Die schizophrene Weltmaschine Kapitalismus produziert:

Prozesse statt Produkte, Güter statt Wohl-Sein, Preise statt Werte, Effizienz statt Weisheit

Synopsis von: Kapitel:
  1. Feudalismus

  2. Liberalismus

  3. Neofeudalismus

    1. Privatisierung

    2. Konsolidierung

    3. Macht, Ansehen, Grösse

    4. Die Nichtung der Zwerge

    5. Wucher wird zur Norm erklärt

    6. Strategien des Börsentheaters

    7. Institutionalisierung und Verbeamtung der Wirtschaft

  4. Die 68er Kulturrevolution

    1. Grundlagen, Probleme, Anliegen

    2. Der Verlauf in einzelnen Ländern

    3. Gründe für das Erschlaffen der 68er (der Bewegung natürlich ..)

    4. Theorie & Kritik - die Gegenrevolution

      1. Die Anti-68er Äusserst aktuell, da deren Tätigkeit die Gegenwart prägt!

    5. Die Resultate: Neue soziale Bewegungen die aus den 68ern entstanden, oder zumindest starken Zuwachs erfuhren:

  5. Lösungsansätze

    1. Grundfrage: Reicht die "Unsichbare Hand" ein System zu ordnen, in dem die einzelnen Teilnehmer jeder für sich nur nach einem Ziel strebt: Mehr?

    2. Notwendigkeit strategischer Diskussionen

    3. Zustandsbeschreibung - ohne Lobhudelei

    4. Zu lösendes Problem: Abstimmung der Teilsysteme

 

Fusionen bewirken, dass die Unternehmen optimal zusammen gesetzt werden, dass zusammen kommt, was zusammen passt.

(Vontobel. S. 186)

Die monetären Ströme sind perfekte schizophrene Realitäten. ... Die Sprache eines Generals, eines Industriellen, einer mittleren oder oberen Führungskraft, eines Ministers ist eine vollends schizophrene Sprache und funktioniert doch nur statistisch innerhalb der erniedrigenden Verwaltungsaxiomatik, die sie in den Dienst der kapitalistischen Ordnung stellt.

Gilles Deleuze, Felix Guatarri: S. 317

Es funktioniert überall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, isst. Es scheisst, es fickt. Das Es ... Überall sind es Maschinen im wahrsten Sinne des Wortes: Maschinen von Maschinen, mit ihren Kupplungen und Schaltungen. Angeschlossen an eine Organisationsmaschine an eine Quellmaschine: der Strom, von dieser hervorgebracht, wird von jener unterbrochen.

Gilles Deleuze, Felix Guatarri: Anti-Oedipus. Kapitalismus und Schizophrenie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 224. Frankfurt a.M. 1974 S. 7

1. Feudalismus

Moderne und Postmoderne ruhen auf dem Mittelalter. Dort wurzeln Aneignung und Handel von Boden, Städte, wirtschaftliche und rechtliche Strukturen, Rechtsanwälte (Advocat = der Vogt), Banken, Obligationen und vieles mehr. Einiges wurde zur Perfektion getrieben, einiges aber bis zur Perversion perfektioniert.

Wer heute in einer entwickelten Wirtschaft über kein Kapital verfügt, ist in der selben Situation wie damals (und heute noch in vielen Ländern der 3. Welt) die einfachen Leute, die über nichts verfügen als die Kraft ihrer Hände und Arme, dank derer sie dem Boden ihren Unterhalt abringen. So wie diese durch feudale Grossgrundbesitzer ins wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Abseits getrieben wurden und werden, genau so treibt ein freies Kapital die Kapitallosen ins Abseits, denn auch Kapital lässt sich nicht grenzenlos vermehren. Und wenn Wettbewerb herrscht über begrenzte Ressourcen - führt der zu Ausschluss. §

Ein kapitalistisches System braucht Hierarchien mit strengen Befehlsabläufen, eine Handvoll an der Spitze welche absteigende Klassen von Untergebenen kontrollieren, und eine massive Armee von Arbeitern an der Basis, die in ihrer relativen wirtschaftlichen Stellung als Sklaven bezeichnet werden können. [S. 57]

Im mittelalterlichen Feudalismus, der genau so chaotisch war wie heutige Beziehungen zwischen den Organisationen und Betrieben, war es die Obliegenheit des Königs, eine Gesamtordnung zu schaffen. Im modernen Feudalismus fehlt diese Ordnungsmacht. Da wir heute von Königen meist nicht mehr so begeistert sind (auch nicht von denen, die sich als demokratisch gewählte Präsidenten tarnen) sondern der betroffenen Bevölkerung eine möglichst breiter Beteiligung an Entscheiden garantieren wollen, müsste die Ordnungsfunktion durch eine demokratische politische Organisation erfolgen. Diese Bedingung erfüllt heute global aber weder WTO, UNO noch sonst eine Organisation; lokal ist sie nicht vorhanden, da in x NGOs mit einer Unzahl unterschiedlicher, oft widersprüchlicher Orientierung, zersplittert.. Die Wirtschaftsreiche werden sich selbst überlassen, obwohl sie bestimmen, wie und wie gut oder wie schlecht wir leben. Der Markt ist in dieser Beziehung ein Nichts, reiner Zufall, der nicht mehr und nicht weniger bewirkt, als dass der Stärkere gewinnt, der Schnellere, der Grössere, der Bessere, der Hinterlistigere - je nach Konstellation. "Der Markt regiert" steht also für also einen Feudalismus ohne die ordnende Hand des Königs (oder Kaisers),  für einen kriegerischen Wettbewerb unter Fürstentümern, von denen jedes nur das eigene Wohl und die eigenen Grösse im Sinne hat.

Die feudalistischen Herrschaftsstrukturen, basierend auf frühmittelalterlichen Stammesherrschaften, machten, unter reger Beteiligung der Kirche, den zuvor gemeinschaftlichen Boden zu institutionellem, korporativem oder familiärem Besitz, jedoch in den wenigsten Fällen bereits zu handelbarem Eigentum. Der Materialismus, den zwar bereits die katholische Kirche kannte, die damit ja die Reformation beschwur, den die Protestanten dann auf die Spitze getrieben haben, da sie Reichtum zum Zeichen von Gottes Wohlgefallen erklärten, der die Grundlage der gesamten modernen Wissenschaft und Technik ist, der hat die Menschen vom Sein abgelenkt und glaubhaft gemacht, Sein sei nur als reich sein von einiger Bedeutung, liesse sich also auf Haben reduzieren.

Die Weltmaschine:

Die aus der Antike stammende Vorstellung von der Welt als Maschine, Machina mundi, war dem Mittelalter schon vor der Mechanisierung des modernen Weltbildes geläufig. Nur war der Konstrukteur dieser Maschine nicht der Mensch, ihr Zweck nicht das Perpetuum mobile. Brendanslegende und Ebersdorfer Weltkarte, Geistliche und Laien waren sich darin einig, dass die Welt die Lebensbedingungen für Menschen zu erleichtern habe, deren Geschichte unbeständig war und deren Gemeinschaft stabil sein sollte.

Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Nikol Verlagsgesellschaft Hamburg 2004

Die heutige Weltmaschine dient jedoch vor allem dazu, die Besitzer der Maschine zu bereichern. Zur Erleichterung der Lebensbedingungen, insbesondere aber zur Stabilisierung der Gemeinschaft, trägt sie je länger desto weniger bei. Im Gegenteil. Sie nagt an allen Ecken und Enden an Kooperation und Konsens in, Kohäsion, Kohärenz und Konsistenz der Welt. ... Apropos Kon, das ist griechisch und bedeutet "mit", "zusammen" - und eben all dies leidet unter der Maximierung des Wettbewerbs jeder gegen jeden.

2. Liberalismus

Liberalismus kommt von Freiheit - meint aber meist die Freiheit von Produktion und Handel, weniger die persönlichen Freiheiten. Liberalismus setzt darauf, dass, wenn jeder das tut, was er am besten kann, und seine Produkte/Dienstleistungen am Markt anbietet, der Markt durch Rückkoppelung und Koevolution alle Probleme löst, ohne politisches Eingreifen. 

Dogma des Liberalismus:

Nur privates Eigentum kann  die Freiheit des Einzelnen garantieren.

Damit haben sie nicht mal so ganz unrecht ... aber: Wenn nur privates Eigentum Freiheit garantiert, privates Eigentum aber höchst ungleich verteilt ist, die Hälfte der Bevölkerung davon überhaupt nichts hat, dann ist also auch die Freiheit ungleich verteilt? Denk mal ... eine pareto-Verteilung (80/20) von Freiheit. Was wohl Wilhelm Tell davon gehalten hätte?

Be-Denkenswert ist auch die gegenwärtige Entwicklung, in der die Landschaft immer mehr zum Kostenfaktor wird, und sich rationale Planer auf die Entwicklung der Städte konzentrieren wollen. Capital cities, global cities, world cities - die Stätten zukünftiger Macht und Herrschaft, Macht und Herrschaft wieder in privaten Händen.


Noch übler sieht es weltweit aus [Graphikrechts  aus dem neuen Human Development Report 2005 [6.3 mb] des UNDP. Ein Atompilz ist, als "Spaltpilz", ein Sch... dagegen, irgendwann auch, was die Probleme betrifft. Der Human Development Index listet übrigens eine Menge interessanter Daten wie Trends im Index selbst, demographische Entwicklung, Gesundheit, globale Gesundheitsrisiken, Bildung, Technologienutzung, Wirtschafts- und Wachstumszahlen, Einkommensverteilung, Handelsstrukturen, Ausgaben für EZ, Energie und Umwelt - auf 372 Seiten! Gratis als fdp.

Leider sind die Verhältnisse so, dass keine klaren Brüche sichtbar werden.

Das Hinterlistige daran ist, dass es eben zwischen dem obern Drittel, Viertel oder Fünftel und der unteren Mehrheit keine Grenze gibt. Wo wollen Sie die "bösen" Kapitalisten orten?* Dort wo 50% alles Vermögen besitzen? Dort wo 10% 70% des Vermögens besitzen? Dort wo 3% die Hälfte des gesamten Vermögens besitzen? Dort wo der Chef mehr als das Zwanzigfache des Mitarbeiters verdient, oder das Dreissigfache? Dies ist mit ein Grund warum die 68er wie ähnlich gelagerte Revolutionen gescheitert sind und eher zum Jugendkult und Event wurden.

* Die neuroökonomische Forschung (s. Christoph Koch) hat allerdings gezeigt, dass Menschen eine Verteilung von 40:60 wie 30:70 noch als gerecht(fertigt) ansehen - 10:90 jedoch definitiv nicht. 20:80 liegt also am Limit.

Die Ideologie des Kapitalismus lautet: Wenn die Betriebe (von den Inhabern wird da gerne abstrahiert ...) Profite machen, können sie investieren, neue Produkte schaffen und neue Märkte erobern - wodurch auch neue Stellen entstehen. Die Realität in den USA wie für viele Länder Europas lautet aber eher auf jobless growth. Warum das?

In der nachkommunistischen Ära, in der der Kapitalismus keine Konkurrenten mehr hat, entwickelt sich die Gesellschaft nun immer schneller hin zur optimalen Güterverteilung, also zur 80/20 Gesellschaft, in der sich die Betriebe nur noch um 20% der Bevölkerung kümmern müssen, da die andern 80 eh nichts haben (diese kommen dann in ein Alpenreservat, werden in einer submarinen Schüssel versenkt  oder per 1-Dollar Jobs versklavt. Zur Zeit wird also, nach der erfolgreichen Nichtung des Seins, auch noch das Haben für eine Mehrheit genichtet. Der Kapitalismus scheitert nicht an einem besseren (oder schlechteren) alternativen Modell, er frisst sich selbst auf, d.h. besser gesagt, er wächst sich zu Tode, präzise wie ein Krebsgeschwür, das eben darum Krebs bezeichnet wird, weil es sich der Lenkung und Kontrolle des Wachstums entzieht und dumpf vor sich hin wächst, bis es ein vitales Organ zerdrückt - und damit selbst untergeht.

Politik sollte diese völlig einseitig orientierten Subsysteme in ein grosses Ganzes integrieren. Allerdings fehlen ihr dazu heute Macht und Geld. Die spielen zusammen, und die Politiker in ihrem eigenen Sandkasten und Vorgarten, ausser Stande, mehr zu liefern als Reparaturarbeiten. Die Fähigkeit zu strategisch-politischem Denken, Ziele zu setzen und zu verfolgen (die über die Parteiziele hinaus gehen), scheint rechts wie links längst abhanden gekommen.

Daraus ergibt sich aber auch eine äusserst kritische Frage: Wenn die Feudalherren die Volksmeinung offenbar nicht über direkte Gefolgschaft manipulieren können, wie dann? Lesen Sie eine Zeitung, dann merken Sie's. Nämlich genau so wie alle Feldherren zu allen Zeiten: Über ideologische Propaganda. Nur heisst die heute nicht: Das Volk soundso ist hinterlistig, gemein, minderwertig - und profitiert von uns. Sondern: Ihr müsst mehr Arbeiten und weniger  Verlangen. Was geschieht, ist gott... äh, pardon, Was geschieht, ist vom Markt bestimmt. Wir müssen uns fügen, uns dem Markt anpassen, wir haben darauf keinen Einfluss. Unsere Führer sind von Gott (Markt) erwählt (- Unsere Angestellten jedoch von uns, sie sollen sich also ruhig halten). Neofeudalistische Propaganda, wie jede andere Propaganda, setzt nicht auf das Argument das stimmt, sondern auf das Argument, das (emotionaloderwieauchimmer) eine Mehrheit überzeugt, denn Mehrheit reicht hier, Wahrheit ist Luxus für die "Macher". [s. Populismus]. Die Neofeudalisten liefern also 6 bis höchstens 10 % der Stellen, bestimmen aber die Volksmeinung darüber, was Wirtschaft ist und zu sein hat.

FAZIT:

Geld regiert die Welt,

und es tut dies, wie alle nicht demokratischen Regierungen, lieber hinter verschlossenen Türen.

Die aus der 68er Revolution entstandenen alternativen Betriebe und NGOs gehorchen inzwischen leider meist der selben "Markt-Ordnung".

An Stelle der Tausenden von alternativen Organisationen brauchte es ein umfassendes Konzept, das zwar all diese Tausenden von Alternativen Raum bietet, aber

Die Alternativen sollten sich nicht damit zufrieden geben, gegen den Kapitalismus zu sein oder ausserhalb "des Systems" zu stehen. Dagegen sein bringt nichts, genau so wenig wie dafür sein. (Es sei denn, es handle sich um eine Abstimmung). Sie sollten insbesondere davon abgehen, dass jede Mikroorganisation mittels Propaganda und Populismus ihre ganz spezifisch fundamentalistische Botschaft der Erlösung als einzig wahre und mögliche zu verbreiten sucht, sondern offen und transparent nach tauglichen Lösungen suchen. Der Kapitalismus, der auf unbegrenzter Anhäufung von Reichtümern (eben Kapital) basiert, kommt an ein Ende - aber ein tauglicher Ersatz für das Modell ist immer noch nicht in sicht, ist fast noch weniger in Sicht als 1968, wo man doch noch eine gewisse Hoffnung in Kommunismus oder Sozialismus marxscher Prägung setzen konnte.

Propaganda und Populismus bringen nichts, denn da hat das Kapital, dank fast zweitausendjähriger Vorarbeit und Dokumentation der katholischen Kirche, dank der Befreiung der Geldgier aus der Sünde durch den Protestantismus, weitaus mehr Erfahrung und Mittel. Im Vergleich zur kapitalistischen Propaganda ist all das was die Alternativen leisten können bloss ein Fliegendreck auf einem Grossraumplakat.

Meiner Meinung nach ist die einzige Möglichkeit aus dem Schlamassel heraus zu kommen, die Ehrlichkeit, die Suche nach Wahrheit. Propaganda lässt immer irgendwann den Kaiser ohne Kleider zurück. Die "nackte Wahrheit" muss allerdings meist mit einiger Anstrengung aus Gebirgen von Schrottwissen freigeschaufelt werden (s. Philosophie - was ist das? In 2500 Jahren vom Nichtwissen zur Explosion nichtigen Wissens).

3. Neofeudalismus  -  Wie kam es dazu?

3.1 Privatisierung

Was unter dem Stichwort "Privatisierung" propagiert wird, bedeutet in der Tat bloss die Überführung staatlichen Eigentums, also unseres, der Bürger,
gemeinsamen Eigentums,
in unpersönliche Geschäftsunternehmen, also Wirtschaftsbürokratien -
und nicht in das Eigentum persönlich verantwortlicher und engagierter Bürger!

