorstellungen von der Welt beteiligt, andererseits ist sie es, die auf Mikro-, Meso- und Makroebene versucht, die Welt und ihre Inhalte und Prinzipien verstehbar (wenn auch nicht unbedingt verständlich) zu machen.

2. Für die Politik stellt dieser Zuwachs an Komplexität eine enorme Herausforderung dar. Sie braucht permanente wissenschaftliche Begleitung, um diese Komplexität in ihrer Tragweite überhaupt verstehen und ihr adäquat begegnen zu können. Das gilt für die Entwicklungspolitik in besonderem Maße, da sie alle Politikbereiche berührt, per se also eine politische Querschnittsaufgabe ist. Diese hat eine horizontale und eine vertikale Dimension. Die horizontale erstreckt sich auf die auf einer politisch-organisatorischen Ebene befindlichen Politikbereiche (wie Innen, Soziales, Justiz etc. in einer Kommune, einem Land oder einer Region), die vertikale auf die Beziehungen zwischen verschiedenen Ebenen (d. h. von der untersten institutionellen Ebene, z. B. einer Kommune, über die nationale bis in die supranationale und das globale System).

Der interdisziplinäre Kontext der Politik

3. Damit politische Entscheidungen in komplexen Gesellschaften in der Gesamtheit ihrer Facetten vernünftig gestaltet werden können, ist eine den politischen Prozess und seine Folgen für Staat und Gesellschaft vorausdenkende, begleitende und weiterentwickelnde Beratung durch Wissenschaft notwendig. Insbesondere im anglo-amerikanischen Raum hat sich eine breite Beratungslandschaft durch Universitäten, Think Tanks und Beratungsagenturen entwickelt.

In Deutschland gibt es nach wie vor nur wenige Einrichtungen, die in diese Richtung erfolgreich arbeiten. Um den Komplexitätsherausforderungen der Politik überhaupt begegnen zu können, muss Politikberatung durch Wissenschaft umfassend sein, in sektorspezifischer, interdisziplinärer und methodischer Hinsicht. Insbesondere bei der Querschnittsaufgabe Entwicklungspolitik ist es zwingend, dass wissenschaftliche Politikberatung einen Schwerpunkt auf Interdisziplinarität legt.

In der Vergangenheit hat in der deutschen Entwicklungsforschung der sektorspezifische Ansatz dominiert, der isolierte Betrachtungen von politischen Einzelproblemen vornahm. Interdisziplinäre Forschung aber, die sowohl die horizontale als auch die vertikale Dimension berücksichtigt, bleibt, trotz ermutigender Konzepte, in Deutschland nach wie vor ein Desiderat - und das, obwohl die politische Wirklichkeit (etwa bei der Armutsfrage, bei der internationalen Finanzarchitektur, bei nationalen und globalen Governancefragen, beim Schutz öffentlicher globaler Güter, bei der Schaffung nachhaltiger globaler menschlicher Sicherheit) gerade heute intensiv mit Querschnitt-Problemen konfrontiert ist. Was nach wie vor fehlt, ist eine überzeugende, qualitativ anschlussfähige, konsequent interdisziplinäre und auf die Querschnittsaufgabe der Entwicklungspolitik reagierende wissenschaftliche Politikberatung.

4. Zu fragen ist, woran das liegt. Warum fordert die Politik nicht stärker eine wissenschaftliche Praxisberatung ein und fördert Maßnahmen, die ihren Bedarf an interdisziplinärer Expertise decken?

Die Beziehung zwischen Politik und Wissenschaft ist hierzulande in vielerlei Hinsicht defizitär. Es sind zwei verschiedene Welten, die sich nur mit Mühe aufeinander zu bewegen. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie unterschiedliche Milieus, Methoden, Zielsetzungen, Sprachen, Geschwindigkeiten, Themen etc. Sie lassen sich in den bekannten Metaphern vom Elfenbeinturm auf der einen und den Niederungen der Praxis auf der anderen Seite zusammenfassen. Bei manchem politisch Verantwortlichen sind wohl Zweifel am Sinn von Zusammenarbeit mit der Wissenschaft entstanden - insbesondere wenn es um die Nachfrage nach kurzfristigen, wissenschaftlich soliden Handlungsempfehlungen geht, die die Zwänge der Praxis berücksichtigen.

