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Historische, kulturelle und religiöse Hintergründe des Kapitalismus:

Von göttlicher Ordnung zu "sportlichem" Wettbewerb.

nach: Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Area Verlag GmbH, Erfstadt. 2005. Erstausgabe Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. XX und XXI (1905).

In seiner Urform war der Erwerbsbetrieb, der den Kapitalismus derart antreibt, bereits als Teil des fürstlichen, grundherrlichen oder kirchlichen Grosshaushalts (Oikos) vorhanden (s. Feudalismus), so insbesondere in der katholischen Kirche, die DER dominante "Grosshaushalt" bis weit ins Mittelalter hinein war. Der Protestantismus begünstige dann später die Individuen, also den Aufbau privater Produktionshaushalte in Form der Betriebe.

Definition Kapitalismus: Der Begriff Kapitalismus kam erst im 19. JH auf, wurde von Sombart in Deutschland eingeführt und verbreitete sich vor allem durch die marxistische Kritik. Kapitalismus beschreibt eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in der Produktion, Handel und Distribution, wie auch anderes Marktgeschehen (Geld- und Kapitalhandel) durch den Markt gesteuert werden, in der die Produktionsmittel (das Kapital, geteilt in betriebliche Anlagen und Finanzkapital) privates Eigentum sind, das der Unternehmer rational (d.h. vorausplanend und berechnend) und gewinnorientiert einsetzt. (Von Nutzenoptimierung kann heute allerdings kaum mehr gesprochen werden, da die (Ueber-)produktion immer öfter immer mehr zerstört als sie schafft (s. genuine progress indicator, Wert von Häusern, Überbauungen, Bünzliwil - s. Lebensqualität/BSP).  Kapitalismus ist gekennzeichnet von dauerndem Wettbewerb zwischen Anbietern, zwischen Nachfragern, zwischen Wirtschaft und Staat, und insbesondere zwischen Kapitalbesitzern (Arbeitgebern) und Arbeitnehmern.

Die moderne rationale Organisation des kapitalistischen Betriebs wäre nicht möglich gewesen ohne zwei weitere wichtige Entwicklungselemente (nebst der Orientierung an den Chancen des Gütermarktes - statt an machtpolitischen oder anderen irrationalen Spekulationschancen): die Trennung von Haushalt und Betrieb, welche das heutige Wirtschaftsleben schlechthin beherrscht, und, damit eng zusammenhängend, die rationale Buchführung. [S. 15]

Die Beteiligung an jenen ökonomischen Funktionen setzt teils Kapitalbesitz, teils kostspielige Erziehung, teils, und meist, beides voraus, ist heute an den Besitz ererbten Reichtums oder doch einer gewissen Wohlhabenheit gebunden. [S. 26]

Bereits in dieser Aussage Webers sehen wir eine deutliche und dreifache Kritik. Zugang zur kapitalistischen Erwerbsmarkt setzt Bildung voraus, und diese kostet, kostet immer mehr Zeit und Geld, wird aber immer rascher entwertet. Der Wettbewerb unter den Bildungswilligen verschafft den Betrieben dauern günstigen Zugang zu qualifiziertem Personal. Dass diese Anstrengungen oft nicht honoriert werden ist zum Teil vermutlich Taktik, denn kontinuierliche Äusserungen der Unzufriedenheit von Seiten der Arbeitgeber sind eine geeignete Taktik, die Preise (Löhne) tief zu halten. Vor dem eigenen Eintritt ins Erwerbsleben kommt der Teilnehmer also nur an Bildung und Kapital, wenn die Eltern ausreichend finanzkräftig und zahlungswillig sind. Herkunft und Erbschaft sind also nach wie vor die wichtigsten Ursachen sozialer Ungleichheit.

1 Das produktive Streben in vorkapitalistischen Wirtschaftsformen

Gewirtschaftet wurde aber schon immer. Meist lag Schwerpunkt aber auf anderen Aspekten als den der Mehrung des Kapitals. Die wichtigsten Gründe sich tätig anzustrengen sind:

  1. Die Sicherung der eigenen Existenz
  2. Die Sorge für Familie, Kinder und Enkel
  3. Der Drang nach sozialem Aufstieg

Auch im 19. Jahrhunderts sind nicht die vornehmen Gentlemen von Liverpool und Hamburg mir ihrem altererbten Kaufmannsvermögen, sondern die aus oft recht kleinen Verhältnissen aufsteigenden Parvenüs von Manchester oder Rheinland-Westphalen ihre klassischen Repräsentanten.

3.1 das Bedürfnis nach Anerkennung

3.2 das Bedürfnis nach Über- und Unterordnung, nach Sicherheit und Schirm - aber auch nach Dominanz. Und das ist es, was den Menschen zum Ekel macht

Dies entspricht in etwa der Pyramide der Bedürfnisse nach Maslow, allerdings ohne die Selbstverwirklichung, die erst an letzter Stelle kommt und in der emsigen Betrieblichkeit des Kapitalismus für die meisten unerreichbar bleibt - auch und gerade für die Eigentümer, denn denen bleibt am wenigsten Zeit dafür. Eigentlich sind es jedoch gerade nicht die materiellen Bedürfnisse der Menschen die unendlich sind, wie der Kapitalismus stipuliert, sondern eben das Bedürfnis nach Anerkennung und Bedeutung der eigenen Person, und die Frage nach dem Sinn. Diese Bedürfnisse kann aber eine hierarchische Organisation nur bei einem Teil der Menschen erfüllen - womit sie die eigenen Grundlage, den Wettbewerb, am Laufen hält.

Weiter Ursachen:

Dass jemand zum Zweck seiner Lebensarbeit ausschliesslich den Gedanken machen könne, dereinst mit hohem materiellem Gewicht an Geld und Gut belastet ins Grab zu sinken, scheint ihm nur als Produkt perverser Triebe, der "auri sacra fames" (die heilige Lust auf ... der verdammte Hunger nach Gold), erklärlich.

 

1.3 Der politisch fundierte und der spekulative Abenteurer-Kapitalismus

 

Und ebenso ist es es natürlich eine der fundamentalen Eigenschaften der kapitalistischen Privatwirtschaft, dass sie auf der Basis streng rechnerischen Kalküls rationalisiert, planvoll und nüchtern auf den erstrebten wirtschaftlichen Erfolg ausgerichtet ist, im Gegensatz zu dem Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben der Bauern, dem privilegierten Schlendrian des alten Zunfthandwerks und dem "Abenteuerkapitalismus", der an politischer Chance und irrationaler Spekulation orientiert war. [S. 64]

Puritaner wie Hugenotten führten darüber hinaus einen erbitterten Kampf gegen privilegierte Handelshäuser, Lombarden (Ober- und Mittelitalienische Kaufleute), Trapeziten (gr: Wechsler), Monopolisten, Grossspekulanten und Bankiers, die viele arm und nur wenige reich machten. Luther äusserte sich immer wieder skeptisch gegen Wucher und Zinsnehmen.

Das Judentum stand auf der Seite des politisch oder spekulativ orientierten “Abenteurer” - Kapitalismus: sein Ethos war, mit einem Wort, das des P a r i a - Kapitalismus, - der Puritanismus trug das Ethos des rationalen bürgerlichen B e t r i e b s und der rationalen Organisation der A r b e i t . [S. 145]

.... - diesem Bündnis von Staat und Kirche mit den “Monopolisten” auf dem Boden eines christlich - sozialen Unterbaus stellte der Puritanismus, dessen Vertreter durchweg zu den leidenschaftlichen Gegnern d i e s e r Art von staatlich privilegiertem Händler-, Verlegerund Kolonialkapitalismus gehörten, die individualistischen A n t r i e b e des rationalen legalen Erwerbs kraft eigener Tüchtigkeit und Initiative gegenüber, welche - während die staatlich privilegierten Monopolindustrien in England bald sämtlich wieder verschwanden - am Aufbau der ohne, zum Teil trotz und gegen die obrigkeitlichen Gewalten entstehenden Industrien entscheidend mitbeteiligt waren. [S. 158]

Die Gegner der Nonkonformisten haben auch im 18. Jahrhundert immer wieder diese als die Träger des “spirit of shopkeepers” verhöhnt und als den Verderb der altenglischen Ideale verfolgt. H i e r lag auch der Gegensatz des puritanischen gegen das jüdische Wirtschaftsethos verankert und schon die Zeitgenossen (Prynne) wußten, daß das erstere, nicht das letztere, das b ü r g e r l i c h e Wirtschaftsethos war. [S. 158]

Die monarchisch - feudale Gesellschaft schützte die “Vergnügungswilligen” gegen die entstehende bürgerliche Moral und das autoritätsfeindliche asketische Konventikel ebenso, wie heute die kapitalistische Gesellschaft die “Arbeitswilligen” gegen die Klassenmoral der Arbeiter und den autoritätsfeindlichen Gewerkverein zu schützen, pflegt. [S. 146]

Hier ist eindeutig etwas untergegangen beim heutigen Lob des Kapitalismus. Seine Urväter gingen in aller Härte vor gegen die Branchen, die heute die grössten Gewinne, aber auch die grössten Probleme verursachen, und sich, obwohl sie Unfreiheit erzeugen, auf Freiheit berufen, nämlich Banken, Börsen, Spekulanten, Grossbetriebe, und sogar global players, die mit ihrem Kolonialkapitalismus jedes Augenmass verlieren und Betriebe schaffen, deren Finanzmacht viele Staatshaushalte der Welt übertrumpft).

 

1.4 Grundherren/Grosshaushalte der Kirche und des Staates

Die traditionelle Lebenshaltung, die traditionelle Höhe des Profits, das traditionelle Mass von Arbeit, die traditionellen Arten von Geschäftsführung und der Beziehungen zu den Arbeitern und dem wesentlich traditionellen Kundenkreis, die Art der Kundengewinnung und des Absatzes beherrschten den Geschäftsbetrieb, lagen - so kann man geradezu sagen - dem Ethos dieses Kreises von Unternehmern zugrunde.

