Charta/Prinzipien (E/D) des Welt-Sozialforums von Porto Alegre, gekürzt und kommentiert:

Weiterentwicklung von: Postkapitalismus/Finanztheater-Kapitalismus: Kapitalismus ohne Investitionen = Kapital ohne Verantwortung. Nach: Naomi Klein: No Logo! Goldmann, Random House. 2000

Was ist das Weltsozialforum 1. Teil?

  1. Das Weltsozialforum ist ein offener Treffpunkt für reflektierendes Denken ...  freien Austausch von Erfahrungen und das Verbinden für wirkungsvolle Tätigkeit, durch und von Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft. Widerstand gegen Neoliberalismus und Kapital ... ja, sicher, aber hier ist eine präzisere Formulierung nötig sonst bleibt der Eindruck bestehen, dass es sich einfach um eine Gruppierung von Leuten handelt, die dagegen sind, wogegen auch immer.
  2. Das Weltsozialforum ist ein permanenter Prozess des Suchens und des Aufbauens von Alternativen.
  3. Das Weltsozialforum ist ein Weltprozess.

Was will das Weltsozialforum? Zielsetzung 1. Teil

  1. Diese Alternativen sind so gestaltet, dass eine Globalisierung in Solidarität ... sicher gestellt wird. Diese wird die allgemeinen Menschenrechte respektieren, die Rechte aller Bürger - Männer und Frauen - aller Nationen, die Umwelt, und sie wird gestützt sein auf demokratische, internationale Systeme und Institutionen im Dienste sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und der Selbstbestimmung der Völker.
  2. Das Weltsozialforum bringt Organisationen und Bewegungen der Zivilgesellschaft aus allen Ländern in der Welt nur zusammen und verbindet sie, aber beabsichtigt nicht, eine Institution zu sein, welche die Weltzivilgesellschaft repräsentiert. Diese nicht-Formulierung sollte in eine positive gewandelt werden. Es ist klar, dass Repräsentation immer ein Problem darstellt, da die Repräsentanten sehr schnell vor allem ihre eigenen Interessen vertreten und versuchen, den Wähler mit passenden Erklärungen bei Laune zu halten. Dennoch sollte das Forum seine politische Kraft, die es hat, gezielter einsetzen und verlauten lassen als "Die vorherrschende Meinung des Forums", "Vorschläge des Sozialrates" oder so was. Das Produkt des Forums muss eine klare Form und Aussage kriegen, die politisch Wirkung erzeugt.

Wie funktioniert das Weltsozialforum?

  1. Nicht als repräsentatives politisches Forum oder Parlament. Die Teilnehmer an den Foren haben keine repräsentative Funktion. Das Forum ist also kein Parlament, in dem über Machtverteilung und Kompromisse verhandelt wird. Die Teilnehmenden Organisationen und Personen sind frei sich an die gemeinsamen Beschlüsse zu halten oder eben nicht. > Umwandeln in positive Formulierung!
  2. Das Forum nimmt Vorschläge für Aktionen auf und macht sie publik (- ohne zu kritisieren oder zu werten. Noch beabsichtigt es, die einzige Option für die Wechselbeziehungen und Aktivitäten der Organisationen und Bewegungen, die an ihr teilnehmen, festzusetzen. Hier wäre vermutlich noch einiges mehr an politischer Verhandlungsarbeit zum Wohle einer klareren Zielsetzung nötig. Chaotische Aktivismus erzeugt zwar mediale Aufmerksamkeit - wenn jedoch nicht klar ist, wozu diese dienen soll oder ob sie sogar Selbstzweck ist, sind die Aktionen ziemlich für die Katz. Auch ein Parlament kann ja den beteiligten Parteien nicht Optionen vorschreiben - aber es kann und soll die in den Parteien vertretenen Meinungen kritisch würdigen).

Was ist das Weltsozialforum 2. Teil?

