Moderne Ökonomie:

Umgang mit Knappheit oder mit Überschuss, Überfluss und Überdruss?

Ungeheuer ist viel, und nichts
ungeheurer als der Mensch.
Der nämlich, über das graue Meer
im stürmenden Süd fährt er dahin,
andringend unter rings
umrauschenden Wogen. Die Erde auch,
der Göttlichen höchste, die nimmer vergeht
und nimmer ermüdet, schöpfet er aus
und wühlt, die Pflugscharen pressend; Jahr
um Jahr mit Rössern und Mäulern.

Leichaufmerkender Vögel Schar
umgarnt er und fängt, und des wilden Getiers
Stämme und des Meeres salzige Brut
mit reichgewundenem Netzgespinst -
er, der überaus kundige Mann.
Und wird mit Künsten Herr des Wildes,
des freien schweifenden auf den Höhen,
und zwingt den Nacken unter das Joch,
den dichtbemähnten des Pferdes, und
den immer rüstigen Bergstier.

Die Rede auch und den luft'gen Gedanken und
die Gefühle, auf denen gründet die Stadt,
lehrt er sich selbst, und Zuflucht zu finden vor
unwirtlicher Höhen und Glut und Regens Geschossen.
Allbewandert er, auf kein Künftiges
geht er unbewandert ein. Nur den Tod
ist ihm zu fliehen versagt.
Doch von einst ratlosen Krankheiten
hat er Entrinnen erdacht.

So über Verhoffen begabt mit der Klugheit erfindender Kunst,
geht zum Schlimmen er bald und bald zum Guten hin.
Ehrt des Landes Gesetze er und der Götter beschworenes Recht -
hoch steht dann seine Stadt, Stadtlos ist er,
der verwegen das Schändliche tut.

Sophokles: Antigone

Die neoliberale Neuauflage vergammelter Wirtschaftskonzepte ist keine Lösung für gegenwärtige und zukünftige wirtschaftliche, soziale und politische Probleme. Wir leben, zumindest in den entwickelten Ländern, schon lange nicht mehr in der Mangelgesellschaft, welche die Grundlage praktisch aller gegenwärtig umgesetzten und angestrebten Wirtschaftssystemen bildet. Wir leben in Überschuss, Überfluss und Überdruss. Seit über einem Jahr überlebt die Wirtschaft nicht nur durch Werbung, sondern macht bereits die Werbung Werbung für sich selbst. In der Überflussgesellschaft hilft es wenig, noch mehr zu produzieren. Den von der Arbeit ausgeschlossenen hilft es noch weniger, bei ihnen, den durch und wegen Überfluss ausgeschlossenen, zu sparen. Noch zynischer ist hier der Spruch von wegen Geiz ist Geil, der sogar zwanghaftes und übertriebenes Sparen (so die Definition von Sparen) attraktiv machen will.

Die Verantwortungsethik von Hans Jonas nahm diese Probleme, wie übrigens Brundtlands Nachhaltigkeitsdefinition, um Jahre voraus. [Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Suhrkamp 1085. 1984]

Hans Jonas erarbeitete, als Philosoph und Ethiker, bereits 1984 das Konzept der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen, das heute als 1. Definition der Nachhaltigkeit fälschlicherweise meist Brundtland (1987) zugeschrieben wird. Er wies bereits vor 20 Jahren darauf hin, dass die Zukunft der Menschheit die erste Pflicht menschlichen Kollektivverhaltens im Zeitalter der ... allmächtig gewordenen technischen Zivilisation sei, dass die Zukunft in keinem Gremium vertreten ist; sie ist keine Kraft, die ihr Gewicht in die Waagschale werfen kann. Er wies vor bereits 20 Jahren darauf hin, dass die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung sich, aus Gründen der beschränkten Ressourcen, eher auf Kontraktion als auf Wachstum einrichten sollte. Jonas betrachtete das Versprechen von Wohlstand für alle nach dem US-Europäischen Modell als Gefahr, da der Wohlstand Amerikas (und Europas)einen viel zu grossen Anteil der Weltschätze für seinen verschwenderischen Lebensstil  verbraucht und klar ist, dass er Einbussen erleiden wird, ob freiwillig oder gezwungen durch den Klassenkampf der Völker - der heute als clash of cultures wieder auftaucht, wobei nun als Ursache allerdings die Boshaftigkeit fremder Religionen herhalten muss. Hans Jonas war aber weder Kommunist noch Anhänger der Al Qaida, sondern ein konservativer und überaus gesetzestreuer und anständiger Ethikprofessor, der hier den Kampf der Zivilisationen vorhersah und mit Verschwendung begründete. Auch wies er bereits vor 20 Jahren hin auf das Energieproblem, insbesondere CO2 und den Treibhauseffekt. Ich muss selbst zugeben, dass wir als Studenten bereits in den späten 70ern von Assistenten mit dem Problem konfrontiert wurden, es aber als etwas spinnert betrachteten, da es Feuer ja immer schon gab. Dass die schiere Menge des produzierten CO2 ein Problem sein könnte, leuchtete uns damals genau so wenig ein, wie heute noch der Wirtschaft und insbesondere Bush & Co.