Irgendwann nun wurde diese Behaglichkeit plötzlich gestört, und zwar oft ganz ohne dass dabei irgendeine prinzipielle Änderung der Organisationsform - etwa Übergang zum geschlossenen Betrieb, zum Maschinenstuhl und dergleichen - stattgefunden hätte. Was geschah, war vielmehr oft lediglich dies: dass irgendein junger Mann aus einer der beteiligten Verlegerfamilien aus der Stadt auf das Land zog, die Weber für seinen Bedarf sorgfältig auswählte, ihre Abhängigkeit und Kontrolle zunehmend verschärfte, sie so aus Bauern zu Arbeitern erzog, andererseits aber den Absatz durch möglichst direktes Herangehen an die letzten Abnehmer, die Detailgeschäfte, ganz in die eigene Hand nahm, Kunden persönlich warb, sie regelmässig jährlich bereiste, vor allem aber die Qualität der Produkte ausschliesslich ihren Bedürfnissen und Wünschen anzupassen, ihnen "mundgerecht" zu machen wusste und zugleich den Grundsatz "billiger Preis, grosser Umsatz" durchzuführen begann.

Alsdann wiederholte sich, was immer und überall die Folge eines solchen "Rationalisierungs"-Prozesses ist: wer nicht hinaufstieg, musste hinabsteigen. [Die Urversion des Wachstumszwangs] Die Idylle brach unter dem beginnenden erbitterten Konkurrenzkampf zusammen, ansehnliche Vermögen wurden gewonnen und nicht auf Zinsen angelegt, sondern immer wieder im Geschäft investiert, die alte behäbige und behagliche Lebenshaltung wich harter Nüchternheit, bei denen, die mitmachten und hochkamen, weil sie nicht verbrauchen, sondern erwerben wollten, bei denen, die bei der alten Art blieben, weil sie sich einschränken mussten. [S. 55-6]

Auch hier eine ruhige Kritik Webers die auf das Problem aufmerksam macht, dass die Beteiligten erst zu Kapitalisten erzogen werden, ab einer gewissen Durchdringung der Wirtschaft sich aber keiner mehr der Betriebsamkeit des Kapitalismus entziehen kann. Wenn die Maschine gestartet wurde, wird sie zur Weltmaschine:

Der Puritaner w o l l t e Berufsmensch sein, wir m ü s s e n es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanischmaschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk (s. Die Weltmaschine) hineingeboren werden - n i c h t nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.

Nur wie “ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte”, sollte nach Baxters Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter [S. 159-60]

In der Übertreibung der Akese liegt ein weiteres Basisproblem des Kapitalismus. Weisheit, ja schon Tugend, sucht das rechte Mass. Die Ausdehnung der Askese auf 7 Tage pro Woche und 52 Wochen pro Jahr ist eindeutig eine einseitige, also extremistische Übertreibung, die zudem der Wirtschaft mehr schadet als nützt, denn Produktion taugt nur so lange zur Wertschöpfung als die Produkte auch konsumiert werden, also Abnehmer finden..

 

2 Der spezifisch protestantische Beitrag zur Wirtschaftslehre

 

Für die Kirchenväter des Luthertums stand es dogmatisch fest, daß die Gnade verlierbar (amissibilis) ist und durch bußfertige Demut und gläubiges Vertrauen auf Gottes Wort und die Sakramente neu gewonnen werden kann. Gerade umgekehrt verlief der Prozeß bei Calvin:

Nicht Gott ist um der Menschen, sondern die Menschen sind um Gottes willen da, und alles Geschehen - also auch die für Calvin zweifellose Tatsache, daß nur ein kleiner Teil der Menschen zur Seligkeit berufen ist - kann seinen Sinn ausschließlich als Mittel zum Zweck der Selbstverherrlichung von Gottes Majestät haben. Maßstäbe irdischer “Gerechtigkeit” an seine souveränen Verfügungen anzulegen, ist sinnlos und eine Verletzung seiner Majestät103), da er, und er allein, f r e i , d. h. keinem Gesetz unterstellt ist, und seine Ratschlüsse uns nur soweit verständlich und überhaupt bekannt sein können, als er es für gut befand, sie uns mitzuteilen.

Wenn etwa die Verworfenen über das ihrige als unverdient klagen wollten, so wäre das ähnlich, als wenn die Tiere sich beschweren würden, nicht als Menschen geboren zu sein. [S. 86]

Tiefes Mißtrauen auch gegen den nächsten Freund rät selbst der milde Baxter an, und Bailey empfiehlt direkt, niemanden zu trauen und niemanden etwas Kompromittierendes wissen zu lassen: nur Gott soll der Vertrauensmann sein. [S. 89]

Die Welt ist dazu - und nur dazu - bestimmt: der Selbstverherrlichung Gottes zu dienen, der erwählte Christ ist dazu - und nur dazu - da, den Ruhm Gottes in der Welt durch Vollstreckung seiner Gebote an seinem Teil zu mehren. [S. 91]

Die “Nächstenliebe” äußert sich - da sie ja nur Dienst am Ruhme G o t t e s , nicht: der K r e a t u r , sein darf - in e r s t e r Linie in Erfüllung der durch die lex naturae gegebenen B er u f s aufgaben, und sie nimmt dabei einen eigentümlich sachlich - u n persönlichen Charakter an: den eines Dienstes an der rationalen Gestaltung des uns umgebenden gesellschaftlichen Kosmos: [S. 91]

Das wichtigste Element des calvinistischen Glaubens war das Dogma der GNADENWAHL. Der Mensch wurde als Geschöpf Gottes gesehen, der es in die von ihm geschaffene objektive historische Ordnung hinein stellt. Der Mensch hat durch den Sündenfall den freien Willen verloren (s. Westminster Confessions) und sein Leben ist von Gott vorherbestimmt. Seine Aufgabe ist es, diese Bestimmung zu erkennen und  ihr aufs bestmögliche zu folgen:

Jeder soll in dem Stand bleiben, in den er gestellt wurde. Der Beruf ist das, was der Mensch als göttliche Fügung hinzunehmen, worein er sich zu schicken hat. Die von Gott gestellte Aufgabe.  [S. 71-2]

Diese göttliche Berufung zum Beruf drückt sich heute auch im französischen Wort profession eben so deutlich aus wie im englischen Pendant vocation. Das neuzeitliche Gebot der Flexibilität hat den Beruf im ursprünglichen Sinne recht eigentlich unmöglich gemacht und durch eine dauernde Unterwerfung unter die "Forderungen des Marktes" zu einem permanenten Lernzwang gemacht.

Indem er sich bei der Übersetzung einige Freiheiten nahm, schuf Luther den Begriff des Berufs - in seiner Bedeutung als Ruf Gottes (engl. calling). Der Beruf leidet noch heute unter diesem religiös überhöhten Anspruch und wird kaum je rein als Bestand als Wissen und Funktion gesehen. Der Liberalismus hat zwar den religiösen Anspruch auf Gotteswahl ersetzt durch: Jeder soll das tun, was er am besten kann - lässt aber dennoch Berufstätigkeit nur zu,  wenn das Wissen an einer anerkannten Schule erworben und durch Praxis ergänzt wurde, was meist einen beträchtlichen Aufwand bedingt. Dämlicher Schabernack darum der wohlfeile Rat der Lehrstellensuchenden gerne gegeben wird: Man muss sich halt anpassen, d.h. diejenigen Lehrstellen annehmen, die vorhanden sind. Einige Jahre später erhält dann der Selbe, nun als Stellensuchender, den Vorwurf: Aber man lernt doch nicht Metzger! Weiss doch jeder Trottel, dass hier Stellen abgebaut werden! Mehr Eigenverantwortung bitte!! Manchmal sollte man dem Volksmund wirklich eins auf denselben drauf hauen.

Wichtig ist es auch, sich an diese religiösen Hintergründe zu erinnern, wenn von Seiten der Wirtschaftsführer wieder mal "harte Zeiten - auf dem Weg zu mehr Wohlstand" gepredigt werden. Die Urkapitalisten konnten sich hier ruhigen Gewissens auf Gott berufen, denn sie glaubten an ihn. Die heutigen benutzen die selben Argumente, versuchen sie aber zu rationalisieren, da sie um göttliche Gebote einen genau so grossen Bogen machen wie um die irdischen Gesetze. Es ist äusserst wichtig, dass sich die breiten Kreise der Betroffenen darüber bewusst werden, dass hier mit einer Bibelrhetorik argumentiert wird, die längst das Fundament der Religion unter ihren Füssen verloren hat.

Wahlgewissheit: Die Selbst-Versicherung des Gnadenzustand durch Erfolg/Tüchtigkeit:

Grosse Sorge des gläubigen Protestanten war also, dass er die gottgegebene Berufung verfehle. Aber selbst diese Zweifel, diese mangelnde Selbstgewissheit, wurde zur Folge unzulänglichen Glaubens deklariert, der so zu unzulänglicher Wirkung der Gnade führe.

Der Gott des Calvinismus verlangte von den Seinigen nicht einzelne “gute Werke”, sondern eine zum S y s t e m gesteigerte Werkheiligkeit. [S. 99]

Der religiöse Virtuose kann seines Gnadenstandes sich versichern e n t w e d e r , indem er sich als Gefäß, o d e r , indem er sich als Werkzeug göttlicher Macht fühlt. Im ersten Fall neigt sein religiöses Leben zu mystischer Gefühlskultur, im letzteren zu asketischem H a n d e l n . Dem ersten Typus stand Luther näher, dem letztem gehörte der Calvinismus an. [S. 96]

Der Calvinismus fügte aber im Verlauf seiner Entwicklung etwas Positives: den Gedanken der Notwendigkeit der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben hinzu. [S. 105]

An Stelle der demütigen Sünder, denen Luther, wenn sie in reuigem Glauben sich Gott anvertrauen, die Gnade verheißt, werden so jene selbstgewissen “Heiligen” gezüchtet, die wir in den stahlharten puritanischen Kaufleuten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus und in einzelnen Exemplaren bis in die Gegenwart wiederfinden. Und andererseits wurde, um jene Selbstgewißheit zu e r l a n g e n , als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft.