  1. Das Weltsozialforum ist ein pluraler, breit gefächerter, nicht-konfessioneller, nichtstaatlicher und nicht-parteiischer Zusammenhang, der auf dezentralisierte Art und Weise die Organisationen und Bewegungen verknüpft, die durch konkrete Aktionen von der lokalen bis zur internationalen Ebene dabei mitwirken, eine andere Welt aufzubauen. > zu Diffus. Netzwerk? s. Punkt 13.

Teilnehmer:

  1. Das Weltsozialforum wird immer ein Forum sein, das offen ist für Pluralismus, Vielfältigkeit der Aktionen und Arten des Engagements der Organisationen und der Bewegungen, die sich entscheiden, an ihm teilzunehmen, sowie für Vielfalt der Geschlechter, der Ethnien, der Kulturen, der Generationen und der physischen Kapazitäten, vorausgesetzt sie halten sich an die Prinzipien dieser Charta. Weder Repräsentanten von Parteien noch militärische Organisationen können am Forum teilnehmen. Regierungsmitglieder und Staatsbeamte, die die Verpflichtungen dieser Charter annehmen, können als Einzelpersönlichkeiten eingeladen werden.

Zielsetzung 2. Teil:

  1.  Das Weltsozialforum widersetzt sich allen totalitären und reduktionistischen Ansichten der Wirtschaft, der Entwicklung und der Geschichte, und dem Einsatz von Gewalttätigkeit als Mittel der Sozialsteuerung durch den Staat. Es unterstützt Respekt für die Menschenrechte, die Praxis echter Demokratie, partizipatorische Demokratie, friedliche Beziehungen in Gleichheit und Solidarität zwischen Menschen, Ethnien, Geschlechtern und Völkern, und verurteilt alle Formen von Herrschaft und jede Unterdrückung eines Menschen durch einen anderen.

Was ist das Weltsozialforum 3. Teil?

  1. (grauenhafte Formulierung in neomarxistischem Soziologendeutsch in der sämtliche Schlagwörter recht wild zusammengewürfelt sind; eine "Bewegung von Ideen", Reflexion, Zirkulation, Transparenz, Herrschaftskritik ... Mit derartigem werden 99% der Leser gleich erschreckt und vergrault.
     
  2. Rahmen für Austausch von Erfahrungen ... s. Punkt1
  3. Netzwerk: Das Weltsozialforum versucht nationale und internationale Verbindungen unter Organisationen und Bewegungen der Gesellschaft zu verstärken und neue zu schaffen.
  4. Prozess der Entwicklung des Weltbürgers: lokal Handeln - global denken.

 Kurzum, ein ziemliches strukturelles und inhaltliches Chaos. Wenn das bei Charta/Prinzipien schon so ist ... warum sollte sich jemand in dieses Gestrüpp verirren wollen?

Das Problem liegt schon mal bei der diffusen Formulierung der Charta. Man will globale hehre Ziele erreichen, Netzwerke bauen - aber keine Statements, keine gemeinsamen Aktionen, keine Kritik (s. 7), keine Statements, keine Verbindlichkeit .... da bleibt eben schon nicht viel.

Ich denke dass das SF eine weitaus  grössere Chance und Breitenwirkung hätte,  nähme es  von  unten her den Vorschlag von Johannes Heinrichs, der 4fache Pfad http://www.brainworker.ch/Orientierung/ordnungsmodelle.htm auf und würde über Grassroots ein Sozial- und Kulturparlaments aufbauen. Da es "Grassrootsparlamente" kaum noch gibt, eine beträchtliche aber zukunftsgerichtete Aufgabe. In der Form des Sozialparlaments, Werteparlaments oder Kulturparlaments müsste man dann auch Kritik zulassen und sich über Schwerpunkte einigen, mindestens so weit, dass Empfehlungen (nicht Gesetze) an die Öffentlichkeit möglich werden.

Diskussionsbeitrag M. Herzog, Basel, 9.10.05