Post-Kapitalismus:

Effiziente Netzwerke statt teuerer Strukturen auf der einen - Motivation durch Sachzwang und Angst auf der andern Seite.

Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. (Uebers. Michael Tillmann). UVK Verlagsgesellschaft mbh Konstanz 2003/6

Neoliberalismus, Globalisierung und Netzwerke sind die heillose Dreifaltigkeit des Post-Kapitalismus:
Neoliberalismus ist die Ideologie -
Globalisierung und Netzwerke Strategie und Taktik.

1 Die Entwicklung des Kapitalismus seit 1960

Nicht Adam Smith, aber irgendwann seine Nachfolger, setzte ein neuartiges Denken in die Welt, nämlich den Glauben, dass die Wirtschaft eine autonome, von der Ideologie und Moral  losgelöste Sphäre darstelle und positiven Gesetzen folge.

In der Wirtschaftskrise der 30er verarmten Kleinunternehmer und Selbständige, die Arbeiter waren von Arbeitslosigkeit bedroht. Vor dem ebenfalls drohenden Kommunismus flohen sie in die autoritäre Sicherheit des Faschismus, der auch als Schutzwall gegen überzogenen Liberalismus diente (Noch heute wendet sich ja eine Mehrheit der Unterprivilegierten lieber an die autoritäre Rechte als die zerstrittene Linke ...). Die Vermögen, vor allem der Immobilienbesitz, schmolzen zusammen. Ingenieure und weite Kreise der Bourgeoisie wurden zu Arbeitnehmern. Der Börsencrash von 1929 zeigte, dass die Sache mit dem Markt der sich selbst reguliert in der Form nicht so ganz funktioniert. Enorme Aufrüstung und ein weiterer Krieg retteten die Wirtschaft aus dieser Krise.

Die Nachkriegszeit brachte enormes Wachstum und damit Sicherheit, insbesondere  für die höheren Kader - mit Rentenanspruch. Diese gerieten aber mit dem Babyboom unter Druck, da ein zunehmender Wettbewerb eine zunehmende Selektion und De-Selektion über steigende Anforderungen an die Ausbildung möglich machte.

In den 60er Jahren reichten der Fortschrittsglaube und Karrieresicherheit noch als Motivation. Das Unternehmen steht im Zentrum des Gesellschaftskonzepts und erhielt seine herausragende Bedeutung für das Allgemeinwohl aufgrund des erwirtschafteten Wohlstandes, der Arbeitsorganisation (damit quasi der Lebensorganisation)  und der Chancen, die es bietet. Dem Gebot der Gerechtigkeit war genüge getan durch die Meritokratie. Entwicklungschancen für alle. Berufseinsteiger wurden Schritt für Schritt an Positionen mit höherer Verantwortung herangeführt, also über das Modell des "Abverdienens", Erfahrung erarbeiten. [... dem ich eigentlich auch bis 1994 gefolgt bin, als es aufhörte zu existieren und durch Jobpiraterie ersetzt wurde: Der wagemutigste und Geschickteste erhält die Beute, den Job.]

Eine langfristige persönliche Abhängigkeit eines Angestellten von seinem Chef, in der sowohl Alters- als auch Rangunterschiede respektiert wurden, war Voraussetzung dafür, dass der Vorgesetzte die Bewegungen und Kontakte seiner Schutzbefohlenen überwachen und ihnen eine in seinen Augen sinnvolle Richtung vorgeben konnte. Als Gegenleistung zu dieser Einwilligung in ein Abhängigkeitsverhältnis musste der Chef seinen Schützlingen Sicherheit garantieren und ihnen vor allem auch Karrieremöglichkeiten in Aussicht stellen.

Allerdings hatte auch das alte System so seine Probleme. Da die nachrückende junge Generation meist nicht nur über mehr, sondern auch über aktuelleres Wissen verfügte, ihnen der Zugang zu Stellen, an denen sie es einsetzen könnten aber durch die "alten" Stelleninhaber verwehrt wurde, führte auch das zu Frustrationen. Junge leistungswillige Führungskräfte blieben unterbezahlt - alte mit nachlassender Leistung überbezahlt.

Staat und Betrieb ergänzten sich noch gegenseitig.

In den 90er Jahren kam das NEW MANGAGEMENT auf, das charismatische Leader forderte mit Polyvalenz, Flexibilität, Risikofreude (nicht aber mit fremdem Kapital!), Lernkompetenz (ergiebige  Informationsquellen anzapfen. Fähigkeit, sich ständig neue Qualifikationen zu erschliessen und neue Arbeitsaufgaben zu erfüllen), Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben - Einsatzbereitschaft (dauernd auf der Lauer nach neuen Projekten, sich fremde Ideen aneignen), Kommunikationstalent (offen und neugierig), Beziehungskompetenz (Aufmerksamkeit, Interesse und Sympathie wecken können). Die Selektion der Kader die auf Wissen basierten, sei es an Schulen und Universitäten erlerntes, sei es durch Praxis erworbenes, wurde dementsprechend geändert. "Wissen" kam in die Maschine des"knowledge managements" und wurde nun vorwiegend mechanisch behandelt.

Die Lohn-Profit-Verteilung verschob sich zu Gunsten des Kapitals. Erst über hohe Zinsen, denn man wollte nicht nochmals eine Inflation wie 1928 riskieren. [Zu Deutsch: Durch hohe Zinsen werden "zu hohe Löhne" gleich wieder abgeschöpft.] Dann über die Wert-Abschöpfung der Börse.

Die Firmen wurde gestrafft,  ihre Kontakte, und damit die Transaktionskosten, reduziert. Die Anzahl der Zulieferfirmen für Personal (Leiharbeit) nahmen in Frankreich von 600 (1968) auf 1500 (1980) und gar 4883 im Jahr 1996 zu. Adecco wurde damit zum grössten privatwirtschaftlichen Arbeitgeber. Logischerweise stieg die Anzahl der Zeitarbeiter, Praktikanten, befristet Beschäftigten im selben Masse: 500'000 (1978) , 1.2 Millionen (1989) , 1.6 Mio. (1995). Da gleichzeitig die Arbeitslosigkeit stieg, nahmen auch die neue "Selbständigkeit" in Einmannbetrieben, meist durch Outsourcing entstanden, zu. Die Kosten der Konjunkturschwankungen, insbesondere die Verantwortung für die Arbeitskräfte, wird damit an die Zulieferer abgegeben - und von diesen auf die Arbeitskräfte. Diese sollen eigenverantwortlich handeln - aber nur in Zeiten der Rezession. In Boomzeiten sollen sie fleissig, treu und bescheiden nichts anderes tun, als was ihnen der Betrieb aufträgt. Beliebt auch die Arbeit auf Abruf. Per Verfügbarkeitsklausel konnte man sich die Einsatzbereitschaft sichern, ohne dafür bezahlen zu müssen. Der Arbeitnehmer trägt bei solchen Anstellungsverhältnissen die Last eines freiberuflichen ungesicherten Einkommens und der abhängigen Beschäftigung: Gehorsame Befolgung aller Weisungen der Vorgesetzten - ohne entsprechend für das Risiko entschädigt zu werden.

Bereits 1993 befanden sich aber in Frankreich nur noch 51.6% der Angestellten in in stabilen ungefährdeten Arbeitsverhältnissen.

Das führte zu einer starken Zunahme von Depressionen, der Anwendung von Psychopharmaka, und Suizid (s. Anomie). Die Zukunft schien (und scheint heute immer noch) nicht besser, sondern schlechter zu werden. Emanzipation und Freiheit, alte Versprechen des Kapitalismus, wurden nicht geliefert. Wohl erhielt der Konsument grössere Wahlmöglichkeit bei Konsumgütern, wie auch eine geringere Abhängigkeit vererbter gesellschaftlicher Zugehörigkeit - was allerdings durch Bildungsforschung längst wieder bestritten wird. [s. Tabelle rechts aus:  Seminar „Haushalt, Familie, sozialer Wandel" SS 2006. 9 Familie als soziales Kapital. Prof. Dr. Martin Abraham-Institut für Soziologie. Uni Bern.], sowie Erich Ramseier und Christian Brühwiler: Herkunft, Leistung und Bildungschancen im gegliederten Bildungssystem: Vertiefte PISA-Analyse unter Einbezug der kognitiven Grundfähigkeiten. Gerade diese Arbeit bringt einen weiteren wichtigen Beitrag, da sich durch statistische Abklärung klar zeigen liess, dass weder tiefer IQ noch kulturelle Unterschiede für das meist schlechtere Abschneiden der Kinder von Einwanderern schuld sind, sondern die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht, d.h. das Bildungsniveau der Eltern.] Aber doch trat der Vertrag an Stelle des Status. Warum das Versprechen der Freiheit nicht erfüllt werden konnte und nicht erfüllt werden kann, liegt daran, dass die Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital nicht frei und gleich sind. Kapitaleigner können von Kapitalerträgen leben, und dazu noch sparen - Arbeitnehmer über-leben aber nur mit Lohn, was sie in Abhängigkeit des Kapitals hält. Des weitern ist der kapitalistische Markt bei weitem nicht so frei, wie seine Propagandisten dauernd betonen. Kapitalismus bevorzugt vertrauliche Absprachen und Verträge. Der offene, freie Markt wird nur dann benutzt, wenn es anders nicht geht. Präzise deshalb gehört das für ihn ach so wichtige Wissen eher in die Kategorie List als zu dem, was wir normalerweise unter Wissen verstehen.

Konkurrenz führte allerdings nicht nur zu tieferen Preisen, sondern auch zu tieferen Lohnkosten, sei es durch tiefere Löhne - oder, noch beliebter, durch Ausgrenzung der weniger produktiven Mitmenschen aus dem Markt. Die logische Folge ist, dass sich der Arbeitnehmer, trotz stagnierender Löhne, weiterhin der Fabrikdisziplin unterwerfen muss, ohne Chance zur Selbstbestimmung und zur Entfaltung vielseitiger Interessen. Dem kommen die Medien durch immer weiter gehende Banalisierung ihrer Berichterstattung weitgehend entgegen. Die für eine komplexe Gesellschaft notwendige komplexe Argumentation hat in dem Umfeld kaum eine Chance, .d.h. sie bleibt "elitär".