Gott hilft dem, der sich selbst hilft, bedeutet für den Calvinisten, dass er seine Seligkeit - korrekt müßte es heißen: die G e w i ß h e i t von derselben - s e l b s t “s c h a f f t ”, daß aber dieses Schaffen n i c h t wie im Katholizismus in einem allmählichen Aufspeichern verdienstlicher Einzelleistungen bestehen k a n n , sondern in einer zu j e d e r Z e i t vor der Alternative: erwählt oder verworfen ? stehenden s y s t e m a t i s c h e n Selbstk o n t r o l l e . [S. 97]

Wer bei dieser Selektion nicht oben landete, sondern in weniger ergiebigen Berufen, wurde mit der selben Theorie der göttlichen Vorherbestimmung getröstet:

Man kann in jedem Stande selig werden, es ist auf der kurzen Pilgerfahrt des Lebens sinnlos, auf die A r t des Berufes Gewicht zu legen. Und das Streben nach materiellem Gewinn, der den eigenen Bedarf übersteigt, muß deshalb als Symptom mangelnden Gnadenstandes und, da es ja nur auf Kosten anderer möglich erscheint, direkt als verwerflich gelten. [S. 71]

Dass aber die Wirtschaft sich weder an die von Gott vorgegebenen Richtlinien hält, noch den bestehenden Markt als Leitschnur nimmt, sondern Menschen und Markt primär selbst gestaltet, war eigentlich bewusst - wurde aber nie im Detail analysiert. Hier verbirgt sich ein gewaltiger Bock und Stolperstein in der kapitalistischen Ideologie: Einerseits soll der Mensch das äusserste an Anstrengung vollbringen, um seine Gnadenwahl durch Gott belegen zu können - andererseits schloss man aber bestimmte (untere) Schichten des Volkes, speziell die Bauern, von vornherein aus. Der Bauer sollte Bauer bleiben. Aufgelöst wurden diese Standesstrukturen ja erst 1848. Vermutlich wollte man den Göttern des Marktes nicht zu nahe treten, die da ihre Welt schaffen:

Der heutige, zur Herrschaft im Wirtschaftsleben gelangte Kapitalismus also erzieht und schafft sich im Wege der ökonomischen Auslese die Wirtschaftssubjekte. [S. 43]

Es traf für dessen Art von Religiosität in der Tat den Kern der Sache, wenn schon Sebastian Franck die Bedeutung der Reformation darin fand, daß nun j e d e r Christ ein Mönch sein, müsse sein Leben lang. [S. 103]

Auf die “praxis pietatis” rückte der entscheidende Nachdruck so stark, daß darüber die dogmatische Rechtgläubigkeit in den Hintergrund trat, zuweilen direkt indifferent erschien. Aber solange dieser extreme, eben durch jene Pflege der G e f ü h l s mäßigkeit bedingte Effekt nicht erzielt wurde, der reformierte Pietismus also innerhalb des weltlichen B e r u f s lebens seiner Seligkeit sich zu versichern strebte, war der praktische Effekt pietistischer Grundsätze lediglich eine n o c h striktere asketische Kontrolle der Lebensführung im Beruf und eine noch festere religiöse Verankerung der Berufssittlichkeit, als sie die von den “feinen” Pietisten als Christentum zweiten Ranges angesehene bloße weltliche “Ehrbarkeit” der normalen reformierten Christen zu entwickeln vermochte. [S. 113]

H i s t o r i s c h ist der Gedanke der Gnadenwahl jedenfalls der Ausgangspunkt für die üblicherweise als “P i e t i s m u s ” bezeichnete asketische Richtung gewesen. [S. 110]

 

2.1 Die Heiligung der Nützlichkeit

 

2.1.1  Pietismus, Methodismus

Was der liebe Gott vom Geld hält, kann man an den Leuten sehen, denen er es gibt.

(Peter Bamm, dt. Schriftsteller, 1897-1975)

Pietismus beruht auf der methodisch gepflegten und kontrollierten, d.h. also asketischen, Lebensführung:

1. methodische Entwicklung der eigenen Heiligkeit zu immer höherer, am G e s e t z zu kontrollierender Befestigung und Vollkommenheit Z e i c h e n des Gnadenstandes sei) und daß 2. Gottes Vorsehung es sei, welche in den so Vervollkommneten w i r k e ”, indem er bei geduldigem Harren und methodischer Ueberlegung ihnen seine Winke gebe 214). Die Berufsarbeit war auch für A. H. Francke das asketische Mittel par excellence); daß Gott selbst es sei, der durch den Erfolg der Arbeit die Seinen segne, stand ihm ebenso fest, wie wir dies bei den Puritanern sehen werden. S. [115]

Zudem war doch die praktische Rationalisierung des Lebens unter dem Gesichtspunkt der N ü t z l i c h k e i t ein ganz wesentlicher Bestandteil auch von Zinzendorfs (einer der Begründer des Pietismus) Lebensanschauung). Sie folgte für ihn - wie für andere Vertreter des Pietismus - einerseits aus der entschiedenen Abneigung gegen die dem Glauben gefährlichen philosophischen Spekulationen und der dementsprechenden Vorliebe für das empirische Einzelwissen234), andererseits aus dem weltklugen Sinn des berufsmäßigen Missionars.

Wie aber im ökonomischen Leben die Neigung zum Gegenwartsgenuß streitet gegen die rationale Gestaltung der “Wirtschaft”, die ja eben an der Fürsorge für die Zukunft verankert ist, - so verhält es sich, in gewissem Sinne, auch auf dem Gebiet des religiösen Lebens. Ganz offenbar enthielt also die Ausrichtung des religiösen Bedürfnisses auf eine gegenwärtige innerliche G e f ü h l s affektion ein m i n u s an Antrieb zur Rationalisierung des innerweltlichen H a n d e l n s gegenüber dem nur auf das Jenseits ausgerichteten Bewährungsbedürfnis der reformierten “Heiligen”, während sie freilich gegenüber der traditionalistisch an Wort und Sakrament haftenden Gläubigkeit des orthodoxen Lutheraners immerhin ein Mehr an m e t h o d i s c h e r religiöser Durchdringung der Lebensführung zu entwickeln geeignet war.

Einmal durch die, ursprünglich als eine aus der Abscheidung von der Welt folgende religiöse Pflicht aufgefaßte, Ablehnung der Uebernahme von Staatsämtern, welche, auch nach der Aufgabe als Prinzip, doch wenigstens bei Mennoniten und Quäkern praktisch fortbestand infolge der strikten Ablehnung des Waffengebrauchs und Eides, da hieraus die Disqualifikation für öffentliche Aemter sich ergab. [S. 125]

Die biblische Lebensführung war bei der ersten schweizerisch - oberdeutschen Täufergeneration ähnlich radikal gedacht, wie ursprünglich beim heiligen Franz: als ein schroffer Bruch mit aller Weltfreude und ein Leben strikt nach dem Vorbild der Apostel. [S. 127]

Diese R a t i o n a l i s i e r u n g der Lebensführung innerhalb der Welt im Hinblick auf das Jenseits war die Wirkung der B e - r u f s k o n z e p t i o n des asketischen Protestantismus. [S. 134]

Wir sehen eine absolute Ausrichtung des protestantischen Kapitalismus an Gottes Wille - den man durch geschäftlichen Erfolg zu erkennen glaubt. Hier sind einige Probleme der heutigen Politik bereits angelegt, insbesondere dasjenige, dass Politik als Zeitverschwendung aufgefasst wird, weil Gott für die Ordnung zuständig ist und jedem seinen Platz zuweist. Obwohl heute so kaum mehr argumentiert werden kann, weil schon mal kaum mehr in der Art an Gott glaubt und Gottes Wille sucht, behält der Markt als "ordnende Instanz", ohne Gott, seine Heiligkeit.

 

2.1.2Die Westminster confession - ein übles Traktat:

Kapitel 9. (Vom freien Willen.) Nr. 3: Der Mensch hat durch seinen Fall in den Stand der Sünde gänzlich alle Fähigkeit seines Willens zu irgend etwas geistlich Gutem und die Seligkeit mit sich Führendem verloren, so sehr, daß ein natürlicher Mensch, als gänzlich abgewandt vom Guten und tot in Sünde, nicht fähig ist sich zu bekehren oder sich auch nur dafür vorzubereiten.

Kapitel 3. (Von Gottes ewigem Ratschluß.) Nr. 3: Gott hat zur Offenbarung seiner Herrlichkeit durch seinen Beschluß einige Menschen . . . . . bestimmt (predestinated) zu ewigem Leben und andere verordnet (foreordained) zu ewigem Tode.

Kapitel 10. (Von wirksamer Berufung.) Nr. 1: Es gefällt Gott, alle die, welche er bestimmt hat zum Leben, und nur sie, zu der von ihm festgesetzten und passenden Zeit durch sein Wort und seinen Geist wirksam zu berufen . . . indem er hinwegnimmt ihr steinernes Herz und ihnen gibt ein fleischernes Herz, indem er ihren Willen erneuert und durch seine allmächtige Kraft sie für das, was gut ist, entscheidet . . . . .

“Mag ich zur Hölle fahren, aber solch ein Gott wird niemals meine Achtung erzwingen” - war bekanntlich Miltons Urteil über die Lehre.

D: http://www.reformatio.de/bekenntnisse/WestminsterBekenntnis.pdf

Wir sehen, dass in diesem wirtschaftszentrierten Weltbild kein Funke von liberaler Freiheit steckt, denn es heisst, dass "Gott Sie für etwas entscheidet", nicht dass er sie frei entscheiden lässt. Auch hier ein weiteres akutes Problem unserer Wirtschaft, das im Ursprung bereits angelegt ist, nur nennt man das heute den Sachzwang.

