Beiträge aus Brainworker's     DENKWERKSTATT

Entwicklungszusammenarbeit, Wissen und Wissensvermittlung oder:

Wie könnten wir selbst aus den Erfahrungen der Entwicklungszusammenarbeit mehr lernen?
 

Seit den Anfängen der schweizerischen Entwicklungshilfe liegen nun Erfahrungen eines halben Jahrhunderts vor. Liegen? Lägen! Denn es hapert an Willen, Mut und Finanzen, entwicklungsrelevantes Wissen klar zu präsentieren. Heute müssen Sie sich Informationen zur gesellschaftlichen Entwicklung aus verschiedensten Quellen zusammen suchen, wobei das Hauptproblem nicht mal die Zerstreuung der Informationen oder die oft vielleicht zweifelhafte Zuverlässigkeit ist, sondern die Tatsache, dass Entwicklungszusammenarbeit (ehemals Entwicklungshilfe) ein Business von beträchtlichem Umfang ist (s. Entwicklungsbusiness im Irak).  Was also präsentieren Ihnen die Entwicklungsorganisationen? Ein Gemisch von ach und weh, die Armen: bitte spenden, Konto xy, bitte spenden, Patenschaft ...) und eine, in fast allen Fällen (Helvetas hebt sich hier leicht positiv ab), absolut mickrige Präsentation von Projekten und Resultaten.

Das ist schade. Hier werden beträchtliche Investition in Entwicklung getätigt, in Entwicklungsprojekte, die meist sehr gut evaluiert und analysiert werden. Auch wenn die Evaluationen meist recht formell und darum mässig ergiebig sind, so gehen hier doch Schätze an Erfahrungen verloren. Insbesondere ergeben all diese Anstrengungen auf die Art keinen Lerneffekt für die nicht direkt beteiligten, d.h. sie bleiben für unsere eigene Orientierung, Zielsetzung und Entwicklung bedeutungslos. Obwohl die Bezeichnung dieser Art Unterstützung von Entwicklungshilfe zu Entwicklungszusammenarbeit geändert wurde, scheint das Transferdenken immer noch dominant: Wir clever, wir geben. Ihr nehmt, sagt danke und passt Euch gefälligst an (von wegen Weltmarkt, Strukturanpassung und so)!

Obwohl wir, incl. Japan, seit über 10 Jahren in beträchtlichen Entwicklungsproblemen stecken, die als Wachstumsprobleme leider falsch apostrophiert werden, sehen wir offensichtlich keinerlei Anlass gegeben, unsere eigenen Entwicklungsziele und Zielhierarchien zu hinterfragen und nach Alternativen zu suchen. Gerade in der Beziehung wäre eine intensivere Auseinandersetzung mit der "3. Welt" äusserst hilfreich ... für uns.

Aber nicht nur Entwicklungsorganisationen, auch Institutionen der Entwicklungsforschung schaffen Jahr für Jahr Mengen an Wissen zu Entwicklungsfragen. Und auch dieses Wissen dümpelt am Rande der Informationsgesellschaft, wirkungslos, vor sich hin.

Darum meine Forderung, die ich seit ca. 1996 immer wieder vortrage, die aber gerne überhört wird:

Entwicklungswissen muss ans Netz, denn Entwicklungswissen muss in die Köpfe - aber auch in die Herzen, um die Fehlentwicklung durch eine all zu einseitige Orientierung an der Geldvermehrung zu korrigieren.

Im übrigen ist das kein Furz von mir. Die Soziologen Bella, Foucault, Habermas und Bauman (s. Die optimale Gesellschaft aus der Perspektive der Soziologie) sahen es als Aufgabe der Soziologie an, nicht nur Wissen zu erzeugen, sondern auch zur Gestaltung der Gesellschaft beizutragen. Wie viel mehr müsste da von Entwicklungsorganisationen gefordert werden, Entwicklung nicht als internes Geschäft zu betrachten, sondern im öffentlichen Dialog zu betreiben. 

Apropos Bücher ... brauchen Sie
Werbung für halbwegs intelligente Bücher, ist Brainworker der ideale Ort.

Dass das nicht geschieht, liegt vielleicht auch einfach daran, dass die EZ von Betrieben betrieben wird, die in erster Linie mal auf das Überleben eben der Betriebe achten. Also rennt man auf der Welt rum, propagiert, was für einen selbst gut ist, und fragt nicht. Dies zeigt sich insbesondere am Falle der grassierenden Privatisierungen. Der Staat kann nicht so effizient produzieren wie die Privatwirtschaft, ein Kredo, dass sich niemand mehr zu hinterfragen getraut, denn würde er(odersie), der Vorwurf "Kommunist" läge bereits in der Luft. Also schickt man die Propheten des freien Marktes raus in die Welt, wie man vor hundert Jahren die Missionare sandte. Denken ist Luxus, obwohl man gerade in der EZ eigentlich meist reichlich Zeit hat. Würde man sich die mal nehmen, und in eines der verhassten Bücher zu Finanz- und Kapitalmärkten in die Hand nehmen, kämen vielleicht auch den Entwicklungsexperten ab und zu Zweifel, ob dass wirklich alles so ist, was die Propaganda des freien Marktes so produziert. s. Der Erfolg der Kapitalgesellschaften widerlegt die Überlegenheit des Privateigentums über Staats- oder Gemeinschaftseigentum.

Die Qualität der Informationen zu Themen der Entwicklungszusammenarbeit

Von Seiten der DEZA bietet SDC-knowledge in Diskussionsforum, anhand dessen sich aber leicht sämtliche negativen Vorurteile gegenüber Foren bestätigen lassen: Jeder produziert erst mal sich selbst, keiner hört auf den Andern, Resultat = 0.

Illusion der Diskussionsforen ... und eigene Illusion s. : http://www.bellanet.org/sdc/sdc-knowledge/index.cfm?fuseaction=message&messageID_=76833&lang=en&cat_id=230

Folgende Präsentationen  http://www.intercooperation.ch/inforest/#english  & insbesondere www.forestflash.ch sind schlicht und einfach unter- und eingegangen, nicht weil sie schlecht beraten waren (denn mein Web, auf dem ich die selben Ratschläge beherzigt habe, läuft heiss), sondern weil sie das Gegenteil von dem taten, was ihnen empfohlen wurde. Der Standardansatz ist immer der selbe, wie immer noch bei Interportal: An der Sitzung vom September 2003 beschloss die Projektgruppe auch eine „kleine Revision (low budget)“ von Erscheinungsbild und Funktionalität des Portals. Ich hab's zwar schon tausend mal gesagt und tausend mal genervt, drum nochmals: Leute, die Besucher sch... auf den Design. Noch mehr tun dies die Suchmaschinen, welche die Besucher ja erst bringen. Es braucht Inhalte, und zwar interessante, klar und verständlich präsentierte Inhalte - nicht Erscheinungsbilder. Hier schiesst sich die grassierende PR-Mentalität - Hauptsache, s'sieht gut aus,  gleich selbst ab.

