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Webphilosophie II:

Konstruktivismus als Grundlage eines evolutiven Systemwechsels durch Rekonstruktion von Teilsystemen  (= Mikrorevolution)

Konstruktivistisches Denken ist ein Zweig des rationalen Denkens, und definitiv nicht der brüchigste (dümmste). Rational entscheiden heisst ja, banal ausgedrückt nichts anderes, als auf Grund von Gründen entscheiden. Das macht den Ausdruck etwas problematisch, denn nicht alle Gründe sind selbst rational, im Sinne von vernünftig, wünschenswert, erstrebenswert, gut. Wollen wir also Entscheide und ihr Resultat, die Konstrukte, beurteilen, müssen wir die Gründe erst sehen, dann ansehen, analysieren und bewerten.

Konstruktivistisches Denken lässt die Idee der einen und der einzigen Wahrheit und der vorgefundenen Wirklichkeit hinter sich und verfolgt statt dessen den Gedanken einer kognitiven und sozialen Erzeugung von Wirklichkeit(en):

Wirklichkeit ist immer Wirklichkeit unter einer Beschreibung.

Alle Aussagen und Handlungen müssen tatsächlich relativ auf ihr jeweiliges Bezugssystem verstanden und beurteilt werden.

 Der Konstruktivismus nimmt also die Tatsache ernst, dass die "Kreation" von Wissen, das Schaffen von Wissen (eben: Wissen-schaft) nicht bloss poietisches (manchmal sogar künstlerisch-, geistes-), handwerklich herstellendes Handeln ist, sondern vor allem auch Handeln als Verfolgen von Zwecken.

Konstruktivismus bindet also die Praxis ins Wissen mit ein, was es erlauben sollte, nun endlich ein System des Wissens zu schaffen:

  1. das die Unterscheidung zw. wissenschaftlichem und anderem Wissen erlaubt,

  2.  das es erlaubt, objektives von strategischem Wissen zu trennen und

  3. Sachwissen von dem bei Entwicklungsprojekten eigentlich immer notwendigen Wertewissen.

Vorstufen zu diesem Ziel der ganzheitlichen Konstruktion (hier) waren:

  1. Die Notwendigkeit, den Kontext zu berücksichtigen

  2. Der Wertekompass: Die Orientierung an multiplen, zum Teil widersprüchlichen Werten und Zielen

  3. Die Notwendigkeit der Ein-Passung einzelner Bestandteile in ein Ganzes, das dadurch, dass wir in oder auf einer Welt leben,. eigentlich immer gegeben ist: Web-Philosophie

Gründe für das Handeln - wozu auch die Freiheit gehört, eine Handlung zu unterlassen! -  lassen sich aufteilen in rationale Gründe, sachliche, Argumente/Wissen/Fakten/Absichten - aber auch finale Gründe, also Zielsetzungen, Zwecke, Erwartungen, Motive, die den Menschen meist weitaus stärker beeinflussen als Kausalitäten, die ja leicht zum Sachzwang werden.

Eine vollständige Beschreibung von Begründungswissen, das oft identisch ist mit Orientierungswissen, sollte folgende Elemente enthalten:

  1. Zustandsbeschreibung

  2. Strukturen

  3. Funktionen

  4. Werte

  5. persönliche (Werte, Ziele, Absichten des ICH) und strategische (Absichten des WIR)

Kritische Fragen nach Struktur, Funktion, Zweck ...:

  1. Wer hat diese Wahrheit konstruiert?

  2. Warum/wozu wurde diese Wahrheit konstruiert?

  3. Wem dient diese Wahrheit?

Test, Prüfung: Wer sagt, was, warum, in welcher Funktion/Rolle? Diese Frage ist insbesondere kritisch bei Netzwerken, da diese mehr Aus- als Einschliessen

Resultate:

  1. Unter welcher/n Perspektive/n, bei welchem Referenzsystem (Soziozentrismus, Eurozentrismus, Nationalismus, Chauvinismus, Gruppenegoismus),  trifft die Beschreibung zu oder ist zumindest plausibel?

