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Nachhaltige Entwicklung
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Martin Herzog
Inselstrasse 62 4057 Basel Tel/Fax: (061) 831 80 15
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Die Stabsstelle Nachhaltigkeit des Naturama Aarau präsentiert vier grundlegende Probleme, welche eine nachhaltige Entwicklung behindern. Es handelt sich um Spezialisierung, also die durch die Verwissenschaftlichung geförderte Expertokratie; um das kurzfristige Denken, das durch die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche weiter zunimmt, und um die kurzatmige Aufmerksamkeit unserer Erlebnisgesellschaft, in der komplexe Probleme äusserst uncool sind. Die dort vorgeschlagenen Lösung über Indikatoren dürfte allerdings zwar der Verwaltung genehm sein, taugt aber zur Förderung der Nachhaltigkeit nur am Rande. Nachhaltigkeit ist ein Problem des kulturellen Umgangs mit Ressourcen. Kulturelle Änderungen setzen aber einen existenzieller Diskurs zur Neuausrichtung der Kultur voraus.
Die sehr aktuellen Diskussionen um eine Neuausrichtung einer modernen Forstpolitik in Richtung Stakeholder-Management führen hier einige Schritte weiter. Die Legitimation forstlichen Handelns wird heute nicht nur aus rechtlichen Gründen, sondern zunehmend auch aus wirtschaftlichen (Effizienz), technologischen wie auch moralischen Gründen in Frage gestellt. Dies erfordert die aktive Auseinandersetzung mit divergierenden Wertvorstellungen und Interessen aller am Forstbetrieb beteiligten oder von seinen Handlungen betroffenen Gruppen. Auseinandersetzung mit sollte hier nicht nur heissen, potentielle Vorwürfe und Forderungen abzufangen, sondern eben einen gemeinsamen konstruktiven Dialog über die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft zu führen.
Die Stabsstelle Nachhaltigkeit des Naturama Aarau stellt vier grundlegende Probleme, dort als Stolpersteine bezeichnet, bei der Entwicklung nachhaltiger Strategien fest:
1 Der "Spezialisten - Stolperstein":
Unsere Gesellschaft ist in unzählige Fachbereiche aufgeteilt. Wir sind angewiesen auf Spezialisten und Experten. Jedes Anliegen hat seine Lobby. Für Überlegungen über das eigene Fachgebiet hinaus bleibt wenig Zeit. Nachhaltigkeit ist aber ein interessenübergreifendes Konzept, will sie doch den Ausgleich von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Anliegen.
In diesem kurzen Paragraphen steckt ein ganzes Universum an Problemen zwischen Wissenschaft und Philosophie. Das 20. Jahrhundert hat die Philosophie, insbesondere ihre metaphysischen Aspekte, als unüberprüfbar und damit unwissenschaftlich deklassiert und beiseite gelegt. Wissen und Entscheiden wurde verwissenschaftlicht, dabei allerdings vergessen, dass alle Wissenschaften disziplinär sind, also nur zu einem relativ engen Sachbereich wirklich verlässlich Auskunft geben können. So wie der Kaufmann nur nach Dingen fragt, die ihm beim Verkaufen helfen, der Politiker nur nach Argumenten, die ihm zur Macht verhelfen, der Naturwissenschaftler nur nach den Dingen, die er in der Natur finden kann, so fragt jeder Wissenschaftler (zumindest jeder Karrierebewusste) nur nach Dingen, die er in seiner Disziplin angehen kann und die ihm zu Ruhm und Ehre (oder zumindest zu einer Publikation) verhelfen. So bleibt das wissenschaftliche Denken notgedrungen Inselwissen, genau so wie persönliche Meinungen und Argumente.
Als Ausweg aus diesem Dilemma wird seit über 20 Jahren intensiv nach Möglichkeiten gesucht. s. INTERDISZIPLINARITAET - TRANSDISZIPLINARITAET - PARADISZIPLINARITAET ... Warum nicht einfach Philosophie?
