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Restrukturierung und Reengineering sind bloss Rückzugsgefechte.

Um der enorm zunehmenden internationalen Konkurrenz zu begegnen, braucht es aber mehr Innovationen, neue und spezifische Güter und Dienstleistungen.

Frei nach: Der Verrat an der Arbeit. Ist der Kapitalismus noch vor sich selbst zu retten? William Wolman, Anne Colamosca. Scherz 1998

1. Produktivität und Restrukturierung

1.1 Der Unsinn der Angebotsökonomie

Geburt und Vermögen sind in dieser Welt offenbar die beiden Umstände, die einen Menschen über einen anderen erheben.

Adam Smith: Untersuchungen über die Natur und die Ursache des Nationalreichtums

Wolman und Colamosca  erklärten bereits 1998 die immer noch grassierende Angebotsökonomie zu Unsinn. Sie basiert auf dem Theorem von Say, das besagt, dass jedes Produkt seine Nachfrage findet (oder schafft). Dass dies nur zutreffen kann, wenn die Produktion auch entsprechende erweiterte Einkommensmöglichkeiten schafft, wurde bereits früher gezeigt (s. Say's Angebotstheorie). Dort wurde die heutige Unwirksamkeit des Theorems auf die alternativen Einsatzmöglichkeiten des Kapitals zurückgeführt. Wolman und Colamosca machen auf zwei weitere Probleme aufmerksam:
 

Diese Handarbeit ist einfach nicht effizient! Da müssen wir dringend rationalisieren!! Wir brauchen effizientere Tools und Abläufe, innovative Konzepte!!! Hier müssen wir mechanisieren!!!!

Nid bees wer ... aber s'isch dr Bagger gwer, wo d's Kabel nausgrisse het.

  1. Die Wirtschaftsgeschichte hat gezeigt, dass ein schneller Produktivitätszuwachs nur dann eine höhere Erwerbsquote und höhere Löhne bewirkt, wenn auf ihn ein schnelles Wirtschaftswachstum folgt, denn ansonsten wird einfach noch schneller auf Halde produziert.

    Wachstum in Prozent ist aber exponentielles Wachstum. Entweder werden die Mengen immer grösser - oder, bei gleich bleibenden Mengenzuwächsen, werden die Zuwachsprozente immer geringer. In gesättigten Märkten lassen sich aber die absetzbaren Mengen an Gütern kaum mehr erhöhen. Dies ist der Hauptgrund, warum Länder mit wirtschaftlichem Aufholbedarf heute ein starkes Wachstum zeigen, wirtschaftlich bereits sehr differenzierte Länder, wie Japan und die Schweiz, aber extrem Mühe haben, weiteres Wachstum zu generieren.

    Dies zeigt sich gleichfalls am Zuwachs der Produktivität, In GB vergingen ab 1780 fast 60 Jahre bis sich die industrielle Produktion pro Kopf vervierfachte, in Japan 34 Jahre ab 1880, in Südkorea 11 Jahre ab 1966.

    Die USA haben ab Mitte der 90er ein höheres Wachstum erzielt als Westeuropa und Japan, weil ihre Wirtschaftspolitik darauf ausgerichtet war, die Zugewinne der Arbeitenden zu begrenzen

    Die Produktivität stieg, aber auch die Arbeitszeit - bloss die Löhne blieben gleich - mit Ausnahme der obersten 1 - 5%

    Milton Friedman, Georg Stiegler und James Buchanan, alle drei konservative, rechte, nobelpreistragende Wirtschaftsexperten, verachteten die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik

  1. Steuersenkungen fördern das Einkommenswachstum und bringen höhere Staatseinkommen trotz tieferer Steuern - so die Parolen von Wirtschaftsverbänden und rechten Parteien. Wie falsch der Ansatz ist, belegen die Regentschaften von Reagan und Bush. Der Grund, warum die Gleichung nicht aufgeht liegt darin, dass die Ersparnisse entweder in billige Importwaren - oder für die Lotterie an der Börse - eingesetzt werden. Reagans angebotsorientierte Wirtschaftspolitik hat Japan mehr nutzen gebracht als den USA. Heute profitiert China davon. Profitiert haben im eigenen Land nur diejenigen, die das "rechte" Lied mitsangen. 18% der Steuersenkungen flossen ins Ausland. Zudem wird das Vermögen des reichsten %, also derjenigen die von Steuersenkungen profitieren, vor allem in Aktien, Rentenwerten und Unternehmensbeteiligungen angelegt, die der nächsten 9% in Eigenheim, Lebensversicherungen und Pensionen. Keine dieser Anlagen verbessert aber das Einkommen breiter Schichten oder führt gar zu höheren Staatseinkommen, da diese Anlagen oft eben gerade von Steuern befreit sind.

    Während das Arbeitseinkommen immer mehr Lasten zu tragen hat (Krankenkasse, Steuern, Sozial-Versicherungen), wird das Kapitaleinkommen immer stärker entlastet

Fazit:

In der Schweiz werden jährlich Umweltgüter für 7 Milliarden Fr., 1.7% des BSP, hergestellt, was 61'000 Arbeitsplätze (1.9%) erhält. 1.5 Mrd. davon werden exportiert, der Rest """belastet""" die Schweizer Wirtschaft mit 1.6% des BIP.

Reduziert man also die Vorschriften, oder besser gleich den Staat, wird Wirtschaften 1.6% günstiger - und die Sozialkosten steigen um fast den selben Betrag + Umweltschäden.

Derart ist die """Vernunft""" der Wirtschaft.

Wirtschaft lässt sich weder über eine Bevorzugung von Angebot noch über Nachfrage allein fördern. Wirtschaft ist ein doppelter, materieller und finanzieller, Kreislauf zwischen Produktion und Verbrauch. Fehlt Geld für Konsum, hat das die selben Folgen wie fehlendes Geld für Produktion: Ein wohlgeordnetes Wirtschaftssystem hängt von gegensätzlichen Faktoren ab, die im Gleichgewicht zueinander stehen müssen: Markt und staatliche Regulierung, Kapital und Arbeit, Gläubiger und Schuldner.

Was den Ruf nach Arbeitszeitverlängerung betrifft, Tages,. Wochen- wie Lebensarbeitszeit, zur Erhöhung der Produktivität, so scheint hier eine kollektive Amnesie zu herrschen. 1874 übernahm die Bundesverfassung die damals fortschrittlichste Arbeitszeitregelung - des Kantons Glarus. Die maximale Arbeitszeit pro Tag wurde auf 11 Stunden festgelegt. Diese überstand das fakultative Referendum 1877, eben weil man aus den Erfahrungen des Kantons Glarus wusste, dass die Arbeitsproduktivität mit der Arbeitszeitverkürzung ansteigt, und damit den Zeitverlust kompensiert. Seine Sie mal ehrlich. Wie viele Stunden pro Tag können Sie selbst wirklich produktiv arbeiten? Also bei mir sind's etwa 6. Bei ausreichenden Löhnen könnte also die Produktivität vermutlich nach wie vor eher durch Arbeitszeitverkürzung als durch Verlängerung gefördert werden.

 

1.2 Restrukturierung und Reengineering - der Kulturkampf des Westens

Kunde: "Gott hat die Welt in sieben Tagen gemacht, und Sie können mir eine verdammte Hose nicht in sechs Monaten machen?"

Schneider: Aber Sir, sehen Sie sich einmal die Welt an, und dann sehen Sie sich Ihre Hosen an."

Samuel Beckett

Unternehmen müssen abspecken, um sich dem globalen Wettbewerb stellen zu können - so der vielbeliebte Slogan der Unternehmer, wenn es um Stellenabbau geht. Dieser wurde in der Boomzeit der Restrukturierung (und Arbeitslosigkeit in der Schweiz) sogar von einem mittelständischen kleinen Bauunternehmer im Aargau verwendet - der mit internationalem Wettbewerb nun wirklich nicht viel zu tun hat.