Beide haben aber sowohl eine Bring- als auch eine Holschuld, denn beide stehen in gesellschaftlicher Verantwortung. Die Bringschuld der Politik besteht im Öffnen von politischen Entscheidungsprozessen für die Wissenschaft, die Bringschuld der Wissenschaft in der verständlichen und adressatenorientierten Aufbereitung der Expertise. Die Holschuld der Politik besteht in der Rezeption von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Holschuld der Wissenschaft in der Kenntnisnahme und Analyse dessen, wie politische Entscheidungsprozesse praktisch (nicht theoretisch) vonstatten gehen.

Die Zwänge der Wissenschaften und die politische Agenda:

5. Die Wissenschaft bemüht sich zu wenig (proaktiv) um die Agenda der politischen Praxis (z. B. die Planungen der Parlamente, der Ministerien und der Gruppen der Zivilgesellschaft). Sie will ihre eigene Agenda. Das ist bei den Naturwissenschaften weniger dramatisch, da ihr Praxiserfolg sich anders ausprägt. Aber für die Sozial- und Geisteswissenschaften ist das möglicherweise fatal, weil ihr Gegenstand die Lebens- und Handlungsräume der Menschen, der Gesellschaften und der von ihnen geschaffenen Institutionen ist. Welchen Sinn - außer einem ästhetischen und egoistischen für den Wissenschaftler selbst oder seine Peer Group - machen Modelle, Theorien, Konzepte über soziale Entitäten, die diesen nicht helfen, ihre Lage besser zu verstehen und damit verbundene Probleme zu lösen? Insbesondere die Universitäten und die ihnen verwandten anderen Forschungseinrichtungen tun sich immer noch schwer, sich der Politik zu öffnen und ausreichend interdisziplinäre Beratungsexpertise anzubieten, die für politische Entscheidungsträger attraktiv, also relevant, verständlich und anwendbar ist.

6. Wenn Wissenschaft aber - und das muss für die Entwicklungsforschung in hohem Maße gelten - kurz-, mittel- und langfristig gesellschaftlich relevant sein und Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger einerseits und die gesellschaftliche Entwicklung andererseits haben will, muss sie die Planungen und Vorhaben der Praxis genau kennen und darauf reagieren. Wissenschaft wird gesellschaftlich relevant, wenn sie politische Entscheidungsprozesse voraus- und mitdenkt und beeinflussen kann. Gerade die häufig noch vorherrschende reine Selbstbezüglichkeit der wissenschaftlichen Welt und die damit verbundenen (selbstorganisierten) akademischen Karrierezwänge insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs (Dissertation, Habilitation) verhindern häufig wirkungsvoll die notwendige Öffnung der Wissenschaft in die Entscheidungswelt der Politik auf der einen und eine wirkungsvolle Interdisziplinarität zur konzeptionellen wissenschaftlichen Beratung von Entwicklungspolitik auf der anderen Seite.

Voraussetzungen für Brücken zwischen Entwicklungsforschung und Politik

Zur Überbrückung der beiden Welten muss eine Reihe von Voraussetzungen auf Seiten der Entwicklungsforschung erfüllt sein. Dazu gehören unter anderem Änderungen von Mentalitäten und Ressourcenplanung, neue Wege bei Fort- und Weiterbildung, stärkere interdisziplinäre Arbeitsweisen, eine bessere Vernetzung sowie neue Vermittlungsformen. Des weitern:


Andererseits muss die Politik sich dem wissenschaftlichen Denken stärker öffnen. Sie wird ohne Einbezug wissenschaftlicher Analyse und synthetischer Schlussfolgerungen den Weg in das 21. Jahrhundert und zu einer verantwortungsvollen globalen Strukturpolitik schwerlich erfolgreich gehen können. Eine Forderung an die Politik ist, der Wissenschaft deutlicher als bisher (uneingeschränkt) Zugang zu den eigenen Diskursen zu geben. ... Die Politik weiß längst, dass nicht sie alleine die Welt menschlich gestalten kann; sie benötigt dazu auch die Wissenschaft. Verantwortliche Politik muss die sie beratende Wissenschaft fordern und sich leisten, diese stärker zu fördern. Grenzen sind jedoch da zu setzen, wo die wissenschaftlichen Berater zu ,Dienern‘ werden. Das bekommt am Ende niemandem.

Insgesamt ist es unerlässlich, den Prozess einer effizienten, die Interessen von Wissenschaft und Politik berücksichtigenden Politikberatung genauer zu erforschen. Der Transfer von wissenschaftlichem Wissen in den politischen Entscheidungsraum ist ein komplizierter Kommunikationsvorgang, der bislang systematisch nicht ausgewertet ist. Er wird umso erfolgreicher und nachhaltiger sein und der Gesellschaft und den Menschen dienen, je mehr die beteiligten Welten über ihre Ziele und Strukturen als auch ihre Möglichkeiten und Grenzen wissen.

