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Gedächtnis, Erinnerung und Bewusstsein (= Reflektionsfähigkeit) als Fundament von Denken, Wissen und Wahrheit

[Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. C.H. Beck. München 2009,
]

Wissen ist ein vielfältiger Baum, der sich schlecht in wenigen Worten oder gar einer Formel darstellen lässt. Wenn ja, dann nur unter massiver Einschränkung seiner Bedeutung (s. Wittgenstein)

Wenn jemand sagt, er/sie <wisse> etwas, so kann das unterschiedliche Bedeutungen haben:

- Er/Sie hat es in seinem Gedächtnis - wie etwa das Wissen, das in der Schule abgefragt wird.

- Er/Sie hat es begriffen (kann es mit Worten beschreiben), verstanden (kann es anwenden, erklären, weiter geben). Definition: Begreifen erfasst die Dinge - symbolisch - durch abstrakte Begriffe und handelt durch Manipulation der Begriffe (= Denken).

- Er/Sie hat NICHT bloss eine Ahnung oder ein Gefühl, etwas könnte sich so oder so verhalten, sondern ist sich sicher, dass es so und nicht anders ist. Er sieh hat also Gewissheit - und kann das sachlich begründen, denn sonst könnte es sich eben auch um eine unbelegte Behauptung, Ahnung, Meinung oder Glauben handeln. Wir sehen gerade beim Meinen, dass hier weder ein objektiver Wahrheitsgehalt, und noch nicht mal die persönliche Gewissheit der Wahrhaftigkeit vorhanden sind wie etwa beim Glauben, sondern eben allenfalls eine Möglichkeit, eine Annahme:

  subjektive Gewissheit objektive Wahrheit
  1. Wissen
  2. Meinen
  3. Glauben
  4. Verleugnung/Verdrängung
+
-
+
-
+
-
-
+

Das Bedeutungsfeld für <Wissen> umfasst laut Peltzer/Normann: Erkenntnis, Erkennen, Meisterschaft, Gelehrsamkeit, Talent, Klugheit, Vorstellung, Einblick, Verständnis, Vertrautheit, Erfahrung, Beobachtung, Entdeckung, Weisheit, Begabung. Das Gegenteil von Wissen sind nicht Gefühle - sondern Unwissen, also Ignoranz, Torheit, Unerfahrenheit, Hohlheit, Dummheit (bei der Dummheit ist die Sache nicht so eindeutig, da eine Dummheit meist ein Verstoss gegen besseres Wissen ist, also nicht Unwissen).

Das Bedeutungsfeld für <Meinung> umfasst: Ahnung, Anhaltspunkt, Annahme, Ansicht, Auslegung, Befürchtung, Dafürhalten, Gesichtspunkt (Perspektive), Grundsatz, Idee, Urteil, Vorschlag - Hypothese, als ungeprüfte Theorie, also Vorstufe derselben. Die Meinung entspricht also bestenfalls der ungeprüften Wahrheit, der These - was gerade bei Meinungsentscheiden in der Politik vielleicht etwas ernster zu nehmen wäre. Meinungsbildung kann, ganz objektiv, einfach Bockmist erzeugen, eben weil es um Meinen und nicht um Wissen geht.

Wissen
kausale Begründung finale Begründung

Logik

Erkenntnis

Wissenschaft

Ursachen/Zusammenhänge

Ziel

Anwendung

Intention/Wille

Normen/Werte

Wir brauchen also unterschiedliche Ansätze, um den schillernden Begriff zu klären:

Grundfrage 1: Wie entsteht Wissen?

  1. Wissen entsteht durch Ueberprüfung von Annahmen, Ideen, Intuition, Theorien etc. Das ist das wissenschaftliche oder philosophische Wissen.
  2. Wissen entsteht durch die Aggregation von Informationen die zueinander in Beziehung stehen, selbst wiederum durch Aggregation von Daten entstanden sind. Wissen beinhaltet also notwendigerweise einen gewissen Komplexitätsgrad von Beziehungen.
  3. Wissen entsteht durch Erfahrung (informelles Lernen
  4. Wissen entsteht durch gezieltes (oft formelles) Lernen.
  5. Erinnerung: Wenn wir uns an etwas erinnern, dann "wissen" wir plötzlich wieder, was wir vergessen und gesucht haben. Durch Erinnerung entsteht also Wissen nicht, sondern wird neu erfahren. Erinnerung ist an das Gedächtnis gebunden, genau wie Lernen. Die Struktur des Gedächtnisses bestimmt also, was wir wissen - und was wir vergessen.

Grundfrage 2: Was ist der Zweck von Wissen?

  1. Wissen hilft uns, uns in der Welt zu orientieren, unsern Weg zu finden, unsere Ziele zu verwirklichen.
  2. Wissen hilft, Dinge sachlich (objektiv, also nicht bloss aus persönlicher Sicht) zu beurteilen - das heisst, uns auch mit den Zielen anderer auseinander zu setzen und den Widersprüchen, die aus unterschiedlichen Zielen entstehen. Hierbei ist anzumerken, dass der deutsche Ausdruck <Wissen> aus der indogermanischen Wurzel vid entstanden ist, die für Sehen steht. Da sich aber gerade das Auge oft täuscht, was al Ghazali als generelle Kritik an der Philosophie aufgeführt hat, müssen wir das, was wir sehen, immer auf Täuschung überprüfen. Präzise dies ist Inhalt und Absicht der Phänomenologie, die nicht behauptet dass Phänomene einfach die Wahrheit sind, sondern dass sie zwar das Einzige sind, was wir von der Natur erhalten - dass wir sie aber sorgfältig auf Verzerrungen hin prüfen müssen.
  3. Wissen (und Wissenschaft) bedingt, was wir wollen können, nicht jedoch (oder nur indirekt, über Schäden und Risiken), was wir wollen dürfen. Laut Weber und dem Werturteilsstreit können Werte und Werturteile nicht Sache der Wissenschaft sein. Wer eine bessere Welt durch Werte begründen wolle, der könne das nicht als Wissenschaftler tun, sondern müsse Prophet, Priester oder Hellseher werden, so Max Weber. Allerdings ist in der Zwischenzeit auch diese Lösung obsolet, da sich mit der Postmoderne niemand mehr ein vorgekochtes Sollenssüppchen vorsetzen lassen will. Der Mensch will selbst entscheiden, mit entscheiden, mit bestimmen, mit gestalten - was der Politik bedingt, allerdings einer starken Form der Basisdemokratie (grassroots). Dieses Bedürfnis nimmt auch in den Bevölkerungen vertreterdemokratischer Länder zu, einerseits, gerät aber andererseits in dem Land in dem sie noch am stärksten vertreten ist (und auch die Grenzen zeigt, indem sie ab und zu echt Bockmist erzeugt) stark unter Druck durch die Forderung der EU an die Schweiz, die Normen der EU per se und ohne Diskussion anzunehmen. (Eine Bockmistforderung der Stellvertreterdemokratie).

Dummerweise werden Werte heute eigentlich nur in der Oekonomie systematisch angestrebt, aber dort eben bloss die Werte, die sich in Geld ausdrücken lassen. Alle anderen müssen sich daran messen lassen, was ihre Realisation kostet - und einbringt. Am deutlichsten wird dies durch die einleitende Beschreibung sogar des Instrumentes, in das viele, auch Philosophen, einige Hoffnung zur Verbesserung setzen, der corporate governance: Wozu dient die Corporate Governance? "Corporate Governance" als Leitidee ist die Gesamtheit der auf das Aktionärsinteresse ausgerichteten Grundsätze, die unter Wahrung von Entscheidungsfähigkeit und Effizienz auf der obersten Unternehmensebene Transparenz und ein ausgewogenes Verhältnis von Führung und Kontrolle anstreben. So die Aussage im Heft der KPMG: Geschäftsberichte lesen und verstehen. [2010]. Da bleibt also nichts als die Förderung des shareholder values, des Wertes für die Anteilnehmer. Die Stakeholder, insbesondere Umwelt und Gesellschaft, bleiben aussen vor.

Grundfrage 3: Was sind die wichtigsten Wissensarten?

  1. Wissen wird meist identisch gesetzt mit "wissenschaftlichem Wissen"
    1. Fühlen gehört in dem Sinne nicht dazu, was sich ja bereits durch den Ausdruck: Ich habe das Gefühl, dass ... klärt. <Ein Gefühl haben> ist eine Ahnung, eine Vermutung - aber kein (sicheres) Wissen, keine innere Ueberzeugung und Gewissheit.
  2. analytisches Wissen (kein Link, da selbst Wiki mager, ja fehlerhaft. Statistik z.B. ist keine (nur) analytische Methode, sondern hilft bei der Absicherung der Wahrscheinlichkeit - auch von Zusammenhängen, ist also auch synthetisch. Die analytischen Methoden basieren zumeist auf der mathematischen Analysis mit den berühmt-berüchtigten Integralen, Differentialen und Vektoren. Von der Oekonomie werden diese allerdings dann wieder zur Synthese verwendet, was vielleicht einige Probleme erklärt, die die Anwendung dann verursacht.
  3. synthetisches Wissen: gibt es nicht (Ausnahme Kant's kategorisches a priori), laut Google, was natürlich Unsinn ist, denn Wissen ist nur Wissen, wenn es Dinge zusammen fasst, also eine Synthese leistet. Ohne Synthese heissen die Dinger Daten, mit wenig Synthese, also einfachster Gliederung und Zusammenfassung, ohne Bewertung: Informationen. Das ist es, was die Medien liefern. Vorsicht also, Informationen sind noch lange kein Wissen, denn es fehlt die Ueberprüfung, die Gültigkeit.
  4. abstraktes Wissen <> praktisches Wissen
    1. Verstand ist das Vermögen, Begriffe zu Bilden, also zu Begreifen, in Begriffe fassen können, etwas er-fassen können, etwas zu "sehen", damit die Grundlage von Wissen.
    2. Vernunft ist die Fähigkeit, ausser Daten und vereinzelten Informationen auch Zusammenhänge zu sehen, also aus Daten und Informationen erst Wissen zu schaffen: Wissen gliedern, kritisieren, bearbeiten, umwandeln, mitteilen, anwenden können, auch moralisch richtig anwenden können. Vernunft setzt dem Verstand Grenzen - und erkennt dessen Grenzen.
    3. deklaratives Wissen (Symbolmanipulation) <> prozedurales Wissen (s. kinetische Intelligenz)
  5. Handlungswissen > Ausführungswissen (Klugheit), Wertewissen (= Weisheit: Sapientia: Das Schmecken der Werte)
  6. Bewusstes / unbewusstes Wissen
  7. soziales Gedächtnis: soziales Wissen verengt sich oft zum Gruppenzwang. Dies passiert sogar im Grossen, also auf nationaler Ebene, wo die Volksgemeinschaft intolerant wird gegen Abweichler und Fremde und ein totalitäres System einrichtet.
  8. kollektives Gedächtnis <> Das kollektive Unbewusste: Archetyp
  9. kulturelles Wissen

1. Gedächtnis

F.G. Jünger unterschied zwischen Erinnerung und Gedächtnis.

