Basteln, Tüfteln, Improvisieren  ....

La Dialectique du Bricolage

Wir haben unter System der Wissenschaften, in Planung und Management zwischen Sein und Sollen und in Der Ingenieur als Bindeglied zwischen Homo sapiens und Homo faber, zwischen Wissenschaft und Handlung bereits gesehen, dass präzises Wissen sich nur über Umwege der Motivation in einigermassen zielgerichtete Handlung umsetzen lässt. Komplexe Systeme verneinen die Möglichkeit gezielter Beeinflussung geradezu, genau so wie die notwendige Freiheit komplexer Systeme und die Entscheidungsfreiheit der Menschen gezielter Beeinflussung (Manipulation) kritisch gegenüber steht. Die Gestaltung und Steuerung solcher Systeme ist also immer nur ein Versuch. Mehr durch trial and error als durch Berechnung lernen wir erst unsere Möglichkeiten abschätzen. Hier erhält der Entwurf eine weitaus grössere Bedeutung als die Analyse des Wissenschaftlers oder die Berechnung des Ingenieurs.

Dies ist den Change-Managern bereits bekannt und der Ansatz wird offenbar erfolglreich eingesetzt. Deshalb hier eine Neuauflage eines verschollenen Berichts des Autors von 1995, der die Bedeutung der unwissenschaftlichen Freiheit des Tüftelns gerade für Entwicklungszusammenarbeit, für politische Gestaltung einer Gesellschaft, betont.

Heute wird das so formuliert:

"Wenn Firmen sich mit Erfolg wandeln wollen, dürfen sie keinen permanenten Wandel anstreben."

Unzählige drastische, schnell aufeinander folgende Veränderungsmaßnahmen führten in vielen Unternehmen dazu, die Akteure unter dem Motto - "Duck dich, der nächste Veränderungsschlag kommt bestimmt" - resistent gegenüber Wandel zu machen. Ganz davon zu schweigen, dass es durch diesen schnellen Wechsel oft unmöglich war, die mit einer Maßnahme oder Strategie verbundenen Mehrwerte auch nur annähernd zu realisieren.

Wandel allein ist also kein Erfolgsgarant. Vielmehr steht eine Führungsspitze vor der Herausforderung, einen ausgewogenen Wechsel zwischen radikalen Einschnitten und organischen Veränderungen - Abrahamson nennt diese Tinkering und Kludging - zu praktizieren.

Es gibt drei Praktiken als Kennzeichen einer dynamischen Stabilität:

Der Begriff der Bricolage geht auf Claude Levi-Strauss und dessen Konzept des "wilden Denkens" zurück. Das Merkmal dieses Denkens ist es, jenes zu tun und zu verwenden, was gerade zur Verfügung steht.

Bricolage hängt - anders als Planung und inkrementales Vorgehen - von einem vorhandenen Lager an Ressourcen ab. Aus diesem Lager werden einzelne alternative Entwicklungspfade kombiniert. Solch ein Vorgehen fördert die strategische Flexibilität und Wandlungsfähigkeit einer Organisation und bietet die Möglichkeit, ohne risikoreiche Investitionen mit den vorhandenen Möglichkeiten neue Nischen zu besetzen.

Zur Erinnerung: Der Patching-Ansatz, der von der Stanford-Professorin Kathleen M. Eisenhardt und der McKinsey-Beraterin Shona L. Brown vorgeschlagen wurde, geht auf eine ähnliche Grundidee zurück.

Die Studie von Prof. Dr. Johannes M. Lehner, die den Wirkungszusammenhang von Bricolage und strategischer Flexibilität untersucht, finden Sie unter: http://www.unizh.ch/ifbf/orga/orgkomm99.htm

(s. http://www.4managers.de/01-Themen/..%5C10-Inhalte%5Casp%5CTinkering.asp?hm=1&um=T)

Martin Herzog, Rheinfelden, 20. Oktober 2003


"Vorgestern" wurde das so formuliert:

 

          "La Dialectique du Bricolage"

Martin Herzog 1995

 

 THESE:

Die Definition von "bricolage", geäussert von Knorr (S. 63-65) im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise, lautet:

"Ein erster Aspekt der Indexikalität ist der implizierte Opportunismus, der den Operationsmodus des Naturwissenschaftlers dem eines bricoleur oder tinkerer ähnlich macht:

