Adam Smith' Reichtum der Nationen - als Grundlage des liberalen Kapitalismus [Ian Simpson Ross: Adam Smith. Leben und Werk. Uebers. H.G. Holl. Verl. Wirtschaft und Finanzen. Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH. Düsseldorf 1998]
Wären wirklich alle Menschen jederzeit bereit zu tauschen, zu verkaufen oder zu handeln, um sich materielle Vorteile zu verschaffen?
Smith' Antwort: Das marktgerechte Verfolgen der eigenen Ziele muss klare Grenzen haben. Vor allem darf es nicht die persönlichen Beziehungen und die Verpflichtungen gegenüber der Familie und dem Staat prägen. [S. 19]
Geboren wurde Smith 1723 in Kirkaldi, Firth of Forth, als Sohn eines Zollbeamten. Eine Tätigkeit, der er selbst zeit seines Lebens nachging. Er war also nie gegen Zollsteuerung, ausser sie seien prohibitiv - aber völlig gegen Importverbote und gegen Exportsteuern.
1737, also bereits mit 14 Jahren, konnte er, dank bereits vorhandener Lateinkenntnisse, auf der Stufe des: Semi-Bachelors ins Gymnasium (Collage). (Jeremy Bentham schrieb sich allerdings mit 12 Jahren (wenn auch auf Drängen seines Vaters) in der Universität ein.)
1740-46 Studium der Philosophie am Balliol College in Oxford, mit Stipendium. Beeindruckt war er vor allem von:
Francis Hutcheson (1664-1746): Vater der Schottischen Aufklärung. Grösstes Vorbild von Smith: Das grösste Glück für die grösste Zahl
David Hume 1711-76): Sympathie als Hauptantriebskraft der menschlichen Natur, erzeugt Untertanentreue, Sittlichkeit, gutes Benehmen, Schamhaftigkeit, Völkerrecht
mitfühlende Einbildungskraft (Empathie)
Joseph Pristley (1733-1804): Schule des Common Sense
Adam Smith basierte seine Theorie der ethischen Gefühle vor allem auf dem Kriterium des unparteiischen Zuschauers (Hutchison, Hume): Bei der Analyse dessen, was an der Selbstbeherrschung so bewundernswert sei, spielt Smith auf jenen edlen und vornehmen Unmut an, welcher sich in der Verfolgung der grössten Beleidigungen nicht durch die Wut lenken lässt, die sie in der Brust des Angegriffenen zu erregen pflegt, sondern durch den Unwillen, wie sie ihn naturgemäss im Herzen des unparteiischen Zuschauers herrvorrufen. Dieser hat quasi die Funktion der "göttlichen Hand", welche bei Fehlentwicklungen immer wieder mal eingreifen muss. Smith hat also sicher nie behauptet, dass die freie Marktwirtschaft immer sofort alles richtig mache und nie kritisiert werden dürfe. Er hat ihr nie ein Unfehlbarkeitspostulat erstellt.
> Macht der Gesellschaft, der Anerkennung - oder Rüge. Ohne Gesellschaft können wir weder über unseren Charakter oder die Schicklichkeit unseres Verhaltens nachdenken noch die Schönheit oder Hässlichkeit des eigenen Gesichts einschätzen. [S. 251]
1751 wurde er Professor an der Universität Glasgow für Logik, Rhetorik und Kritik, ab 1752 auch Moralphilosophie, womit auch das Abhalten von Rechtsvorlesungen verbunden war. Mit <The Theory of Moral Sentiments> wurde er nach 1759 berühmt als Förderer der Europäischen Aufklärung. Er richtet sich hier noch direkt gegen die von Hobbes, Mandeville und Rousseau vertretene Theorie eines tief im Menschen verwurzelten Egoismus. Ein Leser schrieb, das Werk sei auf Sympathie begründet. Ein wichtiges Element ist hier auch noch der unparteiische Beobachter, der einiges mehr hergibt als die seither vor allem und ausschliesslich zitierte "unsichtbare Hand". Er ist es nämlich, dem gegenüber der Handelnde sein Tun glaubhaft begründen muss.
Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obleich er keinen andern Vorteil daraus zieht, als Zeuge davon zu sein. [S. 581]
Kurz, Smith begreift das Glück anderer als für uns selbst notwendig
Smith war auch der erste, der an dieser Uni die Vorlesungen auf englisch hielt. Er war auch zuständig für die Kurse in Neuer Rhetorik, in denen er deskriptive und narrative Erzählung lehrte, wie sich diese poetisch, didaktisch oder wissenschaftlich - und dazu überzeugend - gestalten lässt.
Smith war Empirist, wie Hutcheson war er reinem Rationalismus abgeneigt, sondern setzte auf Sympathie und Gefühle (s. Ethik)
Interessanterweise begründet Smith die Notwendigkeit des Wettbewerbs nicht durch Preise oder Produktivität einfacher Arbeit, sondern durch die Analyse der relativen Rückständigkeit der Universität Oxford. Während dem in andern Landesteilen der Wettbewerbsgeist herrschte unter jenen Geschickten und Aufgeweckten, die einen höheren Lebenstandard anstrebten, dominierte in Oxford gedankenloser Eigennutz und Stillstand der gesellschafttlich Privilegierten. ... Er nahm an, dass ein jeder so bequem wie möglich leben möchte, und wenn jemand den gleichen Lohn erhalte, ob er lästige Pflichten erfülle oder nicht, werde er nur so viel tun, wie die Umstände verlangen. In einem College machen die Lehrer "wahrscheinlich gemeinsame Sache, indem sie sich alle gegeneinander höchst nachsichtsvoll zeigen und jeder dem anderen gestattet, seine Pflicht zu versäumen, sofern man ihm selbst das gleiche erlaubt. Deshalb hätten die Professoren in Oxford schon seit vielen Jahren den Anschein von Unterricht aufgegeben.
Wenn Colleges zudem über genügend Mittel verfügten, um ungeachtet ihrer Meriten Studenten anzuziehen, und wohltätige Stiftungen diesen ihren Studienort vorschrieben, so gebe es zwischen ihnen keinen Wettbewerb.
Zudem lockten wohlhabende Kirchen gute Gelehrte von den Universitäten - so wie heute die Wirtschaft
Das Recht teilte Smith in 4 Phasen ein:
- Sammler
- Hirten
- Landwirtschaft
- Handel
Wir sehen also, dass das wirtschaftliche System von Smith noch weit weg davon ist, die Wirtschaft einer komplexen Gesellschaft trefflich zu beschreiben. Es war ein Konzept für die und während der einsetzenden Industrialisierung, das für reifere Gesellschaften problematisch wird, wie wir noch sehen werden. Er setzte auf die stoische, natürlich Harmonie: Planer stören das Wirken der Natur in menschlichen Belangen; man muss sie nur sich selbst und ihren inneren Zielen überlassen, damit sie ihre eigenen Pläne durchsetzen können. [S. 172]
Hier haben wir bereits die Wurzel des heute dominierenden Problems: Auch Wirtschaft plant. Die unterschiedlichen Planungsvorgänge stossen gegeneinander, irritieren einander, führen zu Unstimmigkeiten in immer grösserem Masse, so dass die Resilienz, die natürliche Fähigkeit von Natur und Gesellschaft und Mensch, Störungen abzufangen und auszugleichen, überfordert wird.