 

2.1.3 Enthaltung von Zeitverschwendung: Zeit ist Geld und Zeitvergeudung ist die schlimmste aller Sünden

Zeit ist Geld”, aber der Satz gilt gewissermaßen im spirituellen Sinn: sie ist unendlich wertvoll, weil jede verlorene Stunde der Arbeit im Dienst des Ruhmes Gottes entzogen ist. Wertlos und eventuell direkt verwerflich ist daher auch untätige Kontemplation, mindestens wenn sie auf Kosten der Berufsarbeit erfolgt. Denn sie ist Gott m i n d e r wohlgefällig als das aktive Tun seines Willens im Beruf. [S. 137]

Hier nochmals ein Problem unserer Wirtschaftsform, das im Ursprung angelegt ist: Wenn Zeit die nicht produktiv verwendet wird, Zeitverschwendung ist, setzt das Wirtschaftskonzept offenbar weder auf den Geldkreislauf von Produktion und Verbrauch, noch auf die meist als wichtigste Wirkung der Rationalisierung angegebene Zeitersparnis für Erholung und Musse, sondern auf Horten. Horten ist aber kein nachhaltiges Konzept. Eben so wenig wie "Erfolg" sich als Ausdruck von Gottes Wohlgefallen eignet, denn mancher "Erfolg" basiert auf Misshandlung, Betrug, Ausnutzung. Übel ist insbesondere die Veräppelung der Kontemplation, denn auch Gott nahm sich einen Tag Zeit, sein Werk zu begutachten. Leider war er dabei recht unkritisch und befand es, wie die meisten Bastler ihr eigenes Werk, für gut und gelungen. (Diese häretische Ansicht wird von den Gnostikern vertreten, deren Gott, der Demiurg, eben ein Bastler ist, der die Sache schon so ein bisschen verpfuscht hat, so dass sich der Mensch heute in einer dualistischen Welt  immer zwischen Gut und Böse durchlavieren muss ).

Bedenke, dass die Zeit Geld ist; wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag spazieren geht oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen, er hat nebendem noch fünf Schilling ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.

Benjamin Franklin

In diesem kurzen Satz steckt das gesamte Problem des Kapitalismus, da die Produktion, zu jeglichem Lohn, als immer der Musse oder gar dem Konsum überlegen dargestellt wird. Hier wird das Konzept des Geld-Kreislaufs bereits von Anfang an unterlaufen. Hier wird dem Konzept, dass Rationalisierung zu einem leichteren, angenehmeren, besseren Leben führen soll gleich schon von Anbeginn eine harte Absage erteilt. Kein Wunder haben wir die Wirtschaft die wir haben.

Kommentar: Mit der sehr einseitigen Darstellung Benjamin Franklins hat Weber sein eigenes Gebot, Wissenschaft nicht mit Politik zu vermischen, nicht zum ersten und nicht zum einzigen Male übertreten. In Radkaus Biographie von Max Weber wird deutlich gemacht, dass Franklin obige Aussage und ähnlich mit einem literarischen Augenzwinkern machte, denn er gab selbst mit 42 sein Geschäft auf um sich ganz seinen Liebhabereien zu widmen. Franklin wusste, im Gegensatz zu Weber selbst, sehr wohl das Leben - und seine sexuellen Freuden - zu geniessen.

Dies stimmt überein mit der Erkenntnis, dass Weber seine Wertfreiheitsthese offenbar vor allem vorbrachte, um die Politik vor dem vorsichtigen abwägen der Wissenschaft zu schützen: Politik ist Kampf, nicht um die Wissenschaft vor der Willkür der Politik zu behüten.

Gerettet wurde das abstruse Konzept der Angebotsökonomie also nur durch die Existenz der Katholiken, die das Leben lieber genossen als seinen Preis zu berechnen.

Auf der andern Seite entstand aber offenbar, trotz anfänglicher völliger Abneigung gegen das Bankenwesen, die Idee von der jungfräulichen Vermehrung des Geldes:

Bedenke, dass Geld von einer zeugungskräftigen und fruchtbaren Natur ist. Geld kann Geld erzeugen, und die Sprösslinge können noch mehr erzeugen und so fort ... so dass der Nutzen schneller und schneller steigt. Advice to a young tradesman. 1748

Hier wird auch bereits im Ursprung das heutige Problem der Kapitalmärkte vorweggenommen, da diese unendliche Vermehrung natürlich nur in unendlichen Räumen und Märkten denkbar ist, es diese aber in der Realität nicht gibt.

Kritisiert wurde der Verkauf der Zeit aber nicht nur durch die katholische Kirche, für die Zeit nicht Eigentum des Menschen sondern Eigentum Gottes war, durch Ferdinand Kürnbergs "Amerikamüder": Aus Rindern macht man Talg, aus Menschen Geld, so fällt das Eigentümliche in dieser Philosophie des Geizes das Ideal des kreditwürdigen Ehrenmannes und vor allem der Gedanke der Verpflichtung des einzelnen gegenüber dem als Selbstzweck vorausgesetzten Interesse an der Vergrösserung seines Kapitals auf.

Z e i t v e r - g e u d u n g ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. Die Zeitspanne des Lebens ist unendlich kurz und kostbar, um die eigene Berufung “festzumachen”. Zeitverlust durch Geselligkeit, “faules Gerede”; Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf - 6 bis höchstens 8 Stunden - ist sittlich absolut verwerflich. [S. 137]

Theater war dem Puritaner verwerflich, und bei der strikten Ausscheidung des Erotischen und der Nuditäten aus dem Kreise des Möglichen blieb in Literatur wie Kunst die radikalere Auffassung nicht stehen. Die Begriffe des “idle talk”, der “superfluities”, der “vain ostentation” - alles Bezeichnungen eines irrationalen, ziellosen, daher nicht asketischen und überdies nicht zum Ruhme Gottes, sondern des Menschen dienenden Gebärens - waren schnell bei der Hand, um gegen jede Verwendung künstlerischer Motive die nüchterne Zweckmäßigkeit entschieden zu begünstigen. Vollends galt dies da, wo es sich um den direkten Schmuck der Person, z. B. die Tracht352), handelte. Jene mächtige Tendenz zur Uniformierung des Lebensstils, welcher heute das kapitalistische Interesse an der “standardization” der Produktion ...  S. 148

2.1.4 Der Lobgesang der Arbeit

War Arbeit bei Thomas von Aquin nur naturali ratione notwendig zur Erhaltung des Lebens des einzelnen und der Gesamtheit [S. 138], so wurde sie nun zum A&O, da von ora et labora nur der zweite Teil noch blieb. Ja sogar Gewinne zu realisieren wurde zu Gottes Gebot hochstilisiert:

Die Arbeit ist zunächst das alterprobte a s k e t i s c h e M i t t e l , als welches sie in der Kirche des Abendlandes, in scharfem Gegensatz nicht nur gegen den Orient, sondern gegen fast alle Mönchsregeln der ganzen Welt, von jeher geschätzt war. [S. 138]

Aber die Arbeit ist darüber hinaus, und vor allem, von Gott vorgeschriebener S e l b s t zweck des Lebens überhaupt. Der paulinische Satz: “Wer nicht arbeitet, soll nicht essen”, gilt bedingungslos und für jedermann. Die Arbeitsunlust ist Symptom fehlenden Gnadenstandes. [S. 138]

Auch der Besitzende soll nicht essen ohne zu arbeiten, denn wenn er auch zur Deckung seines Bedarfs der Arbeit nicht benötigt, so besteht doch Gottes Gebot, dem er ebenso zu gehorchen hat wie der Arme. [S. 139]

Denn wenn jener Gott, den der Puritaner in allen Fügungen des Lebens wirksam sieht, einem der Seinigen eine Gewinnchance zeigt, so hat er seine Absichten dabei. Und mithin hat der gläubige Christ diesem Rufe zu folgen, indem er sie sich zunutze macht.Wenn Gott Euch einen Weg zeigt, auf dem Ihr ohne Schaden für Eure Seele oder für andere in gesetzmäßiger Weise m e h r g e w i n n e n k ö n n t als auf einem anderen Wege und Ihr dies zurückweist und den minder gewinnbringenden Weg verfolgt, dann k r e u z t I h r e i n e n d e r Z w e c k e E u r e r B e r u f u n g (calling),

I h r w e i g e r t E u c h , G o t t e s V e r w a l t e r (stewart) zu sein und seine Gaben anzunehmen, um sie für ihn gebrauchen zu können, wenn er es verlangen sollte. Nicht freilich für Zwecke der Fleischeslust und Sünde, wohl aber für Gott dürft Ihr arbeiten, u m r e i c h z u s e i n ”323). Der Reichtum ist eben nur als Versuchung zu faulem Ausruhen und sündlichem Lebensgenuß bedenklich und das Streben danach nur dann, wenn es geschieht, um später sorglos und lustig leben zu können. [S. 142]

Wie die Einschärfung der asketischen Bedeutung des festen Berufs das moderne F a c h m e n s c h e n t u m ethisch verklärt, so die providentielle Deutung der Profitchancen den G e s c h ä f t s menschen. [S. 142]

So schufen die Protestanten das gewerbliche Beamtentum.

 

2.1.4 Rationale Betriebsführung als Methode, Nützlichkeit zu optimieren (Die Angebotsökonomie)

 

Die Rechenhaftigkeit des Kapitalismus materialisiert sich in Buchführung, Personalselektion, Kontrolle und Weiterbildung, Kundenbetreuung, Marktbeobachtung. Ihr strategisches Ziel ist die marktorientierte Qualitätsproduktion nach Bedürfnissen. Dabei bedient sie sich einer Vielzahl empirischer Gesetze, wie etwa des Preis-Menge-Gesetzes: Je günstiger die Preise, desto höher die verkaufbaren Mengen - wobei sie allerdings oft die Elastizität vergisst, also das Verhältnis zwischen Preisermässigung und Mehrverkauf, was insbesondere beim äusserst hoch geschätzten strategischen Ziel über die economy of scale zu dominierender Marktmacht zu gelangen, oft in die Binsen geht.

