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Liberale Demokratie als Ziel der Geschichte?

Das Problem der Anerkennung und der Stachel des gerechten Zorns (Thymos)

The End of History and the Last Man. Francis Fukuyama.  Perennial 1992

Das Ende der Geschichte bezieht sich auf Hegel und Marx, die Geschichte als zielgerichteten Prozess betrachten, der dort aufhört, wo er sein Ziel erreicht hat. Wissenschaftlich wird diese Haltung als Historizismus bezeichnet und gilt seit Popper als erledigt, also als unwissenschaftlich. Bereits aus dieser Perspektive braucht man sich über das Buch nicht all zu sehr aufzuregen, auch wenn es immer wieder, ob als Provokation gedacht oder aus Überzeugung wird nie ganz klar, den Eindruck erweckt, die liberale Demokratie sei die höchste Form menschlicher Organisation die sich auf Erden erreichen liesse. Damit wäre sie der Abschluss der menschlichen Entwicklung, die von primitiven traditionellen, auf Sklaverei und/oder Subsistenz basierende tribale Ordnung basierte,  von technischer Entwicklung getriebenen nun endlich beim fortschrittlichen modernen Menschen. und einer liberalen Demokratie endet. Da ich hier keinen Krimi schreibe sondern eine Interpretation versuche, kann ich Ihnen bereits hier verraten, dass auch Fukuyama, trotz einiger Hinneigung zur liberalen Demokratie, zum Schluss kommt, dass diese nun absolut nicht das Ende der Geschichte und den Gipfel möglicher Entwicklung darstellen muss. [Man weiss bei ihm nie so recht, ob er einem, auf den Stockzähnen grinsend, an der Nase herumführt, oder ob er den Schrott wirklich glaubt, den er ab und zu erzählt.]

Die Fabel lehrt:

Die Schlange beklagte sich beim Göttervater Jupiter unter Tränen, dass sie von jedermann mit den Füssen getreten werde, immer und immer wieder.

Jupiter: Da hättest Du eben den ersten beissen  müssen, der dich getreten hat.

Kritisch bewertet er vor allem den Mangel an Thymos (Energie, Einsatz, Zorn, Kampfeslust), der den Bürokraten einer ausgebauten Marktwirtschaft noch verbleiben kann, da sich dort der Kampf um Anerkennung ganz und gar auf einen Kampf um wirtschaftliche Positionen beschränkt: Gibt es da nicht eine Seite der menschlichen Persönlichkeit die willentlich nach Problemen, Gefahr, Risiko und Mutproben sucht, und wird diese Seite nicht unerfüllt bleiben durch "Friede und Wohlstand" der gegenwärtigen Liberaldemokratie? [xiii] Anerkennung ist das zentrale Problem der Politik weil sie der Ursprung von Tyrannei, Imperialismus und dem Wunsch zu dominieren ist. .[xxi]

Die Naturwissenschaften zielten bereits in ihren ersten Anwendungen oft auf militärische Überlegenheit im Kampf. Im Wirtschaftsleben dehnten die die produktiven Kapazitäten so weit aus, dass die Möglichkeiten  der Akkumulation von Reichtümern (dem Urziel des Kapitalismus)  sich ins Unendliche zu erweitern schienen - und damit ebenso die Möglichkeit die ständig wachsenden menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die protestantischen Unternehmer, die den Kapitalismus kreierten, hatte eine starke Arbeitsethik  Auch die Elite des modernen Japans nach der Meiji-Restauration 1868, arbeiteten im Dienste der Anerkennung. Es wundert also wenig, dass wirtschaftliche Organisationen auf Autorität und Disziplin achten, denn die Anerkennung des Überwertigkeitsanspruchs und Vorrangs der Autoritäten ist ja gerade die Definition von Disziplin.

Am Ende des 20. JH hinterliess die doppelte Krise des Autoritarismus und der Sozialistischen Zentralplanung nur noch einen Wettbewerber im Ring übrig:

Die liberale Demokratie, die Doktrin individueller Freiheit und der Volkssouveränität. [S 42]

Die Erwartung vor 1989/90 war, dass Der Geist von 1776 oder die Ideale der französischen Revolution würden die Tyrannen der Welt, Autokraten und abergläubische Priester verschwinden lassen. Blindes Vertrauen in die Autoritäten würde durch rationale Selbstbestimmung ersetzt, in der alle Menschen, frei und gleich, keinem Herrn zu gehorchen hätten als sich selbst. [S. 4]

Zwischen 1970 und 1990 schien dieser Vorgang wirklich die ganze Welt erfasst zu haben. Ein "starker Staat" nach dem andern geriet in die Krise:

Anfang der 90er Jahre waren Kuba und Guyana auf der westlichen Hemisphäre die einzigen Länder, die keine einigermassen freien Wahlen zuliessen. Die letzten Bösen sind Syrien, wo eine Minderheit der Alawiten herrscht und natürlich Irak, wo eine Minderheit der Sunniten herrscht. Kommentar: Letztere wurden ja kürzlich durch Bush befreit, erstere stehen noch auf der Liste der zu befreienden Schurkenstaaten.

Die Macht der meisten "rechten" Staaten war eigentlich ziemlich beschränkt wenn es um Wirtschaft oder die Gesellschaft als Ganzes geht. Ihre Führer repräsentierten traditionellerweise soziale Gruppen die in ihrer Gesellschaft immer mehr am Rande standen (selbst würden sie wohl sagen: sich darüber erhoben), und die regierenden Generäle waren im Allgemeinen nicht übermässig mit Ideen und Intellekt begabt. [S. 22]

Kommunismus ist der Überfluss an materiellen und kulturellen Gaben.

Andrey Nuikin

Traditionelle Despoten wie Franco oder die südamerikanischen Generäle zerschlugen die Zivilgesellschaft, d.h. die gesellschaftliche Sphäre privater Interessen - aber sie dachten nicht daran, sie zu kontrollieren. Die totalitären Regierungen sowjetischen Stils wollten den Menschen selbst neu bilden durch Presse, Schulung und Propaganda:

1989, der zweihundertste Geburtstag der französischen Revolution wie der Unterzeichnung der US-Verfassung, markierte den endgültigen Kollaps des Kommunismus als Faktor der Weltgeschichte.