Grundlage dieser Neuordnung, des Baus der grossen Maschine, ist die Privatisierung. Sehen wir allerdings die Gründe an, die zu Privatisierung geführt haben und weiter führen, wird es eigentlich sofort klar, dass hier nicht offen argumentiert, sondern mit ideologischer Propaganda gearbeitet wird, Propaganda von Seiten des Kapitalismus, auch dieser wohlfeil in die weite Welt getragen von vielen Missionaren (insbesondere protestantischer Provenienz) und praktisch allen Entwicklungsorganisationen. Predigte man zu den klassischen Missionszeiten: Wir bringen Euch den echten Gott, der Euch erlöst. Ihr müsst nur an ihn glauben; hiess es hundert Jahre später: Wir bringen Euch die rechte Wirtschaft, die Euch aus eurer Armut befreien wird. [Aktuelle Fernsehwerbung der Helvetas betr. Verbesserung der Wasserversorgung: Die Zeit die die Frauen beim Wasserholen einsparen können sie einsetzen, um Geld zu verdienen.] Ihr müsst nur glauben, arbeiten und sparen. So heisst es heute: Der Finanzmarkt sei Euer Gott. Zahlt Eure Zinsen und Zinseszinsen, amortisiert euren Kredit rechtzeitig, so werdet ihr erlöst. Dafür müssen aber in einigen Gebieten die erst "auf dem Weg zur Entwicklung" sind erst noch die Grundlagen geschaffen werden:

Um Boden wirklich wirtschaftlich nutzen zu können, muss er in Privatbesitz sein ... Missionaren

Um Wald schützen zu können, muss er einen Eigentümer haben ...

Staatliche Betriebe gehen verschwenderisch um mit den Ressourcen. Sie müssen privatisiert werden.

Nur der Eigentümer vertritt seine Interessen und bewirtschaftet optimal.

Entwicklungsorganisationen predigen heute nicht mehr die Bibel, dafür aber Monetarisierung und Kapitalismus. Sieht man sich aber in der Fachliteratur über Kapital/Finanzmärkte um, stösst man recht schnell auf das Fisher-Separationstheorem , das eben gerade beweist, dass sich Management vorteilhaft von Besitz trennen lässt! Im Aktienmodell gibt der Eigentümer nicht nur Nutzungs-, sondern umfassende Verfügungsrechte an das Management ab.

Obwohl Privatisierung immer stärker grassiert, beweist das Kapital mit den Kapitalgesellschaften eigentlich längst selbst, dass das Hauptmotto zu Gunsten der Privatisierung falsch ist.

Privatisierung ist häufig Betrug, denn sie fördert nur die Bereicherung einzelner (s. Ostdeutschland und Russland), während sich die Bewirtschaftung gemeiner, geteilter, öffentlicher Ressourcen nach dem selben, vom Kapitalisten angewandten Prinzip der Spezialisierung und des Auftrags genau so effizient durchführen liesse.

Die Lösung des Problems der Tragedy of the Commons wäre also:

Das professionelle Management im Auftrag der Eigentümer, im Falle der Allmend also der Gemeinden. Ein Modell mit alter Tradition

Ein Manager der sich anstrengt ist gut für seine Gesellschaft. Er gewinnt Kunden, minimiert den Einsatz von Ressourcen (nicht bloss von Personal) und erhöht den Gewinn. Darüber hinaus ist das Management verantwortlich, neue, rentable Investitionsmöglichkeiten zu identifizieren.

Ein kritischer Punkt bleibt hier aber, die Bedeutung von Management: An der Hand führen. Erwachsene, selbständig denkende, freie Bürger lassen sich also von Managern an der Hand, und oft genug an der Nase, herum führen.

 

Ein noch kritischerer Punkt sind Sinn und Funktion des Staates. In einer Stammesgesellschaft erlaubte die Staatsgründung das "Bündeln von Kräften" (daher das Liktorenbündel um die Axt, das Zeichen der Faschisten. Jeder Staat, und jede Firma, hat also ein gewisses faschistisches Potential), vor allem für kriegerische Eroberungen, oder zur Verteidigung. Im Merkantilismus stellte der Staat der Wirtschaft die notwendige Infrastruktur zur Verfügung und schützte sie vor Übergriffen. Im Liberalismus schützt er Recht und Eigentum.

Der Staat besitzt das Gewaltmonopol. Vertragspartner müssen ihre Verträge verbal gemässigt aushandeln, und haben kein Recht, ihre Interessen mit Faust, Keule, Axt, Hammer, Messer, Pistole, Bomben oder was immer durchzusetzen, ja nicht mal zu verteidigen. Als alleiniger Gewaltbefugter dämpft der Staat kritische Auseinandersetzungen, die früher zu Kleinkriegen geführt hätten. Er gewährt allen Sicherheit. Um dazu fähig zu sein, müssen die Massnahmen, die Staat und Gesetz verfügen von einer Mehrheit als gerecht empfunden werden. Da in einer Demokratie das Volk der Souverän ist, wird es ungerechte Gesetze irgendwann ändern, auch wenn es sich lange, lange durch Propaganda über den Tisch ziehen lässt. Eine 80/20 Verteilung der Lasten bei einer 20/80 Verteilung der Profite ist derart neben dem demokratisch kritischen Mass von 49/51, dass das automatisch irgend wann zu Korrekturen führen wird. Wird also der Staat abgebaut und dabei immer ungerechter, so können die Verlierer eigentlich zu Recht verlangen, dass auch das Gewaltmonopol schwindet, und sie ihre Interessen wieder in die eigenen Hände nehmen dürfen - ganz im Sinne der Selbstverantwortung.

Wirtschaft und Anarchisten haben das gleiche Ziel: Web mit dem Zwangsstaat. Die Anarchisten haben dabei aber den "Vorteil", dass sie Idealisten sind, also den Menschen als im Kern gut, und vor allem durch die Gesellschaft und Erziehung als verdorben ansehen (Rousseau). So falsch diese Ansicht sein mag .... die Kapitalisten setzen auf den Menschen der kalt, berechnend, nur auf Grund seiner eigenen Interessen und Vorteile agiert und keine "Gesellschaft" (ausserhalb der Firmen) kennt oder braucht. Den Anarchisten ist die Freiheit heilig, der Wirtschaft nur der Profit. Eine Gesellschaft die auf Grund anarchistischer Vorstellungen (Träume, Illusionen, was auch immer) die Staatsmacht (nicht die Politik als Verhandlungsinstrument, denn die Anarchisten wollten ja die Räterepublik) abschafft, wird sich um den Kern individueller Freiheit neu ordnen, in freien Abkommen und die Freiheit anderer respektieren. Eine Gesellschaft jedoch, die auf Grund wirtschaftlicher Expansionswünsche die Politik abschafft (wobei diese zwar das Verhandlungssystem, nicht jedoch den Machtapparat abschaffen will, dessen sie zum Schutz des Privateigentums bedarf), wird sich um wirtschaftliche Machtkerne neu gruppieren - und einen grossen Zaun rund herum bauen. Soziale Anarchie baut (idealistisch) auf Solidarität und freiwilliger Kooperation, Wirtschaftsanarchie (realistisch) auf Wettbewerb und machtvoller Übernahme durch die Geldmacht, also auf einem feudalen Konzept. Es ist offensichtlich, dass "der Staatsfeind" das Lager gewechselt hat und heute rechts sitzt. Dies nicht mehr im Dienste fremder Mächte oder Ideologien, sondern des Eigeninteresses, privater Herrschaftsgelüste und unendlicher Gier. Damit wären wir endlich auch auf das rechte Wort für "nachhaltiges Wachstum" gestossen: unendliche Gier.

 

3.2 Konsolidierung: Wichtigstes Instrument beim Bau der Weltmaschine

Konsolidierung ist ein etwas beschönigendes Wort für das Streben nach Macht, die Erledigung der Kleinen, das Anstreben einer monopolähnlichen Position: Konsolidierung ist für einen Drittel der Mergers und Akquisitionen verantwortlich. Konsolidierung steht hier quasi synonym zu den Begriffen Rationalisierung, Restrukturierung, Reengineering. Ihr Ziel ist es, einen möglichst grossen Teil der Nachfrage über möglichst wenige, also entsprechend grosse, Betriebe zu decken. Diese profitieren:

  1. von der Marktmacht, entstanden durch Deregulierung und Liberalisierung: Ersatz der Politik durch eigene Macht, Macht der Betriebe, Macht des Kapitals.

  2. vom Effekt der economy of scale, Konsolidierung und Marktanteilsausweitung: Eroberungen neuer Feuden und Realisierung potentieller Synergiegewinne.

    1. Zugang zu geschlossenen Märkten und Distributionskanälen: Eroberungen bisher unbekannter Länder

  3. Economies of Scope und Erwerb neuer Fähigkeiten/Kernkompetenzen

  4. von der Erhöhung der Eintrittsbarriere durch die sunk costs etcetc.

  5. von der optimalen Nutzung des Weltmarktes: Rohstoffe und Vorprodukte günstig Einkaufen - hohe Mengen und/oder Qualität auf internationalen Märkten verkaufen. Wer im Ausland tätig sein will braucht sprachkundiges Personal, Fachleute, die sich mit den rechtlichen Bedingungen in diesen Ländern auskennen, Verhandlungsführer, die über Kenntnis der lokalen Verhandlungskultur verfügen etcetc. 

Graphik nach Volkswirtschaft: Gestaltung der Wertschöpfungskette von Schweizer Produktionsunternehmen im internationalen Wettbewerb. 9-2005, S. 13-16.

Konsolidierung, meist erreicht durch mergers & acquisitions erzielt Wachstum, wo eigentlich keines mehr ist, verdrängt also andere und damit oft den Wettbewerb. Motto:

If you can't beat them, buy them!

Der "freie Markt", durch Rationalisierung, Restrukturierung, Reengineering und Konsolidierung aktiv gestaltet als Gigamaschine,

macht die Teilnehmer zu Rädchen - und die Nichtteilnehmer zum 4. Rad am Wagen, also zu Sozialfällen.

Mergers und Akquisitionen sind DAS Werkzeug zum Bau der globalen Maschine. Sie müssten das Trennen, was besser getrennt funktioniert, das Zusammenfügen, was einen Koordinationsgewinn bringt. Geschichte und Theorie zeigen allerdings, dass der Erfolg meist den Erwartungen nicht entspricht. Es herrscht ein Chaos an unterschiedlichsten Ansprüchen, Theorien und Strategien - ohne DAS Oberziel dem wohl die meisten zustimmen würden: Eine funktionierende Wirtschaft die allen Beteiligung erlaubt und allen einen einigermassen fairen Anteil an den Produkten, am Wohlstand, zugesteht.

Die Konstruktion und Optimierung dieser Gigamaschine "Weltmarkt" ist noch DER Job, für den sich die Finanz- und Kapitalmarktexperten so fürstlich bezahlen lassen. Sie richten die Welt ein nach dem Gebot der Rentabilität, wobei sie uns nicht fragen, ob wir wirklich Rädchen in einer Maschine sein wollen, oder gar das 5. Rad am Wagen. Auch dieses Problem können wir in der Schweiz sehr gut analysieren. Wir müssen dazu nicht in die USA, denn unsere Banken sind hier führend.

 

3.3 Macht, Ansehen und Grösse

Durch die Forcierung einer generellen Globalisierung gingen der Wirtschaft Augenmass und Massstab verloren. Was ein wettbewerbsfähiger Betrieb ist, wird nun durch Grösse bestimmt, wie sie im gigantischen, fast monokulturellen und fast einsprachigen Wirtschaftsraum der USA und Kanadas möglich sind ... und demnächst vielleicht sogar von China.

Eine an Welthandel angepasste Grösse und Macht von Firmen führt zu betriebswirtschaftlich diktatorischer Deklassierung, im weitern als Nichtung bezeichnet, finanziell weniger produktiver Branchen und Menschen. Erträglich sind die sich so ergebenden Strukturen nicht, denn sie gehen über die 2/3-Gesellschaft nach und nach über in die 3/4, 4/5, 5/6 etc. Gesellschaft.

So richtig die weit verbreiten Meinungen über Kosteneinsparungen, Effizienz und Produktivität in betriebswirtschaftlicher Hinsicht sind, ebenso führen sie zu gänzlich unerwünschten Strukturen, nämlich zu einer totalen sektoriellen Durchorganisation und Beherrschung des Marktes durch Grossfirmen, also damit durch das Kapital. Volkswirtschaft lässt sich aber nicht durch  Betriebswirtschaft ersetzen.

Die Ansprüche dieser Substanzhändler befördern immer mehr "unproduktive" Wirtschaftsbereiche in den Abgrund. Sie entscheiden aufgrund wirtschaftlicher Zahlen, ob ein Betrieb als Bestandteil der globalen Maschine zu brauchen sei oder nicht - ohne im geringsten in Betracht zu ziehen, dass "wirtschaftlich unproduktiv", was meist eh nur heisst: "weniger produktiv" noch lange nicht identisch ist mit "überflüssig". Am deutlichsten zeigt sich das bei der Primärproduktion, insbesondere der Land- und Forstwirtschaft, die beide, durch nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen, Werte schaffen, die vom Markt nicht bezahlt werden: Erholung, Naturlandschaft, Gesunde Luft, Bodenpflege, Biodiversität, Schutz (vor Lawinen, Steinschlag, Staub, Lärm), ... etcetc. (s. Mit dem Bauern-Opfer - verschwindet die Urform einer selbständigen, eigenständigen, eigenverantwortlichen Produktions- und Lebensstils. )

Mit diesem Wettbewerb unter Giganten wird der wirtschaftliche Wettbewerb nicht bloss ad absurdum geführt, er wird eben durch diese Firmen eigentlich gleich negiert. Jede Firma die Erfolg haben will, zerfleddert sich nicht in atomistischen Konkurrenz, sondern kooperiert dort, wo's was bringt und mit denen, die sie braucht. (s. Geigy und die Basler Chemie - hier lernen Sie die Strategien kennen, mit denen man gross werden kann.). Die Sache mit dem Wettbewerb ist grossenteils Schwindel nach dem Motto: Divide et impera - teile (die Andern) und herrsche (selbst, oder höchstens mit denen, die du unbedingt brauchst, also Geld (Banken, Versicherungen), Macht (Politik, [Militär, Polizei - in der Schweiz sind sogar die überflüssig geworden, dank der guten Dressur der Bürger]), Wissen (Juristen, Hochschulen)! Wer da nicht dazu gehört, fliegt raus. Wie man dazu noch die Regierung einsetzt, lernen Sie unter Die organisierte Plutokratie: Corporatocracy - die Herrschaft der Firmen.

 

3.4 Nichtung der Zwerge durch Ausschluss

Der Wettbewerb innerhalb der Gesellschaft konnte die versprochene Wirkung der Wohlstandsförderung nur über einen beschränkten Zeitraum erbringen, also löste man die Gesellschaft auf und Versprach Heil durch globalen Wettbewerb. Dafür braucht es natürlich globale Grösse von Betrieben. Global orientierte Betriebe sind nicht Betriebe, die auf lokale Politik, lokale Gesellschaft, oder irgend was was sich nicht durch steigende Börsenkurse auszahlt, kümmern könnten.

Die Zwerge werden genichtet. Die Nichtung von Menschen ist Ursache mancher Terrorismen und Fundamentalismen. Menschen werden heute, zumindest in den "entwickelten Ländern", nicht mehr wie früher durch Kriege, Pest, Polizei und Armee ver-nichtet, sondern nur noch durch Entzug der Einkommen, der wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung, der persönlichen Würde, ge-nichtet. Einige geraten deswegen derart in Rage, dass ihnen die Haare ausfallen. (Der Aufstand der glatzköpfigen Geisteszwerge ist also nicht ganz unberechtigt. Die Suche des Staates nach Rotkäppchen, das gerne mal wieder den Wolf im Brunnen versenken möchte, schon eher.)

Die Bauern sind hier wieder mal die ersten, aber doch nur eines der "Bauernopfer". Tante-Emma-Läden, Detailhandel, Bäckereien, Metzgereien, kaufmännisches Gewerbe, Lokalzeitungen, kleine Baugeschäfte, Sägereien, Möbelkleinhandel, Haushaltsgeräte, Verkäufer, Händler, Büropersonal sind zum Teil bereits vorausgegangen, werden zum andern Teil noch folgen. Wurden die Kleinen bis anhin verdrängt durch Super-, Mega-, Giga-Märkte, sind nun die Category-Killers auf dem Weg über den Ozean. Ohne Korrektur führt der Weg, wie oft und von vielen beschrieben, über die 3/4, zur 2/3 und 1/5 Gesellschaft, in der wenige sich als Herren fühlen können, den meisten aber nur noch die Unterwerfung unter Sach- und Betriebszwänge bleibt.

Was heute von Bauern wie Waldwirtschaft im Überschwang spätneoliberaler Ideologie verlangt wird, ist eine Reduktion des Aufwands, also mehr Arbeit für weniger Geld. Diese Restrukturierungsprozesse sind nicht bloss ein Problem für die Arbeitnehmer der betroffenen Sparten, sondern im Falle von Land- und Forstwirtschaft, ein Problem der Landschaftsveränderung durch unterlassene Nutzung.

Der primäre Wirtschaftssektor, zumal in der Schweiz, liefert nicht nur zu teure und zu wenig nachgefragte Rohstoffe, er bewirtschaftet 2/3 der Fläche der Schweiz, die Fläche, auf der sich nachhaltig und organisch Biomasse erzeugen lässt.

Der Naturschutz schreit hier zwar Heureka, um dann Jahre später zu merken, dass die natürliche Sukzession etwas gaaaanz anderes produziert, als man eigentlich wollte, was man dann durch teures Biotopmanagement zu korrigieren sucht. Biotopmanagement produziert aber nur zu entsorgende Abfälle - während bewirtschaftete Weiden Fleisch, Milch, Käse und Butter produzierten, bewirtschaftete Wälder Bau-, Möbel-,. Industrie- und Brennholz. 