Erinnerung ist rekonstruktiv. Sie geht von der Gegenwart aus und verschiebt, verformt, entstellt, wertet um und erneuert den aufgerufenen Inhalt entsprechend.

Das englische Wort memory hingegen kann sowohl Gedächtnis als auch Erinnerung bedeuten.

Gedächtnis (griech. mneme, lat. memoria;). Der Begriff Gedächtnis wird in der wissenschaftlichen Psychologie ähnlich unbestimmt und unterschiedlich verwendet wie in der Umgangssprache. Man bezeichnet damit:
1. die hypostasierte Fähigkeit von Organismen zu Reproduktionen irgendwelcher Art (z.B. Vererbung, Instinktverhalten, Gewohnheiten, Erinnerungen) und zugleich die Summe der dadurch erworbenen kollektiven und individuellen Dispositionen, Spuren oder Engramme;
2. ein theoretisches Konstrukt zur Beschreibung der Tatsache, daß das Verhalten und Erleben eines Organismus zu einem bestimmten Zeitpunkt durch sein Verhalten und Erleben zu einem früheren Zeitpunkt beeinflußt wird (W. STERN: «G. ist Vergangenheitsbedingtheit des Erlebens»);
3. die explikativ gemeinte psychische und/oder organische Bedingung der Möglichkeit eines Organismus, aus Erfahrung zu lernen, das Gelernte in irgendeiner Form über die zeitliche Dauer des Lernprozesses hinaus zu speichern und unter bestimmten Bedingungen zu einem späteren Zeitpunkt wieder im Verhalten zu aktualisieren
4. die Tatsache und/oder die Fähigkeit des Organismus, sich an vergangene Erlebnisse mehr oder minder bewußt erinnern zu können (M. OFFNER: G. ist «die Fähigkeit der Seele, früher gehabte Bewußtseinserlebnisse – Inhalte und Ich-Erlebnisse – unter bestimmten Bedingungen, aber ohne Wiederkehr der äußeren Umstände, welche sie erstmals veranlaßt haben, in mehr oder weniger ähnlicher Weise wiederzuerleben»)

[Historisches Wörterbuch der Philosophie, Gedächtnis. S. 7352]

Bedarf an und Aufbau der Gedächtnisinhalte

Gedächtniskunst (ars):

Dem Lesen kam in der mittelalterlichen Welt höchste Bedeutung als einer sammelnden, lernenden, heilskräftigen Tätigkeit zu, die im Mittelpunkt des mönchischen Lebens stand. Lesen wurde trainiert als eine Kunst methodisch geleiteter Meditation. Diese Bedeutung konnte das Lesen aber nur entfalten, wenn es vom Gedächtnis entsprechend untermauert war. Die Heilige Schrift erforderte eine besondere Kunst der Lektüre. Hugo (von St. Victor) verglich sie mit einem riesigen Resonanzraum, in dem jeder Ton seine Bedeutung aus der Harmonie des Ganzen zieht. (Darauf basiert eigentlich die Exegese, später generell, in Form der Hermeneutik). Um aber an jeder einzelnen Stelle das Ganze samt den Obertönen des dreifachen Schriftsinns (eigentlich 4, aber der einfachste, der buchstäbliche, war nicht der Rede wert, was die Grundforderung des Protestantismus, sich ans geschriebene Wort zu halten, doch ziemlich relativiert: buchstäbliche, allegorische (typologische), moralische und anagogische Auslegung von Bibelstellen) wirklich hören zu können, bedurfte es besonderer Einübungen, die Hugo von der antiken Mnemotechnik übernahm. [S. 115]

Die Gedächtnis-Kunst ist heute eher Angelegenheit des Zirkus als, wie in der Antike, von Herrschern, Staatsmännern, Königen und Feldherren (je mehr man lügt, desto besser muss das Gedächtnis sein)

Gedächtnismacht (vis)

Die Kunst des Memorierens war insbesondere dort wichtig, wo es auf den Schwung, die Ueberzeugungskraft freier Rede ankam, wie insbesondere bei Politikern und Rechtsanwälten, aber auch dort, wo Wissen als heilsrelevant betrachtet wurde/wird (Bibel/Quran) oder überlebenswichtig ist (medizinisches Wissen des Arztes ... Berufswissen eines jeden Berufes). Cicero kann als Patron der Mnemotechnik betrachtet werden, Nietzsche als derjenige der identitätsstiftenden Erinnerung.

Die römische Rhetorik kannte 5 Verfahrensschritte:

  1. inventio (Erfindung/Entdeckung: Phantasie): Topik als erster Schritt, Heuristik: die richtige Frage stellen
  2. dispositio (Auslage/Plot/Script/Drehbuch: Vernunft/Inhalt)
  3. elocutio (Stil/Form)
  4. memoria (Erinnerung: Gedächtnis - heute müsste man das finden unter "Didaktik des Selbst-Lernens)
  5. actio (Handlung: der Vortrag, der Wirkung erzielen soll)

Auch hier war das Gedächtnis entscheidend, denn als Wissen wurde nur das anerkannt, was nicht abgelesen werden musste.

Gedächtnisorganisation durch Assoziation und Wiederholung

W. JAMES: «Jede Verbesserung des Gedächtnisses ist also offenbar nur in der Weise möglich, daß für jedes der zu erinnernden Dinge Assoziationen gestiftet werden. Anders ausgedrückt: Nur was zu <Wissen> verbunden/organisiert/strukturiert werden kann, lässt sich überhaupt erinnern(d wissen).

«A set of objects or events are said to be organized when a consistent relation among the members of the set can be specified and, specifically, when memberships of the objects or events in subsets (groups, concepts, categories, chunks) is stable and identifiable»

Assotiationen sind deshalb nötig, weil jedes Gehirn anders, jedes nach seiner Entstehungsgeschichte und nach seinen eigenen Gewichtungen strukturiert ist. Um Aehnliches bei Aehnlichem anzulagern, muss diese Aehnlichkeit erst erkannt werden, was vielen Leuten extrem schwer fällt, schon bereits wenn zwei unterschiedliche Worte dafür verwendet werden, noch schwerer, wenn Widersprüche enthalten sind. Die freie Assoziation schafft also Verbindungen zu Bekanntem und erleichtert die Eingliederung und das Erinnern.

Nach Aristoteles hängt die Assoziationsstärke ab von:

Thomas Brown (1778-1829) ergänzte diese Gesetze im 19. Jahrhundert mit seinen sekundären Assoziationsgesetzen, nach denen die Verbindungsstärke zweier Reize abhängig ist von:

Ebbinghaus die methodischen Grundlagen für ungezählte spätere Untersuchungen des Lernens und des Gedächtnisses. Er fand auf diese Weise z.B., daß die Anzahl der zum Erreichen des Lernkriteriums notwendigen Wiederholungen mit zunehmender Silbenzahl zuerst schnell, dann langsamer und schließlich sehr langsam anwächst; daß das Behalten des Lernmaterials zum Teil von der Anzahl der vorausgegangenen Wiederholungen abhängt; daß durch zeitliche Verteilung der Wiederholungen der günstigste Effekt erzielt werden kann; daß das Erlernen von sinnvollem Material wesentlich leichter ist als das Einprägen sinnarmer Silben und daß der Vorgang des Vergessens anfangs sehr schnell, dann langsamer und schließlich mit äußerster Langsamkeit verläuft. Auf dieser Art zu lernen basiert allerdings eher das "auswendig lernen", das Büffeln, wie es für Schulprüfungen nötig ist - aber dem Verständnis wenig bringt.

Ueberlastungsverhinderung durch Selektion und Vergessen

Da der Gedächtnisraum aber nicht unbeschränkt ist, genau so wenig wie der Begriffs- und Vernunftraum, findet die Speicherung äusserst selektiv statt. Zum Begriff Speicherung gehören also gleichwertig Selektion, Aktualisierung, Rückruf, Anerkennung - oder Verdrängung, Löschung, Vergessen. Ueberlieferung, Wissen, Gedächtnis - entsteht vor allem durch Vergessen. Interessant ist daran also meist das, was nicht mehr dazu gehört.

Dazu gehört auch die bereits von Huarte festgestellte Feindschaft zwischen Vernunft und Gedächtnis: Die Vernunft will kreativ umgehen mit den vorliegenden Daten - das Gedächtnis hält sich an bereits gemachte Erfahrungen, getroffene Entscheide. Dies dürfte mit ein Grund sein, warum Zeitungen und Zeitschriften ihre Archive so ungern zeigen. Mancher Leser könnte da leicht belegen, dass ein Artikel entweder bereits vor 1 oder 2 Jahren so ähnlich erschienen  ist - oder, fast eben so häufig, dass damals genau das Gegenteil geschrieben wurde.

Was unsere Persönlichkeit, unsere Subjektivität, unsern Charakter ausmacht, ist also nicht in erster Linie das, was wir wissen, oder auch bloss zu wissen vorgeben, sondern eher noch das, von dem wir nichts wissen wollen, das wir vergessen. Gerade in Zeiten in denen Flexibilität zum Wert wird, wird evolutive, hintergrundsbewusste, geschichtsbewusste, vergangenheitsbewusste, pfadabhängige Entwicklung als störend empfunden. Man begreift aus diesem Zusammenhang sofort, warum gerade die US-Amerikaner so wenig auf eine Entwicklung auf der Basis historischer Hintergründe achten, ja wie wenig sie überhaupt davon halten: Amerika war leer, da war nichts, wir haben's gemacht. We can!

Im 16. Jahrhundert wurde das Wortlaut-Gedächtnis durch ein Sachen-Gedächtnis ersetzt. Das Buchwissen der Scholastik wurde entrümpelt, die Kultur entretorisieriert, mit folgenden begleitenden Aspekten:

  1. Das Objektivitätsideal der Wahrheit führt zu Verwissenschaftlichung und Universalisierung der Vernunft
  2. Subjektivität wird in der rechtlichen Figur der Autorschaft und der literarischen Figur der Originalität aufgewertet
  3. Der Liberalismus (erst ab Mitte des 18. JH, s. Adam Smith) wird zur dominanten Grundstruktur von Politik und Wirtschaft (später auch von Recht und Gesetz). Seine Grundzüge sind verinnerlichte, abstrakte, unsichtbare Kommunikation (über das Preissystem).
  4. Druckwesen und die parallel dazu notwendig werdende Alphabetisierung führen zu einem Strukturwandel der Oeffentlichkeit: Aufklärung.
  5. Nationalstaaten konsolidieren unterschiedliche kulturelle Identitäten.