Meilensteine:

Die rasante wirtschaftliche Entwicklung der liberalisierten Tigerstaaten wurde insbesondere von China intensiv beobachtet. China drohte zurück zu bleiben. Die Liberalisierung führte zu einer Verdoppelung der Getreideproduktion in 5 Jahren

Unterschiedliche Rechtsauffassungen in Demokratie, Liberalismus und Sozialismus:

Als etwas eigene Richtung grenzt sich auch die Iberische Tradition ab, die als autoritär, patriarchal, geschichtet, korporativ und semifeudal bis in den Kern beschrieben wird [S. 50] - bei genauerer Betrachtung aber auch ihre Vorteile hat.

Es gibt aber nicht nur unterschiedliche Wirtschaftssysteme auf dieser Welt, sondern auch noch Kulturen, die ganz eigene Denk- und Wertesysteme darstellen, wie insbesondere den Islam: Islam konstituiert eine systematische und kohärente Ideologie, genau so wie Liberalismus und Kommunismus, mit seinem eigenen moralischen Kodex und seiner Doktrin politischer und sozialer Gerechtigkeit. [S. 45 ] Vor daher versteht sich der Zorn derjenigen von selbst, die darauf bestehen, mit der liberalen Demokratie "die Endlösung" (wieder mal ...) gefunden zu haben: Machtpolitik herrscht weiter vor in Staaten die keine liberalen Demokratien sind. [S 276]. Auweia ... was da wohl Bush und Co dazu sagen würden? Hier zeigt sich die ideologische Verengung von Kojé und Fukuyama am besten.

Das Ende der Geschichte:

Alle Länder mit hoher wirtschaftlicher Entwicklung sehen sich immer ähnlicher und funktionieren immer ähnlicher

Kant stipulierte, dass die Geschichte einen Endpunkt habe, einen finalen Zweck der sich aus dem menschlichen Potential ergibt und Geschichte verständlich macht. Er skizzierte den Mechanismus durch den die Menschheit auf eine höheres Niveau der Rationalität gelangen könne - wie sie die liberalen Institutionen darstellen. [S. 58]

Hier greift Fukuyama auf ein längst ausgedientes Konzept des Geschichtsverständnisses zurück, nach dem sich Geschichte zielorientiert entwickelt, also quasi vorherbestimmt ist (s. Marxismus). Einerseits. Andererseits kommt er aber auch zum eher postmodern anmutenden Schluss:

Man könnte Geschichte beschreiben als Dialog zwischen Gesellschaften, bei dem diese mit grossen internen Widersprüchen versagen und diese erfolgreich sind, die solche Widersprüche auflösen können. [S. 61]

Liberale Gesellschaften waren frei von solchen Widersprüchen die für die frühen sozialen Organisationen typisch waren und würden so die geschichtliche Dialektik zu einem Ende bringen. [S. 64] Hier wurde also laut Kojève und Fukuyama "die letzte Universalgeschichte" vor der Postmoderne geschrieben, mit der Modernisationstheorie von Marx, Weber und Durkheim:

Industrielle Entwicklung folgt einem kohärenten Wachstumsmuster und produziert im Laufe der Zeit einheitliche politische und soziale Strukturen in unterschiedlichen Ländern und Kulturen. [S. 68]

Marx war jedoch überzeugt [und auch hier dürfte er so recht behalten, wie mit dem Problem der Überproduktion], dass der liberale Staat ein fundamentales Problem nicht lösen könne, die Spannung zwischen den Klassen, den Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat.  [mit dieser Beschränkung war er ja eigentlich äusserst bescheiden. Vor allem hat er die Probleme zwischen Wirtschaft und Natur seinerseits nun gleich rechts liegen lassen]. Mit der Globalisierung des freien Marktes wurde die Wirtschaft weltweit aber zu einem System kommunizierender Röhren: Gehen die Preise an einem Ende der Welt runter, können sie sich am andern Ende nicht lange in der Höhe halten. Wird irgendwo ein interessantes Produkt hergestellt, ist es, bei entsprechender Kenntnis und Nachfrage, sehr bald weltweit erhältlich. Das hat positive Wirkungen, aber auch andere. Insbesondere beschränkt es die Chance zu einer unabhängigen und selbständigen Entwicklung, s. Burma: Der Entschluss nach dem 2. Weltkrieg das Ziel wirtschaftlicher Entwicklung, das sonst in der 3. Welt allgemein verbreitet war, abzulehnen und international isoliert zu bleiben, hätte in der vorindustriellen Welt funktionieren können, erwies sich aber als nur schwer durchführbar in einer Region voll von boomenden Singapuren und Thailanden.  [S. 85]

Gesetze der Entwicklung:

A. Die Dominanz der Grösse:

Staaten bedürfen einer gewissen Grösse um mit ihren Nachbarn in Wettbewerb treten zu können, was ein starker Anreiz ist für nationale Einheit; sie müssen in der Lage sein auf nationaler Ebene Ressourcen zu mobilisieren, was einer starken zentralen Staatsmacht bedarf mit der Macht, Steuern zu erheben und Gesetze zu erlassen; sie müssen unterschiedlichste Formen regionaler, religiöser und stammesbezogener Bindungen zu kappen, welche die nationale Einheit behindern; sie müssen die Bildung fördern um eine Elite zu schaffen, die fähig ist sich der Technologien zu bedienen, sie müssen die Vorgänge jenseits der Grenzen im Auge behalten;  und, mit der Einführung der Massenarmeen während der Napoleonischen Kriege, mussten sie den armen Klassen eine Tür zur Befreiung öffnen, wenn sie diese mobilisieren wollten. [S. 73] Dies gilt natürlich nicht bloss für Staaten, sondern für ihre heutigen Nachfolger, die Grossunternehmen.

B. Die Dominanz der Stadt:

Industrielle Gesellschaften müssen vorwiegend städtisch sein, da man nur in den Städten ausreichend geschulte Arbeiter findet, die fähig sind eine moderne Industrie am Laufen zu halten und weil die Städte die Infrastruktur und Dienstleistungen anbieten die zur Unterstützung grosser, hoch spezialisierter Unternehmen nötig sind. [S. 77]

Die Kommunisten, speziell Mao wollte den Unterschied zwischen Stadt und Land, insbesondere die sozialen Unterschiede zwischen Hand- und Kopfarbeitern [brainworker] mit Gewalt aufheben (s. 1950 + Kulturrevolution 1960, Pol Pots Khmer Rouge in Cambodia 1975).