Den freien Markt sieht er in der Situation (in DER Situation) als optimale Lösung:
Es bedarf wenig mehr, um Staaten von der niedersten Barbarei auf die höchste Stufe des Reichtums zu führen, als Frieden, mässige Steuern und eine erträgliche Justizverwaltung; alles andere sollte man dem natürlichen Gang der Dinge überlassen. Jede Regierung, die dagegen verstösst und die Entwicklung in andere Kanäle zwängt oder versucht, den gesellschaftlichen Fortschritt an einem bestimmten Punkt zu unterbinden, handelt willkürlich und muss, um sich an der Macht zu halten, Unterdrückung und Tyrannei einsetzen. [S. 172]
was aber zugleich bedeutet, dass Charakter, wie gutes Verhalten wie Schönheit keine Objektiven, sondern gesellschaftliche Wertungen sind, entsprechend starken kulturellen Verwerfungen unterliegen.
1772 wurde in England ein Jamaikanischer Sklave ergriffen, der seinem Herrn entlaufen war. Dass dies in England nicht sein könne wurde so begründet: Muss jemand ein Sklave sein, nur weil er schwarz ist? Nein. Er ist unser Bruder, und ein Mensch, wenn auch nicht von unserer Hautfarbe; er befindet sich mit seiner Frau und seinem Kind in einem freien Land, und dort sollte er auch bleiben dürfen. [S. 259]
> Gesetze gelten hoheitlich, also im Land. Fremde Gesetze können annulliert werden.
1755 erste Fassung der Theory of Wealth
Fazit:
Gewiss läge es im öffentlichen Interesse, wenn der berufliche Erfolg des einzelnen möglichst nicht auf Privilegien, sondern auf seinen Verdiensten beruhte. [S. 219]
2 Definitionen des Bürgers:
- Gesetzestreue und Gehorsam
- Bestreben, etwas zur Sicherheit und Wohlfahrt der Gesellschaft beizutragen
1761: On the first formation of languages
1763: Thoughts Concerning Banks and the Paper Currency of Scottland: Beschreibt den Zusammenhang von übermässiger Geldausgabe durch die Nationalbank - und Inflation
Ursprüngliches Handels- und Tauschmittel war das Vieh (Pecunia, eine römische Münze, hat eben ihren Namen daher: Kopf Vieh). Dann wurden in Rom etwa ungemünzte Kupferbarren genutzt. Auch bei den meisten andern alten Münzen war der Stempel bloss eine Garantie für das richtige Gewicht und Feinheit des entsprechenden Edelmetalls. Pfund Silber, Pfund Sterling drücken dies präzise aus, auch Schilling scheint ursprünglich ein Gewichtsmass gewesen zu sein. 1 karolingisches Silberpfund (gleich etwa 406½ Gramm) = 20 Schilling (Solidi) = 240 Pfennig (Denari). Heute ca. 570 $/kg, Preis steigend (vor 10 Jahren 1/3). Für 250 Fr. musste man da also fast ein Pfund Silber rumschleppten, ein Lob dem Papiergeld!
Geld und seine Funktionen/Wirkungen
- Tausch: handlicheres Tauschmittel als Schafe und Ziegen. Frisst nicht, macht auch keine Bölleli, stinkt also nicht, meckert nicht.
- Wertmassstab: Im 18. und 19. JH war allerdings der Gold- und Silberpreis so unstet (aufgrund der grossen Importe von Spanien und Portugal), dass Arbeit und Lebenserhaltung (Getreide) einen weitaus stabileren Massstab abgaben. Da der Lohn eh nur für die Lebenserhaltung von 2 Menschen + 2 Kindern ausreichen musste, liess sich Wert auch in Arbeitsstunden ausdrücken. Allerdings waren auch diese wechselhaft, teuer im Sommer, billig im Winter).
- Wertbewahrung: Allerdings weitaus weniger zuverlässig als Anlagen.
- psychologische Wirkung: Bewirkt direkte Hormonschübe im Gehirn, ausgelöst im Nucleus accumbens. Geld erhalten bewirkt Glück - Geld bezahlen müssen Unglück, Verdruss.
Das heutige Geld entsteht durch Verschuldung von Banken und Staat bei der Zentralbank. Diese Art der Geldschöpfung kreiert ein instabiles System, dessen Gleichgewicht immer auf Messers Schneide steht. Verursacht werden die Probleme dadurch, dass Geld in der jetzigen Form viele Funktionen gleichzeitig ausüben sollte.