Der bereits sehr tiefe Anteil der Primärproduktion ist nicht bloss ein Nachteil, da die wirtschaftliche Entwicklung weg von primärer und industrieller Produktion zur Tertiarisierung, also - den totalen Dienstleistungen - schreitet. So betrachtet ist der tiefe Anteil der Wertschöpfung der Schweizer Landwirtschaft am Schweizerischen BSP ein Vorteil - der aber nicht in der Richtung interpretiert werden darf, dass der letzte Rest eigentlich auch noch überflüssig sei, sondern im Gegenteil so, dass dieser letzte Rest wegen der Landschafts- und anderer nichtmonetärer Funktionen die er erfüllt, die aber nicht im BSP erfasst werden, zu erhalten ist.

 

3.5 Wucher wird zur Norm erklärt. Der Kapitalmarkt als Nachfolger der Feudalherren dominiert über Güter-, Dienstleistungs- aber insbesondere Arbeits- und Bildungsmärkte

Wie so manches, dass uns heute wirtschaftlich sorgen bereitet, stammt auch der Kapitalhandel aus dem Mittelalter.  Einige Historiker und Wirtschaftsfachleute sehen in der Umgehung des Zins- und Wucherverbots die eigentliche Bedeutung der Wechsel. Es gab auch sog. Trockenwechsel, denen kein Geldtransfer zugrunde lag, sondern bei Vorlegen des Wechsels ein Rückwechsel ausgestellt wurde. Es handelt sich also um eine Kreditgewährung. Aussteller und Wechselnehmer verständigten sich allerdings auch oft über einen über der Münzparität liegenden Kurs (bei Währungswechsel), womit sie das Zins- und Wucherverbot umgingen. Die Zuschläge, als Entlohnung für die bereit gestellte Liquidität, beliefen sich auf 12 bis 14%. Von Wucher wurde in dem Falle nur gesprochen, wenn die jeweiligen Wechselkurse (Risikoanteile) bereits vor der Gewährung des ersten Darlehens von den Beteiligten festgesetzt wurden, also das Marktrisiko umgangen wurde.

Auch hier wird klar, dass das, was uns als "Leistung" verkauft wird, viel mehr mit List zu tun hat, eine Vermutung die übrigens von der Etymologie bestätigt wird:

Unsere Topverdiener, also Verwaltungsräte und CEOs (Betriebsleiter), erhalten ja nicht so viel Geld, weil sie so viel wissen. geschweige denn, weil sie so viel leisten würden (leisten im normalbürgerlichen Verständnis von Arbeitsleistung). Topsaläre werden bezahlt, weil diese Leute  bewiesen haben, dass sie List profitabel für den Betrieb einsetzen können.

Eine der wichtigsten Hinter-Listen des kapitalistischen Systems ist die Pareto-Verteilung, durch  die 80% "ausgemünzt" werden, weil sie am wirklich lukrativen Geld- und Finanzmarkt gar nicht mitspielen können.

Der Ansatz ist interessant, als gerade bei der Diskussion um den Shareholder Value die Idee hochkam, der Geldgeber sei auf jeden Fall durch ein markübliches Entgelt zu entschädigen und erst der Beitrag der über die Entschädigung für Risiko hinaus gehe, die sog. Überrendite, entspreche dem. Der Shareholder Value hat also, ganz ohne auf Geld und Zinsen zurückgreifen zu müssen, den Wucher salonfähig gemacht.

Alles in allem ist das eh alles Schwindel, was die Börse als Leistung und risikogerechte Entschädigung verkauft, denn ihr Hauptzweck ist es ja gerade, Risken zu umgehen oder abzusichern - und trotzdem an der Lotterie teilzunehmen.

Hedges etwa sind eine Art Versicherung, wie die meisten Derivate. Wenn sich beide Experten, der Verkäufer und der Käufer eines hedges, wirklich Mühe geben, die Entwicklung des zugrunde liegenden Wertes, sei es Aktie, Devisenkurs oder Zins, möglichst gut abzuschätzen, dann ist es nur noch Zufall, welcher gewinnt, womit auch die Gesamtrendite dieses Geschäftszweigs, die Summe aus Gewinnen und Verlusten, gegen Null geht.

Bereicherungen an der Börse basieren also auf unprofessionellem Umgang mit vorhandenen Daten. [Anders ausgedrückt darauf, dass vermutlich eine Mehrheit der Spekulatoren immer noch Excell-Tabellen verwendet um Modelle zu bauen statt multivariate Statistik] Eine wirklich effizient arbeitende Börse wäre kaum mehr als eine Versicherungsleistung, die entsprechend zu entschädigen wäre. Gewinne und Verluste dürften an und für sich, bei vollständiger Information, im Saldo gar nicht auftauchen. Dieser müsste Null sein. Dass wir dem Ideal langsam näher kommen, sich also das Problem der dominierenden Finanzmärkte bald von selbst lösen wird, zeigt die Entwicklung:

Der Median der Renditen zwischen 1900 und 2004 lag zwischen 5 und 10%,
also doch eher weit weg von den 17% der "Visionen" Ebners.

Historisch liegt der Unterschied der Rendite zwischen risikoreicheren Aktien und eher sicheren Anleihen zwischen 4 und 5% zwischen 1950 und 2000. Inzwischen ist zwar das Risiko höher geworden, aber der Markt gibt nicht mal mehr die 4 oder 5% als Risikoprämie her.

Der US-Aktienmarkt konnte zwischen 1872 und 2000 eine Überrendite bei Aktien gegenüber Bonds von 5.57% bezahlen. Aufgrund der Realwirtschaft berechnet, hätten aber nur 3.54% drin gelegen. Die Finanzmärkte haben also 2% mehr Rendite beansprucht als es der Entwicklung der Realwirtschaft entsprochen hätte.

Die Unterschiede sind aber nur in den letzten 50 Jahren entstanden, in denen sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft gelöst hat. Auch wären zur Boomzeit des Shareholder Values nicht 17% zu erwarten gewesen, sondern 4 bis 5, maximal 7% (Fama und French), bei einer Wachstumsrate von 3%. Auf Grund der realwirtschaftlichen Entwicklung liegen keine Risikoprämien von mehr als 3% drin ... folglich erhöht man den Druck auf die Lohnkosten, um dort noch ein paar Prozent auszupressen.

Aus dem Wucher heraus, nicht aus den masslosen und unbezahlbaren Ansprüchen der Arbeitnehmer, entsteht als Folge: Der Wirtschaft den Profit - dem Staat die Kosten:

Unser Problem ist eine zu hohe Steuerbelastung des Faktors Arbeit.

Bert Rürup, Oekonomieprofessor, Vorsitz des deutschen Wirtschafts-sachverständigen-rates, der 5 Weisen

So betrachtet bezahlen nicht die Investoren, sondern, seit 15 Jahren, die Arbeiter, die Risikoprämien der Investitionen,
... durch entgangene Lohnerhöhungen und Entlassungen.
D. h. im letzteren Fall bezahlt, wenn wir's genau ansehen, der Staat also die Risikoprämien der Kreditgeber
- nicht die Kosten für "faule und/oder zuwenig ausgebildete" Arbeitslose.

Aus dieser Perspektive sind die Resultate von Michael Ferguson und Douglas Witte zu beurteilen, die als Gemeinplätze ja längst in Umlauf sind: Wenn die Politiker Ferien machen, steigen Börsenkurse und Rendite der Anleger. Es wäre ein sinnloses Unterfangen diese Resultate widerlegen zu wollen, denn es ist wohl nichts als logisch, dass um so mehr Profite gemacht werden können, je rücksichtsloser man nach diesen streben kann. Da aber die Politik gerade all diejenigen Interessen und Personen vertreten muss, die von der Wirtschaft links (ach, wie symbolisch ...) liegen gelassen werden, ist der Effekt logisch. Man kann die Aussage aber sehr leicht etwas präziser und kritischer Fassen: Je rücksichtsloser die Wirtschaft mit Natur, Gesellschaft und Angestellten umgehen kann, desto höher die Profite. Einigermassen banal, nicht? Und nicht unbedingt ein valables Argument gegen Politik.

3.6 Strategien und Börsentheater

Strategisches Denken ist die Leistung, für die sich Manager so fürstlich bezahlen lassen. Häufig beschränkt sich deren Strategie allerdings bloss darauf, das Selbe zu tun wie die Mehrheit.

Es fragt sich so, ob Lemmingverhalten als Leistung ausreicht, solche Löhne zu erhalten. Es fragt sich noch mehr, woher diese krawattierten Kurzdenker die Frechheit nehmen, den Rest der Bevölkerung in ein Spiel einzuspannen, das denen immer weniger bringt, was Geld wie Freude betrifft.

Die Erwartungen der Börse sind häufig nur psychologisch bedingt. Steigt der Kurs einer Aktie, laufen viele mit, weil sie denken, die andern werden wohl wissen, warum sie die Aktie kaufen. (Oder die etwas entwickeltere Variante: Die Bewertung der Aktien wird steigen, weil die Andern denken, ich sei weiterhin blöd genug, sie zu kaufen. Wenn sie das denken, wird sie steigen, also muss ich sie kaufen, sonst wär' ich ja blöd ... etcetc-) Spekulation lässt sich von Investition immer weniger trennen. Ein sachlich hervorragend laufender Betrieb, den an der Börse niemand kennt, wird verscherbelt, während dem ein namentlich bekannter Betrieb, über den man gutes hört (obwohl nichts läuft), zu oft exorbitanten Preisen gehandelt wird. Hier können einige Börsenhändler wiederum gute Arbeit leisten und erst noch verdienen, wenn sie Firmen die irgendwie "vergessen" gingen wieder ins Gespräch bringen.

Maynard Keynes hat das in etwa so formuliert:

... professionelles Investment kann mit einem Medienwettbewerb verglichen werden, in dem die Mitspieler die sechs hübschesten Gesichter aus 100 auswählen müssen. Den Gewinn erhält der Teilnehmer, dessen Wahl am besten mit der Wahl aller Beteiligten übereinstimmt. Also wählt jeder Teilnehmer nicht das Gesicht aus, das ihm am besten gefällt, sondern dasjenige, von dem er annimmt, es gefalle der Mehrheit am besten. Da aber alle Teilnehmer wissen, dass die andern Teilnehmer das auch wissen, suchen sie nicht nach dem schönsten Gesicht, sondern nach dem, von dem anzunehmen ist, dass es am besten den Erwartungen einer Mehrheit darüber entspricht, wie die Erwartungen der Mehrheit über ein schönes Gesicht aussähen. Das wäre aber erst die dritte Stufe der Verwirrung, beliebige weitere lassen sich anhängen.

Ziel der neuen Impressarios am Börsentheater ist also nicht eigentlich, den Betrieb gut zu führen, sondern:

Das Unternehmen in den Augen der Investoren möglichst gut aussehen zu lassen
ist oft wichtiger, als reelle operative Gewinne zu erzielen.

Die Kapitalmärkte handeln mit dem Grundstock der Produktion, mit der Substanz. Da nur sehr wenige in dem Bereich tätig sind, sind die Umsätze und Gewinne entsprechend hoch. Löhne und Gebühren der Banken und Rechtsanwälten sind höher als bei Ärzten und Ingenieuren, deren Ausbildung meist anspruchsvoller ist. Hier wirkt die Macht der Position, nicht die Leistung.

 Die Ausdehnung dieses Sektors greift verfälschend in die übrige Wirtschaft ein und hemmt deren produktive Kraft. Die Finanzwirtschaft wird durch niemanden - insbesondere nicht durch den Wettbewerb - daran gehindert, den Bürgern und Konsumenten immer mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Dafür war und ist eigentlich der Staat berüchtigt, zunehmend sind es aber die vom Finanzmarkt verlangten "Risikoprämien", Vergünstigungen (Steuerbefreiung).

Die Ausdehnung der Kapitalmärkte verlagert die Inflation von den Geld- auf die Finanzmärkte. Der forcierte Ausbau der privaten Rentensysteme, die nun Bush sogar als Ersatz für die AHV fordert, führt zur Anhäufung enormer Mengen an Geld, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht. Wo die Nachfrage hoch ist, da steigen die Preise. Das Geld fehlt also nicht nur im Konsum, es treibt die Preise der Aktien in die Höhe - ohne eigentlich deren Wert zu erhöhen. Es handelt sich also um die typische Inflationserscheinung, diesmal beim Preis der Unternehmen.

Das hat nun genau die Folgen, die wir in den USA wie Europa seit 15 Jahren beobachten: Da die Unternehmer aber ihre Risikoprämie auf Grund des Wertes ausbezahlt haben wollen, drückt diese Überbewertung nochmals auf die Löhne, die ja in Konkurrenz zum Shareholder Value stehen.

Während sich so das Kapital, quasi inzestuös, selbst vermehrt, verursacht dieser Inzest nicht nur häufig Verblödung, sondern noch weitere Probleme:

Immer höhere Versicherungsprämien
- immer weniger Lust auf Risiko -
das ist es, was die Finanzmärkte zeigen.
Abgeschoben wird das Problem aber auf
"Regulierungswut des Staates"

Notwendig: Kritik der Strategien, basieren auf Analyse und Vergleich und Resultat.

 

3.7 Institutionalisierung und Verbeamtung der Wirtschaft

Die Institution wird gebildet aus kognitiven, normativen und regulativen Strukturen und Aktivitäten, die Stabilität und Bedeutung für soziales Verhalten liefern. Das bedeutet, dass die Institution darüber bestimmt, was "normal" und sinnvoll ist.

Professionalisierung, gemeinschaftlich geteilte Denkmuster, Definition der Arbeitsmethoden, wie in den Wissenschaften das Paradigma, erleichtern straffe Kommunikation und Abläufe innerhalb des Betriebes. Man bezeichnet das auch als Isomorphismus (Gleichförmigkeit).

Damit ist die Institution zwar einerseits ein Mittel, die Transaktionskosten im Vergleich zum nicht-institutionalisierten freien Markt zu senken, gleichzeitig aber ein Denkkäfig der Innovation verhindert.  Betriebswirtschaftliche Institutionalisierung führt also, genau wie in der Politik, zu routinemässig reproduzierten Verfahren und zu einem Verlust an Freiheit - und meist zu einer Absage an das Denken, da alle Angestellten, vom CEO bis zu Lageristen und Reinigungskräften, dazu angehalten sind, nach Auftrag zu arbeiten.

Eben dieser Auftrag führt zu weiteren Problemen. Nehmen wir die Pensionskassen. Die verwalten gewaltige Mengen an Geld. Den Verwaltern dieser ungeheuren Geldmacht fehlt aber das Engagement. Sie sind Beamte im Auftrag des Shareholder Values [Auch Rentner sind Shareholder, nicht vergessen!]. Ihr Kapitalgeber will seinen risikogerechten Ertrag, egal wie, mit wem und mit was.

Fazit:

Der Neofeudalismus strebt also nach Macht, Grösse, Wachstum - hat aber keinen Boden mehr, in dem er wurzelt. Er produziert statt Wohlstand für alle immer mehr Ausschluss und Verknechtung unter Wirtschafts- und Betriebszwänge, die er auch in der Politik zum erfolgreichsten Argument gemacht hat.

Das ist nun aber alles nichts Neues, denn präzise diese Ausgangslage führte eigentlich zu:

 

4. Die 68er Kulturrevolution

1968 war ein ereignisreiches Jahr: Prager Frühling und heisser Prager Sommer, mit Beteiligung des Warschau Paktes; die Tet Offensive in Vietnam (mit 32'000 Toten ein Wendepunkt der US-Begeisterung und Beginn der Civil Rights-Bewegung in den USA, verstärkt durch das My-Lai-Massaker), erster Flug der Boing 747, die erste Besichtigung der Rückseite des Mondes durch Apollo 8 (also das erste mal, da die USA zugeben mussten, dass sie hinter dem Mond ...), die Wahl von Nixon, Aufstand der deutschen Studenten gegen den Springer Verlag, der die Deutsche Presse dominiert, Baader-Ensslin... RAF; Mordanschlag auf Rudi Dutschke, Ermordung von R.F. Kennedy, die Ermordung von Martin Luther King; 68-er Mai in Paris , Geburt von Mohammed Atta al Sayed, dem Zerstörer des World Trade Centers. Ein gewalttätiges Jahr also - in dem aber eine Vielzahl von alternativen und generell aus Zwang befreienden Bewegungen entstand.

4.1 Grundlagen, Probleme, Anliegen

Die Gesellschaft 1968 schon ziemlich verklemmt und autoritär, also zumindest das hab ich als damals 13-jähriger schon noch mitgekriegt (Wagnerfan, der die Musik der Beatles für Lärm hielt ... bis Heavy Metal, Hausmusik, Rap und Techno aufkamen, die erst eigentlich klar machten, wie man Lärm als Musik verkauft. [Bevor Sie mich zum Kulturbanausen erklären, heute steh ich auf moderne Klassik, incl. Stockhausen, Ligeti; modernen Jazz, free Jazz, Arabische Musik, insbesondere Munir Bashir), Mit Bürstenschnitt und Manchesterhosen war ich ja Teil davon). Was die "philosophischeren" Inhalte der Bewegung betrifft, so sind die offensichtlich nicht nur mir, sondern auch einer Mehrheit der Bevölkerung damals entgangen. Hier also ein Versuch einer nachträglichen Aufarbeitung, nicht durch einen 68, sondern einen 74er (das sind die zwischen den 68ern, die, mindestens zum Teil, sich noch als Marxisten ansprechen liesst, also eher traditionell links waren, und den 80ern, die oft so anarchistisch waren, dass gleich jeder politische Inhalt flöten ging [s. aktuell "Schwarzer Block].)

