Global Cities, die Internationalen Finanz- und Geschäftszentren
Die Förderung von Machtzentralen ist eine untaugliche Entwicklungspolitik, wo's um das Wohl der ganzen Gesellschaft geht
Saskia Sassen: Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der global cities. Campus Verlag Frankfurt/New York. 1997
Saskia Sassen: The Global City. New York, London, Tokyo. Princeton University Press. Princeton and Oxford. 2001
Saskia Sassen: Cities in a world economy. Pine Forge Press. Thousand Oaks, London, New Delhi. Sage Publication. 2000/3rd ed 2006
Computerisierung und insbesondere das Internet liessen erwarten, dass die Wirtschaft sich dezentralisiert, da:
Koordination und Lenkung nicht mehr von geographischer Nähe abhängig sind.
Die Mietkosten in den Städten beträchtlich höher sind als auf dem Land.
Dies ist so nicht passiert, eher das Gegenteil: Die neuen Produktionszweige besitzen ihre eigenen Standortmuster, sie tendieren in hohem Mass zur Agglomeration. [S. 18]
Warum das?
Städte wurden zu:
| Ende der 80er Jahre entfielen 80% des US-Aussenhandels auf in den USA und
anderswo beheimatete TNK. (Transnationale Konzerne) |
Die Komplexität neuer Produkte macht auch hier den Rückgriff auf vielfältige, hochspezialisierte Vorleistungen nötig. So erfordert etwa die Produktion eines neuen Finanzinstrumentes Vorleistungen aus dem Bereich der Buchführung, der Werbung, der Rechts- und Wirtschaftsberatung. Das Top-Management solcher Dienstleister konzentriert sich also zunehmend in einigen wenigen führenden Finanzzentren, speziell in New York, London, Tokio, Frankfurt and Paris. Hier besteht nicht nur der Vorteil unmittelbarer Kommunikation, sondern auch der Lebensstil der Grossstadt spricht die in diesem Gefilde häufig tätige Nespresso-trinkende Schnöselfraktion mehr an als das Leben auf dem Land oder in der Provinz ... Insbesondere ist die Zeit entscheidend. Rasche Abläufe sind wichtig: Lange Wege, von mehr als 15 Minuten, stossen in Bürovierteln auf Ablehnung. Deshalb wurden sogar Läden und Restaurants etwa in Toronto in die Untergeschosse verlegt.
Zwar fördert das produzierende Gewerbe ebenso wie der Bergbau und die Landwirtschaft die Nachfrage nach unternehmensorientierten Dienstleistungen; an welchem Standort diese aber erbracht werden, ist für global operierende Dienstleistungsunternehmen von zweitrangiger Bedeutung. Ob eine Fabrik im Inland oder offshore produziert, ist ziemlich irrelevant, solange sie zu einem multinationalen Konzern gehört, der seinen Bedarf an Dienstleistungen bei einem führenden Unternehmen dieser Branche deckt.
Sassen kritisiert auch, dass die durch das Internet möglich gewordene, und durch Globale Firmen weidlich ausgenutzte Dezentralisation ebenfalls hätte dazu beitragen können, Eigentum und Aneignung von Profiten (Mehrwert) zu Dezentralisieren, also gerechter zu verteilen. Passiert ist aber das Gegenteil. Die transnationalen Grosskonzerne kontrollieren viele Endprodukte, immer mehr auch vitale Güter wie Wasser, und können sich so auch die damit verbundenen Profite aneignen.
Dass der Personalbestand aufgrund des hohen Arbeitskräfteangebots in Städten dem Auf und Ab der betrieblichen Anforderungen mit Leichtigkeit angepasst werden kann, ist für die besagten Branchen sicherlich ein wichtiger Grund, sich in Städten niederzulassen. [S. 140]
Fazit:
Diejenigen Firmen aber, die bei äusserstem Konkurrenzdruck in einer hochinnovativen Branche tätig und/oder stark weltmarktorientiert sind, ziehen aus der Einrichtung ihres Hauptsitzes in einem der grossen internationalen bedeutenden Geschäftszentren offenbar einen so grossen Nutzen, dass die dabei auftretenden höheren Kosten keine Rolle mehr spielen.