Es ist vor allem die Funktion als Wertspeicher, von den Freiwirten seit bald 100 Jahren kritisiert, die Probleme verursachen kann. Die Qualität des Geldes als Wertspeicher kann im Falle einer Deflation das ganze Finanzsystem zum Absturz bringen. Die Banker nennen dies die Liquiditätsfalle: In einer Deflation fallen die Preise, damit die Einkommen der Firmen und die Möglichkeiten, Kredite zurückzuzahlen. Das Hauptproblem ist die Tatsache, dass heute noch der Nominalzins, der von der Bank verlangte oder gebotene Zins, nicht unter 0 fallen kann.
Allerdings sind die Freiwirte etwas zu sehr Freunde des einfachen Denkens, denn ihr Rezept heisst primär: Reduktion der Funktionen auf eine, die Funktion des Tausches, ein Tausch der zudem erzwungen werden soll dadurch, dass Geld regelmässig einen Teil seines Wertes verliert.
Smith hat zwar erkannt, dass eine Inflation entsteht, wenn die Staatsbank zu viele Banknoten druckt, hat sich sonst aber nicht gross mit Geldsystem oder Börse befasst (Ausnahme Eastindia Company). Geld- und Finanzmärkte hatten damals, also auch auf seine Theorie, noch keinen derart dominanten Einfluss wie heute. In Glasgow etwa diente die Kaffeestube als Börse und die dort ausgelegten Zeitungen wurden vom Gemeinderat bezahlt.
1764-66: Reise durch Frankreich (Diderot, d'Alembert, Quesnay ..) und die Schweiz (Rousseau, Voltaire)
Laissez faire - laissez aller stammt nicht (wie sprachlich schon zu vermuten) von Smith, sondern von Quesnay und den Physiokraten, dere Kreislaufmodell Richtungsweisend blieb, deren Fokus auf die Landwirtschaft als einzig produktive Tätigkeit allerdings nicht lange haltbar war). Völlige Freiheit des Handelns hielten sie für unabdingbar, um die Wirtschaft auf ihre natürliche Bahn zurückzubringen (für sie war allerdings natürlich und produktiv einzig und allein die Landwirtschaft). Die Annahme der Physiokraten, dass Manufakturen und Handel nichts zum Wohlstand betrügen, hat er ebenso kritisiert wie staatliche Beschränkungen und Handelsmonopole in England, die Wachstum nicht förderten sondern beschränkten.
Da der Grossteil des Wissens angelesen ist, sind auch Bücher bloss Handelsware. Er weist Turgots und Quesnays Ansicht zurück, Manufakturen seien nicht produktiv (sondern nur die Landwirtschaft) und konzentriert sich auf die grossen Wachstumsfaktoren nebst Arbeitsteilung, nämlich Ersparnisse und Investitionen.