Der Ersatz für forestflash und inforest, der mit viel Pomp und Trara und ellenlang-grässlichen Werbemails ans Licht des Tages befördert wurde [http://www.inforesources.ch/], ist Inhaltlich präzise die selbe Kommunikationskatastrophe, ein Zero, Null, Nichts, nada; es Nüüteli. Sieht zwar besser aus als meine Beiträge, aber wem dient's, so inhaltsleer? Antwort: Einzig dem, der sich hier einen Auftrag ergattern konnte.

Der letzte Akt der Tragödie "Präsentation der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit", das schweizerische Internetportal für Entwicklungspolitik und internationale Zusammenarbeit, www.interportal.ch, zeigt nun doch etwas mehr. Besucherzahlen on knapp 7000 pro Monat entsprechen dem Angebot, und sind für eine Website eines Vereins oder einer Organisation beachtlich. Bei 45 Mitlieds- und Trägerorganisationen entstehen solche Besucherzahlen jedoch schon rein durch die interne Nutzung. Vor allem aber entsprechen sie in keinster Weise der Bedeutung des Themas Entwicklung. Offenbar verfehlt auch dieses Angebot sein Ziel, nämlich ein breiteres Publikum anzusprechen.

http://stat.pronet.ch/interportal/www.interportal.ch/usage_200408.html

 

Probleme der Wissensvermittlung

Komplexität

Der Umgang mit Komplexität ist das Grundproblem aller Wissenschaften - wie auch der Wissensvermittlung und des Wissenschaftsjournalismus. Die Beispiele (s. SDC-knowledge) von Steinlin (16.6.03) mit BP und UNFPA machen dies deutlicher: BP (British Petrol, als Beispiel) muss nur ein einziges Produkt präsentieren, Benzin (allenfalls noch Heizöl und Diesel), die UNFPA präsentiert nur Gesundheit. Die hier diskutierte Wissensplattform will aber eine Wissensplattform für Entwicklung, d.h. für alles was sich auf der Erdkugel so tut, und das wird doch um einiges komplexer und der Kontext entsprechend umfassender:

Je einfacher das System, desto komplexer die Umwelt und umgekehrt. Je stärker also eine Geschichte die Komplexität reduziert, um so wichtiger wird der Kontext.

Zum Kapitel Komplexität gehört auch das leidige Thema Fundamentalismus, dessen Hauptproblem nicht im Terrorismus, sonder darin besteht, dass unterschiedliche Fundamentalismen nicht kommunizieren können und wollen, dass sie sich schlichtweg weigern andere Perspektiven oder gar Religionen als halbwegs berechtig anzuerkennen. Sie fügen sich also nicht in ein komplexes System sondern behaupten Autonomie, wollen alle Systeme ihrer Orientierung unterwerfen und argumentieren nicht, sondern Missionieren. Während sich die Mehrheit der immer noch zumeist religiösen Entwicklungsorganisationen in dieser Beziehung heute ziemlich zurückhält, trifft dies leider für die protestantischen Organisationen der USA ganz und gar nicht zu. Zu diesen Evangelicals zählt z..B. auch die äusserst aggressiv um Spenden werbende World Vision. Noch heute säen sie für die Armen lieber DIE BOTSCHAFT als Getreide und Gemüse. (Auskunft eines befreundeten Landwirtschaftsexperten).

Katholische Entwicklungsorganisationen fallen in dieser Beziehung heute kaum je negativ auf. Ich habe selbst in Äthiopien harte Diskussionen erlebt unter Franziskanern, ob es nicht angebrachter wäre, ein weiteres landwirtschaftliches Entwicklungsprojekt zu starten anstatt die Kirche auszubauen. Tolle Kerle, diese Franziskaner!

Kontextabhängigkeit

Die Beschreibung von Geneviève (17.6.03): 1) Context (what was the project about)  ; 2) What do you have experienced (the story, what happened that was "special" and made you realise something) ; 3) What have you learned out of that / what would you recommand to others. ist eine etwas zu einfache Definition von Kontext:

Kontext in der EZ (Entwicklungszusammenarbeit) umfasst die Einflüsse der natürlichen und sozialen Umwelt (Kultur) auf das Projekt, die Wirkung sozialer soziale Schichten, rechtlicher und sozialer Normen, die Hintergründe des Projekts, dominante Personen wie eine Menge weiterer Faktoren, wie die Geschichte des Projekts und der Mitarbeitenden, die Ziele & und vieles mehr.

In der vollständigen Vernachlässigung von Kontext liegt das Problem vieler Webpräsentationen, die primär auf Datenbanken setzen:

  1. Einer Datenbank fehlen Kontext, Geschichte und Dialogfähigkeit - aber ohne diese gibt es keine Wissensvermittlung.

  2. Datenbanktexte sind für Suchmaschinen im Internet nicht zugänglich, d.h. "Datenbank-Wissen" bleibt unsichtbar, wenn nicht über andere Orientierungsmedien vermittelt.

  3. Datenbanken bedürfen eines zusammenfassenden Einstiegs, besser noch, unterschiedlicher Einstiegsmöglichkeiten unter unterschiedlichen Perspektiven, die auf unterschiedlichen Kontexten beruhen und durch unterschiedliche Kontexte erst sichtbar werden. Insbesondere fehlt "Datenbanken" meist der historische Hintergrund, die Geschichte, wie auch die zukunftsorientierten Ziele. Datenbanken können eine gute Grundlage bilden, benötigen aber eine gute Beschreibung, d.h. Redaktionsarbeit.

Wie wenn der sachliche Kontext nicht bereits ausreichend kompliziert wäre, so hängt die Beschreibung; und auch Wissenschaft, sogar eine Formel, ist nicht viel mehr als Beschreibung; noch in starkem Masse vom persönlichen Kontext ab, den jede® Beobachter, Beschreibe® und Interpretierende® mit sich rumträgt. Der cultural bias ist nur einer davon. Diese persönlichen oder institutionellen Denkmuster beengen meist mehr als sie anregen. Je stärker die Beengung, um so mehr Übungen (sozio-pädagogische Gruppenspielchen) sind nötig, um die Phantasie erst wieder zu befreien. Besonders beengend ist die formularbasierte Verwaltung.