Der Fortschrittsglaube hat sich aufgelöst - aber noch keinen Ersatz gefunden. ... Ausser dem autoritären Glauben an die notwendige Härte von Restrukturierungen und dem Einsatz um jeden Preis (solange es um die Arbeit und nicht ums Kapital geht). Die hohe Arbeitslosigkeit machte es möglich, das nun äusserst bescheidene Motivationsvermögen des Glaubens an Fortschritt und Wohlstand durch ein uraltes, aber billigeres Motivationsmittel zu ersetzen: Die Angst - die Angst vor Arbeitsplatzverlust bei Arbeitnehmern, die Angst vor Reputationsverlust und damit Karriereabbruch bei Kadern. (Angst wurde übrigens mit Bush II. auch zum wichtigsten Mittel der Politik der USA.) Die soziale Absicherung der oberen Kader bröckelt seit den 90ern selbst ab. Erst von da an wird das Problem Arbeitslosigkeit halbwegs ernst genommen. Streiks liessen sich durch die Geissel der Angst zwar vermindern, aber der Kleinkrieg am Arbeitsplatz (mobbing)  nahm zu. Die Wirtschaft wurde zum Schlachtfeld. Wie bei jeder Schlacht muss den Heerführern natürlich reichlich Beute versprochen und geboten werden. Wie bei jeder Armee, besteht natürlich das Risiko, dass sie sich gegen die eigene Herrschaft wendet - und präzise hier hat der Kapitalismus zur Zeit einige Probleme:

  1. Seine Heerführer beanspruchen immer grössere Teile der Beute, des Mehrwertes, und beziehen dadurch oft exorbitante Gehälter.
  2. Da die Manager oft besser Ausgebildet sind als die Eigentümer und den grössten Teil deren Arbeit übernehmen, haben sie auch mehr Einblick, wie wer über den Tisch gezogen werden kann ... und versuchen ab und zu, das gleich auch mit den Eigentümern. Immer häufiger bricht der Vasall seine Treue gegenüber den Lehensherren. Ein extremer Fall war Reto Hartmann, der versuchte Valora zu verkaufen, nachdem er die eh katastrophalen Arbeitsbedingungen der Angestellten ans Limit getrieben - und dennoch in 6 Jahren 361 Millionen an Wert vernichtet hatte. Als gerissener Schläuling kam er gleich wieder in eine führende Position bei Feintool ...wo er sich gerade Hals über Kopf verabschiedet hat um etwas besseres zu übernehmen ... oder weil auch dort der Eigentümer keine Freude hatte an der Art und Weise, wie Hartman den Börsenwert der Firma steigern wollte, denn auch bei Feintool geht das Gerücht um, er habe versucht, zumindest Teile des Betriebes zu verkaufen.

Boltanski und Chiapello liefern eine wissenschaftliche Analyse des wirtschaftlichen Textmaterials der letzten 30 Jahre, basierend auf qualitativer und quantitativer Textanalyse. Dadurch stiessen sie insbesondere auf ein Merkmal der heutigen Wirtschaft, über das zwar viel palavert wird, das aber höchst selten seriös analysiert wird: DAS NETZWERK. Welchem Arbeitslosen oder Selbständigen oder Angestellten, ja sogar Emanze, wurde in den letzten 10 Jahren nicht Networking als DIE Lösung für jedes Problem nahe gelegt? Aber - sind Sie in den letzten 10 Jahre auch nur auf eine einzige Analyse, einen einzigen Zeitungsbericht gestossen, der erwähnt, dass Netzwerke auch Probleme schaffen? Boltanski macht darauf aufmerksam, dass Netzwerke nicht nur von der Wasserversorgung und Banken wirksam eingesetzt werden, sondern auch bei der Maffia und im Terrorismus.

 

2 Grundlagen des Kapitalismus

2.1 Allererste Grundlage des Kapitalismus ist der Utilitarismus mit seinem Axiom:

Alles was für den Einzelnen von Vorteil ist, nutzt auch der Gesellschaft.

 

Definition Kapitalismus:

Deswegen, und trotz 30 Jahren an Kritik (s. genuine progress indicator), reicht der Wirtschaft und Politik heute noch das BIP um den Zuwachs an Wohlstand zu bestimmen, der ungerechtfertigterweise mit dem Zuwachs des Allgemeinwohl gleichgesetzt wird.

Boltanski/Chiapello gliedern den Kapitalismus in 3 Phasen mit unterschiedlichen Geisteshaltungen:

Der 1. Geist des Kapitalismus: Durch Familienbetriebe geprägt, bei denen es noch nicht um Grösse ging. Die Eigentümer hatten noch direkten Kontakt mit den Angestellten. Die Schicksale waren noch verknüpft - und auch in räumlicher Hinsicht das say'sche Gesetz noch wirksam.

Der 2. Geist des Kapitalismus: Durch Direktoren, also angestellte Firmenleiter geprägt. Entspricht dem Konzernkapitalismus mit durchstrukturierten hierarchischen Bürokratien und umfangreichen Betriebsstrukturen mit immer besser qualifiziertem Personal. Hintergrund: Weg von Personenbezogener Selektion (Filz, Vetterliwirtschaft) > hin zur Leistungsgesellschaft, Meritokratie - die aber in der 3. Phase durch das Herrschaftsprinzip und Erblichkeit des Geld(ad)e(l)s ersetzt wird, also zurückführt in den Neoeudalismus:

Der 3. Geist des Kapitalismus: Agiert global mit aufs Minimum (Netzwerk) reduzierten eigenen Strukturen und Kapitaleinsatz, und mit Einsatz modernster Technologien. Kapitalismus der Welt-Markt-Herrschaft. (s. John Perkins, Wirtschaft zwischen Plan und Freiheit - mit dem Riskiko zum Chaos)

2.2 Axiome des Kapitalismus:

  1. Der Kapitalismus muss die für Produktion und den Fortgang der Geschäfte notwendigen Personen geistig an sich binden. Würde er nur mit Zwang arbeiten, müsste er sich selbst verleugnen (was ihn aber nicht daran hindert, versteckte Formen des Zwanges wo immer möglich einzusetzen: Beschäftigungsprogramme, für Arbeitslose obligatorische 1000 Fr. Arbeitstherapien etc.). Dies war insbesondere ein Problem zwischen 68 und 80, als viele Aussteiger die versprochene Freiheit wirklich beanspruchten und die Zwänge der Anstellung als Aussteiger vermieden.

    (Lebens-)Künstler haben schnellebige und ungewisse Berufswelt. Sie müssen ihr Risiko diversifizieren, sich ein Portfolio an Arbeiten anlegen wie Kleinfirma, befristete Beschäftigung, Teilzeitarbeit, etc. Die Karriere besteht nicht so sehr darin, einen offenen Posten zu ergattern, sondern sich in einer Vielzahl von oftmals heterogenen Projekten zu engagieren. Kontakte, Kompetenzen, Kenntnisse, Reputation - vermehren das Einstellungspotential [S. 358] Damit stützten sie aber gleichzeitig die Entwicklung auf der Gegenseite, die nun von allen Arbeitssuchenden die selben cleveren und flexible Strategien der Suche nach Gelegenheitsjobs verlangt. Die Entlohnung alleine entpuppt sich längst als ungeeignet um Einsatzbereitschaft zu wecken und den Arbeitseifer zu erhöhen. Der Monatslohn stelle bestenfalls ein Motiv dar, um an einem Arbeitsplatz zu bleiben, nicht aber, um sich dort zu engagieren. [S. 43]
     

  2. Der Geist des Kapitalismus bedarf zum Zweck der Mobilisierung einer moralischen Dimension. Es muss den Menschen möglich sein, sich auf Gerechtigkeitsprinzipien zu berufen um gegen die ihnen auferlegten Bedingungen Widerspruch einzulegen - und um einen Anspruch auf hinreichende Lebenssicherheit erheben zu können. Gerade weil der Akkumulationsprozess unstillbar ist, braucht er insbesondere für diejenigen, die selbst nicht von der Akkumulation (Kapitalanhäufung) profitieren können, eine glaubhafte Rechtfertigung.

Damit die Wirtschaft die besten Mitarbeiter für sich gewinnt und sie zu produktiven Führungskräften ausbildet, muss jeder einzelne Unternehmensleiter glaubhaft vermitteln, dass sein Unternehmen die Gesellschaft als Ganzes tatsächlich bereichert und dass das Geschäftsziel sich nicht allein in der Profitmaximierung erschöpft. [S. 99]

Der Kapitalismus braucht also Rechtfertigungssysteme - insbesondere für die leitenden Positionen. Die  Führungskräfte sind zugleich Angestellte und - vor allem gegenüber den anderen Mitarbeitern im Betrieb - Repräsentanten des Kapitalismus. Daher sind sie aufgrund ihrer Position besonders für ihre Untergebenen ein bevorzugtes Ziel einer Kritik, für die sie nicht selten selbst anfällig sind. Sie können sich nicht einfach nur mit den materiellen Vorteilen, die ihnen bewilligt werden, zufrieden geben. [S. 52]

Präzise aus dem Grund brauchen die Betriebe Heerscharen von Beratern und speziell Psychologen und andern Propheten - um ihre eigenen geistige Gesundheit zu wahren. Aber ACHTUNG! Propaganda, List, Irreführung drohen.