Internationaler Wettbewerb ist auch nichts neues, er hat sich durch die Entwicklung in Asien bloss deutlich verstärkt. Bereits in den  60ern und 70ern z.B wanderte ein Grossteil der US-Autoindustrie nach Europa ab. Die Amerikaner erhielten bessere und günstigere Autos - verloren aber die Jobs und Detroit leidet unter urbanem Zerfall. Ein Jahrzehnt später verlor auch Europa - an Japan. Heute drohen weitere Teile industrieller Produktion nach China und Russland abzuwandern, grosse Teile der Dienstleistungen nach Indien.

Arbeit setzt eine neue Schöpfung an Stelle einer vernichteten.

An essay on the political economy of nations. London 1821, S. 13. Zitiert von Marx

Das, was nach Schumpeter die Stärke des Kapitalismus ist, die evolutive Entwicklung, der Aufbau durch Zerstörung, blieb aber auf der Strecke. Es wurden zu wenig neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt - also verlegte man sich aufs Sparen und Verkleinern, etwas nobler Rationalisierung und Reengineering genannt. Wolman und Colamosca bezeichen diese Phase als die Kulturrevolution des Westens (Die 68er waren so also eigentlich keine Kulturrevolution, sondern eine Kulturgegenreformation). In China entfernte die Kulturrevolution rückständige Elemente aus der Gesellschaft und ersetzte sie durch progressive Führungskader, oder brachte sie durch "Umschulung" auf den richtigen ideologischen Kurs. In den USA (und Europa?) verschrieben sich die Manager dem Reengineering, um ihre Loyalität gegenüber den Wachstums- und Zukunftsstrategien zu bekunden. In China wurden reaktionäre Elemente in der Öffentlichkeit durch Mitarbeiter diskreditiert - in den USA in Gruppensitzungen. Diese westliche Kulturrevolution machte, in Ermangelung produktiver Alternativen, die Opfer zu Tätern. Die Arbeitnehmer wurden für alle Probleme verantwortlich erklärt: Für die mangelnde Flexibilität bürokratisierter Betriebe, die Teilnahmslosigkeit hierarchisch eingespannter Arbeitnehmer, die fehlende Kundenorientierung, bürokratische Apathie, mangelnde Innovationskraft. Die Arbeitnehmer sind zu faul, zu dumm, zu unflexibel und zu teuer ... Beide Revolutionen bürdeten dem Arbeitnehmer die Verantwortung auf, sich selbst zu prüfen und zu verändern. Die RAVs (Regionale Arbeitsvermittlungen) übernahmen die Kontrolle des Dressurerfolges. Da Widerstand leicht zu beträchtlichen Einbussen führt (Einstelltage - bis zum Absprechen der Vermittlungsfähigkeit, die eigentlich einer Erklärung der wirtschaftlichen Überflüssigkeit gleichkommt und daher kaum verfassungsmässig sein kann, da die Verfassung die Existenz garantiert - und diese eben von den wirtschaftlichen Einsatzmöglichkeiten abhängt), fand und findet er kaum statt.

Der Kulturkrieg hatte hier fast eben so üble Folgen für die Kultur wie in Japan. Vor allem scheint die Zukunft des Kapitalismus heute von der Vorstellung abzuhängen, der einzelne sei nicht mehr so wichtig. (S. 98). Die Individuen wurden in immer kleinere Arbeitsplätze, oft Grossraumbüros unterteilt durch mobile Stellwände, eingepfercht, wo sie leichter zu überwachen waren. Das mittlere Management wurde als Aufbereiter der Informationen für oben, als Vermittler der Entscheidungen von oben, überflüssig. Die Flucht in Billiglohnländer ist billiger als die Disziplinierung eigener Mitarbeiter durch mittlere Kader. Da dieses abgebaut wurde, nahm die Integrationsleistung ab, es entstand ein erhöhter Kontrollbedarf - der meist durch den Einsatz von Aussenstehenden (Experten, Beratern) gedeckt wurde. Da diese beträchtlich höhere Gehälter beziehen als die "Restrukturierten", ging damit der Restrukturierungserfolg auch finanziell oft gleich flöten. Wer diese Wellen des Change Managements überlebt hat, sichert sich ab und zieht sich zurück, was bis zur inneren Emigration gehen kann.

Mittel und langfristig noch übler dürften aber die Folgen des erschwerten Berufseinstiegs für die  Jugendlichen, vor allem die weniger gut qualifizierten Jugendlichen, sein. Viele Menschen fühlen sich so bereits beim Start ins Berufsleben übergangen. Da die Hälfte der Bevölkerung per Definitionem einen IQ von unter 100 aufweist, lässt sich dieses Problem auch nicht durch Schulung lösen. Zudem verliert auch der Dümmste den Glauben an Sinn und Gerechtigkeit, wenn zwar für eine Stelle enorme Qualifikationen und Anstrengungen gefordert werden, es sich im Endeffekt aber doch bloss um einen "Sch....job" handelt, der keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten bietet [Wie etwa der Deutsche Grossfriseur, der kürzlich für 20 Stellen 600 Bewerbungen erhalten hat, aber keine ausreichend qualifizierten Bewerber darunter fand. Die Interessenten wussten oft nicht, wer der gegenwärtige Deutsche Bundespräsident ist. Wissen Sie's? [Nöööö, nicht Herzog: Köhler]. Wen interessiert's? Hier wird aktive Deklassierung betrieben, oft ohne triftigen Grund. [Diejenigen allerdings, die bei der Frage: "Wie viel sind 10% von 800 Euro" antworteten 8, 10, 1000 Euro, auch das gibt's, haben allerdings ein Problem]. Die Deklassifizierer laden 20, 30 oder mehr Bewerber zu Vorstellungsgesprächen ein, machen einigen Hoffnungen, nutzen aber die Mehrheit bloss aus, sich selber besser zu stellen: Ach, es ist so schwer. Man findet heute einfach kein gutes Personal mehr. Tretet sie in den Hintern.

Aber in seinem masslos blinden Trieb, seinem Werwolfs-Heisshunger nach Mehrarbeit, überrennt das Kapital nicht nur die moralischen, sondern auch die rein physischen Maximalschranken des Arbeitstages. Es usurpiert die Zeit für Wachstum, Entwicklung und gesunde Erhaltung des Körpers. Es raubt die Zeit, erheischt zum Verzehr von freier Luft und Sonnenlicht. Es knickert ab an der Mahlzeit und einverleibt sie womöglich dem Produktionsprozess selbst, so dass dem Arbeiter als blossem Produktionsmittel Speisen zugesetzt werden, wie dem Dampfkessel Kohle und der Maschinerie Talg oder Öl.

Karl Marx: Das Kapital 1.1 S. 287

Die Verweigerung der Existenzberechtigung durch die Verweigerung einer angemessenen Arbeit beschädigt Individuen wie die Gesellschaft, also die Beziehungen der Menschen untereinander. Die Auswirkungen können so weit gehen, dass sich Betroffene völlig aus der Gesellschaft zurückziehen. In Japan wird dies bereits als neue Krankheit beschrieben - und die Verantwortung dafür so natürlich wieder den Betroffenen in die Schuhe geschoben. Japan weist einen zunehmenden Anteil junger "Versager" auf, die derart frustriert sind, dass sie sich nicht mehr auf die Strasse trauen und ihr Zimmer kaum mehr verlassen. Aber auch Betriebsmitarbeiter können auf dauernde Angriffe gegen ihre Integrität (sei so, heisst morgen: sei anders, sei was man dir sagt zu sein) übersensibel reagieren und sich isolieren. Dauerkritik verunmöglicht spontane Reaktion, Intuition und kreatives Verhalten - also genau diejenigen Ingredienzien ohne die wir der zunehmenden Konkurrenz nicht entgehen können. Durch die durch Einschüchterung verursachte Einkapselung der Mitarbeiter wird aber die Organisation noch bürokratischer und starrer - statt innovativer. Bei dauernd wechselnden Ansprüchen (des Marktes, der Kunden, der Vorgesetzten) wird der Arbeitsplatz zur Bühne, auf der es gilt Loyalitäten, Verhalten, Einstellungen je nach Konstellation in kürzester Zeit zu ändern. Dass der Arbeitsplatz zusehends zur Bühne wird, zeigt sich auch daran, welche Bedeutung Aussehen, Fitness, Anzügen und weiteren Äusserlichkeiten zugemessen werden. Oder möchte die Emanzipation es als Erfolg werden, dass heute auch Männer sich Schönheitsoperationen unterziehen?

