Forstpolitik wird zu Waldpolitik, Forstgesetz zu Waldgesetz, der Forstingenieur zum Wald- und Landschaftsmanager. Was steckt dahinter? Sieht man sich die ursprüngliche Bedeutung der Begriffe Wald und Forst an, so steckt da mehr Positives dahinter, als auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Wald scheint für die meisten eher etwas natürliches, Forst eher etwas gepflanztes und verwaltetes.
Definition Wald: Wald ist eine natürliche Lebensgemeinschaft (Ökosystem) von Bäumen einer gewissen Dichte, die allerdings je nach Standort und Art des Waldes unterschiedlich zu definierenden ist. Wald weist eine spezielle Tier- und Pflanzenwelt, ein eigenes Wald-Klima (kühler und feuchter als im offenen Land) und spezielle Bodenbedingungen auf.
Die rechtliche Definition von Wald: Nach Art. 2 Abs. 1 WaG gilt jede Fläche als Wald, die mit einheimischen Waldsträuchern oder Waldbäumen und einer einheimischen Strauch- und Krautschicht bestockt ist Weitere qualitative Merkmale sind der typische Waldboden, ein Waldinnenklima, sowie Schutz-, Nutz- oder Wohlfahrtsfunktion. Als quantitative Hilfskriterien dienen Ausmass und Alter: Als minimale Fläche die Waldfunktion erfüllen kann gibt die Botschaft zum WaG eine Fläche von 500m2 , eine Breite von 12 m und ein Alter von 15 Jahren.
Definition Forst: Heute ein nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen bewirtschafteter und abgegrenzter Wald - im Gegensatz zu Urwald, der ohne menschlichen Einfluss gedeiht. Früher wurde mit Forst ein königlicher Wald (Herrenwald, Bannforst) bezeichnet, im Unterschied zur Mark (Allmend), wo das Nutzungsrecht allen Dorfbewohnern zustand. Kurz gefasst heisst das also, das hoheitlicher Wald, der ja vermutlich auch als erster bewirtschaftet wurde, als Forst zu bezeichnen wäre, während Wälder der Kommunen, Genossenschaften, Korporationen, Gemeinden und Privaten unter Wald liefen.
Zur Zeit der Entstehung des schweizerischen Forstgesetztes wie der Ausbildung der Forstingenieure an der ETH, war das Hauptziel eindeutig ein forstlich-hoheitliches, nämlich den Forst forstpolizeirechtlich vor Übernutzung zu schützen und dort, wo er bereits zu arg gelitten hatte, wieder herzustellen. Heute, 150 Jahre später, müssen wir den Wald eher vor Entwertung durch Unternutzung schützen. Gerade in Entwicklungsländern ist diese der Hauptgrund für die Umwandlung in rentablere Weiden (Brasilien) oder Ackerland (Afrika, Indonesien u.a.).
Dies ergibt eine interessante Verwandtschaft von Wald mit der sozialen Forstwirtschaft. Als Verdeutschung des englischen social forestry lag soziale Forstwirtschaft nahe. Aber historisch betrachtet hätte offenbar im deutschsprachigen Raum der Begriff Waldwirtschaft, präziser und einfacher, ohne Zusatz, den selben Gehalt gehabt und eigentlich völlig gereicht..
Die Aufgaben der Betriebsleiter
Aufgabe der Forstingenieure, der Förster und der Mitarbeiter ist eine planvolle, rentable Wald- und Holznutzung als Sylvi-Kultur, also ein pfleglich-nutzender Umgang mit der Natur und den natürlichen Gesetzen - nicht gegen sie. Dies erfordert ausgezeichnete Kenntnisse der Baumarten, ihrer ökologischen Ansprüche an Boden, Wasser und Licht, sowie ihres Wachstumsverhaltens. Der Wald-Bauer muss wissen, wann eine bestimmte Baumart dicht stehen muss, damit sich der Stamm streckt und nicht frühzeitig eine ausladende Krone gebildet wird. Er muss auch wissen, wie stark er den Bestand auflichten kann, damit die Krone nicht all zu sehr in die Breite geht und der Baum gegen Windwurf und Schnee instabil wird. Neben der Bestandesstabilität ist es aber vor allem die Holzqualität, die er schon möglichst früh richtig beurteilen sollte, denn die Produktionsdauer im Wald ist lang. All dies sind Ziele und Bedingungen der Durchforstung.
