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Die wirtschaftlichen Veränderungen in Österreich seit dem Beitritt zur EU:

Der "Dank" der Restrukturierung: Mehr Arbeit, weniger Lohn ... dafür "wettbewerbsfähig"

Österreich wird von verschiedenen Branchen der Schweizer seit Jahren als Wirtschaftsmusterland gelobt. Offenbar sind die Österreicher inzwischen wirtschaftlich die besseren Schweizer. Offenbar ... scheinbar ... müsste man mal ansehen. Hier also ein erster heuristischer Entwurf, eine erste Auswahl von Basiswerten, die es erlauben, die Entwicklung Österreichs seit dem Beitritt zur EU zu überblicken. Für eine qualifiziertere Analyse müssen Sie sich noch etwas (voraussichtlich einige Monate) gedulden.

Zur Zeit das Interessanteste an dem Bericht sind also "die Löcher", das, was wir (in der Schweiz z.B.) über Österreich NICHT wissen. Logisch, dass sich etwas, worüber man wenig oder nichts weiss, gut zur Ideologisierung eignet, weshalb sich die meisten Ideologien ja auch auf göttliche Eingebung und transzendentale "kulturelle Normen" beziehen.

1. Die Entwicklung des BIP

Was der EU Beitritt wirtschaftlich gebracht hat: Kontrollfragen: Wem kam die Entwicklung wirklich zu gute, wer zahlte drauf?
  1. Das BIP 2004 um etwa 6 Mrd. € bzw. 740 € pro Kopf höher ist als ohne EU-Beitritt
  2. Österreich hat mit einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 3% pro Jahr zwischen 1995 und 2003 (zu laufenden Preisen und Kaufkraftparitäten) trotz des hohen Ausgangsniveaus das durchschnittliche EU-Wachstum übertroffen. Daraus resultiere im Durchschnitt ein um brutto 110 Euro höheres Jahreseinkommen pro Kopf als ohne EU-Beitritt. Dank der EU-Mitgliedschaft seien in den letzten zehn Jahren rund 70.000 Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen worden.
  3. 1994 lag der Anteil der österreichischen Exporte am BIP bei 22,5%, im Jahr 2003 bereits bei 35,2%.
  4. Das traditionelle Handelsbilanzdefizit Österreichs konnte dadurch sukzessive verringert und 2002 sogar zu einem Überschuss gewandelt werden. Außerdem sei es gelungen, die im Außenhandel dominierende Rolle Deutschlands von einem 38 % Anteil vor dem EU-Beitritt auf derzeit 32 % zurückzuschrauben.
  5. Dank einer hohen Flexibilität, der niedrigen Jugendarbeitslosigkeit und der Motivation sowie Produktivität der Beschäftigten konnte Österreich seinen Platz im World Competitiveness Report des Schweizer IMD-Instituts im Vergleich der 60 wichtigsten Industrienationen der Welt von Platz 24 (1998) auf Platz 13 verbessern.

http://www.bmwa.gv.at/BMWA/Presse/Archiv2005/20050120_02.htm

  1. Objektiv gesehen hat der EU-Beitritt die österreichische Wirtschaft angetrieben, da gibt's nichts zu mäkeln.
  2. In 8 Jahren 110 Euro mehr Lohn sind auch in Österreich nicht grandios. 70'000 Arbeitsplätze tönen zwar gut, sind aber bei 3.2 Millionen unselbständig Beschäftigten doch bloss 2.2%. Die Selbständigenquote hat ausserhalb der Landwirtschaft in der Zeit von 7.1 auf 8.2% zugenommen - und scheint in der Landwirtschaft selbst konstant geblieben zu sein. [ http://wko.at/statistik/jahrbuch/am-selbstaendige.pdf ]
  3. / 4 / 5 Die Exportsteigerung Österreichs ging primär zu Lasten Deutschlands, was vor allem die Agrarexporte deutlich machen.

Interessanterweise scheint sich, statistisch gesehen, der Beitritt zur EU 1995 allerdings nicht im geringsten auf den Gesamtdurchschnitt ausgewirkt zu haben. Das heisst, wenn es einigen wirklich besser ging, müssen andere dafür bezahlt haben:  

 

 


 

Lohnmässig ist auch Österreich seit 1994 ein Nullsummenland.