Als dritter relevanter Kontext kommt dann auch noch der Kontext dazu, den der Interpretierende mit sich trägt. Gerade bei der Interpretation von Texten kann einiges schief gehen, was uns die zahlreichen Glaubenskriege zeigen, die ja meist auf Grund ein und des selben Textes entstanden. Die Analyse von Texten ist anspruchsvoll und nicht jedem gegeben. Geistes- und Sozialwissenschafter sind zwar darauf trainiert, bei Naturwissenschaftern fehlt diese Kunst aber meist. Textinterpretation lebt ebenfalls stark vom Kontext. Fehlt der Kontext der Beschreibung, regiert der Kontext des Interpretierenden. Dazu eine eigene kleine Lerngeschichte: 1989 führte ich eine Gruppe von Experten der Weltbank durch den Jemen. Sie wollten die Chancen für ein Watershed-Management-Projekt evaluieren. Da sassen wir also beim Provinzgouverneur. Auf die Frage, ob denn die Provinz oder der Staat Jemen fähig sei, das Projekt nach Rückzug der Weltbank weiter zu führen, kam die absolut ehrliche und direkte Antwort des Gouverneurs: Es gibt so viele Donatoren, wir finden problemlos einen Ersatz für die Weltbank. Der Projektbearbeiter notierte, ohne mit der Wimper zu zucken: Das Projekt ist nachhaltig, die weitere Finanzierung sichergestellt, statt des Zutreffenderen: Projekt wird langfristig von Spenden abhängig sein.

Da Storytelling zwar den Kontext mitliefert, ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Da Storytelling aber eine kumulative Häufung zusammenhangsloser Geschichten darstellt, ist die Gefahr gross, dass noch mehr Verdummungswissen produziert wird.


Von der Erfahrung zum Lernen - Probleme des Lernprozesses

Scheuermeier beschreibt am 16.6.03 ausgezeichnet das Problem der Zerlegung einer Geschichte in Faktoren von System und Umwelt-Komplexität:

Stories are notoriously difficult to deconstruct into generic elements of "insight". The reason I feel is due to the high contextuality, if it is an anecdote, or the high complexity if it is a legend/myth/fair-tale. These high-order complex insights are extremely difficult to break down into "data" and store away in databases. That again is the reason why the carriers of the insight tell stories and don't try to throw data at us - that wouldn't work, because we wouldn't grasp it. So, somehow I get this idea, that stories and databases don't  really work. What we need is an electronic version of the campfire where the stories are being told and retold and discussed. It's in the telling and discussing that the insight is stored. I have trouble imagining how a story can be stored in various specific database fields without losing the learning. If it were possible, why tell the story at all? Why not directly input into the databases? I must admit I'm a bit lost on how to cope with the complexities and contexutalities of complex insights packaged in a story..... except of course sitting around the campfire and telling them...  ;-

Hier wird obiges Problem der Integration des Kontextes kurz und verständlich als Geschichte präsentiert. Was Lernen betrifft (es geht um Lerngeschichten, lessons learned) wird allerdings übersehen, dass Lernen nicht alleine daraus besteht, Daten und Wissen zur Kenntnis zu nehmen, sondern dass Lernen ein Prozess ist, der von vielen Motiven und Faktoren abhängt:
  1. Sinn des Lernens - Wozu lernen wir? Meist wird gelernt, um die wirtschaftliche und soziale Zukunft besser bewältigen zu können. Am meisten Zeit und Geld wird investiert in die berufliche Weiterbildung.
  2. Wie lernen wir? Lernen erfordert Umstrukturierung, eine Anpassung des eigenen, des vorhandenen Wissens an neue Erkenntnisse. Es ist darum stark abhängig von der lokalen Kultur (Betriebskultur z.B.) und vom Individuum selbst.
  3. Sachliche Inhalte müssen ergänzt werden durch soziale Beziehung (Campfire ist hier positiv, Internet negativ) und Didaktik (Campfire wie Internet eher mangelhaft).
Die wichtigsten methodischen Prinzipien einer Didaktik sind:

Eine Datenbank, egal ob Fakten oder Geschichten, besteht nur aus Punkt 1, ist also extrem ineffizient was Lernen betrifft.

Vorgehen bei entdeckendem Lernen:

Fazit: Eine Wissensdatenbank ist nicht das Selbe wie Wissensvermittlung (Zeitung, Internet, Schule). Es gibt kein Computerprogramm, das verstehen kann, warum der Schüler etwas nicht begreift oder falsch interpretiert während sogar mässige Lehrer oft recht rasch begreifen, wo bei den Schülern "der Knopf" ist.

Scheuermeier weist am 17.6.03 ein bisschen in die Richtung entdeckenden Lernens: So you begin with a story, and then a whole group discusses
and debates the story, and it sort of develops further - and this definitely leads to exciting insights (provided of course there is that capable facilitator who can keep everybody on course and knows how to synthesise....).

So the really useful way for getting insights and
"learning" out of stories is to use them as debating-material
for a group of learners.

Bugnard, 3.7.03 macht des weitern auf die Bedeutung des Zeitpunkts der Formulierung des Gelernten aufmerksam. Lessons learned sollten nicht erst am Ende formuliert werden, denn da nützen sie dem Projekt nicht mehr viel. Allerdings sollte am Ende des Projekts eine Überarbeitung erfolgen, denn oft lernen wir ja etwas, dass sich dann als falsch herausstellt. Scheuermeier, 28.6.03 formuliert eine Strategie der Evaluation der lessons learned durch zukunftsgerichtete Anwendung und verbindet die Evaluation geschickt mit der Anwendbarkeit des Wissens, dem vermutlich wichtigsten Lernmotiv.

 

Bedingungen der Wissensvermittlung - das Grundproblem jeder Verwaltung, die Dominanz von Form über Inhalt

Das Problem der geistigen Beengung durch formularhafte Projektreporte wurde in den Beiträgen mit einiger Eindringlichkeit formuliert:

People have to write so many reports all having their own framework, that they just have the feeling to write another report, which doesn't motivate
them much to do it...

 Scheurmeier : How many mission reports was I forced to write in a boring format, and then the guys who sent me wanted a personal debriefing with all the nice stories, in order to get a feel for the situation? I started to each time write a final annex called something like "some loose thoughts", and it's more than one guy who told me he always first reads that part before going into the actual report....!).Isn't it amazing how easily we can call up exciting stories and tell about them and everybody learns a lot, whereas once we go into a formalized framework, it all get's VERY boring, and nobody seems to be getting any ideas?

Steinlin, 17.6.03: Who has the time and the money to write all these lengthy reports, which in the end land in some book shelfs and archives, with nobody ever reading them, let alone do - i.e. learn - something with them?
Yes, in that case I definitely prefer to write a story, which at least I can tell on one occasion or the other and people will listen and think and maybe even think on...

Egger, 18.6.03: Good remark! Reports have to be written because donor organisations still ask and pay for them. But why? According to our experience nobody reads project reports. Let's give all donor organisations a broad hint: do not ask for lengthy reports but for interesting stories. This decision can be taken very quickly if there is really a willingness around to increase efficiency and effectiveness of development cooperation.