Er muss beurteilen, wann die richtigen Zeit ist für die Holzernte. Diese hängt nicht nur von der Baumart ab (Pappeln nach 10 Jahren, Eschen nach spätestens 80 Jahren, da sie sonst braun werden, Eichen 2-300 Jahre, da ihr Kern voll ausgeformt sein sollte und die Verluste beim Einschneiden um so geringer sind je dicker der Baum ist).
Da die Holzernte gleichzeitig die Neubegründung des Bestandes bedeutet, muss der Bewirtschafter überlegen, wie er die Verjüngung organisieren will, so dass sie nicht durch weitere Fällaktionen und Holztransporte wieder zerstört wird. Zu beantworten sind die Fragen: Unter welchen Bedingungen verjüngt sich der noch bestehende Bestand am besten (sofern er standortsgerecht ist!), wie stark muss der Bestand aufgelockert werden, um die Ansamung zu erlauben, d.h: wie viel Licht und Wärme sind dazu nötig. (Diese Ansprüche sind für jede Baumart anders). Wie weit darf der Bestand aufgelockert werden, ohne Instabilität und Windwürfe zu vermeiden oder durch zu viel Licht Brombeeren und Kräuter so zu fördern, dass sie den Jungwuchs erdrücken. Da vermehrt naturnahe Waldbewirtschaftung gewünscht wird, aber auch aus Kostengründen, nahmen künstliche Aufforstungen in den letzten 30 Jahren enorm ab - vor allem bei den Nadelhölzern. Sollte sich die globale Erwärmung als kein Hirngespinst erweisen, würden stärkere Aufforstungen nötig, um die Süd-Nordverschiebung (oder die Höhenverschiebung) genetisch auszugleichen, denn natürliche Verjüngung repliziert genetisch nur das, was da ist. [s. Waldsterben] Insbesondere dort, wo vor hundert Jahren Fichten aus dem Schwarzwald, also aus der Höhe und aus dem Norden, eingeführt wurden, müssten sich theoretisch vermehrte Schäden zeigen, müssten diese immer unangepasster werdenden Rassen durch südlichere, oder aus tieferen Lagen stammende, ersetzt werden.

Ob die Bäume nun auf grossen Flächen gleichzeitig zu fällen sind um Geld zu sparen (Kahlschlag), auf schmalen Streifen in Ost-West-Richtung, gegen Süden vorschreitend, um nicht immer neue Stämme der Sonne und damit dem Sonnenbrand auszusetzen (Streifenfemelschlag) oder kleinstflächig wie beim Plenterbetrieb, darüber streiten die Forstgelehrten und Praktiker seit über 100 Jahren.

Die Schweizer Wälder enthalten in ihrer Pflanzenmasse und im Boden vier bis fünfmal so viel Kohlenstoff wie die Atmosphäre über unserem Land.
BUWAL. Waldbericht 2005. S. 36-37
Während der Schutzwald Siedlungen und Verkehrswege vor Naturkatastrophen schützt, ist es Aufgabe des Waldschutzes, den Wald seinerseits vor Borkenkäfern, saurem Regen, Stürmen, Luftverschmutzung, Überdüngung, Wildverbiss und manchmal auch den Menschen zu schützen, also Gefahren frühzeitig zu erkennen und Schäden wie Windbruch und -Wurf, Schneebruch, Insekten, Pilze, Mäuse (bei Jungwuchs) zu verhindern.
Die waldbauliche Tätigkeiten basiert auf fundiertem betrieblichem Controlling. Die detaillierte Erfassung und Dokumentation von Ernte, Inventaren mit Wuchsleistung, Baumartenanteilen, Mischungsformen und Mischungsanteilen, Stufung und Bestandesdichte, helfen bei der Bestimmung notwendiger Massnahmen und Investitionen wie Walderschliessung (Strassen, Seilkräne ...), Maschinen, Bauten und Pflege. Dies geschieht im Rahmen von Forsteinrichtung und Waldentwicklungsplänen.