Ein weitere Kluft, die heute praktisch nur noch als wirtschaftlich zu überwindende, nicht aber als erkenntnismässige, erscheint, ist diejenige zwischen Erkenntnis und Anwendung. Der Poietik, als Kunst der Ausführung, wird in einigen Bereichen übermässige (Modedesign) in andern zu wenig Bedeutung (Ingenieurswesen) beigemessen: Der neue Ingenieur, zuständig für sozial akzeptable Lösungen, muss versiert sein in Kommunikation (nicht zu verwechseln mit Kommunikationstechnik) und Lehre, fähig, seine Botschaft klar und verständlich zu formulieren - ohne Angst davor, deshalb als unwissenschaftlich disqualifiziert zu werden - und, last not least, er muss fähig sein, die Mitwirkende (und/oder Betroffene) Bevölkerung zu kritischem Mitdenken und zur Mitarbeit motivieren zu können.
2 Der Stolperstein "kurzfristiges Denken":
Langfristige Überlegungen sind schwierig und für Entscheidungsträger wenig attraktiv. Kurzfristiger Profit und unmittelbarer Erfolg sind gefragt - in der Wirtschaft, aber auch bei Politikern, die nach vier Jahren wiedergewählt werden wollen. Nachhaltige Entwicklung jedoch zeigt erst langfristig Früchte.
Was hier, in Bezug auf Nachhaltigkeit, als Stolperstein erscheint, würde vermutlich von einer grossen Mehrheit als pragmatisches Verhalten und Lebenstüchtigkeit bezeichnet. Wer zu sehr in der Vergangenheit (Ultrakonservative) oder der Zukunft (Utopisten) lebt, lebt eigentlich nur von Träumen. Das reelle Leben findet in der Gegenwart dar, fordert also, diese als reeller und ernsthafter anzunehmen als Vergangenheit und Zukunft. Da der Mensch aber, im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen, ein denkendes, planendes und kreativ schaffendes Wesen ist, richtet er sich auch nach vergangenen Erfahrungen und zukünftigen Zielen. Realität und Gegenwart ist nur ein kurzer und immer fliessender Übergang zwischen vergangenen Erfahrungen und einer angestrebten Zukunft. Die Historizisten (und damit viele Marxisten) gaben sich der Illusion hin, dass sich die Gegenwart zwingend so aus der Vergangenheit ergab, und dass die Zukunft sich schon in der Gegenwart bestimmen lässt. Die Verfechter der freien Marktwirtschaft geben sich der Illusion hin, dass eine lebenswerte Zukunft automatisch aus den ungeregelten gegenwärtigen Tätigkeiten erwächst. Die Wahrheit dürfte wie zumeist irgendwo dazwischen liegen.
3 Der "alles viel zu kompliziert - Stolperstein":
Die Welt ist kompliziert. Obwohl wir unzählige Details erforschen, bleibt vieles unerklärlich, unvorhersehbar und widersprüchlich. Wir müssen lernen, Entscheide zu fällen, ohne letzte wissenschaftliche Sicherheit, indem wir Risiken vor-sorglich abwägen.
Dies liegt zum einen an der Spezialisierung und fehlenden systemischen Reintegration (Stolperstein No 1), zum andern aber auch an der schweren "Vermarktbarkeit" komplexer Zusammenhänge und vor allem am Grundstoff der Politik selbst: Wissen nicht entscheidend - Wissen muss zum Machen führen, und dazu braucht es Macht. Hier verfolgt auch das Argument wissenschaftlicher Herkunft zwei Strategien. Die politische Argumentation ist gleichzeitig Kampf um Wahrheit und Kampf um die Macht, wobei in der Praxis allerdings das Verlangen nach Macht oft weit über das Interesse an der Wahrheit dominiert. Zur Erlangung der Macht werden anderweitige eigene Interessen (Familie, Lebenssinn ausserhalb der Macht, Freiheit ...) aufgeopfert und Gruppeninteressen übernommen, oft samt Gruppensprache/Sondersprache, -Verhalten und Uniformierung (Krawatte und Anzug, Glatze, rote Haare - oder was immer grad so in Mode ist bei der Gruppe . . .)