Dass Städte allerdings die menschliche Gesellschaft grundlegend verändern, wurde lange vorher bewusst. Der Erste der sich gegen städtischen Überfluss und Tand wandte, weniger theatralische Verstellung und mehr direkte Natürlichkeit auch im Verhalten der Menschen untereinander forderte, war Diogenes, der sich angesichts des Überflusses auf den Märkten bereits damals wunderte: Wie viele Dinge gibt es doch, die ich nicht brauche.

Ebenso abgelehnt wurden Technologie und städtische Gesellschaft durch Rousseau, die Romantik des frühen 19. JH, die Hippies 1960, Khomeini und den islamische Fundamentalismus - genau so wie durch Umweltschützer und subsistenzorientierte Alternative Gruppen. Rousseau hatte schon vor Hegel verstanden, wie stark sich die menschliche Natur durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Einflüsse verändert hatte. Die unendlichen Ansprüche und Wünsche erwachsen aus Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. Das Problem mit diesen neu erweckten Wünschen ist, dass sie unendlich und unerfüllbar sind, da jede neue Erfindung neue Bedürfnisse schafft. [Was die Grundlage des kapitalismusnotwendigen "nachhaltigen" Wachstums bildet, wobei allerdings vergessen wird, dass nichts nachhaltig wächst ohne gleichzeitiges Vergehen, also Verbrauch, also Abfallproduktion.]

C. Der Kampf um Wachstum und Innovation

Das Wachstum (des BSP) betrug in Japan 1960 noch 9.8%, schrumpfte 1970 auf 6%, und dümpelt in den letzten Jahren zwischen 0 und 3%, so ähnlich wie die Schweiz. Die Tigerstaaten Hong Kong, Taiwan, Singapore und Südkorea erzielten 1989 noch eine Wachstumsrate von 9.3%, die AEAN 8% . Das BSP unterschied sich so beträchtlich zwischen der Volksrepublik China (350$) und Taiwan (7500 $), dass es immer schwieriger bis unmöglich wurde, die Vorteile des kommunistischen Systems zu erklären oder gar auf seiner wirtschaftlichen Überlegenheit zu beharren. Hatte Marx noch eine Reduktion der Arbeitszeit auf vier Stunden pro Tag gefordert, passierte auf Grund tiefer Produktivität das Gegenteil. Die Sozialisten brauchten immer länger um immer weniger zu produzieren - und konnten sich immer weniger Importe leisten. Die Wünsche wuchsen aber mit den importierten Bildern. Obwohl Erich Honecker recht hatte mit seiner Aussage, dass der Lebensstandard in Ostdeutschland höher sei  als zu Kaisers Zeiten, so verglich niemand seinen Lebensstandard mit dem zu Kaisers Zeiten, sondern mit dem in Westdeutschland.

Fukuyama zieht auch Argentinien als Beispiel einer verfehlten, da nicht am Markt orientierten, Sozialpolitik. Argentinien hatte 1913 ein BSP/Kopf vergleichbar mit dem der Schweiz, doppelt so hoch wie Italien und halb so hoch wie Kanada. Heute heissen die Zahlen: 1/6, 1/3 und 1/5. Péron verteilte Reichtum zur Sicherung seiner Macht: Give to the people, especially the workers, all that is possible. When it seems to you that allredy you are giving them too much, give them more. You will see the results. Everyone will try to scare you with the specter of an economic collapse. But all of this is a lie. There is nothing more elastic than the economy which everyone fears so much because no one understands it. [S. 106]

Er verpasst es ebenso wenig auf den wirtschaftlichen Vorteil autoritärer Regimes hinzuweisen: Zwischen 1961 und 1968 wuchsen Demokratien inkl. Indien, Ceylon, Philippinen, Chile und Costa Rica um 2.1%, während die konservativen autoritären Regimes von Spanien, Portugal, Iran, Taiwan, Südkorea, Thailand und Pakistan um 5.2% wuchsen.

D: Mehr Kopf- als Handarbeit

Der Ruf nach weniger direkter Demokratie lässt sich sogar in der Schweiz immer wieder vernehmen (Verbandseinspracherecht z.B.), da diese die auf Effizienz getrimmt Wirtschaft behindert. Je mehr die Märkte gesättigt sind mit allem Möglichen Verdruss und Überfluss, desto schneller folgen sich Produkte und Produktvarianten. Daniel Bell zeigte, dass der durchschnittliche Zeitraum zwischen der Entdeckung einer technologischen Innovation und der Nutzung ihres kommerziellen Potentials von 30 Jahren zwischen 1880-1919, auf 16 Jahre zwischen 1919-45 und auf 9 Jahre zwischen 1945-67 fiel . Heute beträgt ein Produktionszyklus bei Computern nicht mal mehr Jahre, sondern Monate.

Technologische Innovation und die hochkomplexe Arbeitsteilung führten auch zu erhöhtem Bedarf an technischem Wissen auf allen Ebenen der Wirtschaft, und konsequenterweise einem erhöhten Bedarf an Menschen, die - grob gesagt - eher denken als handeln. Denken ist hier allerdings etwas zwiespältig verwendet. Man darf die Denker die in der modernen Wirtschaft gefragt sind nicht mit denen verwechseln, die traditionell damit gemeint sind, also etwa mit Philosophen, denn der Industriedenker ist ein "Auftragsdenker"  der neue Lösungen ausdenkt für die Produktion von Verkaufbarem. Aber sogar dieses recht beschränkte Denken erfordert eine gewisse Intuition, also Musse und Freiheit, aber auch Belohnung für die Anstrengung: Wissenschaftliche Forschung funktioniert am besten in einer Atmosphäre von Freiheit, in der die Menschen frei denken und kommunizieren können, und, noch wichtiger, wo sie für Innovationen belohnt werden.