Martin Herzog, WEBDESIGN, Rheinfelden, 27.10.03. In Bearbeitung ..

Öffentliche Forschung - private Forschung - ein ungelöstes wissenschaftspolitisches Problem.

Dass die Wirtschaft Forschung und Entwicklung zu ihren Innovationen braucht, wird eigentlich wenig bezweifelt. Sieht man allerdings, wohin die Wissenschaften mit dieser Art Forschung getrieben werden, kommen einem doch Zweifel. Sehen wir uns die detaillierten Analysen des britischen Handelsministeriums an (für Dokument klick rechts), sehen wir sofort, dass die Schweiz in Sachen Forschung zwar international bei der Spitze dabei ist, dies aber nur auf einem sehr limitierten Feld, nämlich Pharma und Chemie, d.h. Roche und Novartis.

2004 galt ein £ ca. 2.30 Fr. Umsatz, EBIT und Beschäftigte. Rechts: Forschungsausgaben, 20 Toppositionen weltweit:
 


2008 hat sich das geändert. Nun steht Toyota mit 9 Milliarden $ an der Spitze, gefolgt von Nokia (8.7) und schon auf Platz 3 Roche mit , knapp vor Microsoft. Novartis folgt bereits auf Rang 9 mit 7.2 Milliarden.

Noch mehr Autos, Handys, Tabletten und Computer sollen also die Menschheit beglücken, "Wohlstand" schaffen. ?

Es wundert wenig, dass ein internationaler Spitzenplatz bei Aufwendungen für Forschung von Platz 19 und 20 in der nationalen Statistik um so stärker durchschlägt. Allerdings bleibt vom Forschungsaufwand bei Novartis nur 40%  (ca. 2.1 Mia Fr) in der Schweiz, bei Roche 25% (1.3 Mia Fr.): Total ca. 3.4 Milliarden Fr.  Der Rest fliesst ins Ausland:

Noch schockierender aber sind die neusten Resultate von Booz Allen Hamiltons Studie: Global Innovation 1000. Die untersuchten 1000 Firmen geben zusammen 284 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aus, was 80% der gesamten weltweiten Ausgaben in dem Bereich entspricht.

Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung hatte keinen messbaren Einfluss, weder auf Umsatz noch auf Gewinne - mit einer geringen Ausnahme bei Software und Konsumgütern, wo Patente offenbar helfen.

Fazit:

Man kann für Forschung zu viel ausgeben - oder zu wenig -
aber insbesondere kann man sehr leicht Forschung betreiben, die nichts bringt.
Das Wichtigste ist, die richtige Art von Forschung am rechten Ort - mit den rechten Leuten - zu betreiben. Vielleicht wäre eine öffentliche Diskussion über die Ziele der Forschung doch nicht das Dümmste ...

Die viel gelobte Schweizer Forschung ist also extrem einseitig:


 

Daten:

Der Vergleich offenbart interessantes: Obwohl die Pharma am meisten Geld ausgibt für Forschung, doppelt so viel wie die Maschinenbauer, stellen letztere deutlich mehr Personal an.

Pharmaforschung ist also eben so kapitalintensiv - wie ertragreich. Und trotz dieses Schwerpunkts ist die Schweiz absolut nicht Spitze, auch nicht, was die Forschungsinvestitionen der Privatwirtschaft betrifft! (s.u.)

Graphiken aus: http://www.economiesuisse.ch/d/content.cfm?upid=EC01192B-F92A-463A-B6B1C9B82AAA3BE3&type=pdf&filetype=pdf


Im Vergleich dazu hat der Bund 2004, über sein grösstes Forschungskässeli, den Nationalfonds, gerade mal 450 Millionen für die Forschung ausgegeben, 82 Millionen davon für die NFS (Nationale Forschungsschwerpunkte). Geradezu läppisch sind die Beiträge zur Forschung im Bereich Technologietransfer, der doch für das Wirtschaftswachstum entscheidend sei, wie es heisst. 2004 unterstützte der Bund die Forschung und Entwicklung inländischer Firmen mit 96 Millionen, von denen 70 über die Innovationsagentur KTI verteilt wurden. Kaum der Rede wert die 37 Millionen des Bundesamtes für Energie, die 4 Millionen für Umweltforschung, inkl. Umwelttechnologie (gerade für China eine Zukunftsbranche!), 4 Millionen für Holz 21 (dabei ist Holz DER nachwachsende Rohstoff und Energieträger) + 700'000 für den Fonds für Wald- und Holzforschung.