Noch übler aber für die Orientierung der Gesellschaft ist der Glaube an den Finanzmarkt: Die Verbraucherschulden stiegen. Die Menschen glauben, dass ein steigender Dow Jones sie davon befreien wird. Dieser Glaube wird von Rechts wie von Wirtschaft aktiv gefördert. Den Arbeitnehmern wird vermittelt, was gut für die Reichen sei, sei auch gut für sie. Und sie glauben das. Auch in der Schweiz.. Sie sehen ihre Interessen heute besser durch Fondsmanager vertreten als durch Gewerkschaftsvertreter. Dazu lassen sie sich ohne Gegenwehr aufs Unerhörteste beleidigen, indem sie den Vorwurf, ihre Dummheit und ungenügende Qualifikation sei schuld an der Lage, einfach hinnehmen (hinnehmen müssen, wenn sie als Arbeitslose beim RAV gelandet sind).

Innovation und Werbung schaffen keine neuen Märkte. Sie sind Teil des Wettkampfes, der um so wichtiger wird, je mehr sich der Wachstumsprozess sättigt und die einzige Möglichkeit, ein "gesundes" Wachstum aufrecht zu erhalten, darin besteht, dem Konkurrenten die Butter vom Brot zu nehmen.

Die Berechenbarkeit der Zukunft. Warum wir Vorhersagen machen können. Theodore Modis. Birkhäuser Verlag. Basel, Boston, Berlin. 1994. s. 209

Apropos RAV (Regionale Arbeitsvermittlung, das Schweizer Pendant zu den Deutschen Arbeitsämtern). Ein Arbeitnehmer der seinen Job bei den "schwachen" Strukturen kündigt, und sich beim Arbeitsamt mit der Erfolgsmeldung vorstellt: Ich habe meinen Beitrag zur Restrukturierung geleistet, darf, anders als Unternehmen, die tausende entlassen und meist dafür noch von der Börse belohnt werden, nicht mit Lob rechnen. Im Gegenteil, er wird für seinen lobenswerten Einsatz mit Einstelltagen bestraft. Anhand der Reintegration der Arbeitslosen zeigt sich das Scheitern der Restrukturierung am besten. Arbeitsvermittlungen haben den Auftrag, Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Arbeitslosen haben die Auflage, wollen sie die finanzielle Unterstützung nicht aufs Spiel setzen, alles zu unternehmen, um wieder eine Stelle zu erhalten - auch wenn diese nicht ihrer Ausbildung entspricht und das Gehalt tiefer liegt. Eine restrukturierungsfördernde Arbeitsvermittlung müsste eigentlich die Arbeitslosen an innovative Branchen vermitteln können, die nicht um 10, 20 oder 30% tiefere, sondern um 10, 20 oder 30% höhere Löhne bezahlen. In der Tat geschieht jedoch das Gegenteil. Wer lange genug sich mit den Ämtern rumgequält hat und ausreichend oft von Personalchefs vorgeführt wurde, nimmt irgend wann ein Angebot an, das wirklich am Rande ist, landet also in einem Restaurant, macht ein kleines eigenes Baugeschäft auf oder einen kleinen eigenen Detailhandel - und betreibt, auf eigene Kosten, Strukturerhaltung - oder wird zum "Unwert" erklärt und landet bei der IV (Invalidenversicherung: In-valid = un-wert). Restrukturieungsfeindlich ist auch die Haltung betr. Berufsausbildung. Wenn zu wenige Lehrstellen da sind, die sich die Jungen wünschen, kommt von den Alten sofort der Rat, dann nimmt man eben was da ist. Wir konnten auch nicht alles haben was wir wollten. Ich musste .... etcetc. Also eine Lehre als BäckerIn oder MetzgerIn - an Stelle der gewünschten Elektronik-, Informatik- oder Internet..Lehre. Die Absolventen solcher Notlösungslehren stehen vermutlich bereits bei Abschluss der Lehre wieder vor der selben Leere wie zu Beginn.

Auch hier wieder: Die Förderung bereits längst verserbelter Strukturen auf Grund einer nicht gerade intelligenten, antiquierten, aber gutbürgerlichen, Leistungshaltung. Wer sich zu Tode arbeitet kommt in den Himmel - ist das bürgerliche Pendant zu religiös motivierten Selbstmordattentätern.

Der Vorwurf gegenüber den Arbeitslosen, sie hätten zu wenig für ihre Weiterbildung getan, übersieht, wie stark die Qualifikationen und Anforderungen gestiegen sind. Der Vorwurf übersieht, dass die Anforderungen des Marktes inzwischen so schnell ändern, dass der Beruf oder zumindest das Ausbildungsprofil bereits während der Ausbildungszeit mehrfach ändern müssten. Der Vorwurf übersieht die hohen Quoten an Arbeitslosigkeit bei Universitätsabgängern (s. Bildung und Arbeitslosigkeit).

Einen amüsanten Versuch, uns mit den Folgen der Restrukturierung zu versöhnen, unternimmt Dr. Boris A. Zürcher in: Macht uns die Desindustrialisierung ärmer? [Schweizer Volkswirtschaft, 5-2005. S. 51-54].

1964 erreichte der Anteil der im industriellen (2.) Sektor tätigen mit 1.5 Millionen Erwerbstätigen das Maximum. 2003 sank er zum ersten Mal unter 1 Million. Zwischen 1992 und 1997 trugen Industrie und verarbeitendes Gewerbe 29% bei zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs. In den folgenden 4 Jahren sank dieser Beitrag auf 18% - während die Produktivität nun enorm wuchs bei Immobilien, Vermietung, Informatik (24%). Kreditgewerbe (17%), Verkehr und Nachrichtenübermittlung und Versicherungsgewerbe (12%). Die beiden letzteren leisteten also einen Drittel des Produktivitätszuwachses - wofür sich die wenigen Beteiligten fürstlich entlohnen liessen ... und sich die anderen heute noch fragen, worin denn diese Leistungen wohl bestunden.

Theorie:

Unternehmen mit geringer Produktivität verschwinden vom Markt und neue, produktivere und wettbewerbsfähigere kommen hinzu.

So weit so gut, aber: Macht, Grösse, Verlust an lebenswichtiger Infrastruktur - auf solche Argumente pfeift der nach Produktivität (Preis und Leistung, die innert einer bestimmten Zeit, mittels eines bestimmten Inputs an Kapital, Arbeit und Rohstoffen, erbracht wird) messende Markt. Wenn die wenigen notwendigen Güter immer rationaler erzeugt werden, dann müssen wir also immer mehr überflüssige Güter erzeugen und die Leute davon überzeugen, dass sie darauf nur gewartet haben? (Das Fragezeichen ist ein zynisches. Den Zustand haben wir ja längst. Er beinhaltet auch einige Chancen - allerdings nicht unter der Flagge der Produktivität sondern unter den Bannern: Sinn, Nachhaltigkeit, Ethik. Für Details s. Moderne Ökonomie: Umgang mit Knappheit oder mit Überschuss, Überfluss und Überdruss?).

Zürcher gibt zu, dass ein gewisser "trade off" herrscht zwischen Produktivitätszuwachs und Beschäftigungswachstum (Unangenehmes sagte man früher in Latein, heute in Fachchinesisch). Dieser trade off soll jedoch verschwinden durch die Zunahme der Gesamtbeschäftigung ?-!-? sagt Zürcher, gibt aber einige Probleme zu. So wissen wir etwa nichts über die Zukunftsaussichten einzelner Branchen - was eine ökonomisch sinnvolle Berufswahl eigentlich unmöglich macht. Des weitern lässt die Qualifikationslastigkeit des technischen "Fortschritts" die ungelernten, und die schwächeren IQs, hinter sich zurück. Bereits wortwörtlich genommen steckt da ja eine starke Aufforderung drin, mal nachzudenken. Ein Fortschritt, der von den Menschen, für die er sich positiv auswirken sollte, fort schreitet, hat zwar symbolisch den rechten Namen, verdient aber wohl kaum derart viel Anstrengungen.