Um 1800. als die Weltökonomie noch weitgehend vom Handel bestimmt wurde, waren die entscheidenden Orte Häfen, Pflanzungen, Fabriken und Minen. Aber auch die Städte waren bereits Dienstleistungszentren zu jener Zeit.
Um 1980 blühten Finanz- und andere spezielle Dienstleistungen auf als wichtigste Elemente internationaler Transaktionen. Bis dahin hatten Regulationen die Banken daran gehindert, in den Markt der "securities" einzusteigen und sie beschränkten sich auf die traditionellen Tätigkeiten der Handelsbanken, weil sie mit den modernen hochspekulativen wie hochriskanten innovativen Finanzmarktprodukten gar nicht handeln durften. Gegen die Jahrtausendwende waren hedge funds in den USA weit verbreitet, während in Europa der Handel damit erst langsam einsetzte.
Die entscheidenden Orte für diese Transaktionen waren Finanzmärkte, fortgeschrittene Dienstleistungsbetriebe, Banken und die Verwaltungssitze transnationaler Korporationen. Diese Orte befinden sich im Herzen der Produktion von Reichtum, und sie finden sich in Städten.
Dadurch wurde die Welt aber nicht grösser, sondern kleiner. Um 1980 geriet auch die 3. Welt in die Schuldenkrise, was die Konzentration der zwar weltweit gestreuten, aber doch an wenigen Orten zentrierten Organisationszentren wirtschaftlicher Aktivität weiter förderte und das Gewicht der hoch entwickelten Länder als Importeure und Exporteure von Kapital weiter erhöhte. Die Geographie globaler Wirtschaft konzentrierte sich auf vier Empfängerländer ausländischer Investitionen: USA, UK, Frankreich und Deutschland. Alleine Deutschland empfing mehr als die Hälfte weltweiter Auslandsinvestitionen, und alleine die fünf grössten Exportländer USA, UK, Japan, Frankreich und Deutschland lieferten bereits 70% der Investitionen. Der grösste Teil der Investitionen in Entwicklungsländer floss nach Ost-, Süd- und Südostasien, das mit einer jährlichen Wachstumsrate von 37% glänzte.
Dieser Trend verschärfte sich 1990 noch mehr. Bis 1999 übertraf der monetäre Wert der internationalen Finanzströme bei weitem den Wert internationalen Handels und aller Auslandinvestitionen.
Mitte der 80er Jahre beherrschten die weltweit 5 grössten Werbeagenturen 38% des westeuropäischen und jeweils 56% des lateinamerikanischen und pazifischen Marktes. 1987 entfielen 27% der weltweiten Werbeeinnahmen auf die zehn führenden Agenturen.
Je stärker die Tätigkeiten einer Firma auf verschiedene Länder verteilt ist, desto komplexer und desto wichtiger wird die strategische Funktion der Zentrale, das heisst das Management, die Koordination, Dienstleistungen und Finanzierung des operativen Netzwerks der Firma. Ein grosser Teil solcher zentraler Funktionen wie Buchhaltung, Rechtsberatung, PR, Informatik, IT .... wird von hoch spezialisierten Firmen eingekauft. Die Zentrale ist für Auswahl, Verträge, Produktions- und Funktionsüberwachung zuständig.
Deshalb konzentrieren sich Rechtsberatungs- und Finanzinstitute in den wichtigsten Finanzzentren - und spiegeln das Netzwerk der wirtschaftlichen Beziehungen wieder:
In New York arbeiten 90% aller Beschäftigten des Finanz-, Versicherungs- und Immobiliengewerbes in Manhatten, wo auch 85 % der Arbeitsplätze im Bereich der sonstigen Dienstleistungen angesiedelt sind.
In NY sind 31% aller Beschäftigten in der Informationsindustrie angesiedelt (Los Angeles 17.8%, Chicago 20.3%, Landesdurchschnitt 15.1%)
NY ist ein Finanz-, Geschäfts- und Kulturzentrum, führend in Banken und Versicherungen, Buchführung, Werbung, Verwaltungstätigkeit im produzierenden Gewerbe.
