2000 Jahre Wirtschaftsgeschichte der Welt _________________________________________________
Das Ende des Wachstums
[Theodore Modis: Die Berechenbarkeit der Zukunft. Warum wir Vorhersagen machen können. Birkhäuser. Basel, Boston, Berlin. 1994]
Wachstum ist eine Zunahme von Länge, Breite, Masse, Gewicht, Wert ... whatsoever, über die Zeit. Wachstum muss also erfasst werden a) innerhalb des Formkontextes (Abhängigkeit von bereits erreichtem Form- und Grössenzustand. s. Morphometrie, besser morphometrics, was bereits zeigt, dass im Deutschsprachigen Raum hier einiges in die Binsen gehen dürfte), b) in Abhängigkeit von der Zeit.
Die S-Kurve (logistische Kurve) entsteht aus eben den Bedingungen, dass nämlich das Wachstum der bereits erreichten Grösse - wie auch der noch zu erreichenden, d.h. der überhaupt erreichbaren obersten Grenze, proportional sein muss.
Für das Bakterienbeispiel gilt also:
Diese Entwicklung wird daher durch eine Differentialgleichung der Form

beschrieben. Das Lösen dieser Differentialgleichung ergibt:

Der Graph der Funktion beschreibt eine S-förmige Kurve, eine Sigmoide. Am Anfang ist das Wachstum klein, da die Population und somit die Zahl der sich vermehrenden Individuen gering ist (oder, bei einer Pflanze oder Tier, die Aufnahme- und Verarbeitungskapazität für Licht/Nahrung; oder, bei einem Betrieb, die Investitions- wie die Absatzmöglichkeiten). In der Mitte der Entwicklung (genauer: im Wendepunkt) wächst die Population am stärksten, bis sie durch die sich erschöpfenden Ressourcen gebremst wird.
Während dem die Oekonomie die S-Kurve längst auf zyklische Dynamiken anwendet, behauptet sie, wie auch Modis selbst, dass auf jede Kurve eine weitere folge, der Wachstumsprozess also unbeschränkt sei. Gerade dieser äusserst beliebten Theorie widersprechen heute aber die Fakten. Offensichtlich werden produktiv auffüllbare Marktlücken knapp.
Während ein Lebewesen oder eine ganze Population den Zenit erreicht - und vergeht, wird der entsprechende Lebensraum frei - und Neues entsteht. Dies nicht nur in der Natur, sondern auch in der Wirtschaft. Hier etwa die Ablösung des Pferdes durch das Auto:

oder das Ersetzen einer Energiequelle durch eine andere: Mit Solfus ist hier, optimistisch, die Kernfusion gemeint.

Genau daraus, aus der Tatsache, dass bisher immer eine Kurve durch eine andere ersetzt wurde, die noch mehr Entwicklungsmöglichkeiten bot, zieht der Kapitalismus seine Hoffnung. Wo keine neue Kurve auftaucht, gerät er in die Depression, rechts dargestellt als Loch um 1930 (grosse Depression) und ab 1980.
Die Graphik stellt zudem richtigerweise die Kurven nach 1900 steiler dar als die zuvor, fälschlicherweise die nach 1945 aber nicht noch steiler, denn genau hier liegt das Problem:
Das zeigt sich ausgeprägt zur Zeit an der US-Wirtschaft. Diese Zyklen haben allerdings nichts mehr mit der Anpassung der realen Wirtschaft an wechselnde Nachfragen zu tun, sondern sind bedingt durch Einflüsse des Geldmarktes:
Hören wir also auf die Auguren des ewigen (als nachhaltig getarnten) Wirtschaftswachstums, müssen wir uns auf immer rasanter aufeinander folgende "Neuigkeiten" und Aenderungen einstellen. Woraus ja bereits längst die Forderung nach lebenslangem Lernen entwachsen ist. Wo allerdings das Wissen schneller obsolet (überflüssig, veraltet) wird als es erworben werden kann (was bei einer Halbwertszeit von 2 Jahren heute ja bereits der Fall ist, da erwürgt sich ein solches Konzept gleich selbst.
Dazu kommt, dass die alte Infrastruktur, ungleich etwa der Pferde die von Autos abgelöst wurden, nicht einfach verschwindet, sondern weiterhin Raum (Landschaft) beansprucht wie auch Ressourcen für den Unterhalt. Dies zeigt sich heute grad äusserst deutlich bei Strassen wie bei der Eisenbahn.