1968 hatte zwar einen hochintellektuellen (s. Theorie), wie auch politischen Hintergrund, der sich durch die APO (Ausserparlamentarische Opposition, seit 1960, wie den Widerstände gegen die Medienbeherrschung durch Spiegel seit 1962 auszeichnet. 1969 kam also nicht plötzlich aus dem Nichts.

International strebten Teile der jüngeren Generationen aber zunehmend nach Idealen, die über eine materielle Versorgung hinausgingen. In den 50rrn wurde, vor allem durch das direkte politische Engagement Jean Paul Sartres die Philosophie des Existentialismus in Europa populär.

Die Vorläufer der Studentenbewegung waren durch eine zunehmende Politisierung der Öffentlichkeit und gesellschaftsinterne Gegensätze, insbesondere des sich verschärfenden Generationenkonflikts, geprägt.

Direkter Anstoss zu Krawallen war die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und die Verhaftung von Klaus Croissant, der die Bader-Meinhof Gruppe verteidigt, die Haftbedingungen publik macht - weil sie in Gefahr waren. Croissant wurde der Vorwurf gemacht, mit Terroristen in Beziehung zu stehen ... was er als deren Verteidiger ja wohl kaum vermeiden konnte. Schlechter Scherz beiseite. Deutschland hat damals genau das selbe Spiel getrieben, wie heute die USA mit ihren Terroristen. Verfassungsmässige Rechte wurden unter der Gefahr des Terrorismus plötzlich vom Staat selbst negiert, was definitiv eine äusserst gefährliche Entwicklung ist..

Im Nachhinein ist zu sagen, dass Deutschland so die heutige Terrorismusmanie der USA bereits hinter sich hat. Deutschland diskutiert heute sogar in einzelnen Gemeinden und Organisationen die Basisdemokratie. Also irgendwie hab ich manchmal den Eindruck, dass die NEUE WELT nicht immer der Alten voraus ist.

Aber erst in der Zeit von 1967 bis 1969 sollte der bisher vage und vereinzelte Protest in den parallelen weltweiten Studentenbewegungen kulminieren. Diese Bewegungen waren politisch gekennzeichnet durch Zweifel und Kritik an:

Forderungen:

Die weitere Entwicklung einer neuen Kultur aus dieser Revolution blieb aber schon früh in Musik (Beatles), Sex (In Wahrheit ist die Sexualität überall: darin, wie ein Bürokrat seine Akten streichelt, wie ein Richter Recht spricht, wie ein Geschäftsmann Geld fliessen lässt, wie die Bourgeoisie dem Proletariat in den Arsch fickt und so weiter und so fort. S. 377, Drugs und Anti-irgendwas hängen. 1968 war also die erste Event-Revolution. (s. Gründe für das Einschlafen der Kulturrevolution von 68)

So weit die linkstheoretische Interpretation. Es gab aber noch ganz "normale" Gründe, die diese Unruhen begünstigten. De Gaules Aufholjagd um die Wettbewerbsposition des französischen Kapitals im internationalen Markt zu verbessern nutzte bereits 1968-62 ein austerity-Programm. Die staatlichen Sozialausgaben wurden z.B. um um 20% gekürzt. Nutzniesser war die französische Exportindustrie.

Frankreich und Deutschland waren in die erste Rezession geraten. Die Arbeitslosenzahlen hatten sich in Kürze verdoppelt, und zum ersten Mal waren auch bestausgebildete Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler betroffen.

Hatten sich die Studentenzahlen von 120'000 (1945) auf 210'00 erhöht im Jahr 1960, so stiegen sie bis 1968 nochmals auf 600'000. Das Hochschulsystem war autoritär-zentralistisch, das Examensystem repressiv. Schüler und Studenten wurden zu willenlosen Robotern umfunktionierte. Universitätsinstitute für Technologie sollten über kurze, stark reglementierte Studiengänge keine Zeit lassen für kritisches Denken. (Lässt irgendwie an das Konzept der FH denken ....). Und dennoch resultierte eine erschreckend hohe Zahl an arbeitslosen Hochschulabsolventen. Nur ein geringer Teil gelangte in die führenden Funktionen des Staates oder der Grossindustrie. Intellektuelle, die technische Intelligenz und die Studenten wurden proletarisiert. s. Leistung/Auftragnehmer.

Obwohl 80% der Bevölkerung mit den Anliegen der Studenten sympathisierten und 61% ihre Forderungen für gerechtfertigt hielten, schlug sich das Volk, einschliesslich der extremen Rechten, auf die Seite der Gaulisten und desavouierte die Linke. Die nichtkommunistische Linke war allerdings, genau wie heute, zerstritten und hatte kein Konzept. Der präsidiale Machtapparat erlangte unter Pompidou totalitäre Ausmasse. Die Arbeiter erkannten, dass sie sich nicht nur gegen die etablierten politischen und gesellschaftlichen Kräfte durchsetzen mussten, sondern auch gegen den erstarrte Apparat der Arbeiterbürokratie.

 

4.2 Der Verlauf in einzelnen Ländern

Frankreich:

Am 1. Mai 1968 besetzten politisch links stehende Studierende der Sorbonne zusammen mit Arbeitslosen, Schülern, Rockern und Arbeitern die Räume der Universität. Wegen der Gefahr, dass es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit rechtsstehenden Studierenden kommen könnte, ließen die Pariser Autoritäten die Gebäude am 3. Mai durch die Polizei räumen. Über Hundert Studierende wurden verhaftet und festgehalten. Parolen der in die Besetzungen verwickelten Situationisten (alle Macht der Fantasie, Nimm deine Wünsche für Wirklichkeit, ...) wurden in ganz Paris auf Wänden und Plakaten angebracht. Die Aktionen stellten auch eine leidenschaftliche Stellungnahme gegen den nach Meinung vieler Studenten um sich greifenden Konsumismus dar.

Es folgte eine unglaubliche Solidarisierung mit den Pariser Studenten erst in ganz Frankreich, kurz darauf in ganz Europa. Erstmals solidarisierte sich auch die Arbeiterbewegung mit den Studierenden und die französischen Gewerkschaften, außer der CGT, der kommunistischen Gewerkschaft, die das alles für eine gesteuerte Aktion rechter Kreise betrachtete, organisierten ihrerseits Kundgebungen. Frankreich erlebte nun den ersten wilden Generalsstreik der Geschichte, der sich fast einen Monat hinzog. Die Regierung, aber auch die CGT setzte sich immer wieder für eine Beendigung der Streiks ein.

Am 24. Mai kündigte Charles de Gaulle die von den Studenten geforderten Reformen im Bildungswesen an und Pompidou kündigte ob der Unzufriedenheit in der Bevölkerung alsbaldige Neuwahlen an.

Frankreich ist das einzige Land, in dem die 68er Aufstände fast die Regierung zum Absturz bringen. Die Studenten haben nur ein klein bisschen zu früh aufgegeben.

Tschechei/Prag:

In den Medien des Landes fand seit Februar 1968 eine "wahre Informationsexplosion" statt. Dementsprechend wurde das Aktionsprogramm in der Öffentlichkeit wenig begeistert, sondern vielmehr als selbstverständlich aufgenommen, die Meinungsführerschaft hatte inzwischen von der Partei zum Volk gewechselt.

Die Sowjetunion, die den Machtwechsel von Novotný zu Dubček zunächst gutgeheißen hatte, dann aber schnell eine äußerst skeptische Position zur tschechoslowakischen Entwicklung einnahm, schätzte das "Manifest der 2000 Worte" als eine Plattform der Konterrevolution ein, und reagierte entsprechen, womit sich der nichtganzsoorthodoxlinke Teil der Bewegung in der Annahme bestätigt sah, dass es keine gute Macht gibt, sondern Macht immer ein Problem ist. So gesehen ist die "rechte" Kritik an der 68er Bewegung falsch, denn sie war genau so selbstkritisch, d.h. linkskritisch (in gewissem Mass), wie kritisch gegenüber dem rechten Establishment der Wirtschaft.

USA

Free Speech Movement:

Bereits vor der Gründung der Free Speach Movements [FSM] waren in Berkeley zahlreiche Hochschulgruppen, die der Neuen Linken (Siehe auch: Neue soziale Bewegungen) zugerechnet werden, aktiv. Im Jahr 1957 formierte sich auf dem Campus eine Gruppe namens SLATE, die sich für den Schutz von Bürgerrechten, einen Stopp von Atombombentests, die Abschaffung der Todesstrafe und für die Bekämpfung zahlreicher weiterer außeruniversitärer Probleme einsetzte.

Im Jahr 1960 protestierten mehrere hundert Studenten der UC Berkeley gegen das in San Francisco tagende Komitee für unamerikanische Umtriebe (was in der Schweiz der Fichenaffäire, die neue Spitzelrekrutierung gegen Linke, Agentur Farner etcetc. Der Protest wurde von der Polizei mit einem massiven Wasserwerfereinsatz und durch die Festnahme von mehreren Dutzend Demonstranten beantwortet.

Im folgenden Jahr wurde zahlreichen Bürgerrechtlern und linken Politikern, wie etwa Malcolm X, seitens der Universitätsleitung ein Redeverbot erteilt, womit die Universitätsleitung den Riss zwischen ihr und einem Teil der Studierenden weiter vergrößerte. Verschärft wurde dieser Konflikt auch durch das zwischen den Jahren 1963 und 1964 rapide Ansteigen der Studentenzahl an der Universität, und die unzulängliche Reaktion der Universitätsleitung auf diese Entwicklung.

Civil Rights Movement

 

Im engeren Sinn war die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung (Civil rights movement) der Afroamerikaner in den USA, die durch ihren populären Protagonisten Dr. Martin Luther King jr. in den späten 1950er und 1960er Jahren weltweite Aufmerksamkeit und Bedeutung erlangte, eine der historisch bekanntesten Bürgerrechtsbewegungen. Das Civil rights Movement wird in einem verbreiteten Verständnis oft mit dem Begriff "Bürgerrechtsbewegung" synonym verstanden, obwohl es auch verschiedene andere Bürgerrechtsbewegungen in vielen anderen Staaten gab und gibt.

Die Black Panther-Bewegung legitimierte ihre Militanz mit der nach wie vor existenten rassistischen Gewalt gegen farbige Menschen in den USA. Dieser rassistischen Gewalt fiel auch Martin Luther King, der sich Ende der 1960er Jahre zunehmend auch gegen den Vietnamkrieg wandte, 1968 bei einem Attentat zum Opfer. Auch Malcolm X war schon 1965 durch einen Mordanschlag ums Leben gekommen. s. Mario Savio

Ein oft gerufener oder gesungener Slogan der Bürgerrechtsbewegungen war Power to the people!, was so viel wie Macht für die Bevölkerung! bedeutete, und damit diejenigen meinte, die bisher am politischen Prozess kaum teilhatten, es war eine Forderung nach Teilhabe an Demokratie genauso wie ein Aufruf zur Selbstermächtigung.

Warnung:

 Auch im selbsternannten Vaterland der Demokratie, den USA, ist die Freiheit, nicht mal die Redefreiheit, auf den Bäumen gewachsen. Sie musste erobert werden. Noch mehr gilt das, wenn man nicht zur Elite gehört, wie diese Studenten.

Flower Power, Hippies

ITALIEN:

In Italien kommt es 1968 das ganze Jahr durch zu Verbrüderungen mit streikenden Arbeitern, z.B. bei Fiat, und landesweiten Universitäts-Streiks und Unruhen.

 

Außer in Frankreich (Mai-Unruhen) gelang es den Protestbewegungen nicht, einen Solidarisierungseffekt in der breiten Bevölkerung hervorzurufen; dies gilt auch für die Bundesrepublik. In Deutschland gehören heute einige prominente Alt-68er nach erfolgtem Marsch durch die Institutionen selbst zum Establishment.

 

4.3 Gründe für das "Erschlaffen" der 68er Bewegung

 

Die meisten 68 wurden von der Maschine gefressen, beim Gang durch die Institutionen angepasst, normiert und wieder ausgekackt (oft mit der entsprechenden Farbe).

Die Aussteiger wurden ihres Substrats beraubt, da die grosse Maschine dieses gefressen (genichtet) hat: Subsistenz ohne Geld ist kaum mehr möglich. Selbst Subsistenzwirtschaft muss Überschüsse erarbeiten [also mir ist der logische Widerspruch der Aussage nicht entgangen ...]  - und diese zu Marktpreisen anbieten - und dort wo Subsistenzwirtschaft stattfinden kann, meist in der Landwirtschaft, sind die Preise auf einem Niveau, dass nicht mal mehr Existenz erlaubt sondern, ganz entgegen der normalerweise verlautbarten Theorie, offen nach Quersubventionierung durch Zusatzjobs bei den Bauern schreit.

 

Die 68er suchten, wie seither die meisten Frauen auf dem Weg zur Emanzipation, die Selbstverwirklichung. Dummerweise aber taten und tun sie das meist über "die Karriere", womit sie sich vor einen Karren spannten, der weder der ihre war noch auf dem Weg fahren wollte, den sie als den ihren betrachteten. Damit erhielten und erhalten sie den Status quo, den sie eigentlich verändern wollten. Eine deutsche Bank für Baukredite formuliert das in ihrer Werbung heute so:

Wenn ich einmal gross bin, möchte ich auch Spiesser werden!

... was interessanterweise in etwa auch meiner eigenen Meinung 1968 zu den Vorgängen entspricht: Studenten sollen studieren, nicht demonstrieren. Aber das war, wohlgemerkt, die Meinung eines (noch) autoritätsgläubigen 13-jährigen - mit Bürstenschnitt.

Genauer besehen ist der Weg dahin gar nicht so weit, wie er aussehen könnte, denn die 68er sind Helden der Hochkonjunktur (Röcke kurz, Maul offen) - in der sie wenig Widerstand erfahren. Heute gehören viele zu denen, die, egal ob grün, rot oder blau, ebenfalls nach mehr "WACHSTUM" schreien. Sie sind die Perversion des existentialistischen Helden: Erst das Fressen - dann die Moral ... falls ich dann noch Bock drauf hab. Es wundert wenig, dass der grösste Erfolg der 68er die sexuelle Revolution war, denn da wollte ja jede(r) mitmachen, mit Begeisterung und Tatendrang. Kritik und Korrektur der wirtschaftlichen und politischen Probleme ist im Vergleich dazu halt schon ein recht trockenes und theoretisches Gebiet. Viel Anstrengung und wenig Lohn.

Kritisiert die Rechte (s.u.) das zu Viel an Freiheit und Unordnung der 68er als Ursache der gegenwärtigen Probleme, so muss man bei genauerer Betrachtung vielleicht feststellen, dass es schon ein etwas zu grosser Glaube an die Vorteile einer autoritätsfreien Gesellschaft waren, die zu den heutigen Problemen führten. Dies allerdings nicht, weil man Autoritäten wieder anerkennen sollte, sondern weil man ab und zu den Autoritäten ganz autoritär in den Hintern treten muss, da sie sich sonst die Freiheit herausnehmen, willkürlich zu agieren.

Ein zweites Problem ist, dass sich der Kampf vom Kampf der Klassen auf einen Kampf zwischen den Generationen verschoben hat. Die Arbeiterklasse, auf der der Aufstand ruhen sollte, gibt es schon lange nicht mehr. Sie wurde längst durch eine wohl angepasste Armee von Angestellten ersetzt, die sich Befehlen und Aufträgen mit der gleichen Demut unterwerfen wie Soldaten. Die 68er wurden so eine Jugendkultur, die sich per Rock und Beat und Haarlänge von der Generation ihrer Vorfahren unterscheiden wollte. Man wollte anders sein, und das war der Aspekt der kommerzialisierbar war und kommerzialisiert wurde - womit die Bewegung als Massenbewegung zu etwas recht unartikulierten, unorganisiertem, unpolitischem - aber dafür eigentlich Systemkonformem, entwickelte (s. etwa New Age).

Trotzdem wurde diese Jugendbewegung (die keineswegs alle Jugendliche umfasste) von den Erwachsenen als ernsthafte Bedrohung ihres herkömmlichen Lebensstils - insbesondere im Hinblick auf die Aufweichung einer rigiden, religiös begründeten Sexualmoral, und den hergebrachten gesellschaftlichen Konventionen der 50er (kulturell etwa bei Musik und Kleidung, Ablehnung von Sekundärtugenden, Konsumismuskritik statt Wirtschaftswunder-Enthusiasmus) - aufgefasst und abgelehnt. Diese Fehleinschätzung und eine daraus folgende Intoleranz mag viel zur rapide wachsenden Unversöhnlichkeit zwischen den Generationen gegen Ende der 1960er Jahre beigetragen haben.

Gerade was den Lebensstil betrifft, haben uns die 68er "nachhaltig" geprägt, dummerweise mehr in Äusserlichkeiten (Jugendwahn, Spassgesellschaft) als in Inhalten (Freiheit, Bürgergesellschaft, Toleranz).