Gerade dieser Trend, der immer höhere Anforderungen an die Ausbildung stellt, führt zu einer neuen Klassenbildung, die zwar immer noch bei armen und Reichen endet, aber zusätzlich zur Abhängigkeit von Erbschaften noch eine starke Abhängigkeit vom Intelligenzgrad beifügt:

Die Klassenunterschiede die heute in den USA existieren beruhen primär auf unterschiedlicher Bildung. Es gibt wenig Hindernisse für das Emporkommen einer Person, wenn sie die richtigen Bildungsausweise hat. Ungleichheit schleicht sich in das System ein als Resultat ungleichen Zugangs zu Bildung; der Mangel an Bildung ist die Sicherste Verdammung zum Zweitklassbürger. [S. 116]

 

Der Kampf um Anerkennung (Thymos) und die Rehabilitation des Streites

Definition Thymos:

gr. Geist, Seele. Bei Machiavelli: Wunsch nach Ruhm. Bei Hobbes: Stolz, leerer Ruhm. Bei Rousseau: Amour propre. Bei Hamilton: Die Sucht nach Berühmtheit. Bei James Maddison: Ambitionen, Ehrgeiz und bei Hegel: Anerkennung.

Fukuyama

Der Ausdruck Thymos bezeichnete bei den frühen Griechen (speziell in Ilias & Odyssee, wo er häufig verwendet wird) eine seelisch-geistige Entität (wie Herz, Gemüt, Sinn, oder Seele, die sich später vom Thymos loslöst, im Wortgebrauch), die Menschen belebt und ihr Verhalten beeinflusst. Später verengt sich die Bedeutung des Ausdrucks auf die, wie sie von Fukuyama verwendet wird, den leidenschaftlich-zornigen Affekt (Wut, Jähzorn) und die Bereitschaft zum Kampf (Beherztheit, Mut). Letztere Ausdrücke zeigen auch die Einsicht, dass Thymos einer gewissen rationalen Kontrolle bedarf um wirkungsvoll eingesetzt zu werden. Der Thymos dominiert bei kritischen, zweifelnden intellektuellen Prozessen, wird negativ gewertet bei reiner Äusserung als Jährzorn, positiv beim gezielten Wirken wie dem gerechten Zorn. Die Epikuräer, die eher auf eine gemässigte Lebensführung setzten, bezeichneten Thymos als masslosen Zorn im Gegensatz zum natürlichen Zorn.

 Etymologisch entwickelte sich das Wort aus den Grundbedeutungen toben, aufwallen, stürmen - und Qualm . verdünnt sich aber mit der Zeit bis zu Lebensenergie (verdünnt, dennl: Wessen Lebensenergie produziert heute noch Rauch?).

Thymos wird angesiedelt zwischen Zwerchfell und Hals, kommt also nicht aus dem "Bauch", sondern eher aus dem Herzen.

Historisches Lexikon der Philosophie. J.Ritter et al.

Gibt es Widersprüche in unserer gegenwärtigen sozial-liberal-demokratischen Welt die die Erwartung stärken, dass der historische Prozess weiter gehe und eine neue, höhere Ordnung produzieren würde? [136] Tendenziell lautet die Antwort in dem Büchlein nein: Kojève behauptet, dass wir das Ende der Geschichte erreicht hätten, weil das Leben im universalen und homogenen Staat für seine Bürger völlig befriedigend ist.

Die meisten von uns, die keine Prediger des Kapitalismus sind, betrachten die Meinung vermutlich relativ rasch als ausgewachsenen bullshit (und ich hab bei der Stelle grad mal wieder Lust gekriegt, dem Verfasser ein paar um die Ohren zu hauen weg dieses Lobhudeleien). In einem Punkt muss man allerdings zustimmen:

Keine andere institutionelle Form als die Demokratie kann einen Konsens erzielen unter Anwesenheit so vieler partikulärer Interessengruppen und -Personen, der es erst erlaubt, bindende politische Entscheide zu fassen. [S. 113]

Dennoch war offenbar auch Kojève kritisch, ob dieser Kulmination der universellen Geschichte: Auf der einen Seite herrscht (beinahe) universelle Freiheit, Freiheit von Kriegen und Not, die Liebe, Spiel, Kunst ... kurzum allem was glücklich macht, ausreichend Raum lässt. Dennoch ist Kojève skeptisch. In seiner philosophischen Anthropologie ist der Mensch definiert durch seine negierende Aktivität, durch seinen Kampf, sich selbst und die Natur durch Kampf und Wettstreit zu überwinden. Dies die ontologische Definition der Daseinsberechtigung des Menschen. Nun zeigt das Ende der Geschichte ein Ende dieses Kampfes und entzieht dem Menschen das, was als sein Wesen galt. Das Ende der Geschichte kündigt so das Ende des Menschen selbst an; paradoxerweise wird der Mensch des Kerns seiner Existenz beraubt, in dem Moment wo er triumphiert.

Wir brauchen hier nicht auf alte philosophische Texte zurückzugreifen um die Bedeutung des Streits zu erkennen, denn wir treffen ihn tagtäglich, zuhause, an der Arbeit, in Politik und Wirtschaft, und dies obwohl er verrufen ist. Haben Sie schon je ein Stelleninserat gesehen, in dem eine streitfähige Person gesucht wird? Nöööö: konfliktfähig (d.h. duckmäusern), teamfähig (d.h. rasch erkennen, wer der Chef ist und dessen Meinungsführung folgen), Durchsetzungsfähig (d.h. die "Tatsachen " so durchgeben, dass keiner einen Streit darüber wagt) etcetc. Also sucht sich der Streit, der auf Herrschsucht, hierarchischem Drang der Überordnung und dem Verlangen der Anerkennung des eigenen Selbstwerts beruht andere Wege, meist die des nicht-argumentativen Mobbings.

Das Problem mit dem Streit ist also, dass er meist unproduktiv ist (na ja ... woher das Argument wohl wieder kommt ...). Die Bedeutung des Streites zeigt jedoch, dass wir Streitformen wie Polemik und Eristik nicht einfach ablehnen sollten, denn immerhin sind sie weitaus weniger gefährlich als Messer und Pistolen.

Laut Hegel finden wir in der Natur des Menschen drei Prinzipien als Gründe für Streit: Erstens, Wettbewerb; zweitens, mangelndes Selbstvertrauen; drittens, Ruhm... der Dritte macht Männer zu Invasoren für Nichtigkeiten wie ein Wort, ein Lächeln, eine andere Meinung, und irgend ein Zeichen von Minderwert, entweder direkt die eigene Person, oder durch Spiegelung ihren Stamm, ihre Freunde, ihre Nation, ihren Beruf oder ihren Namen betreffend. (eigenen Rückübersetzung aus dem englischen ..., also vermutlich nicht ganz das Original treffend - aber hoffentlich verständlich).