Damals herrschende Wirtschaftstheorien:Merkantilismus:Merkantilismus ist wirtschaftlicher Nationalismus. Hauptziel des Merkantilismus war, den Reichtum des Staates zu mehren, womit aber nicht der Staat als Organisation gemeint ist, sondern die Gesamtheit seiner Strukturen und Bewohner. Der Erfolg wurde gemessen in Geld und Gold. Man versuchte also einen Handelsüberschuss zu erzielen. Man versuchte also billige Rohstoffe zu importieren, den Export derselben zu verbieten, dafür teure Produkte zu exportieren, und den Import derselben mit Steuern zu erschweren. Staatliche Manufakturen und Monopole wurden dazu gerne verwendet. Der Merkantilismus hatte damals üble Folgen für Spanien und Portugal, das sich über den Import von Silber und Gold aus seinen Kolonien finanzierte - dabei aber die Entwicklung im Innern vernachlässigte und nach und nach verarmte. Als tendentiell merkantilistisch dürften heute Länder betrachtet werden, die lieber mehr exportieren als importieren, also Handelsüberschüsse anhäufen. Diese führen allerdings zu einem Anstieg des Wertes der eigenen Währung, und damit zur Verteuerung der Exporte. Zudem kommt so das Volk auch nicht wirklich in den Genuss des erarbeiteten Wohlstandes, sondern bloss in den Genuss einer zweifelhaften Ehre wie etwa der des Exportweltmeisters. Das Modell funktioniert nur, solange Finanzwirtschaft ein Fremdwort ist und die Wirtschaft quasi in der analen Phase stecken bleibt: Zurückhalten, Besitzen, drauf sitzen. Die Grenzen werden sofort klar, sobald jemand fragt: Ja, aber was machen wir denn nun mit den ganzen Geld und Goldhaufen? Positiv daran war, dass man sich erst um das Land sorgte, bevor man sich in wirtschaftliche Abenteuer stürzte der Geldvermehrung oder Verwendung wegen. Die eigenen Industrie wurde stark gefördert - allerdings auch die Löhne durch Maximallöhne beschränkt und Taglöhner oft zur Zwangsarbeit verurteilt. Man dachte an den Staat als ganzes, der allen den Konsum günstiger Güter ermöglichen wollte. Das Modell funktionierte unter dem Absolutismus: Jedem Bürger am Sonntag sein Huhn im Topf. So musste der Staat auch nicht seine ländliche Bevölkerung und die andern Untertanen ausbeuten, wie das im Feudalismus der Fall war. Während der Merkantilismus vorrangig die wirtschaftlichen Außenbeziehungen (im Zuge der Kolonialisierung wie der akuten Globalisierung) im Auge hatte und hier die Quelle ökonomischen Reichtums sah (und damit vornehmlich Gewerbe und Handel förderte), liegt der Schwerpunkt der Physiokraten in der Analyse des Wirtschaftskreislaufes einer geschlossenen Volkswirtschaft. Also auch hier noch keinerlei Grundlagen für eine Globalisierung. Physiokratie:Entgegen der Theorie führte der Merkantilismus eben doch zu einer Verarmung des Landvolkes, auch wenn diese vielleicht nur relativ war, wie heute - wo ein einfacher Arbeiter in der Stadt das Doppelte eines selbständigen Bauern verdient. Für die Physiokraten war einzig die Landwirtschaft eine produktive Wirtschaft. Alle andern profitierten von dieser Grundlage 1. produktiver Sektor: Landwirtschaft Die Physiokratie, die heute doch wieder einige Anhänger hat in Kreisen, die auch der Freiwirtschaft zugeneigt sind, ist also eine Art Traum von der Guten alten Zeit, vor der Entwicklung der Städte, mit denen der Überfluss erst richtig begann. Man konnte so lange davon träumen, als man sich noch vorstellen konnte, durch Landarbeit ein Auskommen zu finden. Inzwischen geht es ja den Bauern derart an den Kragen, dass sich die Theorie von selbst erledigt hat. Trotz aller Kritik an und Probleme mit der Physiokratie sollte man aber den armen König Midas nicht vergessen, dem sich alles was er berührte, gemäss seinem Wunsch, in Gold verwandelte - und der so eines traurigen Todes sterben musste.
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1773: Boston Tea Party: Befreiung von Englischen Steuern
1776: Ankündigung und Publikation des Wealth of Nations (1000 Seiten) in 500 Exemplaren a 1£16s. Smith erhielt Tantiemen in der Höhe von 300 Pfund, also kein Bestseller, denn eine History of Scottland hatten Robertson und Thomas Cadell gute 6000 Pfund gebracht)
Das Buch stützt sich auf der Arbeitsteilung, die für Wohlstand und Wachstum sorgt, sowie den Hang der menschlichen Natur zu tauschen, zu handeln, um Bedürfnisse zu befriedigen oder die Lage zu verbessern.