Eigentlich ist es genau diese Forderung Eggers, die Webpräsentationen in noch weitaus höherem Masse zu erfüllen haben, als Projektdokumente. Denn erstere sieht man sich bloss an, wenn's einen interessiert, zweitere müssen von gewissen Leuten einfach gelesen werden ... auch wenn sie wirkungslos bleiben.

Die Vorgabe einer bestimmten Form beengt logischerweise die Kreativität. Berichterstattende bleiben in der Form wie im eigenen Kontext gefangen. Das Erlernte muss erst mühsam aus diesen künstlichen Denkmustern der Verwaltung wieder befreit werden. Hier ist aber nicht nur die Form hinderlich, sondern auch das meist vorhandene Hierarchiegefälle, die Abhängigkeit: Headquarter plant, organisiert, überwacht Feld führt aus. Wehe wenn sich die Feldarbeiter erfrechen, die Strategien und Pläne des Headquarters zu kritisieren! [Im grössern Rahmen gilt dies natürlich auch wiederum für die Beziehung zwischen ausführenden Organisationen und der finanzierenden DEZA. s. Machtanalyse der Entwicklungsorganisationen]. In diesem Graben gehen die meisten Lerneffekte verloren. Die Entwicklungsorganisationen haben Millionenumsätze und beträchtliche Bestände an loyalen Angestellten ... die sich aber kaum Kritik erlauben dürfen, da der Markt extrem eng ist (s. Filz, Forstwirtschaft). Flurys Beispiel könnte ein Ansatz sein, diese Kluft auf diplomatische Art zu überbrücken:

Flury, 26.6: Instead of asking participants after an evaluation to formulate "lessons learnt" we thought it might be more helpful to describe moments where things changed, to identify triggers that make things change etc. Based on such elements of change and the reasons for it it might be easier to formulate lessons and to learn therefrom.

Zusammenfassung und Lösungsansätze

  1. Einer Datenbank fehlen Kontext, Geschichte und Dialogfähigkeit aber ohne diese gibt es keine Wissensvermittlung.

  2. Die von SDC-knowledge diskutierte Wissensplattform will aber eine Wissensplattform für Entwicklung, d.h. für alles was sich auf der Erdkugel so tut, und das wird doch um einiges komplexer und der Kontext entsprechend umfassender.

  3. Je einfacher das System, desto komplexer die Umwelt und umgekehrt. Je stärker also eine Geschichte die Komplexität reduziert, um so wichtiger wird der Kontext.

  4. Entwicklungsprojekte sind an und für sich komplex. Sie spielen zudem in einer fremden Umwelt, d.h. dieser Kontext muss für das richtige Verständnis in der Beschreibung/Geschichte mit geliefert werden.

  5. Reportformulare versuchen, dieser Komplexität gerecht zu werden. Dadurch dass sie eine spezifische Form vorgeben, machen sie Geschichten, also lesbare und unterhaltsame und lernbare Geschichten unmöglich. Diese müssten als Ergänzung geliefert werden.

  6. Mehr noch als die Form, behindert das hierarchische Gefälle wie auch unterschiedliche Denk- und Handlungskulturen, das freie Reportieren, das Erzählen von Geschichten. In vielen Projektreports wird mehr versteckt als erklärt, da weder HQ noch Empfänger oder gar Financiers offen kritisiert werden dürfen.

Ohne eine offenere Kommunikationskultur
bleibt institutionelles Lernen
ein Schattenboxen.

  1. Auch wenn eine träfe Beschreibung vorhanden ist, so wird diese von jedem Leser etwas anders interpretiert, je nach persönlichem Hintergrund, also dem persönlichen Kontext. Dies kann nur geklärt werden, wenn auch die Interpretation wieder kommuniziert wird.

  2. Was institutionelles oder persönliches Lernen betrifft, so geben sich offenbar die meisten Kontribuenten der Illusion hin, dass, was geschrieben sei, auch zu Lerneffekten führe (Scheuermeier, 17.6: learning can be stored). Dem ist aber nicht so. Lernen ist eine aktive Anpassung an neues Wissen. Lernen basiert auf Interesse. Interesse wird meist durch Anwendbarkeit gefördert. Da aber jedes Projekt ein anderes Umfeld hat, müssen die Lehren angepasst und für andere Verhältnisse geprüft werden.

  3. Wissensvermittlung ist etwas ganz anderes als Wissensspeicherung. Computer sind geeignet, Wissen zu speichern sie sind untauglich für die Vermittlung. Es gibt kein Computerprogramm, das verstehen kann, warum der Schüler etwas nicht begreift oder falsch interpretiert. Computer ersetzen vielleicht die Bücher, aber genau so wenig wie die Bücher die Lehrer ersetzt haben, werden dies Computer tun.

 

EMPFEHLUNGEN:

Die Kooperation und die Lernprozesse zwischen HQ und Feld sind zu verbessern. Da die meisten Entwicklungsprojekte von privaten oder staatlichen Spenden leben, sollten auch die Resultate besser kommuniziert werden. Dies hätte einen doppelten Vorteil: Erstens fördern die Organisationen ihr Image zweitens können andere aus diesen Erfahrungen lernen, falls sie gut beschrieben sind. Entwicklungsgeschichten beschreiben ein Stück Realität, sie liegen also irgendwo zwischen (meist mühsamer bis unlesbarer) wissenschaftlicher Beschreibung, schwer zu interpretierender Kunst (Literatur, Malerei) und informations-interessengetriebenem Journalismus.

Das Internet erlaubt es problemlos, jede Geschichte mittels Links oder Frames in den richtigen Kontext zu stellen. Das Internet bietet geradezu an, über verschiedene Einstiege und Perspektiven in ein Thema einzusteigen. Allerdings muss diese Welt, als Abbild der realen Welt, geschaffen werden. Lerngeschichten sind dazu nur ein Beitrag.

Ein treffendes und interpretierbares Bild der Realität zu vermitteln, ist die Aufgabe von Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten. Einzelbilder müssen zu einem Ganzen gefügt werden. Eine Datenbank wäre ähnlich einem Korb, in den jeder eine Geschichte wirft. Ein Korb (oder Computer) voller Geschichten ergibt aber kein Gesamtbild und kann keine Vorstellung darüber vermitteln, wie das Gesamtsystem funktioniert.

Hier bietet das Internet die Lösung. Im Web lassen sich Einzelgeschichten in den richtigen Rahmen (Kontext) stellen, verlinken,
zusammenfassen, ergänzen oder auch für unterschiedliche Interessenten in jeweils angepasster anderer Formulierung präsentieren.
(Förderung von Interesse und Anwendbarkeit). Kurzum Wissensmanagement ist ohne Redaktionsarbeit mit didaktisch-pädagogischem Hintergrund nicht zu machen.