Washington ist führend in Rechtsberatung, Datenverarbeitung, Management, Öffentlichkeitsarbeit, Forschung und Entwicklung. Verwaltungssitze von Verbänden. Lobbying
Global Cities:
World Cities: Leading Cities:
Der mächtigste dieser neuen, das Zentrum bildenden geographischen Zusammenhänge umfasst die wichtigsten internationalen Finanz- und Geschäftszentren: New York, London, Tokio, Paris, Frankfurt, Zürich, Amsterdam, Sydney, Hongkong ua.a. (Sao Paulo, Mexiko ...) Die Intensität und der Umfang der Geschäftsvorgänge zwischen diesen Städten, insbesondere was die Finanzmärkte und den grenzüberschreitenden Dienstleistungs- und Kapitalverkehr angeht, sind drastisch angestiegen, ebenso wie das Ausmass der damit verbundenen Aufträge. [S. 21]
Man sieht auch hier, warum die USA so hinter der Globalisierung stehen. Kleinere Märkte und Städte sind in dem Spiel total abgeschlagen. Sogar das Zürich der Gnomen kommt hier erst auf Platz 40!
Die ganze Regionalpolitik auf Grund diesen Städtewettbewerbs auf die einseitige Förderung von Städten umbauen zu wollen,
ist ein Witz.
Dies um so mehr, als natürlich jeder der profitieren kann, dies auch tut. Das zeigt sich in erster Linie anhand der Mieten. Höhere Mieten vertreiben aber nicht bloss Menschen mit sehr tiefen Löhnen, sondern bald auch solche mit mittleren, was zu einer Entvölkerung der Stadt führt. Zur Zeit zeigt sich das Problem offenbar gerade anhand von Barcelona, einer Kapitale für Design, Architektur und zunehmend auch Technologie. Die Löhne von Computerprogrammierern sind hier 3 x tiefer als in Frankreich. Gut ausgebildete Fachleute dank der Hochschulen reichlich vorhanden. Während dem aber die Löhne in den letzten 3 Jahren bloss um 10% stiegen (was immerhin ein Mehrfaches ist von der positiven Null hierzulande), stiegen die Mieten um satte 43%.
Ein klassisches Problem sind aber auch die Löhne. Wandern vermehrt Wirtschaftsverwaltungen und/oder Forschungsabteilungen in global renommierte Zentren, so steigen dort auch die Löhne. Dies zeigt sich bereits in China, wo ein Geschäftsführer in Schanghai zwischen 6700 und 16750 Euro verdient ... ein Ingenieur allerdings immer noch bloss zwischen 400 und 900 Euro (Handelszeitung No 45. 7-13. November 07. S. 17) Hat sich da nicht mal wer lautstark medial gewundert, warum das Ingenieurstudium heute so wenig Anhänger findet?). Zudem wollen die Leute dann auch zu Firmen mit internationalem Namen ... und sind grad so lange loyal, bis sie jemanden finden, der besser bezahlt. Tja ... wer Flexibilität will, der kriegt sie halt, wenn auch nicht immer so, wie gewünscht.
Städte jedoch, die als strategische Standorte in der globalen Wirtschaft fungieren,
tendieren vielfach dazu, sich aus ihren regionalen Bezügen herauszulösen. S. 74
Ein weiteres Problem ist das der Macht, denn "Die herrschende Erzählung beschäftigt sich mit den oberen Kapitalkreisläufen, nicht aber mit den unteren". Speziell die Immigranten werden in Illegalität oder Halblegalität gehalten, was günstig ist, wenn man billige Arbeitskräfte braucht (s. Schweiz: sans papiers) [S. 24]
Die Finanzindustrie, die den Geldumlauf beliebig steigern kann, ohne Inflation zu erzeugen (es sei denn, bei den Börsenwerten ...), erdrückt diejenigen Branchen, deren Wachstum durch natürliche Grenzen beschränkt ist. Die neuen Wachstumssektoren der spezialisierten Dienstleistungen und des Finanzgewerbes bieten weitaus höhere Gewinnmöglichkeiten als die eher traditionellen Wirtschaftssektoren. Zwar sind letztere für die Funktion der städtischen Ökonomie und die Befriedigung der alltäglichen Bedürfnisse der Stadtbewohner unabdingbar, aber ihr Überleben ist in einer Situation, in der das spezialisierte Finanz- und Dienstleistungsgewerbe Überprofite erwirtschaftet, durchaus bedroht.