Je höher das Tempo und die Intensität des Strukturwandels, umso höher sind auch die kurzfristigen Anpassungslasten für die Betroffenen.

Präzise. Und gerade weil die Schweiz z.B. in der Industrialisierung ein angemessenes Tempo gewählt hat, gab es hier keine Verstädterung, Landflucht und Massenelend. Die Industrialisierung setzte dezentralisiert, meist als gewerbliche Produktion ein, oft im Verlagssystem (Heimarbeit).  Die einen (Rondo Cameron: Geschichte der Weltwirtschaft. Klett 1991/92) halten das für ein Zeichen, dass die Schweiz nur zögerlich industrialisiert wurde, also zu den ersten Nachzüglern gehörte; die andern (Biucchi: The industrial revolution in Switzerland. In: C.M. Cipolla (Hrsg.): The Fontana Economic History of Europe. Band 4: The Emergence of Industrial Societies. Teil 2. Collins/Fontana. Glasgow 1973. S. 627-655) halten dies für ein deutliches Zeichen früher Industrialisierung. Anyhow. 1830 lag die Schweiz weltweit auf dem 2. Platz hinter Grossbritannien, 1860 auf dem Dritten, überholt von Belgien. Was den Export industriell-gewerblicher Güter betraf, stand sie mit grossem Abstand an der Spitze. Wenn wir in der Schweiz also Globalisierung beklagen, können wir Ursache und Wirkung sehr gut im eigenen Lande und anhand Schweizer Betriebe untersuchen.

Untypisch für die damalige Zeit war Basel, das äusserst stark industrialisiert wurde, während sich in Zürich bereits damals die Dienstleistungen stärker entwickelten. 1837 wurde die Inbetriebnahme der ersten Dampfmaschine der Schweiz,  in Basel, bewilligt. 1839 konstruierte George-Auguste Leschot im Auftrag von Vacheron-Constantin einen "Pantographen", der die einfache Vervielfältigung gleicher Teile in unterschiedlichen Grössen erlaubte. Den Durchbruch verdankt die Schweizer Uhrendindustrie aber der beginnenden Massenproduktion im völlig unreglementierten Jura.

Aus ähnlich günstige Bedingungen ist die Entwicklung der Basler Chemie zurückzuführen. Der Seidenfärber Alexander Clavel (> später CIBA: Chemische Industrie Basel) stellte 1859 erst Anilinrot in Lizenz her. Da in Frankreich ein strenger Patentschutz herrschte ... in der Schweiz  jedoch nicht, betrieben die Schweizer Chemiker bald das Selbe, das wir heute China vorwerfen: sie kopierten. Als auch die Schweiz Patentgesetze erliess, 1888, verlagerte sich die CIBA auf Teerfarben und 1889 auf Pharma. Ganz auf Arzneimittel spezialisierte sich von Anfang an (1896) Hoffmann-La Roche. Die chemische Industrie löste die Seidenindustrie als bedeutendste Branche ab. 2002 erwirtschafteten Chemie und Pharma in der Nordwestschweiz 20% der Nettowertschöpfung der Region. 1840 hatte der Anteil der Seidenindustrie am Baselstädtischen Volkseinkommen präzise gleich viel betragen. D.h., die lokale Exportindustrie hat ihre Stellung halten, nicht aber ausweiten können. Auch dies ein Argument gegen das Gelafer vom globalen Markt, der als einziger Chancen biete.

Bereits der Vorgänger der Chemie, die Seidenindustrie, muss exportieren um dem Preiswettbewerb auszuweichen. Moment, Päus'chen. Sie sehen aus der Formulierung, dass auch die Betriebe nie nach Wettbewerb riefen, sondern, im Gegenteil, durch Globalisierung eben dem Wettbewerb ausgewichen sind. Auch die Standortsverlagerung war bereits damals bekannt. Als 1836 Baden sich dem Deutschen Zollverein anschloss, vermied die Basler Baumwollindustrie diese Kosten, indem sie die Betriebe ins nahe Wiesental auslagerte.

Die vollständige Einbindung des Menschen in Produktions- und Konsumprozesse verunmöglicht ihm, zu erkennen, was er ist oder  eigentlich sein könnte, denn dazu braucht er, sogar wenn er Halbzeit arbeitet, meist fast ein halbes Jahrhundert. In der Midlifecrisis wacht er dann kurz auf, um danach vielleicht etwas anderes zu produzieren und zu konsumieren ...

Zeit für die Entwicklung des Seins lassen ihm Effizienz und Produktivität - die sich auf die Entwicklung des Habens beschränken - nicht mehr.

Im letzten Drittel des 20. JHs. verlagerte sich die Tätigkeit von rationalisierbarer industrieller Fertigung immer stärker auf die weniger rationalisierbaren Dienstleistungssektor. Dies dürfte einer der weiteren wichtigen Gründe sein, warum sich das Wirtschaftswachstum in den letzten 15 Jahren stark verlangsamt hat.

Mit der Informationstechnologie geht es nun aber auch hier dem Aufwand, und den Stelleninhabern, an den Kragen. In Basel etwa wurden in den letzten 10 Jahren 27% der Stellen im Detailhandel abgebaut: Grössere Flächen, weniger Personal, Selbstbedienung (selbst wägen). Hat Bern noch 8.2 Detailhandelsangestellte auf 100 Einwohner, sind es in Basel noch 6.5, im Baselland aber schon nur noch 4.3.

Um den Graben zwischen der hochproduktiven Exportindustrie (Banken, Versicherungen, Chemie, Pharma (s. Wirtschaftswunderknaben) und dem wenig produktiven schweizerischen Dienstleistungsbinnenmarkt zu verringern, empfiehlt Zürcher, ja ratet mal was ... natürlich die Wunderwaffe der Ökonomen: Mehr Wettbewerb. Während aber die durch Restrukturierung überflüssig werden Bauern in der Phase der Industrialisierung im 2. Sektor ein Ein- und Auskommen fanden, während die Mehrzahl der durch Restrukturierung freiwerdenden Angestellten in Dienstleistungen unterkam, so fragt sich heute doch: Was ist der 4. Sektor, in dem die von der Arbeit "Befreiten" nun unterkommen sollen? Das erinnert gar arg an die Befreiung des Irak ... und da hatten die Veranstalter genau so wenig Ahnung.

Das Thema wird kontrovers diskutiert, auch in Deutschland, und auch zwischen Experten, also Ökonomen. Dort vor allem unter dem Titel Basarökonomie, der vom Wirtschaftsprofessor (Ifo-Institut, München) Hans-Werner Sinn kreiert wurde. Sinn machte darauf aufmerksam, dass:

  1. immer mehr "deutsche Produkte" aus im Ausland gefertigten zusammengesetzt und vermarktet werden, was Stellen im Inhalt erhält, trotz Auslagerung der Produktion. Also eine Musterbeispiel internationaler Arbeitsteilung - aber ein Verlust an Fertigungstiefe und damit an Wissen.
  2. die Exportförderung aber einen weitaus geringeren Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen leistet, also Etikettenschwindel ist, weil der vorher importierte Anteil nicht aus der Exportstatistik getilgt wird. Im Jahr 2000 bestand die Ausfuhr zu einem Drittel aus dem, was zuvor importiert wurde. 1995 lag dieser Anteil nur bei einem Viertel. Heute bei 38%.