Hauptetappen:
Praktisch nur mit der 4. Stufe beschäftigt sich "Wealth". Die Phase der Industrialisierung und deren Folgen für die Arbeitnehmer kennt er noch nicht, denn erlebt und schreibt in der Mitte des 18. JH.
1778 wird er Zollkommissär in Edinburg, wodurch das zuvor verfolgte Projekt der "nachahmenden Künste" (Malerei, Bildhauerei, Tanz und Dichtung) nicht vollendet wurde. Als Zollkommisar widmete er sich ziemlich fanatisch genau dem System der Beschränkungen und Verbote, dass er in "Wealth" so gegeisselt hatte.
Seine Begründung gegen Zölle war: Hohe Zölle machen einen fairen Handel mit den betreffenden Waren fast unmöglich und fördern genauso wie gesetzliche Verbote den Schmuggel. [S. 31]
Ohne Zweifel ist ein Schmuggler sehr zu tadeln, dass er die Gesetze seines Landes verletzt; aber derselbe Mensch ist oft durchaus unfähig, die Gesetze der natürlichen Gerechtigkeit zu verletzen, und wäre in jeder Hinsicht ein vortrefflicher Bürger geworden, wenn nicht die Gesetze seines Landes aus einer von Natur unschuldigen Handlung ein Verbrechen gemacht hätten. [S. 63]
Er tendierte also dazu, alle Einfuhr- und Ausfuhrsperren aufzuheben, besonders die für Wolle - und durch einen hohen Zoll zu ersetzen. Man kann ihn also nicht eigentlich einen Freihändler nennen.
Allerdings hatte er in Glasgow nebst Zuckerei, Seilerei, Seiferei und Glaserei auch 8 Schwarzbrennereien direkt vor der Nase. Er war, trotz seiner Abneigung gegen Zölle, bereit, das Merkantilsystem zu straffen und durchzusetzen, da ihm die ökonomische Natur und Bedeutung einer soliden politischen Ordnung klar war. Er Unterstützte die Befreiung Irlands von Einfuhrzöllen, da der allgemeine Wohlstand und Fortschritt dem Staate nützlicher sei als einige wenige Handels- und Industriestätte (die man damit schützen wollte).
Das schottische Zollsystem war zuvor verpachtet worden. Vor dem Französischen Krieg für 34'000 Pfund, in Kriegszeiten für 28'500. Smith lehnte es ab, eine Pacht zu bezahlen und lobte das englische system mit besoldeten Finanzbeamten - weil im ersteren Falle nicht die Hälfte der Zölle in den Kassen des Staates landet. (Auch nicht so ganz die Töne, die Liberale heute loben würden).
Was den ihm angebotenen Job als Zollkommissar betraf, so bot er sogar an, auf die 300£ pro Jahr zu verzichten, da ihm die 600 als Professor reichten (dass er nicht 2 Jobs voll erledigen konnte, viel offenbar damals niemandem auf). Einen Grossteil seines Geldes verschenkte er unbemerkt an bedürftige Freunde und Bekannte. Also auch der "immanente Trieb", nach immer nach mehr Geld zu verlangen, kann ihm nicht angelastet werden.
Weitere Charakternotizen:
- Mitschreibende Studenten schätzte er nicht, denn er hielt fest am geistigen Eigentum seiner Texte.
- gutes Gedächtnis. Zitate aus dem Kopf, daher meist nicht wortwörtlich. Französischen Namen in unterschiedlichster Schreibweise
- Litt unter Hypochondrie, Ticks, Melancholie, Geistesabwesenheit
- Mit 54 immer noch Junggeselle, immer noch mit Hoffnungen.
- Er schätzte Johnson, der bereits 1771 den Wahnsinn moderner Kriege anklagte - anhand der Falklands.
- James Cook: Pazifik (hat Smith nicht interessiert, wohl aber die Kolonien, die nach seinen Studien bei weitem nicht so abhängig und ergeben waren, wie man es oft annimmt. Als Beispiel erwähnt er, dass 12 der 30 Römischen Kolonien keine Streitkräfte entsandten, als diese im Punischen Krieg angefordert wurden.