"... ein tinkerer ... weiss nicht, was er produzieren wird, aber er verwendet alles, was er um sich herum findet ..., um irgendein praktikables Objekt herzustellen ...[Im Gegensatz zum Ingenieur] bringt es der tinkerer immer fertig, mit dem, was ihm gerade in die Hände kommt, auszukommen. Was er letztlich daraus macht, ist im allgemeinen nicht mit einem speziellen Projekt verbunden; es resultiert aus einer Reihe kontingenter Ereignisse, aus allen Gelegenheiten, die sich für ihn ergeben - oft verwendet der tinkerer, ohne ein wohldefinieres Langzeitprojekt im Auge zu haben, das Material in ungebräuchlicher Weise, um daraus ein neues Objekt zu produzieren ... [Diese  Gegenstände] repräsentieren nicht das perfekte Produkt eines planvollen engineering, sondern mehr ein "Flickwerk" von Resten, die zusammengefügt wurden, je nachdem, wie sich die Gelegenheit ergab .."

Tinkerer sind Opportunisten / wissen was machbar ist / "Dabei sind sie ständig damit beschäftigt, funktionierende Resultate zu produzieren für Ziele, auf die sie sich im Augenblich eingelassen haben."

"Diese Beschreibung des tinkering-Prozesses stammt von Jacob (/Evolution and Tinkering, in Science 196:1161-1166; 1977/ the auth.), der das Bild des tinkerers dazu verwendet, um die biologische Evolution als nicht -optimalen, redundanten, spielerischen Zufallsprozess zu kennzeichnen - im Gegensatz zu einem gut geplanten systematischen Prozess, in dem alles einen Zweck hat und nichts verschwendet wird."

 

ANTITHESE:

Die Abneigung gegen das Basteln besteht vermutlich zu unrecht, da sich sogar (s.o.) die Natur diesen Verfahrens bedient. Sie liegt begründet in:

1 Der Priorität der Ökonomie, die zudem nach Schnelligkeit im Vollzug verlangt.

2 Dem Glauben an Machbarkeit, der Überzeugung, dass sich Entwicklung planen lässt, dass geplante Ordnung der evolvierenden Ordnung überlegen ist.

Das Risiko das etwas seinen Zweck nicht erfüllt, das etwas "verschwendet" wird, wird beim Basteln bewusst in Kauf genommen. Und das widerspricht dem Planungs- und Verwaltungsdenken natürlich gewaltig. Andererseits ist gerade der dominante Aspekt des Bastelns, dass mit dem Vorhandenen gearbeitet wird. Vergleichbar dem Problem des Jebel Bura': Wie kann mit den vorhandenen Leuten, den bestehenden Strukturen, dem lokalen Wissen ein Schutz und Bewirtschaftungskonzept aufgebaut werden.

Im Gegensatz dazu steht das Konzept des "Institution Building & Extension", wo neue Strukturen und neues Wissen eingeführt werden. Das lässt sich sicher schön planen - ohne verschwenderischen Einsatz von Mitteln - aber mit dem Risiko, dass dann das ganze, so schön geplante Werk, nicht in die geistige Landschaft (des Jemen z.B.) passt. Dies ist das Anliegen, das ich in "Denkräume sind Wirkungsräume" zu formulieren versucht habe.

Im Gegensatz zur Erschaffung von "Extension Centers" und Baumschulen, wo die "Situation" ausgesucht und gestaltet werden kann, sind die Wälder (wie Bura') eben dort wo sie sind und die Leute und Strukturen sind auch schon da. Bevor man daran gehen kann, diese zu gestalten, zu formen oder wachsen zu lassen), gilt es diese zu verstehen. Dies bedingt ein zyklisch, partizipatives, qualitatives und reflexives Vorgehen, ein Vorgehen das die Suche nach Wissen mit der Ausführung, der Handlung verbindet.

Wohl jederman würde sich mit diesen Prinzipien einverstanden erklären - und doch steht ihnen einiges entgegen, so vor allem die Schwierigkeit, Lokalität und Zeitgebundenheit von Wahrheit zu akzeptieren. Ein partizipatives und zyklisches Vorgehen verlangt von den am Planungsverfahren Beteiligten, dass sie die (kontinuierliche oder periodische) Kritik und Abänderung ihres Planes nicht als "persönliche Beleidigung" auffassen und dass sie Denken, das nicht rational ist (wie das religiöse z.B.) oder das auf eine andere Art rational ist, akzeptieren und in die Planung integrieren können. Es geht dabei nicht nur darum, dass kein Mensch (und somit kein Planer) unfehlbar ist, sondern mehr noch, dass Handlung (und damit Planung) situationsgebunden und mit der Situation veränderlich sind.