Krise des Erfahrungsgedächtnisses:

Erfahrungen immer mehr spezifisch, nicht allgemein gültig. Historisches Erfahrungswissen wird heute vor allem durch wissenschaftliche Geschichtsforschung geliefert statt durch Erfahrung und Ueberlieferung. Andere Techniken der Vergangenheitsbewältigung verlieren ihren politisch-existentiellen Bezug (da sie meist auf Verdrängung beruhen, besonders wenn die Gemeinschaft Mist gebaut hat, ist das nicht nur negativ zu werten.) Direkte Betroffenheit verhindert Objektivität:

Solange es noch Betroffene und damit konkrete Affekte, Ansprüche, Einsprüche gibt, unterliegt die wissenschaftliche Perspektive der Gefahr der Verzerrung. Objektivität ist also nicht allein eine Frage der Methode und der kritischen Standards, sondern auch der Mortifikation, des Absterbens, des Verblassens von Leid und Betroffenheit.

Für Nora ist die Gedächtniskrise eine Abkoppelung der Gegenwart von der Vergangenheit. Dasein ohne Geschichtsbewusstsein ist zwar freier, aber irrtumsanfälliger, unwissend, nicht identitätsstiftend.

Allerdings kann die wissenschaftliche Auslese genau so einseitig und damit subjektiv sein: Der Uebergang vom lebendigen individuellen zum künstlichen kulturellen Gedächtnis ist allerdings problematisch, weil er die Gefahr der Verzerrung, der Reduktion, der Instrumentalisierung von Erinnerungen mit sich bringt. Solche Verengungen können nur durch öffentliche begleitende Kritik, Reflexion und Diskussion aufgefangen werden.[S. 15]

Schrift und Spur: Von der Gravur in Stein, Ton oder Wachs zum Palimpsest

Das Phänomen Erinnerung verschliess sich offensichtlich direkter Beschreibung und drängt in die Metaphorik. Bilder spielen dabei die Rolle von Denkfiguren oder Modellen, die die Begriffsfelder abstecken und die Theorien orientieren. Man darf nicht vergessen, dass Schrift mit Bildern anfing. s. Sprachen und insbesondere Schriften. Die Aussage von Assmann, die katholische Kultur sei eine Bildkultur (basierend auf dem Mythos) - die protestantische eine Wortkultur (basierend auf dem Logos) -mag die heute noch vorhandenen ökonomischen Unterschiede (Mittelmeerraum - Zentral- und Nordeuropa) recht gut zu begründen. s. auch protestantische & katholische Oekonomie.

Für De Quincey ist das Gedächtnis noch ein Hort unsterblicher, unvergänglicher Eindrücke. Diese sind dem Menschen zwar grundsätzlich unverfügbar, er kann sie nicht kontrollieren und regieren, aber sie sind ihm körperlich eingeschrieben.

Diese Vorstellung von dauerhaften, aber unverfügbaren Erinnerungsspuren unterscheidet sich grundlegend von Wordsworths <recollection>, die eine Sache imaginativer Rekonstruktionsarbeit war, und nimmt die Proustsche mémoire involontaire vorweg, die ebenfalls mit der Vorstellung von somatischen Dauerspuren verbunden ist.

Das Unordendliche, Verborgene und Unbewusste

Virginia Woolf macht eher auf die Zufälligkeit und Unordnung des persönlichen Gedächtnisses, also der Erinnerungen aufmerksam: Die Erinnerung ist eine Näherin, und zwar eine ziemlich launische. Sie fährt mit ihrer Nadel herein und heraus, auf und nieder, hierhin und dorthin. Wir können nie wissen, was als nächstes kommt und drauf folgt. - Die alltäglichsten Handlungen vermögen unversehens tausend seltsame, unverbundene Fragmente aufzurufen, mal hell, mal blass, ausgespannt, auf und niederschwingend, sich senkend, prangend wie die Unterwäsche einer vierzehnköpfigen Familie auf der Leine in einer frischen Brise. [Virginia Woolf: Orlando. zit. S. 161]

Auch der Dachboden ist ein Bild für das Latenzgedächtnis: Es hat den Charakter eines Ueberrests, eines Speichergedächtnisses, das von keiner Sinngebung beleuchtet, aber durch Vergessen und Verdrängen auch noch nicht völlig entzogen ist: unordentlich, vernachlässigt, verstreut liegen die Gegenstände dort herum, sie sind als Gerümpel einfach da, ausrangiertes vernachlässigtes Gut ohne Zweck und Ziel.

Der bildliche Eindruck verfehlt die Bedeutung des Unbewussten jedoch total. Das von Freud angegangene Unbewusste ist bereits in frühestem Kindesalter die wichtigsten Strukturen angelegt, dominiert also das Denken, ohne dass wir wirklich eine Ahnung hätten, warum das so ist. Man kann es vielleicht leichter anhand des Steuerungsmodells durch Zuckerbrot und Peitsche des Nucleus accumbens verstehen. Hier passiert später die Dressur - hier passiert früh die Verkörperlichung von Lust und Leidempfinden, als effektive Verdrahtung von Neuronen - was Assmann ein paar Seiten später bestätigt: Freuds Begriff der Verdrängung ist bekanntlich keine Form des Vergessens, sondern im Gegenteil eine besonders hartnäckige Form der Konservierung. [S. 261]

Auch hier Einseitigkeit: Nach Freud geht die Verformung des Gedächtnisses auf Schuld zurück - nach Nietzsche auf Verformung durch den Willen. Versuchen wir das ins kybernetische Modell zu übersetzen, so ist es immer der Charakter, der die Auswahl von Informationen bestimmt, sei es dass sie erinnert, sei es dass sie verdrängt oder vergessen werden. Was Lust macht (auch Lust auf Macht ist eine Lust, für Masochisten halt das Leiden) wird gefördert - was unlustig, nicht beachtet, umgangen.

Ansonsten wurden aber aus Erinnerungsschichten eher wieder so etwas wie die Verdauungsmetaphorik Augustins: Der Magen ist das Gegenstück zum Thesaurus; ein Ort des Durchgangs, nicht des Dauerns, ein Ort der Verarbeitung und Umsetzung, nicht des Konservierens.

Schrift und Druck

Trotz - oder wegen - der ungeheuren Bücherfluten von der Erfindung und rasanten Entwicklung des Buchdrucks Mitte des 15. JH bis zum Barock, ging allerdings der Glaube bereits wieder verloren, dass die Schrift den Geist haltbarer mache. Auch die Schrift wurde zum zerbrechlichen Schrein: Die helle Vergangenheit der Tradition beruhte auf stabilen Texten und gesicherter Lesbarkeit; diese Text-Tradition wird durch Kanonisierung und Kommentierung stabilisiert. [S. 207] Das war eben das Mittelalter, geschildert von Carlyle. Allerdings sieht er in der Vergänglichkeit auch Vorteile: Denn liessen sich alle Daten der Kulturgeschichte zuverlässig abspeichern, wäre das für ihn das Ende des Gedächtnisses. Weil im Gedächtnis notorisch Platzmangel herrscht, muss, was in es eingehen soll, einer rigorosen Reduktion unterworfen werden. Verfall und Vergessen komprimieren die Daten der Geschichte. [S. 208]

Robert Burton zitiert in Anatomy of Melancholy die Humanisten Scaliger und Gesener, die beklagten: Nicht aus Wissen und Gelehrsamkeit wird geschrieben, sondern aus Eitelkeit, Geldgier und Speichelleckerei. Was dabei zu Papier kommt, sind Nichtigkeiten, Abfall, Unsinn. Das war vor 400 Jahren ... wie prächtig sich diese Ausrichtung doch seither entfaltet hat.

Die Schrift durchlief 4 Stufen:

  1. Bilderschrift
  2. Alphabetschrift
  3. Analogschrift der Spur
  4. Digitalschrift:

Jakob Burkhardt verstand unter <Texten> kodierte Botschaften als bewusste Artikulation einer Epoche samt allen tendentiösen (Selbst-)Täuschungen, die damit verbunden sind. Unter <Spuren>  verstand er demgegenüber indirekte Informationen, die das unstilisierte Gedächtnis einer Epoche  dokumentieren, welche keiner Zensur und Verstellung unterliegt. Ganz im Sinne Marcel Prousts konzentriert sich die Spurensuche des Kulturhistorikers auf das unwillkürliche Gedächtnis einer vergangenen Gesellschaft. Spuren werden für ihn kostbarer als Texte, denn den stummen und indirekten Zeugen wird ein höherer Grad an Wahrhaftigkeit und Authentizität zugesprochen, ja bei Burckhardt sogar der höchste Grad an Gewissheit. [S. 209]

Die Bilderflut des Fernsehens macht die Schrift als zentrales Gedächtnis-Medium obsolet; neue Speicher- und Informationstechnologien basieren auf einer anderen Art von Schrift, nämlich der digitalen, die in ihrer flüssigen Gestalt nichts mehr zu tun hat mit dem alten Gestus des Einschreibens. Diese Schrift lässt keinen trennscharfen Unterschied mehr zu zwischen Erinnern und Vergessen. [S. 215]

Die Kapitel zu <Bild> wie <Körper> als Medien überzeugen nicht. Beim Bild weil ihm mehr Unbewusstes beigeschrieben wird als der Schrift, was bei symbolischen Bildern wie etwa chemischen Formeln, biologischen Mikrostrukturen etc ja ein ziemlicher Unsinn ist. Ebenso geht beim "Einschreiben" von Erinnerung in den Körper die Hälfte (unmathematisch ausgedrückt, sogar die grössere Hälfte) verloren. Offenbar entwickelte Nietzsche die These vom Schmerz als mächtigstem Hilfsmittel der Mnemotechnik: Wie macht man dem Menschen-Tier ein Gedächtnis? Wie prägt man diesem teils stumpfen, teils faseligen Augenblicks-Verstande, dieser leibhaftigen Vergesslichkeit etwas so ein, dass es gegenwärtig bleibt? Und die Antwort auf diese Frage ist: "Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört weh zu thun, bleibt im Gedächtnis. [Zur Genealogie der Moral. Zit. S. 245]

Die Ansicht ist einseitig, genau so einseitig wie Nietzsche. Dass Clastres auf Grund einiger doch eher seltsamer Bräuche bei den Stämmen des Südjemens zu ähnlichen Resultaten kam, verleiht der Theorie noch längst keine Allgemeingültigkeit. Dies um so mehr, als bei diesen Stämmen Gleichheit nicht das höchste der Gefühle ist, sondern nach wie vor sogar der bereits vom Alten Testament und dem Koran gebotenen Gleichwertigkeit der Vergeltung Verachtung gezeigt wird: Schlägst Du mich ein Mal, so schlag ich dich nicht zwei Mal, sondern 3 Mal. Die alten Karawanen wussten schon, warum sie die Indischen Gewürze und den Weihrauch durch die Wüste transportierten und nicht entlang der Küste ...) Physiologisch betrachtet wird ohnehin die Erinnerung weitaus mehr durch Lust (und Unlust) gesteuert. Was uns erfahrungsgemäss Freude bereitet, wird vom Nucleus accumbens bereits mit einer Dosis an Endorphinen und Opiaten versüsst, wenn wir bloss dran denken. Schmerzen als dominantes Dressurmittel sind von da her eigentlich längst obsolet - es sei denn vielleicht bei Gehirnwäsche durch Folter.