 


 

1.1 Industrie

Die österreichische Industrieproduktion ist im Zeitraum von 1995 bis 2003 um ein Drittel auf ein Ausmaß von 94,1 Mrd. EUR gestiegen – Hochrechnungen des IWI prognostizieren bis Ende 2005 sogar ein Wachstum von 58% seit dem EU-Beitritt. Die größten Sektoren weisen von 1995 bis 2003 allesamt eine sehr positive Entwicklung auf:

  1. Maschinen & Metallwarenindustrie (+43,5%),

  2. Chemische Industrie (+31,8%)

  3. Elektro- und Elektronikindustrie (+24,7%).

  4. Die Fahrzeugindustrie als gegenwärtig viertgrößter Industriesektor kann gar ein Produktionswachstum von +74,6% verzeichnen.

Auch hier sehen die Zahlen ganz toll aus ... es sei denn, man betrachte sich die Entwicklung der Beschäftigten: 52'014 Stellen verloren, also 10.6 %.

 

1.2 Einfuhr-Ausfuhr

1.2.1 Agrarprodukte

Was die Landwirtschaftlichen Absatzmärkte betrifft, sind die Österreichischen Bauern in einer etwas besseren Lage als die Bauern der Schweiz, da sie nicht zwischen Tür und Angel des Duopols Migros-Coop ausgequetscht werden, sondern nebst 3 Grossen doch noch eine beträchtlicher Marktanteil von mittleren Handelsbetrieben belegt wird. Allerdings deuten Lidl, Spar, Penny deutlich darauf hin, dass die Preise die hier den Bauern bezahlt werden, absolut minimal sind. Auch was die Abnahme der Milch angeht, sind sie nicht derart von einem Abnehmer abhängig wie die Schweizer von Emmi, die 50% des Inland, und 80% des Exportkäsegeschäftes beherrscht.

 


 

Logischerweise kann eine Landwirtschaft, die für solche Preise produziert, auch den Export steigern. Was in Deutschland an Löhnen eingespart wurde, machen die österreichischen Bauern wett durch ihre billigen Nahrungsmittelexporte. Sie tragen also einen grossen Teil der Kosten der Restrukturierung in Deutschland - und tragen präzise dadurch zur weiteren Verbreitung derselben bei. Präzise diese Preise sollen nun, als "Weltmarktpreise", den Rahmen setzen auch für deutsche, schweizer und andere Bauern.


 


 

2.  Die Entwicklung der Stellen und Löhne

Diese Graphik macht's deutlich. Der Primär und der Sekundärsektor, Land-, Forstwirtschaft und Industrie, verlieren Arbeitsplätze - auch wenn die Exporte boomen. Neue Stellen werden im Dienstleistungssektor geschaffen. Allerdings wo ... ist in Oesterreich eben so schleierhaft wie hier und in Deutschland ... Hier brauchts noch Analysearbeit.


 


 

Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik

Trotz, oder wegen ? sozialer Marktwirtschaft (im Vergleich zu den liberalen Niederlanden) hat Österreich eine fast eben so tiefe Arbeitslosigkeit wie die Schweiz.


 

Langzeitarbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit liegen weit unter dem Standard Europas. Schweiz ca. 4.2 %


 

Oesterreich gibt beträchtliche Summen aus für die Reintegration der Arbeitslosen. Angesichts der deutlichen Hinweise, dass die Erhöhung der Exporte durch den Beitritt zur EU zwar das BIP und die Löhne weiter im gewohnten Mass steigen lässt, was den Durchschnitt betrifft, aber kaum Stellen schafft, ausser in einem wenig spezifizierten Tertiärsektor, fragt es sich, wohin die "Ueberflüssigen" in Oesterreich verschwinden. Dafür stehen primär zwei Schlupflöcher zur Verfügung:

  1. Zunahme der Teilzeitarbeit, der  Leiharbeit (s. rechts u.)- 2000 waren es bereits 1.4% der Erwerbstätigen, 2005 1.6%.
  2. generation p: Praktika, Arbeitsprogramme, Beschäftigungsprogramme, soziale Unterstützung etc. (beide noch zu prüfen)

 

 

Leiharbeit in Österreich. Übergangslösung oder Sackgasse?