Planung versteht sich als objektiv, sachlich, technisch. Dabei vergisst man leicht, dass sie von der Gesellschaft akzeptiert werden soll. Dass sie wertlos ist, falls sie - aufgrund fehlender AKZEPTANZ - nicht vollzogen werden kann. Neben den technischen und ökonomischen, werden also auch soziale und kulturelle Faktoren mitspielen. Erfassen und Planen lassen sich aber eigentlich nur die technischen, und eventuell die ökonomischen Faktoren. Nach Knorr (S. 257) sind sogar die Resultate der Wissenschaft nicht einfach objektiv wahr, sondern ein Erzeugnis gesellschaftlichen Interesses:

"Sowohl Heidegger als auch Habermas versuchen aufzuzeigen, was sie als fundamentalen Fehler in verschiedenen Wissenschaftsauffassungen betrachten - den Glauben nämlich, dass das wahre Wissen von der Welt durch losgelöste, desinteressierte, objektive Reflexion zustande kommt. Demgegenüber gehen sowohl Heidegger als auch Habermas davon aus, dass Faktizität Interesse voraussetzt: Wissenschaftliche Tatsachen sind nicht objektive Merkmale der Welt, die wir nur zu entdecken brauchen, sondern das Produkt historisch und kulturell spezifischer menschlicher Interessen und Leistungen."

 

SYNTHESE:

             Bestimmungsfaktoren der Machbarkeit:

 - Technik

- Oekonomie

 - Gesellschaft     sinnorientiertes Verstehen

     > sozioökonomisch

- Kultur

     > soziokulturell

Da die Welt eins ist, zumindest noch die tribale, sind alle Faktoren gleichzeitig wirksam.  Berücksichtigt werden aber vor allem die ersten zwei, die sich planen lassen, allenfalls noch der dritte. Für die Integration eines Projektes das nicht als künstlicher Aufsatz auf Gesellschaft und Kultur aufgepropft werden soll, sind aber alle vier in ihren Interaktionen von Bedeutung. Eine komplexe Angelegenheit, eine Angelegenheit die nicht quantifiziert, berechnet und geplant werden kann. Eine Angelegenheit die von der Gesellschaft interpretiert, diskutiert, akzeptiert und ausgeführt werden muss.

Während Wissenschaft und Planung ihren Bereich, ihr Objekt, von den Umwelteinflüssen isolieren, sieht sich das praktische Projekt all diesen wieder ausgesetzt. Die Integration eines Projektes in Gesellschaft und Kultur hat also immer etwas ungeplantes, spielerisches, bastlerisches, da das Projekt nur Vorschlag sein kann und nicht Diktat sein darf. Die ganzheitliche Re-Integration hat durch Dialog und Partizipation zu erfolgen und das gibt den Partizipanten die Möglichkeit und das Recht, die ganze Planung zu verwerfen oder anzupassen. Basteln ist also weniger ein Synonym für "wursteln", sondern steht für Skizzieren, Entwerfen, modellieren. Basteln kreiert nicht ein definitives Werk, "den grossen Wurf" (s. "Denkräume ..."), sondern macht einen Vorschlag, baut ein Modell, gibt eine An-Leitung - aber keine An-Ordnung. Der Bastler, wie die partizipative und zyklische Planung, respektieren die menschliche Freiheit, denn kein Mensch kann und soll zu Handlung gezwungen werden, besonders nicht zu kulturfremder.

Für die Planung handlungsorientierter Projekt bieten sich verschiedene Schwerpunkte und Zyklen an:

A: Projekt-   B: Situations-     C: Motivations-orientiert

1 Planen         -- 1 observation -   1 awareness

2 Handeln     \    2 orientation -   2 interest

3 Beobachten  \   3 decision    _   3 desire

4 Ueberlegen       4 action           4 action

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5 Planen                .                  .

 

A) Der Plan dient offenbar als Orientierung und Anleitung.