Das habe ich getan, sagt das Gedächtnis - das kann ich nicht getan haben, sagt der Stolz, oder die Verantwortung, oder das Mitgefühl, oder die Vernunft, je nach dem, in welchem Bereich der Verstoss gegen die persönlichen Normen und Werte vorgefallen ist. Eine üble Sache in der Beziehung war das Ausgraben von Vergewaltigungserinnerungen (incest recovery movement) sogar nach 20, 30 oder 40 Jahren, was a) zur Erschaffung falscher Erinnerungen beitrug (s. False Memory Syndrome), viele unschuldige Väter in eine äusserst prekäre Lage brachte, weil Vergewaltigung praktisch zum Generalverdacht wurde. Kein älterer Mann konnte sich mehr mit Kindern auf die Spielwiese oder in den Sandhaufen getrauen, ohne schief angesehen zu werden. Der selbe Bockmist hat 2008 in der Schweiz noch zur Annahme der Unverjährbarkeitsinitiative geführt. (Die Schweizer waren ja schliesslich auch mit der Hexenverbrennung diejenigen, die das am längsten durchgehalten haben ....).Wovon und diese Bewegung allerdings ziemlich befreit hat, ist die Psychoanalyse nach Freud ... denn da glaubt jetzt keiner mehr so recht dran.

1.1 Vom Gruppengedächtnis zum sozialen (gesellschaftlichen) Gedächtnis

Da die Gruppe kein Organ hat das denkt, gibt es auch kein Gruppengedächtnis - es sei denn, man wolle, ähnlich wie bei Institutionen, Sitzungsreporte als solches bezeichnen.

Sprache ist der mächtigste Stabilisisator individueller Erinnerung. Allerdings ist diese Erinnerung einseitig strukturiert, nicht nur weil sie individuell, also subjektiv ist, sondern auch, weil sie dort wo sie über das Subjekt hinaus geht, von Gruppensubjektivität geformt wird: Darauf hat Maurice Halbwachs hingewiesen, als er betonte, dass wir als Mitglieder von Gruppen keinen Gegenstand wahrnehmen können, ohne ihm einen Namen zu geben und damit den Konventionen und dem Denken der Gruppe zu unterwerfen.

Pierre Nora hat also festgestellt, dass hinter dem kollektiven Gedächtnis weder eine Kollektivseele noch ein objektiver Geist steckt, sondern die Gesellschaft mit ihren Zeichen und Symbolen.

Nora vollzog in der Gedächtnistheorie den Schritt von der in raum-zeitlicher Kopräsenz verbundenen Gruppe, die Halbwachs untersuchte, zur abstrakten Gemeinschaft, die sich raum- und zeitübergreifend über Symbole definiert. Die Träger dieses Kollektivgedächtnisses brauchen sich gar nicht zu kennen, um dennoch eine gemeinsame Identität für sich in Anspruch zu nehmen. Die Nation ist eine solche Gemeinschaft, die ihre unsinnliche Einheit im Medium politischer Symbolik konkretisiert. [S. 132]

Der wichtigste Unterschied zwischen sozialem und kollektivem Gedächtnis besteht darin, daß die Erinnerungen im sozialen Gedächtnis kurzfristig sind und sich nach einer gewissen Zeit wieder auflösen. Im Gegensatz zum sozialen Gedächtnis, das notwendig ephemer ist, ist das kollektive Gedächtnis stabil und darauf angelegt, längere Zeiträume zu überdauern. Dieser Unterschied zwischen einem befristeten und einem entfristeten Gedächtnis hängt mit den Gedächtnismedien zusammen. Das wichtigste Medium des sozialen Gedächtnisses ist das Gespräch.

Jedes ‚Ich' ist verknüpft mit einem ‚Wir', von dem es wichtige Grundlagen seiner eigenen Identität bezieht.

Das soziale Gedächtnis hat keine so einheitliche Gestalt wie das kollektive Gedächtnis. Es besteht aus dem Erfahrungsschatz einer Gruppe, die sich diesen durch Erzählungen wiederholt vergegenwärtigt. Das soziale Gedächtnis ist aber auch in eine materielle Dingwelt eingelassen, das Alltagsgegenstände ebenso umfasst wie Architektur und urbane Topographien. (Hier der Grund, warum mancher der viel Geld hat, dieses auch ausgibt, um sich ein Monument zu schaffen. (Aehnliches wird z.B. angenommen von Vasella, dessen Pyramide eben Novartis Campus sein soll. Vielleicht auch auf Grund solcher Vorwürfe, hat dann Roche auf der andern Seite des Rheines auf seine Himmels-Schnecke verzichtet und bescheidet sich heute mit einem eher klassischen Toblerone.)

Die unterschiedlichen Wir-Gruppen, mit denen ein Individuum sich verbindet, spiegeln ein Spektrum heterogener Mitgliedschaften, die mehr oder weniger exklusiv sind. Der Eintritt in diese Wir-Gruppen erfolgt zum Teil unwillkürlich (das heißt wörtlich: ohne eine bewusste Wahl) wie im Falle der Familie, der Generation, der Ethnie oder auch der Nation, in die sie hineingeboren werden. Neben dem Einstieg durch Geburt gibt es Mitgliedschaften, in die man durch eigene freie Wahl sei es in Übereinstimmung mit Fähigkeiten und Interessen eintritt (wie im Falle eines Chors oder einer politischen Partei), sei es durch Leistung und Nominierung (wie im Falle von Akademien und Orden) oder auch durch Zwang (im Falle der allgemeinen Wehrpflicht für bestimmte männliche Jahrgänge). Die Wir-Gruppen, in denen wir uns als Individuen vorfinden, in die wir hineinwachsen und die wir selber wählen und aufbauen, sind für unser Leben von unterschiedlicher Bedeutung und Dauer.

Die These ist, daß sich das Gedächtnis des einzelnen im Austausch mit solchen Wir- Gruppen bildet, die zum Teil unverbunden nebeneinander stehen, zum Teil ineinander greifen und sich gegenseitig verstärken. Was sind nun die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem sozialen und dem kollektiven Gedächtnis?
In der kleinen Wir-Gruppe der Familie oder dem Freundeskreis wie in der großen Wir-Gruppe der Nation festigen sich Erinnerungen durch ihren emotionalen Gehalt.
- was dann eben überhaupt nix mit Objektivität und Wissenschaftlichkeit zu tun hat, noch nicht mal mit Vernunft. Gerade aber weil wir diese persönlichen Erfahrungen als erste Wahrheiten empfinden, weil wir sie "wissen", haben wir im so mehr Mühe, zu objektiven Ansichten zu gelangen, je mehr der Wissenschatz (Tresor/Denkstruktur) durch solch persönliche Erfahrungen geformt ist.

1.2 Das kulturelle Gedächtnis

Vom sozialen und kollektiven Gedächtnis können wir ferner das kulturelle Gedächtnis unterscheiden, das ebenfalls ein langfristiges Gedächtnis ist. Die Dauer des kulturellen Gedächtnisses beruht auf Institutionen wie Bibliotheken, Museen und Archiven, die auf bestimmte Entscheidungen zurückgehen und solche bestätigen und weiter entwickeln. Mit diesen Institutionen sind spezialisierte Berufsfelder wie Kuratoren, Bibliothekare und Historiker verbunden, die die materiellen Bestände einer Kultur konservieren und deuten, und deren Beruf deshalb im weiteren Sinne die Erinnerung ist.

Dimensionen der Geschichtsschreibung:

  1. wissenschaftlich: faktische Wahrheit
  2. memorial: Wissen über die Geschichte/Erinnerungen
  3. rhetorisch: Wirkung der Historie

Kunst wurde von Groys auf der beweglichen Grenze zwischen Archiv und Müll, zwischen Bedeutungstragendem und Bedeutungslosem angesiedelt. Dass die heutige Kunst oft wie Müll (Krempel, Nippes; sentimental-trivialer Kitsch) daher kam und kommt (s. Kommentare zu Art Basel 39-41) erfunden von Beuys, dessen dreckige Wolldecken mal von einer Reinigungskraft des Museums in den Müll befördert wurden, mag aber auch daran liegen, dass eben "Spuren" mehr an unverfälschten Aussagen liefern als geformtes und damit verformtes Gedächtnis.

Die Gestalt und Qualität kultureller Erinnerungsräume sind sowohl von politischen und sozialen Interessen als auch vom Wandel der technischen Medien bestimmt.

Erinnerung ist grundsätzlich perspektivisch angelegt, von einer bestimmten Gegenwart aus wird ein Ausschnitt der Vergangenheit auf eine Weise beleuchtet, dass er einen Zukunftshorizont freigibt.

Boris Groys: Ueber das Neue: Jenseits von Identität und Differenz liegt der Bereich des Undifferenzierten, Indifferenten, Beliebigen, Banalen, Unscheinbaren, Uninteressanten, Nichtidentischen und Nichtdifferenten.

1.3 Das kollektive Gedächtnis

Das Medium des kollektiven Gedächtnisses ist dagegen viel stärker geformt als das soziale Gedächtnis. Peter Novick schreibt: "Das kollektive Gedächtnis vereinfacht; es sieht die Ereignisse aus einer einzigen, interessierten Perspektive; duldet keine Mehrdeutigkeit; reduziert die Ereignisse auf mythische Archetypen." Ich füge hinzu: im kollektiven Gedächtnis werden mentale Bilder zu Ikonen und Erzählungen zu Mythen, deren wichtigste Eigenschaft ihre Überzeugungskraft und affektive Wirkmacht ist.

Im Zentrum des kollektiven Gedächtnisses stehen gerne Schlachten, wie die 1690 der protestantische König William of Orange am Boyne über die katholischen Iren gesiegt hat; in der Schweiz Morgarten oder, friedlicher, das Rütli; in Serbien das Amselfeld, das immer noch einer Einigung mit den Muslimen im Wege steht. Beim gemeinsamen Marschieren wird getrommelt und werden die Lieder und Parolen des kollektiven Gedächtnisses eingeschärft und körperlich angeeignet - sehr zum ärger derjenigen, die damals verloren haben.

Gerade weil das kollektive Gedächtnis einfältig ist (kennt nur eine Perspektive), banal ist (vereinfacht auf das allergröbste, den niedrigsten gemeinsamen Nenner) und keine Widersprüche, also Vielfalt erlaubt, ist es sozial und politisch sehr beschränkend. Seine einfache Verständlichkeit und Vermittelbarkeit macht es zum idealen Gefährt für Populisten: Unsere Freiheit, unsere Werte, unsere Kultur schreien sie dann, obwohl man sie kam fragen darf, ja welche Freiheit, welche Werte und welche Kultur sie denn da meinen. (Freiheit des Kapitalverkehrs, Wert-Steigerung der Anlagen, Kult des Mammon).