  2. Was ist Form, was Kontext und was bleibt ausgeschlossen. (s. Spencer-Brown: Grenzen des Wissens und Nichtwissens und ihre Überschreitung)

  3. Wo bestehen Widersprüche?

  4. Wo bestehen welche Anschlussmöglichkeiten?

Diese Fragen sind insbesondere bei Netzwerken äusserst wichtig, da Netzwerke nicht nur Verbinden und Chancen schaffen, sondern auch ausschliessen ... und ja per definitionem mehr aus Löchern bestehen als aus Netz.

Das Netzwerke ist also, wie der Emmentaler mit seinen Löchern, ein Konstrukt das sich mehr durch Löcher als durch Substanz auszeichnet. Netzwerk wie Emmentaler sind aber ideale Symbole für das fraktionierte Inselwissen unserer Zeit. Das Wissen meist stark von Nichtwissen (Ignoranz) geformt wird, und das letzteres immer grösser war als das Wissen, wissen wir seit Sokrates - und müssen damit leben. Problematisch wird dies erst, wenn sich nun jede Käseinsel als Weltkäsereich aufspielt. Dieses Problem lässt sich allerdings  patent durch die "Passung" lösen. So gesehen ist Webphilosophie I eine eben so banale Kritik des Konstruktivismus wie die Generalisierung der postmodernen Beliebigkeit. In beiden Fällen gingen die wichtigsten Elemente der Konstruktion verloren oder vergessen, oder sie wurden entweder "durch Ignoranz ignoriert" - oder auf Grund der dominant negativen Effekte einer dominant fraktalen Nutzung des Konzepts, das genau wie der Reduktionismus die Passung an die Nachbarsysteme und ins Gesamtsystem immer noch vernachlässigt. Dies nicht nur in der Wirtschaft:

Aus diesen Gründen bleibt wissenschaftliches Wissen Inselwissen, genau so wie persönliche Meinungen und Argumente.

Ein erster Schritt für die Bildungs- und Forschungspolitik ist, den Absolventen, ja bereits fortgeschrittenen Studenten, Informationen über ihren "Gegenpol" oder "Kontrapunkt" (das Wissensgebiet das sich am andern Ende der Ignoranzblase befindet, anzubieten. (Existiert teilweise). Es sollte sich hier um fortgeschrittene Studien handeln, keine Anfängerkurse mit Details von A bis Z, sondern ergänzendes Wissen von der andern Seite des Disziplinengrabens. [s. Troglologie]

 

Einbindung des Inselwissens

ANSCHLUSS:

Hier ein kurzes Beispiel dafür, wie ein systemisch orientierter Intellektueller denken könnte, anhand eines banalen Satzes mit 5 Worten: <Das Haus ist gross>, und welche Anschlussmöglichkeiten sich daraus ergeben.

Haus: Behausung, Hülle, Schutz, geschlossener Raum <> Ausschluss: Nichthaus = offener Raum. Fazit = Perspektive innen: Je mehr Haus desto Kultur. Perspektive aussen, Folge. Je mehr Haus, desto weniger offener Raum. Auf der Basis dieser Erkenntnis konstruieren die Grünen Parteien ihre Systeme.

Wohnhaus (Perspektive Ruhe, Schutz) <> Haus der Funktionen: Produktion, Verwaltung, der Dinge (Garage, Lager). Privathaus - Miethaus/Wohnung : Perspektive optimale Funktionalität: Transporte, Zugang, Luft, Wasser, Lärm .... Folge: Zuordnung unterschiedlicher Haustypen zu unterschiedlichen Nutzungszonen.

gross: Relation, offenbar gibt es grosse, und das Gegenteil, kleine Häuser. Grosse Häuser sind teuer, haben viel Platz, brauchen viel Heizung und weitern Unterhalt, sind ein Statussymbol. Kleine Häuser sind günstiger - ermöglichen aber mehr Leuten sie zu bauen, zu kaufen ... und die offene Landschaft zuzukleistern. Kleine Hàuser reichen eigentlich für kleine Familien. Da heute die meisten Familien aus 1 Person bestehen ... 

Perspektive Mieter/Eigentümer: Viel Kosten, viel Ehr / viel Einkommen, viel Freud'

etc. etc. Und das aus 5 Worten. Stellen Sie sich mal vor, wie viele Anschlussmöglichkeiten ein Buch bietet ... schon auf rein sprachlicher Basis.