Der Geist des Kapitalismus steckt gegenwärtig in einer schweren Krise, von der eine wachsende Orientierungslosigkeit und gesellschaftliche Skepsis zeugen. Deswegen ist ein neues mobilisierungsstärkendes Ideologiesystem Voraussetzung für den Fortbestand des Akkumulationsprozesses, der sonst auf lange Sicht Gefahr läuft, sich auf eine Minimalargumentation zu verengen, die eine Unterwerfung unter die Wirtschaftsgesetze als notwendig propagiert. Ein Verfahren aus dem präzise die gegenwärtige Situation erwuchs, in der wir nur noch auf Sachzwänge re-agieren statt politisch und wirtschaftlich frei gestaltend tätig zu sein. (s. Auftrag)

  1. Für seinen Fortbestand muss der Kapitalismus Unersättlichkeit sowohl stimulieren wie auch bremsen. Durch Spannungs- und Emanzipationsreize fördern, durch moralische Normen bremsen, wo es um das Gemeinwohl geht. Wohlkann das Warenangebot als Quelle des Profits unbegrenzt erweitert werden - aber der Kaufwunsch muss dauernd stimuliert werden (sonst hätten PR und Werbung nicht eine derartige Bedeutung).
  2. Der Geist des Kapitalismus lässt sich nicht auf eine Ideologie verkürzen im Sinne einer Illusion, die keinerlei Einfluss auf die Welt hat.
  3. Der Kapitalismus neigt dazu, sich ständig zu verändern
  4. Das Hauptmoment bei der Ausbildung und Veränderung des kapitalistischen Geistes ist die Kritik
    1. Unter bestimmten Umständen kann die Kritik auch zu einem Veränderungsfaktor des Kapitalismus (und nicht nur seines Geistes) werden.
    2. Die Kritik bezieht ihre Kraft aus der Empörung

Interessant ist, dass hier keines der medial dauernd verbreiteten Buzzwords wie Wachstum, Innovation, lebenslanges Lernen etc. vorkommen. Ein wichtiger Punkt aber, der bei Boltanski/Chiapello nur angetönt, aber in seiner Reichweite offenbar nicht erkannt wurde, ist die gegenwärtige Funktion der Wissenschaft FÜR die Ökonomie als bedeutendstes Rechfertigungssystem. Wohl wurde die Wirtschaftsliteratur, insbesondere was das Management angeht, kritisch beleuchtet: Ihre Grundausrichtung ist nicht deskriptiv, sondern präskriptiv. Ähnlich wie Erbauungsschriften oder sittliche Lehrwerke nutzen sie das exemplum. [S. 92] Das grösste Problem, das unsere kapitalistische Marktwirtschaft verursacht, ist eigentlich, dass sie über massive Strukturen in Beton, Stahl und Asphalt gleich auch geistige Strukturen definiert. Die feinen Gewebe der Netzwerker des Geistes, der Philosophen und Künstler, verkommen da zur Dekoration.

Es geht in den Wirtschaftswissenschaften nicht darum, einen Ist-Zustand zu bestimmen (dafür hat man die Marktanalyse ...), sondern einen Soll-Zustand. Wissenschaft wäre aber erst die Beschreibung von Zuständen und Abläufen, dann die Bestimmung kausaler Abhängigkeiten. Wirtschaftswissenschaft dagegen befasst sich mit der dauernden Mobilisierung des Personals und der Führungskräfte, wozu eben auch lebenslanges Lernen, Innovation und der ganze Kokolores äusserst geeignet sind. Die Grundfrage aber: Wie lässt sich der Arbeit im Unternehmen Sinn geben? Ist eine der zentralen Fragen. Diese Frage ist aber eine philosophische oder religiöse Frage.

Den Wirtschaftswissenschaften ist also unbedingt ihre propagandistische Basis als Wissenschaft zu entziehen,

da sie nicht fragen "was ist" -

sondern sagen "du musst".

 

3. Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung der Netzwerkphase

Boltanski/Chiapello sind da kritischer gegenüber den Oligopolen, da diese natürlich auch als Netzwerk arbeiten können - und dies zunehmend auch tun: Die grössten Einheiten bekämpfen sich weltweit und dehnen ihre Niederlassungen und Partnerschaftsnetze grenzüberschreitend aus. - Eine Marktwirtschaft im Sinne der Verfechter des Liberalismus , die diese als den Inbegriff des effizienten Leistungsgefüges darstellen, würde demgegenüber eine Vielzahl von unabhängigen Unternehmen mittlerer Grösse voraussetzen. Eigentlich stellt sich hier aber eine ganz neuartige Frage: Wie betreiben Netzwerke Wettbewerb gegeneinander, obwohl sie meist - darum werden sie von Boltanski/Chiapello als Oligopol bezeichnet - mit andern Netzwerken verflochten sind?

Wenn sie ein Netzwerk zur Organisation des Vertriebs aufgebaut haben, können die grössten transnationalen Konzerne ... sich von Betriebsanlagen und technischen Ausrüstungen, von Mitarbeitern und Spezialisten befreien. Um die Inhalte für ihre Vertriebsnetze zu produzieren, knüpfen sie strategische Beziehungen mit Anbietern aller erforderlichen Leistungen. In einer Welt wachsender Konkurrenz, immer differenzierterer Produkte und Dienstleistungen sowie immer kürzerer Produktionszyklen halten sich Konzerne an der Spitze, indem sie Finanzen und Vertriebskanäle kontrollieren und gleichzeitig den kleineren Einheiten die Last des Eigentums und des Managements materieller Vermögenswerte aufbürden.

3.1 Die Änderung des Konzepts "Arbeit"

Die Lohnarbeit wurde im 18. Jahrhundert von den Eliten aufgrund des soziopolitischen Nutzens aufgewertet, den sie sich davon versprachen. ... Angesichts der Unzulänglichkeiten religiöser Moralvorstellungen zur Zügelung der menschlichen Leidenschaften, dem Unvermögen der Menschen, sich von der Vernunft leiten zu lassen, und der Schwierigkeit, die Leidenschaft auf dem Wege reiner Repression in den Griff zu bekommen, blieb nur die Lösung, eine Leidenschaft zu nutzen, um den andern Schranken zu setzen. [S. 45]

 

3.1.1 Scheinselbständigkeit /Outsourcing

http://www.thur.de/philo/som/somcoe.htm

Ab den 90ern war das wirtschaftliche Credo:

Alles was nicht zu den eigentlichen Kerngeschäftsfeldern gehört, wird an Zulieferbetriebe übertragen. Das System des Franchising wurde zu dem idealen System zur Anbindung und Unterwerfung der Kleinbetriebe, welche die Infrastrukturkosten nun übernehmen - also eigenes Kapital sparen.

Wolman/Colamosca kritisierten diese Art neuer "Selbständigkeit" ebenfalls bereits früh (Der Verrat an der Arbeit. Scherz 1998):

Es hätte jemand diese Leute rechtzeitig warnen sollen, bevor sie sich in die Selbständigkeit begaben. ... Jeder seit Ende des kalten Krieges aufgetretene Trend hat die Macht der riesigen multinationalen Konzerne vergrössert, insbesondere der amerikanischen. ... Während Alvin und Heidi Toffler viel Geld damit verdienen, von der "Dritten Welle" zu berichten, in der die Massenfertigung und der Massenkonsum durch "massgeschneiderte Produktion, Mikromärkte und unzählige Kommunikationswege" ersetzt würden, versäumen sie es, ihrem Publikum mitzuteilen, dass dieses im Uebergang befindliche Produktionssystem weiterhin von den grossen Multinationalen dominiert wird. Die Tofflers haben die technologischen Trends richtig erkannt, durch die vormals im wesentlichen hierarchisch strukturierte Organisationen in zunehmend dezentralisierte Netzwerke verwandelt werden. [S. 175-76]

Wenn die kleinen und mittelständischen Betriebe überleben, werden sie Bestandteil eines zunehmend komplexeren "Geflechts" sein, eines verwobenen Netzes von Unternehmern und Subunternehmern, das um die grossen transnationalen Konzerne erbaut ist und von diesen abhängt. Dieses Geflecht ist weit davon entfernt, unabhängig zu sein.

Lokal leicht und gut zu beobachten lässt sich das System in der Schweiz längst, z.B.  anhand der Forstingenieurbüros, die fast zu 100% von Aufträgen des Staates, der Kantone und Gemeinden abhängen. Präzise das Selbe gilt für die beliebten Oeko- und andere Planungsbüros, die immer weniger als in der grossen Zeit der Umwelt, 68 bis 80, den Druck der öffentlichen Meinung nutzen können. Ähnlich wie im Falle der Architekten (s. cave architectem) finden sich darum recht viele Eigentümer solcher Büros in politischen Ämtern. Einerseits. Anderseits ist es aber auch hier nicht weit her mit der Freiheit dieser freien Berufe, genau wie bei den Journalisten: Entweder sie erweisen sich als gefügig gegenüber den Auftraggebern - oder sie erhalten eben keine Aufträge.

Diese Autonomie der "Selbstständigkeit" und "Selbstverantwortung" tritt an Stelle der Sicherheit. Diese Autonomie hat aber wenig mit Freiheit zu tun, sie ist erzwungen. Die neuen "Selbständigen" hängen weiterhin von ihrer Firma ab. Das Arbeitsrecht wurde bloss durch das Handelsrecht ersetzt, was die Abhängigkeit nur formell verschleiert. Leerzeiten gehen nun zu Lasten des Auftragnehmers, Schwankungen der Produktion und damit der Kosten auch.

 

3.1.2 Vom Kader zum Manager

Bei Mercedes werden 5 Kannibalen als Programmierer angestellt. Bei der Begrüßung der Kannibalen sagt der Firmenchef: "Ihr könnt jetzt hier arbeiten, verdient gutes Geld und könnt zum Essen in unsere Kantine gehen. Also lasst die anderen Mitarbeiter in Ruhe." Die Kannibalen geloben keine Kollegen zu belästigen. Nach vier Wochen kommt der Firmenchef wieder und sagt: "Ihr arbeitet sehr gut. Allerdings fehlt uns eine Putzfrau, wisst Ihr was aus der geworden ist?" Die Kannibalen antworten alle mit nein und schwören mit der Sache nichts zu tun haben. Als der Firmenchef wieder weg ist, fragt der Boss der Kannibalen: "Wer von Euch hat die Putzfrau gefressen?" Meldet sich hinten der letzte ganz kleinlaut: "Ich war es" Sagt der Kannibalen-Boss: "Du Vollidiot, wir ernähren uns seit vier Wochen von Teamleitern, Abteilungsleitern und Projekt-Managern damit keiner etwas merkt. Und du Depp musst die Putzfrau fressen!"

Die Führungskraft (le cadre fr.) wird auch in Frankreich durch den Manager ersetzt. Im Unterschied zu den Ingenieurberufen die zuvor mit technischem Wissen dominierten, ist es nun die Kompetenz als Teamleiter, Katalysator, Coach, Vordenker, Impulsgeber - also "social engineer" die den Manager zur Führungskraft macht.