Was Jonas damals als Problem sah, wird heute zur Tugend gemacht: Der Einsatz von Technik aus reinem Zwang zur Produktion. Diente früher die Technik dem Menschen, wurde sie längst zum Handelsartikel. Die Wissenschaften haben dazu ihren Teil beigetragen, indem sie erst die Natur zum Objekt machten und dann den Menschen. Nun zittern wir in der Nacktheit eines Nihilismus, in der grösste Macht sich mit grösster Leere paart, grösstes Können mit geringstem Wissen davon, wozu. Es ist die Frage, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben und auszuüben beinahe gezwungen sind. Das "beinahe" kann man heute streichen, denn die Kurzlebigkeit des in Studium und Forschung erworbenen Wissens erfordert, dass dieses umgehend wirtschaftlich rentabel eingesetzt wird (s. startups).

Und diese Emsigkeit, obwohl wir die Welt bereits weiträumig denaturiert haben, obwohl der Unterschied zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen weitgehend verschwunden, und das Natürliche ist von der Sphäre des Künstlichen verschlungen worden ist. Die Natur wird zur Hergabe ihrer Schätze gezwungen (nicht mehr gepflegt, kultiviert). Die Natur wird Umgebaut und unzureichend durch eine künstliche ersetzt. Die kumulative Naturstrafe agrarischer Maximierungstechniken beginnt sich lokal schon zu zeigen: chemische Verseuchung von Inland- (wie viele Schweizer Kleinseen werden bereits künstlich beatmet?) und Küstengewässern (Robbensterben, Seesterninvasion in der Nordsee). Bodenversalzung durch übermässige Bewässerung, Erosion durch Rodung und Beackerung von Grasland

Der Mensch wurde zwar seinem Vorbild Sisyphos gerecht, er wurde zum Macher und Gestalter (Ingenieur - homo faber), aber er wurde kein freier Gestalter, sondern Diener der Technik die eigentlich ihm dienen sollte. Der Triumph des homo faber über sein äusseres Objekt wurde zugleich zu seinem Triumph über die innere Verfassung des homo sapiens, von dem er einst ein dienender Teil zu sein pflegte. Der ehrgeizige Traum des homo faber, dass der Mensch seine eigene Evolution in die Hand nehmen soll (s. Sisyphos), ist vorerst gescheitert. Der überwiegende Vulgarismus des technologischen Segens macht die Entwicklung in Richtung eines ethisch-utopischen Ideals unwahrscheinlich, führt aber zu Massenzwang der technologischen Ordnung.

Noch heute hat die technologische Entwicklung keine Richtung, kein Ziel. Sie driftet im Wind der Marketing- und, zunehmend, der Finanzstrategen, die längst den Ingenieuren befehlen, was diese gefälligst zu erfinden haben. Nebst der Zerstörung der Natur bringt dieser "marktorientierte" Einsatz von Technologie drei weitere grosse Probleme mit sich:

1. Ziele und Utopien kommen abhanden

Schund ist das ideale Produkt - die ultimative Ware. Es bedarf keiner Verkaufsgespräche. Der Kunde kriecht durch die Kloake und bettelt darum, bezahlen zu dürfen.