Die christlichen Tugenden wendeten sich, wo der christliche oder soziale Hintergrund vergessen werden, oft und leicht in einen widerlichen Utilitarismus: Die Ehrlichkeit ist nützlich, weil sie Kredit bringt, die Pünktlichkeit, der Fleiss, die Mässigkeit ebenso, und deshalb sind sie Tugenden. Da der Schein den selben Zweck tut ... gilt heute etwa das Dogma, das Anzugträger seriös sind und Respekt verdienen, Sandalen- und Bartträger hingegen Unzuverlässigkeit und Ferienstimmung verbreiten ... und auch sonst noch irgend was zu verbergen haben. Verhaltensnormen dienen also diesem, offensichtlich bereits im Ursprung als Theateraufführung angelegten Spiel und Tanz um das goldene Kalb.

Die Ausnutzung der Kapitaldiener, der Arbeiter und Angestellten, wurde und wird immer gerne als Wohltat im Sinne des Ganzen dargestellt: Das Volk arbeitet nur weil und solange es arm ist. Da sein Seelenheil von der Arbeit abhängt, ist Armut also dem ewigen Heil zuträglich. So gilt der von Weber aufgeführte Glaubenssatz: Niedrige Löhne fördern die Produktivität!  heute noch genau so.

Sie gab ihm dazu die beruhigende Versicherung, daß die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt ganz spezielles Werk von Gottes Vorsehung sei, der mit diesen Unterschieden ebenso wie mit der nur partikulären Gnade seine geheimen, uns unbekannten Ziele verfolge. Schon Calvin hatte den oft zitierten Ausspruch getan, daß nur wenn das “Volk”, d. h. die Masse der Arbeiter und Handwerker, arm erhalten werde, es Gott gehorsam bleibe. Die Niederländer (Pieter de la Court und andere) hatten dies dahin “säkularisiert”: daß die Masse der Menschen nur a r b e i t e , wenn die Not sie dazu treibe, und diese Formulierung eines Leitmotivs kapitalistischer Wirtschaft mündete dann weiterhin in den Strom der Theorie von der “Produktivität” niederer Löhne. ...

Die Möglichkeit von den Arbeitern das Maximum an Arbeitsleistung zu erhalten und die Intensität der Arbeit zu steigern ist der Akkordlohn. Darüber hinaus gibt es aber heute noch jede Menge weiterer Möglichkeiten, bis hin zur völligen Übertragung des Risikos, der Kapitalbelastungen und sogar der Steuern auf die Arbeiter. [s. No Logo, , , ]

 

 

2.2 Erfolgreicher Gelderwerb im Beruf, der Beweis göttlicher Gunst

 

Der Gelderwerb ist das Resultat und der Ausdruck der Tüchtigkeit im Beruf.

Hierin ist das Problem angelegt, mit dem Arbeitslose zu kämpfen haben, das sich auch durch den Gemeinplatz ausdrückt: Die Guten finden immer eine Stelle. Hier wird Erfolg definiert als wirtschaftlicher Erfolg - was heute schwerwiegende Folgen hat.

Es handelt sich um eine doppelte Referenz, wer gut ist in seinem Beruf, findet eine Stelle - wer eine Stelle findet, Erfolg und Geld macht, ist gut in seinem Beruf. Während eine Excel-Tabelle hier bunt und ev. laut aufschreien würde: Selbstreferenz/zirkuläre Referenz!!!, wird dieses Dogma der Absurdität tagtäglich Millionen von Arbeitslosen um die Ohren gehauen - und die dürfen nicht mal zurückschlagen

Die Auslese wird unkritisch als positiv angenommen, die Deselektierten sind diejenigen, die nicht entsprechend den Normen des Marktes gehandelt haben, die sich nicht anpassen wollen. "Man muss sich halt anpassen" - mein "Lieblingsspruch" in der Schweiz. Da ballt sich jedes mal die Faust wenn ich den höre. Aber auch der stammt aus der Urzeit des Kapitalismus:

Wer sich in seiner Lebensführung den Bedingungen kapitalistischen Erfolges nicht anpasst,
geht unter oder kommt nicht hoch.
[S. 60]

Heureka ... ich bin ein Rädchen ...

Der Beruf, als gottbestimmter Platz des Menschen auf Erden, wurde zur religiösen Pflicht. Er ist auch heute noch Pflicht - allerdings ohne dass irgend eine Organisation die Pflicht hätte, Stellen zu schaffen und Arbeitsplatzabbau durch übermässigen betriebswirtschaftlichen Krämergeist zu verhindern. Diese Verpflichtung zum Beruf [calling: dem Ruf Gottes folgen] war so nicht bekannt bei den Katholiken, Römern und Griechen. Luther hat in bei der Übersetzung eingeflochten und durch die Wortwahl mit dem neuen Gedankengut der Pflichterfüllung verbunden. Arbeitsunlust oder die Bevorzugung der Musse wurde nun gedeutet als Zeichen mangelnder Gottesgnade, war also nicht mehr "normal" (wie in jeder traditionellen Gesellschaft, die eher Musse schätzt), sondern des Teufels.

 

2.3 Kapitalvermehrung als Folge der asketischen Produktion ohne Konsum

Das Kapital ist, als Gottes Gabe, zu Gottes Ruhm und Ehre zu verwalten, nicht zum eigenen Genuss oder zur Musse. Wo aber nicht verbraucht werden darf, herrscht Sparzwang, und Sparzwang ist eine exzessive Kapitalsammelsucht.

Kapitalvermehrung ist also ein Nebeneffekt eines schlecht durchdachten Wirtschaftskonzepts:

Ohne auf die Erörterung der Einflüsse des Puritanismus nach all diesen: Richtungen hier näher eingehen zu können, vergegenwärtigen wir uns nur, daß die Statthaftigkeit der Freude an den rein dem ästhetischen oder sportlichen Genuß dienenden Kulturgütern jedenfalls immer e i n e charakteristische Schranke findet: sie d ü r f e n  n i c h t s  k o s t e n . Der Mensch ist ja nur Verwalter der durch Gottes Gnade ihm zugewendeten Güter, er hat, wie der Knecht der Bibel, von jedem anvertrauten Pfennig Rechenschaft abzulegen357), und es ist zum mindesten bedenklich, davon etwas zu verausgaben zu einem Zweck, der nicht Gottes Ruhm, sondern dem eigenen Genuß gilt. Wem, der die Augen offen hat, wären Repräsentanten dieser Auffassung nicht bis in die Gegenwart hinein begegnet? Der Gedanke der V e r p f l i c h t u n g des Menschen gegenüber seinem anvertrauten Besitz, dem er sich als dienender Verwalter oder geradezu als “Erwerbsmaschine” unterordnet, legt sich mit seiner erkältenden Schwere auf das Leben. Je größer der Besitz wird, desto schwerer wird - w e n n die asketische Lebensstimmung die Probe besteht - das Gefühl der Verantwortung dafür, ihn zu Gottes Ruhm ungeschmälert zu erhalten und durch rastlose Arbeit zu vermehren. [S. 149]

Dieses Axiom, dass, ausser den eigenen Produkten, eigentlich nichts etwas kosten sollte, führt dazu, dass die Rohstoffe zu Tiefstpreisen verschleudert werden - bis eine oft nicht mehr zu behebende Verknappung die Preise korrigiert (s. Erdöl). Dieses analfixierte Sitzen auf dem Eigentum führt aber auch dazu, dass sich der Sektor kaum entfalten kann, auf dem das Wachstum wirklich unbegrenzt wäre, da der Materialverbrauch minim und die Akkumulation immaterieller Art ist, der 4. Sektor, der Bereich der freien Künste und der Kultur.

Die innerweltliche protestantische Askese - so können wir das bisher Gesagte wohl zusammenfassen - wirkte, also mit voller Wucht gegen den unbefangenen G e n u ß des Besitzes, sie schnürte die K o n s u m t i o n , speziell die Luxuskonsumtion, ein. Dagegen e n t l a s t e t e sie im psychologischen Effekt den G ü t e r e r w e r b von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengt die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern (in dem dargestellten Sinn) direkt als gottgewollt ansah. Der Kampf gegen Fleischeslust und das Hängen an äußeren Gütern war, wie neben den Puritanern auch der große Apologet des Quäkertums, Barclay, ausdrücklich bezeugt, k e i n Kampf gegen rationalen E r w e r b , sondern gegen irrationale Verblendung des Besitzes. [S. 150]

Der protestantische Wirtschaftsansatz befreite so zwar die private Initiative, ja trieb diese zu unendlicher Produktivität an, zerschlug aber gleichzeitig zwei starke Antriebsmotoren fast jeglicher Wirtschaft: Luxus und Verschwendung [s. Sombart & Veblen]

Während der klassische Kapitalist de individuellen Konsum als Sünde gegen seine Funktion und "Enthaltung" von der Akkumulation brandmarkt, ist der moderne Kapitalist imstande, die Akkumulation als "Entsagung" seines Genusstriebes aufzufassen.  In den historischen Anfängen der kapitalistischen Produktionsweise - und jeder kapitalistische Parvenü macht dieses historische Stadium individuell durch - herrschen Bereicherungstrieb und Geiz als absolute Leidenschaften vor.