1.3.1 An-Denken

Das Andenken, das kulturelle Wissen, wurde in der Geschichte immer wieder über den Haufen geworfen, nicht nur anlässlich der Französischen Revolution. Bereits die Reformation (in England) hatte Traditionen in Frage gestellt, durch die gewaltsame und obligatorische Einführung eines neuen Wertesystems eine Kluft zwischen Gegenwart und Vergangenheit geschaffen. Der Historiker Keith Thomas: Dieses Bewusstsein einer unüberbrückbaren Kluft zum Mittelalter ermöglichte eine neue Perspektive auf die jüngste Vergangenheit: Sie galt nicht mehr als eine Ansammlung von Gründungsmythen und Präzedenzfällen, sondern verkörperte nun einen anderen Lebensstil und andere Wertvorstellungen. [S. 51] An die Stelle des Gedächtnisses der Kirche traten neue Gedächtnisse: das Archiv der Nation, der humanistischen Gelehrsamkeit. [S. 57]

Pietät und Fama:

Die Fama beschränkte sich allerdings auf Arrivierte, Erfolgreiche - und Männer. Arme und Randständige verschwanden in der Geschichte, weshalb vielleicht etwa der Neoliberalismus annimmt, man könne sie auch sozial einfach verschwinden lassen, wenn sie grad mal, konjunkturbedingt, nicht gebraucht werden. Das kulturelle Gedächtnis leidet hier an struktureller Amnesie (Gedächtnisverlust).

Patronage garantiert den Ruhm des Patrons (drum wehe dem, der den untergräbt)

Zu den externalisierten Gedächtnismedien gehören auch Schauplätze, also Orte:

Besonders beliebt: Das Grab des unbekannten Soldaten: So leer diese Gräber auch sein mögen in bezug auf identifizierbare sterbliche Reste oder unsterbliche Seele, so voll sind sie mit geisterhaften nationalen Phantasien. [S. 44]  Oder, so ähnlich, Heine zum Schicksal von Lafontaine: Der arme Lafontaine verlangte bei Lebzeiten ein Stück Brot, und nach dem Tode gibt man ihm für 40'000 Fr. Marmor. [S. 47]

Die grosse Zeit solcher Erinnerungsräume war (well, noch ohne die Selbstinszenierung der verschiedenen nationalen und sozialen Faschismen in Ost und West) das 19. Jahrhundert. Museen präsentierten die Nationalgeschichte und die bürgerliche Selbstdarstellung verlangte, ebenbürdig neben den ehemaligen Büsten grosser Herren zu stehen.

Fast eben so häufig wie An-Denken sind also eigentlich An-Vergessen, also Erinnerungen, die man nicht haben möchte, da sie das heroische und menschenfreundliche Bild stören, dass man von sich selbst hat. So der Holocaust in Deutschland, oft sogar der gesamte 2. Weltkrieg (speziell für Neonazis und Ultranationalisten/s. Kriegsschuldfrage), Der Völkermord an den Armeniern in der Türkei. Oft werden ganz einfach die Tatsachen übersehen und die Agressoren übertragen ihr eigenes Denkmodell auf den Feind, wie speziell in Afghanistan, wo weder die Russen, noch die Amis oder die Deutschen mit den tribalen Verhältnissen wirklich umgehen konnten und können. Oder die Tatsachen werden zu Gunsten des Aggressors derart verbogen, dass man sich gar kein klares Bild mehr machen kann (Irakkrieg: basierend auf Bedrohung der USA durch Massenvernichtungswaffen.

Ge-Denk-Stätten, Orte des An-Denkens

The soil is sacred, he said. "But I wish it grew more potatoes.

Hemingway: A Farewell to Arms.

Die Navacho-Frau: "Wenn ihr mich von diesem Ort vertreibt, was kann ich dann noch meinen Kindern beibringen?" Diese Frau weiss, dass Weisheit und Ueberleben die Früchte des Dauerns sind. [S. 303]

1989 wird von Kulturhistorikern als Scheidelinie gesehen, die Industrie-Nationen mit ihrem Ethos des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens trennt von jenen Gesellschaften, in denen die Kräfte des Hergebrachten unvermindert wirksam geblieben sind. [Botho Strauss. zit. S. 63]

Die mobile Moderne sagt sich von archaisch-instinktiven Mächten los, missachtet eine Wertstruktur, die sich auf Alter, Dauer und Kontinuität stützt. Modernisierung fordert ein bewegliches Bewusstsein, das sich freigemacht hat von ortsfesten Mächten und Kräften. Orientierung wird fluid, sie zeigt sich nicht mehr als Leuchtturm oder Kompass, sondern nur noch als Link. > Passung wird gefordert, aber nicht geboten. Integration wird oft gefordert, wenig angeboten (da dies zweiseitig wäre). Einfacher ausgedrückt: Wenn Schweizer ihre Ausländer wie Arschlöcher behandeln und von ihnen verlangt, sich wie Schweizer zu benehmen, müssen Schweizer offenbar ebenfalls ... tja, eben.

Dieses <Fortbringen> tönt so ein bisschen nach Deportation. So kommen sich dabei vor allem die "frei gestellten" Arbeitskräfte vor. Gemeint ist allerdings ein Ausdruck, der seinen heroischen Wert auch längst hat abgeben müssen, nämlich Fortschritt. Aus dieser wurde zuerst Wachstum, und dann das Newspeak-Oxymoron, also eine Aussage die sich gleich selbst widerspricht: nachhaltiges Wachstum, das perpetuum mobile des Kapitalismus.

1.4 Das Funktionsgedächtnis

Das Funktionsgedächtnis (n. Assmann, dh. eigentlich nach den Assmännern, oder Präziser Assmann und Assfrau: Jan und Aleida) ist, im Gegensatz zum Speichergedächtnis, bewohnt und verortet. Hier müsste sich also eine Topologie herstellen lassen, was zumeist durch Ethnologen und Soziologen geschieht.

Das Funktionsgedächtnis als ein gleichmässig ausgeleuchteter Erinnerungsraum kann die Gestalt eines Thesaurus, eines Bildungskanons, eînes Pantheons annehmen. Als ein verbindlicher Gegenstand des Lernens und Deutens ist es darauf angelegt, an die nächste Generation weitergegeben zu werden; ferner wird es in einer auf Wiederholung gegründeten rituellen Kommemoration befestigt, was durch entsprechende Zeiten und Kalenderdaten abgestützt wird.

Das unbewohnte Speichergedächtnis bildet dagegen eine eher unsinnlichen, in einer Totalität unübersehbaren Erinnerungsraum, dessen Verwaltung in die Hände von Spezialisten übergegangen ist.

Archive können sowohl als Funktions- als auch als Speichergedächtnis organisiert sein.

Das bewohnte Gedächtnis - Funktionsgedächtnis Das unbewohnte Gedächtnis - Speichergedächtnis

- ist verbunden mit einem Träger, der eine Gruppe, eine Institution oder ein Individuum sein kann.

- schlägt eine Brücke über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

- verfährt selektiv, indem es dieses erinnert und jenes vergisst

- vermittelt Werte, aus denen sich ein Identitätsprofil und Handlungsnormen ergeben.

- ist losgelöst von einem spezifischen Träger

- trennt radikal Vergangenheit von Gegenwart und Zukunft ab

- interessiert sich für alles; alles ist gleich wichtig

- ermittelt Wahrheit und suspendiert dabei Werte und Normen.

Die Gedächtnistheorien von Nietzsche, Halbwachs oder Nora betonen den konstruktivistischen, identitätssichernden Charakter der Erinnerung und affirmieren deren Recht gegenüber einer objektiven und neutralen historischen Geschichtswissenschaft. Die Leitopposition ist in allen drei Fällen die zwischen verköpert  und entköpert, bzw., wie wir auch sagen können, zwischen bewohnt und unbewohnt: Das Gedächtnis gehört lebendigen Trägern mit parteiischen Perspektiven, die Geschichte dagegen "gehört allen und niemandem", sie ist objektiv und damit identitätsneutral:

Die strukturlosen, unzusammenhängenden Elemente treten ins Funktionsgedächtnis als komponiert, konstruiert, verbunden ein. (Grundlage der Didaktik (Lerntechnik ist ja weitgehend auch Mnemotechnik): Informationen die sich mit dem bestehenden Wissen nicht verknüpfen lassen, können eben nicht integriert und folglich nicht oder nur schlecht (kurzfristig) memorisiert werden.) Aus diesem konstruktiven Akt geht Sinn hervor, eine Qualität, die dem Speichergedächtnis grundsätzlich abgeht.

Wichtig ist hier vor allem noch, dass sich Werte NICHT im Speichergedächtnis finden, also weder Sache der Wissenschaften noch Sache von Historikern oder Archivaren sind. Werte können nur von Personen und Gruppen getragen und befolgt werden. Werte sind Orientierungen an denen sich Handeln misst. Werte als Worte sind nichts als Geschwätz.

Das kulturelle Funktionsgedächtnis ist an ein Subjekt gebunden, das sich als dessen Träger oder Zurechnungssubjekt versteht. Kollektive Handlungssubjekte wie Staaten oder Nationen konstituieren sich über ein Funktions-Gedächtnis, in dem sie sich eine bestimmte Vergangenheitskonstruktion zurechtlegen. Das Speichergedächtnis dagegen fundiert keine Identität. Seine nicht minder wesentliche Funktion besteht darin, mehr und anderes zu enthalten, als es das Funktionsgedächtnis zulässt. Für dieses nicht begrenzbare Archiv mit seiner ständig sich vermehrenden Masse von Daten, Informationen, Dokumenten, Erinnerungen gibt es kein Subjekt mehr, dem sie sich noch zuordnen liesse, allenfalls könnte man hier noch von einem gänzlich abstrakten <Menschheitsgedächtnis> sprechen. [S. 137]

Aufgabe des Funktionsgedächnisses ist vor allem die Legitimation, also eine Allianz zwischen Herrschaft und Gedächtnis, retrospektiv wie prospektiv: Die Herrschaft will sich abheben (unterscheiden, distinguiert sein, positiv diskriminiert) erinnert werden, will ihre Spuren hinterlassen. Dieses offizielle Gedächtnis dauert so lange, wie die Macht von Dauer ist, die es stützt. Geschichte wird nicht nur von Siegern geschrieben - sie wird auch von Siegern vergessen (gemacht).

Die Verschränkung beider Gedächtnisformen ist notwendig, denn

ein vom Speichergedächtnis abgekoppeltes Funktionsgedächtnis verkommt zum Phantasma (s. Konfabulation und ähnliches),

ein vom Funktionsgedächtnis abgekoppeltes Speichergedächtnis verkommt zu einer Masse bedeutungsloser Informationen.

1.5 Das Speichergedächtnis

Das Speichergedächtnis ist unbewohnt - und ohne Ort, also im eigentlichen Sinne utopisch. (Was Praktiker ja schon lange von Theorien und Schulwissen behaupten - wofür mich Akademiker aber vermutlich gerne an die Wand nageln würden.)