Die hohe Rentabilität des Finanzgewerbes führt zu einer Entwertung des produzierenden Gewerbes und zu massiven Verzerrung auf den verschiedensten Märkten, insbesondere dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Während die Spitzenlöhne auf unerhörte Höhen klettern, geraten Anfangsgehälter und Einstiegsbedingungen unter Druck (s. Studentenrevolte in Frankreich), wie auch die Löhne von niedrig qualifizierten Arbeitern und Angestellten (bei denen gerne vergessen wird, dass viele darunter auf Grund natürlicher Bedingungen, also des IQ z.B., auch nur relativ niedrig qualifizierbar sind, also in dem System keine Chance haben). International agierende Grosskonzerne und insbesondere die Finanzindustrie setzen Standards an "Produktivität" und Gewinnerwartungen, die von immer weniger Betrieben und Mitarbeitern erfüllt werden können. Während aber diejenigen, die sich in diesem Kampf ums Ueberleben selbst verlieren, oder zumindest ihre Gesundheit, durch Härte zu weiteren Anstrengungen am Arbeitsmarkt motiviert werden sollen, erwarten die Unternehmen, weiterhin durch finanzielle Unterstützungen motiviert zu werden, um Behinderte oder "Leistungsschwache" anzustellen. (s. IV-Revision)
Während dem das hochproduktive neue Finanz- und Globalisierungsgewerbe den
mittleren und kleinen Betrieben zunehmend den Sauerstoff entzieht, entzieht es
auch dem Staat die Mittel, seinen Auftrag im Dienste der Gerechtigkeit zu
erfüllen. Die enormen Gewinne werden in dubiosen Offshore-Zentren lokalisiert,
wo keine Steuern anfallen. Ein Grossteil der Offshore Bankenzentren existiert nur auf dem Papier.
Auf den Cayman Islands z,B sind 250 Mrd. USD an Verbindlichkeiten bei 500 Banken
verbucht ... es bestehen aber
nur 69 Büros und nur 6 wirkliche Banken. Die meisten andern existieren nur
auf dem Papier. [S. 44]Offshore Zentren: Singapur, Hongkong / Manila Taipei / Beirut > Bahrain / Kuwait, Dubai, Malta,
Zypern / Australien, Neuseeland, Vanuatu, Cook-Islands, Nauru / Seychellen,
Mauritius / Schweiz, Luxemburg / Zypern, Madeira, Malta, Isle of Man u.a.
Kanalinseln / Gibraltar, Monaco, Liechtenstein, Andorra, Campione / Bermudas,
Cayman, Bahamas, Turks-, Caicos- und brit. Jungferninseln.
Obwohl die Schweiz hier nach wie vor mit grossem Vorsprung führt, sind ihr andere auf den Fersen. Bahrain etwa nutzt den Vorteil des Islamic Banking, das doch für über 1 Milliarde von Muslimen Anlagemöglichkeiten bietet, trotz Zinsverbots. Für Anleger besonders erfreulich ist hier die Nullsteuerpolitik. Anleger aus den USA, welche die US withholding tax umgehen wollen, empfiehlt sich dagegen Singapur, wo eben aus dem Grund auch Julius Bär, Banco di Lugano und CS Filialen unterhalten.
Gerade aber weil die Schweiz hier weitaus nicht alleine ist, die andern Europäer, aber insbesondere Singapur, Hongkong und die Golfstaaten am Aufholen sind, ist mit den gegenwärtigen massiven Attacken von Steinbrück & Co gegen die Schweiz doch etwas, sagen wir mal "diplomatischer" zu verfahren. s. Bankgeheimnis adee
Die einseitige Ausrichtung der Stadtentwicklung auf die Top-Branche führt
zu Verzerrungen im Wohnungsbau, der sich vom Wohnungsbedarf für niedrige und mittlere
Einkommen zurückzieht und vermehrt Luxusappartements baut für hoch bezahlte Fachleute.