Wollen wir das nicht, so stellt sich die Frage, was passierte denn in den lehren Flächen ohne neue Produktionskurven? Wie wurden diese genutzt? Was ist passiert? (Ausser Depression).
Das unleserliche Gekrakel in der Graphik sind meine Notizen dazu, von 1994:
5. Kondratieff: (seit ca. 1970) - Informationstechnik, Computer. Der 5. Kondratieff hat sich durch zwei Effekte vor allem ausgezeichnet:
- Durch eine enorme Rationalisierung der Administration und aller anderen wirtschaftlichen Tätigkeiten die mit Daten zu tun haben, also durch eine weitere Verkleinerung des Raumes und eine weitere Beschleunigung der Zeit.
- Durch das Aufpusten und Platzen eines enormen Spekulationsbalons betr. New Economy
- Durch das Aufpusten von Finanztransaktionen und allen möglichen seltsamen Instrumenten des Kapitalmarktes, der die Substanz (diskontiert) verkauft, bevor sie da ist und Kapital gegen jede mögliche Entwicklung (hohe Zinsen, tiefe Zinsen, Kursänderungen, Rohstoffpreise, etc. absichert.
Wichtigster Profiteur: Finanzindustrie + Kapital, Forschung, Firmen, Nutzer (Wirtschafts- und Staatsbürokratie)
6. Kondratieff:: (ab ca. 2020): Gesundheit und Bildung - Molekulartechnik - Nanorobotik und Quantencomputer?
Details s: Im Leerlauf rotieren als Lösung?
Die Schweiz ist hier ein typischer Fall, wie Japan, aber mit unterschiedlicher zeitlicher Entwicklung. Nach gemächlicher Entwicklung im 19. JH, in dem allerdings die strukturellen Voraussetzungen für die folgende Explosion geschaffen wurde, setzte der Boom im 19 JH voll ein. Die Schweiz hat sich, dank Neutralität, gut über den 1. Weltkrieg gebracht, und es gelang ihr, dank des Vorsprungs, die Entwicklungsdynamik auf entsprechend höherem Niveau weiter zu führen, bis 1973, wo die 1. Oelkrise einsetzte. Zu diesem Zeitpunkt beginnt auch die Deutsche und Neuseeländische Wirtschaft einzuknicken.
Die Oelkrise ist kein "zufälliges", äusseres, von Wirtschaft unabhängiges Naturereignis, sondern präzise einer der Faktoren, der zur typischen logistischen Kurve führt: Ein Rohstoff, ein Element, das für Wachstum unentbehrlich ist, wird knapp, teuer, oder gleich beides. Dies droht mit sämtlichen nicht nachwachsenden Rohstoffen, und auch bei nachwachsenden Rohstoffen, wo sie nicht nachhaltig bewirtschaftet, also übernutzt werden (Fische).
Die meisten Länder können diesen Knick noch etwas hinausschieben. 1990 erfasst er aber bereits Japan, das sich seither nicht "erholt" hat, Frankreich (do), UK (do, fast bankrott), Deutschland (do), Italien (quasi bankrott) etcetc.:
[Angus Maddison: The World Economy: A Millennial Perspective. Paris: OECD 2001. S. 185, 195, 215, 224]
Der "Sonderfall Schweiz" war diesbezüglich ganz offensichtlich bloss einer, solange er von der Neutralität profitieren und sich die Kriegskosten des 1. und 2. Weltkriegs vom Hals halten konnte. Ansonsten sind wir in der Zwischenzeit eigentlich wieder recht normal, also kein Grund zum Angeben.
Unter Einbezug der USA sieht es eh eher danach aus, wie wenn diese ein Sonderfall wäre. Allerdings mussten auch die USA diesen Status, zumindest finanziell, abgeben - und zwar eigentlich bereits seit 1970. Damals war der Dollar noch über 3 Fr. wert, heute weniger als einer. Massiv eingebrochen ist er vor allem nochmals 1980 und 2008. Dass solch massiv Entwertung gegenüber Fr wie Gold in dieser Kurve nicht aufscheint, liegt vor allem daran, dass der Dollar nicht nur nationale, sondern internationale Währung ist. Die Unmengen von Dollars die in den internationalen Handel abgeführt werden, retten die USA vor den Folgen die jedes andere Land zu bezahlen hätte, nämlich Inflation. Dazu kommt, dass Reiche, und reiche Staaten, bisher immer noch das Vertrauen hatten, dass die USA eine führende Wirtschaftsnation bleibt. So langsam fragt sich aber der eine oder andere, ob das wirklich so sei. Die blaue Kurve hier dürfte also ein beträchtliches Stück zu weit oben liegen - die blaue und gelbe (China und Indien) in der übernächsten Graphik ein beträchtliches Stück zu weit unten.