Was die Universitäten betrifft, so erhalten diese in der Schweiz nur 3% Finanzierung von der Wirtschaft. 97% der Kosten müssen also vom Staat getragen werden. In Deutschland sind dies 92 Prozent, in Schweden 88, in Frankreich 86, in den Niederlanden und Italien 78, in Kanada 61 und in den USA lediglich 33 Prozent. Hier ist die Forschung also am meisten von Wirtschaft und privaten Beiträge abhängig.

Der Staat steckt 2,5 Milliarden Franken im Jahr in seine zehn Universitäten und 1,7 Milliarden in seine beiden ETH.

TOTAL: 4.65 Milliarden für höhere Bildung und Forschung

1969 lagen die Dinge allerdings noch schiefer. Bei einem Gesamtaufwand von 1.7 Milliarden für Forschung (2.1% des BSP)  wurden nur 0.3% von der öffentlichen Hand finanziert. Um die vorletzte Jahrhundertwende konnte die Firma Sulzer für ein zweijähriges "Volontariat (!!!) eine Gebühr von 1000 Fr. verlangen, die bei Eintritt zu bezahlen waren. 7 Semester an der ETH kosteten genau gleich viel ...

Eine richtige Theorie ist das Praktischste was es gibt.

Kurt Lewin

Hier werden mehrere Probleme plötzlich klarer: Das Studium, insbesondere die Titel, wie der begehrte Dr., öffnet zwar die Türen zu höheren Positionen, kann aber kaum je als das eingesetzt werden, worauf es ausgerichtet ist, nämlich zur wissenschaftlichen Forschung. Deshalb die Trendwende zu Fachhochschulen, welche die Praxis höher werten also die Theorie. Zum Teil war diese Ergänzung wichtig und richtig, da ein "rechter" Forscher fast sachbedingt als Praktiker oft zwei linke Hände hat. Allerdings wurde dabei ganz offensichtlich die Wandlung vom Praktiker zum Theoretiker als zu einfach eingeschätzt, der Theoretiker also massiv unterschätzt. Gerade weil sie praktisch arbeiten, rasch und schnell eine Methode beiziehen die grad zur Verfügung steht (häufig bloss Befragungen), und nicht zu viel Aufwand macht, kriegen nun bereits die ersten Absolventen der Fachhochschulen den Vorwurf, sie seihen gar nicht in der Lage, fundiert wissenschaftlich zu arbeiten. Ist ja logisch, herrgottnochmal, genau das war doch die Absicht, dass man sich das komplexe und komplizierte theoretische Denken vom Halse schaffen wollte.

Mit dem Aufbau der Fachhochschulen scheint also das Problem billigerer und schnellerer Ausbildung von hoch qualifizierten Fachidioten noch lange nicht gelöst, sondern der Sumpf zwischen Theorie und Anwendung breiter und tiefer geworden zu sein. Das hat aber mal den Vorteil, dass man sich vielleicht über den Unterschied, den nützlichen Unterschied, zwischen Theorie und Praxis mal klarer wird und das Problem der Phronesis, der vernünftigen, wertorientierten, vor-sichtigen Anwendung von Wissen (prudentia) zum Thema wird. Das Problem heisst heute nicht mehr: Grundlagenforschung oder angewandte Forschung, das Problem heisst: Welches Wissen ist notwendig, um eine Theorie in praktische Anwendung umzusetzen. Bisher reichte dazu technisches Wissen. Unter dem Fokus Nachhaltigkeit müsste die technische Machbarkeit (können wir) nun durch umweltbedingte und ethische Faktoren der Wünschbarkeit (sollen wir) - und  soziale Faktoren der politischen Konsensbildung (wollen wir) ergänzt werden.

Die Schönheit ist darum ohne Nützlichkeit, weil diese eine Pressung einer Sache zu anderen Zwecken - also keine in sich selbst vollendete Vollkommenheit - anzeigt. Daher je nützlicher die Sachen sind, desto mehr Ecken zeigen sie so zu reden als Mittel sich anderen Verbindungen anzupassen; die Kugelrundung ist an sich selbst vollkommen.