William S. Burroughs

Die Utopie der Entlastung von harter Arbeit, die Utopie des Schlaraffenlandes, in dem alle Arbeit von Maschinen erledigt wird, erwies sich längst als untauglich, wird aber um so härter propagiert, je düsterer die Probleme werden, die sie aufwirft. Das moderne Schlaraffenland verlangt nämlich immer höhere Eintritts- und Nutzungsgebühren, entzieht aber den Arbeitenden gleichzeitig die Löhne und führt diese dem Kapital zu.

Die wertfreie Wissenschaft und ihr wichtigstes Produkt, die Technik, entbehrt der causa finalis, der anzustrebenden Werte und Ziele. Zudem ist sie ohnmächtig hinsichtlich langfristiger Prognosen. Jonas fragte: Wer werden die "Bild-Macher sein, nach welchen Vorbildern, und auf Grund welchen Wissens? Welche Einsicht oder welches Wertwissen soll die Zukunft in der Gegenwart vertreten? Es muss also eine Wissenschaft hypothetischer Vorhersagungen, eine vergleichende Futurologie, ausgebildet werden, denn die Existenz des Menschen darf nicht zum Einsatz gemacht werden.

2. Arbeit kommt abhanden

Je stärker Arbeit mechanisiert wird, desto höher muss notgedrungen der Anteil an Arbeitsgebieten werden, die sich nicht mechanisieren lassen, also von Ärzten, Lehrern, Sozialarbeitern (auch die sind somit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der modernen Ökonomie!), .. und schliesslich noch die "nutzlosen" Arbeitsgebiete der schönen Künste und der Unterhaltung oder Belustigung, denen es weder an Nachfrage für ihre Erzeugnisse in der Mussegesellschaft noch an Aspiranten um der Sache selbst willen fehlen wird. [Dieser Ansatz hat ein halbes Jahr später seine Bestätigung gefunden, durch die zweidimensionale Analyse von Wirtschaft und Politik, mit den vier Quadranten, gebildet aus den Achsen Herrschaft - Freiheit / Planung - Chaos.]

Alle Anderen, die in der automatisierten Welt der Utopie die gewaltige Mehrheit sein müssen, ja, sein sollen, sind von "nützlicher" Arbeit - im weitesten Sinne gesellschaftlicher Beitragsleistungen - nicht so sehr befreit wie ausgeschlossen. Für sie muss Ersatz gefunden werden.

Am letzten Satz von Jonas scheiden sich die politische Linke und die Rechte, am Schlussatz des vorletzten Paragraphen die Konservativen von den (Post[post])Modernen. Für die Linke ist die Wirtschaft das Mittel für ein besseres Leben, für die Rechte oft der eigentliche Zweck des Lebens. Es ist erstaunlich, wie hartnäckig immer wieder die selben dümmlichen Lösungen angeboten werden für einen schrumpfenden Arbeitsmarkt: mehr Eigeninitiative (die man sich bei den Angestellten meistens verbietet, insbesondere wenn sie nicht den Ideen des Chefs entsprechen), tiefere Löhne, höhere Arbeitszeit .... absurd, schlichtweg absurd, und irreführend. Tiefere Löhne führen zu tieferen Umsätzen, höhere Arbeitszeiten zu tieferen Leistungen. Höhere Produktion zu tieferen Preisen. Die Schlange beisst sich in den Schwanz. Die Betroffenen werden in die Irre geführt nach dem Motto: Wir müssen bei den Armen sparen, denn wenn es den Reichen schlecht geht, geht es den Armen noch vieeeeeel schlechter. Sie sagen's zwar nicht direkt so, sie sagen: Wir müssen bei den Sozialausgaben sparen - was allerdings aufs Selbe herauskommt.