Es gab 68 viele Erregungen, Gebärden, Worte, Torheiten, Illusionen, aber nicht das ist es, was zählt. Es zählt nur, dass es ein Phänomen der Hellsicht war, als sähe eine Gesellschaft mit einemmal all das, was sie an nicht Tolerierbarem enthielt und sähe zugleich die Möglichkeit von etwas anderem. S. 220

In Frankreich dagegen (im Gegensatz um New Deal der USA und dem Aufschwung Japans)  haben nach 68 die Regierungen ständig mit dem Gedanken gelebt, dass "es sich schon legen werde". Und es hat sich tatsächlich gelegt, wenn auch unter katastrophalen Bedingungen. Heute sieht man, wie sich die Arbeiter von Longwy an ihren Stahl, die Milcherzeuger an ihre Kühe klammern usw.

Die Kinder des Mai 68 sind fast überall zu finden, sie wissen es selber nicht, und jedes Land bringt auf seine Weise welche hervor. Ihre Lage ist nicht rosig. Es sind keine jungen Kader. Sie sind sonderbar gleichgültig und doch auf dem laufenden. Sie haben aufgehört, anspruchsvoll oder narzisstisch zu sein, wissen jedoch genau, dass derzeit nichts ihrer Subjektivität, ihrer Energie entspricht. (S. 221-22)

Fachhochschulen haben den Auftrag, die Brücke zu sein zwischen reiner Kaderselektion und der Wissenschaft. Sie müssen genau dieses Gefäss füllen, wo es klar darum geht, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitsmarktfähige Produkte oder Dienstleistungen zu erstellen.

Ursula Renold. Chefin des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie. In: Handelszeitung Nr. 36. 7.Sept, 2005. S. 67: Die Fachhochschulen haben Profil

Kommentar: Vermutlich handelt es sich bei den "arbeitsmarktfähigen Produkten" bloss um ein etwas missglücktes Satzkonstrukt (da Absolventen in der Lage sein sollten, marktfähige Produkte zu erstellen... oder sind wir schon so weit, dass Studenten als "Produkte und Dienstleistungen" bezeichnet werden? So oder so - beides belegt deutlich die Notwendigkeit eines "remake" der 68er.

Auch was die damaligen Träger des Aufstandes betrifft, die Studenten der Universitäten, sind diese seither "konkurrenzbewusster" geworden. Sie nutzen die Studienzeit um Beziehungen zu knüpfen und Diplome zu erwerben, um ihre erfolgreiche Integration in die grosse Maschine an möglichst ertragreicher Stelle zu garantieren. Wissen ist nur dann gutes Wissen, wenn es sich wirtschaftlich nutzen lässt, verkaufbar ist, der Karriere förderlich ist, kurzum direkt und schnell verwertbar ist. Man hat offenbar keine Utopien mehr, keine Kritik zu äussern, keine Ideale zu vertreten und keine Träume mehr - ausser den, so rasch wie möglich in die nächste Stufe der grossen Maschine integriert zu werden. Die Idealen Angestellten findet die Wirtschaft heute also in den Absolventen der Fachhochschulen, in denen die Praxis, die Anwendbarkeit, die Verwertbarkeit, die Wirtschaftlichkeit dominieren und in denen so "seltsame" "theoretische" Fragen, dank der Herkunft der Absolventen aus praktischen Berufen, schon gar nicht gestellt werden.

Ein drittes Problem der ganzen Generation ist der lästige, gedrehte, unverständliche und dabei meist dennoch nichtssagende Soziologenslang (den Sie in der WOZ immer noch ausgiebig geniessen können.) Die 68 sind mit ihrem oft schwer verständlichen soziopolitischen Gebrabbel damit eigentlich das Erblühen der verspäteten Postmoderne. Hier ein Mustersatz von Gilles Deleuze, Felix Guatarri aus:  Anti-Oedipus. Kapitalismus und Schizophrenie. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 224. Frankfurt a.M. 1974.  S. 483-484:

Wir haben gesehen, wie dieser Komplex funktioniert: ein umfassendes Immanenzfeld, das auf erweiterter Stufenleiter sich reproduziert, unaufhörlich je nach Bedarf seine Axiome vermehrt, sich mit Bildern und Bildern von Bildern auffüllt, über welche der Wunsch bestimmt wird, seine eigene Repression zu wünschen (Imperialismus) - Decodierung und Deterritorialisierung ohnegleichen, eine Konjugation, ein System differentieller Verhältnisse so zwischen decodierten und deterritorialisierten Strömen hervorbringen, dass Einschreibung und gesellschaftliche Repression sich nicht einmal mehr auf die Körper und Personen unmittelbar zu erstrecken brauchen, vielmehr vor diesen existieren (Axiomatik, Regulierung und Applikation), - ein als Mehrwert an Strömen bestimmter Mehrwert, der nicht auf der Grundlage einer einfachen arithmetischen Differenz zwischen zwei homogenen Quantitäten gleichen Codes erzwungen wird, sondern gerade vermittels differentieller Verhältnisse zwischen heterogenen, ungleich starken Grössen: Kapitalstrom und Arbeitsstrom als von Menschen geschaffener Mehrwert innerhalb des industriellen Wesens des Kapitalismus, Finanzierungsstrom und Zahlungs- oder Einkommensstrom innerhalb der monetären Einschreibung des Kapitalismus, Markstrom und Innovationsstrom als maschineller Mehrwert innerhalb des Funktionskreises von Handel und Banken innerhalb des Kapitalismus (Mehrwert als erster Aspekt der Immanenz), - eine um so unbarmherzigere herrschende Klasse, als sie nicht die Maschine in ihren Dienst stellt, sondern Dienerin der kapitalistischen Maschine ist: in diesem Sinne einzige Klasse, die sich ihrerseits damit begnügt, Gewinne herauszuziehen, die, wie umfänglich auch immer, nur in arithmetischer Differenz zum Lohneinkommen stehen, obgleich sie im tiefsten Innern als Schöpferin, Regulatorin und Wächterin des nicht-angeeigneten, nicht besessenen und mit Löhnen und Profiten inkommensurablen grossen Stromes fungiert, der allzeit die inneren Grenzen des Kapitalismus, deren fortwährende Verschiebung und auf stets erweiterter Stufenleiter sich vollziehende Reproduktion kennzeichnet (das Spiel innerer Grenzen als zweiter Aspekt des kapitalistischen Immanenzfeldes, definiert durch das zirkuläre Verhältnis "grosser Finanzstrom - Rückstrom von Lohneinkommen - Anhäufung reiner Profite"), die Effusion der Anti-Produktion in die Produktion, als Realisierung und Absorption des Mehrwerts in der Weise, dass der militärische, bürokratische und Polizeiapparat in der Ökonomie selbst begründet wird, die unmittelbar libidinösen Besetzungen der Repression des Wunsches produziert (Anti-Produktion, der dritte Aspekt der Immanenz, der die Doppelnatur des Kapitalismus zum Ausdruck bringt: Produzieren um des Produzieren  willen, aber innerhalb der Bedingungen des Kapitals).

Dieser Einzelsatz hat bis hierher 2793 Zeichen, also das, was der Tagesanzeiger sich noch traut dem Leser als mittleren Artikel zuzumuten, was beim Blick vermutlich schon als Sonderartikel bezeichnet, in mindestens 5 Paragraphen samt grossen Überschriften zerlegt und auf einer ganzen Seite präsentiert würde. [Wenn Sie nun einwerfen möchten, dass mein Stil ... äh. tja ... Hat manchmal was. Aber der hier z.B. ist schon ein etwas extremer Fall, hat aber nur 751 Zeichen (was zwar im Tagesanzeiger ebenfalls einer ganzen Kurznotiz samt Titel entspricht). Wolf Schneider meint dazu in seinem Buch "Deutsch!" Beim 14. Wort eines Satzes setzt das Verständnis der meisten Zuhörer aus; Lesern kann man eine Satzlänge von allenfalls 18 Wörtern zumuten. Der Satz oben umfasst 344 Wörter!

Kein einziger Aspekt, nicht die kleinste Operation, nicht der winzigsten industrielle oder finanzielle Mechanismus, der nicht das Irresein der kapitalistischen Maschine und den pathologischen Charakter ihrer Rationalität offenkundig werden liesse (keineswegs falsche Rationalität, sondern wirkliche Rationalität dieses Pathologischen, dieses Irreseins, "denn seid gewiss, die Maschine funktioniert).

Wie gesagt, einigermassen kompliziert bis unverständlich, aber wichtig, da Deleuze/Guatarri ziemlich viel Worte darauf verwenden, die Wunschunterdrückung psychologisch zu begründen. Wichtig, weil wir diese Wunschunterdrückung als Bescheidenheit und Sparsamkeit ebenso im Nährsubstrat des Kapitalismus finden, im Protestantismus.

 

4.4 Theorie und Kritik: Die Gegenrevolution.

 

Jedermann preist das unblutige Scheitern des Sozialismus. Aber es sieht nicht so aus, als hielte man den Zustand des kapitalistischen Weltmarkts für ein Scheitern, all die blutigen Ungleichheiten, die ihn bedingen, all die aus dem Markt gedrängten Bevölkerungsgruppen usw. S. 361

Gilles Deleuze: Schizophrenie und Gesellschaft. Texte und Gespräche von 1975 bis 1995.

Die Theorie der 68er ist die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Das egalitäre Streben nach Gleichheit der 68er und ihrer Vorgänger (Französische Revolution) und Nachfolger trifft auf aktuelle neokonservative Tendenzen, die verstärkt wieder auf Elite-Konzepte setzen. s. 4.4.1

Der hier verlinkte Artikel Rudolf Willekes:  Hintergründe der 68er-Kulturrevolution. Frankfurter Schule und Kritische Theorie  ist umfassendes, tendenziell richtig, aber doch etwas tendenziös, also etwa so, wie wenn die Weltwoche behaupten würde, sie liege politisch nur so ein bisschen rechts der Mitte.

Muster:

Diese technikfeindliche Grundströmung in unserer Gesellschaft führt den `Grünen´ ein Wählerpotential von 10 %, führt `Green-Peace´ und den Umwelt-, Natur- und Tierschutzverbänden finanzielle und humane Ressourcen zu und macht die Ökologie zum Staatsziel Nr. 1 und zur alles in ihren Bann schlagenden Ideologie.

Kritische Theorie will die Wirklichkeit nicht beschreiben, sie will sie verändern, sie steht damit im polemischen Widerspruch zu allen traditionellen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie des Deutschen Idealismus.

Golo Mann, veräppelte die kritische Theorie ebenfalls als `Marxismus für feine Leute´, also Intellektuelle. Womit er vielleicht nicht mal unrecht hatte, denn der marxistische Appell `Proletarier aller Länder, vereinigt euch!´ wurde in die neomarxistische Version `Intellektuelle aller Institutionen, emanzipiert euch!´ umgeändert.

Habermas fordert und verspricht wie Horkheimer die (völlig) herrschaftsfreie Gesellschaft. Ihr "liberaler Marxismus" wurde mit entwickelt von Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas, Wilhelm Reich, Paul Tillich, Erich Fromm, Alexander Mitscherlich und Friedrich Pollock.

 

Erich Fromm in Haben oder Sein:

Objektivierung von allem, z.B. ist man auch nicht mehr besorgt, sondern hat ein Problem, das sich abspalten und lösen lässt.

s. auch:

 

Einige der wichtigsten Grundsätze sind:

  1. Alle Bedürfnisse sollen chancengleich zugelassen und befriedigt werden.

  2. Alle durch Herrschaft verzerrten Kommunikationsstrukturen der jetzigen Gesellschaft sollen durch den `herrschaftsfreien Diskurs´ der Vernünftigen und `Aufgeklärten´ abgelöst werden:

    In der programmatischen, von Habermas verfassten Einleitung "Über den Begriff der politischen Beteiligung" wurde die widerspruchsvolle Entwicklung zur modernen Massendemokratie analysiert: "Mit dem Zurücktreten des offenen Klassenantagonismus hat der Widerspruch seine Gestalt verändert: Er erscheint jetzt als Entpolitisierung der Massen bei fortschreitender Politisierung der Gesellschaft selbst. In dem Maße, in dem die Trennung von Staat und Gesellschaft schwindet und gesellschaftliche Macht unmittelbar politische wird, wächst objektiv das alte Missverhältnis zwischen der rechtlich verbürgten Gleichheit und der tatsächlichen Ungleichheit in der Verteilung der Chancen, politisch mitzubestimmen." Politische Beteiligung werde nur dort ihrem Anspruch gerecht, wo gesellschaftliche Macht so in rationale Autorität verwandelt werde, dass ökonomische Ungleichheit nicht länger mehr ungleiche politische Chancen nach sich ziehe. Eine aktuelle Chance zur politischen Beteiligung scheine nur noch in "außerparlamentarischen Aktionen" gegeben zu sein.

  3. Alle Machtansprüche müssten sich ständig rechtfertigen.

Ziele:

1. Ziel: Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft: die Institutionen sollen nicht länger kulturelle Leitbilder, Normen, Erwartungen bzw. Weltbilder an die nachwachsende Generation tradieren, sondern diese in ihrer `kontrafaktischen Gültigkeit´ relativieren, durch Gruppendynamik lockern und auflösen.

2. Ziel: Ent-Bürokratisierung: Der bei uns eingespielte bürokratische Problemlösungsstil verursache stärkere seelische Störungen als der Kapitalismus insgesamt, weil er die Individuen in ihrer Spontaneität, Initiative und Verantwortungsfähigkeit fundamental beschneide. Durch Einführung gruppendynamischer Elemente in die Bürokratie sollen die Probleme dort gelöst werden, wo sie entstehen, nämlich auf der Gruppenebene. Probleme sollen also nicht auf die nächsthöhere Ebene verlagert und damit entschärft werden.

3. Ziel: Ent-Hierarchisierung: Hier geht es um die Absetzung und Entmachtung der Hierarchen, der Autoritäten, Vorgesetzten, der Über- und Unterordnungsverhältnisse. Jeder soll seinen Status in der Hierarchie für auswechselbar halten. Alle innovatorischen Impulse und Entscheidungen sollen von gruppendynamischen Prozessen ausgehen (Brain-storming).

4. Ziel:

Deutschland braucht dringend Wachstum, die Arbeitslosigkeit muss gesenkt werden und die Menschen müssen ermuntert werden, auch einfache Arbeiten zu machen.

Peter Grüschow, Chef von Siemens Schweiz, im Interview mit Daniela Decurtins (Tagesanzeiger 7.9.05. S.18)

Ent-Funktionalisierung des Bildungssystems. Bildungs- und Beschäftigungssystem sollen voneinander entkoppelt werden. Schule soll nicht länger Institution der Erziehung und Bildung sein, sondern vielmehr zu einer Veranstaltung der Verhaltensmodifikation, der Verhaltenstherapie und -kontrolle werden. Das bisherige Schulsystem mit seinen Leistungsanforderungen und Auslesemechanismen soll nicht länger die soziale Schichtung der Gesellschaft reproduzieren. In der Gesellschaft soll es keine Schichten, sondern nurmehr ökonomisch-soziale Gleichstellung geben. Diese Gesellschaft der Gleichheit nannte Marx `klassenlose Gesellschaft´. Die aktuelle Forderung rechts zeigt, dass die Verdummungsmaschine immer noch genau gleich funktioniert wie vor 40 Jahren. Wer zu wenig gelernt hat, ist zu dumm zum Arbeiten, wer zu viel weiss stört die Maschine und muss - auf einfache Abläufe und Strategien - umerzogen werden).

5. und letztes Ziel der gruppendynamischen Bewegung ist die Ent-Stabilisierung der Bildungssubjekte: Die Gesellschaft soll an stabilen Ich-Strukturen, wie Freud sie im Auge hatte, kein Interesse mehr nehmen. Durch Gruppendynamik könnten die Ich-Strukturen als `falsche Sicherheiten´ interpretiert und `neue Horizonte´ erschlossen werden.

 

Fies ist Punkt 5, Entstabilisierung der Bildungssubjekte - anstatt antiauritäre Erziehung, als Hilfe, sich selbst zu finden und zu entwickeln. Solchen Kokolores lasse ich normalerweise rechts liegen und fördere ihn nicht noch durch einen Kommentar meinerseits. Willeke ist es aber gelungen, hier so sämtliche Vorurteile von Rechts gegen die 68er Bewegung im typisch fiesen rechten Stiel aufzulisten, dass er das ideale Stratum für eine Replik bietet.

 

Willeke, der in seiner Auslage der Ziele der 68er, oben, schon reichlich Kritik eingebaut hat, Kritisiert weiterhin, dass diese Ziele führen:

 

1. zu einer rasanten Schwächung der Erziehungskraft und des Erziehungswillens der Familie und der Autoritäten.