Was dann vom Naturama allerdings als Lösung angeboten wird, Indikatoren, dürfte nicht sehr motivierend sein. Es handelt sich hier eher um eine Verwaltungslösung, die für dieselbe leicht zu handhaben ist. Ist dies die beste, oder gar die einzige Lösung - nach dem weitgehenden Absturz verschiedenster A21-Projekte?
Nachhaltigkeit verlangt nach neuen Wertesystemen, nach einer neuen Kultur. (s. Kulturwandel durch Unterhaltung? D ie EVENTualisierung der Nachhaltigkeit.
Bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele muss deshalb nicht nur beachtet werden, was zu tun ist, sondern auch wie wir die Veränderungen anpacken. Wir brauchen Planungs- und Diskussionsinstrumente, Strukturen und Anreize, die Interessen übergreifende und langfristige Anliegen stärken. Wir brauchen einen existentiellen Diskurs, also die Wiederbelebung der eminent unwissenschaftlichen philosophischen Grundfragen:
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Hinweise aus der Forstwirtschaft, dem ersten Wirtschaftszweig der nach Prinzipien nachhaltiger Bewirtschaftung verfuhr, sind vielleicht noch etwas bodennaher als diese eher philosophischen Empfehlungen. Der Freiburger Forstökonomieprofessor Gerhard Oester hielt eine wegweisende Rede an der Jahresversammlung des Schw. Forstvereins am 21. August 2003 in Zofingen. Ganz offensichtlich sind deren Auswirkungen jedoch recht gering geblieben. Immer noch herrscht hier, trotz neoliberaler Polemik und Propaganda, ein recht autoritäres Getue. Über Perspektiven zukunftsorientierter Waldwirtschaft - Betriebspolitisches Handeln in gesellschaftlichen Spannungsfeldern. s [Abgedruckt in der Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen 1/04, 155. JG, S. 13-20.]
Oester begründet nicht nur die Notwendigkeit einer Betriebspolitik, sondern die Notwendigkeit einer neuen, alternativen Betriebspolitik, die professionelles normatives Management betreibt. Es wird Kenner der Situation an der ETH wenig wundern, dass solche Vorschläge aus dem Ausland kommen müssen, denn der Wertorientierte Ansatz des Autors im Jemen wurde über Jahre von eben den Kreisen ins Lächerliche gezogen. Auch heute noch kommen von dort vor allem Rationalisierungsempfehlungen neoliberaler Provenienz. In der Zwischenzeit scheint es aber auch hierzulande einigen, eher aus der Praxis oder ausserforstlichen Kreisen stammenden, klar zu werden, dass das umfangreiche Wissen über ökosystemare Abläufe und waldbauliche Steuerungsmöglichkeiten nicht ausreicht, sondern dass dieses erst über eine aktive Auseinandersetzung des Betriebes mit der gesellschaftlichen Umwelt zum Tragen kommen kann.
Die zunehmende Systemausdifferenzierung erfordert erhöhte zivilgesellschaftliche Steuerung über Allianzen, Netzwerke, Kooperationen - Moderation und Mediation. Hiezu ist allerdings kritisch zu bemerken, dass erstens Allianzen, Netzwerke und Kooperationen "nur" spezifische Gruppeninteressen ansprechen, die dann über Moderation und Mediation ausgeglichen werden sollen. Hier fehlt auch bei Oester der Kampf der Modelle und Argumente. Komplexe Systeme erfordern auch komplexe Steuerung, also eine zur Komplexität passende Vielfalt der Steuerungsinstrumente. Einfalt ist selten eine taugliche Lösung. Alle Probleme über finanzielle Anreize lösen zu wollen ist aber ziemlich einfältig.