3. Die Essenz, der Sinn der Existenz, kommt abhanden.

Was die Bedeutung von Essenz betrifft, brauchen Sie in dem Falle nicht den ganzen Sartre zu lesen. Jonas definierte Existenz als Leben, Essenz als gutes Leben. Er setzt sich im letzten Teil des Buches kritisch mit Blochs irdischem Paradies tätiger Musse auseinander: Musse kann nur mit Behagen entstehen, das heisst mit einer gewissen gesicherten Fülle der Lebensgüter (s. auch: Welche Faktoren bestimmen die Zufriedenheit mit dem Leben in der Schweiz - und anderswo?). Für den Philosophen Bloch (ohne ..er, da Ernst) war das grösste Problem, oder die grösste Erfüllung der Moderne, die Musse, die Erfüllung der dem Menschen geschenkten Zeit mit menschenwürdigen Inhalten (wozu Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose kaum gehören dürften). Bereits die Veränderung der Arbeit durch die Technik hat viele Tätigkeiten verödet (Fliessband). Der vollständige Verlust an physischer Mannigfaltigkeit (und Anstrengung!) geht mit dem Verlust an geistigem Tätigsein einher. Mit dem Körper wird auch der Geist arbeitslos. Das Glück des utopischen Daseins kann nicht passiv, sondern muss aktiv sein, d.h. nicht im konsumierenden Genuss, sondern nur in einem Tätigsein bestehen. ... Es war der Irrtum Marxens wie Blochs, das Reich der Freiheit vom Reich der Notwendigkeit zu trennen. Freiheit besteht, wo sie sich mit der Notwendigkeit trifft, sie misst sich an der Notwendigkeit, es gibt sie nicht, ausserhalb der Notwendigkeit.

Was aus der Perspektive der Waldwirtschaft bereits früher belegt wurde, bestätigt sich hier:

Denkanstösse zu einer neuen Ökonomie:
  • Man kann eine post-postmoderne Wirtschaft nicht mit Konzepten fördern, die 200 Jahre alt sind.  
  • Die Märkte sind überführt, mit Warenkapital überschwemmt. Es ist also jedenfalls nicht Mangel an Warenkapital, das die Klemme verursacht.

    Karl Marx. Das Kapital. VI, 5.28

    Eine Wirtschaftspolitik die sich des uralten Knappheitsmodells der Ökonomie bedient und nach Sparen, mehr Produktion und mehr Arbeit ruft, geht am Problem unserer Zeit voll vorbei.
  • Mit noch mehr und noch billigerer Produktion kommen wir aus dem Sumpf nicht heraus, denn:.
  • Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel ... wissen aber kaum was damit anzufangen, ausser sie für Produktion und Konsum einzusetzen.
  • Statt noch mehr Überfluss zu produzieren, müssen und können wir es uns heute eigentlich gut leisten, zu überlegen, wozu wir denn eigentlich unsere Zeit und unsere produktive Energie einsetzen wollen.
  • Die gesamte Konservativ-nationalistisch-neoliberale Wirtschaftspolitik geht betreffend der wirklich modernen Beruf dort speziell in die Irre, wo sie soziale und künstlerische Berufe, wie auch die in der öffentlichen Verwaltung tätigen Forscher, Administratoren, Gestalter und Berater, nur als Belastung der Wirtschaft verstehen. Die Lösung dürfte genau im Gegenteil liegen, nämlich der Förderung frei schaffender, selbstbestimmender Werktätiger, da diese, zumindest für Menschen den Freiheit wichtig ist, die einzigen mit wirklichen Zukunftschancen sind. [s. Analyse der Position von Wirtschaft und Politik zwischen Planung und Chaos (= Freiheit)]
  • Fazit:

    Wollen wir Wachstum, müssen wir noch mehr Überflüssiges produzieren. Da alles Notwendige bereits effizient in den hierarchisch geführten Betrieben produziert wird, könnten wir es uns eigentlich leisten, das Noch-Mehr an Überfluss auf eine Art und Weise zu produzieren, die sinnvolle Tätigkeiten erlaubt und dazu noch Spass macht.