Einkommensarten:
Die 3. Klasse galt als Antreiber des Wirtschaftswachstums - da sie daran auch am meisten verdiente (und verdient). Die möglichen Ungerechtigkeiten würden durch den Marktmechanismus ausgeglichen, meinte Smith. Jeder lebe vom Tausch, jeder wird gewissermassen Kaufmann. Da auch hier, wie vorher betreffen der Muskelkraft, nicht alle gleich stark sind, ist auch das Resultat ungleich. Da das Leben aber nicht aus Gleichheit, sondern aus Ungleichheit, aus Spannung getrieben wird ...
Unabhängigkeitsbestrebungen der Amerikanischen Kolonien. Von Smith begrüsst, da er die auferzwungenen und die Wirtschaft beschränkenden Gesetze ablehnte. Mit Franklin hatte er sogar Teile des "Wealth" besprochen, die so Eingang fanden in die Unabhängigkeitserklärung der USA.
Fazit:
Einem grossen Volke aber verbieten, aus seinen eigenen Erzeugnissen alles zu machen, was es daraus machen kann, oder sein Kapital und seinen Gewerbefleiss so anzuwenden, wie es ihm am vorteilhaftesten zu sein scheint, ist eine offenbare Verletzung der heiligsten Rechte der Menschheit. [S. 401]
Wealth wurde bald zum Lehrbuch für Ökonomie, auch auf dem Kontinent. 1781 auch in Yverdon, Schweiz, gedruckt. Übersetzung von einem Anarchisten
Man muss sich auch bewusst machen, dass die Auseinandersetzung der Stände, trotz der Unabhängigkeitserklärung der USA und der Französischen Revolution, noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts anhielten. Erst ab dann kann von einer Bürgergesellschaft gesprochen werden, die allerdings in vielen Fällen eher nationalistisch als bürgerlich fundiert war. Die Klassen/Stände des 18. Jahrhunderts waren noch:
Der Hauptfehler von Smith war, wie bereits einige zeitgenössische Kritiker bemerkten, dass er Eigenliebe oder Eigeninteresse als einziges ökonomisches Handlungsmotiv angenommen hat.
Er begriff zwar, dass die natürlichen Bedingungen weder für Produktion noch für Handel überall die selben sind, sah aber darin kein Potential für Ungerechtigkeit, sondern eher für unterschiedliche Entwicklungen und Schwerpunkte: Die ersten technischen und industriellen Fortschritte vollziehen sich immer da, wo die Nähe von Wasserwegen den umfangreichsten Markt für Produkte aller Art bietet. Griechen, Römer, Phönizier, Araber, Inder, Japan, England, Spanien, Portugal (+ Druck überschüssiger Jugend mit Abenteuergeist)
Er begriff allerdings noch nicht den unheilvollen Konflikt zwischen Genusstrieb und Bereicherungstrieb, der den Industriellen zwang, eine industrielle Reservearmee zu schaffen, also jene Massen von Erwerbslosen oder Unterbeschäftigten, die unabdingbar sind, um Marktfluktuationen aufzufangen. Marx' Kritik ist eine ständige und ernst zu nehmende Herausforderung für die Botschaft des "Wealth":
Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degeneration auf dem Gegenpol, d.h. auf der Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert. Marx, das Kapital, Bd. 1, S. 675
Zwar konnte Smith die Machenschaften internationaler Kartelle (in der freien Marktwirtschaft), Preistreibereien und Insidergeschäfte nicht voraussehen, doch warnte er unmissverständlich vor den lärmenden, spitzfindigen Ränken der Kaufleute und Hersteller: Alles für uns selbst, und nichts für andere. [S. 583]
Die "Entfremdung" die durch die Spezialisierung entsteht, war ihm zwar klar, aber er sah Volksbildung als Antwort auf die zunehmende Zerstörung der Persönlichkeit durch die Arbeitsteilung.