Lernen aus derart computerisierten Daten wird nur möglich sein, wenn die Daten mit einem Forum verbunden sind, wenn der Leser auch Fragen stellen und diskutieren kann. Diese Möglichkeiten sind im Web gegeben, werden aber erst rudimentär genutzt.

Auch hier ist die Arbeit der Text-Verdichtung, Erklärung, Zusammenfassung und Verlinkung durch einen professionellen Redaktor mit Sachkenntnis unabdingbar.

Beispiel zum Fehlen spezifischen Entwicklungswissens:

Anlageberatung für Überweisungen von Emigranten in ihre Heimat

 IOM hat diesem Thema seine Monatspublikation vom September 04 gewidmet (als pdf abrufbar). Weltweit ist heute jede 34. Person ein(e) EmigrantIn, der/die sein Brot in der Fremde verdient, und meist durch diese Arbeit auch seine Familie ernährt. Wurden 1970 erst 2 Milliarden $ überwiesen, waren es 2003 ganze 93 Milliarden $, also bedeutend mehr, als die reichen Länder für Entwicklungshilfe ausgeben: 68.5 Milliarden $. 2004 waren es bereits 150 Milliarden und 2005 sogar 167 Milliarden $.  [neuste Daten s. Global Economic Prospects 2006: Eonomic Implications of Remittances and Migration]

Indien, Mexiko und die Philippinen erhalten einen Drittel aller Überweisungen, mit Marocco, Aegypten und der Türkei bereits die Hälfte.

2002 schickten die im Ausland tätigen Afrikaner 15 Millionen Dollar nach Hause, 10 Milliarden nach Nordafrika, vor allem Ägypten, Nigeria, Lesotho, Sudan, Senegal, Mocambique und Mauritius; 5 Milliarden in die südlichen Länder. Nigeria ist mit 130 Millionen das Bevölkerungsreichste Land Afrikas und exportiert vor allem qualifizierte Arbeitskräfte. Heute sind mehr nigerianische Ärzte im Ausland tätig als im Lande selbst. Alleine in den USA sind es 22'000. Die Kapverden erhalten 12.5% ihres BSP durch Auslandüberweisungen, Lesotho 26%.

Verwendung der Überweisungen: Oft für Konsum oder Ausbildung, Heirat, nicht gezielt, verbesserungsfähig. Jemeniten, fast 100% für Heirat: Hausbau, Entschädigung/Sicherheit für Frau. wirtsch. ineffizient - aber lieber effizient, dafür ohne Heirat, ohne Kinder do Hong Kong?

Da schätzungsweise nur ein Drittel der überwiesenen Gelder erfasst wird und 2/3 durch inoffizielle Kanäle fliessen, wird der Gesamtbetrag auf rund 300 Milliarden geschätzt. Beispiele: 9% des BSP der Philippinen stammt aus Überweisungen aus dem Ausland; Mexiko erhält eben so viel Geld von seinen Auslandarbeitern wie es durch Tourismus verdient; Bangladesch gleich viel, wie seine gesamte Bekleidungsindustrie produziert. Südamerika erhält so vier mal mehr Unterstützung durch seine Emigranten als durch die internationale Hilfe der Reichen. Am schwächsten ist diese Unterstützung in Afrika.
 

Herkunft der Rimessen in Milliarden $ Destination
USA
Saudi Arabien
Deutschland
Schweiz
Frankreich
34
15
  9.9
  9.2
  4.7
Indien
China
Mexiko
Frankreich
Philippinen
21.7
21.3
18.1
12.7
11.6

Global Economic Prospects. Weltbank 2006

Migranten wurden lange als Faktor der Entwicklung ignoriert. Man beklagte den brain-drain, vergass aber, dass sie nicht bloss Geld nach Hause schicken sondern bei der Heimkehr oft auch wertvolle Erfahrungen mitbringen, also für brain-gain sorgen.

Wichtige Probleme die in diesem Zusammenhang zu lösen sind, wären nicht bloss mit dem Geldtransfer verbunden:

Interessant sind vor allem Erwartungen und Fakten, die sich aus dem Einsatz solcher Gelder erkennen lassen: Überweisungen haben das grösste Entwicklungspotential, wenn sie Arbeitsplätze schaffen. Regierungen sollten Investitionen in unternehmerische und andere Tätigkeiten unterstützen, die Arbeitsplätze schaffen.

? Nichts gemerkt? Obwohl rot? Nochmals lesen! denn ...

In dem Satz wird unsere ganze Bankenwelt, speziell der Finanzsektor, in eine Parallelwelt transferiert. Es geht offenbar nicht mehr darum, das Geld möglichst produktiv selbst arbeiten zu lassen, sondern Geld soll in erster Linie Arbeitsplätze für Menschen schaffen, was hierzulande nicht mal als Aufgabe der Wirtschaft betrachtet wird, geschweige denn, als Ziel der Finanzwirtschaft (s. Gute Arbeit). Wir legen doch Geld an auf Grund der Sicherheit und der Ertragskraft der Anlage (%, Dividenden, Gewinne ...). Dieser Ansatz hier ist unserem Diametral entgegen gesetzt ... und, es sei zugegeben, logisch-wissenschaftlich auch schlecht zu begründen. Jeder der in einem solchen Land Verwandte hat (wie ich im Irak), oder sich in der Entwicklungszusammenarbeit mit Mikrokrediten (Jemen, Somaliland, Tadschikistan) versucht hat, kennt das Problem: Sie investieren, sagen wir 3000 Fr., erhalten die nie zurück, oder höchstens in lokaler Währung; und der Betrag in $ oder Fr. ist noch die Hälfte oder noch weniger wert. Und dennoch war er wirksam. Er hat einigen Leuten für Jahre Arbeit verschafft, ein sinnvolles Leben; er hat neue Strukturen geschaffen, von denen weitere leben - auch wenn der Wert in Devisen sich verringert hat. Hier liegt also was total schief, und hier ist Wissen gefragt, das unserem Wissen stark widerspricht, da es sich stark mit dem lokalen Wissen vermengt.  Und ich mach eine Wette, dass viele unserer KMUs auch gerne wüssten, wie ein Bankwesen aussehen könnte, das das Schaffen von Arbeitsplätzen mehr belohnt als das Anhäufen von Ersparnissen. Wer könnte dieses Wissen liefern, wenn nicht die Entwicklungsorganisationen, die sich seit Jahrzehnten mit derartigen Problemen rumschlagen. Wo also ist das Wissen?