Das macht grad auf ein weiteres Problemchen aufmerksam: Arbeitnehmer sind immer der Manipulation unterworfen. Management bedeutet im eigentlichen Sinn des Wortes ja manipulieren, an der Hand (immerhin, nicht an der Nase) herumführen. Die Emanzipation wäre dann eben die Befreiung von dieser führenden Hand

Statt durch hierarchische Macht muss er sich nun durch Charisma und Kompetenz Achtung verschaffen. Manager handeln nun intuitiv, sind humanistisch, visionär und generalistisch, kreativ. Statt bloss Maschinen und Menschen werden nun Markt und Konkurrenz kontrolliert über Marketing, Einkaufsmanagement und Public Relations über Presse und politische Behörden. Die Neomanager führen heterogene komplexe Projekte durch mit vielfältigen Akteuren unterschiedlichster Positionen (Politiker, Unternehmer, Planer ...), mit denen sie sich verständigen können müssen, die sie für ihre Anliegen gewinnen müssen. Die Kontrolle der Arbeiter wird zur Selbstkontrolle derselben - womit eine frühe Forderung der Arbeitnehmer erfüllt wurde, allerdings eben so zynisch wie die berühmte "Selbstverantwortung", die ihnen die Verantwortung für Entwicklungen ausserhalb ihres Einflussbereiches übertrug - ohne ihnen die Mittel zu geben, die Folgen zu bewältigen. Zugleich wurden und werden ebenso dem Staat die Mittel entzogen, diese Folgen zu bewältigen.

Das System Leitende Angestellte wurde zwischen 1930 und 1950 institutionalisiert, da es sich als stabilisierender Faktor und zur Motivation der Arbeitnehmer als nützlich erwies. Bereits mit der Generation der Babyboomer kamen allerdings Probleme auf:

  1. Aufgrund der generellen Erhöhung der Löhne wie der Anforderungen und der Ausbildung verschwinden die Unterschiede.
  2. Zudem sind die Zahlen der Arbeiter rückläufig (s. die Forstwirtschaft als extremer Fall, wo ein Förster gerade noch 1 oder 2 Mitarbeiter betreut, es also bald mehr Häuptlinge als Indianer gibt)
  3. die Studentenzahlen steigen. Es kann nicht allen eine leitende Anstellung gewährt werden.
  4. [Kader ist ein in Frankreich üblicher Ausdruck der die Internationalisierung beeinträchtigt. Neufranzösisch und Deutsch: Manager]

Weitere Nachteile der Kader:

  1. Die leitenden Angestellten üben kaum mehr Kontrollfunktionen über das Personal aus (delegiert an Arbeitsgruppen und Personaldienst).
  2. Hierarchie wird nach 68 meist eher abgelehnt - ausser man sei natürlich oben.
  3. Trennung von konzeptueller und tätiger Arbeit, die sich in den meisten Betrieben nicht ohne Störungen in der Form durchführen lässt
  4. Diplome erhalten zu hohe Bedeutung und werden zum Faktor des Ausschlusses
  5. Die früher als Basis dieser Schicht dienenden "speziellen" Arbeiten gibt es nicht mehr, sie wurden in die Belegschaft integriert. [S. 352-53]

 

3.1.3 Umlagerung der Kosten auf Arbeitnehmer und Staat

Betriebswirtschaftliche Gewinne sind in den letzten Jahren immer weniger auf Innovationen, immer mehr auf Auslagerung der Kosten und Vergrösserung des Marktanteils durch Zukäufe (s. mergers & acquisitions) zurückzuführen. Ausgelagert wurden insbesondere Arbeitskräfte, für deren Existenz dann immer häufiger der Staat die Kosten zu tragen hat. Die Lohnkosten werden also meist nicht "eingespart", sondern auf den Staat umgelagert, sei es  durch gestrichene Stellen, Frühverrentung, Arbeitsplatzbeihilfen wie die 1-Euro-oder-Franken-Jobs und dergleichen.

Produktivität ist (geleistete) Arbeit pro Zeiteinheit - nicht Leistung pro Zeiteinheit, da Leistung bereits auf Zeit bezogen ist, also eigentlich der Produktivität entspricht. Der Ausdruck "geleistete Arbeit" macht auch gleich deutlich, dass man Leistung (ein Wort, dass sich interessanterweise vom selben Wortstamm ableitet wie List)  nicht überbewerten soll, denn es ist bloss Arbeit, die entlang einer "Führungsleiste", also nach mehr oder minder präzisen Vorgaben, im Auftrag, nach Vorlage und Muster, durchgeführt wurde.

Der entscheidende Faktor der Arbeit zu Leistung oder Produktivität macht ist also die Zeit, deshalb: Zeit ist Geld. Rationalisierung kann also primär auf zwei Arten erfolgen:

  1. Entweder man erhöht die geleistete Arbeit pro Zeiteinheit (meist durch Mechanisierung - aber auch durch bessere Qualifikation, also Ausbildung)- oder:
  2. Man kürzt die bezahlte Zeit, bezahlt nur noch die wirklich produktive Zeit (was allerdings definitiv nach einem 6-Stunden-Tag rufen würde! Fragen Sie irgend eine(n) Selbständige(n) von dem oder der sie eine ehrliche Antwort erwarten dürfen. Kaum jemand arbeitet mehr als 6 Stunden pro Tag wirklich produktiv.)

Was nicht unmittelbar produktiv ist, wird von der Arbeitszeit abgesondert und auf den Angestellten (Erholung (Pausen, Ferien), Bildung) oder den Staat übertragen. (Arbeitslosigkeit, Reintegration, Berufsunfähigkeit)

Entgegen oft und immer wieder gerne von Arbeitgebervertretern vorgetragenen Klagen, haben die Qualifikationen generell zugenommen - und werden genutzt, ohne dass der Aufwand entgolten wird, also ohne eine entsprechende Bildungsrendite zu schaffen: Hilfskräfte die Qualitätskontrollen vornehmen, Maschinen reparieren, einstellen und warten, die Produktion verwalten (Statistik), sich als Arbeitsgruppe selbst verwalten etc. So werden auch ab und zu (wenn auch ungerne, da der Chef riskiert, dumm dazustehen) Überqualifizierte angestellt - zum Lohn von Hilfskräften. Die besser gebildeten Arbeitskräfte erzielen also höheren Wertzuwachs bei gleichem Lohn und schrumpfender Zeit die ihnen zur eigenen Verfügung bleibt.

Während steigende Produktivitätsraten im Fordismus es noch erlaubten, die Erträge stabil zu halten, stiegen in den 60ern die Löhne schneller als die Produktivität, was zu Inflation führte. Die teuren Maschinen mussten also voll ausgelastet werden. Arbeitnehmer wurden in eigenständigen Arbeitsgruppen organisiert, die für die Produktion in ihrer Gesamtheit verantwortlich waren. Damit stieg auch das nötige Qualifikationsniveau für Neueinsteiger stark an - und Mitarbeiter die "nicht anpassungsfähig" waren wurden ausgeschieden. Der zyklische Druck der Nachfrage wurde so direkt in die Werkhalle - und damit auf die Arbeitnehmer - verlagert. Diese wurden zwar von persönlichen Herrschaftsstrukturen befreit - hatten sich nun aber dem Druck des Marktes nicht nur freiwillig, sondern mit Begeisterung zu fügen. Das autonome, sich selbst organisierende Subsystem, braucht nur noch die richtigen Informationen aus dem Netz - dem es so aber auf Leben und Tod verbunden ist. So unabhängig wie eine Leber vom Körper.

Diese Verkürzung der bezahlten Arbeitszeit läuft natürlich unter einem ganz anderen Titel, nämlich unter dem Schlagwort FLEXIBILITAET. Es wird peinlichst vermieden, hier den Eindruck aufkommen zu lassen, dass vom Arbeitnehmer eine Leistung verlangt wird, für die eigentlich zu bezahlen wäre. Stattdessen wird die Forderung listig umgekehrt, in eine Anforderung, der der Arbeitnehmer, insbesondere der Möchte-Gern-Arbeitnehmer, voll nachzukommen hat. Wie viel wurde in den letzten 5 Jahren des vergangenen Millenniums geklagt über die mangelnde Flexibilität der Schweizer Arbeitnehmer ... obwohl ihnen zugemutet wird, bis zu 4 Stunden pro Tag auf dem Arbeitsweg zuzubringen, obwohl kaum ein Land einen so tiefen Anteil an "mobilitätsbehinderten" Eigenheimbesitzern aufweist wie die Schweiz:

Besitz belastet, da er die Flexibilität behindert. Hausbesitzer sind wenig flexibel als Arbeitnehmer. Firmen lassen sich nicht einfach umstellen - und werden deshalb nicht mehr "besessen" durch einen Eigentümer, sondern nur noch "verwaltet" über Aktien und Verwaltungsräte. (Dass sie so eigentlich zu reinen Bürokratien wurden, scheint niemanden zu stören ... Offenbar gibt es privatwirtschaftliche effiziente Bürokratie und staatliche ineffiziente Bürokratie).  Mit diesen Strukturen ist das Kapital oft schneller weg im Krisenfall, als es die Mitarbeiter merken.

Mobilitätsdifferenzen: Finanzmärkte agieren viel schneller als Unternehmer, multinationale Konzerne schneller als die Standortsländer, grosse Unternehmen schneller als kleine, weltweit gefragte Experten schneller als Unternehmen, Unternehmen schneller als die geringfügig Beschäftigten (die also definitiv nicht dafür verantwortlich gemacht werden können, dass sie nicht "innovativ" sind) und, last not least: Verbraucher schneller als Unternehmer.  Das Potential des letzten Vergleichst scheint Boltanski/Chiapello entgangen zu sein. Wenn "dem/r KonsumentIn" begreiflich gemacht werden könnte, dass er die Wirtschaft effektiv in der Hand hat und die Betriebe führen kann - würde die Wirtschaft vermutlich ganz anders aussehen. (s. das Potential sozialer und ökologischer Label).