Hoffentlich, denn das war die Absicht. Erziehung sollte keine Verformung mehr sein, sondern natürliches, harmonisches Wachstum begünstigen, ganz im Sinne der Majeutik. Der Erziehungswille hätte an die sich selbst organisierende, also freie Gesellschaft übergehen sollen, hat aber dummerweise hat der Erziehungswille weder diese (die selbstorganisierte Gesellschaft) noch sonst einen tauglichen neuen Träger gefunden - wurde also mit ebensolcher Leichtigkeit wie Erfolg von der Wirtschaft gekapert, und Bildung noch weiter zu Ausbildung reduziert. Hier haben wir einen vollen Misserfolg der 68er und damit ein weiterhin bestehendes Problem. Die 68er haben das Problem zwar nicht gelöst, aber eigentlich verursacht haben sie es auch nicht, denn dieses Fehlen jeglicher gültiger Orientierung, wie sie von einigen 68ern schon fast zum Ideal erhoben wurde, ist seinerseits ein klares Zeichen von Anomie, also selbst Produkt vergehender gesellschaftlicher Störungen. Es darf angenommen werden, dass das Ersetzen von Werten durch Preise weitaus mehr dazu beigetragen hat als das Übertreten überholter sexueller Normen und das Tragen langer Haare.

Was die Bildung betrifft, so kann ein mangelnder Wille oder Verständnis bei den 68ern sicher nicht abgeleitet werden, denn der Ursprung der reellen Unruhen lag ja in den Universitäten. Es waren nicht Studenten, die sich durch die von Autoritäten gestellten Anforderungen überfordert fühlten, sondern diese "Bewegten" wollten bereits 1968 das, was heute die Wirtschaft tagtäglich durch sämtliche Blätter plärrt: Bildung sichert die Zukunft! Allerdings, und hier unterscheidet sich das Anliegen der 68er von dem der Wirtschaft, man wollte eine Bildung die den Ausgebildeten weiter hilft, nicht primär die Wirtschaft mit Fachtrotteln versorg. That's the problem and it is still the same problem today. Failure.

Und in der Tat, aus Sorge um den wachsenden Bildungsnotstand in der Bundesrepublik zogen am 1. Juli 1965 Tausende von Studenten demonstrierend durch die Städte. Ihr Motto lautete "Bildung sichert die Zukunft". Sprecher erklärten, dass Bildung nicht das Privileg einer auserlesenen Schicht bleiben dürfe, sondern zum integrierenden Faktor der Gesellschaft werden müsse. Insbesondere das soziale Ungleichgewicht in der Zusammensetzung der Studierenden wurde hervorgehoben. Nur fünf Prozent von ihnen, hieß es, kämen aus Arbeiterfamilien. Dies sei nicht etwa Ausdruck mangelnder Intelligenz, sondern Indiz für die Unfähigkeit des Bildungswesens, Begabte ausreichend zu fördern.

http://www.bpb.de/publikationen/N86ETU,1,0,Denkmodelle_der_68erBewegung.html

 

2. zu einem tiefgehenden Werteverfall bzw. Traditionsbruch zwischen der älteren und jüngeren Generation.

Die Werte sind nicht zerfallen, sie wurden ganz einfach durch Preise ersetzt. Das war aber weder Absicht der 68er noch eigentlich Folge. Das ist Folge der unkritischen, Übernahme fast aller Vorgaben der Wirtschaftsführer, der heutigen Autoritäten. Autorität ist ja kein Wert, sondern die Behauptung einer persönlichen Machstellung, einer sozialen Überwertigkeit (und, wie im anklickbaren Artikel gezeigt, nur all zu oft die Basis für Rechtsextremismus und andere Varianten des Faschismus). Die Kritik daran entstand ja präzise aus der Tatsache, dass diese Überwertigkeit kaum je wirklich da ist, als echte Autorität, Autorität die auf besserem Wissen und positiver Ausstrahlung basiert, sondern reine Schutzbehauptung der Autoritäten, denen es bloss um Vor-Macht geht. Allerdings muss man hier zugeben, dass die 68er in der Beziehung Werte wohl das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben. Macht wurde durch Beliebigkeit ersetzt, Verantwortlichkeit negiert, was das Aufkommen des Neoliberalismus enorm erleichterte, in dessen Strukturen folgerichtig die meisten Mitläufer der 68er untergekommen sind.

3. zu einer Legitimations- und Legitimitätskrise

Eben, wo keine Legitimation der usurpierter Macht durch Autorität - da Krise. Recht so! Ist beabsichtig!! Voller Erfolg der 68er!!! Mehr davon!!!! Nieder mit allen nicht legitimierten Mächten und Autoritäten!!!!!

4. zu einem grundsätzlichen Wandel des Bewusstseins und des Verhaltens der Bürger gekommen: Permissivität ist gestiegen, Hemmschwellen wurden abgesenkt.

Super, also ein voller Erfolg der 68er. ... oder möchten Sie wieder die verklemmte Gesellschaft der 50er in der jede(r) sich nach irgend welchen abstrusen Normen der Gesellschaft richten soll, so ähnlich denen, die in Rolf Lyssys Film "Die Schweizermacher" vorkommen: Alle Abfallsäcke müssen die gleiche Farbe haben!

5. Die Fähigkeit der Institutionen, sich zu wehren, d. h. der Wille, die überkommenen Institutionen zu rechtfertigen und gegen deren `Enteignung´, `Umfunktionalisierung´ oder Auflösung zu verteidigen, ist im Schwinden begriffen.

Institutionen betonieren das Denken zu. Institutionen führen zu Sachzwängen. Institutionen, die wichtige Funktionen erfüllen, können diese verbal immer noch genau so gut verteidigen wie früher - werden aber durch die Vorherrschaft der Wirtschaft genichtet. Und auch dieses Problem ist darauf zurückzuführen, dass Politiker heute das tun, was die Wirtschaft von ihnen verlangt - statt (zumindest in einem gewissen Masse) umgekehrt. Eigentlich sollten Politik und Wirtschaft kooperieren, um die Wünsche des Volkes, nicht der Institutionen und Autoritäten, bestmöglich zu erfüllen.

68 war so gesehen ein 2/5 Erfolg - Nicht gerade überwältigend. Aber einiges begann doch auch erst zu wachsen: s. 4.5

4.4.1 Die Anti-68er [nach Constantin Seibst: Wie Haifische sterben: Tod in der Teppichetage. Tagesanzeiger, 13.9.06. S. 10]

Der Schweizer Wirtschaftsfilz wurde allerdings nicht durch die Linke durchgeschüttelt, sondern durch Maulwürfe aus den eigenen Reihen, mit virulenter, autoritärer anti-68er Einstellung. Es handelt sich in erster Linie um:

Christoph Blocher

Martin Ebner

  • 1936 Gründung der HOVAG (Holzverzuckerungs-Ag) durch Werner Oswald,

  • 1941 erster Spatenstich, Ems Chemie und die IG-Farben zur Nazizeit,

  • 1956 Umstellung auf Kunstdünger und Kunstfasern¸ 1960 Emser Werke, 

  • 1980 Blocher führt neue Produktionslinien ein: Kunststoffe und Spezialfasern.

  • 1981 Umbenennung in Ems-Chemie

  • 1983 übernimmt Christoph Blocher von Werner Oswald (eigentlich hatte er den Auftrag, die Firma zu verkaufen, erwarb sie aber gleich selbst, günstig, was man management buyout nennen könnte), und dank 16 Mio. Franken.
    von des SBG ....

  • 2003/4 gibt Blocher die Mehrheit an seine Kinder ab, da er Bundesrat wird.

Seine politische Meinung setze ich als bekannt voraus ...

  • Wird bei der Familienbank Vontobel am Aufstieg gehindert.
  • Gründet 1985 die eigene private BZ Bank in Zürich
  • 1997 Verlegung der Bank nach Wilen bei Wollerau, Kanton Schwyz. Macht von 92 bis 98 ca. 500 Millionen Fr./Jahr an Honorareinnahmen für die Kapitalverwaltung.
  • 2001 hat Ebener ein Vermögen von 1 bis 2 Milliarden Fr.
  • 2002: Pharma Vision, Stillhalter Vision verlieren fast völlig an Wert. Ebener ist bankrott.
  • 2005: Ebner ist wieder da mit der Patinex Ag ...

Ebner ist der prominenteste Verfechter des "Shareholder Value" :

  • Verkleinerung von Verwaltungsräten
  • Reduktion von VR-Zahlungen
  • Konzentration auf die Interessen der Eigenkapitalrendite
  • Reduktion (Rückzahlung) des Aktienkapitals bei gleichzeitiger Erhöhung der Eigenkapitalrendite (siehe Leverage Effekt)

Mit Blocher verbinden ihn nicht bloss Verwaltungsratsmandate, sondern auch die Forderung nach einer Reduktion der Staatsquote, nach Steuersenkungen und der Privatisierungen von Staatsaufgaben - ja sogar einer privatisierten AHV.

Gemeinsam formten sie die 90er. Blocher bodigte mit der netten Unterstützung des SVP-Stimmvolkes die EWR-Abstimmung. Ihr nächster Angriff galt dem Finanzplatz. Ebner kaufte SBG Aktien, bezeichnete die SBG-Führung der Unfähigkeit und des Betrugs an den Aktionären. Blocher, 1981-1991 Verwaltungsrat der SBG, forcierte die Fusion mit dem Bankverein, der die geschwächte SBG dann auch in die UBS übernehmen konnte.

Die Unternehmensberater von McKinsey verschlankten serienweise Firmen. Der McKinsey Boss Lukas Mühlemann (heute CS), wird von Ulrich Bremi und Rainer E. Gut auf den Chefsessel der Swiss Re gehievt, deren Aktienwert sich in der Folge vervierfachte. Lukas Mühlemann übernimmt dank Ebners Aktienpaket für 14 Milliarden Fr. die Winterthur (die heute ja AXA heisst, weil die Franzosen sie für 13.4 Milliarden übernommen haben ...) und verkündet das Konzept der Allfinanz, das eindrücklich tönte, die Börsenkurse in die Höhe trieb - aber nie funktionierte. 

Da die UBS durch die Querelen mit Blocher und Ebner zu geschwächt war, um das Börsentheater der Millenniumswende mitzumachen, also auch keine Verluste erlitt, stand sie nach dem Crash der anderen nun um so glänzender da. Man sieht, manchmal sind verpasste Geschäfte die besseren Geschäfte ... Blocher seinerseits war gerissen genug gewesen, offenbar sogar gerissener als sein Bankerkollege, rechtzeitig auszusteigen. Nun mussten einige von Skandalen (noch) unbeleckte an die Spitze, wie Rolf Dörig (Swisslife, Economiesuisse ..) und Walter Kielholz (CS).

In den unteren Etagen "organisierten" sich Heerscharen von Managern, Bankern und Händlern ebenfalls ihren Anteil am Profit des Börsenbooms durch Optionen, Bonds, Boni - mit viel Chancen und wenig Risiko. Chefgehälter wuchsen nun unabhängig vom Erfolg. Als 2002 der smi auf seinen Tiefstwert sank, stiegen die Toplöhne dennoch um 4%.

Was den Linken nicht gelang, das Militär abzuschaffen, schaffte die Wirtschaft quasi mit Links: Zu teuer. Weg damit! Ebenso wurde die Politik zur Nebensache erklärt ... was verständlich ist, denn die müsste eigentlich für eine gewisse ausgleichende Gerechtigkeit sorgen.

Heute ist die Wirtschaftselite in einer derartig egomanischen Verfassung, dass Peter Spälti (Ex Winterthur Verwaltungsratspräsident), Alex Krauer (Alt- und Ehrenpräsident Novartis, UBS), Robert A. Jeker (Verwaltungsratspräsident Messe Schweiz), Alt-Bundesrat Rudolf Friedrich und NZZ Wirtschaftschef Gerhard Schwarz Gründe genug sehen, die freie Marktwirtschaft vor ihren Nachfolgern zu verteidigen.

Entpersonalisiert man die Vorgänge und ihre Folgen, so bleibt eine starke Abkehr von volkswirtschaftlicher Orientierung hin zu rein betriebswirtschaftlicher Verbesserung - mit den entsprechenden Folgen für die Gesamtwirtschaft.

[s. Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens in der Politik ruiniert  Volkswirtschaft, Volk und Kultur - ... und die Dominanz finanzwirtschaftlichen Denkens über die Betriebswirtschaft ruiniert auch noch diese.]

4.5 Die Resultate: Neue soziale Bewegungen die aus den 68ern entstanden, oder zumindest starken Zuwachs erfuhren:

In der Öffentlichkeit wurden und werden die neuen sozialen Bewegungen trotz ihrer ideologischen Vielfalt größtenteils als politisch links-orientiert wahrgenommen. Das Problem besteht heute noch, ist aber irgendwie verständlich, da Links auch für progressiv und Rechts für konservativ stehen. Wer also in die Zukunft schaut und was ändern will, müsste eigentlich links sein. Es gab und gibt unterschiedliche Organisationsgrade der neuen sozialen Bewegungen. Sie reichen von informellen selbstorganisierten kleinen örtlichen und regionalen Basisgruppen ohne Vereinsstatus bis hin zu teils großen überregionalen, bisweilen auch internationalen Verbänden und Organisationen, speziell bei der globalisierungskritischen Bewegung (z. B. Attac) oder der Ökologiebewegung (z. B. Greenpeace). In neuerer Zeit hat sich für solche und andere auch nicht den Neuen sozialen Bewegungen zugeordneten staats- und regierungsunabhängige Organisationen der englische Begriff "Non-Governmental Organisations" (NGOs) eingebürgert. Und dafür können die 68 echt stolz sein. Die Rede- und Denkfreiheit, deren sich die USA heute so loben, wurden erst durch die 68er eingeführt. (s. oben: USA - free speech movement / civil rights movement)

 

So machen Sie es allen recht

Wenn etwas schief geht
   suchen und finden Sie den Fehler nur bei sich.

Seien Sie betroffen
   Ihr Fehler ist für Sie immer tragisch. Das zeigt die nötige Demut.

Geloben Sie Besserung
   Hoch und Heilig. Denn so was Schlimmes darf nie wieder vorkommen

Kein Widerspruch
   Nehmen Sie alle Aufträge ohne Murren an. Fürs Scheitern können Sie sich ja dann entschuldigen.

Fragen Sie nach
   Auch beim kleinsten Arbeitsschritt. Sie wollen ja nichts falsch machen.

Bieten Sie Hilfe an
   Auch wenn Sie nicht helfen können. Der gute Wille ist entscheidend

Falls alles nichts nützt:
   Fallen Sie auf die Knie.
   Winseln Sie um Gnade.

Handelszeitung No 23, 7-13. Juni 06: Katapult.

Die meisten dieser Organisationen laufen ja unter dem Oberbegriff "alternativ": alternative Organisationen, Alternative, Alternativbewegungen, die alle aus dieser Zeit stammen  Das Individuum und die Individualität des Einzelnen hatte eine größere Bedeutung als in den vorausgehenden sozialen Bewegungen.

Das Label Alternativ bezog sich jedoch nicht auf eine bestimmtes politisches Engagement, sondern auf den Versuch, durch Änderungen der eigenen Lebensweise die Vision einer besseren Welt zu verwirklichen. Somit war die Alternativbewegung eine klassische Bottom-up-Bewegung, bei der die Gesellschaft von unten her, ausgehend vom Individuum, verändert werden sollte. Es handelt sich also nicht um eine typisch linke Erscheinung, die alle Probleme über den Staat lösen will, sondern, ganz im Gegenteil, um eine freiheitliche Bewegung, die den Individuen das Maximum an freier persönlicher Entwicklung und gesellschaftlich-politischer Mitgestaltung erlauben und ermöglichen will. ]In diesem Sinne wäre ich allerdings ein 100%er 68er.]

Auf individueller Ebene bedeutete die Alternativbewegung eine auf die Bedürfnisse der Natur und der Mitmenschen Rücksicht nehmende Lebensweise. Darunter fielen beispielsweise aktiver und passiver Tier- und Umweltschutz (Vegetarismus), Subsistenzwirtschaft und, wo dies nicht möglich war, Vorzug biologischer Produkte und Produkte aus fairem Handel. In Bezug auf die Gemeinschaft wurde nach neuen Formen des Zusammenlebens gesucht, so beispielsweise Kommunen mit direkter Partizipation und Selbstverwaltung, Initiativen zur gegenseitigen Hilfe und Selbsthilfe.

Die Alternativbewegung als soziale Bewegung hatte keinen Bestand. Ihre Ideen und Visionen beeinflussten jedoch nicht nur andere soziale Bewegungen, sondern führten vielerorts zu einem Umdenken. Andere ursprünglich aus der Alternativbewegung stammende Ideen sind heute institutionalisiert oder in der Umsetzung begriffen (Fairer Handel, dauerhafte Entwicklung usw.)

http://de.wikipedia.org/wiki/Alternativbewegung

http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_soziale_Bewegungen

soziale Bewegungen in der Schweiz

Die 68er haben also einiges geschaffen, von dem verständlich ist, dass es gewisse "Autoritäten" lieber wieder abschaffen möchten, samt den vermaledeiten Gutmenschen. Die 68er haben aber auch eine Menge von dem geschaffen, dass sie eigentlich abschaffen wollten, nämlich Institutionen mit ihren Futtertrögen um die sich die ... streiten, mit ihren durch Betriebswirtschaft beherrschten engen Zielsetzungen, ihren Verhandlungen hinter geschlossenen Türen, ihren Hierarchien, Mauscheleien, Meucheleien, ihrer fehlenden Kooperation und grassierenden internen Normierung (Loyalität, Gruppengeist, "Teamfähigkeit"), die einen Abwehrschirm gegen Kritik bildet, die unter Umständen von aussen doch noch eindringen könnte.