mit internen Stakeholdern:
mit externen Stakeholdern:
Strategien
Führung
Strukturen
Verhalten
Aspekte von Betriebsführung:
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Handlungsebenen des Managements:
operatives Management Strategisches Management Normatives Management (Betriebspolitik)
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Gestaltung durch Ausschöpfung der betrieblichen Erfolgspotentiale. Ziel: unmittelbare betriebliche Erfolgssicherung Steuerung durch Aufbau von betrieblichen Erfolgspotentialen. Ziel: zukünftige betriebliche Erfolgssicherung Aufbau betrieblicher Glaubwürdigkeits- und Verständigungspotentiale. Ziel: angemessene Bewältigung von Wert- und Interessenkonflikten mit allen Bezugsgruppen des Betriebes. |
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Normative und präskriptive Betriebspolitik
Dimension |
Wissenschaftliches Ziel | |
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| positives (descriptiv, explikativ^) | normativ (präskriptiv) | |
Form, Verfassung (polity) |
Welche Wirkung haben Mitbestimmungsmodelle und partizipative Planungsverfahren auf die Funktions- und Leistungsfähigkeit der Forstbetriebe sowie auf die gesellschaftliche Akzeptanz? | Wer soll zweckmässigerweise Entscheidungsträger sein? Welche Entscheidungsregeln sollen zweckmässig gelten?
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Inhalt (policy) |
Welche Strategien führen unter welchen Bedingungen zu welchen Ergebnissen? | Wie und in welchen Teilschritten sollten Strategien entworfen, implementiert und kontrolliert werden? Können die aktuell gültigen Inhalte der Betriebspolitik angesichts des gesellschaftlichen Wertewandels in sachlicher Hinsicht noch gehalten werden? |
Prozesse (politics) |
Welche Ansprüche werden von wem gestellt und wie im politischen Prozess geltend gemacht? Wie laufen politische Prozesse idealtypisch ab? | Normatives Management: Wie können Glaubwürdigkeits- und Verständigungspotentiale gegenüber Stakeholdern aufgebaut werden? Welche Inhalte, Mittel und Wege der Öffentlichkeitsarbeit sind angemessen? |
Herausforderungen
Die Forstpolitik muss also weitgehend Abschied nehmen von deterministischen Konzeptionen und technokratischen Planungsinstrumenten. Planung wird zur kontinuierlichen und fehlertoleranten Systemreflexivität. Damit aber Prozess orientierte und partizipative Lösungsansätze nicht nur als Event stattfinden, sondern auch Wirkung zeigen können, ist die Befreiung von hierarchischen Strukturen nötig, in denen einige Wenige - eher auf Grund ihrer Position als auf Grund von Argumenten - genau wissen, was für die Forstwirtschaft gut ist.
Die Forstwirtschaft hat sich in der Vergangenheit zu sehr und ausschliesslich auf die Verbesserung operativen Handelns konzentriert und sich zu wenig um die strategische und normative Handlungsebene - um die normative gesellschaftliche Einbindung - gekümmert.
Diese erfordert eine verstärkte Orientierung am gesellschaftlichen Dialog - und dieser wiederum gründliche, qualitativ bessere und aber auch verständliche Information der Öffentlichkeit. Komplexe systemische Information muss verständlich vorgebracht werden, Schlagworte der politischen Ausmarchung reichen hier nicht aus. Was objektive Information betrifft, so versagt der Markt jedoch je länger je mehr, um so mehr als die Medien primär als Werbeträger funktionieren und sich um Inserenten balgen. Für die Medien geht Masse (der Leser) vor Objektivität und insbesondere vor Komplexität. Mit den heute meist noch möglichen 2500 Zeichen pro Artikel ist es kaum möglich, mehr als einen einfachen Gedanken zu präsentieren. 3 Minuten für eine Radiosendung (über Bagdad z.B.) dürften auch nicht viel zum Verständnis der Lage dort beitragen.
Vor Propaganda der gefundenen Lösung, sei es über politische Kanäle, Verwaltung oder auch social marketing, muss die optimale Lösung gefunden, oder, vermutlich eher, konstruiert werden (s. Konstruktivismus. Dies ist allerdings nicht nach einem mechanistischen Konzept möglich, wie es etwa der Begriff social engineering nahe legen würde.).
Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Webdesigner für Wissensanbieter, Rheinfelden, 22. Januar 2004