Die ausgelagerten Jobs müsste theoretisch durch besser bezahlte im Inland ersetzt werden. Nach Sinn funktioniert dies nicht, wegen zu hoher Sozialleistungen und zu hoher Löhne - die klassisch neoliberale Haltung. Im übrigen ... falls Sie das Argument nicht verstehen, dass ausgelagerte Jobs durch besser bezahlte im Inland ersetzt werden müssten ... und dass dazu tiefere Löhne notwendig sind ... da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ausser man meint vielleicht, bessere Löhne für die Organisatoren des Bazars, und tiefere für die Kulis. Eine Klärung versuchen Bofinger und Sinn im Gespräch. Bofinger vertritt eher die Nachfrageökonomie, mit der Begründung, dass 60% der Produkte Deutschlands in Deutschland selbst konsumiert werden und dass hier die Kaufkraft fehlt:

Wenn der Bauer will, dass ihm seine Kuh anständig Milch gibt, muss er dafür sorgen, dass sie auch genug zu fressen hat.

Sinn tut das ab mit Argumenten wie etwa:

Die Geringqualifizierten sind auch deshalb arbeitslos, weil sie ihren Mitbürgern zu teuer sind.

Die meisten Geringqualifizierten leben aber eh am Existenzminimum. Müssen wir von solchen Wirtschaftsexperten demnächst Forderungen hören die in Richtung Elimination produktionsunwürdigen Lebens gehen? Es hat noch weitere derartige "Möcken" drin, bei denen einem übel wird ... oder sich einem die Faust ballt. Tendenziell erwartet Sinn von den Arbeitern, dass sie mehr arbeiten für gleichen Lohn, weil sie ja von günstigeren Gütern profitieren. Er verschweigt, dass die Produzenten von genau der selben Ermässigung profitieren - setzt aber so die Diskussion zwischen Arbeiter und Unternehmer um die Verteilung des Mehrwerts aus. Rhetorischer Betrug, Sinns Ökonomie.

Werden heute Wettbewerb, Produktivitäts- und Effizienzsteigerung als Mittel gepriesen, die zu mehr Wachstum führen und damit auch alle sozialen Probleme lösen, zeigt die Erfahrung der Grossen, die bereits über 150 Jahre Erfahrung mit der Globalisierung haben, wie nötig Kooperation und Abstimmung sind, will man nicht so viel produzieren, dass der Preiswettbewerb alle miteinander ruiniert. Wir haben hier das Problem, das mal als 20/80 bezeichnet wurde. Würden alle Güter und Dienstleistungen so effizient produziert und verteilt wie das bereits bei heutigem Stand der Technik möglich wäre, könnten 20% der Bevölkerung alles liefern, was 100% brauchen. Das Problem, womit die andern 80% bezahlen sollen, bleibt dabei ungelöst. Zur Zeit wird die Finanzierung des Zwangskonsums der vom Markt ausgeschlossenen noch vom Staat finanziert. Je höher aber dieser Anteil wird, desto stärker sinken die Möglichkeiten des Staates.

Dass die Geringqualifizierten den Mitbürgern zu teuer sind ist auch reine Dummheit, gemessen an den "Zwangsausgaben". Darunter verstehe ich hier nun nicht bloss die unter dem vorgehendenLink aufgeführten, sondern quasi das Existenzminimum. Je höher der Wohlstand einer Gesellschaft, gemessen als BSP oder Binnenproduktion, desto mehr wird durch Boden- und Immobilieneigentümer abgeschöpft über Miete, durch Versicherungen wie Krankenkasse, durch Staat über Steuern, durch Medien, Detailhandel und was auch immer. Lebt man im Irak oder Jemen mit 1000$ pro Monat relativ fürstlich, inklusive Miete für eine Villa, sind das hierzulande 2/3 des absoluten Minimums um überhaupt überleben zu können. Ein steigender Lebensstandard bei bloss einem Teil der Bevölkerung, ist also nicht bloss ein Neidproblem. Er zieht sämtlich Kosten nach oben, auch für diejenigen, die bereits am Rande sind. Das Problem wird zur Zeit von hinten her zu lösen versucht, durch Parallelimporte, effizientere Produktion, Leistungssteigerung. Da dafür aber diejenigen, die bereits (fast) nichts haben bezahlen, mit ihren Löhnen oder gar Arbeitsplätzen, kann der Schuss nur nach hinten losgehen. Das Problem, das es hier und heute zu lösen gilt, ist die Existenzsicherung auf Subsistenzbasis - auf doch einigermassen hohem Niveau. Tomaten auf dem Balkon zu züchten bringt da wenig (ein paar Kräuter schon, aber eher kulinarisch als finanziell). 1000.-Fr-Jobs sind ebenfalls eher Dressurmassnahmen: Der Glaube an den Erfolg durch Wettbewerb darf nicht aufgegeben werden. Die Perspektive hier ist allerdings die eines Radfahrers, dessen Reifen platt und dessen Räder verbeult sind - während das Feld längst den Augen entschwunden ist.

Beispiel erwünscht? Unter den ersten die darauf abfahren ist der Schweizer Cafetier-Verband, der Arbeitslose einsetzen will, um Patisserie-Wägelchen rumzuschieben ... und damit den Gästen auf den Keks zu gehen.

2. Die Zunahme der internationalen Mittelschicht - und damit der Konkurrenz der Arbeitnehmer

Die globale Mittelschicht (Tabelle 3, S. 62 nach DRI/Mc Graw Hill):

Hauptregion

Bevölkerung in Millionen

Mittelschicht in % Mittelschicht
USA & Kanada
Westeuropa
Osteuropa
Lateinamerika
Naher Osten
Ferner Osten
Südasien
Afrika
Weltbevölkerung
279
 378
 347
 447
 259
1812
1130
 664
531
83
78
69
19
13
31
 8
 5
29

 232
 295
 239
  85
  34
 562
  90
  33
1570

In der ersten Hälfte der 80er belief sich der Nettokapitalfluss in die emerging markets auf jährlich 50 Milliarden $,  1993 bereits 110 Milliarden. Die Investitionsrate weltweit betrug zur Zeit der Publikation 55% derjenigen der Industrieländer und soll laut einer Schätzung von DRI/Mc Graw Hill bis 2010 auf 125% steigen, womit die industrielle Produktion wie das BIP der Entwicklungsländer das selbe Niveau erreichen wird - womit das wichtigste Ziel der Entwicklungszusammenarbeit erreicht wäre.

Dabei entstehen allerdings nicht bloss neue Märkte, sondern auch neue Probleme, wie z.B. der zur Zeit enorm steigende Verbrauch an Rohstoffen (und Preisen), wie die zunehmende Konkurrenz der Arbeitnehmer. Die USA vermochten bis anhin ausländische Investoren zu halten, da sie die Kosten (Löhne) tief hielten. (s. Neoliberalismus). Dies betrifft nicht nur niedrig Qualifizierte, sondern immer mehr auch höchstqualifizierte. Die Einstiegsgehälter von Akademikern fielen von 1989 bis 1995 inflationsbereinigt um 15%, bei Frauen 13%.

Wo der Erfolg der Amerikanischen Produktivitätssteigerung und Exportsteigerung gefeiert wird - wird aber auch übersehen, dass die Handelsdefizite dennoch weiter zunehmen.
 

Tabelle 7:, S. 163: Wachsende Akademische Konkurrenz für die USA. Quelle: Economic Policy Institute.

Land

Jährliche Absolventen in 1000

Ingenieurwesen

Naturwissenschaften

China
Japan
USA
Deutschland
Mexiko
Indien
Südkorea
Tschechien
Taiwan

113
  81
  80
  38
  30
  20
  26
    9.4
    8.9

  40
  25
105
  26
  10
147
  23
    3
    7

Charles Murray (The bell curve: Diplome sind eigentlich Intelligenztests) war also zu "optimistisch" - wie alle, die vor allem für die wenig Qualifizierten schwarz sehen. Natürlich wird es weiterhin so bleiben, dass Akademiker mehr verdienen Arbeitnehmer mit normalem Schulabschluss, Ausgebildete mehr als nicht ausgebildete, Menschen mit Schulabschluss mehr als solche ohne (s. Lohnfaktoren. s. Jeremy Rifkin: Wissensgesellschaft, Zweiklassengesellschaft).  Dem Lohnanstieg der besser Qualifizierten entgegen wirkt aber bereits die interne Konkurrenz. Die Anzahl der amerikanischen Schüler mit Abschluss, die sich in ein College immatrikulierten, stieg z.B. von 49% im Jahr 1980 auf 62% im Jahr 1992. Ähnliches passiert in den meisten Ländern - am intensivsten allerdings dort, wo der Anteil der Mittelschicht erst noch in Entwicklung begriffen ist, also China und Indien.