Diese qualitativen Äusserungen wurden durch Richard Layard in Formeln gefasst [GDI_Impuls 4.04: Auf der Suche nach dem Glück. Glück und Ökonomie, S. 6-14]:

Trugschluss "Konsumentensouveränität"

Es ist ein Trugschluss, Konsumenten und Produzenten seien verschieden. Jeder ist sowohl Konsument wie gleichzeitig auch Produzent. Natürlich schätzen wir, was wir konsumieren, auch um seiner selbst willen. Aber wenn wir mehr Einkommen und Konsum als einen Weg zu höherem Status ansehen, dann richtet sich dieser Teil unserer Bemühungen gegen uns selbst. Betrachten wir dazu die Glücksformel von Person:

Glücki =  f{Freizeiti, Wert Konsumi} +  α Rangi

Person i opfert Freizeit, um ihren Konsum zu steigern und einen bestimmten Rang zu erlangen. Aber, wenn wir die Formel für die Gesellschaft als ganzes betrachten:

∑ Glücki = ∑ f {Freizeiti, Wert Konsumi} + Konstante

erweist sich die zusätzliche Arbeit zur Erlangung eines Rangs als kontraproduktiv. Sie gewinnt nichts hinzu, denn die Summe der Ränge ist fest (Details zum Rang s. Rankism). Das Ganze ist ein Nullsummenspiel. Bei der Erziehung sollten wir daher versuchen, das Alpha der Menschen zu reduzieren und das Schaffen von Institutionen zu vermeiden, die sich auf den Rang konzentrieren.

Wir sollten durchaus ein Benchmarking betreiben, das aufzeigt, was wir erreichen könnten. Doch wir sollten jenes Benchmarking in Frage stellen, das Menschen nur über ihr Streben nach Rang motiviert. Denn dies verdammt genauso viele zum Erfolg wie zum Misserfolg. Die Nutzenfunktion, der wir zum Durchbruch verhelfen sollten, lautet somit:

Glücki = f {Freizeiti, Wert Konsumi] + α Rangi + β Outputi

Hier ist Alpha so klein und Beta so gross wie möglich. Menschen sollten ihren Beitrag zum Sozialprodukt geniessen - ein Anliegen, das der Schulökonomie fremd ist. Der Verdienst der letzten Grösse in der Gleichung besteht darin, dass sie als Summe aller Menschen unbegrenzt wachsen kann.

 

Herzogs 1. Theorem zur Überflusswirtschaft:

Es ist egal was wir produzieren - solange jemand dafür bezahlt!

Alles ist möglich, vorausgesetzt,
dass es genügend unvernünftig ist.

(Nils Bohr)

Basiert auf der wirtschaftspsychologischen Erkenntnis:

Man kann alles verkaufen, wenn es gerade in Mode ist.
Das Problem besteht darin, es in Mode zu bringen.

Ernest Dichter, österr. Pionier der Wirtschaftspsychologe

1. Ableitung aus Herzogs Theorem der Überflusswirtschaft:

Wenn es also egal ist, was wir produzieren, wenn wir aber aus Wachstumszwang (vorerst noch) immer mehr Überflüssiges produzieren müssen, dann:

  1. Sollten dafür keine Ressourcen verschwendet werden, die nicht nachwachsen.
  2. Sollte die Produktion zumindest eben so viel Spass * machen wie der Konsum, da das Konsumpotential immer (solange wir Machtunterschiede akzeptieren) höchst ungleich und damit höchst ungerecht verteilt bleiben wird. (= Axiom der Priorität der GUTEN ARBEIT)
  3. Sollten die in der Produktion tätigen Menschen über genau so viele Freiheiten verfügen wie Betriebe, Konzerne und die Handelsströme an Gütern und Geld.

1. Axiom der Freiheit in der Überflusswirtschaft:

Grundlage der Freiheit ist eine gesicherte Existenz. Parteien und Personen die sich selbst als Förderer der Freiheit propagieren, sind nicht an ihren Worten, sondern an ihrem Beitrag zur Verminderung existentieller Not und Zwänge zu messen. 

Herzogs 2. Theorem zur Überflusswirtschaft:

Da es egal ist, welche Art von Überfluss wir produzieren,
können wir genau so gut Überfluss erzeugen,
der irgendwie sinnvoll ist,
der also Natur,  Familie und Gesellschaft kultiviert (= pflegt).

Herzogs 3. Theorem zur Überflusswirtschaft:

Da unsere Wirtschaft primär Überfluss und damit überflüssige Werte erzeugt, könnten wir nebst den heute dominierenden wirtschaftlichen Werten genau so gut die ethischen Werte stärker fördern. Damit würde die Ökonomie ihrem Namen endlich wieder gerecht, der eigentlich bedeutet: "Ordnung im Hause" - nicht "Lotterie".