Während in der boomenden Nachkriegszeit, der Wirtschaftswunderzeit, die Mehrzahl der neue entstehenden Jobs Löhne im Mittelfeld brachten und einen breiten Mittelstand schufen, sind die Jobs in den neuen Giganten stärker polarisiert, in Top-Jobs mit Top-Löhnen - und Niedrigsteinkommen für Hilfsjobs, die nur noch ausführende Funktion haben (wo sie nicht bereits durch Maschinen ersetzt wurden).
Die Aufspaltung in hoch bezahlte Verwalter, die Billigstmitarbeitern irgendwo auf der Welt Aufträge erteilen, führt aber nicht nur zum Verschwinden des Mittelstandes, zu Verlust an Motivation und Interesse an der Arbeit, sondern trägt sogar ein Risiko für die Elite selbst, die diesen Kokolores organisiert. Hochbezahlte Spezialisten und Manager in diesen Spezialgebieten der Finanzdienstleister werden selber leichter ersetzbar, da ihre "Kunst" lernbar ist und die "Amtssprache" doch meistens Englisch. Auch hier werden viele weitaus schlechtere Arbeitsbedingungen aufgezwungen erhalten, als ihre Vorgänger in Handelsbanken und Versicherungen. Die grössere Flexibilität bedeutet auch hier nicht mehr und nicht weniger als dass diese Jobs genau dem selben Zufälligkeitsprinzip unterworfen werden, wie alle andern auch.
Die neue Schicht hoch bezahlter Beschäftigter verfügt allerdings nicht über ausreichend Kapital um als nennenswerte Investoren auftreten zu können. Sie steigern aber die Nachfrage nach qualitativ relativ hochwertigen Gütern und Dienstleistungen, die weder in Massen produziert noch abgesetzt werden können. Sieht man sich allerdings etwa den Stil an Architektur an, in dem die neuen Neureichen (im Kanton Zug) wohnen, so scheint die Aussage zweifelhaft. Geiz und Geist oder Kultur vertragen sich offensichtlich auch heute noch nicht.
Die von dieser Kriegswirtschaft als überflüssig befunden, die "Ausgelagerten", versuchen oft in subsistenzorientierten Familienbetrieben oder in prekärer Selbständigkeit (äh .. hum ...) über die Runden zu kommen:
Die gleichzeitige Ausweitung der einkommensschwachen Bevölkerung (durch Verschwinden des Mittelstandes wie durch Einwanderung) trug ebenfalls zur rapiden Zunahme von kleinen Unternehmungen und zur Abnahme der Bedeutung der standardisierten Massenproduktion und der grossen Einkaufsketten für Billigprodukte bei. Die Konsumbedürfnisse dieser Gruppe werden zu einem guten Teil von kleinen Gewerbebetrieben und Einzelhandelsgeschäften befriedigt (wie hier in Kleinbasel die türkischen Geschäfte), die auf Familienarbeit basieren und oftmals unter die Mindestsicherheits- und Gesundheitsvorschriften fallen.
Die Kluft zwischen Zentralität und Marginalität (Randständigkeit) wird tiefer. Global Cities entwickeln sich zu Orten, an denen sich die wirtschaftliche Macht in ungeheurem Mass konzentriert, während andere Städte, die einst wichtige Industriestandorte waren, sich weitgehend im Niedergang befinden. Hochqualifizierte Spezialisten verdienen mehr denn je zuvor, während durchschnittlich und niedrig qualifizierte Arbeitskräfte sich mit fallenden Einkommen abzufinden haben. Und während Finanzdienstleistungen Superprofite erwirtschaften, kämpfen industrielle Dienstleistungen ums blosse Überleben. S. 162
Die funktional mit dem derzeitigen Wirtschaftswachstum zusammenhängende Zunahme von schlechtbezahlten Jobs impliziert eine Reorganisation des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit. [S. 142]
FAZIT:
Städte sind strategische Orte, an denen sich die Steuerungsfunktionen der globalen Märkte konzentrieren.