Konjunkturentwicklung der USA:

Hier noch ein paar Länder die zwar noch nicht an der Spitze sind in Sachen BIP - aber dafür um so mehr in Sachen Wachstum: China und Indien liegen immer noch weit abgeschlagen, fangen aber mit dieser Entwicklung eigentlich erst an, während dem sie in der Schweiz seit den 80ern, in Deutschland, Frankreich, Italien, UK etc. seit ca. 1990 deutlich abbremst. Die typische S-Kurve (logistische Kurve), eine Sättigungskurve - gleichzeitig aber auch eine Kurve, welche die Erschöpfung des Substrats anzeigt. In Anbetracht dieser Verhältnisse dennoch auf Wachstum zu vertrauen, ist ein bisschen ... äh ... nicht so intelligent.
Die letzten vorhandenen Zahlen (nicht im Report verwendet, aber vom Center for International Comparisons of Production, Income and Prices (CIC), University of Pennsylvania, zur Verfügung gestellt, scheinen all die vorgehenden Interpretationen Lüge zu strafen. Das Wachstum seit 1998 war exorbitant. Tja ... wäre da nicht 2008, in dem viele Länder massive Verluste einstecken mussten. Die kaufkraftbereinigten Zahlen liegen leider noch nicht vor. Wir werden sehen, wie das dann, und für die folgenden Jahre aussieht.
Dazu kommt, dass Geld, je mehr davon rumfliegt, als Massstab von Wert so viel taugt wie ein Gummiband. Gerade in den letzten Dekaden (Zusammenbruch von Bretton-Woods 1971-73: Anstieg von 50$/Unze auf 200, 1980: Anstieg auf 700 auf Grund des Oelschocks, Rückentwicklung auf 3-400 und erneuter Boom mit Finanzkrise 2008, der Goldpreis steigt auf fast 1400$/Unze.
Kehren wir die Sache um und nehmen an, dass Gold nach wie vor ein relativ stabiles Mass für Geldwert sei, dann hiesse das, dass wir bereits seit längerem in einer massiven Deflationsphase stecken, die durch massiven Einwurf von Geld in den Sekundärhandel (Geld- und Finanzmärkte) einerseits recht erfolgreich aufgefangen wurde (ein Lob dem Grünspan), andererseits eben doch die Werte verdünnen, also diese Kurven oben zu Scheinwerk verkommen lassen (verflucht sei der Grünspan). Eine halbwegs saubere Theorie des Zusammenwirkens von primär und Sekundärmarkt gibt es noch nicht, da vor allem der Sekundärmarkt (früher auch gerne Markt des Spielgeldes genannt) einerseits recht lange recht unabhängig vom Realmarkt schien, andererseits aber eben sehr stark von Zufällen, Herdentrieb, Masseneffekten und Glücksspiel abhängt.
Vergleichen wir das mit dem smi, also der Kapitalvermehrung anhand von Börsenwerten in der Schweiz, so sehen wir ebenfalls, dass sei 1997 eigentlich nichts mehr läuft ausser zickzack.
Korrektur: Wir sind hier noch nicht in der Hölle, sondern erst in der Vorhölle. Offensichtlich haben die smi-Unternehmen in den letzten 10 Jahren überdurchschnittlich hohe Dividenden ausbezahlt. Das heisst, die Geschäfte liefen zwar relativ gut, aber es wird - im Durchschnitt wohlgemerkt! - eigentlich nicht mehr mit einer Steigerung gerechnet. Weitere Investitionen werden also ausserhalb getätigt, wohl in BRIC und andere aufstrebende Staaten, in Gold, Edelmetalle, Rohstoffe, in SFr am Geldmarkt, in Derivative zur Absicherung von € und $-Positionen etc. Das muss ich noch im Detail analysieren. So oder so, für den Arbeitsmarkt verheisst das nichts gutes, für den Schweizerischen zumal.