Karl Marx: Das Kapital 1.1. S. 707

Und halten wir nun noch jene Einschnürung der Konsumtion mit dieser Entfesselung des Erwerbsstrebens z u s a m m e n , so ist das äußere Ergebnis naheliegend: K a p i t a l b i l d u n g durch asketischen S p a r - z w a n g. Die Hemmungen, welche dem konsumtiven Verbrauch des Erworbenen entgegenstanden, mußten ja seiner produktiven Verwendung: als A n l a g e kapital, zugute kommen. [S. 151]

Aber auch in dem vom strikten Calvinismus nur 7 Jahre wirklich beherrschten Holland führte die in den religiös ernsteren Kreisen herrschende größere Einfachheit des Lebens bei enormen Reichtümern zu einer exzessiven Kapitalaufsammlungssucht. [S. 151-2]

Die Grenzen der Akkumulation:

“Ich fürchte: wo immer der Reichtum sich vermehrt hat, da hat der Gehalt an Religion in gleichem Maße abgenommen. Daher sehe ich nicht, wie es, nach der Natur der Dinge, möglich sein soll, daß irgendeine Wiedererweckung echter Religiosität lange Dauer haben kann. Denn Religion m u ß n o t w e n d i g sowohl Arbeitsamkeit (industry) als Sparsamkeit (frugality) erzeugen, und diese können nichts anderes als Reichtum hervorbringen. Aber wenn Reichtum zunimmt, so nimmt Stolz, Leidenschaft und Weltliebe in all ihren Formen zu. [S. 154]

Bei einem Weisen spielt der Reichtum eine dienende, beim Toren eine herrschende Rolle

Seneca

Auf der S e i t e d e r P r o d u k t i o n des privatvirtschaftlichen Reichtums kämpfte die Askese gegen Unrechtlichkeit ebenso wie gegen rein t r i e b hafte Habgier, - denn diese war es, welche sie als “covetousness”, als “Mammonismus” usw. verwarf : das Streben nach Reichtum zu dem Endzweck, reich zu s e i n . [S. 151]

Diese doch recht beschränkte Ausgangslage des Kapitalismus führte logischerweise zu der heute noch herrschenden Dominanz der Angebotstheorie und zu einer Produktionsmaschine, die inzwischen die ganze Welt umfasst und in der wir nicht nur arbeiten sondern auch zu leben versuchen. Die ständige Suche nach Gottes Wohlwollen, die längst durch die Suche nach  Selbstbestätigung ersetzt wurde, schuf eine Maschine, aus der es kein Entweichen gibt. Weil die einen erwerben wollen - müssen die andern.

Da die meisten Dinge auf dieser Welt nicht in unendlichem Masse vorhanden sind, führt die Kapitalsammelsucht auf der einen, zu Knappheit auf der andern Seite. Im katholischen System bildete die Wohltätigkeit einen gewissen Ausgleich, im protestantischen System hetzt die "Wohltätigkeit" die Ausgeschlossenen immer noch dem längst abgefahrenen Zug nach. Die berühmte Sache mit dem Fisch oder fischen lernen hat präzise hier den Haken: Diejenigen die aus Wohltätigkeit dem Armen das Fischen lehren, sind die selben, die ihm die Fische mit Schiffen und Grossnetzen vor der Nase weg fangen. Merke: Nicht jede süsse Geschichte ist so toll wie sie tönt.

 

Klassische Kapitalismustheoretiker wie Adam Smith und Ricardo begründeten die positive Wirkung des individuellen Drangs zum Mehr durch den Trickle-Down-Effekt. In dem Moment, wo die Bedürfnisse des Kapitalisten erfüllt sind, würde er beginnen, sein Kapital zu nutzen, entweder für wohltätige Zwecke, oder um Arbeit durch andere erledigen zu lassen, also indem der Reiche Bedienstete, Köche, Gärtner, Butler, Fahrer etc. anstellt. Die klassische Kapitalismustheorie war also eher eine katholische - und widersprach damit 1. der zu beobachtenden Realität und 2. sogar den theoretischen Vorgaben des Protestantismus.

 

3. Das traditionalistische, das katholische Prinzip der Marktwirtschaft: Die Nachfrageökonomie

Noch am Ausgang dieses Zeitalters, um 1450, konnte Erzbischof Antonin von Florenz in seiner Summa sacrae Theologiae es als selbstverständlich bezeichnen, daß für die Gewinnung des notwendigen Lebensunterhaltes eine kurze Arbeitszeit genüge und daß nur derjenige lange  und viel arbeiten müsse, der nach Reichtum und  Überfluß strebe.

Der normale mittelalterliche katholische Laie lebte in ethischer Hinsicht gewissermaßen “von der Hand in den Mund”. Er erfüllte zunächst gewissenhaft die traditionellen Pflichten. [S. 98]

 

Noch während des grössten Teils des 18. Jahrhunderts, bis zur Epoche der grossen Industrie, war es dem Kapital in England nicht gelungen, durch Zahlung des wöchentlichen Wertes der Arbeitskraft sich der ganzen Woche des Arbeiters, Ausnahme bilden jedoch die Agrikulturarbeiter, zu bemächtigen. Der Umstand, dass sie eine ganze Woche mit dem Lohn von 4 Tagen leben konnten, schien den Arbeitern kein hinreichender Grund, auch die andern zwei Tage für den Kapitalisten zu arbeiten.

Karl Marx: Das Kapital 1.1. S. 299

Das katholische Prinzip, von Weber Traditionalismus genannt, bezeichnet im Gegensatz zum oben geschilderten protestantischen Arbeitsethos diejenige Einstellung, die wir heute als "südländisch" bezeichnen würden, die in weiten Teilen der 3. Welt, insbesondere aber bei den Arabern noch vorherrscht. Sie war Ende des 19. Jahrhunderts auch noch bei Elsässern und Badensern vorhanden, worüber sich etwa die Basler Seidenweber, d.h. natürlich die Verleger, darüber beklagten: Sobald die Arbeiter genügend Lohn haben, gehen sie nach Hause und kommen erst wieder, wenn das Geld aus ist. Bei höheren Löhnen wird weniger lang gearbeitet, denn man arbeitet nur so lange, bis es genügt die herkömmlichen Ansprüche zu erfüllten. Damals wie heute herrscht dieser Lebensstil vor allem bei Bauern und wird als Bedarfs- oder Subsistenzwirtschaft bezeichnet.

Auch die Bildung in katholischen und protestantischen Gebieten unterschied sich vor 100 Jahren offenbar deutlich. Baden, Bayern, Ungarn hatten weniger technische Schulen und Realgymnasien, blieben also wirtschaftlich zurück. [S. 29]. Man verblieb dort auch  stärker bei den traditionellen Bereichen des Handwerks - während die Protestanten in die Fabriken strömten, um hier die obersten Stufen der gelernten Arbeiterschaft und des gewerblichen Beamtentums zu füllen. (vergl. Das Schwäbische Arbeitsethos und seine Basis, der Pietismus)

Der Katholik ... ist ruhiger; mit geringerem Erwerbstrieb ausgestattet, gibt er auf einen möglichst gesicherten Lebenslauf, wenn auch mit kleinerem Einkommen, mehr als auf ein gefährdetes, aufregendes, aber eventuell Ehren und Reichtümer bringendes Leben: Entweder gut essen oder ruhig schlafen, wie der Volksmund sagt. Der Protestant isst gern gut - während der Katholik ruhig schlafen will.

Sinngemäss würde das heute als "Risikofreude" bezeichnet, deren Mangel heute stark beklagt wird, wobei aber die Tatsache gerne unterschlagen wird, dass die Märkte heute voll sind, dass Bildung zwar zugänglich, aber immer noch aufwändig ist und sehr rasch veraltet, und dass geschäftliche Risiken für die Meisten heute schlicht unbezahlbar sind. [s. sunk costs]

Traditionell gesinnt waren offenbar vor allem die Mädchen, mit Ausnahme der pietistischen:

Ein Bild besonders rückständiger traditionalistischer Form der Arbeit bieten heute besonders die Arbeiterinnen, besonders die unverheirateten. Insbesondere ihr absoluter Mangel an Fähigkeit und Willigkeit, überkommene und einmal erlernte Arten des Arbeitens zugunsten anderer, praktischerer, aufzugeben, sich neuen Arbeitsformen anzupassen, zu lernen und den Verstand zu konzentrieren oder nur überhaupt zu brauchen, ist eine fast allgemeine Klage von Arbeitgebern, die Mädchen, zumal deutsche Mädchen, beschäftigen.  [S. 50 ]

Die Emanzipation hat das ja Gott sei Dank geändert. Heute zeigen sich Frauen viel lern- und anpassungswilliger als Männer, was insbesondere in den Billigproduktionsländern gerne (aus-)genutzt wird.

Die Freiwirtschaft empfiehlt hier, als "Technofix" um von einer protestantischen Hortungswirtschaft wieder zu einer katholischen Bedarfs- und Umlaufswirtschaft zu gelangen, die Umlaufsicherung, also einen jährlichen Abzug auf Geld, das nicht produktiv investiert ist, um diese im wirtschaftlichen Kreislauf zu halten und fern von Horten.

Man darf diese positiven Aspekte katholischer Wirtschaft nicht übersehen - aber auch nicht die negativen. Francis Fukuyama beschreibt die "Iberische Tradition" als autoritär, patriarchal, sozial geschichtet, korporativ und semifeudal bis in den Kern. [The End of History and the Last Man. Francis Fukuyama.  Perennial 1992. S. 50]

 

Nicht überall und nicht immer erfüllt allerdings der katholische Geist die Erwartungen. Die Grossgrundbesitzer Argentiniens und der Philippinen sind auch katholisch, und lassen nach wie vor viel Land lieber brach liegen, als es Landlosen zugänglich zu machen. Auf der andern Seite steht aber auch z.B. die Kooperative Mondragon, bei der die Angestellten zuerst und der Gewinn erst danach kommt.