Das Speichergedächtnis dient als Reservoir zukünftiger Funktionsgedächtnisse. Es ist Bedingung eines kulturellen Wandels, der allerdings eine hohe Durchlässigkeit zwischen Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis verlangt. Diese ist in der Postmoderne zwar für das Speichergedächtnis voll gegeben, was es modulierbar macht, womit es seine Objektivität und Verlässlichkeit verliert. Sie ist aber weniger gegeben was das Funktionsgedächtnis betrifft, denn dieses ist straff strukturiert nach den Vorgaben der Bewertung durch Geld und der Vermehrung von Geldwert. Dies ist quasi das Paradigma unseres gegenwärtigen Funktionsgedächtnisses. Dinge, die diesem Axiom widersprechen, gelten als irreal, unwirklich - oder zumindest wirklichkeitsfremd.

Auch das Speichergedächtnis muss allerdings durch Institutionen gestützt werden, die kulturelles Wissen aufbewahren, konservieren, erschliessen und zirkulieren lassen. Archive, Museen, Bibliotheken und Gedenkstätten  sind an dieser Aufgabe ebenso beteiligt wie Forschungsinstitute und Universitäten. Diese Institutionen leisten dem unwillkürlichen Abstossen von Vergangenheit im Alltagsgedächtnis ebenso Widerstand wie dem bewussten Ausblenden im Funktionsgedächtnis. Sie alle besitzen eine besondere Lizenz, die in der Entlastung von unmittelbaren sozialen Gebrauchsfunktionen besteht. Eine Gesellschaft die sich solche Nischen und Freiräume nicht leistet, kann kein Speichergedächtnis aufbauen. Kontexte solcher Lizenz sind insbesondere die Kunst, die Wissenschaft, das Archiv oder das Museum. [S. 140/41]

Hier ist zu bemerken, dass mit Wissenschaften eben die universitären, universellen, nicht direkt an Verwertbarkeit gebundenen Wissenschaften gemeint sind. Die Abspaltung einer neuen Richtung von direkt praxisbezogenen, anwendbaren Wissenschaften wie sie in den Fachhochschulen gelehrt werden, unterläuft dieses Prinzip, sucht direkt Funktionswissen zu schaffen, entbehrt also der Möglichkeit, Wissen zu schaffen, das zur Erhöhung des Potentials freier Entwicklung führt. Anwendungswissen ist gebundenes Wissen, das seinen Sinn aus dem Gegebenen zieht, also kaum neue Sphären erschliesst.

Das Archiv ist nicht nur ein Ort, wo Dokumente aus der Vergangenheit aufbewahrt werden, sondern auch ein Ort, wo Vergangenheit konstruiert, produziert wird -

Kontrolle des Archivs ist Kontrolle des Gedächtnisses -

Aber ohne Archiv gibt es auch keine Oeffentlichkeit und keine Kritik.

Gerade weil wir heute Daten fast beliebiger Menge speichern können, sind wir um so mehr vom Verlust von Daten bedroht, durch verpasste Migration auf neuere Systeme. Viele Stummfilme sind verschollen. Sogar der teuerste Film jener Zeit, Metropolis, musste aus einer zufällig in Argentinien noch gefundenen Kopie aufwändig restauriert werden.

2. Erinnerung und Erfahrung

[Aleida Assmann: Verlust der Erinnerung]

Im Gegensatz zum Speichervermögen ist das Erinnerungsvermögen als Gedächtnis die Fähigkeit, Vorstellungen in einem zeitlichen Zusammenhang zu behalten. Erinnerung ist an eine Person, Gruppe oder Institution gebunden, lässt sich also, ähnlich dem Funktionsgedächtnis, leicht verorten:

Unterschiedliche <Orte> (Topologien) der Erinnerung:

Wie beim Funktionsgedächtnis entsteht allerdings bei "Speichern" und "Erinnern" durch das "Bewohnt sein" der Erinnerung einige Probleme mit der Objektivität. Speichern als fehlerfreie Wiederholung war für die frühen Rhetoriker eine Kunst, die mittels Mnemotechnik erlernt wurde. Dank der Computer können wir heute darauf verzichten.

Tradition, Organisation und Wissen ordneten Mensch und Gesellschaft. Was wir heute als Kunst lernen und pflegen (sollten) ist eher die Kunst der Gestaltung von Organisation und Wissen durch Sinngebung. Der Geist entfaltet sich als Vermittler zwischen entfaltender Vorstellungskraft und restriktiver Vernunft.

Nochmals: Das Kernproblem von Erinnerung und Gedächtnis und Archiven ist nicht wirklich, WAS ist drin, was wird gespeichert - sondern was ist nicht drin, und warum ist es nicht drin? Die Antwort ist relativ banal:

«Der Mensch bemächtigt sich der Vergangenheit primär im Dienste seiner Lebensbedürfnisse» .

[Alfred Heuss]

Das heisst, die Vergangenheit wird zur Erinnerung - und entsprechend geformt. Individuen wie Kulturen organisieren ihr Gedächtnis mit Hilfe externer Speichermedien und kultureller Praktiken, ohne die sich kein generationen- und epochenübergreifendes Gedächtnis aufbauen lässt.

Für PLATON und viele Nachfolger war Suchen und Lernen ganz und gar Anamnesis, und zwar die Erinnerung an ein Wissen der Ideen, mit dem wir schon präexistent begabt sind: «Alles Philosophieren besteht in einem Erinnern des Zustandes, in welchem wir eins waren mit der Natur».

Noch für LOCKE sind Ideen «nothing but actual perceptions in the mind»; er definiert daher Gedächtnis (memory) als «power (ability in the mind) to revive perceptions».

DESCARTES versteht (immer noch) das Aufdecken der eingeborenen Ideen, die er allerdings unter seinem Ansatz des universalen Zweifels nur als Denkbestimmungen (cogitandi modi) für irrtumsfrei gelten läßt, derart: «ut ... non tam videar aliquid novi addiscere, quam eorum quae iam ante sciebam reminisci» (daß ... ich weniger etwas Neues zu lernen scheine, als mich dessen zu erinnern, was ich schon vorher wußte). Das entspricht immer noch der Idee, die Augustinus von Ideen hatte: Sie bestehen ewig, von aller Anfang an, und wir müssen sie nur finden, also uns an sie erinnern. Diese Einstellung dürfte, nebst dem Glauben an die einzige Wahrheit Gottes, der Hauptgrund dafür sein, warum das Mittelalter vor allem in alten Texten forschte: Irgendwo muss es doch sein dieses verflixte Wissen! Verd... noch mal! Eine Illusion die viele Buchgelehrte heute noch mit sich rumtragen.

Erinnerung bekommt nun die Aufgabe, die Einheit von Geschichte bzw. Individualität zu stiften. Darum weist DIDEROT in der Encyclopédie nach dem Beispiel Bacons der Erinnerung das Gebiet der Geschichte zu, der alles zugehört, was nicht in den Bereich der raison oder der imagination fällt.

Dagegen verweist nach HUSSERL (1859-1938) die Erinnerung das Ich gerade auf seine Leistung, in der es sich als Einheit konstituiert: «Das eine reine Ich ist konstituiert als Einheit mit Beziehung auf diese Stromeinheit [sc. des Erlebnisstromes], das sagt, es kann sich als identisches in seinem Verlauf finden. Es kann also in Wieder-Erinnerungen auf frühere Cogitationen zurücksehen und seiner als des Subjekts dieser wiedererinnerten bewußt werden».
In ähnlicher Weise gebraucht schon BERGSON den Begriff der Erinnerung um die Kontinuität einer Person auszusagen.

Bei Freud sind dann Erinnerungen bedingt durch Erfahrungen, wobei unangenehme Erfahrungen dazu tendieren, gewaltsam (aktiv) vergessen zu werden, was in Verdrängung endet und meist zu üblen Folgen führt, die erst behoben werden können, wenn es gelingt, das Verdrängte wieder auszugraben: Nach FREUD «sind unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich unbewußt ... Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungs-Spuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie bewußt werden». Neurotische Erkrankungen sind dadurch gekennzeichnet, daß die Erkrankten unbewußte Erinnerungs-Lücken, Verdrängungen, in einem über das normale Maß hinausgehenden Umfang zeigen, so daß die Aufgabe der psychoanalytischen Behandlung in die Formeln zu fassen ist: «Alles pathogene Unbewußte in Bewußtes umzusetzen» oder «alle Erinnerungs-Lücken des Kranken auszufüllen, seine Amnesien aufzuheben».

Der Körper stabilisiert Erinnerungen durch Habitualisierung und verstärkt sie durch die Kraft der Affekte, die allerdings ambivalente Qualität haben, einerseits als Zeichen von Autentizität, andererseits als Motor der Verfälschung. Wenn eine in den Körper eingelagerte Erinnerung vom Bewusstsein gänzlich abgeschnitten ist, sprechen wir von einem Trauma - das dann Symptome erzeugt wie spez. bei der Neurose. Bleibt die im Körper eingelagerte Erinnerung (meist Verhaltenswissen, oder vielleicht eher Verhaltensreaktionen) jedoch bewusst und erwünscht, ja wird sie sogar gepflegt, dann handelt es sich um den sog. Habitus).

Bei ADORNO wird Erinnerung dann fast eher zum Produkt der Zeit, in der sie aufgerufen wird (vielleicht eine frühe Warnung vor übermässigem Glauben an die Psychoanalyse (s. false memory syndrome): «Keine Erinnerung [ist] garantiert, an sich seiend, indifferent gegen die Zukunft dessen, der sie hegt; kein Vergangenes ... gefeit vorm Fluch der empirischen Gegenwart. Die seligste Erinnerung ... kann ihrer Substanz nach widerrufen werden durch spätere Erfahrung».

