Kantonsforstamt Glarus 8750 Glarus, 16. Juli
2004
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Das Waldsterben – ein Mythos?
Fritz Marti, Kantonsoberförster Glarus
In den letzten Wochen wurde ich verschiedentlich auf lichte Kronen und auffallende Kleinblättrigkeit bei Laubbäumen aufmerksam gemacht und nach den Ursachen befragt. Ich gab jeweils an, dass die nahe liegende Ursache dieses Phänomens wohl der trockene Sommer 2003 sei, welcher den Bäumen ein Wasserdefizit bescherte, das sich bis weit in die Vegetationsperiode des folgenden Jahres erstreckte. Und einmal mehr folgte die Frage, die wir Förster immer wieder zu hören bekommen: Die Frage nach der allgemeinen Gesundheit unseres Waldes, Stichwort: Waldsterben. Angesichts der widersprüchlichen Aussagen zu diesem Thema wundert sich niemand, dass diesbezüglich allgemeine Verwirrung herrscht. Ich werde den Eindruck nicht los, dass unsere Branche in dieser Sache nicht optimal kommuniziert hat. Dabei meine ich nicht jene, die in den achtziger Jahren vor einem drohenden Waldsterben gewarnt haben, sondern jene, die heute das Waldsterben als Mythos und grossen Irrtum darzustellen versuchen.
Das Waldsterben in Osteuropa
1992 besuchte ich auf Einladung der tschechischen Republik zusammen mit einem guten Dutzend weiterer Forstleute aus fünf Ländern die Hochebenen des Erz- und Riesengebirges im Grenzgebiet zu Deutschland und Polen. Auf diesen Hochebenen starben gemäss Angaben der Forscher innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten Wälder mit einer Gesamtfläche von rund 50’000 ha. Wer sich wie wir eine Woche Zeit nahm, die Bilder dieser einstmals üppig bewaldeten und nun kahlen Ebenen in sich aufzunehmen, der ging nicht nur mit einem beklemmenden Gefühl nach Hause, sondern hatte auch die Gewissheit, dass es ein Waldsterben tatsächlich gibt und nicht, wie immer wieder behauptet, ein Mythos ist. Die enormen Schadstoffemissionen der Braunkohlekraftwerke und die dementsprechend grossen Depositionen in den Waldböden liessen keine Zweifel aufkommen, dass die Luftverschmutzung an diesen enormen Schäden zumindest massgebend beteiligt war. Die Angst der Forstleute Mitteleuropas und insbesondere der Alpentäler kann auch aus heutiger Sicht durchaus nachvollzogen werden und es wäre fahrlässig gewesen, hätten diese nicht Alarm geschlagen. Auf die Frage, was gegen diese Bedrohung getan werden könnte, wurde immer das Gleiche geantwortet: Luftverschmutzung reduzieren.
Reduktion der Luftverschmutzung
Und das wurde in der Folge auch getan. Milliarden-Beträge wurden allein in der Schweiz investiert für eine wirksame Verringerung der Schadstoffemissionen. Die Entschwefelung des Heizöles, die Verbesserung der Heizungen, Katalysatoren, sauberere Automotoren, Rauchgasreinigungen bei den Kehrichtverbrennungsanlagen, verschiedene Massnahmen beim Verkehr, usw., führten schliesslich dazu, dass innerhalb weniger Jahre der Anstieg der Schadstoffemissionen nicht nur gebremst sondern die Schadstoffwerte beträchtlich gesenkt wurden. Gemäss des vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) im Jahre 1995 herausgegebenen Berichts konnten die Stickoxid-Emissionen zwischen 1980 und 1995 von 170'000 t auf 136’000 t gesenkt werden. Im gleichen Zeitraum konnten die Kohlenmonoxid- Emissionen von 1'280'000 t auf 510'000 t und die den sauren Regen produzierenden Schwefeldioxide von 116'000 t auf 34'000 t gesenkt werden. Das sind nur einige von zahlreichen Beispielen, die den Trend der Verbesserung der Luftqualität belegen.
Angesichts dieser Entwicklung sollte sich eigentlich niemand wundern, dass das Waldsterben analog Osteuropa nicht eintraf. Seien wir alle froh, dass es uns gelang, den dramatischen Anstieg der Luftverschmutzung zu stoppen und eine Verbesserung einzuleiten und glauben wir doch daran, dass es die Verbesserung dieser Luft war, die das drohende Waldsterben verhindert hat.
Wie geht’s nun tatsächlich unserem Wald?