 

Symbolisch könnte man die protestantische Spar- und Geizwirtschaft (Angebotstheorie) mit der (doppeldeutigen) Bank verbinden, die katholische Verschwenderwirtschaft (Nachfragetheorie) mit dem Tisch. Heute predigen alle, dass die Bank ausreiche. Sogar der Laptop unterstützt das Konzept, da er eben nicht mal mehr einen Tisch braucht, sondern auf dem Schoss ...(engl lap). Vermutlich hält sich diese Irrlehre nicht all zu lange, denn irgend wann werden sich die Menschen wieder fragen: Warum nur Bank - kein Tisch? Wo bleiben Teller, Tassen, Brot und Wein? Wir wollen eine "Wirtschaft" nicht nur mit Bank - sondern auch mit Tischen - und reichlich was drauf!

 

TAOISM

Shit happens.

CONFUCIANISM

Confucius say,
"Shit happens."

BUDDHISM

If shit happens,
it isn't really shit.

ZEN-BUDDHISM

What is the sound
of shit happening?

HINDUISM

This shit has
happened before.

ISLAM

If shit happens, it
is the will of Allah.

CATHOLICISM

If shit happens,
you deserved it.

PROTESTANTISM

Let shit happen
to someone else.

JUDAISM

Why does shit
always happen to us?

NEW AGE

Affirm: "Shit does
not happen to me."

ATHEIST

I don't believe
this shit

RASTAFARIAN

Let's roll that shit
up and smoke it.

 

4. Kritik: Die heutige Wirtschaft basiert auf sportlichem Wettbewerb, Abenteuer und Spiel - statt der ursprünglichen göttlichen Ordnung der "invisible hand".

Die Märkte besitzen, die Konkurrenten vernichten.

Mitchel Kertzman

Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös - ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren, die ihm nicht selten geradezu den Charakter des Sports aufprägen. Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, o d e r aber - wenn keins von beiden - mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem Sich - wichtig - nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die “letzten Menschen” dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: “Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben. - [S. 160]

Beide Züge: der einer ungebrochenen naiven Lebensfreude und der einer streng geregelten und reservierten Selbstbeherrschung und konventionellen ethischen Bindung stehen noch heute im Bilde des englischen “Volkscharakters” nebeneinander372). Und ebenso zieht sich durch die ältere Geschichte der nordamerikanischen Kolonisation der scharfe Gegensatz der “adventurers”, die mit der Arbeitskraft von indented servants Plantagen einrichten und seigneurial leben wollten, gegen die spezifisch bürgerliche Gesinnung der Puritaner. [S. 152]

Die kapitalistische Wirtschaftsordnung braucht diese Hingabe an den "Beruf" des Geldverdienens, sie ist eine Art des Sichverhaltens zu den äusseren Gütern, welche jener Struktur so sehr adäquat, so sehr mit den Bedingungen des Sieges im ökonomischen Daseinskampf verknüpft ist, dass von einem notwendigen Zusammenhang jener "chrematischen" Lebensführung mit irgendeiner einheitlichen "Weltanschauung" heute in der Tat gar keine Rede mehr sein kann. [S. 60]

"Jetzt! Jetzt!" rief die Königin. "Schneller! Schneller! Schneller!" Und nun sausten sie so schnell dahin, dass sie beinahe nur noch durch die Luft segelten und den Boden kaum mehr berührten, bis sie plötzlich, als Alice schon der Erschöpfung nahe war, innehielten, und im nächsten Augenblick sass Alice schwindlig und atemlos am Boden.
Voller Überraschung sah sich Alice um. "Aber ich glaube fast, wir sind die ganze Zeit unter diesem Baum geblieben! Es ist ja alles wie vorher!"
"Selbstverständlich", sagte die Königin. "Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck stehen bleiben willst."

Alice im Wunderland

"Und um woandershin zu kommen, muss man noch mindestens doppelt so schnell laufen!"

Alice hinter den Spiegeln

Weber kritisiert also, dass sich die Wirtschaftstheorie von einer ethischen Weltanschauung zu einer selbstbezogenen Unkultur gewandelt hat - und das vor bereits 101 Jahren (1904 verfasst, 1905 gedruckt).  Wirtschaft, als Sport betrieben, wie es vor allem seit 1990 gelobt wird, erzeugt aber nicht nur Sieger, sondern sehr wenige Sieger und sehr viele Verlierer. (s. Wettbewerb). Die Gewinner kriegen dazu noch eine Prämie, die Verlierer bezahlen sie. Warum wohl legen seit über 10 Jahren alle Manager höchsten Wert darauf, als sportlich zu erscheinen? Wohl kaum der Fairness wegen ...

Aus der praktischen Arbeit zum Lobe Gottes wurde kriegerische (kriecherische wäre auch kein Druckfehler) Konkurrenz, die sämtliche legalen und illegalen (solange sie nicht entdeckt werden) Mittel nutzt, sich einen Vorteil am Markt zu verschaffen. Statt den gottgegebenen Platz zu suchen, sucht der nur noch eigennützige Unternehmer den Machtgewinnung. Man will Dominanz durch Haben - statt  das Sein zu entwickeln. (s. Existenzialismus).

Der sportliche Wettbewerb kennt keine Solidarität, sondern nur Gewinner. Und vor allem fehlt diesem Typ Wirtschaft die systemische Integration in Politik und Umwelt. Was Weber katholische und protestantische Wirtschaft nennt, kritisiert Sombart als Gegenüberstellung von Wilden mit der "müssigen Klasse":

Sombart beschreibt die Entwicklung von vorräuberischen Wilden, die er charakterisiert als: schwache Taugenichtse mit ungenügender Leistungsfähigkeit, Mangel an Initiative und Erfindungsgeist - aber übermässiger Nachgiebigkeit und träger Liebenswürdigkeit. - Allerdings, diese wiesen in hohem Masse für das kollektive Leben förderliche Eigenschaften auf wie: Wahrheitsliebe, Friedfertigkeit, guter Wille, Interesse an Menschen und Dingen, das weder vom Wettbewerb noch von Neid gefärbt war.

Sombart betont die wichtige Bedeutung, von Jagd und Sport für die müssige Klasse, die sich jedoch als Hochleistungsathleten sieht. Für ihn erfolgt der Eintritt in die müssige Klasse über die Finanzberufe. Da bei den pekuniäre Tätigkeiten gewisse räuberische Fähigkeiten und ein gewisse räuberische Geisteshaltung bewahrt und gepflegt werden, gleicht der Finanzmann dem Kriminellen, beide haben verwandte Temperamente: Vorliebe für Sport und Glücksspiel, Freude am Wettbewerb um seiner selbst willen, Abergläubisches Vertrauen auf Glück und Schicksal (servile Frömmigkeit).

Ich zitiere einen früheren Paragraphen: Puritaner wie Hugenotten führten darüber hinaus einen erbitterten Kampf gegen privilegierte Handelshäuser, Lombarden (Ober- und Mittelitalienische Kaufleute), Trapeziten (gr: Wechsler), Monopolisten, Grossspekulanten und Bankiers, die viele arm und nur wenige reich machten. Luther äusserte sich immer wieder skeptisch gegen Wucher und Zinsnehmen.

Das was sich heute Kapitalismus nennt, wächst und gedeiht also vor allem in den Bereichen, die von den Urvätern des Systems als schädliche Tätigkeiten völlig ausgeschlossen wurden - und folgerichtig das kapitalistische System nun wirkungsvoll untergräbt und zur Räuberhöhle macht: Monopole, Grösse, Gobal Players, Banken und Börsen. Dieser gegenwärtige Post-Kapitalismus darf also mit Fug und Recht, mit der Zustimmung der Begründer des Kapitalismus, als "Scheisskapitalismus" bezeichnet werden.

Arbeitslosigkeit

Es kostet Jahrhunderte, bis der "freie" Arbeiter infolge entwickelter kapitalistischer Produktionsweise sich freiwillig dazu versteht, d.h. gesellschaftliche gezwungen ist, für den Preis seiner gewohnheitsmässigen Lebensmittel seine ganze aktive Lebenszeit, ja seine Arbeitsfähigkeit selbst, seine Erstgeburt für ein Gericht Linsen zu verkaufen.

Karl Marx: Das Kapital 1.1 S. 295

Theoretisch dürfte es in protestantischen Gebieten keine Arbeitslosigkeit geben, da Arbeit Pflicht ist und Gott jedem seinen Platz gegeben hat. Da Arbeit Pflicht war, müsste sie auch vorhanden sein - oder zur Verfügung gestellt werden. Das Argument führte und führt aber leider oft direkt zu Minimallöhnen, 1$-jobs, 1000Fr.-jobs - oder gar Sklavenarbeit. Arbeit als Instrument der Dressur und Züchtigung.

Theoretisch dürfte es in katholischen Gebieten Arbeitslosigkeit geben - aber sie stört keinen,

da jeder Arme, als Gelegenheit zur Wohltätigkeit, eine Tür ins Himmelreich offen hält.

Es steht zu vermuten, dass der traditionelle Katholizismus auch weniger anfällig für Arbeitslosigkeit war, da man hier nicht 24 Stunden am Tag Busse tun musste, sondern ruhig das Leben geniessen durfte - wenn man für Verfehlungen später Busse tat. Reichtum rief hier also nach Genuss von Luxus - und damit nach Bediensteten und Produzenten jeder Art von Ueberfluss. Armut gab als Kontrapunkt die Gelegenheit, um Vergebung von Sünden zu bitten und Busse zu tun, indem man Bettlern half.