Die grösste Institution die weltweit Geld transferiert, und dazu über 212'000 Zahlstellen verfügt, ist die Western Union, gefolgt von Money Gram. Die meisten Konten werden geführt von Kunden aus Thailand, Türkei, Tunesien, Indonesien, Uruguay, Slowenien, Kroatien, Indien, Argentinien, Ägypten... Gastarbeiter überweisen jährlich rund 100 Milliarden Dollar, 10 davon aus der Schweiz, die mit ihren 800'000 ausländischen Arbeitskräften nach den USA und Saudi-Arabien an dritter Stelle steht.

Internetplattformen die Mikrokredite vermitteln:


Mittel und Organisationen der Schweizerischen Entwicklungshilfe

Den grössten Brocken an Entwicklungsgeldern verteilt die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) mit 1.27 Milliarden Fr. (2003). Bei 1450 Mitarbeitern macht das einen Umsatz pro Kopf, oder verwaltetes Projektvolumen pro Kopf von 875'000 Fr.

 [s. Jahresbericht der Internationalen Zusammenarbeit 2003: http://www.deza.admin.ch/ressources/deza_product_de_996.pdf ]

* Apropos Mühsam: Helvetas wie Intercooperation bieten, trotz eher katastrophaler Präsentation ihres Wissens, ihre Dienste als Experten in knowledge management und als provider/Verwalter von knowledge ressources an. Nehmen Sie ruhig ein Auge voll: http://www.intercooperation.ch/about/resources/knowledge that's all, more's not visible.

Die von der DEZA und dem seco für die internationale Zusammenarbeit eingesetzten Mittel machen den grössten Teil der Öffentlichen Entwicklungshilfe (APD) der Schweiz aus. 2003 beliefen sich diese auf 1.74 Milliarden Franken, das sind 0.38 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Diese Gelder werden möglichst gezielt eingesetzt. Es profitieren also nur ein beschränkte Anzahl an Gebieten und Ländern von der Schweizerischen Entwicklungshilfe. 2003 wurden ihre Ressourcen in 17 Schwerpunktländern und 6 Spezialprogrammen in Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Mittelmeerraum eingesetzt. In den kommenden Jahren dürfte die Anzahl Schwerpunktländer nach und nach auf 20 ansteigen.

Die Beiträge der DEZA und des seco machen 85% der öffentlichen Hilfe an Entwicklungs- (APD) und Transitionsländer


Gemessen in Prozenten des Bruttonationaleinkommens (BNE, früher BSP), hat die APD der Schweiz bis 1990 regelmässig zugenommen. In den letzten 10 Jahren hat sie sich durchschnittlich um 0.34% stabilisiert. Die privaten Spenden der Schweizer NGOs sind regelmässig gestiegen und haben ein Niveau von 0.07% des BNE erreicht ... also offenbar eher Peanuts! Vorschläge, das Private Engagement der SchweizerInnen im Rahmen der Agenda 21 wären also eigentlich sinnvoll.

 200 Millionen Fr., also nur 11.5% der DEZA-Gelder, werden von Schweizer NGOs in Projekte umgesetzt:

 

Machtanalyse der Entwicklungsorganisationen

Die DEZA ist damit der grösste Financier von Entwicklungsprojekten - auch wenn nur 11.5% der Gelder an Schweizerische Organisationen gehen. Dadurch kontrolliert sie natürlich, was läuft. Die DEZA entscheidet also, welche Projekte gut sind und bezahlt werden, und welche "nicht so gut" sind, also nicht bezahlt werden. Folglich richten sich alle nach der DEZA und versuchen ihr bestes, es ihr bloss recht zu machen. Man könnte nun annehmen, das belebe die Kreativität durch Wettbewerb. Dies gilt leider nur mässig bis kaum, denn erstes und oft leider ziemlich dominantes Anliegen aller Bewerber um Geld ist es, bei der DEZA bloss einen guten Eindruck zu machen. Der Eindruck auf die DEZA ist eine Frage, die anlässlich jeden von Entwicklungsevents in den Vorzimmern immer am meisten diskutierte wird - was hier verständlich wird. Die DEZA bildet, dank ihrer Finanzmacht, den Nordpol an dem sich alle zu orientieren haben, die Geld für Projekte wollen ... und wer will das nicht.

Diese hübsche Pareto-Verteilung der Unterstützung entspricht auch der Verteilung von Macht. Interessant ist erstens mal der obere Bereich, der offenbar gestutzt ist. Helvetas und Intercooperation werden beide mit identischen Beträgen gefördert - obwohl eigentlich die Caritas die leistungsfähigste Organisation ist, was die Beschaffung von Spendengeldern betrifft, sie also dominieren müsste. Zudem ist IC (Intercooperation) eine halbstaatliche Organisation die völlig von Bundesgeldern abhängt und deren Experten (wie übrigens diejenigen der andern grossen ebenso), in dauerndem Kontakt mit dem Geldgeber stehen. Sie spielt so quasi den Joker, mit dem die andern Mitbewerber kontrolliert werden können. Die restlichen Mitbewerber sind schön gestaffelt in der Grösse. So konkurriert jeder mit dem nächst grösseren und kommt nicht auf die Idee, mit den ganz grossen in Wettbewerb zu treten. Die Pareto-Verteilung dämpft und mildert damit wirtschaftlich ineffiziente atomistische Konkurrenz - indem sie hierarchische Herrschaft begründet..

Wir erkennen an dem Beispiel schön, wie die Macht in unserer Gesellschaft sich organisiert. Es gibt zwar keine Diktatoren mehr, aber die Pareto-Verteilung dämpft den Macht-Wettbewerb, hierarchisiert gleichzeitig die Macht und schafft so eigentlich eine Plutokratie, denn: Alles richtet sich aus nach dem einen Pole wo das Geld steckt, hier also der DEZA. Es lassen sich auf Grund dieses Modells leicht auch andere plutokratische Hierarchien analysieren, z.B. mit den Polen: Banken als Geldgeber - KMUs als Abhängige.

Interessant ist in dem Zusammenhang das Aufkommen des Internets, das zu einer gewissen Durchbrechung dieses Prinzips geführt hat, da es ein neues Ordnungsprinzip ins Spiel bringt: Information. Und damit haben die Herren und Damen der Entwicklungsorganisationen offenbar einige Mühe.


Entwicklungsorganisationen und Kritik:

Entwicklungsorganisationen helfen den Armen, Entwicklungsorganisationen tun gutes, Entwicklungsorganisationen muss man unterstützen. Wer Entwicklungsorganisationen kritisiert, ist asozial.