Die asiatische Gesellschaft hat übrigens nicht bloss den Vorteil gut ausgebildeter, williger und billiger Arbeitskräfte, sondern die asiatische Gesellschaft verfügt auch immer noch über gut ausgebildete und funktionsfähige soziale Netze. Die Grossfamilien sind noch weitgehend intakt. Was die moderne Wirtschaft im Westen zerstört hat, dient ihr im Osten. Die asiatische Mittelschicht kann sich darauf verlassen, dass sich die Familie um Grosseltern und Kinder kümmert - was hierzulande enorme Kosten für Alterspflege auf der einen, Kinderkrippen auf der andern Seite verursacht.

Seit den 50er Jahren führte die Mittelschicht in den USA, Europa und Japan ein bequemes Dasein. Nach dem Ende des kalten Krieges stieg der Wettbewerb sprunghaft an. Auch die wirtschaftliche Elite, die Kopfarbeiter (brainworker), 20%, Fachkräfte, Techniker, Beamte, Manager, Einzelunternehmer, sieht sich steigender Konkurrenz ausgesetzt. Statt mit 2.3 muss nun jeder Amerikaner mit schätzungsweise 21 Mitbewerbern weltweit konkurrieren.

Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Haben uns bisher bereits relativ kleine Länder wie Japan (100 Millionen), Südkorea (44 Millionen), Taiwan (21 Millionen), Singapur (3 Millionen), und Hongkong 6 Millionen) wirtschaftlich in Bedrängnis gebracht, wie wird das aussehen, wenn Indien, China und die ehemalige UDSSR alle auf kapitalistische Konkurrenz setzen? Auch die Städte dieser neuen Wirtschaftsgebiete haben eine ganz andere Grösse und Potential als wir das gewohnt sind. Mexico-City 24 Millionen, Sao Paulo 24 Millionen; Bombay, Knotenpunkt regionaler Finanz- und Unterhaltungsindustrie, 15 Millionen, Bangalore 3.3 Millionen, - die für 10% eines US-Lohnes arbeiten; Mexiko-City 8.3 Millionen,  Shanghai, Finanz- und Fertigungszentrum, 8 Millionen und Jakarta 3.8 Millionen ... bis 2025.

Nur wer besonders charakteristische Arbeit leistet, die in der Regel mit Kreativität einhergeht und sich nicht einfach reproduzieren lässt, kann sich dem Wettbewerb bis zu einem gewissen Grad entziehen.

 

3 Übermässige Abschöpfung durch das Finanzsystem

Früher wollte ich - für den Fall, es gäbe die Reinkarnation - gern als Präsident oder Baseballstar wiedergeboren werden. Heute käme ich lieber als Rentenmarkt zurück. Damit kann man jeden einschüchtern.

James Carville

Mitte der 90er Jahre ist mit dem Einzug des elektronischen Börsenverkehrs der Gesamthandel des Finanzsektors auf das 30- bis 40-fache des Gesamtumsatzes der "realen" Welt geklettert.

Das Problem des wachsenden Anteils des Finanzmarktes am Bruttosozialprodukt, der Finanzquote, wurde für die Schweiz von  Vontobel (2002) behandelt. Wolman-Colamosca äusserten eine ähnliche Kritik bereits 4 Jahre früher: Der Bestand an Finanzderivaten betrug damals 50'000 Milliarden US-Dollar. Täglich wurden 1500 Milliarden $ an der Börse gehandelt, aber nur 100 Milliarden davon dienten dem Transfer reeller Werte - der Rest ist spekulatives Kapital.

Die an der New Yorker gehandelten Konzerne erzielten zur Zeit der Analyse durch Lawrence H. Summer ein jährliches Einkommen von etwa 314 Milliarden Dollar. Die Kosten der an der Börse tätigen Investmentgesellschaften betrugen 53 Milliarden Dollar. Dazu kamen aber noch 20 Milliarden an Honoraren für Analysten, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und Programme zur Aktionärspflege. Für den Finanzmarkt wurden also 73 Milliarden aufgewendet, was einem Viertel der Gewinne der grössten Amerikanischen Konzerne entspricht. Fazit: Je mehr die Wall Street verdient, desto weniger bleibt für Investitionen, Löhne und Verbraucher übrig.

Die Verbreitung einer ausgereiften Finanzstruktur ist nicht notwendigerweise die Eintrittskarte ins Paradies, sondern eher ein Omen dafür, dass das Land gerade die letzten Meter zum Gipfel erklommen hat und sich nun dem Niedergang gegenübersieht.

Mitte des 18. JH. investierten die niederländischen Finanziers nicht mehr in die Technologie des eigenen Landes sondern in den britischen Finanzmarkt. Die Niederlande gingen nieder und GB wurde gross.

Am Anfang des 20 JHs. befand sich dann allerdings GB in der selben Situation. Die technologische Vorherrschaft war abgenutzt - und der Finanzsektor behauptete von sich, der eigentliche Schöpfer des Wohlstands zu sein.

Macht des Kapitals, auch des Antikapitals, der Schulden:

Wenn du einer Bank zehn Millionen schuldest, kannst du mit ihr machen, was du willst; schuldest du der Bank zehntausend, macht sie mit dir, was sie will.

Die Finanzexperten können heute eine Position besetzen wie die Priester im Mittelalter und absolutes Vertrauen für ihre "Vermittlung" verlangen. Die Argumente sind in etwa die selben:  Die Materie sei zu komplex sei für den normalen Bürger und die Abschottung geschieht über das selbe Mittel, über eine Sprache, die niemand versteht.

Die Banken profitieren davon. Die Bankmargen werden nicht vom Wettbewerb am Markt bestimmt, sondern von den Profiteuren. Dank Solidarität, nicht dank Wettbewerb: Tiefe Nationalbankzinsen werden nicht weiter gegeben. Margen erhöhen sich, Gewinne boomen, Banken florieren. Die Marge ist seit Ende des kalten Krieges extrem hoch. Betrug sie in den 60er Jahren 1.1%, stieg sie in den 70ern auf 1.17%, erhöhte sich aber seit 1988 auf 2.6%. Bei Kreditkarten betragen die Zinssätze 16.9% - während die Banken untereinander 3.36% bezahlen.

Das Erwachen dürfte für viele brutal werden. Jeremy Siegel, Aktienguru der USA, der den Börsenboom 1990 richtig vorhersagte - aber auch das Platzen der Blase 2000, warnt vor der Entwicklung. Die Alterssicherung der Babyboomer besteht zu einem grossen Teil aus Aktien. In den nächsten 20 bis 40 Jahren wollen alleine in den USA 80 Millionen Rentner vom Verkauf von Aktien leben ... was nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage sowieso zu einem Kursturz führen wird. Dazu kommt das Problem der Überalterung der westlichen Gesellschaft. Es stehen gar nicht mehr so viele Junge da, noch weniger mit so viel Geld, die die Aktien kaufen könnten. Noch vor wenigen Jahren habe viele, in dem Falle sogar CASH, in Kapitalanlagen mit guten Zinsen die Lösung der Probleme der AHV, d.h. den Ersatz, gesehen. Offenbar geht diese Lösung aus präzise den selben Problemen (viele Alte - wenig Junge > viele Alte mit Aktien - wenig Junge mit Geld) in die Hosen.

Siegel sagt auch deutlich, dass Sparen das Problem nicht löst. Gespartes Geld muss in produktive und innovative Anlagen und Unternehmen investiert werden, sonst wirft es keine Rendite ab. Innovation und Entdeckungen kommen also vor dem Sparen. Japaner und Schweizer sparen viel, viel mehr als die US-Amerikaner - aber ihre Wirtschaft stagniert.