Die mittelalterliche Ethik hatte den Bettel nicht nur geduldet, sondern in den Bettelorden geradezu glorifiziert. Auch die weltlichen Bettler wurden, da sie ja dem Besitzenden Gelegenheit zu guten Werken durch Almosen gaben, gelegentlich geradezu als “Stand” bezeichnet und gewertet. [S. 156]

Fazit

Die Lektüre dieses heute hundertjährigen Büchleins lehrt uns also einiges, vor allem:

  1. Dass auch heute noch die Wahrheit irgendwo stehen kann, aber xbeliebig uminterpretiert und gar ins Gegenteil verkehrt wird. Die erste Interpretation von Max Weber kriegte ich im MNG (Math. Natw. Gymn. Basel) zu hören, als Begründung der Überlegenheit der protestantischen Religion und unseres Wirtschaftssystems über andere (vor allem natürlich das kommunistische. Kommunismus war eh ein beliebtes Feindbild, dass überall gesehen wurde. Sogar "Das Schloss" von Kafka war eindeutig ein Symbol für die ineffiziente bürokratische Herrschaft des Kommunismus - obwohl dieser zur Zeit als Kafka das Buch schrieb, noch weit von seiner Machtentfaltung und bürokratischen Ausuferung entfernt war - aber die tschechische Bürokratie massiv über die Stränge schlug) - ohne die geringste Kritik am System, die aber bei Weber sehr wohl vorhanden ist. Ebensowenig herrscht seit 1968 in der Schweiz eine antiautoritäre Erziehung oder eine sozialistische Politik. Es wurden ja kaum Professoren ersetzt. Noch in den 90ern, anlässlich einer in der Schweiz noch nie da gewesenen (d.h. mit den 30ern vergleichbaren) Arbeitslosigkeit wurde ab und zu kritisiert, dass sämtliche Lehrstühle der Oekonomie an Hochschulen mit Anhängern der neoliberalen Schule besetzt seien. Ein Musterexemplar der Gattung, Silvio Borner, seit 1978 Professor am WWZ in Basel, verbreitet seine bornierten Botschaften noch heute in jedem Käseblatt (z.B. Aargauer Zeitung, Weltwoche ...), das ihm dafür Platz bietet. Die Schuldzuweisung für heutige wirtschaftliche Probleme an die 68er ist ein Betrug, denn die 68er waren ein zwar lautes, aber politisch und wirtschaftlich kaum effizientes Schauspiel auf der Medienbühne. Wenn hier eine Schuldzuweisung möglich ist, dann die, dass gerade auf dem Gebiet der Ökonomie nach wie vor mit Ideologien hausiert und propagandistisch statt rational argumentiert wird. Diese Tatsache, dass Fachleute in Wirtschaft wie Politik so oft Aussagen machen die auf propagandistische Wirkung aus sind, mit der Wahrheit jedoch nicht das geringste zu tun haben, dürfte mehr zur Postmodernisierung der heutigen Gesellschaft beigetragen haben als die paar Antiautoritären, die oft eh nur das Ziel hatten, möglichst schnell selbst zur Autorität zu werden - oder im Frust und Dunst von Bier und Hasch untergegangen sind.

  2. Ein kapitalistisches Kumulationssystem kann nicht bestehen ohne ein paralleles "katholisches" Verbrauchssystem das die Nachfrage sichert: Stadt - Land, 1. Welt - 3. Welt. Europa - USA, die heute seltsamerweise die stärkste katholische Ökonomie bilden, sich diese allerdings zwangsfinanzieren lassen durch demurage (dank der Tatsache, dass der Dollar quasi DIE Weltwährung ist), Hochhalten des Dollarkurses durch produktionsstarke Exportnationen Asiens (China, nach wie vor ein Entwicklungsland, hält 800 Milliarden $ an US-Staatsobligationen, denn a) müssen die Chinesen für das Alter sparen, da der Sozialismus bankrott ist, und b) hängen auch sie von Exporten in die USA ab, die aber nur so lange so viel bringen, als der Wert des Dollars nicht dorthin fällt wo er hingehört ... Langfristig wird sich der Zustand allerdings nicht halten lassen, denn eigentlich heisst das nichts anderes, als dass die Chinesen, wie die Europäer und Araber, die Amerikaner dafür bezahlen, ihre Produkte zu konsumieren), Entwertungsdrohung, Forderung der Aufwertung der chinesischen Währung, militärische Aktionen (Söldnerwesen) etc.

  3. Aus letzterem Problem könnte man auch als DAS Hauptproblem des Kapitalismus herausschälen: Wo sind die Grenzen des Hauses - und welche Ordnung soll darin gelten? [Zur Erinnerung: Oeko- nomie bedeutet auf: griechisch: die Ordnung im Hause]. Der Begriff war relativ problemlos, solange es sich wirklich um Hauswirtschaft, Villen, Städte ja sogar Fürstentümer handelte, er liess sich mit einigen Anpassungen (und doch bereits beträchtlichen Problemen) auch noch zur Volkswirtschaft erweitern - versagt aber (noch) total bei der Ausdehnung auf die Welt als Haus. Durch die Globalisierung wurde es den Grossen Unternehmen möglich, ihre "Häuser" rund um die Welt auszubauen und ihre Territorien abzustecken. Diese Spesenritter haben die einst friedliche Hauswirtschaft zu einem Schlachtfeld von Feudalisten, allerdings Feudalisten ohne Boden-Haftung, gemacht. Die Proteste der "Ausgezäunten" werden als Gejammer von Versagern interpretiert. Die heutige Wirtschaft verlangt "sportliches Verhalten", auf die Zähne beissen. Lässt sich eine Niederlage im sportlichen Wettkampf aber relativ leicht verdauen und verursacht nur mässige Schäden (obwohl auch hier heute bereits ab und zu ein Bankrott die Folge ist), so geht es beim wirtschaftlichen Wettbewerb um die Existenz. Existenzverlust produzieren oder hinnehmen hat nichts mit Sportlichkeit zu tun. Vermutlich braucht es hier, wie 1315 bei der Schlacht am Morgarten, mal wieder eine andere Taktik, eine total unritterliche und unsportliche, denn manchmal darf man Raub-Ritter einfach nicht mit den selben Waffen bekämpfen, sondern muss sie mit Mistgabeln und Prügeln von ihren hohen Rossen herunterholen. [Dank der extremen Destrukturierung in der Landwirtschaft stehen beide in ausreichendem Masse zur Verfügung.]

Martin Herzog, Basel, 6.10.05

Weiteres zu Max Weber:

p.s:               Der Konfuzianismus als Hinderniss für Kapitalismus

Neben den sozio-kulturellen Bedingungen (Personalismus, Familismus, Paternalismus und Mandarinatsbürokratie) sah Weber u.a. im konfuzianischen Ideale der moralischen Kultivierung des Menschen und damit einhergehend in der Verurteilung von gewinnorientierten Aktivitäten - Händler galten als die unterste soziale Klasse (was in praktisch allen traditionellen Stammesgesellschaften galt, da sie vom Stamm unabhängig ausserhalb tätig waren, dieser aber dennoch für ihre Aktivitäten zur Rechenschaft gezogen werden konnte!) - Haupthindernisse für die Entstehung einer unternehmerischen Klasse und die wirtschaftliche Entwicklung Chinas.

Die chinesische Gesellschaft versteht sich daher weder als individualistische noch als kollektivistische, sondern als eine auf zwischenmenschlichen Beziehungen basierende Gesellschaft.

 Die konfuzianische Sozialtheorie - und die ideale konfuzianische Ordnung (lun) - beruht auf drei grundlegenden Ideen:

  1. Benevolenz oder Menschlichkeit (ren): Die höchste Stufe moralischer Kultivierung, die sich nicht innerhalb des Individuums findet, sondern erst im sozialen Kontext. (Vergl. Entwicklungsstufen nach berger)

  2. Sitten oder Ritual (li)

  3. Rechtschaffenheit oder Gerechtigkeit (yi)

Die konfuzianische Ordnung basiert auf 5 kardinalen Rollenbeziehungen:

  1. Gerechtigkeit zwischen Herrscher und Untertan

  2. Warmherzigkeit zwischen Vater und Sohn

  3. Distinktion zwischen Ehegatte und Ehefrau

  4. Ordnung zwischen älteren und jüngeren Brüdern

  5. Ehrlichkeit zwischen Freunden

Der Weg der moralischen Kultivierung führt vom Selbst zur Familie, von der Familie zum Staat und vom Staat zur ganzen Welt.

Ebenfalls wie bei allen Stammesgesellschaften spielt die Freigebigkeit und das Geschenk eine grosse Rolle. Sie führen zu einer Umverteilung, die immer nötig ist, wo sich einzelne mehr aneignen können als andere und andere so in die Bredouille geraten. Allerdings sind Geschenke meist trojanische Pferde, denn sie erzeugen einen noch höheren sozialen Status, also eine noch bessere Position zur Aneignung. Zudem stipuliert die Gegenseitigkeit auch eine Verpflichtung (renquing), entweder zu Gegengeschenken oder zu Dankbarkeit, ein Prinzip das auch bei uns nach wie vor im Wohltäterismus konservativer Spender herrscht und persönliche Spenden begünstigt, insbesondere zu Gunsten von Kindern, von denen gleich doppelt Dankbarkeit verlangt werden kann, a) weil sie was gratis erhalten, b) eben weil sie Kinder sind.

Für uns wenig verständlich ist das ostasiatische Problem des <Gesicht wahrens> (mianzi). Uebersetzt man Gesicht allerdings mit <Position, Prestige, Rollenverpflichtung> ... so sind wir doch nicht so unterschiedlich. Auch bei uns kommt Kritik am Chef meist nicht so gut an, allerdings eher, weil der Chef sein Gesicht, wenn nicht gar die Contenance verliert, bei den Chinesen und Japanern aber sogar der Kritiker, was zu Konfliktscheu führt. Bei Konflikten werden also gerne Mediatoren eingesetzt, die es vermeiden, dass die eine oder andere Partei beschämt wird.

Was Loyalität betrifft so kennt die Chinesische Gesellschaft nur zwei Arten:

  1. filiale Pietät gegenüber dem Vater - sowie das Pendant, der Gehorsam gegenüber dem Herrscher

  2. Loyalität unter Freunden

Ausserhalb dieser Kreise ist kein Vertrauen zu erwarten, man darf also hemmungslos die eigenen Interessen - oder die der Familie verfolgen ... was der Benevolenz allerdings wohl abträglich wäre ... but who cares ... und präzise diese Art die Dinge zu sehen eröffnet heute Ostasien die selben Möglichkeiten wie dem Westen.

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