In der Stadtkonzentriert sich Vielfalt: Unterschiedliche Kulturen der Werktätigen, der Einwanderer, der "Andern" der Stadt-Rand (der wie bei jedem Kreis weitaus mehr Raum einnimmt als das Zentrum), an dem sich niedrig bezahlte, flexibilisierte Angestellte und Handarbeiter sammeln. (Sekretärinnen, Putzkolonnen, Lastwagenfahrer, Techniker, Mahler, Hausmeister, Lageristen, ... Dies wurde in einem zusätzlichen Kapitel der neusten Ausgabe (2006) noch präzisiert, da schlecht bezahlte Jobs vor allem von Frauen erledigt werden - aber, immer mehr erfolgreiche Frauen sich von halb- oder illegalen Drittweltfrauen bedienen lassen.
Darüber hinaus können Städte auch als Orte gelten, an denen die Widersprüche der Internationalisierung des Kapitals sich entweder beruhigen oder in Konflikten zum Ausbruch kommen. In den Städten finden sich grosse Ansammlungen von benachteiligten Menschengruppen, so dass sich auch die Entwertung dieser Mensche primär hier abspielt. [S. 165 ff]

Es bildet sich eine urbane Wirtschaft aus gut bezahlten Jobs in der Hochfinanz und schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor mit wenig Raum in der Mitte. [Paul Krugmann. Ökonom]
In New York zahlen 13'000 Haushalte einen Drittel der Einkommenssteuer der 8 Millionen Einwohner. Aber Lehrer, Feuerwehrleute, Polizisten, Beamte können es sich immer weniger leisten, in den Superstädten zu wohnen ... Von der "Leistungselite" der Finanzjongleure werden diese als Leistungsunwillig, unflexibel, bildungsschwach, falsch qualifiziert etc. bezeichnet. Sie kennen das ja ...
Apropos Wirtschaftspropaganda, da hat Deutschland ja wirklich mal ein goldenes Händchen gezeigt, als Beatrice Weder di Mauro in den Rat der Weisen bestellt wurde. Mit weiblich-jugendlichem Charme vertritt sie die selben alten Kamellen wie ihre Kollegen, aber ohne sich festzulegen, immer geschmeidig, intelligent, schwebend. Eigentlich sympathisch ... und präzise da liegt das Problem, denn sieht man sich ihre Empfehlungen an: Mehr Liberalisierung, mehr Arbeit, Pensionierung ab 67 etc, sind es eben präzise die Empfehlungen, die einer einseitigen, sozial absolut rücksichtslosen Anwendung wirtschaftlicher Gesetzmässigkeiten entwachsen. Nix von ganzheitlich, nix von sozial, nur Wirtschaft. Die Frau widerlegt, wieder mal, dass Frauen bessere Menschen sind und belegt, dass Frauen, wenn richtig geschult, Normen/Ordnungssysteme genau so einseitig interpretieren und genau so brutal ein- und umsetzen wie Männer. Thatcher lässt grüssen ... Ihre Behauptung, dass die Wissenschaft noch nicht wisse, warum die Schweiz eine Preisinsel sei, dürfte ebenso ein Propagandaschwindel sein, denn, warum liegt 1/3 privater Geldvermögen der ganzen Welt in Schweizer Banken? Wenn nicht wegen des Bankgeheimnisses, der Verschwiegenheit, der Möglichkeit, Steuern zu hinterziehen - und, last not least, der Tatsache, dass sich die Schweizer am Heroismus von Wilhelm Tell und Winkelried aufgeilen, aber selbst sich höchst selten trauen, in der Firma oder der Öffentlichkeit auf Missstände hinzuweisen, also aufzustehen und ihre Interessen und Meinung wirklich zu vertreten. Sie überlassen das lieber andern Schreihälsen, die so günstig zu Stimmen kommen, wieder ihre eigenen Interessen zu fördern. Diesen Zustand, wenn sich keiner mehr traut was zu sagen was nicht der Norm und den allgemeinen Erwartungen entspricht, nennt man hierzulande dann: "Sozialen Frieden".
Da offenbar schon bei der ersten Ausgabe die Aussage, dass in globalen Städten nicht nur der Reichtum, sondern auch sie sozialen Unterschiede und Spannungen wachsen, zu einigen Kontroversen geführt hat (und auch hierzulande von Anhängern der "Grossen Stadt" gerne vergessen werden ...), hat sich Prof. Sassen in der neusten Ausgabe mit dem Problem intensiver auseinander gesetzt und ein Kapitel angehängt.