 

massive Steigerung = massive Probleme, trotz Europabeitritt!


 

Der Bestand an überlassenen Arbeitskräften betrug im Jahresdurchschnitt 2005 36.481 und ist im Zeitraum zwischen 2001 und 2005 um 78% gestiegen. Die Arbeitskräfteüberlassung wird in der Beschäftigtenstatistik des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger im Dienstleistungssektor ausgewiesen. Die Tertiärisierung des Beschäftigungssystems wird damit überschätzt. Denn wird die Arbeitsstelle der Beschäftigten untersucht, ergibt sich, dass rund 73 % der überlassenen Arbeitskräfte im Produktionssektor und lediglich 23 % im Dienstleistungssektor beschäftigt sind.

 

 

 

 

Vom Dienstleistungssektor
der "freiegestellte" Arbeitskräfte übernimmt
wird zwar dauernd geredet ...

aber tun tut er's offenbar nicht.
http://www.bmwa.gv.at/NR/rdonlyres/CEC6878C-A001-478A-82EC-EB61F19EE05B/0/DerArbeitsmarktimJahr2005.pdf

3. Land- und Forstwirtschaft

3.1 Flächen s. Beitrag D

3.2 Produktionswerte (Lebensmittelhandel, Molkereien)

 

3.3 Einkommen

 

 

3.4 Betriebsgrössen

Fazit: viele kleine Betriebe sind verschwunden, kaum grössere nachgekommen, tendenziell also Abbau, wie in der Industrie, also Umlagerung auf > Dienstleistungen.

Die Kleinstbetriebe mit weniger als 5 ha sind praktisch verschwunden. Betriebe mit einer Grösse bis zu 30 ha sind weiter unter Druck, solche bis 50 zur Zeit noch stabil. Ein Zunahme erfolgte vor allem bei Betrieben zwischen 50 und 100 ha.

Für die Schweiz sind das äusserst schlechte Vorzeichen, denn die gegenwärtige Berechnung zeigt, dass der gegenwärtige Durchschnittsbetrieb mit 17 ha keinerlei Überlebenschance hat - ohne staatliche Unterstützung. Dass, für ein Minimaleinkommen von 3000 Fr. pro Monat mindestens eine Betriebsgrösse von 35 ha notwendig ist, was im internationalen Vergleich wenig ist, aber in der Schweiz heute nur 10% der Landwirte zur Verfügung steht.


 

Oesterreich ist seit Jahren äusserst "innovativ" in der Land- wie Forstwirtschaft. Es hat sich grosse Märkte erschlossen in Europa, speziell aber in den ehemaligen Ostblockstaaten. Oestereich ist führend in Sachen Energieholzverwertung, und gerade dran, die Schweizer Sägeindustrie durch Grossbetriebe (Stallinger in Domat-Ems/Kogler in Luterbach) zu erschlagen (Oekonomen würden sagen: zu Restrukturieren). Oesterreich hat also Probleme, verursacht aber auch Probleme. Es ist also, bei dem Stand des generellen Unwissens, weder eine generelle Ablehnung des österreichischen Modells noch eine Idealisierung angebracht.


Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Basel, 3.12.06

Die Graphik rechts (aus: Die Volkswirtschaft 11-2007: Die Schweizer Bauwirtschaft - zyklische Branche mit strukturellen Problemen. S. 36-40) zeigt deutlich, dass Österreich in Sachen Infrastruktur offenbar noch "ein Entwicklungsland" ist. Entwicklungsland in dem Sinne mal absolut positiv, da nämlich offenbar noch nicht total verbaut wie die Schweiz. So zeigt hier die Bauwirtschaft fast so hohe Beiträge zum BSP und Zuwächse im im Spitzenland Spanien ... Wer dort allerdings mal die Strände und die Stadtränder von Madrid, Valencia etc. angesehen hat, sieht sofort, dass Bauen die Lebensqualität nicht bloss erhöht, sondern auch beeinträchtigt. Kurzum, dass in dem Bereich ganz offensichtlich kein "nachhaltiges Wachstum" anzustreben ist.