 

3.1.3.1 Lebenslanges Lernen, der permanente Weiterbildungszwang

Während einerseits die Rationalisierung in den Betrieben für immer weniger Stellen sorgte, wurde auf der andern Seite die Ausbildung immer besser, also breiter, tiefer - und den Marktanforderungen angepasster. Die Zahl der qualifizierten Arbeitsplätze hat aber z.B. weitaus weniger zugenommen als die Zahl der Hochschulabsolventen, die sich immer häufiger mit Stellen zufrieden geben müssen, an denen sie einen winzigen Bruchteil ihres Wissens einsetzen können. Die "Alten" (womit heute so ca. 40-jährige gemeint sind, ab 50 ist man ja offenbar schon ein Fossil ...), denen sie später einen weitaus höheren Anteil ihres Lohnes für die Rente abliefern sollen, sitzen auf den guten Posten und verdienen das Geld, während sie durch Praktika zu noch mehr Bildung angehalten werden . Die Kluft zwischen Anspruch auf gehobenes Niveau der Stelle, der sich aus dem Niveau der Ausbildung ergibt, und den angebotenen Stellen, öffnet sich seit 25 Jahren immer weiter und führt zu Frustration bei den Neuausgebildeten, die ihr Wissen nicht einsetzen können. (s. generation p) Dennoch bleiben Ruf nach immer mehr Ausbildung und der Trend, dieser Forderung zu glauben, erhalten, denn die Arbeiterschaft spaltet sich auf in qualifizierte, gut bezahlte, organisierte - und gering bezahlte, unterqualifizierte mit schwacher sozialer Absicherung, eine Arbeiterreserve, die zu ständiger Unsicherheit bei schlechter Bezahlung und haarsträubender Arbeitsplatzflexibilität verdammt sind und auch kaum Gelegenheit erhält, sich selbst durch Weiterbildung (CH / D) aus der Situation zu befreien: Wie sollte es ihnen Gelegenheit geben, sich weiterzubilden, da sie doch seltener Anspruch auf Fortbildungsprogramme haben als andere Angestellte, da sie seltener an Maschinen mit den neusten Technologien arbeiten und da die Berufe, die sie ausüben, der Kompetenzerweiterung nicht gerade zuträglich sind? ... Und wie sollten sie überhaupt langfristige Projekte in einer Gesellschaft schmieden, in der sie nur die unmittelbare Zukunft vor Augen haben (Sennet 1998) [S. 279] Sie bleiben also, wie Langzeitarbeitslose und wiederholt Arbeitslose, im selben Zyklus der ewigen Wiederkehr gefangen.

Hilft Bildung gegen Arbeitslosigkeit? Nein - denn sie verschiebt sie auf die Schwächeren ... und erklärt diese zu Unwerten (Invaliden)

Der permanente Dialog über lebenslängliches Lernen, die Vorteile und Notwendigkeit besserer Bildung zur Förderung der employability, des Einstellungspotentials, des Kompetenzportfolios, lässt die Ausgrenzung der "Nicht-Beschäftigungswürdigen" aussen vor: Zunehmend scheinen nur noch Arbeitnehmer Anspruch auf den günstigsten Arbeitsstatus (unbefristetes Anstellungsverhältnis in einem Grossunternehmen) zu haben, die eine relativ seltene Qualifikation mitbringen bzw. mit einem besonderen Verantwortungsbereich betraut worden sind. [S. 277]

Dazu kommt ein weiteres Problem - für diejenigen, die sich ausbilden wollen, sollen, müssen. Während früher (zur Zeit unserer Väter, also vor 1980) mal klar war, dass eine gute Ausbildung zu einem gut bezahlten Job führt, ist dem immer weniger so. Sicher, Sie kommen ohne gute Ausbildung nicht an einen guten Job ran - aber das ist nur die Hälfte der Angelegenheit. Die andere ist die, dass eben immer mehr trotz bester Ausbildung NICHT an eine gute Stelle kommen. Und die Statistiken dazu sind inexistent oder lausig. Welche Schule lässt sich schon darauf ein, statistisch zu belegen, dass die Hälfte oder mehr der Absolventen gar nie auf dem Beruf Fuss fassen konnten, für den sie die teure und zeitaufwändige Ausbildung absolviert haben?

Humankapital setzt einen langjährigen Produktionsprozess voraus.
Die Kosten dafür werden dem Arbeitnehmer und dem Staat überlassen.
Je tiefer das Einkommen, desto geringer also die Möglichkeit, sein Wissen zu erweitern, sein Humankapital zu pflegen.

Lohn alleine auf Grund von produktiver Zeit, ohne den Einbezug von Bildungs- und Reproduktionskosten (Erholung) mit einzubeziehen, ist also nicht gerecht. (s. Bildungsrendite)

 

4. Kritik

Boltanski/Chiapello legen grossen Wert auf die Funktion der Kritik bei der Entwicklung des Kapitalismus. Dieser kam immer wieder unter Beschuss weil er:

  1. die Welt entzaubert durch seine Rationalisierung und Bürokratisierung (s. Max Weber),
  2. künstliches produziert, ihm also die Authentizität fehlt
  3. weil er Entfremdung verursacht. [Entfremdete: Gefangene, dritte Welt, Behinderte, Aussenseiter, Opfer, Untermensch, Machtlose, Sündenböcke, Unperson; subjektlos, existenzlos, elendig, obdachlos, arbeitslos, ausgeschlossen, ausgebeutet, proletarisch; Diener, Junge, Sklave, neue Arme. Langzeitarbeitslose, Männer und Frauen mit Handicaps wie Kind aus sozial schwacher Familie, alleinerziehende Mutter, Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung, Schwerintegrierbare ...Wer keine Ketten mehr hat, die ihn ins Geflecht der Gesellschaft einbinden, ist für die Welt nutzlos.]
  4. eine Quelle der Unterdrückung ist, was 68er wie 80er als Schwerpunkt aufnahmen
  5. Eine Quelle der Ungleichheit, also der Armut in der Arbeiterschaft ist
  6. Eine Quelle des Opportunismus und Egoismus ist, also die Bedingungen die er braucht erst eigentlich selbst schafft.

 

4.1 Die Schwäche der Kritik

  1. Das grösste Problem der Kritik des Kapitalismus ist, dass glaubhafte alternative Modelle fehlen. Gerade heute sind solche nicht mal mehr als Utopie in der Luft (s. Moderne Ökonomie: Umgang mit Knappheit oder mit Überschuss, Überfluss und Überdruss?].

  2. Aus wissenschaftlicher und philosophischer Sicht fehlen bereits alternative Analyseelemente und solide Gegenargumente.

  3. Wissen fehlt, denn die Betriebe lassen sich ihr Rechnungswesen und die Statistik einiges Geld kosten und verfügen über klare Zahlen - die Gewerkschaften und andere Kritiker nicht. Zudem ist die Buchhaltung zu einer Kunst des Verschweigens und Verwandelns geworden, die nur noch Experten verstehen können.

Der Kapitalismus konnte und kann von der Schwäche der Kritik profitieren. Diese war und ist der Realität meist um mindestens 20 bis 30 Jahre hintendrein, bei einigen Wirtschaftssekten bis zu 150 (Liberalismus) oder 250 Jahren (Physiokratie). Nach dem Ende des Kalten Krieges Mitte der 80er stund der Kapitalismus alleine da, ohne Konkurrenz, ohne (glaubhafte) Alternativen. Die Kritik verlagerte sich auf eine karitative, humanitäre Position - die sich auf Direkthilfe beschränkte und das problemverursachende System System sein liess - oder es gar verbal und tätig unterstützte. (s. extreme Fälle: SP Schweiz, EZ)

Forderung nach Autonomie/Selbstkontrolle wurde erfüllt, in die Beitriebe integriert - so dass die Forderung gleich zu Einsparungen führte, der Einsparung der mittleren Kader. Die Forderung nach Kreativität (Phantasie, Erfindungsgabe) von Ausgebildeten mit hohem Ausbildungsabschluss (Ingenieure, Führungskräfte) wurde ebenfalls gefördert, als erkannt wurde, dass Innovation, neue Technologien, zu entscheidenden Faktoren werden. (Wobei sich die Kreativität allerdings immer auf Verkaufbares beschränkt).

Geschwächt wurde die Kritik auch durch die Schwächung der Gewerkschaften. Diese haben nicht nur an Bedeutung verloren, sondern fokussierten ihre Anstrengungen immer mehr auf die Verlierer, die dringend Hilfe nötig haben, also Arbeitslose, Ausgesteuerte, working poor. Das Hauptaugenmerk der Gewerkschaft lag auf Arbeitsverträgen, also auf Besitzstandwahrung. Fast, nicht ganz, so extrem wie die SP kriegten sie nicht mit, was vor sich ging. Sie hatten und haben kein Mittel gegen die neue Form der Ausnutzung, den Ausschluss, sondern behüten diejenigen, die schon oder noch drin sind im System, für die sie dann "Soziallösungen" fordern, wenn auch ihnen der Ausschluss droht.

Die neuen Formen der Ungerechtigkeit und Ausbeutung sind schwer zu identifizieren, vor allem da sie durch einige neue "Freiheiten" der projektbasierten Polis verschleiert werden. War Ausbeutung bei Marx und seinen Nachfolgern vor allem Ausbeutung durch die Arbeit, so ist die heutige Form der Ausbeutung a) weniger Personenbezogen, b) nicht auf Arbeit beschränkt und c) stark rationalisiert. Sie nennt sich nun Ausschluss oder Ausgrenzung. (s.  Wettbewerb)

Bei der Umverteilung des Wertzuwachses (Mehrwert) geht es darum, die illegitimen Mittel, mit denen die Profite der Unternehmer stillschweigend vergrössert werden, d.h. die Ausbeutung der Arbeitnehmer aufzudecken. So lassen sich die Rechtfertigungen der Arbeitgeber zurückweisen, die auf der Grundlage von Zahlenbilanzen beweisen wollen, dass diesen oder jenen Forderungen unmöglich entsprochen werden könne, ohne das Unternehmen zu gefährden. [S. 528]

 

5. Netzwerkforschung ist primär Lochforschung: Troglographie und Troglologie

 

Wenig Menschen wissen,
wieviel man wissen muss,
um zu wissen,
wie wenig man weiss.