Emmanuel Kant

Gerade am Falle der dominanten Forschungszweige der Schweiz: Biochemie, Pharma, Chemie, kann das Problem recht gut analysiert werden. Gentechnologie ist eine neue Sparte. Man weiss nicht, was wie wo wann und warum passiert, wenn wir mit Genen herumspielen. Verkauft wird diese Forschung aber vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten. Übersehen wird dabei, dass diese Art Forschung von Privaten für Private, für privaten Profit, betrieben wird. Es war amüsant zu sehen, wie mehrere Basler Leserbriefe in recht aggressivem Ton gegen einen kritischen Artikel zum Novartis Campus im Magazin losliessen: Die Zürcher ... wir machen was ... die sind neidisch. Lokalpatriotismus ist hier, wie in den meisten Fällen, wenig hilfreich, denn hier gibt es kein wir. Novartis ist Privatbesitz, wurde zwar in Basel gegründet, gehört immer noch zu einem grossen Teil einigen Basler Familien - ist aber kein Basler Betrieb, sondern ein privater. Alle Basler Chemiefirmen haben die Vorteile der Globalisierung zu nutzen gewusst, und das schon lange bevor es schon nur den Begriff gab. Die meisten Basler Grossbetriebe haben sich trotz härtesten Wettbewerbs einigermassen sozial verhalten, da ihre Betriebsamkeit auf protestantisch-pietistischer Ethik beruhte. Je grösser aber der Abstand zwischen Ethik und Wirtschaft wird, desto rascher und härter wird auch Basel lernen, dass sich Wettbewerb und Solidarität/Loyalität zwei Paar Stiefel sind. Gerade die Art Forschung die hier betrieben wird und im Novartis Campus ausgeweitet werden soll, stösst weltweit auf Widerstand - und dies zu recht. Hier wird nicht Wissen zum Wohle der Allgemeinheit geschaffen, sondern privates Wissen zum Wohle der Firma. Solange dies der Gesellschaft mehr nutzt als schadet, besteht auch kein Problem. In der Wirtschaft ist es jedoch Gesetz, dass einer bezahlt wenn der andere verdient. Werden Gene patentiert, also die Grundstruktur des Lebens, müssen die Nutzer bezahlen. Es gibt sogar schon Beispiele dafür, dass Menschen die ihre Zellen für die Forschung zur Verfügung gestellt haben, dennoch für Medikamente die daraus hervor gingen, teuer berappen mussten. Hier und heute geschieht in der Forschung etwas, das zwar am Rande immer mit lief, aber noch nie drohte, die ganze Forschung und Wissenschaft zu besetzen: die Privatisierung von Wissen. Diese setzt aber andern Forschern, und all denen, die Wissen erwerben wollen, sollen oder müssen, finanzielle und rechtliche Grenzen.

Das Problem lässt sich auch anhand der "Erfolge" zeigen: Die Schweizer Forscher sind offensichtlich Spitze im Ingenienieurswesen und Technologie, sowie Chemie, Physik, Erd- und Lebenswissenschaften - tauchen aber in Sachen Kunst-, Sozial- und Geisteswissenschaften nirgends auf. Unter dem Aspekt ist die Forderung von Swissmem:

Forschung und Entwicklung der Hochschulen sind auf volkswirtschaftlich interessante Bereiche zu fokussieren

einigermassen destruktiv.


http://www.sbf.admin.ch/news/FIKO_2005-d.pdf

Der Begriff Campus ist daher, obwohl es sich nicht um ein Feld, sondern ein Stadtviertel mit maximaler Nutzung durch Hochhäuser (mit berühmten Namen) handelt, nicht schlecht gewählt - allerdings nur, wenn man auf seine Bedeutung vor dem Studentencampus zurück greift. Der Ur-Campus war das Marsfeld (Campus Martius), auf dem die römische Miliz exerzierten (do Paris), auf dem die Zenturiatkomitien über Krieg und Frieden, wie über Todesstrafen gegen römische Bürger, berieten. Die völlige Abschirmung gegen aussen, verständlich aus der Perspektive des Privateigentums, ist dennoch kritisch, da gerade hier etwas neues privatisiert wird, nämlich Sachwissen. Dem entsprechend sind Demonstrationen angebracht, also ausreichend Raum (und abwaschbare Fassaden) dafür bereit zu stellen. Die Basler sollten sich gut überlegen, ob sie diesen Raubritterzug gegen das Wissen unterstützen wollensollenmüssen, einfach weil es um beträchtliche Steuern geht, die Novartis & Co hier liegen lassen.

