Wollen wir eine Welt die auch für unsere Kinder noch lebenswert ist müssen wir sorgsamer mit Umwelt und Gesellschaft umgehen. Unsere Zukunft soll nicht allein durch Preise sondern auch durch Werte bestimmt werden.
Martin Herzog
350 Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik trafen sich am 28. und 29. August anlässlich des Symposiums SUSTAINABILITY an der ETH. Der Anlass wurde zu einem «who is who in Switzerland». Eric und Namensvetter Otto Honegger, Beat Kappeler, Alex Krauer, Elmar Ledergerber, Esther Girsberger, Erich Gysling, Ruedi Jeker, Thomas Knecht, Bertrand Piccard und und und (die nicht erwähnten mögen verzeihen). Das Auditorium Maximum der ETH war derart voll, dass sogar politische Prominenz wie Barbara Häring-Binder zwischendurch auf der Treppe Platz nehmen musste.
Warum drängt sich eine so illustre Gesellschaft in Schulbänke?
Das Ziel des Symposiums ist es, die Bereitschaft zu sorgsamem Umgang mit Umwelt und Menschen zu fördern. Nicht nur Umwelt soll geschützt werden, sondern auch der Gesellschaft und ihrer Kultur gilt es Sorge zu tragen. Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt sollen sich im Einklang entwickeln. Dazu reicht es nicht, nach Preisen zu entscheiden, es gilt auch Werte zu berücksichtigen. Dieser Einbezug des Sozialen in Forschung, Planung und Entwicklung ist ziemlich neu. Das Symposium führte ihn in einem gesunden Mass ein. Es ist erfreulich, dass das Thema Nachhaltigkeit bei der Wirtschaft auf dem Tisch liegt und auch die Banken mit grünen und sozialen Fonds mit dabei sind.
Eine Umfrage im Vorfeld der Veranstaltung zeigte, dass sich 50% der Betriebe, 45% der Aemter - und 5% der Presse für die Nachhaltigkeit interessieren! Am grössten ist das Engagement für dieses Thema bei den Gemeinden, wo zum Teil Aktionen im Rahmen der «Agenda 21» oder «Energie 2000» laufen. Zur Zeit dominiert aber noch der technisch-planerische Ansatz. In der Wirtschaft wie an Hochschulen wird Nachhaltigkeit vorläufig vorwiegend in Einzelprojekten angegangen. Die Verbände sind leider noch nicht in der Lage, sich strategisch für die Nachhaltigkeit einzusetzen. Die Meinung herrscht vor, dass die Verantwortung für Nachhaltigkeit beim Staat liege. Das hervorragend organisierte Symposium bot dazu Alternativen.
Obwohl Nachhaltigkeit als Ziel inzwischen allgemein anerkannt ist, steht noch offen wie es zu realisieren sei. Konflikte ergeben sich vor allem zwischen langfristiger und kurzfristiger Orientierung, gemeinsamen Zielen und Eigeninteressen, Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft, Wohlfahrt und Wettbewerbsfähigkeit.
Regierungsrat Ruedi Jeker formulierte die Aufgabe etwa so: «Weitsicht ist geboten. Wir wissen, dass wir nachhaltig Handeln sollten – aber noch nicht recht wie wir das praktisch tun sollen. Unsere Tunnelsicht muss erweitert werden. Die gesellschaftlichen und politischen Führer tragen hier eine Verantwortung, die sie nicht an internationale Gremien und Konferenzen abschieben können.»
Nach den Ausführungen von Professor Ernst Brugger, dem Geschäftsführer von «Sustainability», sowie den Erfahrungen der Banken, ist nachhaltiges Handeln aber nicht nur eine schwierige Aufgabe, sondern sie lohnt sich auch finanziell. Ethisches Verhalten macht ökonomisch Sinn. Als strategischer Erfolgsfaktor fördert es die Wettbewerbsfähigkeit.
Der Futurologe Patrick Dickson präsentierte eine derart fulminante Darstellung, ein Feuerwerk an Informationen, dass man beim Hören kaum nachkam, noch weniger mit dem Schreiben. Um aufzuzeigen wie kritisch die Entwicklung ist, müssen wir heute nicht mal mehr, wie es der Club of Rome tat, die schwindenden Erdölreserven beiziehen. Bereits unser wichtigstes Allgemeingut nebst der Luft, das Wasser, ist zu 35% genutzt. Der Aral See ist aufgrund der Bewässerung ausgedehnter Baumwollplantagen in Zentralasien in nur 30 Jahren ausgetrocknet.
Nach Dickson werden in den nächsten 5
Jahren Veränderungen ungekannten Ausmasses erleben. Warum? Als Antwort darauf
ein Zitat von Wayne Grotzky:
«I don’t go where the
puck ist. I skate to where the puck
is going.» Wirtschaft
wie auch die Politik kommen immer
zu spät, orientieren sie sich an dem was ist (Marktanalyse) und nicht an dem
was sein soll und sein wird (Trendforschung). In dieser Beschleunigung durch
rasch wechselnde Meinungen und in der Ohnmacht des Staates sieht Dickson gegenwärtig
die grössten Gefahren.
Wie beurteilen Finanzmärkte nachhaltige Betriebe?