Das selbe Bild zeigen die Löhne:
Noch nicht (Ausnahme 2009) das BIP. Das dürfte a) allerdings daran liegen, dass auch Blasen im BIP erfasst werden. Insbesondere hat der Anteil der Finanzdienstleister am BIP zwischen 1990 und 2000/2007 um 6/5% zugenommen, ist seit 2008 aber wieder am Schwinden begriffen. Bei den Immobilien fragt man sich imme wieder mal ....
Die Betriebe übergeben das Risiko den Arbeitnehmern. So haben wir zunehmend unsichere Arbeitsplätze, insbesondere als Arbeit auf Abruf. Das klingt eigentlich wieder an an 3.-Welt-Verhältnisse, wo die Arbeiter am Strassenrand rumstehen mit Schaufeln, und auf einen Laster warten, den sie mit Sand oder sonst was laden können. [Die Volkswirtschaft: Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. 10-1010. S. 56]
b) zeigt der Verlauf des BIP/Kopf in Weltdollar, also Kaufkraftbereinigt, doch eine deutliche Stagnation, während diese Kurve hier, oben links, vernachlässigt, dass gerade in der Schweiz doch alles um einiges teurer ist als in den Nachbarländern, dieses BIP also nicht all zu viel hergibt, der Schweizer Franken vielleicht sogar, zu Gunsten der Finanzmärkte, etwas überbewertet ist, was mit dem Verfall des Euros noch stärkere negative Auswirkungen hat - wenn man nicht jenseits der Grenze einkauft.
Ohne Wachstum hat unser Wirtschaftssystem massive Probleme - die als soziale Probleme und damit rasch auch als politische Probleme sichtbar werden. Umgekehrt drängt die politische Lösung dummerweise nicht auf eine wirtschaftliche Lösung durch Systemkorrektur, sondern durch Sparen bei den Betroffenen, was dann irgendwann zu Rabatz führt, wenn's übertrieben wird. Umgekehrt, Verteilen was noch da ist, solange noch was zu holen ist, gibt uns ein paar Jahre mehr, ist aber auch keine Lösung.
Hier noch ein paar zufällige ausgewählte Graphiken der Entwicklung von Ostblockstaaten. Hier handelt es sich um andere Gründe als im Westen, warum die Kurve oft nicht bloss s-förmig, sondern gleich zum Sinus, also Wellental wird: Das System ist nicht an eine Grenze geraten, die ihm zumindest erlaubt, das Erreichte weiter zu pflegen, sondern es ist schlichtwegs eingebrochen, weg, nicht mehr da. Ohne Substanz müssen also die Ostblockstaaten eine neue S-Kurve anfangen, und das ist eben brutal. Wir sollten vielleicht besser dazu sehen, einen neuen Entwicklungspfad zu entwickeln, bevor wir in der selben Lage sind.
Apropos "Schluss mit Wachstum". Das gilt natürlich primär für Länder, die schon alles bis zum Geht-Nicht-Mehr überbaut und ausgenutzt haben. Entwicklungsländern geht es da heute ewas besser, sie haben noch Raum für Entwicklung, und damit eine ca. 5-8% höhere Zuwachsrate als wir [Die Volkswirtschaft: Neue Zugpferde für die Weltwirtschaft? 10-1010. S. 14-19]:
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Für die Industrieländer bestehen Kurz- und mittelfristig keine rosigen Aussichten. Die Haushaltssanierung der schwer verschuldeten Länder wie Griechenland, Irland, Island, Italien, Spanien .... USA etc wird den Konsum dämpfen. Der Aufschwung kann heute stattfinden, ohne neue Stellen zu schaffen, diese Probleme bleiben also erhalten. Die Regulierung der Finanzmärkte führt entweder zu höheren Kosten - oder steigendem Risiko eines weiteren Absturzes, ev auch mal eines Totalabsturzes.
Strukturwandel inkl. lebenslangem Lernen sind hier teuer. Während dem bei der Entfesselung der Marktkräfte im 18. und vor allem 19. JH wenig qualifizierte Arbeitskräfte (Bauern) mit geringer Produktivität (Selbstversorgung), ohne grosse Steigerung der Anforderungen an Kenntnissen und Fähigkeiten in produktivere Sektoren umsteigen konnten, müssen heute qualifizierte umqualifiziert werden - und das dummerweise bevor ein Boom einsetzt, da sonst dieser bereits wieder vorbei ist, bis die Umschulung beendet ist. Die Verbindung von Ausbildung und Erwerb wird also zur Lotterie. Diese ebenfalls ein Problem, das von den diesjährigen Nobelpreisträgern der Wirtschaft, Diamond, Mortensen und Pisiarides bei ihren "Suchstrategien" nicht mal am Rande berücksichtigt wurde. (Na ja, Nobel war eh der Meinung, Oekonomie leiste nie was Preisrelevantes ...)