Sind Wealth und Theory getrennte Werke? Die heutige Interpretation nimmt an, dass bereits in der Theorie der ethischen Gefühle die Bedeutung der Sympathie als Handlungsmotiv gering war, nicht aber deren Funktion als moralische Beurteilungsinstanz, ausgeübt durch den neutralen Beobachter.
Viele modernere Smith-Interpretationen sind der Meinung, dass beide Werke im wesentlichen konsistente Bestandteile eines umfassend konzipierten Gesamtwerkes der Sozialphilosophie darstellen, The Wealth of Nations also nicht ausschließlich als wirtschaftstheoretisches Werk zu begreifen ist.
Die unsichtbare Hand:
Vor Smiths „Tour of France“ bedeutet dies, dass der Luxus der Reichen auch den Armen zugute kommt: The rich …
consume little more than the poor, and in spite of their natural selfishness and rapacity, though they mean
only their own conveniency, though the sole end which they propose from the labours of all the thousands
whom they employ, be the gratification of their own vain and insatiable desires, they divide with the poor
the produce of all their improvements. They are led by an invisible hand to make nearly the same
distribution of the necessaries of life, which would have been made, had the earth been divided into equal
portions among all its inhabitants, and thus without intending it, without knowing it, advance the interest of
the society, and afford means to the multiplication of the species.Smiths an invisible hand der Theory of Moral Sentiment widerspricht Smith in der Wealth of Nations schon
in der Einleitung: The annual labour of every nation is the fund which originally supplies it with all the
necessaries and conveniencies of life … as this produce … bears a greater or smaller proportion to the
number of those who are to consume it, the nation will be better or worse supplied with all the necessaries
and conveniencies for which it has occasion. … But this proportion must in every nation be regulated by
two different circumstances: first, by the skill, dexterity, and judgment with which its labour is generally
applied; and, secondly, by the proportion between the number of those who are employed in useful labour,
and that of those who are not so employed (Betonung hinzugefügt).
Der Luxus der Reichen in der Theory of Moral Sentiment bedeutet in der Wealth of Nations die
Verwendung von unproduktiver Arbeit. Diese veränderte Sicht beruht darauf, dass Quesnay und andere
Économistes in Paris Smith das Denken in Wirtschaftskreisläufen beibrachten. Und Arbeit, die Luxus
schafft, geht für eine produktive Verwendung, die einen Input für den nächsten Wirtschaftskreislauf
bedeutet, verloren.
Wir haben hier bereits 3 Punkte die der neoliberalen Interpretation massiv widersprechen:
Weiterentwicklung des Wealth durch
Ansätze zu einer gerechteren und auch gemütlicheren Wirtschaft gibt es viele (s. vor allem Georgescu-Roegen und Ivan Illich), sie blieben aber alle Aussenseiter, praktisch ohne Wirkung. Das Streben nach aktiver Tätigkeit scheint dem Menschen angeboren - selbst wenn die Welt daran zugrunde geht. Eine reine Unterhaltungswirtschaft, eine Wirtschaftstheorie ohne Arbeit, ohne Produktion, kommt hier eigentlich nicht vor. Einem generellen und bedingungslosen Grundlohn der alle zu Rentnern machte wäre also warnend zu sagen:
Wer sich von andern füttern lässt, muss damit rechnen, irgend wann selbst zum Futter zu werden. (s. H.G. Wells: Die Zeitmaschine: Eloy & Orlocks). Wo Profit verteilt statt reinvestiert wird, erfolgt prompte Stagnation des gesamten Systems. Kann man wollen - muss man sich aber überlegen, wie man dann mit den fallenden Renten umgehen will.
Auch hier dürfte die Weisheit in der Mitte liegen, bei einer Optimierung von Güter- und wirklicher Wohlstandsproduktion. s. Moderne Wirtschaft
Martin Herzog, Basel, 7.4.2010