Die neuen Profitsektoren, die meist als DIE durch Restrukturierung und Strukturwandel zu entwickelnden Strukturen angesehen werden, ist problematisch, da sie einige wichtige Märkte verzerrt (s. Balassa-Samuelson-Effekt). Insbesondere treiben diese Firmen und ihre Angestellten die Mietkosten in guten Lagen in eine Höhe, die Mitarbeiter der "normalen" Strukturen nicht bezahlen können. Der Effekt ist in der Schweiz sehr bedeutend, denn hier liegen fast alle Preise höher als sonstwo (+ 65% Big-Mac-Index), die relative Kaufkraft also sehr tief. Der Big Mac Index liegt bloss für Island (+ 118) und Norwegen (+ 98) noch höher. Die bei uns dafür verantwortlich gemachte "zu geringe Konkurrenz, fehlender Binnenwettbewerb", die vor allem für das fehlende Wachstum verantwortlich gemacht werden, wird also bloss rhetorisch in den Fordergrund geschoben, weil man da was machen kann ... aber wer will und kann schon was gegen Wirtschaftsführer machen ...
Im übrigen ist nicht viel neues drin, was die Annahme bestätigt, dass Professoren, wenn sie mal eine gute Idee hatten, gerne Jahrelang, wenn nicht gar bis zum Lebensende, darauf rumreiten - was offenbar auch für Frauen gilt. Da heute Professoren keine besonderen Risiken auf sich nehmen, wäre dies einer der wichtigsten Gründe, die lebenslängliche Anstellung abzuschaffen, denn weder in Wirtschaft noch in Politik kann jemand sonst ein ganzes Leben mit einer Idee finanzieren.
Hat im 20 JH. die Vermassung der Menschen in Vororten auch zu Massenproduktion und Massenkonsum geführt - entledigt sich seit 1990 die rationale Produktion zunehmend der arbeitenden Massen. Der logischerweise zu erwartende Einbruch beim Konsum - durch fehlende Löhne bedingt - soll durch Export aufgefangen werden. 1960-70 erreicht die Integration der Arbeitnehmer in die Produktionsprozesse den höchsten Stand. Da die meisten Politiker alt bis sehr alt sind, entscheiden sie in Sachen Arbeitsmarktprobleme oft immer noch auf Grund der damaligen Erfahrungen: Wer Arbeit will, kriegt auch welche. Wurden früher aber vor allem Frauen und Ausländer ausgeschlossen oder am Rande gehalten, so erfasst diese Peripherisierung heute längst breite Kreise des ehemaligen Mittelstandes. Noch immer sind es aber vor allem Frauen und Immigranten, zunehmend illegale Immigranten, sog. Papierlose, die als Billigstarbeitskräfte in vielen Branchen zwar hoch willkommen und unentbehrlich sind - aber gerade darum vermutlich in ihrem Status belassen werden.
weiteres zum Thema s. GUTE ARBEIT II: Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit.
Saskia Sassen sieht diese Informalisierung am untern Ende als logische Folge der Deregulierung am obern Ende, bei Gesetzen und Normen, bei Kapitalverkehrskontrolle.
Der grenzüberschreitende Handel hat auch einiges erleichtert, was vermutlich von den Erfindern nicht so besichtigt wurde, nämlich Menschenhandel, insbesondere Frauenhandel.
Die Professionalisierung der Frauen trägt das ihre dazu bei. Haushalte ohne Hausfrau delegiern die zu erledigenden Aufgaben wie Reinigung, Kinderpflege, Kindererziehung, Kochen etc. zunehmend an den Markt. Die Immigrantin die der weissen Frau dient hat längst das Immage der schwarzen Sklavin die ihrem weissen Herrn dient ersetzt. S. 183]
Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, 20.6.06
Die einseitige Fokussierung ist immer Unsinn, egal ob auf Grösse oder irgend ein anderes Merkmal. Eine vielseitigere Analyse der Qualitäten der Schweizer Städte von Bilanz zeigt deutlich, dass eine einseitige Ausrichtung auf die Grösse und Komplexität von Global Cities beträchtlichen Schaden anrichten würde.