Die 68er Kulturrevolution ist kein misslungenes, sondern ein unvollendetes Projekt.

4.5 Neuauflagen, andere Anläufe

1980 war in Zürich ein heisser Sommer. Den eher event-orientierten Demonstranten gelang es allerdings nie, ein Ziel oder Konzept zu entwickeln. Vor allem übersah die generell anarchische Bewegung damals (wie die meisten noch heute), dass Freiheit heute nicht mehr primär von Staatsorganen bedroht wird, sondern durch durchorganisierte Betriebe, die ihre Abhängigen normieren, in Uniformen stecken (Anzüge mit normierter Qualität, Farbe, Muster; Krawatten) und ein Normverhalten fordern, das die Belange der Firma über und vor alles andere setzt. Je straffer die Abläufe organisiert, desto weniger Raum für freie Entscheide der Mitarbeiter. Lean Management und Lean Production führen so zwar wohl zu Wettbewerbsvorteilen, aber auf Kosten der Redundanz, der Sicherheit, der sozialen Abläufe, der Beteiligung und der Kritikfähigkeit bei Mitarbeitern und Unternehmen.

Das Motto der 80er: Macht aus dem Staat Gurkensalat, wurde von Rechts stillschweigend übernommen und auf wirtschaftliche Weise durchgesetzt: Keine Steuern, keine Einnahmen, Privatisierung aller rentierenden Staatsbetriebe + keine Ausgaben die nicht durch Einnahmen gedeckt sind = Schrumpfstaat.

Seit 1989 gibt es auch die Alternative "Sozialismus" (von Kommunismus ganz zu schweigen) nicht mehr. Nur noch Wettbewerb.

Irgendwo hab ich geschrieben, dass der Kapitalismus nun selbst vor dem Zusammenbruch steht - und frag mich jedes mal, wenn ich wieder darauf stosse, ob da der Wunsch Vater des Gedanken ist oder ob es sich zumindest um eine potentielle Realität handelt. Für Zweiteres gibt es zwei starke Hinweise:

  1. Hat sich das Phänomen Inflation fast völlig auf den Kapitalmarkt verschoben, an dem Papierwerte gehandelt werden, die in der Realität keine Basis finden. Wollte plötzlich eine Mehrheit der Börsentäter diese Papiere gegen etwas Reales eintauschen, sei es nur Geld, bräche die Börse sofort zusammen. Hier wurde die Wirtschaft und die ganze Welt zur Lotterie gemacht, aber die Einsätze sind ein vielfaches höher als die Reserven der Spielbank, was eines Tages zum Absturz führen muss. (Weiteres s. unter search, mit den Stichworten Neoliberalismus, Kapitalismus, Börse, Kapitalmarkt etc.)

Hier frisst sich der Kapitalismus vom Zentrum her selbst auf.

  1. Kapitalismus basiert auf optimaler Kapitalverteilung (s. Pareto). Diese ist aber sozial betrachtet mehr als suboptimal. Da die wirtschaftlichen Gesetze es den Grossen bessere Konditionen bietet (höhere Zinsen, höhere Kredite, höhere Umsätze, höhere Gewinne ...), sich immer mehr anzueignen, werden die Kleinen (s. Bauern, Kleingewerbe, Detailhandel, etc.) immer mehr an den Rand gedrängt. Die Betonung des Wettbewerbs verschweigt, dass Wettbewerb wenige Gewinner, aber viele Verlierer produziert. Das System verlangt möglichst gute Ausbildung, möglichst hoher Einsatz um möglichst hohe Löhne - verweigert aber immer mehr Menschen, an dem Spiel überhaupt teilzunehmen, indem es sie von Ausbildung ausschliesst - oder gar von der geheiligten Tätigkeit, der Arbeit. Diese Menschen sammeln sich am Rande, am Rande der Gesellschaft ... und oft am Rande der Städte. Die aktuellen Begebenheiten in Paris (Clichy-, Aulnay-sous-Bois) dürften, wie 68, ein erst leiser Gong sein, der auf dieses Problem und seine Folgen aufmerksam macht. In diesen Quartieren sind 36% der Männer und 40% der Frauen arbeitslos. Die Demonstranten wollen Arbeit. Sie haben kein Konzept, sie wollen keinen Kommunismus. Sie wollen Arbeit und eine Zukunft. Je mehr die "Wirtschaftsweisen" für das Wachstum ihrer Betriebe auf Sparen, Restrukturieren und Zusammenlegen setzen, desto mehr Überschuss erzeugen sie, Überschuss, von dem nicht im ernst erwartet werden kann, dass er ein Problem löst, für dessen Lösung Wirtschaftsfachleuten und Politikern nichts gescheiteres einfällt als Wettbewerb, also Ausschluss. Vermutlich wird sich dieser Aufstand durch den Einsatz von Polizei und Sozialarbeitern wieder beruhigen lassen, fürs erste. Vermutlich lässt sich das Volk dadurch beruhigen, dass es ja hauptsächlich um ausländische und vor allem muslimische Störenfriede geht. Nachhaltig kann aber ein System nicht durch Sicherheitskräfte (böser Bulle) und Sozialingenieure (guter Bulle) stabilisiert werden, wenn es auf einem Sumpf aus Lügen und quasi religiös verbrämten falschen Annahmen steht. (Weiteres s. unter search, mit den Stichworten Arbeit, Löhne, Wirtschaft, Oekonomie etc.)

Hier bröselt der Kapitalismus vom Rande her weg. (weitere, logische Begründung)

p.s: Die Probleme um Paris sind nicht gelöst - es interessiert bloss keinen mehr. UN-Habitat macht aber darauf aufmerksam, dass weltweit die Bevölkerung vor allem der Slums ansteigt, in denen 1/3 der Bevölkerung hoffnungslos dahinvegetiert, was eine gefährliche Konzentration eines äusserst explosiven sozialen Stratums darstellt. Dieser "Nebeneffekt" der global cities" darf auf keinen Fall vergessen werden, im Wettbewerb um die besten Standorte.

Eigentlich stehen wir nun aber noch dümmer da, als zu Zeiten, in der sich eine Mehrheit von sozialistischen und kommunistischen Ideen bedroht sah, denn nun haben wir nur noch Probleme - aber keine Lösungen mehr, es sei denn, wir nähmen eines der Axiome des Kapitalismus als solche auf:

Nieder mit den Grossbetrieben die den Markt beherrschen.

- Freie Märkte auch für die Kleinen.

- Nieder mit den Monopolen!

... Der Ausruf war etwas verfrüht und zu euphorisch. Dummerweise funktioniert der Kapitalismus so, dass es gerade die immer wiederkehrenden Krisen sind, die zu noch mehr Konzentration an Macht und Geld auf der einen, zu noch mehr Ausschluss auf der andern Seite führen. Die Krise ist also der Bruder des Kapitalisten, nicht sein Feind. Um den Kapitalismus, die exklusiven Netzwerke des Kapitals, die immer mehr ausschliessen von Arbeit und Erwerb wirklich zum Bröseln zu bringen, müssen die Ausgestossenen erst mal merken, dass ihr Ausschluss auf einer Definition von Leistung beruht, zu der sie nichts zu melden haben, dass der Ausschluss System hat und gezielt, gewinnorientiert durchgeführt wird. [s. Die Förderung der Akkumulation, Globalisierung und des neoliberalen Postkapitalismus durch Finanzkrisen in: http://www.brainworker.ch/WAP/Liberalismus_3.htm ]

5. Lösungsansätze für das Problem:

Der "freie Markt" gestaltet durch Rationalisierung, Restrukturierung, Reengineering und Konsolidierung die Welt aktiv als Gigamaschine,
macht die Teilnehmer zu Rädchen - und die Nichtteilnehmer zum 4. Rad am Wagen, also zu Sozial- und/oder Subventionsfällen,
im Auftrag der Kapitalgeber,
also ohne uns, das Volk, die Mehrheit, zu fragen.

DAS Oberziel, dem wohl die meisten zustimmen würden, wäre jedoch:

Eine funktionierende Wirtschaft
die allen Beteiligung erlaubt und
allen einen einigermassen fairen Anteil an den Produkten, am Wohlstand, zugesteht.

Offene Probleme:

  1. Klärung von Funktionen und Inhalten der Bildung. Bildung darf nicht auf "Ausbildung zu ..." verkürzt werden. Bildung sichert die Zukunft! ist die Aussage, die 68er und Wirtschaft vereint. Allerdings wollten die 68er eine Bildung die den Ausgebildeten weiter hilft, nicht primär die Wirtschaft mit Fachtrotteln versorgt die gehorsam ihrem Auftrag nachgehen - aber trotzdem die Verantwortung tragen, falls dieser in die Binsen geht..

  2. Klärung der Bedeutung von Werten, Aufstellen von Wertekatalogen, die aber als Wertekompass nicht Spiessertum fördern, sondern freie Wertorientierung.

  3. Korrektur des kapitalistischen Systems, dort, wo Werte wegen zu tiefer (Marktverzerrung, vor allem durch globale Märkte), fehlender (nicht-monetarisierter, nicht monetarisierbarer Bereich) oder falscher Preise (Inflation der Börsenwerte durch selbst geschaffenes Geld (s. Wechsel)) untergehen.

  4. Die von den 68ern angestrebte, aber ins Gegenteil verkehrte "Entinstitutionalisierung" ist zu ersetzen durch offen kommunizierende, lern- und anpassungsfähige Institutionen - die ihre einwertige Zielsetzung unbedingt dadurch ergänzen müssen, dass sie auch Verantwortung tragen für die Auswirkung ihres Tuns und Lassens auf das Gesamtsystem. Das bedeutet insbesondere: Eine bessere Koordination zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Strategien.

Möglichkeiten und Notwendigkeiten, diese Probleme anzugehen:

 

5.1 Reicht die "Unsichtbare Hand" ein System zu ordnen, in dem die einzelnen Teilnehmer jeder für sich nur nach einem Ziel strebt: Mehr?

Gott hat keine anderen Hände als die unseren.

Georges Bernanos

Das Schicksal unserer gewichtigsten ökonomischen "Zwerge" zeigt wieder mal deutlich, dass einfache Lösungen für komplexe Probleme meist einfach ... falsch sind.

Bauern, Land-Bauern und Wald-Bauern bewirtschaften 2/3 der Fläche der Schweiz. Sie sind, abgesehen von der Verhäuslung durch Bünzliwil-Architektur und Verkehrsadern, verantwortlich dafür, wie die Schweiz aussieht, also für das Landschaftsbild. Die Master of Landscape Management kommen erst hintendrein, und sagen, warum es so aussieht.

Der wichtigste Punkt: Sogar im aufkommenden Liberalismus war die Tätigkeit der Bauern die Sicherung der Grundexistenz, der Subsistenz. Ultraliberale konnten damals bloss Leute beliebig entlassen, ohne Absicherung, weil die meisten noch einen kleinen Hof hatten, oder Verwandte, die sie aufnahmen, und so ihr überleben sicherten. Diese Sicherung hat sich längst ins Gegenteil verkehrt. Heute muss der Bauer eine zusätzliche Anstellung annehmen, wenn er die Existenz seines Hofes garantieren will. Von ihm wird also das verlangt, was die Neoliberalen verdammen: Quersubventionierung.

37% oder 15’251 km2 der gesamten Fläche der Schweiz (41’285 km2) sind landwirtschaftliche Nutzflächen. Diese wird laut landwirtschaftlicher Betriebszählung 2003 von ca. 66'000 Betrieben bewirtschaftet, Tendenz rasant sinkend. 1990 waren es noch 92'800 Betriebe. Im Jahr 2000 wies der 1. Sektor (Primärproduktion in Minen (Salz z.B.), Wald- und Landwirtschaft) noch 150'000 vollzeitäquivalente Arbeitsplätze auf. Die Forstwirtschaft allerdings nur noch 6000 davon. Auch hier ist die Tendenz mit ca. 25% Abbau in 10 Jahren rapide sinkend.

Wie es oft so geht mit unbedarften Forderungen, könnte der Prozess, einmal in Gang gekommen, sich derart rapid fortsetzen, dass er massiv über das Ziel hinaus schiesst und qualifiziertes Personal sich nicht mehr auf eine solche Joblotterie einlassen will. Den Gemeinden gehen diejenigen Strukturen verloren, die ihren Lebensraum doch wirtschaftlich, wenn auch nicht mehr übermässig rentabel, sichern.

s: Mit dem Bauern-Opfer - verschwindet die Urform einer selbständigen, eigenständigen, eigenverantwortlichen Produktions- und Lebensstils

 

5.2. Die Priorität der strategischen Diskussionen

Die Forderungen der 68er:

Es existierte die Vorstellung einer ursprünglichen Einheit von Demokratie und Öffentlichkeit. Ohne eine funktionierende Öffentlichkeit, so die Überzeugung, könne auch keine funktionsfähige Demokratie zu erwarten sein.

  1. Alle Bedürfnisse sollen chancengleich zugelassen und befriedigt werden.

  2. Alle durch Herrschaft verzerrten Kommunikationsstrukturen der jetzigen Gesellschaft sollen durch den `herrschaftsfreien Diskurs´ der Vernünftigen und `Aufgeklärten´ abgelöst werden:

  3. Alle Machtansprüche müssten sich ständig rechtfertigen.

  4. 1. Ziel: Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft:

  5. 2. Ziel: Ent-Bürokratisierung:

  6. 3. Ziel: Ent-Hierarchisierung:

  7. 4. Ziel: Ent-Funktionalisierung des Bildungssystems.

Der eindeutige Beweis dafür, dass ökonomisches Denken dumm macht:

 

Dem gegenüber stehen die Forderungen der Wirtschaft, die auf einer monistischen, einfachen Zielsetzung beruhen, worauf ihre Fachleute sogar noch stolz sind:

Alleine die Konzentration auf eine einwertige Zielfunktion zahlt sich finanziell aus.

[Empirisch belegt von Cools, K und Mirjam Van Praag (2003): The Value Relevance of Disclosing a Single Corporate Target: An Explorative Empirical Analysis. Arbeitspapier, Tinbergen Institute, University of Amsterdam.]

Es handelt sich zwar um die Kernforderung der Spezialisierung, aber sie zeigt den Mangel des ökonomischen Systems, der am meisten Probleme verursacht: Die Wirtschaft integriert sich nur systemisch in den Teilbereich, der für den spezifischen Betrieb von Belang ist. Alle Vorgänge, alles Wissen, ausserhalb der Betriebswirtschaft, werden als uninteressant, wenn nicht gar als störend empfunden. Auch aus diesem Ansatz verstehen wir nun sehr gut die immer wiederkehrende Forderung der Wirtschaft nach:

  1. weniger Staat, weniger Vorschriften, mehr Freiheit.

  2. Standortswettbewerb zu Gunsten der Betriebe: Keine Steuern, keine Auflagen, keine Abgaben, denn wir sind von Gott erwählte Wohltäter (s. Neofeudalismus).

  3. Bildungswettbewerb zu Gunsten der Betriebe: Keine eigenen Kosten - grosse Auswahl an gut ausgebildeten Fachkräften.

  4. Lohnwettbewerb zu Gunsten der Betriebe, die über Restrukturierung die Arbeitslosigkeit und über diese die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer steuern können.

    Haben die Angestellten eine starke Verhandlungsposition (bei Knappheit von Arbeitskräften), wird sich dies für sie positiv auszahlen. Andernfalls sind die Unternehmen und Unternehmer in einer vorteilhaften Position. Vorausgesetzt die Angestellten begehen in den Verhandlungen keine Fehler - sollte ihr Anteil an der Wertschöpfung das ökonomische Maximum darstellen.

    Da haben wir's. Standartargument der Arbeitnehmer bei fehlenden Arbeitsplätzen, also Arbeitslosigkeit ist: Wir müssen Gewinne schaffen, nicht Arbeitsplätze. So weit so richtig. Aber es sind die selben, die Arbeitsplätze ab-schaffen, durch Restrukturierung. Volkswirtschaftlich (s. oben: Makroökonomisch) ein Desaster, da der Konsum einbricht, betriebswirtschaftlich ein doppelter Vorteil, denn nicht nur werden Personalkosten eingespart, sondern

    - mit jedem zusätzlichen Arbeitslosen wird die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer bei den Lohnverhandlungen geschwächt!

     

  5. Mehr Wettbewerb bei den Andern - weniger bei mir: Keine Parallelimporte, denn das kostet Arbeitsplätze, Strukturanpassung, denn zu viele kleine Betriebe verhindern grosse Betriebe und drücken, wegen Selbstausbeutung, dennoch die Margen.

Das Komplexitätsproblem, wie ein multifaktorielles Feld zu managen wäre, wurde nicht gelöst, sondern banalisiert. Der Stakeholder-Ansatz hat nicht zu handlichen Verfahren oder Richtlinien geführt, wie mit unterschiedlichen und oft konkurrierenden Zielen umzugehen ist. Die Mehrwertigkeit der Zielsetzung führt so zur Nicht-Umsetzbarkeit.

Die Fokussierung auf durchsetzbare Ziele hingegen führt unweigerlich zu Dummheit, die sich in den Institutionen selbst die Absolution erteilt, denn auch Professionalisierung, so positiv der Begriff anklingt, führt, wie alle geteilten Denkmuster, zu Verengung des Denkens und Verbeamtung des Handelns.