Dr. Alex Krauer, Verwaltungsratspräsident der UBS, betrachtet es als Illusion anzunehmen, dass Erfolgsbilanzen nicht mehr beachtet würden. Kurzfristiges Denken lässt sich nicht ausschliessen, «denn ohne kurzfristigen Erfolg gibt es kein langfristiges Ueberleben». Viele Menschen misstrauen der Wirtschaft. Deshalb braucht es überzeugende Antworten auf Fragen wie: Wozu dienen Fusionen, was bringt die Globalisierung, was geschieht mit den Gewinnen? Gesellschaftliche Nachhaltigkeit ist nicht ohne Akzeptanz zu haben, Akzeptanz aber entsteht aus Vertrauen.
Kosten für die Sanierung von Altlasten, Investitionen für die Einhaltung von Grenzwerten, Forderungen aus der Produktehaftpflicht belasten das Nutzen-Risikoprofil einer Unternehmung oft mehr als die traditionellen Markt- und Geschäftsrisiken. Sorgfalt im Umgang mit Umwelt und Reputation rentieren auch finanziell.
Auch wenn wir Hans-Peter Burkhard,
Amtschef für Wirtschaft und Arbeit, Zürich, recht geben müssen mit seiner
Aussage: «Wir
wollen nicht zurück auf die Bäume sondern vorwärts», so hatten die Materialisten doch nicht das
letzte Wort. Zumindest in der Arbeitsgruppe Wissenstransfer wurden auch
philosophischere Zielsetzungen genannt. Dr. Hans Zulliger,
Verwaltungsratsdelegierter der Gretag, würde z.B. gerne das generelle Ziel «Wirtschaftswachstum»
durch ein «genug
für alle» - und
«Wohlstand
für alle»
durch «soziale
Gerechtigkeit» ersetzen.
Von Aufklärung und
Wissensvermittlung zum Dialog
«Wir sollten, man müsste, es könnte ... warum sagt keiner ich will, ich mach’?» So Professor Alexander Zehnder, Direktor der EAWAG, im Einklang mit den meisten Referenten zum Thema Nachhaltigkeit.
Ebenso Professor Albert Waldvogel, ETH: «Weder
knowledge noch transfer sind das Problem – die Prozesse brauchen lange, zu
lange. Es wird keine Bewegung ausgelöst.»
Wissen über Nachhaltigkeit ist vorhanden. Allerdings
ist hier eine andere Art von Wissen notwendig als das wissenschaftliche Wissen,
denn die Folgen unseres Handelns können wir nicht vollständig vorherbestimmen.
Wie entsteht die notwendige Bewegung? Dazu ein am Rande aufgeschnappter Dialog zu Dissens und Konsens: «Das wichtigste für die Nachhaltigkeit ist die Erarbeitung eines Konsenses» – so ein unbekannter aber voluminöser Teilnehmer. «Neeeeeiiiin – ganz und gar nicht: Nachhaltigkeit kann nur aus Dissens entstehen» – so der Diskussionsleiter.
Vermutlich haben beide recht. Es braucht
den Dissens um sich des Problems bewusst zu werden, um Prozesse anzustossen. Es
braucht aber auch den Konsens. Nur miteinander, nicht gegeneinander, können
Gesellschaft und Wirtschaft, Links und Rechts, Progressive und Konservative die
nachhaltige Entwicklung einleiten. Alex Krauer’s Meinung dazu: «Der
Zielkonflikt Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt wurde früher unter ‚Prioritäten’
abgehandelt, als ‚Entweder-Oder’. Heute suchen wir den Ausgleich.»
Ein vielleicht noch grösseres Problem wird vom Publizisten Beat Kappeler
aufgeworfen: «Hier
anwesend sind diejenigen die etwas ändern und bewegen wollen – wie aber
sprechen wir die Abwesenden und die Desinteressierten an? Wie wollen wir der
Welt neue Standards setzen, wenn wir selbst die falschen haben?»
Die scherzhafte Antwort darauf: «...
einen Artikel in die Weltwoche setzen». Prozesse in nachvollziehbarer und verständlicher
Weise darstellen, das wäre auch nach Angelika Hirschkorn die eigentliche
Aufgabe der Medien. Oft seien diese allerdings eher alarmistisch, antiökonomisch
und popularistisch, lautet der Vorwurf. Das Problem ist bewusst, lässt sich
aber nicht über den Konsumenten hinweg lösen. Medien brauchen Leser, Zuhörer
und Zuschauer. Für diese suchen sie das Spezielle, denn das Normale
interessiert wenig: «Dog
bites man: no news. Man bites Dog:
news!»
Zukunftsvisionen und Zukunftsgestaltung
Das Zeichen für Risiko ist in der chinesischen Schrift zusammengesetzt aus Gefahr und Chance (Ballonfahrer Dr. Bertrand Piccard). Oder wie es Patrick Dickson, Direktor der Global Change Ltd., vielleicht ausdrücken würde: Wir müssen in die Zukunft sehen um zu verstehen was wir heute zu tun haben. Nachhaltige Entwicklung ergibt sich nicht aus wissenschaftlicher Analyse und Expertenwissen. Die Gesellschaft als Ganzes muss entscheiden, solange sie noch die Wahl hat: Welche Zukunft wollen wir, für welche Industrie wollen wir arbeiten, in welcher Umwelt wollen wir leben, in welcher Gesellschaft fühlen wir uns wohl. Der Weg dahin ist noch offen. Wie Dr. Burkhard in seinem Schlusswort sagte: «Wir stehen am Anfang des Prozesses bei dem es darum geht die Bereitschaft zu sorgsamem Umgang mit Umwelt und Menschen zu fördern und nicht nur nur Preise sondern auch Werte zu berücksichtigen. Ein «Nachhaltiges Zürich» als Profil für die Region – als Marke, schafft zukunftsgerichtete, nachhaltige Arbeit und Arbeitsplätze.»