Schritt 3 und 4 sind rational, planerisch; formell. Es ist ein objektives, rationales Planungsmodell welches von der Machbarkeit der Planung ausgeht, wie z.B. die Projektplanung der FAO. Die Planung fokussiert sich auf die Elemente die zum Aufbau des Projektes notwendig sind und die rational bestimmt und angeordnet werden können. Für die zyklische Projektplanung folgt einer Periode des Handelns eine Evaluation (Beobachten, Überlegen) welche zu Neuformulierung führen kann. Der Einbezug der Projektevaluation in das Projekt kann dann problematisch sein, wenn das Projekt die Kategorien (quantitativer Art) selbst bestimmt und Umwelteinflüsse wie die "Akzeptanz der Gesellschaft"  nur als "externe Störfaktoren" aufgefasst werden.

B) Dieses Modell beginnt, richtigerweise wie mir scheint, mit einer Beobachtung des Zustands, mit dem Problem. Es betont die Notwendigkeit einer Orientierung für die Interpretation der Beobachtung. Es ist nicht per se besser als A), denn die Orientierung kann aufgrund der gleichen (importierten und quantitativen) Kriterien erfolgen wie bei A), aber es beinhaltet die Chance zu einer wirklich partizipativen, dialogischen Projektplanung bei der durch den Bezug auf das lokale Orientierungswissen das Projekt in einer Form gestaltet wird, die wirkliche Integration in die gegebene Situation  erlaubt. Die Evaluation ist eine qualitative, wo es darum geht, zu verstehen was vorgeht, wie die geplanten Aktionen und Strukturen von der Bevölkerung aufgenommen werden, wie sie in das kulturelle Umfeld passen und wie sie funktionieren können.

Dieses Vorgehen hat schon etwas 'bricolagehaftes' und es ist das Vorgehen, das ich für meine Arbeit im Jemen gewählt habe: Die Suche nach Möglichkeiten die Entwicklung der Waldnutzung zu steuern, die Suche nach dem jemenitischen Orientierungswissen. Der Plan ist hier nur ein Werkzeug, keine Handlungsanordnung, da sich das Projekt "Forestry Development" immer noch (!) in einer Vor-Plan-Phase befindet, noch kein gegenseitiges Verständnis für ein machbares Konzept der Forstverwaltung und des Forstschutzes gefunden ist. 35 Jahre nutzloser Projekte zeigen, dass entweder a) die Jemeniten unfähig sind, Projekte selbständig weiterzuführen, oder b) dass die vorgeschlagenen Projekt weder beim Staat noch bei Privaten Resourcen und Motivation mobilisieren konnten. 

C) Das eigentlich planlose, und doch das effizienteste Vorgehen ist C), das intuitive, individualistische, das sich aus der Gesellschaft selbst entwickelt. Wo das (Problem-)Bewusstsein und das Interesse an einer Lösung vorhanden sind, ist die Lösung nicht weit. Am idealsten ist diese Konstellation gegeben bei "grassroots" und NGO-Projekten.

  

Die Funktionalität des Projektes in der Situation

1 Beobachtung / Bewusstsein: Ausgangslage - Das Problem

2 Orientierung / Interesse:  Bestimmungsstücke - Die Situation

3 Wunsch / Motiv / Intention / Entschluss , Entscheidung

                                           Das Projekt

4 Das Resultat des Projektes - Die Handlung

5 Das Resultat der Handlung: Die Lösung des Problems!!!

 

Neuer Zyklus:

 

Evaluation:      4 Projektbegleitende Beobachtung der Handlung.

                      5 Orientierung / Beurteilung:

                                  Ist das Problem gelöst?

Planung

 

Politiker, Ingenieure, Missionare und Entwicklungshelfer sind ja eigentlich "Weltbildbastler": Sie bringen neue Produkte, neue Verfahren und, last not least, neues Denken in bestehende Strukturen ein. Ihr Ein-Bringsel, das Projekt, wird von der lokalen Gesellschaft geprüft. Der Prüfstein ist in erster Linie der sogenannte gesunde Menschenverstand, der ganzheitlich - und nicht wissenschaftlich - ist. So banal und oberflächlich diese Urteile oft tönen mögen, so fluide die Argumente sind, sie beinhalten die Erfahrung von Generationen und sie können die schönsten Planungswerke im Handumdrehen entwerten - falls diese nicht an die Situation angepasst sind.