Eine ziemlich unglückliche Konstellation. Die Wirkung davon ist, dass Kritik praktisch nur noch von der fremdenfeindlichen Rechten kommt - die hier eh nicht ernst genommen wird. Wahrheit, d.h. Wissen, kann aber nur entstehen, wenn Meinungen und Hypothesen streng geprüft, d.h. kritisch bewertet werden. Sie selbst erhalten sicher auch jeden Monat Prospekte und Spendenanfragen, die x Theorien über Entwicklung enthalten. Je nach Volksmeinung ändern diese ein bisschen. Heute Wasser, morgen Strassen, übermorgen Schulen, dann die Zivilgesellschaft, vielleicht etwas industrieller Aufbau (Wald und Landwirtschaft sind längst out, nachdem sie in den 70er und 80er Jahren dominant waren). Entwicklungstheorien sind offenbar Modeerscheinungen. Zur Zeit lobt sich grad' die Helvetas über den grünen Klee, von wegen 50jährigem Jubiläum. Haben Sie von der Helvetas mal eine halbwegs objektive Analyse gesehen darüber, welche Theorien denn nun wo, wie und warum Erfolg gebracht haben? Haben Sie irgendwo in den Medien nicht mal Kritik, schon bloss eine kritische Frage statt schierer Lobhudelei gelesen. 1 Milliarde investiert! Was sind die Resultate?  Nicht um festzustellen, dass Entwicklungshilfe eh nichts bringt, denn auch die Endprodukte der 1 Milliarde, die z.B. bei der Migros innerhalb von 18 Tagen umgesetzt wird, landet zum grössten Teil in der Kläranlage. Aber: Wo und um was wurden wir (und die Caritas) nach 50 Jahren und 1 Milliarde klüger?

Linda Polman beschreibt in ihrem Artikel: Der Hilfe-Supermarkt. Humanitäre Organisationen, Geschäfte, Medien und Kriegsparteien [Lettre International. Sommer 2005. S. 25] einige der Probleme:

  1. Nicht die Nöte der Hungrigen und Bedürftigen, sondern das Mass der Aufmerksamkeit seitens der Medien ist ausschlaggebend dafür, ob Hilfe kommt oder nicht. ... Erinnern Sie sich noch an das Seebeben und die dadurch entstandene Flutwelle (Tsunami) kürzlich? .... (s. Katastrophenrhetorik). Da wurden 10 Milliarden gefordert, aber hören tut man praktisch nichts mehr, seitdem es als Event out ist, die Beholfenen sich wieder gegenseitig die Köpfe einschlagen und die Schnellhilfe zum üblichen Entwicklungstrott ausgebremst wird. ... Na ja, 5 Tage nachdem dies geschrieben, liefert Marlène Schnieper im Tagesanzeiger (24. Juni 2005. S. 12) einen Überblick darüber, was in diesem halben Jahr passiert ist. Details s. auch www.reliefweb.int South Asia Earthquake and Tsumami

    Fazit 1:   12 Milliarden $ an Hilfe wurden versprochen. Die Uno bat um 1.262 Milliarden $ - und hat effektiv 85% dieses Beitrags erhalten. Nahrung, sauberes Wasser, Impfungen, ein provisorisches Dach über dem Kopf, konnten relativ rasch zur Verfügung gestellt werden. Für Rekonstruktion und Wiederaufbau rechnet man mit 5 bis 10 Jahren. Für die Krisenregion Südostasien war das Fundraising erfolgreich.

    Fazit 2: Im Kongo sterben täglich über 1000 Menschen, über 4 Millionen seit dem Bürgergkrieg (1998). Kein Schwein schaut hin. Niger wurde 2004 durch Heuschrecken kahlgefressen. Kein Hahn kräht danach. Die Mediale Aufmerksam verteilt sich, wie Vermögen und Einkommen, höchst einseitig (s. Pareto). Wo aber 90% der Aufmerksamkeit 10% der Bevölkerung gelten, gehen 90% vergessen. (s.u. Punkt 5) Die Präsentation von Reliefweb macht dies deutlich, denn "am Rande" der Präsentation betr. Tsunami werden weitere 85 Krisen gelistet, die alleine in Asien noch zu bewältigen sind.

    > Der Mediale Fokus hilft (manchmal) den Fokussierten, verdeckt aber weitaus mehr als er beleuchtet.

  2. Entwicklungsorganisationen laufen zwar unter dem Label NPO, non profit organisation, verfolgen aber sonst die selben Strategien mit den selben Taktiken wie die Wirtschaft: Dominanz, Marktbeherrschung, Wettbewerb um Spenden und andere Gelder. Wo nicht noch klassische Hierarchien im Betrieb herrschen, da ist es oft (mehr verbreitet) der Gruppenzwang. Hat sich eine Arbeitsgruppe, meist unter Führung des oder der "Durchsetzungsfähigsten" auf eine Meinung geeinigt, wird Kritik mit Exkommunikation geächtet. Es herrscht also bereits im Innern eine extrem kritikfeindliche Stimmung. Verstärkt wird diese durch die Immuniität gegen Kritik von aussen, in die sich "Wohltäter" gerne und erfolgreich einhüllen.
    Sie (die Hilfsorganisationen) operieren zwar kommerziell, erfreuen sich aber einer merkwürdigen Art der Immunität. Sie konkurrieren um möglichst grosse Anteile an einem Markt, der sich jährlich auf Milliarden Euro an Hilfsgeldern beläuft, und treffen laufend wirtschaftliche Entscheidungen im eigenen Unternehmensinteresse - jedoch ist das nicht die Weise, in der wir die Katastrophenhilfe wahrnehmen. Wir betrachten ihre Helfer als unparteiisch und nobel. Ihre Zuverlässigkeit und ihr Sachverstand sind über jeden Zweifel erhaben. Selten oder nie analysieren wir die Kompetenz und die Ethik der Hilfsangebote, und niemand zieht die Organisationen zur Rechenschaft, auch nicht dann, wenn die Einsätze vorbei sind und die oft enttäuschenden Resultate überblickt werden können.
Meistens evaluieren die Organisationen ihre Projekte ja selbst, oder lassen sie durch einen eingebundenen, vertrauten, gutmütigen Konsulenten (der von den Aufträgen abhängt) analysieren.
  1. Im Zeichen des Wettbewerbs um Spenden verstärkt sich dies zunehmend. Save the Children und Plan International, Care International und Medair bearbeiten nun ebenfalls den Schweizer Spendenmarkt - und eben mit den Themen, die am leichtesten Herz und Portemonnaie öffnen, eben den armen Kinderlein. Besonders penetrant ist hier die fundamentalistisch-evangelikale Organisation World Vision, die am agressivsten mit Kinder-Patenschaften wirbt.
    Auf Grund der Priorität betriebswirtschaftlicher Entscheidungskriterien (Auch Du, Brutus ...), setzen sich Entwicklungsorganisationen auch höchst ungern mit reellen Ursachen und Hintergründen von Krisen auseinander. Durch unkritische Unterstützung der Ziele einer Restrukturierung (Weltbank & Co), werden die häufig noch vorkapitalistischen Strukturen abgebaut - ohne dass unter den gegebenen Wettbewerbsverhältnissen, also der Dominanz des Westens, neue entstehen könnten. Fragt der Spendenmarkt nach Brunnen, baut man Brunnen. Schreit der Spendenmarkt nach einer Senkung der Kindersterblichkeit, retten diese Projekte die Welt. Trägt der Spendenmarkt lieber Kleinkredite, sind plötzlich Kleinkredite das A&O der Entwicklungspolitik. Wirkliche Ursachen und Hintergründe von Krisen werden vertuscht, denn die Hilfe muss als Lösung dargestellt werden. Eine systematische Analyse mit Tiefe und Breite wird nur selten durchgeführt, und wenn, dann meist schubladisiert. (Ich hab einige davon). Entwicklungszusammenarbeit findet ja per definitionem in Krisengebieten statt. Die betriebswirtschaftliche Priorität, nicht bloss der Schweizerische Sonderfall, verlangt nach Neutralität. Man mischt sich nicht ein ... obwohl man alles verändern will. Damit Projekte überhaupt zur Ausführung gelangen können, sind die Organisationen auf die Unterstützung der herrschenden Kräfte, also meist der Regierung, angewiesen. Wird diese gestürzt, gehen meist auch die Projekte unter. Auch die neutrale Schweiz musste das äusserst brutal erleben in Mali, Ruanda (wo allerdings der Einfluss durch Aids fast noch übler ist, eine Krankheit an der fast die Hälfte der rel. jungen männlichen Bevölkerung wegstirbt), und demnächst Nepal ... Wir helfen, wir machen keine Politik. Wir sind neutral. Wir mischen uns nicht ein ... obwohl ein grosser Teil der Gelder in korrupten, ineffizienten nationalen Institutionen verschwindet - oder marktorientierten NGOs, die längst gemerkt haben, wie man den Rahm abschöpft.
    1. Goma - Krise mit Landeerlaubnis:. Verschiedenste Entwicklungsorganisationen hatten während Jahrzehnten in Ruanda gearbeitet. Ein grosser Teil dieser Arbeit wurde in wenigen Monaten zerstört. Nach dem Unglück war Geld da - und mit ihm die Organisationen:
      Ich versuche mir vorzustellen, wie ein erschöpfter Flüchtling nach Goma gewankt käme, überwältigt würde vom Werberummel und sich dann denken würde: Ich werd' erst mal bei Care frühstücken. Dann zu Mittag essen bei World Vision. Später schau ich mal beim Roten Kreuz vorbei wegen ein paar Medikamenten, und danach hole ich mir noch eine Plane und eine Decke beim UNHCR.

