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Strukturwandel / Restrukturierung

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Die Tat, die Restrukturierung und das Ergebnis, der Strukturwandel, sind  DIE Zauberworte unserer Zeit. Von Politikern gleichermassen als Zauberstab benutzt wie von Ökonomen. - Und von allen wird seit 15 Jahren übersehen, dass Restrukturierung immer mehr über Netzwerke läuft, Netzwerke aber eher mehr Löcher als Netz haben. In dem Sinne ist Restrukturierung wirklich De-Strukturierung, da die postkapitalistische Herrschaft über Netzwerke - statt investiertem Kapital - ihre Netze nur dort auspannt, wo maximale Renditen winken. Durch Vernachlässigung, Ausgrenzung und Ausschluss, die heutige Form derr "Ausbeutung", werden immer neue Löcher geschaffen.  [s. Post-Kapitalismus: Effiziente Netzwerke statt teuerer Strukturen auf der einen - Motivation durch Sachzwang und Angst auf der andern Seite.]

Sie wollen die Produktion auf nützliches beschränken, aber sie vergessen, dass die Produktion zu grosser Mengen an nützlichen Dingen dazu führt, dass zu viele Menschen nutzlos werden.

Karl Marx, zit. in Ivan Illich: Libérer l'avenir.

Mit dem Strukturwandel sollen unrentable Kleinbetriebe und Branchen verschwinden und neue Produkte entstehen. Durch Restrukturierung sollen die Löhne steigen wie, die Steuereinnahmen - und die Arbeitslosigkeit schwinden, die Wiesen werden grüner und der Himmel blauer. [Mit noch mehr Inbrunst und Überzeugung verteidigen eigentlich bloss noch die Freiwirte ihre Umlaufsicherung, die auch gegen Schnupfen und Husten helfen soll ....] Die Erwartungen sind positiv, die Resultate zumeist mehr Arbeitslosigkeit und noch ungleichere Verteilung von Löhnen und Vermögen.

Konkurrenz und Unterschiede in der Ertragsfähigkeit sind aber nur so lange Wohlstandsfördernd, als sie als Anreiz überhaupt wirken können, die Unterschiede also durch die Konkurrenz zumindest theoretisch überbrückbar sind. Sind die Unterschiede zu hoch und unüberbrückbar, zerreisst das ökonomische Gefüge - und wir haben einen Strukturbruch. Wir hatten diese Unterschiede immer zwischen Feudalherren und Gefolgschaft, Stadt und Land, Industrie und Kleingewerbe, Banken und Industrie. Da die Strukturen aber im Land des Standorts meist zusammenwirken mussten, konnten die Ungleichheiten sich meist nicht bis zu dem Ausmass entwickeln, die zu einem Bruch geführt hätten. Na ja, das "meist" ist auf Grund der zahlreichen Bauernkriege und Aufstände sehr relativ ... Mit der Entfaltung der fast unendlichen Geldvermehrung der Finanzindustrie, aber auch dem Verlust des Zusammenhaltes durch globales Herrschaftsstreben, werden die Gräben tiefer, nicht nur zwischen Nord und Süd, Stadt und Land, sondern auch Stadtzentrum und Stadtrand. Da im Inland seit ... kein Ausgleich durch unterschiedliche Bewertung der Währungen mehr möglich ist, in Europa seit Eintritt des jeweiligen Landes in die Währungsunion, drücken sich die Produktivitätsunterschiede in Unterschieden der Kaufkraft, und oft auch in Lohnunterschieden aus. Für den auf Lebenshaltungskosten reduzierten Inland-Balassa-Samuelson-Effekt s. Frei verfügbare Einkommen in den Schweizer Gemeinden. Das Problem ist heute, wo lässt sich Protest und Korrektur anbringen? Welche Burg wäre zu stürmen? Welcher Vogt zu vertreiben? Da heute selbst der kleinste Rentner nach seinem gerechten Shareholder-Value schreit, treten wir und bloss noch selbst auf die Füsse. Die straffe Kostenorientierung der Betriebe scheint nun auch noch dafür zu sorgen, dass, trotz Hochkonjunktur wie seit ... nicht mehr, keine neuen Stellen besetzt werden. Man weiss ja, dass der Gipfel nah ist, und damit auch der erneute Abbau - zieht also, unter maximaler Belastung bestehender Kräfte, von Talsohle zu Talsohle durch bei den Personalbeständen, von Gipfel zu Gipfel bei der Entlohnung der Führungskräfte, die solche "Leistung" ermöglichen.

Die Folgen der Restrukturierung lassen sich gut überprüfen anhand der ökonomischen Modelle, welche die Wirkungen derselben beschreiben:

  1. Der Penn-Effekt: Der Penn-Effekt beschreibt die seit 50 Jahren geltende empirische Tatsache, dass Lohnunterschiede zwischen reichen und armen Ländern durch die parallele höher und tiefer-Bewertung der Währung noch verstärkt werden.

  2. Der Balassa-Samuelson-Effekt:: Der Balassa-Samuelson-Effekt ist das zugehörige ökonomische Modell, wird oft aber auch einfach als Synonym verwendet.