Um den Absatz des Holzes zu sichern, müssen die Betriebsleiter den Holzmarkt gut kennen und auch die Beziehungen zu den Abnehmern pflegen. Gerieten die Betriebsleiter bis vor 20-30 Jahren vorwiegend unter Beschuss, weil sich die Abnehmer über zu hohe Preise beklagten, so geraten sie heute in die Krise, da die Marktpreise kaum noch die Erntekosten decken. Der Wald sollte gleichzeitig billige Rohstoffe für die weiterverarbeitenden Säger und die Holzindustrie liefern - und den Waldeigentümern einen höchstmöglichen Ertrag. Zur Zeit als der Wald noch Forst hiess herrschte eher ein Käufermarkt. Heute ist er in der unangenehmeren Position des Anbietermarktes, mit einem Produkt für das seltsamerweise gleichzeitig steigende Nachfrage wie sinkende Preise vermeldet werden. Da mit dem Produkt Holz nicht einmal mehr die Betriebskosten zu bezahlen sind, geschweige denn, ein Gewinn herausschaut, müssen sich Waldeigentümer und Betriebsleiter nach neuen Produkten umsehen, die bessere Preise erzielen, also auch Produkte wie Erholung, Wasserreinigung, Naturschutz auf dem Markt anbieten.
Die gegenwärtigen Diskussionen zur Restrukturierung der Waldwirtschaft, getrieben von wirtschaftlichen Verlusten, übersehen zumeist, dass 73% des Waldes, also fast 3/4 in öffentlicher Hand sind, also quasi dem Volk gehören. Dieses weiss aber (hoffentlich) seinen Wald zu schätzen und dürfte sich wehren gegen eine Industrialisierung des Waldes unter dem Banner der Wirtschaftlichkeit.
> In der Zwischenzeit zeigt sich allerdings auch, dass Holz weit unter seinem Wert verkauft wird, denn es wird seit 2 Jahren billiger verscherbelt als es schon nur seinem Energiegehalt entsprechen würde.

Bisher ist noch mit keinem Wort erwähnt worden, warum der Forstbetriebsleiter sich hierzulande Forstingenieur nennt, während er, bei annähernd gleicher Ausbildung und Tätigkeit, in Deutschland als Forstbetriebswirt bekannt ist. Dies hat vor allem mit den Alpen zu tun. Der Forstingenieur muss im Stande sein, Bauwerke wie Strassen, Kleinbrücken, Wildbach- und Lawinenverbauungen, Stützmauern, einfacher Holzbauten auf der Basis empirischer Daten selbst zu rechnen und zu erstellen. Er benötigt dazu auch Kenntnisse über Klima, Boden, Bodenmechanik, Die Dynamik von Lawinen und Flüssen, Strassenbau u.a.
Ein bisschen ein Problem sind Politik und Öffentlichkeitsarbeit. Beide werden zwar in jedem Lehrbuch und Bericht zur Aufgabe von Fortingenieuren und Förstern immer als äusserst wichtig dargestellt. Eine Ausbildung dazu wurde aber bis anhin noch nie angeboten. Der Forstingenieur, als Beamter mit Wählbarkeitszeugnis (!) wird hier in eine äusserst unangenehme, um nicht zu sagen unhaltbare Situation gezwängt. Er sollte sich einerseits dauernd und aktiv für den Wald einsetzen, also Waldpolitik betreiben. Andererseits ist er als Beamter ganz klar dazu verpflichtet, den Wald nach gegebenem politischem Auftrag zu bewirtschaften, denn er gehört zu Vollzug und Verwaltung, nicht zur Gesetzgebung. Dies vielleicht ein Grund, warum die meisten eher zurückhaltend sind, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit geht.
Die Waldarbeiter, die im Gegensatz zum Trend vom Forst zum Wald, ihrerseits zu Forstwarten wurden, stehen ebenfalls im Clinch. Holzfällerarbeit war seit jeher hart und mässig bezahlt, weil die Primärproduktion weniger Mehrwert schafft als Verarbeitung, Handel und Finanzdienstleistungen. Sie sollten das Fällen und Rücken gleichzeitig möglichst billig, ohne Unfälle und ohne Schäden am bleibenden Bestand durchführen. Hier zeigen sich die Grenzen, Folgen und Kosten der Liberalisierung am deutlichsten.
Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Rheinfelden, 18. Oktober 2002