Lebensweisheit

Netzwerke werden in der Wirtschaft und Politik und auch sonst, meist gegründet zum Zweck der Kooperation, oft sogar dort, wo Konkurrenz herrscht. Die Einrichtung von Netzwerken wurde durch die Vernetzbarkeit von Computern und das Internet enorm gefördert:

Im letzten Jahrzehnt durchgeführte Studien haben ergeben, dass Unternehmenskooperationen aufgrund ihrer Beschaffenheit erfolgreicher und dauerhafter sind als Venture Capital und Mergers&Acquisitions (u. a. [Gahl 1991, 164 und Pekar/Allio 1994, 54]). Sie sind somit eine ernsthafte Strategie-Alternative, um angestrebte Wettbewerbsvorteile zu realisieren [Bleicher 1992b, Endress 1991, 26 f.; Fuchs 1999, 19; Jarillo 1988, 31 und Müller-Stewens 1993, SP. 4067]. Insbesondere wird die Wettbewerbsfähigkeit von mittelständischen Unternehmen durch Kooperationen deutlich gesteigert, die dadurch auf den wachsenden Weltmärkten verstärkt auch gegenüber der übermächtigen Konkurrenz der Grossunternehmen agieren können [Endress 1991, 72 und Evers 1998, 61]. (Aus: Susanne Haupt: Digitale Wertschöpfungsnetzwerke und kooperative Strategien in der deutschen Lackindustrie. DISSERTATION der Universität St. Gallen, Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften (HSG))

Ein ausgezeichnetes Beispiel für die Entwicklung eines Netzwerks und der es erst eigentlich ermöglichenden Software bietet das Netzwerk Holz, das über Einrichtung von so genannten Koordinationsstellen die Vermarktung des preislich seit Lothar enorm angeschlagenen Produktes Holz zu verbessern sucht (Problemlage s. Waldprogramm [WAP], Beiträge). Das Integriertes Forstliches Informations-System [IFIS], gemeinsam entwickelt von Forstpraxis, Forschung und Wirtschaft, ist eigentlich nicht als "bösartiges Herrschaftsinstrument zur Ausnutzung von Macht und zur Elimination von Arbeitskräften" gedacht, sondern als Instrument, das Überleben der Schweizer Forstwirtschaft zu sichern .... Nichtsdestoweniger hat es natürlich den selben Effekt, wie jede "arbeitssparende" Innovation, wie jedes geschlossene, an Effizienz und Eigennutz orientierte Netzwerk.

 

Die Stadt ist die Wiederholung der Höhle mit anderen Mitteln.

Hans Blumbenberg, Höhlenausgänge.

Netzwerke werden meist, fälschlicherweise, als "ganzheitlicher Ansatz" beschrieben. Der grösste Teil jeden Netzwerks wird jedoch gebildet durch ... Löcher. Netzwerke sind nicht flächendeckend, sondern, per Definitionem, löcherig, noch löchriger als ein Emmentaler. Ronald Burt, einer der ersten Netzwerkforscher, bezeichnete kontaktfreie Räume als Strukturlöcher (structural holes) - im Gegensatz zu den Kontaktanhäufungen an den Knotenpunkten des Netzes. Netzwerke weisen aber nicht bloss Löcher auf die sich aus Sparsamkeit oder (beim Käse aus geschmacklichen Gründen) empfehlen, sondern oft auch strukturelle Löcher dort, wo Strukturen nötig wären. Gerade weil die Strukturänderungen selten neues schaffen wie etwa die Kulturindustrie, sondern meist als Strukturanpassung an maximal mögliche Profite durchgeführt wird, fallen eine Menge Strukturen durch dieses grobe Raster, die nicht eigentlich nicht entbehrlich sind. (s. Mit dem Bauern-Opfer verschwindet die Urform einer selbständigen, eigenständigen, eigenverantwortlichen Produktions- und Lebensstils).

Präzise dies wäre die Aufgabe der "unsichtbaren Hand", Strukturlöcher zu vermeiden, wo sie zu Instabilität führen, wo Wege statt Löcher nötig sind, wo "gut gemeinte" Lösungen bösartige Folgen zeitigen - was bei komplexen Systemen meist unvorhersehbar ist. Wie der bisherige Verlauf der Geschichte zeigt, können Sie genau so gut an den Weihnachtsmann, den Osterhasen ... oder den lieben Gott glauben - die Probleme müssen wir aber dennoch selbst lösen. (s. Funktionspolitik)

 

Netzwerktopologie:

Die grössten Löcher entstehen natürlich nicht innerhalb der Netzwerke, sondern dort, wo keine Netzwerke sind. Wie stark das Netz die Mitglieder verbinden soll, ist eine Frage der Beteiligung, also der Demokratie - und damit des Aufwandes. Wo alle mit allen kommunizieren, kommt es kaum, oder wenn, sehr langsam zu Entscheidungen. Je weniger Knotenpunkte mit Entscheidungsfunktion das Netz hat, um so schneller, effizienter, billiger geht es. Deshalb ist die Diktatur eigentlich das Ideal für die leistungsorientierte Marktwirtschaft. Das diese allerdings dauern nach Freiheit schreit, muss sie sich meist auf die relative Diktatur von Hierarchie und Autorität beschränken.

 


Schmidt, Artur P.: Überleben im digitalen Zeitalter Graz: Nausner & Nausner, Texte zur Wirtschaft, 2002

Das Lob der Netzwerke und ihrer Gestalter:

http://www.unisg.ch/www/edis.nsf/wwwDisplayIdentifier/2810/$FILE/dis2810.pdf

Aufgrund der Autonomie, individueller Selbstverschaffungs- und Selbstverwirklichungspotentials fühlt sich der Mensch in Netzwerken zu Hause. So werden Netzwerke seit ca. 10 Jahren immer und überall empfohlen: den Arbeitslosen, den Alternativen, den Verkäufern, den Einkäufern, den Politikern, den Emanzen, den Männern. Die Welt müsste also überzogen sein von Netzwerken. Dummerweise (na ja, wär doch etwas störend ...) sind diese Netze aber nicht an einem Spinnengewebe erkennbar, sondern unsichtbar. Man weiss also nicht, ob und wo sie existieren, man weiss nicht, wie gross und wo die Löcher sind, man weiss nur selten, ob und wie sie funktionieren und welche Wirkung sie erzielen. Am besten studiert worden sein dürften Netzwerke von Unternehmen, denn da geht's um Geld. Hier findet sich also die reichhaltigste Literatur zu dem Thema. Da Betriebe aber davon leben, einen Wissensvorsprung zu haben, können Sie sich zu 100% darauf verlassen, dass auch die beste Information aus dem Bereich nur unvollständig oder gleich getürkt ist. Sie sehen anhand der Graphik rechts/oben, dass die Kooperation im Wissensbereich den konkurrierenden Netzwerken am leichtesten fällt. Das Wissen, dass hier der Kooperation untersteht, kann also nicht ein entscheidender Faktor im Wettbewerb sein. Lizenzen und Franchising sind "besessenes", handelbares Wissen (s. Patente). Interessant ist die strategische Allianz. Hier müssen treibende Faktoren der Betriebe bekannt gegeben werden, eben die übergeordneten strategischen Interessen. Dass die Koordination derselben zwischen unterschiedlichen Branchen nicht einfach ist, zeigen zur Zeit grad die Probleme von economiesuisse.

Polis Führung/Elite:
  1. Erleuchtete Polis
  2. Familie
  3. Reputation
  4. Bürgertum
  5. Markt
  6. Industrie
  7. Netzwerk:
Künstler, Heilige, Erfinder - der Philosoph als König
Patriarchat (oder, wenn auch seltener, Matriarchat): persönliche Abhängigkeiten
Charisma/Popularität - ist Abhängigkeit von Meinung Dritter!
von Mehrheit abhängig (s. Populismus)
die Bewährung als Anbieter im Wettbewerb, als Kaufmann
Effizienz, professionelle Kompetenz, als Manager
Vernetzer
 

Netzwerke haben zwar keinen Kopf, den man abschlagen könnte wie bei der Maffia oder dem Terrorismus ab und zu erwünscht wäre, aber sie haben, meist mehrere, Kerne. Diese werden von so genannten Vernetzern besetzt, die besonders geeignet sind als Verhandlungsführer, Diplomat, Grenzgänger, strategic broker, networker, Übersetzer, Vermittler, Mittlungsinstanz, Netzmensch, Kontaktmensch, Brückenschlager, Mittelsmann, Kommunikator, Schaltzentrale, Botschafter, Lobbyist, exklusive Kontaktperson, Wächter, Hüter. Ein Vernetzer muss sich in verschiedenen Gedankenwelten zu Hause fühlen, sich nicht nur autonom im geographischen Raum bewegen, sondern auch mit unterschiedlichen Personen zu verkehren wissen und sich in verschiedenen Gedankenwelten zu Hause fühlen können.

Probleme der Netzwerke:

Ein Netz von betriebswirtschaftlich betriebenen Betrieben ergibt keine Volkswirtschaft, sondern ist ein selektives Netzwerk - das dem Ausschluss und der Beherrschung dienen kann. Der Nachteil von Netzwerken für "Betroffene" ist dabei der selbe, wie der Vorteil für die Betreiber, nämlich dass sie nicht fassbar sind, insbesondere wenn man nicht die Spinne ist, die es gewoben hat. Für die Wirtschaft bedeutet dass, das ohne gesetzliche Vorschriften die Starken, d.h. das Kapital, die Wirtschaftsmacht dazu leicht ausnutzen kann, die Arbeitnehmer mit Brosamen des erzielten Wertzuwachses (Mehrwert) abzuspeisen - und selbst den grössten Teil zu akkumulieren - was ja eben Bedingung, Zweck und Ziel des Kapitalismus ist.

Das grösste Problem mit Netzwerken ist, dass sie dazu benutzt werden können, was meist der Fall ist, um Wissen zu verheimlichen und Wissen zu verbiegen - was präzise eigentlich die alleinige Macht des Wissens ausmacht: Das Netz eignet sich gut für Heimlichkeiten und Ränkespiele.

Das neoliberale Credo:

Raubzüge mit Netz -
lieber ohne Gesetz.