Die Institution wird gebildet aus kognitiven, normativen und regulativen Strukturen und Aktivitäten, die Stabilität und Bedeutung für soziales Verhalten liefern. Das bedeutet, dass die Institution darüber bestimmt, was "normal" und sinnvoll ist.

Professionalisierung, gemeinschaftlich geteilte Denkmuster, Definition der Arbeitsmethoden, wie in den Wissenschaften das Paradigma, erleichtern straffe Kommunikation und Abläufe innerhalb des Betriebes. Man bezeichnet das auch als Isomorphismus (Gleichförmigkeit).

Strategisches Denken ist die Leistung, für die sich Manager so fürstlich bezahlen lassen. Häufig beschränkt sich deren Strategie allerdings bloss darauf, das Selbe zu tun wie die Mehrheit. Es fragt sich so, ob Lemmingverhalten als Leistung ausreicht, solche Löhne zu erhalten. Es fragt sich noch mehr, woher diese krawattierten Kurzdenker die Frechheit nehmen, den Rest der Bevölkerung in ein Spiel einzuspannen, das denen immer weniger bringt, was Geld wie Freude betrifft.

Um gegenüber der rhetorisch überlegenen, weil leicht populistisch zu verwertenden, Ansatzes der Wirtschaft agieren zu können, muss die Beschränktheit der Strategie klar aufgezeigt werden. Es gilt, die neuen Herren, die Herren des Geldes, danach zu beurteilen, was sie bewirken, nicht danach, was sie behaupten. Insbesondere ist die Wirkung ganzheitlich zu analysieren. Die Medien sollten also langsam aber sicher dazu übergehen, statt Übernahmen, Konsolidierung, grosse Renditen, auch hohe Renten, einfach zu loben, doch zumindest so am Rande zu fragen, welche Auswirkungen diese Strategien auf die Volkswirtschaft haben. Begriffe wie Wohlstand (vor allem in seiner Relation zu Zufriedenheit), Wettbewerb, Fortschritt wären zu klären, denn sie scheinen für eine Mehrheit immer noch positiv besetzt, obwohl sie seit bald 20 Jahren zu einer negativen Bilanz führen, rechnet man Schäden (Umweltzerstörung, verbaute Landschaft, Wirtschaftskrisen, Arbeitslosigkeit, Anomie etc) gegen Nutzen auf.

In einer Demokratie hat jeder Bürger das Recht, über politische Ziele mit zu bestimmen, aber auch, was wirtschaftliche Ziele betrifft, zu fragen: Wie weit geht das Recht, wirtschaftliche Ziele zu setzen? Wie weit darf die wirtschaftliche Freiheit des einen die wirtschaftliche Freiheit, oder sogar die Existenz, des andern bedrohen? Und insbesondere: Wie viele Rechte darf sich das Kapital gegenüber Menschen herausnehmen? Die extreme Beschränktheit der wirtschaftlichen Zielsetzung lässt immer mehr andere Ziele im Hintergrund verschwinden, lässt Bürgerwünsche totlaufen oder erklärt sie als "wirtschaftlich" nicht machbar.

Aus dieser Gelddiktatur (Plutokratie) kommen wir nur raus (demokratisch, ohne Revolution), wenn wir die unterschiedliche Prozesse des agenda-settings: Wer macht was, wie, wo und warum, für wen und zu welchem Zweck, schärfer analysieren und systemischer kommentieren, wozu die Auswirkungen dieser meist simplen Strategien leider nicht eben so simpel zu erfassen sind.

 

5.3 Grundlagen der Diskussion: Zustandsbeschreibung - ohne Lobhudelei. Wiederbelebung der kritischen Theorie - ohne Marx.

 

In einer Zeit in der Finanz- (= Kapital-) Märkte sogar politische Entscheide dominieren, ist es nicht nur das Recht, sondern die Pflicht des Bürgers zu fragen:

Meist werden die hohen Erträge mit dem eingegangenen Risiko begründet. Meist ist das alles aber eher Schwindel,  denn der Hauptzweck der Börsenaktivitäten ist es ja gerade, Risken zu umgehen oder abzusichern - und trotzdem an der Lotterie teilzunehmen.

Beispiel:

Der US-Aktienmarkt konnte zwischen 1872 und 2000 eine Überrendite bei Aktien gegenüber Bonds von 5.57% bezahlen. Aufgrund der Realwirtschaft berechnet, hätten aber nur 3.54% drin gelegen. Die Finanzmärkte haben also 2% mehr Rendite beansprucht als es der Entwicklung der Realwirtschaft entsprochen hätte.

Unser Problem ist eine zu hohe Steuerbelastung des Faktors Arbeit.

Bert Rürup, Oekonomieprofessor, Vorsitz des deutschen Wirtschafts-sachverständigen-rates, der 5 Weisen

Auf Grund der realwirtschaftlichen Entwicklung liegen heute keine Risikoprämien von mehr als 3% drin ... folglich erhöht man den Druck auf die Lohnkosten, um dort noch ein paar Prozent auszupressen.

Aus dem Wucher heraus, nicht aus den masslosen und unbezahlbaren Ansprüchen der Arbeitnehmer, entsteht als Folge: Der Wirtschaft den Profit - dem Staat die Kosten. Wucher? Bei 3% Zinsen? ... Wucher verbirgt sich heute anderswo. Er nennt sich SVP: Shareholder-Value-Performance. Gemäss svp oder Überrendite wären gerade noch 10 bis 20 Firmen der Schweiz als rentabel zu betrachten, da sie mehr abwerfen, als eine "gerechte" Riskikoentschädigung.(Es handelt sich um die bekannten, grossen, erfolgreichen). Durch die Anwendung dieser Art von Erfolgsbilanzierung wird der Profitgier ein Booster aufgesetzt. Das Konzept macht sofort klar, dass nicht die Bedürfnisse der Konsumenten unendlich sind, sondern diejenigen, der Kapitalhaberer. :

So betrachtet bezahlen nicht die Investoren, sondern, seit 15 Jahren, die Arbeiter, die Risikoprämien der Investitionen,
... durch entgangene Lohnerhöhungen und Entlassungen.
D. h. im letzteren Fall bezahlt, wenn wir's genau ansehen, der Staat also die Risikoprämien der Kreditgeber
- nicht die Kosten für "faule und/oder zuwenig ausgebildete" Arbeitslose

Die Ausdehnung der Kapitalmärkte verlagert die Inflation von den Geld- auf die Finanzmärkte. Der forcierte Ausbau der privaten Rentensysteme, die nun Bush sogar als Ersatz für die AHV fordert, führt zur Anhäufung enormer Mengen an Geld, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht. Wo die Nachfrage hoch ist, da steigen die Preise. Das Geld fehlt also nicht nur im Konsum, es treibt die Preise der Aktien in die Höhe - ohne eigentlich deren Wert zu erhöhen. Es handelt sich also um die typische Inflationserscheinung, diesmal beim Preis der Unternehmen.

Das hat nun genau die Folgen, die wir in den USA wie Europa seit 15 Jahren beobachten: Da die Unternehmer aber ihre Risikoprämie auf Grund des Wertes ausbezahlt haben wollen, drückt diese Überbewertung nochmals auf die Löhne, die ja in Konkurrenz zum Shareholder Value stehen.

Logisch heisst es in den Lohnverhandlungen, da sämtlicher Mehrwert über Überrenditen bereits verteilt ist, es liegt nichts drin.

Einige Auswege aus der heutigen Dominanz der Kapitalverwertungsinstitute (sprich Banken) wären:

  1. Kontrolle der Macht und Marktbeherrschung: Wo geht's ums Geschäft - wo um die Macht. Geschäft soll Geschäft bleiben, Politik aber auch Politik, und zwar möglichst demokratische Politik.

Die Sache ist relativ einfach, da es praktisch nur um zwei Banken geht, der Rest kann als Mitläufer taxiert werden.

[Den grossen Schritt vorwärts der Bank Julius Bär leitet, wie symbolträchtig, ein Herr Namens Johannes de Gier .... (Nicht persönlich gemeint ...)]

  1. Kapitalverkehrskontrolle

  2. Einschränkung des globalen Kapitalverkehrs durch die Tobin Tax

  3. Klare Beschreibung der "Leistungen" des Kapitalmarktes und Offenlegung der wirklichen Kapital-Kosten: Da seine Aufgabe ist, die Liquidität zu sichern, was aber nur den Tausch von Papieren mit unterschiedlichen Vertragsdauer bedeutet, da seine meist ungenannt bleibende Funktion die ist, das Kapital gegen Verluste abzusichern, vor allem gegen entgangene Gewinne, diese aber, bei professioneller Prognose um 0 schwanken müssten, kann dies, solange mehr als die Handelsmarge herausschaut, nur heissen, dass die Prognosen bis heute nicht mal annähernd professionell sind. Die einzigen die bei dem Spiel sicher gewinnen, sind die Veranstalter, genau wie bei andern zufallsabhängigen Glücksspielen.

Das sind ja eigentlich nur Brosamen aus der kritischen Theorie von Horkheimer und Adorno. Da aber einerseits sich eine Gesellschaftskritik auch bewerkstelligen lässt, ohne expressis verbis auf Marx zu verweisen (der für die Marktwirtschaft ja das ist, was für den Teufel das Weihwasser), da Atheismus ebenfalls ausschliesst und Kommunismus nicht die einzige Alternative ist, sollte man vermutlich nicht versuchen, die Kritische Schule als solche wieder zu erwecken, sondern ihre Ziele über eine etwas offenere Dialektik weiter verfolgen.

5.4 Abstimmung der Teilsysteme

Wirtschaft und Politik werden seit über 20 Jahren, vor allem in der Schweiz, als zwei Organisationen mit dem selben Ziel wahrgenommen, dem Ziel, die Wirtschaft zu fördern. Dabei währen die Anforderungen und Aufgaben recht unterschiedlich:

s. insbesondere auch: Komplexe Politik

Durch den Bezug der Produktivität jeglicher Wirtschaftseinheit auf die Welt wird ein völlig falscher Referenzrahmen geschaffen. Die ganze Welt konkurriert mit den Grössten und Schnellsten - während der grösste Teil der Welt vermutlich über viel ungünstigere Produktionsbedingungen verfügt als eben die Grossen und Schnellen. Ist das bei der Produktion von Chips (egal ob Kartoffel- oder Computer-) einigermassen egal, so geht es bei bodengebundener Produktion, präzise bei der Land- und Forstwirtschaft, nicht auf. Hier lässt sich die Produktion nicht einfach irgendwohin verlagern, denn jede Region soll und will ihre Wälder haben, nutzen und pflegen.

DAS KAPITAL ist aber wenig interessiert an einer nachhaltigen, ökologisch und sozial verantwortbare Versorgung, sondern zu kurzfristigen, finanzmarktbestimmten Reaktionen auf Sachzwänge gezwungen.

Die wertorientierte Entwicklung Integration von Werten die keinen Preis haben Beispiel: Wald-Funktionen = Wald-Wert

  1. Holzproduktion: Wald ist Quelle der erneuerbaren Ressource Holz

  2. Wald ist Teil unserer Landschaft, die uns liefert: Ruhe, Gesundheit, Erholung: Wald dient unserer Gesundheit (Luft-, Wasser, Lärmfilter)

  3. Boden  und Erosionsschutz

  4. Schutz vor Umweltgefahren: Wald dient unserer Sicherheit (Lawinen, Rutschungen, Steinschlag, Erosionen …)

  5. Biodiversität: Wald Ist Lebensraum von Fauna und Flora

  6. Wald schafft Arbeitsplätze im ländlichen Raum

http://www.brainworker.ch/WAP/gemeinwohl.htm & http://www.brainworker.ch/WAP/Oeffentlichkeit.htm

Man kann diese Waldfunktionen auch anders Gruppieren oder ergänzen, aber das ist im Moment nicht das Problem. Das Problem ist, dass alle diese Funktionen einen Wert haben, aber nur die eine und einzige Funktion als Holzlieferant wird vergütet. Die Waldwirtschaft schafft also Werte - ohne dafür bezahlt zu werden. [Unter www.vogelwarte.ch finden Sie z.B. den Swiss Bird Index, der, ähnlich dem SMI, zeigt, wie und unter welchen Einflüssen sich die Vogelwelt verändert.]

In den seit einigen Jahren laufenden Diskussionen über die Zukunft der Forstwirtschaft wurde auch das Modell eines Unternehmens der öffentlichen Hand erwähnt, leider im Kontext eines recht hinterhältigen neoliberalen Propagandaartikels. [http://www.brainworker.ch/WAP/Wirtschaftsthesen.htm] Vergessen wir die hier intendierte neo-Liberalisierung, deren Strategie es vor allem ist, die Macht von der Gemeinde an Private zu übergeben, so bleibt die Tatsache und Chance, dass eben das Fisher-Separationstheorem belegt, dass sich Management und Besitz vorteilhaft trennen lassen. Daraus ist nun eben gerade nicht, wie das die Neoliberalen tun, zu schliessen, dass Betriebe nur dann wirtschaftlich profitabel gemanagt werden können, wenn sie in Privatbesitz sind, sondern, dass es relativ wurscht ist, wem der Betrieb gehört, solange das Management auf eine klare Strategie verpflichtet wird. Was den Wald betrifft, so ist es der Eigentümer, also bei 2/3 des Schweizer Waldes das Volk (kantons-, gemeinde- und Korporationswälder) die diesen Auftrag erteilen können. Die Forstgesetzgebung hat ihnen dazu mit den Waldentwicklungsplänen auch ein Mittel in die Hand gegeben, wie die Strategien zu entwickeln sind. Offenbar lässt sich dieses Werkzeug, trotz viel Trallalas darum, aber noch nicht wirklich effizient einsetzen:

Das eigentliche Problem beim Management natürlicher und gemeiner Ressourcen ist nicht die Betriebsführung, sondern - vom Auftraggeber, also dem Volk, den im Sinne der Nachhaltigkeit richtigen Auftrag für das Management erst mal zu erhalten.

 

Ein generellerer Ansatz um zu einem wirksameren Management öffentlicher Ressourcen zu kommen, um generell zu verstehen, warum die Marktwirtschaft oft das Gegenteil von dem produziert was sie verspricht (Degradierung statt Wohlstand), hiesse Agenda Setting Analysis. Damit sollte herausgefunden werden, wer vitale Strategien  bestimmt, welcher Art die Ziele dieser Strategien sind - und was die Auswirkungen.. Ein Anlauf der Uni Luzern vor über 5 Jahren ist aber ziemlich versandet. Wen wundert's ... Do die Ansätze der EZ. Hier müsste man sich mit der Macht auseinander setzen ... und wer will das schon. Mit der Macht setzt man sich halt lieber zusammen, als auseinander, das gilt für Wissenschaftler und Entwicklungsfachleute genau so. Drum fehlen objektive Daten.

Noch schwieriger wird es sein, den Begriff Wert neu zu definieren um die Erschaffung nichtkommerzieller Werte finanzierbar zu machen. Das New Public Management hat hierzu ein paar ganz leise und schüchterne (und leider oft eher verfehlte) Ansätze geliefert. Dieses muss vermutlich erst von seinem Odium als neoliberaler politik-umgehender Sparwirtschaft loswerden, um produktiv eingesetzt werden zu können. Heute läuft alle Finanzierung von Prozessen, die sich nicht selbst finanzieren, unter dem Begriff "Subventionen". Hier hätte bereits das WAP (Neues Waldprogramm) in den letzten 5 Jahren eine ganz andere Einstellung schaffen sollen. Es muss einer breiten Öffentlichkeit deutlich werden, dass es nicht um die Finanzierung strukturschwacher, serbelnder und eh zu "restrukturierender" Betriebe geht, sondern dass hier Betriebe finanziert werden sollen, die Leistung erbringen, deren Leistung und Wertschöpfung aber vom (Welt-)Markt nicht honoriert wird.

 

Ein Ansatz zu einem volkswirtschaftlich verträglicheren Strategiebildung wäre auch das social marketing, aus dem sich vielleicht doch mal auch ein social management entwickeln lassen sollte. http://www.social-marketing.com/Whatis.html - http://www.nordlicht.uni-kiel.de/soma.htm - http://media.socialchange.net.au/strategy/ Heute wird es vor allem im Gesundheitsbereich eingesetzt. Es hätte aber ein weitaus grösseres Potential.

Da Management allerdings "an der Hand führen" bedeutet, dürfte Management eh nicht so dass sein, was den 68ern vorschwebte und was selbständig denkenden und handelnden, freien, Menschen gemäss ist. Hier allerdings liegen noch (trotz Parecon ... ich hasse es selbst, wenn mir jemand sagt, in welchem System ich zu denken oder zu leben habe) eben so weite weisse Fläche auf unserer Karte potentieller Wirtschaftssysteme vor, wie sie die Entdecker des 16. bis 19. Jahrhunderts auf den ihnen zur Verfügung stehenden geographischen Karten fanden. Diese weissen Flecken werden unentdeckt bleiben (oder gar zugemüllt), solange unsere Wirtschaftsideologie nach dem Prinzip des eifersüchtigen Gottes kein anderes System neben sich duldet - und dazu auch noch Forschung, Wissenschaft und Bildung vor den eigenen Karren spannt.

Martin Herzog, Basel, 5.9.05

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