Gerade weil unsere durch Produktion dominierte Zeit den Schwerpunkt auf Wettbewerb zwischen Betrieben legt, dürfte der Streit zwischen Personen unterdrückt werden. 1. Gebot der Betriebsordnung: Keine privaten Probleme!

Laut Schumpeter (eigene Rückübersetzung aus dem Englischen) trägt dieser Effekt das meiste dazu bei, warum entwickelte Länder versuchen sich aus Kriegen heraus zu halten:

Das Wettbewerbssystem absorbiert alle Energien der meisten Menschen auf allen wirtschaftlichen Ebenen. Konstante Anwendung, Aufmerksamkeit und Konzentration der Energie sind notwendige Bedingungen des Überlebens in ihm, speziell für die wirtschaftlichen Berufe, aber auch für andere Tätigkeiten die nach dem selben Modell organisiert werden. Es bleibt da viel weniger Energie die in Krieg und Eroberungen verpufft werden muss als in jeder vorkapitalistischen Gesellschaft. Alle Überschussenergie fliesst in die kapitalistische  Produktion selbst und ist verantwortlich für die herausragenden Figuren - den Typ des Industriekapitäns - und was noch übrig bleibt wird verwendet in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichem Gerangel ... Eine rein kapitalistische Welt bietet also keinen fruchtbaren Boden für Imperialistische Anlagen ...   [S. 260]

Dazu kämen die Folgekosten, eine feindliche Gesellschaft zu regieren. (S. Irak)

Was dabei allerdings untergeht, ist das individuelle Streben nach Anerkennung:

Ich habe in meinen Präsentationen diese Aspekte des Thymos unter dem Begriff "Machttreppe" behandelt: Jede(r) braucht mindestens ein Gebiet, auf dem er was ist, was zu sagen hat, sich wichtig fühlen kann.

Fukuyama und Kojève argumentieren, dass der Liberalismus zu einer fast völligen Absorption dieser Streitgründe geführt hat - vergessen aber scheinbar, dass gerade diese endzeitliche Situation, in der der Wert des Menschen durch seinen Produktionswert bestimmt wird, für viele, eigentlich für die Mehrheit, so ziemlich frustrierend ist (während sich einige Wenige für Ihr Gefühl an Überwert grad auch noch übermässig bezahlen lassen können, weil sie an der Spitze einer Verteilungshierarchie sitzen: Wer viel verdient ist auch viel wert. Wer erfolg-reich ist, verdient es auch, in den Himmel zu kommen. Präzise das war das protestantische Heilskonzept.

Dass dieses recht einseitig auf materiellen Erwerb setzt, zeigt das von Locke schlecht gewählte Beispiel für den herausragenden Vorteil technischen Fortschritts. Er verwies darauf, dass ein König in Amerika (ev. Afrika gemeint) schlechter isst, trinkt und wohnt als ein Arbeiter in England. Fukuyama hält dem entgegen, dass der Thymos vernachlässigt wird, denn der Amerikanische König hat einen Respekt der getragen wird von Selbstgenügsamkeit, dem Respekt und der Anerkennung seiner Gemeinde, während der Arbeiter besser essen mag, aber total von seinem Arbeitgeber abhängig ist - für den er als menschliches Wesen eigentlich unsichtbar ist. [S. 174].Die Lockesche, d.h. US-amerikanische und zugleich protestantische Formel des Glücks aber beschränkte sich zu sehr auf die Erwerbung von Eigentum.

Die Annahme, dass Revolutionen normalerweise aus Armut und Entbehrung erwachsen fasst so zu kurz. Die Periode vor der Französischen Revolution war eine Zeit wirtschaftlichen Wachstums mit einigen, allerdings nicht sehr gut durchdachten, Schritten zur Liberalisierung. Den Französischen Bauern wie der Mittelschicht ging es zu der Zeit auf jeden Fall besser als ihren Kollegen in Schlesien oder Ostpreussen.

Gerade die Liberalisierungsmassnahmen zeigten ihnen jedoch ihre relativ schlechte Position (im Vergleich zu den Herren). Nur die ärmsten und die reichsten Länder sind politisch stabil. Länder die ihre Wirtschaft modernisieren sind am wenigsten stabil, weil das wirtschaftliche Wachstum selbst neue Bedürfnisse und Forderungen weckt. [S. 175] Es wird hier der klassische Zustand der Anomie beschrieben, also eines Bruches der gewohnten Ordnung.

Ein wichtiger Begriff ist hier die Unsichtbarkeit. War die Identitätspolitik in den USA speziell für Schwarze und Indianer ein existentielles Projekt, beschränkte sie sich in der Schweiz auf ein sporadisches Geplänkel um den Röschtigraben (Unterschiede zwischen der französische sprechenden progressiven Westschweiz und dem deutsch sprechenden konservativen Kern) und ein bald total kommerzialisiertes Strassentheater um Schwule, Lesben, Transen und andere seltsame Vögel.

Nebst der Wiedereroberung der Strasse, also der Oeffentlichkeit, war hier ein wichtiger Grund also erst mal das Sichtbar Machen, denn In den Augen vieler Weisser ist der Schwarze unsichtbar, nicht gehasst, aber schlichtwegs übersehen als menschliches Wesen. do Schwule, Behinderte und andere Randgruppen

Der Schaden der Armen und Wohnungslosen angetan wird ist nicht ein physischer Schaden, sondern eine Beschädigung ihrer Würde. Weil sie weder Reichtum noch Eigentum besitzen, werden sie ^vom Rest der Gesellschaft nicht ernst genommen: Die Politiker hofieren ihnen nicht und ihre Rechte werden von Polizei und Gerichten weitaus weniger nachdrücklich geschützt; sie können keine Arbeit finden in einer Gesellschaft die Eigenverantwortung schätzt; die Jobs die sie finden können als erniedrigend betrachtet werden; und sie haben weitaus weniger Möglichkeiten ihre Lage durch Ausbildung zu verbessern oder sonstwie ihr Potential zu realisieren. So lange der Unterschied zwischen Reich und Arm besteht, so lange als einige Tätigkeiten Prestige bringen andere aber Abwertung, so lange wird kein Mass materiellen Wohlstands diese Situation korrigieren oder die tägliche Beschädigung der weniger Wohlhabenden überwinden. Was materielle Bedürfnisse befriedigt ist nicht identisch mit dem, was Thymos befriedigt.