Dieses Problem macht den Netzwerkbetreibern selbst allerdings am meisten zu schaffen. Egoistisches Handeln im Netzwerk wird in der Literatur als Netzopportunismus beschrieben. Der Netzopportunist sortiert seine Kontakte in verträgliche und unverträgliche, die er verbindet oder eben nicht - und wird durch die so geschaffenen Löcher zur unumgänglichen Schaltstelle und Kontaktperson. Der Netzopportunist behält nützliche Kontakte für sich (schafft ein Strukturloch), verhindert dass seine Kontaktpersonen direkten Kontakt aufnehmen (Überlebensnotwendige Strategie eines Dealers, Handelsvermittlers). Gewinne entstehen bei Überwindung der Löcher. Ebenfalls ist hier die Gefahr gross, dass Kontakte zu eigenen Gunsten ausgenutzt werden, oder dass das Double, dass die Kontakte ebenfalls kennt, diese zu seinen eigenen Gunsten umlenkt Gerade weil Vertrauenswürdigkeit für Unternehmen entscheidend ist, müssen potentielle Netzopportunisten ferngehalten werden. Dies wird nun in der Wirtschaft dummerweise wieder über das Bildungssystem versucht. Hohe Ausbildungsabschlüsse werden als Garant für moralische Integrität gesehen (was nach Stuss tönt, aber:). Man will damit messen, ob ein Arbeitnehmer dazu in der Lage ist, um der Karriere willen Regelvorgaben zu akzeptieren, wie z.B. die Regeln des Schulsystems, das eine gewisse Fügsamkeit und einen gemässigten Opportunismus voraussetzt. [S. 434]

Man sollte Netzwerke also nicht über den grünen Klee loben, denn in Wirklichkeit sind sie nichts anderes als eine rational organisierte Fortsetzung des alten Filzes. Genau wie dieser dienen sie in erster Linie der Selektion (d.h. dem Ausschluss), der Exklusivität, der strategischen Fokussierung.

Folgerichtig werden Unternehmenskooperationen, auch per Netzwerk, vor allem geschlossen auf Grund der Market Power-Theorie, laut der die Wettbewerbsintensität einer Branche von fünf fundamentalen Kräften determiniert wird:

  1. Rivalität unter den bestehenden Unternehmen
  2. Verhandlungsmacht der Abnehmer
  3. Verhandlungsstärke der Lieferanten
  4. Bedrohung durch neue Konkurrenten
  5. Bedrohung durch Ersatzprodukte und –dienste.

betriebliches Wissen

gesellschaftliches Wissen

Knowledge Management und Entwicklungs-Zusammen-Arbeit

Der dominante Zweck von Netzwerken ist also die Eindämmung von Wettbewerb, die Stärkung der Marktmacht durch virtuelle economy of scale.

Nun hat das Wissen über die Wirtschaft bei den Kritikern leider viel mehr Löcher als bei den Profiteuren - was logisch ist, da sich Zweitere mit dem Wissen begnügen und sich nicht mit Wissen über Umwelt und Soziales belasten, wo es keinen Gewinn bringt. Das Wissen über die Wirtschaft ist nicht nur löcherig, weil es äusserst komplex ist, sondern weil es meist privat ist, patentiert, verkauft, geschützt, strategisch eingesetzt, verbogen oder einfach geheim gehalten wird.  Diese Strukturlöcher im Wissen bewirken eine Informationsasymetrie zwischen den Buchhaltern und den Arbeitnehmern die es verhindert, dass Arbeitnehmer gegenüber den Firmenvorständen schon nur mal in der Lage wären, Parameter in der aktuellen Wirtschaftssprache zu definieren, die über Lohn, Arbeitszeit und Leistung hinaus gehen. Die Umrechnung aller Ressourcen und deren Beitrag zum Mehrwert liegt ausschliesslich in den Händen der Firmenleitung. (Bruno Latour).

Strukturlöcher hat insbesondere das Volkswissen aber nicht nur, wo es um die Wirtschaft geht. Während diese schon lange strategische Allianzen bildet und, wo immer möglich, trotz Wettbewerb kooperiert, predigt sie den Arbeitnehmern Konkurrenz bis aufs Blut - und die die Mehrheit des Volkes hat noch nicht mal eine Ahnung, was eine Strategie überhaupt ist.

Und, vor allem: gesellschaftliches Wissen ist ein offenes Netzwerk, kein geschlossenes! Jedes Individuum und jede Gruppe kann ihr Wissen einbringen und so an der Gestaltung der Gesellschaft mitarbeiten. Das ist das Fundament der Gesellschaft - nicht das Kapital. Und darum haben wir die Meinungs- wie die Versammlungs- und Publikationsfreiheit. Diese gibt es nur in offenen Netzen. Kapitalismus besteht aber aus geschlossenen, selektiv kooperierenden Netzen, ist also nur beschränkt frei. Aber nicht bloss der Kapitalismus ist hier beschränkt, auch unsere Form der Partei-Politik. Parteien sind ja nicht wirklich offen, was ihr Programm betrifft, sondern ideologisch stark festgelegt. Das gilt für alle, egal ob links oder rechts. Dadurch beschränken und erschweren sie die gesellschaftliche - und die davon abhängige wirtschaftliche - Entwicklung genau so wie die Wirtschafts- und die Staatsbürokratie, die sich beide an übereingekommene (und daher meist veraltete) Modelle und Vorschriften halten (müssen).

Auch Netzwerke, wie Institutionen oder die wissenschaftlichen Disziplinen, isolieren sich erst mal von der Umwelt. Sie gehen in die Tiefe - und häufen dabei den Abraum (Tonnen an für Laien unverständlichen neuen Begriffen, um sich herum wie einen Wall auf. Krater wäre hier meist das treffendere Wort als Netzwerk. Da die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen, was noch mehr gilt für Disziplinen der Praxis, nur recht ungern über den eigenen Krater hinaus schauen, braucht es hier eben präzise die Philosophie, im Sinne einer Kraterkartographie (Troglographie) und Kraterwissenschaft (Troglologie).

Wirtschaftliche Probleme durch Netzwerke: Netzwerke sind nun eben gerade nicht das, was man unter freiem Markt sich vorstellt. Dementsprechend ist nicht nur das Herrschafts- und Gewinnpotential grösser - sondern auch die Risiken. Steigt ein bedeutender Netzwerkteilnehmer aus oder kündigt die Abnahme- oder auch bloss die Preisfreundschaft, kann das für die andern Netzwerkmitglieder üble Folgen haben. Ein gutes Beispiel dafür ist zur Zeit Ypsomed, dessen Insulin-pen zum grössten Teil von Sanofi-Aventis abgenommen wurde. Die Entwicklung eines eigenen Wegwerf-Pens (was in den USA immer noch besser ankommt) trieb Ypsomed in die roten Zahlen.

Notwendige Forschung

Netzwerkforschung ist erst eine geometrische, dann eine räumliche (geographische), sowie wirtschaftliche, politische oder andere (technische, bei Computernetzwerken), dem Zweck des Netzwerks entsprechende Wissenschaft. Wo es um die Wirtschaft geht, die dem ganze Volk als Lebensgrundlage dienen muss, kommt die Netzwerkforschung also nicht um die Geographie herum. Diese hat sich auch relativ früh mit Knotenpunkten befasst, den sog. Zentralen Orten, in denen Verwaltungs-, Dienstleistungs-, Verkehrs-, Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftsfunktionen für ein Umland konzentriert sind. [s. Theorie der zentralen Orte]. Da jede dieser Funktionen über Netzwerke geleistet wird, können wir Zentrale Orte auch als vielschichtige Orte betrachten, da sich dort viele Netzwerke überlagern - während es gegen die Peripherie immer weniger Funktions- und Netzschichten werden. Es ist aber nicht nur die Anzahl an Netzwerkschichten, die für Zentren, wie speziell die global cities von Bedeutung sind, sondern eigentlich noch mehr die dort vorhandene Dichte an wichtigen Knotenpunkten:

Entscheidend für "Zentrale Orte" in ihrer Bedeutung als zentrale, geographische Vernetzungspunkte, ist aber insbesondere die Dichte an gewichtigen Netz-Knotenpunkten - die geeignet sind, mit anderen Netzen Verbindungen zu knüpfen!

Bei der Planung von Weltstädten als Weltnetzwerknoten, sind darum die Löcher eben so entscheidend wie die Gitter und Knoten - was eigentlich Saskia Sassen deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Sie dürfen also nicht ausschliesslich nach den Ideen der bedeutendsten Netzwerkknoten entwickelt werden, sondern müssen sich, da die Stadt eben eine Fläche ist, auch mit den Löchern abgeben. Insbesondere ist den alternativen Netzwerken, die im vergleich zu den Wirtschaftsnetzwerken noch immer sehr schwach sind und sich meist in gegenseitiger Grenzziehungskriegen erschöpfen, ausreichend Bedeutung beizumessen. Wenn auch diese einmal erkannt haben, wo die entscheidenden Knotenpunkte sind, werden sie ihre Proteste dorthin verlagern. Die Netzknotenhauptstadt braucht also ausreichend Flächen für den Protest derjenigen, die durch die Maschen fallen, also generell für die Kritik.

Die Tendenz geht ja deutlich in Richtung neuer Burgfestungen, was das Wohnen (s. gated communities) betrifft, wie die von privaten Milizen beschützten Produktionsstätten. Dies wird zu Gegenreaktionen führen, also Angriffen die sich verschiedenster Formen von Guerilliataktik - bis hin zum Terrorismus - bedienen. Da die Demokratie auf verbale Kritik und symbolische Aktionen setzt, wäre es angebracht, in diesen Städten, ähnlich dem Speakers Corner in London oder der Säule bei Mina, Mekka, wo die Muslime symbolisch den Teufel steinigen. Demokratie kann nur erhalten werden, wenn die einzelnen Netzwerke andockbar und beeinflussbar bleiben, auch für Kritik, auch und gerade für Kritik, die sie bei ihren Geschäften stören.

Unabdingbare Anforderung an die Kritiker ist jedoch, dass sie sich, mindestens dort, wo sie sich an die kritisierten Netzwerke direkt richten, sich a) auf ein wirklich existierendes Netz beziehen und keine Wahnvorstellungen, und sich b) einer Sprache bedienen, die von dem Netz verstanden werden kann.

 

Aufgaben der Kritik im Zeitalter der Netzwerkherrschaft:

  1. Netze sichtbar machen! Die wichtigste Vorstufe jeder Analyse. Wird heute meist von Journalisten geleistet. (s. Wissenschaftsjournalismus)

    1. Netzwerkgeographie: Wo sind die Knotenpunkte, welche Funktionen haben sie? Wo sind strukturelle Löcher?
    2. Netzwerksoziologie: Wer oder was bestimmt über die Funktionen der Knotenpunkte. Wer ist beteiligt - wer ausgeschlossen durch entsprechende Netze. Wie entstehen strukturelle Löcher. welche davon sind kritisch für das Gesamtsystem - und wie können diese behoben werden?

