Die
Ablehnung der Energievorlagen bei der Volksabstimmung vom 24. September
ist eine verpasste Chance für Politik und Umwelt. Zu Fall gebracht wurde
die Initiative durch
inkonsequentes und ökologisch verantwortungsloses Agieren von Kreisen, die
neben der Kosten-Nutzen-Rechnung keinerlei Argumente akzeptieren.
Martin
Herzog
Warum versagte
der Souverän einem derart wirksamen Instrument wie der Ökosteuer einen
Testlauf? War die Ablehnung nicht vielleicht ein Entscheid aus dem Bauch heraus,
einem Bauch, der sich angesichts steigender Preise schon in Krämpfen
zusammenzog? Hätte man (und Frau) sich unter diesen Bedingungen nicht
vielleicht doch eher auf den Kopf verlassen sollen?
Die Förderabgabe
sollte den Energieverbrauch mit etwa drei Milliarden Franken belasten und die
Nebenkosten der Arbeit um den selben Betrag entlasten. Keine Steuer also,
sondern eine Lenkungsabgabe.
Viel Geld? Nach
den Halbjahresabschlüssen 2000 ist dies gerade der Betrag, den Roche in drei,
UBS und Novartis in vier Monaten und Nestlé in einem halben Jahr als Gewinn
ausweisen. Während diese Firmen in eigener Regie darüber entscheiden, ob sie
den Gewinn in den bestehenden Betrieb investieren, Neues aufbauen, Konkurrenz
aufkaufen, die Mitarbeiter beteiligen oder die Shareholder glücklich machen,
wurde dem Schweizer Staat vom Schweizer Volk versagt, diesen relativ
bescheidenen Betrag für ein Umlenken in Richtung “nachhaltige
Energieversorgung” einzusetzen. Durch die Solarinitiative wären mit dem lächerlichen
Betrag von 750 Millionen Franken Zukunftsmärkte mit hohem Wachstumspotential
geschaffen worden.
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Die
Schweiz, mit einem Anteil von 0,11% an der Weltbevölkerung, nutzt 0,4 %
des globalen Energieverbrauchs. |
Überschwemmungen,
Hitze, Stürme, beinahe jedes Jahr ein Jahrhunderthochwasser,
eine Jahrhunderthitze oder einen Jahrhundertsturm. Die Kräfte der Natur
drängen ins Guinness Book of Records.
Jeden Tag
verbrennt die Weltwirtschaft 70 Millionen Fass Erdöl. Von 1990 bis 1998 stieg
der Ausstoss von Treibhausgasen in den USA um 11%, in Kanada um 13 % an. Dass
dies in der EU nicht der Fall war, lag nicht an irgendwelchen Anstrengungen von
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern am konjunkturellen Rückgang. In
der Schweiz hätten die Anstrengungen im Rahmen von Energie 2000 Einsparungen
von 2% bewirkt, hätte sich nicht in der selben Zeit der Energieverbrauch um
2.7% erhöht.
Weltweit vervierfachte sich der Bedarf an Energie seit 1950. Für die nächsten 50 Jahre wird ein ähnliches Wachstum erwartet, vor allem durch die wirtschaftliche Entwicklung des südostasiatischen Raumes. 90% dieser Energie stammt aus der Nutzung fossiler Energieressourcen.
Einerseits kann
dies wohl kaum so weiter gehen. Andererseits: Können wir den Ländern, die noch
auf dem Pfad der Entwicklung sind, das Recht auf Industrialisierung absprechen?
Wohl kaum.
Wir belasten
die Umwelt überdurchschnittlich. Wir, die Industrienationen, entlassen pro Kopf
und Jahr sechs bis zwölf Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Der
weltweite Durchschnitt liegt bei vier Tonnen. Die Schweiz, mit einem Anteil von
0,11% an der Weltbevölkerung, nutzt 0,4 % des globalen Energieverbrauchs, also
beinahe das vierfache dessen, was ihr zustehen würde. Sie produziert 0,18% des
globalen CO2-Ausstosses, also doch immer noch das 1,5-fache des
Durchschnitts.
Die Entwicklung
war rasant. 1960 verbrauchte der/die SchweizerIn noch 2000 Watt pro Person, was
dem heutigen Weltdurchschnitt entspricht. Heute sind es bereits 6000 Watt, so
man die graue Energie, d.h. den Import von Stahl und ähnlich energieintensiven
Produkten, mit einrechnet. In Europa liegt dieser Verbrauch am oberen Rande, nur
die USA, Kanada und einige Golfstaaten gehen, bei einem Verbrauch von 10‘000
Watt und mehr, noch verschwenderischer um mit Energie.