Adam Smith: Der Reiche wird weiter Ruhm geniessen in seinen Reichtümern, während der Arme sich weiterhin seiner Armut schämen - und sich unsichtbar fühlen wird.

Im 20. Jh wurden die Samurai in Japan zu Businessmen (zaibatsus)  - um ihren Selbstwert zu erhalten. Das Selbe geschah in Frankreich, Deutschland (Junkers) und der Schweiz mit den ehemaligen Aristokraten, sofern sie sich nicht der Politik zuwandten.

Da der grösste Teil der ökonomischen Arbeiter sich aber mit bürokratischen Tätigkeiten befassen, wurde diese Bourgeoisie zu Männern ohne Brust, die nichts mehr wollten als die eigene komfortable Selbsterhaltung.  Hier liegt Fukuyama allerdings etwas falsch, denn er geht mit der Behauptung zu weit hinter die protestantische Absicht zurück: Die Protestanten wollten sich über ihre wirtschaftliche Tätigkeit die Anerkennung von Gott sichern! Welche grössere Schlacht, welch anspruchsvollerer Streit lässt sich noch denken?

Fukuyama kriegt so erst recht mit den Grossunternehmen, die Massen von Arbeitern zu Arbeitstieren machen, die nicht viel anders können, als für ihre reine Existenz zu sorgen. Nietzsches Wille zur Macht war so ein Versuch, der Verbürokratisierung Gegensteuer zu geben und das Primat des Thymos wieder über Wunsch und Rationalität zu setzen. Der Kampf um Anerkennung ist in unserem politischen Vokabular kaum enthalten und wird durch Menschenwürde nur höchst unvollkommen wieder gegeben:

Dieses Streben nach Anerkennung ist der psychische Sitz zweier extrem starker Passionen - Religion und Nationalismus. [S. 214]

Der Gläubige sieht Werte in allem was zu seiner Religion gehört wie die moralischen Regeln, der Lebensstil oder Objekte der Anbetung. Er wird bösartig wenn die Würde dieser Objekte angegriffen wird.

Der Nationalist glaubt an die Würde seines Heimatlandes oder seiner ethnischen Gruppe - aus der er seine eigenen Würde ableitet. Er wünscht diese Würde anerkannt zu wissen, und wie der religiös gläubige, wird er äusserst sauer begegnet man diesen Werten mit Geringschätzung.

Präzise hier logiert das Problem mit Rechtsextremen, die meist gewisse nationale oder gar lokalpatriotische Werte heiligen. Der Dialog wird erschwert dadurch, dass:

  1. über diese fundamentalistisch gehütete Basiswerte nicht diskutiert werden kann, da bereits der Ansatz zur Diskussion eine Missachtung ihrer Heiligkeit bedeutet. [s. Fundamentalismus].
  2. das Selbstbewusstsein äusserst schwach ist und eben gerade nur auf diesen äusseren Werten beruht - was sich oft durch um so höhere Bereitschaft zu gewalttätiger Verteidigung dieses Selbstwertes äussert.

 

Der letzte Mensch

Kein Hirte und keine Herde! Jeder will das Selbe, jeder ist der Selbe: Wer anders fühlt geht freiwillig ins Irrenhaus.

Man arbeitet immer noch, denn Arbeit ist eine Art Unterhaltung.
Aber man ist vorsichtig, dass diese Unterhaltung nicht zu beschwerlich würde.
Jemand wird nicht mehr arm oder reich; beides ist zu anstrengend.
Wer will noch regieren? Wer gehorchen? Beides braucht zu viel Bemühung.

Nietzsche, von dem obige Zitate stammen, hob hervor, dass jede Art reeller Existenz aus Unzufriedenheit erwachsen muss, einer Abgrenzung des Selbst gegen sich selbst und zuletzt ein Krieg gegen das Selbst, mit all dem Leid den dieser bringt: "Jemand muss Chaos in sich tragen um einen tanzenden Stern gebären zu können. [S. 304]

Thymos wäre die Energie, die diesen Stern zum tanzen bringt. Thymos ist also Chaos - und Chaos ist Freiheit. Natürlich kann man Nietzsche und seine Anhänger als Elitär kritisieren, aber irgendwie hat seine Kritik schon was. Man sieht das in der generellen Kritikunfähigkeit, ja Kritikfeindlichkeit unserer Gesellschaft, man sieht dies tagtäglich in Presse und Medien für die gilt: Bloss nicht zu- oder gar quer- schlagen, bloss die Leser, und besonders diejenigen, die für Werbung bezahlen, nicht verärgern. Der Trend zur Isothymie, ja der Zwang zu Isothymie durch Betriebsordnungen und Verhaltensregeln, hat was positives, er verhindert Megalothymie und Grössenwahn und führt zu mehr Gleichheit - aber er kann auch berechtigte Kritik und eben den gerechten Zorn verhindern. Isothymie beschränkt die Freiheit genau so wie politische Gesetze. Hier hat auch das Problem der political correctness seinen Ursprung, die durch sture spiesserische Normierung eines Wortgebrauchs oft mehr Schaden anrichtet als sie nutzt. Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto höher die Ansprüche an gegenseitige Toleranz. Dennoch muss dem Einzelnen die Möglichkeit bleiben zu sagen: Stopp. Bis hierher, aber nicht weiter. Antiautorität bedeutet nicht, dass alles gleichwertig werden kann, soll oder muss:

Das Problem mit der heutigen Selbstschätzungsbewegung ist, dass seine Mitglieder, in demokratischen egalitären Gesellschaften lebend, selten willig sind, eine Wahl zu treffen über Dinge, deren Wert zu schätzen ist. Sie wollen ausgehen und jeden umarmen, ihm erzählen, dass es egal sei, wie jämmerlich und niedergekommen ihr Leben sei, dass sie einen Selbstwert haben, dass sie JEMAND sind. [S. 303]

Präziser ausgedrückt: Es gibt in jedem Land und jeder Kultur eine Menge netter Menschen, aber auch überall eine Menge Arschlöcher. Letztere muss man kritisieren und blossstellen können, auch wenn sie zu einer behüteten Spezies gehören wie den Schwarzen, Juden, Inuit oder was auch immer. Vom Gesetz wird das generell so gehandhabt und nur die Verallgemeinerung bestraft: Alle ... sind Arschlöcher. Dies ist richtig. Spiessig ist, jegliche Kritik an solchen Völkern im Namen des Rassismus zu unterbinden, eine Methode die Spiesser gerne nutzen, um ihre eigene Selbstwertschätzung etwas zu fördern.