M. Herzog, Basel, 26.10.05

Kleine Korrektur "contre coeur" - aber sachlich wie historisch begründet: 

Die Analyse der 150 Jahre ETH zeigen ganz klar, dass die chemische Forschung an der ETH durch die Privatwirtschaft angetrieben und weitgehend auch finanziert wurde. Dass in der "Gründerzeit" das Wissen noch in weitaus höherem Masse privatisiert war als heute, zeigt die Tatsache, dass noch um die Jahrhundertwende die Firma Sulzer für ein zweijähriges "Volontariat (!!!) eine Gebühr von 1000 Fr. verlangen konnte, die bei Eintritt zu bezahlen waren. Dieser Betrag deckte die Kosten für 7 Semester an der ETH. Mit dem Aufkommen von Universitäten im 20 Jahrhundert wurde also viel Wissen erst öffentlich gemacht - und wir haben es heute mit einer Rückwärtsbewegung zu tun, in der privates, verwertbares, patentierbares Wissen wieder mehr Stellenwert erhalten soll. In dem Dilemma steckt eigentlich fast jeder Kopfarbeiter (brainworker). Einerseits möchte er quasi den öffentlichen Wissensstand anheben - andererseits kann auch er sein Wissen auf Dauer nicht gratis verteilen, sondern muss es über Abonnenten, Schüler, Artikel, Zeitschriften, Bücher, Beratungen etc. vermarkten.

Sieht man sich die Problematik noch genauer an ... so wird die Sache leider noch verzwickter. Mark O. Sellenthin hat das sehr gut dargestellt in <Universities in Innovation Networks. The Impact of Patent Rights Regimes on the Commercialisation of Research in Sweden and Germany>. [In: W. Elsner; A. Biesecker: Neurartige Netzwerke und nachhaltige Entwicklung. Komplexität und Koordination in Industrie, Stadt und Region. Institutionelle und Sozial-Oekonomie. Bd. 14. Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt a.M. 2003]

In den letzten zwei Dekaden wird ja von den Universitäten zunehmend verlangt, dass sie stärker und öfter mit der Privatwirtschaft interagieren und mehr auf deren Bedürfnisse eingehen. Dazu kommt dann das Problem, dass ein hochintelligenter Professor mit Erfindungsgabe (die sollst ja laut Hörensagen auch geben ...) eigentlich ein Trottel wär' (in unserem geldgetriebenen System), würde er seine ganzen Leistungen einfach für ein paar Publikationen, also die "Ehre" verbraten. Umgekehrt basiert natürlich genau das Privileg der freien Forscher, dass den Professoren zugestattet wird, darauf, dass sich diese so nicht bloss von kommerziellen Interessen leiten lassen. Zur Lösung dieses Dilemmas haben Schweden und Deutschland zwei unterschiedliche Ansätze gewählt, anhand derer sich die Vor- und Nachteile von "Patentforschung" gut erklären lassen.

Professoren in Schweden haben heute primär drei Aufgaben:

In Schweden haben die Professoren das Recht, ihre Forschungsresultate privat patentieren zu lassen, um sie kommerziell nutzen zu können - sie tragen allerdings die beträchtlichen Patentierungs- und Verwertungskosten selbst.

In Deutschland müssen Professoren seit 2002 ihre Universität darüber informieren, wenn patentfähiges Wissen generiert wurde. Die Universität hat dann 4 Monate Zeit zu entscheiden, ob sie die Erfindung patentieren will oder nicht. Will sie nicht, darf das Resultat publiziert werden, wobei der Universität kein Recht auf "Zensur" oder irgendwelche Aenderungen am Text zusteht. Patentiert sie, auf ihre Kosten, erhält der Erfinder 1/3 der Erträge. Eine eben so patente Lösung.

Mein eigener Kompromiss: Wichtige Infos gratis - News und Design gegen Entgelt.

Wissen das mir für die Öffentlichkeit wichtig scheint wird weiterhin gratis publiziert, ohne Abonnentengebühren. Neue Artikel werden allerdings mit einer Verzögerung von 2 Wochen bis 3 Monaten veröffentlicht. Wer die Informationen eilig will, soll bezahlen (1 Euro für 10-15 Seiten). Des weitern werden die Informationen in meinem, den gut geschulten Webdesignern verhassten, Minimaldesign, angeboten. Wer für die Verbreitung an Schulen, in Vereinen, Diskussionsgruppen oder was auch immer eine bessere Qualität der Präsentation braucht, soll bezahlen (1 Euro müsste drin liegen, denn bereits die Kosten für Papier und Toner sind höher).