Mutter Erde
erträgt das nicht mehr und wehrt sich. Die Versicherungen müssen immer mehr
Kosten für Unwetterschäden aufbringen. Um weitere Risiken zu mildern, verlangt
das Kyoto-Protokoll eine Verringerung des CO2-Ausstosses auf die
Werte von 1990, was zur Zeit einer Reduktion von rund 10% entspricht. Die
Schweiz hat sich 1997 dazu verbindlich verpflichtet. Als Instrument soll die CO2-Abgabe
dienen, die maximal 210 Franken pro Tonne betragen wird. Dadurch müsste, wie
Moritz Leuenberger nach der gescheiterten Abstimmung bereits androhte, das
Benzin statt um zwanzig halt bald um 49 Rappen teurer werden, sollen die
Umweltziele der Schweiz erreicht werden.
«Was
wird das denn kosten?»
Der Verbrauch
an fossiler Energie muss in nachhaltigere Bahnen gelenkt werden. Seit Jahren
lobt die Wirtschaft “marktwirtschaftliche Lenkung” als Instrument. Diese sei
wirksamer, billiger und akzeptabler als staatliche Vorschriften.
Entscheidende
marktwirtschaftliche Steuerräder sind Zins und Preis. Öl ist zu billig
gemessen an seinem Seltenheitswert. Es kann nicht ersetzt werden, es wächst
nicht nach. Je länger wir mit einer Richtungsänderung warten, um so abrupter
wird diese und um so höher werden die Kosten. Die Wirtschaft sucht aber nur
nach Alternativen, wenn der Rohstoff Energie nicht nur selten ist, sondern sich
dieser Seltenheitswert auch im Preis ausdrückt. Dies war bis anhin - oder
zumindest bis zur letzten Preissteigerung - eindeutig nicht der Fall. Also muss
eine notwendige Entwicklung durch einen politisch hoch angesetzten Preis
eingeleitet werden. Diese Beeinflussung von Preisen durch die Politik ist dort
notwendig, wo einzelne den Nutzen haben, aber die Allgemeinheit mit den Kosten
belastet wird. Schädigende Tätigkeit wird mit einem Preis versehen. Für die
Energie heisst das, dass niedriger Verbrauch finanziell belohnt, hoher dagegen
finanziell bestraft wird. Alles in allem eine recht gute Lösung aus der
Werkstatt der Ökonomen, die aber von der Wirtschaft untergraben wurde.
«Energie
darf nicht noch mehr belastet werden, das kostet Arbeitsplätze»
Die
quantitativen Effekte des Energiegesetzes auf den Arbeitsmarkt wie generell auf
die Wirtschaft wären eher gering gewesen. Natürlich wären Stellen geschaffen
worden, der Effekt ist aber relativ banal. Es ist ja wenig verwunderlich, dass
Arbeitsplätze entstehen, wenn Geld in Produktion investiert wird. Auf der
anderen Seite hätte die Verteuerung der Energie zum Abbau einiger Stellen
beitragen können. Was allerdings das Ausmass betrifft, so stritten sich die
Gelehrten von «Oekos» und der ETH aber nur um die Stellen nach dem Komma.
Der qualitative
Effekt wäre wichtiger gewesen. Die Schweiz ist, was Solar-Know-How betrifft,
Spitze. Diese Position geht aber verloren, wenn kein Markt da ist. Alternative
Energien sind in der Anfangsphase teurer, da die Produktion zu tief ist. Energie
aus subventionierten Atom- und Kohlekraftwerken ist billiger und höhere
Produktionszahlen führen ebenfalls zu billigeren Produkten. Ersatz: Atom- und
Kohlekraftwerke produzieren billiger, da sie erstens subventioniert sind und da
zweitens das enorme Produktionsvolumen eine günstigere Produktion erlaubt.
Der Aufschwung
der alternativen Energie ist deshalb von Umweltbewusstsein und spezifischen
Marketingstrategien abhängig, d.h. er muss von den Idealisten getragen werden.
Da es aber um die Zukunft aller geht, ist dies eigentlich ziemlich unfair. Die
Solarinitiative hätte diesen Markt entwickelt und in Gang gebracht. Dabei wären
auch zukunftsorientierte Stellen und Wissen entstanden.
Als Folge des
Fehlentscheids an der Urne dürfen dafür unsere Atomkraftwerke statt 30 oder 40
Jahre nun um einiges länger laufen.
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