Tönt etwas verstaubt und nicht grad motivierend. Man könnte aber daraus eine Oekonomie des Glücks machen, die nicht mehr Wohlstand mit viel Geld gleichsetzt, sondern Zufriedenheit und Glück zum Massstab hat. Das in der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung garantierte Streben nach Glück sollte wirklich zu einem solchen werden, denn da Glück durch Wohlstand ersetzt wurde und dieser mit materiellem Reichtum gleichgesetzt wird, wurde aus dem Streben nach Glück ein Streben nach mehr Geld - und Macht, dass sich seit dem Neoliberalismus und Neokonservativismus inkonsistent verhalten darf, da man wieder die "Freiheit" hat, andere auszubeuten.

* Georgescu-Roegen:"Wirtschaft wäre ein absurder Prozess, wenn sein Ziel wirklich die Produkte wären. Brot, Zeitungen und Autos sind nicht die Hauptsache, nur Helfer. Das reelle Produkt der Produktion ist ein immaterieller Strom, der da heisst: Lebenslust. Er kann von den Gütern selbst herrühren, aber auch von der freien Zeit. Nach Georgescu-Roegen ist das Bruttosozialprodukt in der Tat die Bruttosozialkosten der Lebenslust.

 Gute Arbeit: Wie kam sie abhanden, was bedeutet Gute Arbeit und wo können wir sie wieder schaffen?

Alvi zeigt uns anhand der intensivsten Phase kapitalistischer Entwicklung, der Zeit der Städtegründung im Mittelalter, ein Beispiel, wie Ökonomie sein könnte:

Hätten die Kaufleute der italienischen Kommunen ihr Geld in den Bau von Maschinen oder Kriegsschiffen oder den Unterhalt von Heeren gesteckt (was sie ja AUCH tagen, der Red.), so hätte die industrielle Revolution nicht in England, sondern sicherlich mindestens zwei Jahrhunderte vorher in Nord- und Mittelitalien stattgefunden. Anstatt das Geld in einem Kreise einseitiger Anhäufung zu verwenden, durchbrachen die Kommunen und Signorien Italiens diesen Kreis und verschwendeten buchstäblich ihr Geld für Werke (Renaissance-Paläste, Michelangelos Fresken, Raphaels Madonnen ...) ohne wirtschaftlichen Nutzen. qualitatives Wachstum

Geminello Alvi: Geld und Lebenswelt - zum Gleichgewicht von Kultur und Wirtschaft [S. 231-249]

Karl Polyani stellte die Umverteilung als wichtige wirtschaftliche Funktion dar; François Perroux betrachtet Gaben und Schenkungen als wirtschaftliche Handlungen.

 

Alternative Wirtschaftsansätze die mehr Informationen aus nicht monetären Bereichen als steuerungsrelevant betrachten  [nach H.C. Binswanger]:

s. auch Wege aus der Wachstumsfalle

Martin Herzog, Rheinfelden, 14. 12.03/30.07.04

Balance of wealth - Wir brauchen eine neue Ökonomie des Gleichgewichts

Bosshart analysiert 23 Elemente für eine Ökonomie des Gleichgewichts. Unser Problem heute ist, dass wir noch in Erinnerung der guten alten Zeit leben (1945-1990), als der Wohlfahrtsstaat blühte, die Fronten im kalten Krieg klar waren, die Versicherungswelt und die alten Ideologien (fast ... immerhin gab es a) die Beat Generation, b) die 68er, c) die 80er (zumindest in Zürich) unbehindert sich entfalten konnten. Neben dem Teufelskreis: Früher war alles besser, gibt es laut Bosshart zwei weitere Perspektiven, diese Zusammenhänge zu sehen:

Die 11 Elemente des Wohlstands die sich positiv entwickeln:

  1. Mehr Individualismus

  2. Mehr Informationen: Individualismus bringt mehr Informationen, mehr Wünsche, mehr Ausdruck von Persönlichkeit.  Informationen führen ein Eigenleben. Finanzströme gehen einfach dorthin, wo sie eine angemessene Rendite erzielen (schön wär's, aber das Problem ist ja eben, dass sie nicht nach angemessener, sondern nach maximaler Rendite streben und dadurch Schäden anrichten). Wir sehen das auch sehr deutlich bei Menschen, zumal bei motivierten Menschen: Sie gehen einfach dorthin, wo sie einen besseren oder zumindest besser bezahlten Job sich erhoffen. (Tja, eben, darum ertrinken die Afrikaner im Meer ...).  Und wir sehen es bei den Waren: Waren gehen dorthin, wo  sie begehrt sind. (Auch das stimmt nicht, sie gehen dorthin, wo zusätzlich zum Begehren ausreichend Geld vorhanden ist, für das Begehren auch zu bezahlen.)

  3. Mehr Konkurrenz (s. Wettbewerb)

  4. Mehr Deregulierung

  5. Mehr Kommunikation

  6. Mehr Kreativität: Wir sehen: Es gibt dort am meisten Wirtschaftswachstum, wo in urbanen Zentren Künstler, Bohemiens, Schwule, High-Tech-Freaks und Randständige ungeplant und unkoordiniert zusammentreffen. Der alte Satz: "differentiate or die" wird zur banalen Voraussetzung. Nur kann man sich nicht immer weiter differenzieren; das hiesse, einer Illusion zu erliegen. Und wenn alles sofort kommuniziert wird, sinkt der zeitliche Vorsprung auf null - es wird sofort kopiert. Die globalisierte Welt ist eine Welt der schnelleren Kopie, des Klauens, der Piraterie. Und damit sinkt die Profitrate ebenfalls schnell auf Null.

    Kopieren ist ein Problem - aber Innovation wird hier überschätzt, insbesondere das Potential wilder, freier Innovation. Neuigkeiten haben es schwer, sich durchzusetzen. Dazu braucht es enormen Aufwand, den immer weniger Firmen leisten können oder wollen. Also "innoviert" man immer so ein bisschen am Rande - oder, fast noch günstiger, man wartet bis jemand was gefunden hat, (fast) bankrott geht, und kauft es günstig auf. Kreativität und Innovation kommen als Erfolgsfaktoren erst an dritter Stelle, nach Kernkompetenz und Marktposition. Sie kommen also nur zustande, wenn sie zwischen diesen beiden Scheuklappen noch gesehen werden.

  7. Mehr Mobilität:

  8. Mehr Flexibilität: Sei flexibel - pass dich an. Es gibt nie zu wenig Jobs, allenfalls zu wenig klassische Karrieremuster mit vorgespurten Stationen. Punkt 7 steht erstens im Widerspruch zu Punkt 1, dem Individualismus, denn der geht verloren, wenn man sich anpasst. Und das Problem des Karrierewechsels wird hier doch etwas leichtfüssig überhupft, denn dass die Bewerber auf Grund ihrer absolvierten Karriere danach bemessen werden, ob sie passen oder nicht, liegt eben gerade nicht an der Flexibilität der Bewerber - sondern an der (mangelnden) der Personaldienste, insbesondere am mangelnden Willen in Ausbildung oder Weiterbildung der Arbeitskräfte zu investieren.

  9. Mehr Trends:

Die 11 Elemente der Zuversicht ... die sich negativ entwickeln:

  1. Mehr Kurzfristigkeit: Eroberungsmentalität der Finanzmärkte. Abzockerei wird zur letzten subversiven Tat nobilisiert. Wie einst bei der Piraterie auf den Weltmeeren, als es darum ging, durch pures Nehmen zum Besitzer von Gütern zu werden, schafft die blosse Tat der Enterung das Gesetz. Man beruft sich dabei auf die Macht des Augenblicks. Vom Unternehmertum verbleibt das blosse Nehmertum. (s. Russland heute)

  2. Mehr Wachstum - weniger Glück: Liberté, Ingalité, Anxieté (oder Portemonnaie): Bedürfnisse entstehen schneller als sie befriedigt werden können. Insbesondere aber kann man Glück nicht kaufen. (s. Welche Faktoren bestimmen die Zufriedenheit mit dem Leben in der Schweiz - und anderswo?).  Die Gleichsetzung von BIP mit nationalem Glücksniveau ist irrig, warum sonst würden so viele in ärmliche Gegenden reisen wie etwa Rio, um dort am Carneval Lebensfreude zu erleben, nachSüd- und Südostasien - oder ins noch ärmere Afrika, dem wir die meisten modernen Rythmen verdanken, die Tanzenden Freude verschaffen?