Apropos "Strukurwandel" sind auch einige Kommentare der letzten Jahre von unsern Wirtschaftsgrössen, wenn sie grad mal wieder in China was zu tun haben, ziemlich belämmert: Wie toll das sei, in welch kurzer Zeit riesige Bauvorhaben da durchgezogen werden können, toll, wie anders als in der trägen, verwalteten Schweiz. China, wie Indien, reisst oft Slums nieder (unter massivem Polizeieinsatz und mit wenig Rücksicht auf die Rechte der Bewohner), baut Wolkenkratzer hin oder Industrieanlagen. Ein gewaltiger Sprung. Der Unterschied zur Schweiz aber ist eben genau der, dass wir hier a) keine solchen Slums haben, dass wir kaum überflüssiges Bauland haben - und dass auch Arme bei uns einige Rechte haben. Man sollte sich chinesische Verhältnisse also nicht all zu sehr wünschen. Dazu kommt, dass der Ersatz für einen Slum, auch wenn man Entschädigungen gezahlt hätte, keine grossen Kosten verursacht. In der Schweiz jedoch müssten ein-, allenfalls zwei- oder Mehrfamilienhäuser durch noch grössere Blöcke ersetzt werden. Abgesehen vom Widerstand der Bewohner ist auch der Renditesprung kein so gewaltiger, denn das was da ist hat doch schon einigen Wert, und verursacht beträchtliche Umstrukturierungskosten. Genau dieses Problem, Wert, Erhalt oder Umbau der Substanz wird im gegenwärtigen neoliberaln Abenteuer- oder Postkapitalismus übersehen. Es wird noch immer so agiert, als wäre alles neu - was eigentlich bloss Ersatz ist.
Mit dem wirtschaftlichen "Anschluss" and das Marktsystem, übernehmen Länder, die noch eher traditionell organisiert sind, halt aber auch die Risiken und Probleme, die bei uns zur Stagnation führen:
Ein offener Markt heisst nicht einfach automatisch, dass es allen besser geht, auch wenn uns die Oekonomen das gerne so verkaufen. Einigen gelingt es besser, sich wirtschaftlich in diesem neuen Umfeld zu bewähren, andern weniger, noch andere haben ganz einfach kein Interesse daran. ähum ...
Globalsierung findet zudem je nach Bereich unterschiedlich statt:
Anders ausgedrückt: Geld kann weltweit reisen und agieren, steht unter Schutz, wird gehätschelt und verwöhnt durch Steuererlasse und Zollabbau - Menschen hingegen die guten Löhnen nachreisen wollen, also dorthin wollen wo die Wirtschaft floriert, was zum Liberalismus und freien Markt dzu gehörte, eigentlich, werden ausgebremst.
Der Vorteil der Globalisierung ist also einseitig auf Seiten des Geldes, d.h. natürlich seiner Besitzer. Und dies um so mehr, als die Politik ausländerfeindlich und isolationistisch wird - was sich in dieser Graphik seit 2000 ja bereits ausdrückt.
Es ist ein Irrtum zu glauben, Investitionen, Direktinvestitionen, Aussenhandel sei eine reine Wohltat für alle Betroffenen. Wer mit billigen Gütern bombardiert wird, hat keine Chance mehr, seine eigene Wirtschaft zu entwickeln. Wer keine eigene Wirtschaft entwickeln kann - was soll der tun? Eben, laut liberaler Markttheorie, dorthin gehen, wo seine Arbeitskraft gebraucht wird. Da die moderne Wirtschaft jedoch Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt, braucht sie nicht mehr Arbeitskräfte als eben jene, welche die Maschinen herstellen, allenfalls unterhalten und betreiben. Und das sind, so wird geschätzt, eben bloss etwa 1/5 der Gesellschaft. Wovon die andern 4/5 leben sollen war dieser Wirtschaft absolut egal - bis vor kurzem. Seitdem jedoch auch den Finanzmarkthirschen klar wurde, dass hohe Arbeitslosenzahlen sich übel auf die Aktioenkurse auswirken, lässt sich eine Aenderung zumindest denken - also tun wir's!
Martin Herzog, Basel, 5.10.2010