Es sind aber nicht die Banken und das Finanzsystem, die Innovationen und Entdeckungen schaffen ... ja sogar finanzieren. Dies tun sie erst, wenn sie sicher sind, dass mehr Geld zurückkommt als reingesteckt wird. Forscher und Entwickler jedoch können mit dieser Hypothese nicht arbeiten.

Diese Graphik von Morgan Stanley zeigt deutlich, dass immer weniger mit Löhnen, immer mehr durch Kapital verdient wird. Das Kapital aber ist nicht breiter gestreut, sondern immer enger, d.h. unter immer weniger Bürger! ... dies trotz gesteigerter Produktivität, also mehr Arbeit die auch mehr Profit bringt:

[Carigiet, Mäder, Opielka, Schulz-Niewandt (Hrsg.): Wohlstand durch Gerechtigkeit. Rotpunktverlag. Zürich. 2006. S. 210]

3.1 Besessenheit mit Inflation - obwohl Deflation droht

Durch die Besessenheit mit der Inflation, fallen die Zinsen der Schuldner (in der Regel junge Familien) den Zinsen der Gläubiger zum Opfer - Bankiers und Menschen, die möglicherweise schon seit langer Zeit von ihrem auf dem Renten- und Aktienmarkt eingesetzten Kapital leben.

Seit dem Ende des kalten Krieges konzentriert sich die Bemühung der Regierung in Washington darauf, den Anforderungen des Finanzsektors gerecht zu werden. Die Politik darf auf die Zentralbank keinen Einfluss nehmen. Die Zentralbank bestimmt aber immer mehr die Politik. Laut Doktrin der Federal Reserve muss die Arbeitslosigkeit zwischen 5 und 6% gehalten werden, um die Inflation nicht anzuheizen und die Wirtschaft darf nicht mehr als 2.5% pro Jahr wachsen.

Greenspan lockerte die Zinsen jeweils nicht zur Förderung der Wirtschaft, sondern zur Förderung der Börse. Er konnte sich die letzten 10 Jahre darauf verlassen, dass das zusätzliche Geld nicht in inflationsfördernden Konsum ging, sondern an den Finanzmarkt, wo es immer wieder zu Spekulationsblasen führt. Es ist also nicht zu wenig Geld da, sondern zu viel - aber am "falschen" Ort, weil unproduktiv.

Wirtschaftszyklen dienen erfolgreich dem Erwerb günstiger, weil illiquider Firmen, wie auch der Verhinderung von Lohnerhöhungen. In Zeiten schwacher Konjunktur hat ha inzwischen jeder Verständnis, ja Mitleid, mit den armen Unternehmern und bezeichnet jede Forderung der Gewerkschaft auf höhere Löhne als irrational, würde wohl gar Forderungen nach tieferen Löhnen (bei andern natürlich) applaudieren. Steigt die Konjunktur, werden erst die Vorräte abgebaut, dann Überzeit geleistet, dann Temporärarbeiter eingestellt - und da so ein Zyklus normalerweise 3 Jahr dauert, ist damit der Gipfel bereits erreicht oder überschritten. Es sind dann also bloss noch die "Dummen", die neues Personal einstellen oder gar höhere Löhne zahlen. Die Gewerkschaften kommen so fast regelmässig zur falschen Zeit mit ihren Forderungen. Denn nun, beim Gipfel der Hochkonjunktur angelangt (September 06 z.B.), sehen die Manager natürlich schon den nächsten Abschwung, und verhalten sich entsprechend zurückhaltend.

Wie Sie anhand der Graphik rechts ersehen, dauern Wirtschaftsbooms meist nur 1 bis 3 Jahre, wobei sich die Börsenkurse im Durchschnitt etwa verdoppeln. 1949 und 1990 waren hier extreme Ausnahmen, wobei letztere allerdings den Arbeitnehmern nichts gebracht hat ausser Aerger, trotz der extremen "Wert"-zuwächse an der Börse, also einer glatten Verdreifachung.

4. Lösungsansätze

  1. Mehr Wachstum, denn Produktivitätswachstum bedarf einer höheren Nachfrage, sonst wird es primär durch Kosteneinsparungen und Fusionen erzeugt.
  2. Mehr Geld für Forschung und Entwicklung. Verstärkung der Anstrengungen in Bildung.
  3. Mehr Macht für den Zentralstaat. Macht bei den Bundesstaaten (Föderalismus) begünstigt das Kapital im Vergleich zur Arbeit, wegen Standortsmarketings.
  4. Mehr Keynes, eine Politik der Vollbeschäftigung, die in den USA eigentlich im Full Employment Act von 1946 stipuliert wird, der die Regierung der USA dazu verpflichtet, Wachstum  und Arbeitsplätze zu schaffen.
Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkansätzen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben.

Albert Einstein

.... d.h, äh, Moment mal. Wir sehen eigentlich aus obigem Gespräch von Bofinger<>Sinn, wie aus der Tagespresse (Mittelinks<>Mitterechts), dass es offenbar zwei Arten von Ökonomie gibt, eine Angebotsökonomie (Man muss nur billig anbieten, alles andere löst sich von selbst) und eine Nachfrageökonomie (Wenn die Leute Geld haben, werden sie sich dafür auch was leisten) die offenbar nicht nur wie zwei Sekten sich bekämpfen, sondern in derart unterschiedlichen Kulturen zu leben scheinen wie sagen wir der Islam und das Christentum. Da wir inzwischen fast 200 Jahre Erfahrung mit dem Liberalismus haben, müsste diese Frage eigentlich durch die Gelahrten zu klären sein, was uns einiges Gelaber ersparen würde.

Die Lösungsansätze von Wolman-Colamosca sind etwas floppsig. Insbesondere die Hauptstrategie - mehr Geld, auch wenn dadurch Inflation entsteht - ist: Unsinn. Nicht mal so sehr wegen der Inflationsprobleme, sondern darum, weil eh zu viel Geld im Spielkasino der Börse im Umlauf ist. Und weiteres zusätzliches Geld ginge, in Ermangelung ähnlich "produktiver" Anlagemöglichkeiten, den selben Weg.

Mehr Zentralstaat ... na ja, damit dann der ganze Staat den selben Fehler betreibt, den bisher die Teilstaaten betrieben? Die EU hat ja präzise das Problem, das mit der Einheitswährung keine nationale Geldpolitik mehr möglich ist und die Teilnehmer keine unterschiedlichen Risikostrategien fahren können.

Weitere Lösungsansätze s. Moderne Wirtschaft

Wir müssen beide Seiten der Restrukturierung im Auge behalten. Heute wird Restrukturierung entweder beklagt oder gelobt, weil sie die vorhandene Arbeit auf weniger Hände verteilt, was für die einen profitabel, für die andern existenzgefährdend ist. Trotzdem lässt sich Restrukturierung, also Umstrukturierung, Veränderung der Strukturen, nicht verhindern. Sie ist der Puls der Marktwirtschaft. ABER - der durch Restrukturierung bedingte Abbau von Strukturen, damit von Stellen und Löhnen, muss an anderem Ort durch den Aufbau neuer Strukturen, neuer Stellen, neuer Existenzmöglichkeiten aufgefangen werden.  Zu beklagen ist also die einseitige Ausrichtung der Restrukturierung auf Abbau - statt auf Aufbau und Umbau. Wir brauchen eine andere Wirtschaft, denn bald können Maschinen, also Kapital, fast alles produzieren, was wir benötigen. Wenn aber nur noch das Kapital verdient ...

Restrukturierung als Prozess aus Destrukturierung und neuen Strukturen muss optimiert werden. Ein Mass für fehlende Optimierung ist insbesondere die Anzahl der Arbeitslosen, aber auch das sich offenbar verstärkende Lohngefälle zwischen Neofeudalisten und dem Fussvolk. Diese Faktoren belegen, dass der Markt sich eben schlecht selbst reguliert.