Also hängt das Funktionieren des Projektes nicht in erster Linie von Strukturierung und Planung ab, sondern davon, wie es in das Weltbild der Nutzniesser passt. Entwicklungshelfer können so nicht (wie bei den Missionaren der Fall) ihr Weltbild (=Projekt) predigen und durch Bewusstseinsbildung verbreiten, sie müssen in erster Linie mal Weltbild-Forscher sein bevor sie gestalten wollen!

Da jegliches Gestalten, auch das technische, etwas Missionarisches enthält, kann effektiv nur ein partizipatives Vorgehen den Vorwurf des Neo-Kolonialismus entkräften. Erst als Dialog - nicht als Monolog - als Verhandeln, als Informationsaustausch -und nicht als Belehrung - wird Beratung (Extension) der Aussage gerecht:

"Kommunikatives Handeln ist hermeneutisch; es etabliert Schemata der Weltauffassung, ..."

                                           (Knorr, S. 253:).

Das wäre ja alles noch recht und gut, wenn es den Dialog, das Gespräch gäbe. Leider gibt es diese ebensowenig wie die Wahrheit. Interesse und Verständnis sind bei verschiedenen Gruppen unterschiedlich - auch wenn die gleiche Sprache gesprochen wird.

So sind etwa die Interpetationsebenen des Projektes:

0 Donor: Zielvorgabe / Projekt-Kategorie

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A  Planer (Headquarter):     Projekt-Strategie

B  Politiker und Planer an lokaler Regierung         "

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C  Projektleiter (ausl. Experten):              Projekt-Taktik

D    "         (lokale Administratoren und Techniker) "

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E  Zielpersonen (lokale, meist rurale, Bevölkerung)

                                     Projekt-Ausführung [1])

 

Die Erwartungen, Interpretation und Wertung eines Projektes sind schichtspezifisch:

0: Sinnvoller Einsatz von Geldern zur Verbesserung der Situation unterprivilegierter Länder und Gesellschaftsschichten (der Armen).

A: Genügend Projekte, damit die  bestehenden Strukturen erhalten oder ausgebaut werden können.

B: Projekt die das Staatsbudget um die Kosten für infrastrukturelle und andere Leistungen entlasten und bei den Wählern Wohlwollen schaffen (oder zumindest Aufstände verhindern).

C: Ein Projekt das wenig administrativen Aufwand verursacht, kein "Schleudersitz", gut bezahlt und der Kariere förderlich ist.

D: Zusätzliche Stellen, somit besseres Einkommen und soziale Stellung, Auto, Ausbildungsfinanzierung, Kariere (speziell der Einstieg bei Internationalen Organisationen).

E: Bessere Versorgung mit Nahrungmitteln, Wasser, Strassen, Spitälern und Schulen.

Ueber diese unterschiedlichen Erwartungen wird während den "tripartiten Evaluationen" gestritten und gefeilscht! Und was ist ihr Ziel? Ist es nicht das Ziel dieses Dialoges zwischen Politikern, Planern, Administratoren und Praktikern, einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Vorstellungen zu finden, zu "basteln"? Ist nicht diese Art des bastelns von Kompromissen die Grundlage der gesellschaftlichen Organisation und damit auch der Politik?

Die Grundlage des Kompromissfähigkeit wiederum ist das Verständnis und die Toleranz für Werte und Interpretationen die von den eigenen abweichen.

Beim Problem des hermeneutischen Verstehens handelt es sich nicht um ein lexikalisches Problem, sondern um ein Problem der Semantik und der Interpretation:

p 250:"In seine Auseinandersetzung mit Dilthey zeigt Gadamer (1965), dass Verstehen nicht eine Frage des Eindringens in vorgegebene Bedeutungsverhalte anhand individueller Einfühlung darstellt, sondern als Übersetzungsprozess zwischen verschiedenen kulturell-historischen und sprachlichen Traditionen gesehen werden muss. Mit der These von der "Universalität der Hermeneutik" bezieht sich Gadamer darauf, dass Forschung sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Sozialwissenschaften an Traditionen gebundene theoretische Voraussetzungen hat. Diese These kann auch mit den folgenden Argumenten umschrieben werden, die den Verstehens-Begriff explizieren:

1. Das erste Argument leugnet die Existenz uninterpretierbarer Fakten. Auch die Wissenschaft kann nur auf Daten zurückgreifen, die rivalisierenden Interpretationen unterliegen.