Abgesehen davon, sind viele Städte immer noch eher Problemzonen - und schrumpfen:
| Rang | Tiefste Steuer- | Reichtum | Arbeitsmarkt | Zentralität | Sozialstruktur | Dynamik | öffentlicher | Erholungswert | Tourismus |
| belastung | Verkehr | ||||||||
| 1 | Freienbach | Küsnacht ZH | Davos | Zürich | Zollikon/Zürich | Volketswil | Zürich | Gland | Davos |
| 2 | Zug | Zollikon | Zollikon | Genf | Küsnacht ZH | Bülach | Bern | Arbon | Opfikon ? |
| 3 | Cham | Meilen | Meilen | Basel | Meilen | Freienbach | Basel | Morges | Meyrin |
| 4 | Baar | Chene-Bougeries | Muri b.Bern | Bern | Muri b.Bern | Nyon | Vevey | Nyon | Rüti ZH |
| 5 | Lugano | Zug | Küsnacht ZH /Thalwil | Lausanne | Pully | Versoix | Birsfelden | Zug | Luzern/Montreux |
| 6 | Zollikon | Muri b.Bern | " | Winterthur | Chene-Bougeries | Bulle | Binningen | Stäfa | |
| 7 | Küsnacht ZH | Thalwil | Münsingen | St. Gallen | Thalwil | Monthey | Köniz | Küssnacht SZ | Sion |
| 8 | Küssnacht SZ | Freienbach | Wallisellen | Zollikon | Baden | Uster | Ittigen | La Tour de Peilz/ | Lugano |
| 9 | Locarno | Binningen | Riehen | Luzern | Binningen | Baar | Riehen | " / Küssnacht SZ | Genf |
| 10 | Belinzona | Riehen | Zug | Carouge | Zug | Carouge | Münchenstein | Pully | Bellinzona |
28.7.07
Last not least: Wenn global cities die Hochburgen des Geldadels sind, so darf man auch heute die "Bauern" nicht vergessen, die für den Wohlstand des Adels bezahlen müssen. In der von global wirkenden Netzwerkherren beherrschten Netzwerkgesellschaft wären das die überbevölkerten Vorstädte, und da vor allem die Frauen. Die global city nimmt also die Aufspaltung der Gesellschaft in Burgherren und Untertanen nicht bloss hin, sondern lebt davon. (s. Cluster hochmoderner Dienstleistungsanbieter)
Einerseits ... andererseits, sehen wir uns doch mal an, wo sich den die zahlreichen ausländischen Headquarters wirklich niedergelassen haben. Seit 2003 waren es nach einer Studie von ADL 269 globale oder regionale Headquarter die inzwischen 10% des Schweizerischen BIP erbringen! 54% stammen aus der USA, gefolgt von Deutschland, England und Frankreich. Aus Asien ist es vor allem Japan. Potential besteht für die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China). Der Standort Schweiz sagt zu (obwohl nicht EU!) auf Grund der politischen Stabilität, der Rechtssicherheit, Lebensqualität und harmonischem sozialem Klima, guter Infrastruktur, guter Ausbildung der Arbeitskräfte, liberalem Arbeitsrecht. Steuervorteile kommen erst auf Platz 11. Die grössten Rivalen sind Irland, die Niederlande, Grossbritannien und Deutschland betr. Headquarters, Singapur wo es um IT und Finanzen geht.
Wir sehen hier deutlich, dass sich diese Headquarter eigentlich NICHT wie die Theorie von Saskia Sassen behauptet, in den globalen Städten konzentriert (Genf, Zürich), sondern zum Teil auch recht ländliche Orte heimsucht, auch wenn diese nicht durch übermässige Steuererlassen für sich werben. Dort wo sie das tun, wird selbst ein ländlicher Kanton (Zug/Luzern/Nidwalden) schwarz vor Geld. Basel wird hier interessanterweise umgangen, was sich vermutlich daraus erklärt, dass Basel "gebaut" ist. Völlig vernachlässigt werden hier, logischerweise, Jura und Alpen. Liegt vermutlich bloss an der schlechten Vermarktung, denn als Idee gab's auch das schon lange mal: James Bond: Im Geheimdienst seiner Majestät - auf dem Piz Gloria (1. alpines Drehrestaurant).
[Bilanz. Standortförderung. 12/2010/S. 70-73]