Gerade Menschen die den Eindruck haben, dass unsere Marktwirtschaft zwar alles erzeugt, was sich verkaufen lässt, aber dabei riesige weisse Löcher in Kultur, Gesellschaft und Natur hinterlässt, muss sich mit allem Ernst, mit Energie und vermutlich ab und zu auch der Energie des Zornes für eine Korrektur einsetzen: Tocqueville bemerkte schon, dass Demokratien weniger Schönes aber Nutzloses produziert, das typisch war für die aristokratische Gesellschaft wie Gedichte, metaphysische Theorien, Fabergé Eier, - aber dafür viel mehr nützliche hässliche Dinge wie Maschinen, Werkzeuge, Autobahnen, vorfabrizierte Häuser ... und die Berge von Gerichtsakten welche Rechtsanwälte jedes Jahr aufrichten. Aber der Verlust dieser gehobenen Handwerkskünste wiegt weitaus geringer im Vergleich zum Verlust menschlicher Möglichkeiten in den Sphären von Moral und Theorie, Möglichkeiten die genährt wurden durch Musse und ein gezieltes Antinützlichkeitsethos der aristokratischen Gesellschaft.

Noch viel mehr gälte diese Anforderung nach zureichendem Thymos für Politiker: Sie müssen an die Passionen des Publikums appellieren, egal ob diese niedrig oder hoch, unwissend oder informiert, sind, und sie müssen eine Menge degradierender Dinge tun um wieder gewählt zu werden und an der Macht zu bleiben (deutlicher: in viele Ärsche kriechen). Moderne Politiker regieren also kaum, sie reagieren, managen und lenken.

Kojève beendet seine "Lobhudelei" des demokratischen Liberalismus also mit der Sorge: Der Mensch wird aufhören zu existieren, weil er aufhört zu arbeiten und zu kämpfen. [S. 310]. Interessanterweise wurde etwa die kämpferische Auseinandersetzung zwischen Kapitals mit der Arbeit von einigen Vertretern der Elite der Basler pietistischen Kapitalisten wie Carl Sarasin und Köchlin-Geigy als absolut nützlich und notwendig betrachtet. Sie sahen darin also nicht unberechtigte Ansprüche, sondern das, was es ist: Eine Verhandlung über Arbeitsbedingungen zwischen diesen, die mehr Geld(-Macht) besitzen, und jenen die sich über Kooperation und Masse die entsprechende Macht verschaffen müssen.

Das Ende der Geschichte hiesse das Ende von Krieg und blutigen Revolutionen. Übereinstimmend betreffend der Ziele hätten die Menschen keinen Grund mehr zu kämpfen. Sie würden ihre Bedürfnisse durch wirtschaftliche Aktivitäten befriedigen, aber sie würden nicht mehr ihr Leben in Kriegen riskieren. Sie würden, in andern Worten, wieder zu Tieren, wie vor der blutigen Schlacht mit der die Geschichte begann. Ein Hund ist es zufrieden, in der Sonne zu schlafen, vorausgesetzt er wird gefüttert, weil er nicht unzufrieden damit ist, was er ist. Er kümmert sich nicht darum, dass es anderen Hunden besser geht als ihm, oder dass seine Karriere als Hund stagniert, oder dass Hunde in einer entfernten Weltgegend unterdrückt werden. Erreicht der Mensch eine Gesellschaft, die Ungerechtigkeit eliminiert, wird sein Leben dem des Hundes gleich. Das Menschliche Leben beruht also auf einem seltsamen Paradoxon: Es scheint Ungerechtigkeit zu brauchen, weil gerade der Kampf gegen Ungerechtigkeit das ist, was das Höchste im Menschen fordert. [S. 311]

Obwohl einerseits der Wunsch nach Gerechtigkeit und Bestrafung all zu oft in Abneigung der Schwachen gegen die Starken begründet ist, ist es auch eine unbestreitbare Tatsache, dass einige Individuen bewusst nicht nach Gemütlichkeit und Sicherheit suchen und nicht zufrieden sind mit dem Glück wie es die anglo-saxonisch utilitaristische Tradition versteht. Kampf und Risiko scheinen definitiv Teil der menschlichen Seele zu sein, insbesondere in Verbindung mit dem Wunsch, grösser zu sein als andere und sich selbst zu übertreffen.

Kapitalismus erlaubt nicht nur, sondern fordert positiv eine Form gemässigter Megalothymie im Streben des Wirtschaftens, das besser sein will als die Rivalen. [S. 316]

Liberale Demokratien können durch einen Überschuss wie durch einen Mangel an Megalothymie, also einen Überschuss an Isothymie, stürzen.

Ich würde nie Mitglied eines Clubs werden wollen,
der mich als Mitglied aufnimmt.

Groucho Marx:

Eine Gesellschaft ohne Mitglieder die als besser als andere betrachtet werden möchten und den Wunsch danach nicht als gesund und gut betrachten würden, hätte wenig Kunst oder Literatur, Musik oder intellektuelles Leben vorzuweisen. Und sie wäre unfähig sich gegenüber Gesellschaften zu verteidigen die mit mehr Geist von Megalothymie infiziert sind, deren Mitglieder auf Komfort und Sicherheit verzichten und nicht zögern würden, ihr Leben für die Herrschaft einzusetzen.

Eine ähnliche Wirkung wie die Thymie zeitigt die Langeweile. Allerdings ist diese nur auf Behebung des lästigen Zustandes selbst konzentriert und hat kein Ziel ausserhalb der Person. Sie wird heute konsequent vom Markt aus-genutzt, indem praktisch alles und jedes, vom Gemüse über Kultur bis hin zur Nachhaltigkeit als "Event" verkauft, und damit die Langweile als Symptom wegtherapiert wird.