      Richard Dowden: Hilfe-Supermarkt. The Economist. 1994

  2. Auch der private Schwerpunkt der Mitarbeiter liegt weniger in der Optimierung des Projektes und seiner Wirkung, sondern darin, den nächsten Arbeitsvertrag zu sichern. Mancher Projektleiter investiert gut die Hälfte seiner Arbeitszeit für Lobbying ... weniger für das Projekt, als für den nächsten Job. So etwa das Ziel einer 40-jährigen EZ-Mitarbeiterin: ... ich brauch noch 5 Projekte bis zur Pensionierung ... Welches entwicklungspolitische oder -erforschende Interesse wollen Sie bei der Prämisse noch erwarten?
    Es ist beschämend, es zuzugeben, aber wir unterhielten uns nur über Verträge. Wie bekommt man sie verlängert? Wie bekommt man mehr? Wenn die Leute aus der Zentrale uns in den Lagern besuchen, fragen sie auch fast immer nur nach Verträgen: Wie viele hatten wir, wann liefen sie aus, wie stand es um die Verlängerungschancen, gab es Konkurrenz?

    Fiona Terry, Ärzte ohne Grenzen.

  3. Medien und die Entwicklungszusammenarbeit - ein kritisches Gebiet. Entwicklungsorganisationen buhlen um die Präsenz in den Medien. Von Medecins sans Frontières z.B. sind notorisch dafür bekannt, dass sie erst einmal Präsenz markieren - mit der Schweizer Fahne (die sich eben ergibt, wenn man dir Rotkreuzfahne farblich wieder umkehrt).  Polman gibt ein prägnantes Beispiel für die Komplizenschaft zwischen EZ und Medien:
    Mit einem Taxi aus Khartum kommt man nicht dorthin (Westsudan, Dharfur). Man braucht die Allrad-Geländewagen der Hilfsorganisationen. In den vergangenen Jahren habe ich mehrere Male Deals geschlossen: Im Tausch gegen eine Mitfahrgelegenheit schreibe ich in der Zeitung über die Arbeit der Organisation.

    W.F. Deeds, Daily Telegraph. GB

    Inserieren ist teuer. Wenn die Medien ein Interview mit einer Hilfsorganisation führen, bedeutet dies Gratis-Publicity von unschätzbarem Wert.

    Fiona Terry, Aerzte ohne Grenzen.

    Besonders penetrant betrieben wird diese Strategie von der evangelikal-fundamentalistischen Missionsorganisation World Vision.

Eine kritische Funktion erfüllen manche Entwicklungsorganisationen der USA. Das Peace Corps ist für die Elite quasi obligatorischer Einstieg, was schon mal wundert, aber klarer wird, wenn man sich von John Perkins beschreiben lässt, welche Funktion solche Organisationen als Agenten der nationalen Politik und des privaten Grosskapitals erfüllen. Noch kritischer kommen dabei die protestantisch-missionarischen Hilfswerke weg, die in vielen Fällen den grossen Firmen bei ihren "kleinen" Problemen mit dem kleinen Volk helfen, da sie die lokale Situation weitaus besser verstehen und unter den gegebenen Verhältnissen zu agieren wissen. Diese Strategien machen auch verständlich, warum lokales Wissen und Wissensmanagement, trotz Wissensgesellschaft, immer noch ein Schattendasein fristet. Ganz einfach weil die grossen Strategien und Taktiken entscheiden, das Wissen, das den Firmen selbst von Nutzen ist. Leider scheint das auch für Entwicklungsfirmen zu gelten.

Ergänzungen vom 19.6.05, M. Herzog, Basel


  Links:

Entwicklungsstheorie (worunter meist Entwicklungspsychologie verstanden wird, besonders diejenige des genialen Piaget. Dies ist hier aber im Moment nicht das Anliegen)


Martin Herzog, Webdesign, Basel. Überarbeitung verschiedener eigener Beiträge aus dem Diskussionsforum SDC-knowledge http://www.bellanet.org/sdc/sdc-knowledge/index.cfm?fuseaction=message&messageID_=76833&lang=en&cat_id=230  29. August 2004