      > Weitergabe der Resultate an Politik > Weitergabe von Auftrag an Sozialarbeit < Rückmeldung über Erfolg/Misserfolg: Rückkoppelung politischer Aktivitäten, auch über Anwendbarkeit, Erfolg/Misserfolg von Gesetzen. Gesetze sind heute nicht mehr wie zu Zeiten Solons von Gott gegeben, sondern werden rational eingesetzt als Mittel der Lenkung sozialer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Gesetze sind gesetzt - und wo sie falsch gesetzt wurden gehören sie eben ab-gesetzt. [s.Sozialarbeit zwischen Auftragserfüllung und politischer Gestaltung]

Apropos Cluster/Klumpen: Diese werden auch ausserhalb von Städten gegründet, weil sie die Kooperation und Kommunikation erleichtern. Auch hier sollte man nicht all zu euphorisch sein, denn das Brüderchen des innovativen Erfolgsclusters heisst Klumpenrisiko.

  1. Verständnis der Funktionalität komplexer Netzwerke, Konfliktlösung in Netzwerken, sinnvolle und problematische Löcher: optimale Netzgrösse/Maschenweite. [s. Webphilosophie]

  2. Kritik:

    1. Gegennetze - a) zur Auf- b) zur Abdeckung der strukturellen Löcher: Soziales, Umwelt, internationale Politik, etc. etc (s. z.B. Sozialforum)

    2. Gegenstrategien: Wissen öffentlich machen

Die Macht des Wissens steckt nicht dort, wo das Wissen ist, sondern eher dort, wo Macht und Möglichkeit vorhanden sind, Glauben oder Meinen zu Wissen zu erklären - und Wissen als inexistent, überflüssig, langweilig zu deklarieren, sowie es nach eigenen Interessen zu verbiegen.

Die Macht, die früher in der Politik beheimatet war, und noch immer dort bekämpft wird, obwohl sie längst in die Burgen der Wirtschaft umgezogen ist, bedient sich nicht primär des Wissens, das an Schulen, Hochschulen und Universitäten gelehrt wird, sondern des listigen Wissens, der Strategien und Taktiken.

  1. Wirtschaftethik von Betriebsethik zur Netzwerkethik weiter entwickeln

 

Notwendige Handlung

Aufhebung des Ungleichgewicht zwischen dem Schutz des Eigentums, das vom Staat garantiert wird und frei ist -  und dem Schutz der Existenz, die heute vor allem durch Zwänge gelenkt wird. Schäden und Risiken durch betriebliche Aktivitäten werden oft auch vom Staat übernommen, insbesondere wenn es um Schäden oder Strukturlöcher bei der Umwelt und Sozialen geht. Das "Auffangnetz", das von Neoliberalen so gerne kritisiert wird, verschont eigentlich in erster Linie die Betriebe vor Haftpflichtansprüchen - oder vor rabiateren Ansprüchen auf ein Existenzrecht, also Recht auf bezahlte Arbeit. (s. auch Anspruchshaltung)

Das Kapital ist flexibel und agiert - dem Staat bleibt nichts als zu reagieren. Er kann die Ursachen für gesellschaftliche Probleme nur schwer evaluieren und den Urhebern rechtlich nicht anlasten. (Steigende Sozialkosten z.B. werden nämlich nicht durch die Faulheit verursacht, sondern durch Ausschluss.) Einer der wichtigsten Grundsätze jeder Polis, sogar der des Marktes, war und ist: Der Macht Grenzen zu setzen! Boltanski/Chiapello empfehlen:

Die Kritik der Ordnung, oder vielmehr der fehlenden Ordnung, braucht hier mehr Zielgenauigkeit - und muss Lösungen oder Alternativen liefern: ... Es ist unnütz, nach einer einzigen oder auch nur geringen Zahl von Lösungen zu suchen, all jenen zum Trotz, die gerne mit ein oder zwei eingängigen Ideen in den Kampf ziehen würden. Es wäre sicher effizienter, mehrere Veränderungen gleichzeitig anzuregen, auch wenn sie von einem erhabenen Standpunkt aus betrachtet nur eine schwache Wirkung entfalten würden.  Auch der Kapitalismus hat sich seine Dominanz durch kleine Schritte erarbeitet. ...

Die netzinterne kollektive Interessenvertretung soll nicht in Gestalt starrer Institutionen erfolgen sondern über rechtliche Legitimations- und Kontrollmittel per Abkommen.

Die Vorschläge sind flau, wie die meisten heute vorliegenden Alternativen zum Kapitalismus. (s. auch: Optimale Gesellschaftsmodelle aus der Perspektive der Sozialwissenschaften). Die Empfehlung die ich dort Februar 2005 abgegeben habe dürfte allerdings hier und heute immer noch zutreffen:

Zur Entwicklung der Postmoderne braucht es meines Erachtens eben eine intensivere Vernetzung der Teilsysteme. Diese sollte aber nicht per wissenschaftlicher Definition, noch weniger per Gesetz, sondern im ersten Anlauf über philosophischen (wahrheitssuchenden) Diskurs erfolgen, also über Webphilosophie statt multidisziplinärer, also tribal-propagandistischer, Clusterphilosophie.

 

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 17.8.06

POST SCRIPTUM

Nicht vergessen - Strukturen sind sekundär. Worum es eigentlich geht, ist die Funktion. Strukturänderungen die mehr Menschen das Leben schwer machen als sie es erleichtern, die einigen wenigen Gewinne verschaffen, viele aber ihrer Existenz berauben, sind demzufolge ... Scheisse.

Die Aufgabe, also die eigentliche Funktion der Wirtschaft ist die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen:  Produktion > Arbeit > Einkommen > Konsum, das ist die wirtschaftliche Funktionskette. Wird die durch Strukturänderungen zerbrochen, müssen die Strukturänderer erklären, wie sie die Funktion anders gewährleisten wollen - ganz im eigenen Interesse. [s. Funktionspolitik]

Der Tenor der Wirtschaft in Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit lautet meist anders: Firmen müssen Profite erzielen, nicht Arbeitsplätze schaffen. Das ist ökonomischer Unsinn. Denn Profite sind zwar die beste Motivation um Wirtschaftliche tätig zu sein - nicht aber das eigentliche Ziel des Wirtschaftens. So wie Geld eigentlich ein Mittel und kein Ziel sein sollte. Durch den Kapitalhandel ist der Profit aber zum Selbstzweck geworden, der den eigentlichen Zweck verdeckt. Das grösste Problem der gegenwärtigen Wirtschaft ist die automatische, bürokratisch rationalisierte Vermehrung des Kapitals durch mechanische Ausnutzung aller Möglichkeiten bis an ihre Grenze. Eine Situation die berechtigt als pervers bezeichnet werden darf.

Ähnlich pervers sind die unterschiedlichen Vorstellungen über Politik. Basisaufgabe der Politik, also ihre Funktion, wäre es, eine gute Ordnung herzustellen und zu erhalten. (s. auch Modellvorstellungen zu einer guten Ordnung).  Nun beklagt die Wirtschaft, dass das ihre Freiheit begrenze - und die Politik deshalb abgeschafft gehöre. Auf der andern Seite erwarten die von der Wirtschaft nicht- oder unterversorgten von der Politik das, was die Wirtschaft leisten müsste: Mit Gütern und Dienstleistungen versorgt zu werden (oder dem Geld, damit sie sich diese leisten können). Da Politik aber nur  Gesetze erlassen (Legislative), die gemeinschaftliche Infrastruktur wie Strassen, Eisenbahnen, Sicherheit, Bildung etc verwalten kann über die (Exekutive) und über die Rechtssprechung eine gewisse Gleichheit vor dem Gesetz garantiert, fehlen ihr hierzu die Mittel.

Die freie Marktwirtschaft, ohne oder mit sozial, aber immer mit Kapitalismus, immer mit Eigentumsgarantie, lässt dem Kapital die freie Entscheidung, wo und wofür es investieren will. Mit der Liberalisierung des Geld-, Devisen- und Kapitalverkehrs ist es ihm auch freigestellt, in welchem Land es sein Geld anlegen will. All diese Entwicklungen basierten aber auf der Prämisse: Eigentum verpflichtet. Heute sind wir aber so weit, dass das freie Kapital diese Prämisse ins Gegenteil verkehrt: Nur Eigentum macht frei - Arbeit verpflichtet, Arbeitslosigkeit verpflichtet doppelt, und wer nichts hat grad überhaupt nichts zu melden.

Die liberale These der Verteilungsgerechtigkeit akzeptiert auch Grossgrundbesitz - die meisten Menschen und Gesellschaften aber nicht, sei er noch so rechtmässig erworben  ...

Nicht nur weil sich das Kapital an der Börse selbst versichert und vermehrt, Investitionen und ihre Risiken aber andern überlässt, sondern präzise aus dem Grund, weil es immer grössere Struktur- und Funktionslöcher in die Gesellschaft schlägt, heisst die Variante die zur Zeit grassiert Post-Kapitalismus, also Nach- Kapitalismus. Denn derselbe ist dran, mit Vollgas in die Wand zu brettern - und behauptet erst noch, man müsse mehr und schneller Arbeiten, damit es richtig schön kracht.

Apropos Netzwerke ....

Wir installieren, reparieren und konfigurieren Ihre Computer und Netzwerke

 

Wir bieten (ganze Schweiz):

  • Vollständige Netzwerkplanung und Installation ihres lan (local area networks: fast ethernet, gigabit ethernet) inklusive Server und peripheren Zusatzgeräten - durch einen zertifizierten und erfahrenen Fachmann.

  • Komplette kabellose Integration ihrer privaten oder betrieblichen Computer, Printer, Scanner

  • Netzwerkverbund über das Internet, inklusive Monitoring des Nutzerverhaltens (private Webnutzung von Angestellten)

Im Raum Zürich (Standort)

  • Unterstützung bei problematischen Upgrades und Installation peripherer Geräte

  • Fehlerchecks und Systemreparaturen bei Ihnen zu Hause

  • Transportdienst - wo "Einlieferung" nötig

Anfragen an: hewww@brainworker.ch

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