Italo Svevo's Beschreibung nimmt die Position der systemischen Gedächtnistheorie vorweg, nach der die Vergangenheit eine freie Konstruktion auf dem Boden der jeweiligen Gegenwart ist: Die Vergangenheit ist immer neu. Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet. Teile von ihr, die in Vergessenheit versunken schienen, tauchen wieder auf, andere wiederum versinken, weil sie weniger wichtig sind. Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters. [zit. S. 17]

3. Bewusstsein

Je nach Ausprägung der einzelnen Zustände ist die eine oder andere Bewusstseinskategorie oder -Ebene angesprochen. [Historisches Wörterbuch der Philosophie: Bewusstsein: S. 3024)]

  1. Bewusstsein als anthropologische Grundkategorie
    1. Subjekt: Bewusstsein und Existenz»
    2. Geistiger Überbau, Weltanschauung: allgemeines, Gesellschafts-, Zeit-, Klassen-, Gattungs-Bewusstsein. Gerade dieser Raum zeigt, dass Bewusstsein oft mit Geist gleichgesetzt wird: Klassengeist, Zeitgeist
    3. In verschiedenen «Wirklichkeits»gegebenheiten: empirisches, reines, apriorisches, transzendentales, absolutes Bewusstsein., Normal-Bewusstsein, psychologisches, erkenntnistheoretisches Bewusstsein. Das <philosophische Bewußtsein> z.B. wäre da der <Geist der Prüfung>;
    4. In verschiedenen Wirklichkeitsschichten: individuelles, kollektives, kosmisches, göttliches, All-Bewusstsein.
  2. als «Bewußtsein-von ...»
    a) Strukturell: Transzendenz, -Immanenz, Gegenstands-, Fremd-Bewusstsein., B.-Gegenstand, -Inhalt
    b) Aktuell: Bewusstseins-Akt
    c) Satz des Bewusstseins: Im Bewußtsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen« [E. Reinhold]
  3. als Reflexivität
    a) Strukturell: Selbst-, Ich-, Persönlichkeits-Bewusstsein.
    b) Aktuell: inneres Zeit-Bewusstsein, historisches B.
  4. als innerlich erfahrbare Wirklichkeit
    Bewusstseins-Leben, -Tatsachen bzw. Tatsachen des B., B.-Zustände, -Phänomene, -Erscheinungen, -Elemente, -Feld, -Horizont, -Umfang, -Lage, -Enge, -Strom
  5. als Gegebenheitsweise
    Bewusstseins-Grade, -Gradienten, -Stärke

Gleich wie <Wissen> wird der Begriff <Be-Wusst-Sein> äusserst vielseitig - also unklar verwendet. Er bezeichnet offenbar das Vorhandensein von Wissen, auf Lateinisch als < conscientia>, ein „Mitwissen“.  Dieses mit-wissende Bewusstsein ist Grundlage sämtlicher Reflexion, des Nach-Denkens, denn nur über Dinge die wir gedanklich fassen können, können wir auch nach-denken. So ist der Begriff des Bewusstseins nach E. CASSIRER der Geburtskeim der Philosophie: «Der Bewusstseins- Begriff scheint der eigentliche Proteus der Philosophie zu sein. (Proteus, gr. Gott (Der Alte vom Meer): Er hatte die Gabe der Prophetie, war aber abgeneigt, sein Wissen zu offenbaren. Deshalb war es schwer, ihm eine Prophezeiung zu entlocken.)

Im Französischen gibt es für Bewusstsein und Ge-Wissen nur das Wort conscience, das in der Bedeutung von Bewusstsein zuweilen auch conscience psychologique heißt, während die Übersetzung von Ge-Wissenimmer conscience morale lautet, wie auch im Deutschen, etwa von DILTHEY, vom «moralischen Bewusstsein» gesprochen wird. Die genannte Doppelbedeutung findet sich häufig, so bei SENECA und bei CICERO. Bereits hier wird also deutlich, dass es mehrere Bewussts-Ebenen oder - Zustände geben kann.
Der moderne Bewusstseins-Begriff ist nach allgemeiner Auffassung durch DESCARTES - Je pense, donc je suis - konstituiert worden: er ist wesentlich dadurch bestimmt, daß er vom Gewissensbegriff losgelöst wird und umgekehrt zum zentralen anthropologischen Begriff wird: Conscientia wird praktisch zum Wesenskonstituens des Menschen.

Die Gegenstands- und Weltbezogenheit wird heute im allgemeinen als Intentionalität, die Selbstbezogenheit als Reflexivität oder Selbst-Bewusstsein o. ä. bezeichnet. (Diese Aussage vereinfacht ein bisschen zu stark, denn sie legt nahe, dass Gegenstands- und Weltbezogenheit nur dann stattfindet, wenn wir Absichten haben, also Intentionen. Bevor wir aber mit Dingen und vor allem der Welt irgend was beabsichtigen können, müssten wir ja zumindest eine Idee haben über das Wesen der Dinge und der Welt. Diese Vorstellungen über das Welt-Wesen nennen wir Weltbild, wo sie eher kollektiv sind, Weltanschauung wo sie eher subjektiv sind.

Mitwahrnehmung und bei Sinnen sein, denken ist der Besitz und die Empfindung mentaler Zustände wie Wahrnehmungen, Emotionen, Erinnerungen und anderer Vorstellungen, Gedanken aller Art und Formen wie Überlegungen, Beurteilungen, Einschätzungen und Bewertungen, Planungen oder Konzeptbildungen einschließlich der dazu nötigen Aufmerksamkeit oder Achtsamkeit.

Man unterscheidet heute in der Philosophie und Naturwissenschaft verschiedene Aspekte und Entwicklungsstufen [zit. aus wiki]:

  1. Bewusstsein als „belebt-sein“ oder als „beseelt-sein“ in verschiedenen Religionen oder als die unbegrenzte Wirklichkeit in mystischen Strömungen.
  2. Bei Bewusstsein sein: Hier ist der wachbewusste Zustand von Lebewesen gemeint, der sich unter anderem vom Schlafzustand, der Bewusstlosigkeit und anderen Bewusstseinszuständen abgrenzt. In diesem Sinn lässt sich Bewusstsein empirisch und objektiv beschreiben und teilweise eingrenzen. Viele wissenschaftliche Forschungen setzten hier an; insbesondere mit der Fragestellung, inwieweit das Gehirn und das Bewusstsein zusammenhängen.
  3. Bewusstsein als phänomenales Bewusstsein: Ein Lebewesen, das phänomenales Bewusstsein besitzt, nimmt nicht nur Reize auf, sondern erlebt sie auch. In diesem Sinne hat man phänomenales Bewusstsein, wenn man etwa Schmerzen hat, sich freut, Farben wahrnimmt oder friert. Im Allgemeinen wird angenommen, dass Tiere mit hinreichend komplexer Gehirnstruktur ein solches Bewusstsein haben. Phänomenales Bewusstsein ist als so genanntes Qualiaproblem eine Herausforderung für die naturwissenschaftliche Erklärung.
  4. Bewusstsein als gedankliches Bewusstsein: Ein Lebewesen, das gedankliches Bewusstsein besitzt, hat Gedanken. Wer also etwa denkt, sich erinnert, plant und erwartet, dass etwas der Fall ist, hat ein solches Bewusstsein. Es ist als Intentionalitätsproblem eine Herausforderung für die naturwissenschaftliche Erklärung.
  5. Bewusstsein des Selbst und seiner mentalen Zustände: Selbstbewusstsein in diesem Sinne haben Lebewesen, die nicht nur phänomenales und gedankliches Bewusstsein haben, sondern sich auch darüber im Klaren sind, dass sie ein solches Bewusstsein haben. Dieses Selbstbewusstsein ermöglicht somit ein Bewusstsein von sich selbst als Individuum. Man trifft es bei Menschen und rudimentär bei einigen anderen Säugetieren an.
  6. Individualitätsbewusstsein besitzt, wer sich seiner selbst und darüber hinaus sich seiner Einzigartigkeit als Lebewesen bewusst ist und die Andersartigkeit anderer Lebewesen wahrnimmt.

Bewusstseinserweiterung

Geisteszustände wie sie durch sog. bewusstseinserweiternde Drogen entstehen, haben mit "Bewusstsein" im philosophischen, psychologischen, politischen oder sonst irgend einem Sinn eigentlich nichts zu tun, denn dabei überlässt der Mensch sich ja völlig dem Unbewussten und andersweitig generierten Halluzinationen: Mit diesen an LSD-Rausch erinnernden Zuständen von Bewusstseinserweichung ist ein Darstellungsprinzip verbunden, das den Helden (es geht um "Zeitspastiker" von >Kurt Vonnegut in Slaughterhouse Five.) zur Passivität verurteilt und ihn zum willenlosen Schauplatz seiner unwillkürlichen Erinnerungen und Antizipationen macht. Diese Form von Apathie ist genau der umgekehrte Zustand von dem, der in Bergsons und Nietzsches Beschreibung des Tatmenschen dargestellt wird.  Die Kraft willentlicher Konzentration auf Erinnerungen ist vollkommen abgeschaltet und an die Stelle tritt die Ueberflutung der Person mit unsteuerbaren Erinnerungsimpulsen. [S. 288]

Allerdings verband sich dies mit dem Antiamerikanismus während des Vietnamkrieges, Pazifismus, und einer Verkindlichung der Kultur wie des individuelllen Verhaltens: Die Tatmenschen haben abgewirtschaftet. DAS war eben auch Die 68er.

Höheres Bewusstsein (schein auf Deutsch nicht zu existieren, zumal bei Wiki) ...drum hier eine Uebersetzung aus dem Englischen:

Höheres Bewusstsein, auch Superbewusstsein (Yoga), objektives Bewusstsein (Gurdjieff), kosmisches Bewusstsein (Theosophie, s. auch Anthroposophie), Gottesbewusstsein (Sufismis und Hinduism) and Christ consciousness (Neugeist-Bewegung) sind alles spirituelle Traditionen, die behaupten, eine höhere Ebene des Bewusstseins oder gar der Entwicklung erreicht zu haben und über eine klarere Sicht der Realität zu verfügen, ja über das höchste und letzte Wissen zu verfügen.

Richtig daran ist, dass der Mensch so bewusst wie möglich sein sollte, dass er sich vielleicht an einem Vorbild orientieren sollte, das etwas über das Menschlich, all zu Menschliche hinausragt. Das Problem aber mit praktisch all diesen Versuchen ist, dass sich die Anhänger dieses höhere Bewusstsein irgendwann wirklich selbst zuschreiben - und damit auf den Rest der Welt heruntersehen. Meistens holt sie der Rest der Welt allerdings früher oder später von diesem Wölkchen wieder runter. Von ähnlicher Qualität sind Spiritualitäts- oder Bewusstseinsskalen wie die von Hawkins (noch dämlicher: Scientology).

Richtig ist, dass der Mensch aufmerksam durch's Leben gehen sollte, denn sonst stolpert er, bricht sich irgend wann das Genick. Unfair ist, wenn Anhänger solcher Sekten (wie auch fundamentalistischer Richtungen der Hauptreligionen) darauf bestehen, den Verweigereren gleich selbst das Genick zu brechen. Da wär ich dann schon noch für das Gute Alte: Wie du mir ... Achtsamkeit ist zudem eine der 5 buddhistischen Tugenden: Glaube, Kraft, Aufmerksamkeit, Sammlung, Weisheit.

Im Buddhismus hat die Achtsamkeit einen zentralen Status, sie wird als eine grundlegende Haltung angesehen. Achtsam zu sein bedeutet, ganz in der Gegenwart, im Hier und Jetzt zu sein und sich seiner Gefühle, Gedanken und Handlungen in jedem Augenblick voll bewusst zu sein. Achtsamkeit heißt, auf sich selbst bezogen zu sein, sein Selbst zu beobachten und ihm zu folgen, und auch dem Geschehen, dem Gegenüber, die ganze Aufmerksamkeit darzubringen.

Auch der Islam fördert die Achtsamkeit, die Konzentration auf das Höchste aller Ziele und Werte, Gott, und dies nicht bloss an einem Tag, sondern 5 x täglich. Allerdings ist auch hier das meiste, wo noch ausgeübt, zur Pflichtübung verkommen, "Wissen" von Gott zum auswendig gelernten Koran statt zur Orientierung, die eigenen religiösen Werte zur Keule, mit der auf andersgläubige eingedroschen wird (kleiner Jihad), statt sich dem grossen Jihad, dem täglichen Kampf gegen den inneren Schweinehund zu widmen (in der Formulierung sogar doppelt so wichtig, da Schwein wie Hund als die unreinsten Tiere gelten).