Die postmoderne Form der Eventmarktwirtschaft und Eventpolitik hat den Menschen vollends verhausschweint (s. Konrad Lorenz, bei dem sich der Effekt noch auf mangelnde körperliche Tüchtigkeit und genetische Selektion bezog.). Es wird zugegebenermassen auch immer schwieriger, Bewegungs- und insbesondere Abenteuerdrang auszuleben. Konnte ich als Primarschüler noch im Wald und auf Baustellen rumtoben, Höhlen graben und Hütten bauen - Eltern wie Baustellenverantwortliche bekämen heute schon nur bei der Idee das Grausen. Die Kinder in den Wohnblöcken hier an der Inselstrasse haben ein paar Quadratmeter Grün zur Verfügung: Fussballspielen verboten. Rundum Industrie, gigantische Oeltanks, Tramdepots, Chemische Industrie, Strassen, Trams, Autos, ein paar eingezäunte Gärten - also suchen sie, sobald die Eltern sie raus lassen (müssen) das Abenteuer im Kickboxen, Extrembergsteigen, rock climbing, hang gliding, skydiving, marathon, triathlon, ironmen und ironwomen - und all dies sind Auswirkungen des unterdrückten Thymos.

Während die moderne Gesellschaft sich Richtung Demokratie entwickelt hat, ist das moderne Denken in einer Sackgasse gelandet, unfähig einen Konsens zu finden darüber, was den Menschen und seine spezifische Würde ausmacht, als Konsequenz also unfähig, die Menschenrechte zu definieren. [S. 337]

In unsern Zeiten wird Bürgerschaft am besten ausgeübt durch vermittelnde Institutionen, politische Parteien, private Korporationen, Gewerkschaften, Vereine, Berufsorganisationen, Kirchen, Eltern-Lehrer-Organisationen, Schulräte, literarische Gesellschaften etc.

Familien würden, basierend auf liberalen Prinzipien, nie gegründet. Kindererziehung und das Steuern des Eheschiffes durch alle Unwägbarkeiten des Lebens verlangt nach persönlichen Opfern die irrational sind, zumindest aus der Sicht von Kosten-Nutzen. Viele Probleme (steigende Scheidungsraten, mangelnde Autorität, Entfremdung der Kinder etc.) amerikanischer Familien (und vermutlich auch anderer) sind eben darauf zurückzuführen, dass sie auf liberaler Basis angegangen werden. Kriegt man/frau mehr (Aerger) als beim Vertragsschluss erwartet hat, steigt man/frau aus dem Vertrag eben aus.

Die persönlichen Beziehungen werden immer unstabiler auf Grund der Dynamik der kapitalistischen Unternehmen. Ein dauernder Wechsel von Ort und Art der Produktion macht es den Menschen schwer, an einem Ort Wurzeln zu schlagen, haltbare Beziehungen mit Mitarbeitern und Nachbarn zu knüpfen. Jeder muss sich selbst dauernd umstrukturieren (lebenslanges Lernen) für eine neue Karriere an einem neuen Ort. Der Sinn von Einheit und  Identität mit einem Ort schwindet. Die Kommunen verlieren den Zusammenhalt - bis die Individuen den Kommunen wieder gewisse Werte und Rechte geben, auch wenn dies bis zu einem gewissen Grad Intoleranz bedeutet.

Liberale Demokratien sind also nicht Selbstgenügsam. Das Gemeinschaftsleben von dem sie selbst leben entspringt einer anderen Quelle als dem Liberalismus.

Erfahrung zeigt, dass Menschen, wenn sie nicht für eine gerechte Sache kämpfen können weil frühere Generationen dies für sie getan haben, gegen diese gerechte Sache kämpfen werden. Sie werden Kämpfen um des Kampfes willen. Fukuyama zieht hier die 68er als Beispiel herbei mit ihren inkohärenten Idee einer besseren Gesellschaft, die zumeist aus Versatzstücken von Maoismus und ähnlichem zusammengebastelt waren. Dennoch gesteht er auch den 68ern zu, dass sie einen Kampf gegen eine Gesellschaft ohne Ideale führten.:

Das moderne liberale Projekt verlegte die Basis der menschlichen Gesellschaft vom Thymos auf den sichereren Boden der Wünsche (sogar dies schien zu viel, so dass man sie PR-mässig auf "Bedürfnisse" reduzierte. s. Rifkin).

Fazit: Die Geschichte ist noch nicht geschrieben:

Anstatt dass tausend Blumen spriessen sieht die Menschheit eher aus wie ein langer Wagenzug entlang der Strasse. Einige Wagen steuern direkt und rasch auf die Stadt zu, einige kampieren in der Wüste oder bleiben auf engen Pässen stecken. Einige werden von Indianern angegriffen, einige fahren im Schreck in die falsche Richtung, einige sind so müde, dass sie sich dort niederlassen wo sie grad sind, andere haben attraktivere Strassen gefunden. Die Wagen sehen alle gleich aus - wenn auch verschiedenfarbig und aus unterschiedlichen Materialien. Wenn ausreichend Wagen in die Stadt gelangt sind, könnte man behaupten, das Ende der Geschichte sei erreicht. Es könnte aber auch sein, dass die Bewohner, nachdem sie sich etwas umgesehen haben, diese nicht unpassend finden ... aber die Augen auf neue und weiter entfernte Reisen richten.

Martin Herzog, Basel, 12.10.05

 

p.s: Fukuyama hat in seinem neusten Buch: America at the crossroads. Democracy, Power and the Neoconservative Legacy. Yale Univ. 2006, seine politische Philosophie bereits wieder geändert. Wie viele andere Konservative (ausser Präsident & Co), anerkennt er das Fiasko das im Irak angerichtet wurde - obwohl er zu den Mitunterzeichnern des rechts-"intellektuellen" Aufrufs von 1998 gehörte, der Saddams Sturz forderte. Er kritisiert, dass die Gefahr des Islamismus überschätzt würde, und dass von der heutigen Regierung nun die selbe Methode des "social engineering" angewendet werde, die die erste Generation der Neokonservativen aus der Demokratischen Partei zu vertreiben half. Natürlich handelt es sich auch hier nicht um eine Abkehr von Machtpolitik, aber doch eine Rückkehr zur Politik der Allianzen und Internationalen Institutionen: "Amerikas Macht sei am wirkungsvollsten, wenn sie nicht gesehen würde", meint Fukuyama heute.

Wer solch kurzlebige und einseitige Meinungen medial breitschlägt, dürfte eigentlich nicht als Vordenker fungieren, und schon gar nicht als Philosoph, denn was immer Teil der Philosophie war, ist das systemische Denken.