PASSUNG:

Texte und Gespräche entstehen immer Konstruktiv! Der Konstruktionsprozess:

  1. Selektion  - der richtigen, wichtigen Elemente ist ein erstes Mittel der Konstruktion: Aktualität, Gegenmittel: Spencer-Browns Formanalyse

  2. Formgebung, der Plot, das Drehbuch - das wichtigste gestalterische Mittel, das nicht bloss Spannung erzeugen, sondern auch so Glieder soll, dass das Verstehen sich nach und nach aufbauen kann und am Schluss bestätigt oder geprüft wird. banale Kausalität des zeitlichen Ablaufs auf der einen, des Plots auf der andern Seite.

  3. Empfehlung/Fazit/Schluss > LERNE! ... denn jeder Erfahrungsbericht anderer aus dem wir unsere Schlüsse ziehen, erspart uns unter Umständen eigenen harte Erfahrungen. Nur Fakten, keine Interpretationen.

Die Konstruktions-Teile wie Teil-Konstruktionen müssen also:

Die "Passung" ist der entscheidende Faktor.
Sie bestimmt, ob es sich um Wahrheit handelt.
Rahmen und Perspektiven bestimmen, wie weit die Wahrheit gilt.

Vernetztes Denken ist so das beste Mittel gegen die Gewalt der Banalität.

 

Widersprüche, Fehlleistungen, Paradoxien warnen vor Pass- und Konstruktionsfehlern [s. Das Paradoxon der Flexibilität].

Die Verweigerung, solche Störmeldungen als eben solche anzuerkennen, verhindert, dass aus Fehlern gelernt werden kann:

Ein vollständiger Lernzyklus umfasst die Phasen der Konzeption, Umsetzung, Beobachtung, Generalisierung der Beobachtung sowie des Entwurfs neuer Konzepte, wobei Theorie eher auf Planung, systematische Beobachtung und Generalisierung, Praxis mehr auf Umsetzung und Entwürfe spezialisiert ist. Aktuell scheint das Gewicht in den Sozialwissenschaften in Richtung Pragmatik gering. Neugier ohne Verwertungsabsicht ist kaum noch hoffähig, Konzepte ohne Umsetzungsdesign werden als graue Theorie diskriminiert, Reflexion bzw. Nachdenklichkeit als Resistenz gegenüber dem Neuen diskreditiert. .... Mit dem Schlachtruf, dass es vorangehen müsse, um im Wettlauf die Nase vorne zu behalten (oder zu gewinnen), wird jedenfalls agiert und kopiert. ... [S. 42-43] In diesem Brutalpragmatismus wird aus Fehlern nichts gelernt. Die durch Reflexion ermöglichte Aufklärung wäre durchaus praxisrelevant, begründet allerdings nur begrenzt Geschäftsmöglichkeiten. Nach Rorty ersetzt sie das Prinzip Hoffnung durch Wissen, ein Wissen allerdings, an dem oft nur geringer Bedarf besteht, weil es individuelle Motivationen, kollektive Interessendurchsetzung und bewährte begrenzt rationale Ueberlebensstrategien bedroht. [

[Ursula Schneider: Das Management der Ignoranz. Nichtwissen als Erfolgsfaktor. Deutscher Universitäts-Verlag Wiesbaden 2005. S 44]

Wissen und die Gruppe oder gar Gesellschaft

Auf der persönlichen Ebene besonders problematisch zeigt sich also der Umgang mit Normen, insbesondere ethischen Normen, also der Moral.

Als Einziger verlangt das Ich danach, alleine bestimmen zu können, alleine über die richtige Sichtweise/Perspektive zu verfügen.

  1. Ebene der Anarchie: Das freie Individuum ohne Herrschaft über sich:

Die "Würde" (Machttreppe, Persönlichkeit, Identität) verlangt, dass DAS ICH recht hat und sich von niemand was sagen lässt. Die Erkenntnis gegenseitiger Abhängigkeit und Interessenausgleich sind eine 1. Stufe

  1. Das Individuum unter patriarchalischer Führung:

    Das einfache, patriarchalische (oder matriarchale, da sind die Unterschiede geringfügig) Modell: Das *gute Kind" passt sich an, der Chef, die Chefin verlangt Anpassung, ja Gehorsam. (s. Autorität)