 Restrukturierung ist Zukunftsgestaltung. Restrukturierung schafft Neues, aber nach welchen Regeln?

Die klassische Wirtschaftstheorie erwartet, dass sich Preise, über entsprechende Wechselkurse, weltweit an das selbe Niveau anpassen. Wenn sich Menschen rational nach Preisen richten, müssten sich die Differenzen durch Handel angleichen. Also liegt entweder die Wirtschaftstheorie falsch oder die Realität.

Die Erklärung, warum das so ist, hilft uns auch, die Effekte der Restrukturierung besser zu verstehen:

Hamburger werden lokal konsumiert, und heiss. Sie brauchen also einen lokalen Standort - der nur zu entsprechenden Kosten der Miete, des Personals, der Rohstoffe, der Energie, der behördlichen Bewilligungen und Restriktionen etc. zu haben ist. Erfahrungsgemäss besteht der halbe Preis also aus Geschäftsmiete und Personalkosten, zählt man die Energiekosten dazu, wären es bereits 55 bis 64% (David Parsley, Vanderbilt University & Shang-Jin Wei, IMF).

Das übliche Versuchsobjekt für den Vergleich ist der Hamburger (Big-Mac-Index). Nimmt man an, er repräsentiere einen Standard der Kaufkraft, zeigt sein Preis bloss die Über- oder Unterbewertung der entsprechenden Währung:

Kommen nun im Zuge des Strukturwandels neue Banken, Versicherungen, Pharmagiganten etc. hinzu, so brauchen die mehr Büroräume, mehr Personal, zahlen höhere Löhne - also beansprucht auch ihr Personal teurere Wohnungen und teurere Dienstleistungen.

Nun wird meist übersehen, dass zwar die Ökonomie ein relativ offenes System ist, dass aber die einzelnen Teilorgane (Firmen) doch recht unabhängig voneinander agieren. Die höheren Preise reizen zwar alle, auch höhere Preise zu verlangen - diesem Wunsch können aber nur die entsprechen, die höhere Löhne erhalten - und das sind vorerst eben nur diejenigen, die innerhalb der "neuen" und rentablen Strukturen arbeiten - also eine Minderheit. Die Mehrheit muss also das, was sie am einen Ende mehr ausgibt, am andern einsparen, und setzt die Lieferanten der Alltagsgüter (Bauern z.B), die bereits unter atomistischer Konkurrenz arbeiten, noch mehr unter Druck - obwohl die weder was für das Schlamassel können, und obwohl die durch noch billigere Produktion den Preis nur sehr beschränkt senken können, da ihr Anteil nur einen Bruchteil z.B. des Hamburgerpreises bildet.

Abgeschöpft werden also die Erträge der Restrukturierung:

  1. durch die Eigentümer und deren Verwalter (CEOs)

  2. durch die Vermieter (Rentenbezüger, Kapitalisten)

  3. durch die Mitarbeiter der neuen Firmen - aber nur, falls sie sich nicht über den Tisch haben ziehen lassen, also dem Betrieb an einen neuen "Billigstandort" gefolgt sind und dementsprechend von ihnen erwartet wird, dass sie auch zu Billiglöhnen arbeiten. (s. Beispiel Ingenieure in Deutschland).

Durch Restrukturierung "listig ausgemünzt" werden:

  1. Betriebe mit relativ tiefer Produktivität

    1. Betriebe mit Kapitalkosten, die ihr Potential an Produktivität übersteigen

    2. Betriebe mit hohen Miet- und Lohnkosten            "

  2. Der Staat, durch:

    1. "Steueroptimierung"

    2. Verlagerung der steuerzahlenden Arbeitskräfte an Billigstandorte

  3. Die Mitarbeiter, durch:

    1. Lohnoptimierung an Billigstandorten

    2. Lohnoptimierung durch Teilzeit, nachteilige Anstellungen wie die beliebten Praktika, 1-Euro-Jobs und ähnliches

Penn- und Balassa-Samuelson-Effekt haben also im allgemeinen zur Folge,
dass man in einer wenig produktiven Gesellschaft mit weniger Geld leben kann,
in einer auf Produktivität ausgerichteten aber, und das dürfte die Krux sein, viel Geld braucht
- also gar nicht mehr die Wahl hat, auf Subsistenzniveau oder sonst irgendwie bescheiden zu leben.

Penn- und Balasa_Samuelson-Effekt sind also gleichzeitig die Peitsche, mit der uns die Wirtschaft zu immer grösseren Anstrengungen zwingt und damit verhindert, die Früchte der Arbeit zu geniessen.

Penn- und Balasa_Samuelson-Effekt sind der schlagende Beweis dafür, dass "Wirtschaft" mit Freiheit nicht mehr am Hut als als die viel geschmähte Politik.
Sie verfügt einfach über die viel listigeren Zwangsmittel.

Parallelimporte lösten dieses Problem nicht, im Gegenteil, sie verunmöglichen es den lokalen Produzenten, die lokalen Kosten zu verrechnen, führen also ebenfalls zur "Ausmünzung" von Betrieben.


Brainworker's Beiträge zum Thema Restrukturierung/Strukturwandel:

Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH. 11.6.06