Auch in der christlichen Religion besteht ein Kern, der die Aufmerksamkeit sammeln, und auf Gott zentrieren soll. Es war dies der Sonntag, bevor die Arbeit derart fordernd wurde, dass die Menschen am Sonntag nur noch alle Viere von sich strecken und den Aerger der Arbeits-Woche mit literweise Bier runterspülen, oder shoppen gehen, oder Unterhaltung konsumieren. Die Achtsamkeit wird heute derart auf die Erwerbsarbeit konzentriert, dass es der Wirtschaft leicht fällt, sich sogar als "geistiges" Leitsystem über die Gesellschaft zu stellen.

Zeitliche Verzögerung des Bewusstseins

Experimente von Benjamin Libet zeigten, dass das Bewusstsein eines Ereignisses um eine halbe Sekunde verzögert ist. Nach Libets Theorie wird jedoch der Zeitpunkt des Erlebnisses vom Gehirn rückdatiert, sodass es so erscheint, als ob das Ereignis gleichzeitig erlebt worden wäre. Seine Theorie wies er experimentell nach. Auch Handlungsabsichten werden 350 ms vor dem Bewusstwerden der Handlungsabsicht unbewusst eingeleitet. Kritiker jedoch vertreten die Position, dass die zu treffende Entscheidung in der Experimentalanordnung bereits vor ihrer Ausführung getroffen wurde, da die Probanden über den Testablauf unterrichtet waren. Die so zeitverzögerte Wahrnehmung des Gehirns lässt sich durch ein Entladen eines bereits vorhandenen Entscheidungspotentials erklären.

Dieses Experiment ist der Grund, warum Hirnforscher die Fähigkeit des Menschen zum freien Entscheid bezweifeln. s. Kommentare: Der Irrtum der Hirnforschung betreffend fehlender Willensfreiheit: Der Entscheid, den Knopf zu drücken, muss getroffen werden, dann muss der Knopf gedrückt werden und gleichzeitig eine Meldung ans Hirn gehen, dass der Entscheid gefallen sei. Es sind also verschiedene Verdrahtungen gleichzeitig in Betrieb zu nehmen. Diese Schaltungen brauchen Zeit. Natürlich ist der Entscheid längst gefallen, bevor diese Meldung wieder im Bewusstsein ankommt. Einigermassen logisch.

Lange Zeit wurde vermutet, dass Selbstbewusstsein allein bei Menschen vorkomme. Inzwischen ist jedoch erwiesen, dass sich auch andere Tiere, wie etwa Menschenaffen, Delfine, Elefanten und auch Elstern im Spiegel erkennen können, was einer weit verbreiteten Auffassung zufolge ein mögliches Indiz für reflektierendes Bewusstsein sein könnte.

Kollektiv-Bewusstsein:

Kollektiv-Bewustsein ist erinnerte Vergangenheit, die zur politischen Mobilisierungskraft wurde: An die Stelle der Losung der Emanzipation, die mit der Verheissung einer selbstgestalteten Zukunft immer auch eine Ablösung von Vergangenheit und Herkunft einschloss, ist die Identitäts-Frage getreten. Wer bin ich? lautet die Frage, und näherhin: Wer sind wir? Sich zu definieren bedeutet heute, sich geschlechtlich, ethnisch, politisch zu positionieren.

Die Aussage zeigt deutlich, dass ein Kollektiv natürlich ebenfalls kein Organ hat, das bewusst agieren oder reagieren könnte. Beim kollektiven Bewusstsein handelt es sich folglich eher um kollektives Gedächtnis. Die Möglichkeit der doch recht einfachen Manipulation (es ist ein recht dämliches Bewusstsein) desselben ist der Hauptgrund, weil es immer wieder angesprochen wird.

4. Fazit: Unwissen (Torheit) ist Freiheit - überflüssiges Wissen auch.

Neue Unübersichtlichkeit, Unordnung = neue Freiheitsgrade der Entwicklung

Das Potential der Schrift, noch mehr der Elektronik, besteht in der potentiell unbeschränkten Akkumulation von Informationen. Diesem Problem hat Dirk Baecker seine Publikation Studien zur nächsten Gesellschaft gewidmet. Der positive Effekt dieser Unmasse an Wissen ist eben die Freiheit vor zu enger Ordnung, die Vielgestaltigkeit der möglichen Lebenswelten und Lebensstile. Je reicher (und brauchbarer, also verlässlich) das Speichergedächtnis, desto mehr Alternativen der gesellschaftlichen und persönlichen Entwicklung werden dadurch denkbar und vielleicht auch möglich. Der negative Aspekt der unbeschränkten und schlecht sortierten Speicherung von jeglichem Sinn und Unsinn ist allerdings, dass der Ueberblick verloren geht. Das lässt sich aktuell grad zeigen am neusten Gag von wikilieaks: 92'000 geheime Dokumente wurden publiziert - aber niemand kann damit was anfangen, nicht mal die ursprünglich beteiligten Zeitungen (New York Times, Guardian, Spiegel) nicht viel mit dem Sammelsurium anfangen konnten.

Lernprozesse verändern, Wissen kann zu Weiterentwicklung verhelfen

Der Politologe Karl Deutsch beschriebt den Lernprozess aus kybernetischer Sicht wie folgt: Jeder Lernprozess und also auch jede Veränderung von Zielen und Werten besteht aus internen psychischen Neuordnungen. Die Lernfähigkeit eines Systems oder einer Organisation, das heisst die Reichweite einer tatsächlich möglichen internen Neuordnung, kann an der Anzahl und Vielfalt der ungebundenen Hilfsmittel, die dem System oder der Organisation zu Verfügung stehen, gemessen werden. [S. 136] Zu diesen "ungebundenen Hilfsmitteln" gehört nun ganz spezifisch dasjenige Wissen, das noch nicht ins Funktionsgedächtnis eingegliedert ist, also zur Zeit weder Sinn stiftet noch Nutzen bringt (wie etwa die Grundlagenforschung, das generelle Verständnis für Dinge und Abläufe). Dieses Wissen bildet aber einen manchmal stabilisierenden, manchmal korrigierenden, manchmal weiterführenden Hintergrund, auf dem sich das Denken weiter entwickelt.

Bewusstsein bedingt Besonnenheit, Achtsamkeit und Kontemplation

Für Herder ist "Besonnenheit", wie er den Oberbegriff von Erinnerung und Reflexion (Wissen und Denken in volkstümlicher Benennung) genannt hat, das Grundvermögen, das dem Menschen "charakteristisch eigen, und seiner Gattung wesentlich" ist und aus dem Sprache, Reflexion und Kultur gleichursprünglich hervorgehen.

Man mag einwenden, dass Besonnenheit Wahrnehmung voraussetzt und dass unsere Wahrnehmung heute in wachsendem Masse durch die Medien konditioniert wird. Deshalb ist es beruhigend zu hören, dass Erinnern möglicherweise schon immer etwas mit dem Unterbrechen von Strömen, mit dem Arretieren und Festhalten von Bildern und Zeichen zu tun gehabt hat. Herder hat mit der Tätigkeit des Anhaltens und Absonderns, des Aufmerkens, Sammelns und Verweilens(Kontemplation) die aktive Seite des Erinnerns beigeschrieben

Zu einer riemann'schen Geometrie der Denkräume oder einer Relativitätstheorie von Wissen und Wahrheit - oder:

Weltbildforschung als Analyse von Struktur und Funktion unterschiedlicher Weltbilder und Weltanschauungen

Die Aufteilung des Wissens in Speicher und Funktion macht klar, dass es keine Orthodoxie des Wissens geben kann.

Je nach Einsatzbereich ist Wissen bedeutsam oder unbedeutend, hat es Sinn - oder ist blosser Balast.

Die Wissensräume sind also noch relativer als geometrische Räume. Aehnlich wie bei der Riemannschen Geometrie müssen wir also wissen, mit welcher Art von Raum wir es zu tun haben, bevor wir Gesetze ableiten. Wir müssen uns auch darüber klar sein, dass diese Ordnung dann nur für die jeweils ursächliche Denk-Raum-Ordnung des entsprechenden Wissensraums gilt.

Einige Erkenntnisse die sich aus einer riemannschen Topologie der Wissensräume ergeben:

1. Entwicklungsgesetz, die Funktionserhaltung: Fortschritt darf die Dinge nur so stark verändern, wie am andern Ende Abbau (Vergessen/Destrukturierung, kulturell wie sozial wie bildungsmässig. Macht neues Wissen, also Lernen nötig + Erfahrung) bewältigt werden kann. s. Bildungszwang

2. Entwicklungsgesetz, die Förderung der Freiheitsgrade: Im Speicherwissen muss  immer so viel Fortschrittspotential vorhanden sein, dass der Bedarf nach mehr Freiheitsgraden durch zunehmende Komplexität immer befriedigt werden kann.

Tönt kompliziert, is aber nich so schlimm. Nehmen wir die Berufsbildung. Hier entstand durch Spezialisierung, also zunehmende Komplexität der Gesamtorganisation, immer neue Spezialberufe. Einerseits. Andererseits ist es mit solchen Spezialberufen immer schwieriger, wieder einen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Deshalb steigt die Sockelarbeitslosigkeit, die für reibungslosen Personalersatz in der Wirtschaft nötig ist von 0.3% in den frühen Siebzigern auf heute 3.5% . s. Sockelarbeitslosigkeit

3 Entwicklungsgesetz, die ethischen Ziele der Entwicklung: Die Entwicklung darf nicht zu Lasten vieler nur wenige begünstigen, sondern muss für alle zu Verbesserungen führen. Da "die Vielen" unterschiedliche Vorstelllungen über das haben, was für sie gut ist, darf es kein orthodoxes Modell geben, das Wissen zurechtbiegt. s. Verteilungsgerechtigkeit (unter Fazit).

4 Entwicklungsgesetz, die Ordnung des Wissens: Aehnlich wie in der Mathematik: , gibt es unterschiedliche Ordnungssysteme des Wissens:

  1. Kardinalzahlen - diskontinierliche Ordnung
  2. Brüchen - fliessende, bruchlose (kontinuierliche) Ordnung
  3. Ordinalzahlen - hierarchisch, diskontinuierliche Ordnung
  4. Vektoren - hierarchisch kontinuierlich gerichtete Ordnung

Die richtige Ein-Ordnung von Skalen ist also extrem schwierig, insbesondere da sich nicht alles durch Preise ausdrücken lässt, was Wert hat. Insbesondere ist die Ordnung des Wissens vor allem historisch entstanden, was zu einigen heute eher störenden Strukturen führt, vor allem der zu strengen Differenzierung in Disziplinen. Hier ist dringend eine Neuordnung nötig, die weit über Interdisziplinarität hinaus geht. s. Von disziplinärem Partikularismus zu systemischer Co-Disziplinarität. Für einen vollständigen Ueberblick:

Strukturen des Wissens: Methodik und Verortung des Denkens und der Vernunft:

Martin Herzog, Basel 2.8.2010