2. Das zweite Argument bezieht sich auf die Zirkularität von Interpretation und Verstehen. Jede Interpretation eines Ereignisses oder eines Textes beruht letztlich auf weiteren Interpretationen; wir haben es somit mit einem unendlichen Regress von Bedeutung zu tun.

3. Das dritte Argument läst sich am besten mit Wittgensteins Begriff des Sprachspiels umschreiben. Es betrachtet Interpretation als eine Bedingung der Möglichkeit von Daten überhaupt und betont die Verwobenheit und Interdependenz verschiedener Interpretationsebenen."

Verstehen von anderen Kulturen heisst Verstehen von Sinn und Verstehen von Motiven. Während wir unsere Entwicklungsmodelle voll guten Willens in die fremde Gesellschaft einzubringen suchen und diese oft auch angenommen werden, so weichen doch die dafür entscheidenden Motive für die Annahme oft enorm ab von dem was wir erwarten würden. Projekte die neue Techniken (materieller oder administrativer Art) einbringen, können auf Ebene A bis D auf Interesse stossen weil Modernisierung und Fortschritt Idole sind die Problemlösung versprechen. (Beispiele dafür sind die jemenitischen Projekt-Richtlinien die nach den "modernsten Techniken" verlangen.) Da diese Modelle aber nicht an die lokale finanzielle und kulturelle Kapazität angepasst sind, sind sie per se nutzlos. Das "basteln" eines Kompromisses bringt also nicht viel, wenn die Elemente des Kompromisses von den Beteiligten unterschiedlich gesehen werden, etwas anderes bedeuten. Die Einigung über Art und Form eines Projektes ist erst ein Teil, und nicht der wichtigste. Der wichtigere wäre die Einigung über den jeweiligen Sinn des Projektes für jedes Stratum der Beteiligten und dies erfordert Ehrlichkeit und Offenheit bei allen Beteiligten. Diese Anforderungen dürften für den Erfolg des Projektes bedeutender sein als die verwendete Planungsmethodik.  Als drittes lassen sich solche von aussen an die Gesellschaft (des Jemen z.B.) herangebrachten Projekte, was die Holismushypothese von Duhem-Quine für wissenschaftliche Theorien besagt, nicht aus sich selbst evaluieren (falsifizieren). Alle Schlüsse (Wahrheiten) hängen vom Gesamtsystem unserer Annahmen und Erwartungen ab. Es gibt keine präzisen Kriterien für die Falsifikation. Es gibt kein von der Theorie, (vom Plan) unabhängiges Entscheidungskriterium für Geltung oder Ablehnung von Beobachtungssätzen. Die Falsifikation eines Paradigmas muss von Aussen erfolgen (- wie die Aenderung einer Gesellschaft von "Aussenseitern" eingeleitet wird. Nachzulesen bei Jaspers: Von der Wahrheit.)

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 Diese Kritik am Planungs- und Gesetzes-Glauben ist kein Votum für planloses wursteln, sondern für ein Basteln das ein funktionierendes Objekt (Resultat, Projekt) erzielen will. Diese Kritik verneint nicht die Bedeutung technischer Kenntnisse und ökonomischer Effizienz, betont aber die Notwendigkeit, dieses techo-öko-soziale Planungswerk an die kulturelle Umgebung anzupassen, da aus dieser - und nicht aus dem Projekt selbst (die sog. Projektevaluation)! - die Kriterien kommen, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Aspekte des "Bastelns/Entwerfens" weist das Vorgehen deshalb auf, weil Komplexität kein schemenhaftes Vorgehen erlaubt, weil partizipative Planung Dialog ist, und weil argumentativer Dialog kein festes Werk erbaut, sondern recht "luftige Denk-Räume" bastelt. Es ist diese geringe Verbindlichkeit die das jemenitische (und afrikanische) Modell, welches das Palaver an Stelle des Gesetzes stellt, für uns schwer verständlich wenn nicht gar inakzeptabel macht.

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 Literatur:

K. Knorr-Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft. Suhrkamp Wissenschaft 959. Frankfurt a.M. 1991.

K. Jaspers: Von der Wahrheit.

 Das war noch nicht: Brainworker's WEBDESIGN für Wissensanbieter, sondern das inzwischen aufgelöste www.topcities.com/development/