  1. Ebene der partizipativen, demokratischen Konstruktion:

 Erst die Fähigkeit, die Perspektive des Andern, oder gar mehrerer Anderer, also des Dritten, Vierten, nicht bloss zu sehen, sondern seinen Standpunkt auch einnehmen, also verstehen zu können, ermöglicht die Gestaltung von Normen auf nichthierarchischer, also demokratischer Ebene. Dafür ist aber ein beträchtliches Mass an Abstraktion (also Theoriefähigkeit) nötig, die wiederum von Intelligenz und Bildung abhängt. Bereits diese Stufe ist also tendenziell nur schwer konsens- oder mehrheitsfähig. Dass die Entscheide immer näher um 50% +- ein paar Prozente fallen, zeigt, dass die Gründe entweder nicht verstanden, oder so in Details zerlegt wurden, dass am Ende ein praktisch zufälliges Ziehen von Ja oder Nein resultiert. (s. Demokratie)

  1. Ebene der Metakritik:

    Perspektiven für Systemwechsel erkennen verlangt übergeordnete Einsicht, einen Blick nicht aus dem Inneren eines Systems, sondern, von einer Metaebene über die Systeme hinweg. Sie sehen's bereits an der Sprache, dass die Sache hier haarig, d.h. elitär wird. Auf allen tiefer liegenden Stufen wurde nun den Leuten mit Müh und Not und meist Zwang erklärt, warum gewisse Normen zu gelten haben, und nun kommen da so Spinner (s. Intellektuelle) und wollen alles durcheinander würfeln. Das geht doch nicht! Das erklärt, warum der Konservativismus bei geistig schwächeren eher vertreten ist als eine progressive (linke) Einstellung (s. gesellschaftspolitische Lager). Das zeigt auch, warum Populismus meist eher rechts genutzt wird, denn, um den Menschen zu erklären, dass alles so sein muss wie es eben ist, braucht es weitaus weniger Anstrengung und Verstand als dafür, neue Konstrukte zu entwerfen und ins Bestehende einzupassen.

Die Schweizer SP steht hier vor einem fast unlösbaren Problem, dass die Grünen auch nicht gelöst haben, in dem sie sich einfach in zwei Parteien aufgespaltet haben. Wollen wir den Leuten das erzählen, was sie hören wollen, also auch noch in die (rechte) Mitte rücken, wo inzwischen der Stammtisch weiss, dass Wettbewerb unentbehrlich sondern die Lösung aller Probleme ist: Immer weiter so, irgend wann klappt's schon. Durchhaltewillen wird belohnt (wenn nicht mit Geld, so zumindest irgendwann mit dem Tod ...), dass die Reichen eben viel verdienen müssen, damit sie investieren können (um noch reicher zu werden - ohne Rücksicht auf Arbeitsplätze, Umwelt und Gesellschaft), dass staatliche Vorschriften die Wirtschaft behindern, dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können, dass Bildung ... na ja, und weiter so.

Dabei liegt die Sache heute viel einfacher als noch vor 30 Jahren. Vor allem dank der Anerkennung pluralistischer Lebensstile - und einer dies erst möglich machenden konstruktivistischen Denkweise, können wir heute auf den Vorschlag von Popper [in: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde] eingehen, und die Gesellschaft partiell ändern, versuchsweise, als Test.

Weder brauchen wir die Revolution, die DAS System ändert *, noch wollen wir sie, noch sind wir in der Lage, glaubhafte totale (oft totalitäre ...) Alternativen anzubieten. Nur wer Alternative/n hat, hat Freiheit/en Diese Freiheit des Denkens wird aber erst von den Wirtschaftsparteien genutzt, deren eine Revolution nach der andern durchführen, ohne dafür kritisiert, ja geschweige denn eingesperrt werden zu können. Strukturwandel heisst die Revolution, Entlassungen sind ihr Terror. Totalitäre Herrschaft der Produktionsgesinnung ihr Programm. ... und eine Partei nach der andern lässt sich in den Bann dieser verdammten Ideologie ziehen und rutscht in die Mitte (von Rechts).

* Die Revolution, die DAS System ändert, müsste darin bestehen, eine Abkehr von der dominanten Geldorientierung zu bewirken, in der alles mit Geld bewertet wird, und folglich alle nach Geld streben. Da uns dieses Verhaltensmuster aber längst alle bis auf die Knochen durchtränkt hat, wird ein ziemlich langfristiges Programm des Umlernens notwendig sein. Keine Revolution verwandelt Geldgier in Solidarität.