Gemäss aktueller Waldschadensforschung sind wir keineswegs über den Berg. Im Informationsblatt der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) von 2001 wird folgendes festgehalten: “Die WSL sieht vorderhand, trotz der hohen Kronen-Verlichtungswerte des vergangenen Jahres, keinen Grund ihre bisherige Einschätzung zum Zustand des Schweizer Waldes zu revidieren: Danach ist der Schweizer Wald zwar nicht akut gefährdet, aber einem langfristigen Risiko ausgesetzt. Der übermässige Eintrag von Luftschadstoffen, insbesondere von Säuren und Stickstoff, führt den Boden langfristig zur Versauerung, zur Auswaschung von Nährstoffen und zu einer einseitigen Nährstoffversorgung der Bäume. In Böden, die von Natur aus schon sauer sind, können sich diese Veränderungen in wenigen Jahrzehnten nachteilig auf den Wald auswirken; zum Beispiel können Bäume anfälliger werden auf Trockenheit und Stürme.“
Diese Einschätzung der Waldschadensforschung deckt sich durchaus mit den Beobachtungen der Forstpraxis. Wir werden laufend mit der Tatsache konfrontiert, dass die Konstitution der Bäume wesentlich schlechter ist als früher. Dass die Bäume nach einem trockenen Sommer bereits mit Stresssymptomen wie die beobachtete Kleinblättrigkeit reagieren, ist nur eine Feststellung. Eine andere ist, dass Sekundärschädlinge wie der Borkenkäfer viel öfter in Erscheinung treten und dabei auch wesentlich grössere Schäden anrichten als früher. Ebenso stellen wir fest, dass wesentlich häufiger Windwürfe auftreten. Die diesbezüglichen Statistiken des Kantons Glarus lassen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig und die Statistiken anderer Kantone bestätigen diese Ergebnisse.
Einfachere Botschaften
Wir Förster sollten versuchen, einfache und nachvollziehbare Botschaften auszusenden. Wir könnten doch ohne weiteres folgende Aussage machen:
Wir haben in den achziger Jahren auf die Risiken der Schadstoffemmissionen aufmerksam gemacht und dabei auf das eingetretene Waldsterben in Osteuropa hingewiesen. Als Folge dieser Warnung hat man grosse Anstrengungen zur Eindämmung der Luftverschmutzung unternommen mit dem Erfolg, dass der befürchtete Supergau nicht eintraf. Eine Entwarnung kann aber auch nach Meinung der einschlägigen Forschung nicht gegeben werden, denn die Deposition von (insbesondere sauren) Schadstoffen auf unsere Waldböden stellt langfristig gesehen nach wie vor ein Risiko dar.
Statt einer solchen einfachen Botschaft streuen wir uns Asche aufs Haupt und verkünden zerknirscht, wir hätten uns geirrt – das prognostizierte Waldsterben sei nicht eingetreten. Bevor aber die Empfänger dieser Botschaft erlöst aufatmen können, erzählen wir etwas von Langzeitrisiken aufgrund von hohen Schadstoffeinträgen in unsere Böden, die auf Luftschadstoffe zurückzuführen seien. Wo liegt da der Unterschied zu dem, was wir in den achtziger Jahren sagten? Was soll das völlig unnötige Eingeständnis eines scheinbaren Irrtums, der die Leute nur unnötig verunsichert – und nota bene an der Glaubwürdigkeit von uns Förstern kratzt. Kein Mensch und vor allem kein Förster hat je behauptet, das Waldsterben würde auch bei deutlicher Reduktion der Luftschafstoffe noch im befürchteten Mass eintreffen.
Fazit
Meine Schlussfolgerung aus dem, was ich in den vergangenen 20 Jahren gehört, gelesen, gesehen und erlebt habe ist Folgende:
Das in Osteuropa eingetretene Waldsterben konnte bei uns vorderhand verhindert werden. Dies dürfte unter anderem der Verbesserung der Luftqualität zu verdanken sein. Die Waldschadensforschung hält fest, dass unser Wald zur Zeit nicht akut gefährdet ist, warnt aber vor Langzeitschäden durch übermässigen Eintrag von Luftschadstoffen, insbesondere von Säuren und Stickstoff. Die zunehmend einseitige Ernährung der Bäume könnte dazu führen, dass die Anfälligkeit – beispielsweise auf Trockenheit, Käferschäden und Stürme – weiterhin ansteigt.
Womöglich sind die gemachten Aussagen wissenschaftlich nicht in allen Teilen erwiesen. Aber mal ehrlich: Wie viel von dem, was uns täglich an Informationen serviert wird, ist denn „wissenschaftlich erwiesen“?
Der Begriff „Waldsterben“ lehnt die Waldschadensforschung heute kategorisch ab. Vielleicht nicht ganz zu unrecht, denn dieser Begriff ist nach heutigen Erkenntnissen zu absolut.
Entscheidend ist, dass wir uns des Langzeitrisikos bewusst sind und die Anstrengungen zur Verbesserung der Luft auch aus der Sicht der Walderhaltung konsequent weiter verfolgen. Und eben diese Forderung verpufft ungehört, wenn wir gleichzeitig überall verkünden: Wir haben uns geirrt – es gibt kein Waldsterben.
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Präsentiert von Brainworker's Denkwerkstatt und Webdesign, mit Bewilligung des Autors und der Redaktion Wald und Holz, die den Artikel in No 9/04 auf Seite 11-12 publiziert hat