Martin Herzog, Basel, 24.4.05

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Zu präzise gegenteiligen Empfehlungen kommt (natürlich) das SECO. Die VOLKSWIRTSCHAFT, Magazin für Wirtschaftspolitik, Nr. 78, vom Juni 2005 sollten Sie lesen, falls Sie sich für die etwas problematischen Zusammenhänge zwischen Wissenschaft und Philosophie interessieren. Es wird mal unterschieden, zwischen Strukturwandel und Strukturbrüchen. Während erstere zu einem langsamen Wandel führen, in dem die "Freigesetzten" vom Arbeitsmarkt laufend wieder absorbiert werden, sind Strukturbrüche plötzliche, schockartige Einbrüche, bei denen keine anschliessende Erholung eintritt (wie etwas die Angliederung Ostdeutschlands, oder die Befreiung des Irak ...). Strukturbrüche haben Konjunktur seit dem Zusammenbruch des Kommunismus, also ca. 1990. Seither kann sich die kapitalistische Wirtschaftsform (fast *) ohne Rücksicht durchsetzen.

Antithesen:

Aber:

Sie sehen, dass Ökonomen, obwohl sie eine der komplexesten Wissenschaften betreiben, doch recht beschränkt sind, da sie eine Volkswirtschaft alleine nach recht beschränkten wirtschaftlichen Prinzipien, nämlich der Produktivität, ausrichten wollen. Ein Ausrichten der (Entwicklungs-)Politik nach Produktivität würde bedeuten: Hoch mit Blau - nieder mit Grau und insbesondere Schwarz - wohl kaum ein mehrheitsfähiges Konzept - wohl kaum ein vernünftiges Konzept - wohl kaum ein akzeptables Konzept, aber ein Konzept das deutlich zeigt, wie stark sich der Neofeudalismus vom Boden gelöst hat.

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/industrie_und_dienstleistungen/uebersicht/blank/publikationen.Document.25965.html

Nebenbei ... falls Sie sich ärgern, weil Sie zu den unproduktiven gehören, obwohl Sie sich (fast) zu Tode arbeiten, dann müssen Sie sich bloss klar machen, dass Produktivität in Geld gemessen wird. Wer also hart arbeitet, aber dafür nichts kriegt, wie die Bauern, ist unproduktiv. Produktivität Hat also nicht das geringste mit faul oder ineffizient oder dergleichen zu tun, sondern ist ein rein finanzielles Kriterium. 1000.- Fr Jobs sind also nicht geeignet, die Produktivität zu erhöhen ...

Sie sehen also, womit wir rechnen dürfen, wenn wir auf ökonomische Wissenschaftler hören: Privatisierung - wer zahlen kann bezahlt, wer nicht, ist selbst schuld. Wald? Was nicht rentiert, hat keine Existenzberechtigung. Landwirtschaft? Wenn wir Nahrungsmittel billiger importieren können, wozu Landwirtschaft? Rationalisierung hat also wenig mehr zu tun mit dem Begriff, der dahinter steht: Ratio, die Vernunft. Rationalisierung ist betriebsindividualistische Wirtschaftskriegsführung, ohne Rücksicht auf die Volkswirtschaft.

Da die Ökonomie darüber entscheidet, ob wir gut leben oder schlecht leben, oft sogar, ob wir leben oder verrecken,
darf sie nicht den Ökonomen überlassen werden.

Um so weniger, je stärker diese zum wirtschaftlichen Tunnelblick neigen, kurzum, je beschränkter sie sind.

Die Sache mit den Brüchen und dem vorzuziehenden Wandel wird auch nicht aufgelöst. Das erwartete überproportionale Wachstum im Gesundheitssektor (von 2001 bis 2020 von Index 100 auf 155 - also eine Verdoppelung!) müsste bezahlt werden, der Bedeutungsverlust der landwirtschaftlichen und forstlichen Produktion wird sich durch Landschaftswandel und Naturkatastrophen bemerkbar machen

Es ist richtig, dass Wirtschaft, wie die Natur, nicht nur Wachsen, sondern auch Sterben und Vergehen bedeutet. Aufbau und Abbau sollten aber in einer gewissen Harmonie erfolgen. Das Idealbild dafür ist der Plenterwald, in dem auf jeder Fläche alles vorhanden ist, Platz für Sämlinge, Jungwuchs, Dickicht, Stangen, Baumholz, Starkholz. Strukturwandel entspricht also der "Ernte" einzelner Betriebe, dem Aufbau einzelner Betriebe - Kahlschlag dem Niedermachen ganzer Branchen und dem Aufbau ganzer Cluster, meist in Monokultur. Strukturwandel, wie vom SECO gepredigt, entspricht leider dem Bild des Kahlschlags - eines Kahlschlags ohne Wiederaufforstung.

Die klassische Politik verfehlt hier ihr Ziel aus mehreren Gründen:

  1. Weil sie innerhalb historischer Strukturen arbeiten muss, die längst durch wirtschaftliche Strukturen überrollt wurden.

  2. Weil sie so, weder die regionalen Strukturen, noch weniger regional notwendige Funktionen, systemisch organisieren kann.

Lösungsansatz: s. Funktionspolitik

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* 50% Abgaben heisst 50% Marxismus (Blocher, neoliberaler Oberschwätzer der Schweiz, am 10.6.05).

Würden die Ökonomen obige Daten richtig interpretieren, so sähen sie gleich den wahren Ursprung des Problems: Die Mieten/Zinsen schöpfen einen übermässigen Anteil des Bruttosozialprodukts ab. Land ist knapp in der Schweiz, und die Eigentümer lassen sich die Nutzung diesen knappen Gutes, samt dem durch öffentliche Ausgaben für Verkehrserschliessung entstehenden Mehrwert, fürstlich entlohnen. Hinter diesen Mieten stehen aber vor allem Banken, denen ein grosser Teil der besessenen Häuser zu eigen (Eigentum) sein dürfte. Also die Branche, die viele Probleme recht eigentlich erst verursacht, und dabei noch profitiert, wird von den Restrukturalisten noch dafür gelobt. Und hier ist sogar der Wettbewerb der Meinungen äusserst selten.

Seit Jahren liegt zudem die Kapitalquote bereits höher als die Staatsquote. Letztere, die dem Staat die Bereitstellung von Diensten für die Bevölkerung erlaubt, wird kritisiert, erstere, die dem Kapital hilft, sich noch mehr zu vergrössern, wird gelobt. Verquerte Welt. Im übrigen sind diese rund 30% Kapitalquote so etwa das Dreifach von dem, vom Zehnten nämlich, um dessentwillen Tell, seine Eidgenossen und deren Nachfolger die Vögte erledigten.

Die Schweizer sollten wirklich mal zu 49% die PDA wählen (obwohl, oder gerade weil, auch die sich schon lange nicht mehr von Marx zu reden traut und obwohl auch die Ihnen weder an Ihr Häuschen noch an ihr Portemonnaie wollen). Wenn in der Schweiz jemand mehrheitlich politisch zu verantworten hat, dann sind das ganz klar FDP, CVP und SVP. Mit Ausnahme der linken Städte sind die Linken überall eher in der Opposition. Zudem handelt es sich um eine schon fast Schrödersche Linke, die selbst bereits rechts der Mitte agiert. Von einer kapitalkritischen Linken ist kaum viel zu hören. Die SP setzt sich seit neuestem ja sogar ein für das Wohl der Aktionäre. Wie weit rechts kann sie noch rutschen, bis das rot zu braun wird? Wenn sich alle für das Wohl des Kapitals einsetzen, und niemand mehr für das Wohl der Arbeitnehmer, dann leidet der Wirtschaftskreislauf, dann leidet das System. Mit derart extremen ideologischen Einschätzungen gerät die Wirtschaft noch mehr auf die schiefe Bahn. Blocher ist ein dummer Schwätzer ... stimmt leider nicht, denn er ist intelligent. Also ist er ein fieser Propagandist seiner Eigeninteressen. Falls Sie ein Anhänger sind und finden, er verteidige die Freiheit und Demokratie der Schweiz-Er-Innen, dann sehen sie sich mal an, wie restriktiv er mit seinen Aktionären umgeht und erklären Sie mir, wie sich das mit einem demokratischen Geist vereinbaren lässt.

http://www.polittrends.ch/parteienbarometer/part-zus-alte-leg-sitze.php