Möglich, legal und sogar machbar - und eigentlich dringend nötig, ist aber die Kritik der Fehlfunktionen, der Auswüchse und Störungen, die auf massive Fehlkonstruktionen deuten, denn solche können, wie das Bildchen ganz oben rechts zeigt, oft auf bloss verfälschte Perspektiven zurückgeführt werden.

Orientierungswissen gestern und heute:

Das Individuum, dass seinen Platz in der Gesellschaft sucht, in der es, über die Politik, eine gemeinsame Zukunft gestalten will, braucht Orientierung in dieser komplexen und verwirrenden, oft auch zynischen, Welt.

Je komplexer ein System,
desto höher sein Bedarf an Koordination
und Integration. 

Was uns der Markt an Orientierung bietet, können Sie ersehen aus der Antwort des HSG-Lehrbeauftragten Urs Frey auf die Frage von Pirmin Schilliger [Wir sind reif für globale Konzepte. Handelszeitung Nr 17. 25. April-1. Mai 2007]:

Schilliger: Es gibt auch Kritiker des Franchising, die von weltweiter Verödung des Angebots sprechen. Was halten Sie denen entgegen?

Frey: In unserer globalisierten und dynamisierten Welt wächst das Bedürfnis des Einzelnen nach Konstanz und Sicherheit. Dem kommen weltweite Konzepte entgegen. Sie vermitteln nomadisierenden Weltbürgern ein heimatähnliches Gefühl und Verlässlichkeit.

Ja mei ... Job unsicher, Ausbildung nicht mehr brauchbar, Heimat verbaut - aber wir fühlen uns sicher und zu Hause, weil wir überall das Selbe konsumieren und die Architektur überall die selbe ist. Schöne neue Welt .....

Da die Störungen durch das bestehende System entstehen, können sie nicht durch noch mehr vom Selben korrigiert werden, oder wie Einstein präzise sagte:

Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen,
die zu seiner Entstehung beigetragen haben.

 

Microrevolution als konstruktiver Teil-Systemwechsel:

Daraus ergeben sie die wichtigsten Schritte bei der Gestaltung gesellschaftlicher Entwicklung, betrachtet als evolutiver Systemwechsel:

a) die Kritik der Störungen, die von einzelnen Konstrukten verursacht werden - alternativ (es war ein mal ...) positive (frei und selbst gesetzte) Ideen, Träume, Ideale, Wünsche, Utopien ... wie die Zukunft aussehen könnte, sollte, müsste:

b) Neukonstruktion, unter Berücksichtigung der prioritären Passungen: Troglologie - basierend auf dem lokal existierenden System und seinen Bestandteilen.

c) Kritischer Test und Korrektur.

Konstruktivismus erlaubt also eigentlich nichts weniger als eine neue, marktwirtschaftliche Revolutionstheorie: Systemänderung durch "Microrevolutionen". Ich grins noch ziemlich auf den Stockzähnen, wenn ich so was rauslass', aber ganz so abwegig ist's vielleicht doch nicht, um so mehr als die Wirtschaft auf dem Gebiet eigentlich längst im Übereifer agiert und propagiert. Ist nicht jede von oben diktierte Restrukturierung, die x Stellen kostet, Erfahrungen entwertet, Regionen verarmen lässt, eine gewalttätige Revolution, ein Umsturz? Ist nicht das Ersetzen einer gewählten Regierungsform durch die Gewalt des Geldes, eine Revolution? Problematisch an diesen marktwirtschaftlichen, schumpeterschen Revolutionen (schöpferische Zerstörung) ist aber, dass sie:

a) nur dort durchgeführt werden, wo's rentiert und
b) so durchgeführt werden, dass sie die Kosten für die Schadensbehebung, z.B. die beträchtlichen Kosten für "Anpassung" die durch Flexibilität und globalen Druck notwendig werden, den Betroffenen auflasten, so lange es geht, und dann vor allem dem Staat. Schöpferisch ist sie nur, wenn das Eigenen vermehrt werden kann, während die Zerstörung lieber andere treffen soll. Dies dürfte mit ein Effekt der protestantischen Ethik sein: Wer hat, ist auserwählt, wer nichts hat, sei verdammt, auf Erden wie in Ewigkeit - Amen. Letzterer hat aber keinerlei Konzept damit umzugehen, wie sich hier grad am neuen Invalidengesetzt zeigt, dass die Kasse von Kosten entlasten soll ... in der seltsamen Annahme, dass Invalide (wenn sie wirklich wollen) eigentlich schon einen Job finden könnten. Wenn dämliche Propagandisten Interessen-Politik machen, kommt eben eine dämliche Politik raus, die ihren Interessen entspricht. Das bringt uns zum Problem, dass Interessen die über Geld und Geldvermehrung hinaus gehen, in der heutigen Konstellation eigentlich nur durch Ethik-Unternehmer vertreten werden könnten. Wobei zwei Typen deutlich zu unterscheiden sind:

  1. Das ethische Unternehmen, das Beteiligung und Gerechtigkeit  im eigenen Betrieb durchsetzt, aber so nur eine kleine Reichweite hat, sich auch nicht gegen Globalisierung, Macht der Grösse und damit des "Billig" sperren kann.

  2. Der Ethik-Unternehmer, die Ethik-Unternehmerin, der/die diese "verkaufen" kann, also in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft dafür einsteht und ethische Anliegen hilft zu verbreiten: Dies ist eine klassische Funktion von NGOs, d.h. besser NPOs (Nichtprofitorganisationen), also gemeinnützigen Institutionen. Wie die "normalen" (von Geld getriebenen) Betriebe, braucht auch die NPO ein Ziel, Mittel und Strukturen um etwas zu bewirken. Leider schlägt hier die monetären Zwänge und Ausrichtungen immer wieder auf die Ziele durch: Interessen der Spender bestimmen Ziele, statt der effektive Bedarf.

    Sie müssten sich eben auch Kritik oder Utopie an Passung  messen, aber eben Passung gemessen am vorhandenen, lokalen Systemkomplex ... der, gerade wenn's um Entwicklungszusammenarbeit geht, entweder nur schlecht bekannt ist, oder als "veraltet, untauglich, zu ersetzen, unbrauchbar" einfach gleich ignoriert wird.

    Das Problem hat allerdings seinen Gegenpool, denn nicht immer sind es die Entwickelten, die den weniger Entwickelten unpassendes aufdrängen, sondern sehr häufig bestehen Entscheidungsträger in weniger entwickelten Ländern darauf, nur das Neueste und Beste (top of the art) zu erhalten, da alles andere eine Missachtung ihrer Fähigkeiten darstellt - obwohl sie weder Strukturen noch Mittel haben, diese Werkzeuge zu nutzen und zu unterhalten und teure Investitionen innert kürzester Zeit vergammeln. Solche Erfahrungen hat jeder Entwicklungshelfer und jeder Händler mit Drittwelterfahrung gemacht. Diejenigen die sie nicht haben, haben entweder gar keine oder lügen. Dieser Trend zum Besseren oder Besten verhindert also oft grad selbst die gute Lösung.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 26.4.07

Beispiele für erfolgreiche Mikrorevolutionen auf der sozialen und kulturellen Seite:

  1. cultural jamming, das, basierend auf Naomi Kleins Kritik menschenunwürdiger Produktionsbedingungen in Drittweltländern entwickelte, und die Sprüche der Werbefritzen umgkehrte. Dies hatte allerdings nur kurzfristig Erfolg, denn inzwischen hat die Wirtschaft das Konzept längst übernommen und nimmt sich gleich selbst auf die Schippe - aber immer nur so viel, dass dabei die Bekanntheit und die Verkäufe steigen.

  2. attac, sozialforum, Alternative, Oeko ... trage alle ein Scherflein bei, sind aber hochgradig desorganisiert, zerstritten, unkoordiniert, und kämpfen primär um die Existenz, also ums Ueberleben. Viele Einzelkämpfer/Anbieter - wenig "Markt" und noch weniger zahlende Abnehmer, aber sehr viele passive (wie die, die hier bei mir im Internet rumhängen) ... womit eigentlich die Lösung bereits angetippt wäre ...

  3. ... tja ...

Gescheiterte soziale "Revolutionen":