  3. Weniger Ganzheitlichkeit und Langfristigkeit - der logische Gegenpol von Mobilität und Flexibilität

  4. Weniger Tradition: Traditionen haben es schwer in einer Welt, die das Jetzt und die nahe (berechenbare) Zukunft als höchstes bewertet.

  5. Weniger Identifikation - mehr Moralisieren: "Identität ist junk food für Globalisierungsverlierer "- so Rem Koolhaas. Er vergisst allerdings dabei, dass mit der Identität auch die Loyalität wegbricht, insbesondere zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Des weitern fehlen Vorbilder, d.h. sie wurden längst ersetzt durch Finanz-Räuber und Börsen-Piraten als Vorbilder. Politiker stehen in der Rangliste der Bewunderung nicht nur in Russland oft an unterster Stelle. Als kläglichen Ersatz stellen die Medien Sportler (vor der Tour de France), Filmsternchen und andere Showgrössen (ebenfalls vor Paris Hilton oder Tom Cruise, seines Zeichens Kreuzritter von Scientology) zur Verfügung - was offensichtlich ebenfalls je länger je weniger taugt.

    Flexibilisierung des Charakters führt aber, wen wundert's, zur Erosion des Charakters und letzten Endes entweder zu Schizophrenie oder Charakterlosigkeit. Was dann jedoch hoch kocht, ist das Moralisieren: Raucher, Dicke, Autofahrer, ausländische Bettler und Diebe, kurz alle die zum schwarzen Schaf taugen, werden stellvertretend niedergemacht ... um zu zeigen, wie gut man doch selbst ist. (Das war eben der bewährte Ansatz von Adolf Schicklgruber). Obwohl "political correctness" manchmal richtig liegt, geht ein grosser Teil der Übertreibungen die dort passieren (z. B. "Mohrenköpfe" als Beleidigung der Schwarzen ((= Neger, vom Lateinischen. Mohren von Mauren)  auf eben dieses Konto.

  6. Weniger Zusammenhalt: Der Wohlstand hat den Egoismus gefördert; die Angst vor seinem Verlust fördert allenfalls noch den Gruppenegoismus. Das Gemachte ersetzt das Gewachsene oder Gewordene. Wohin ich gehöre (s. Identität) wird durch einen Sortiermechanismus bestimmt, der wesentlich von meiner Finanzkraft abhängt - in welche Schule meine Kinder gehen, wo mein Haus steht, wohin ich in die Ferien gehe. Die Community wird zur Commodity, so Robert B. Reich.

  7. Weniger soziales Kapital:

  8. Weniger Bürokratie: Tönt positiv, Formalismus wird durch schlanke, schnelle, informelle Strukturen ersetzt - aber: Praktisch die gesamte amerikanische Managementliteratur dreht sich um Verschlankung und Zeitgewinn und kann als permanente Kampfliteratur gelesen werden, bei der jener am besten wegkommt, der mit den wenigsten Menschenameisen Profit erarbeiten kann.

  9. Weniger Zeit:

  10. Weniger Stabilität:

  11. Weniger Familien

[David Bosshart: Wir werden eine neue <Balance of Wealth> finden müssen. GDI-Impuls Herbst 2005. S. 46-54]

 

Apropos "Denkanstösse zu einer modernen Oekonomie":

Falls Sie jahrelang geforscht - und dazu was interessantes und cleveres geschrieben haben, das aber, wie so oft,  kein Schwein interessiert, warum nicht ein Versuch als E-Book? Mit nun 100'000 Besuchern hat www.brainworker.ch & www.diskussionsforen.ch die nötige Reichweite, gerade was wissenschaftliche und philosophische Themen und Fragen der Entwicklung betrifft, Ihre Publikation am rechten Ort dem rechten Zielpublikum vorzustellen:

Brainworker's eBook-Shop

Ökonomie