Die Resultate der zwei Waldgipfel
... und der Naturschutz anerkennt so langsam die
Leistungen des Forstdienstes
550 Förster, Forstingenieure, Experten aus Holzwirtschaft und Naturschutz
haben an den zwei Workshops teilgenommen. Die Resultate wurden in Wald und
Holz 8/03, S. 9/10 wie folgt zusammengefasst:
Schutz der Waldfläche
- Das bestehende Waldareal soll erhalten bleiben. Eine Lockerung des
Rodungsverbots würde kurzfristige und finanzielle Interessen in den
Fordergrund rücken, was nicht erwünscht ist.
- Der dynamische Waldbegriff, nach dem einwachsender Wald ebenfalls
geschützt ist, soll eingeschränkt werden können.
- Durch bessere Koordination zwischen Wald-, Landwirtschafts- und
Raumordnungspolitik soll der Übergangsbereich zwischen Wald und Offenland
aufgewertet werden sowie dynamischer und flexibler gestaltet werden.
Schutzwald
- Es sind neue Methoden zur Bewertung der Schutzleistungen des Waldes zu
entwickeln. Zudem müssen die Schutzleistungen des Waldes in der Öffentlichkeit
besser als bisher kommuniziert werden.
- Es ist ein nationaler Schutzwaldkataster zu schaffen und es sind
nationale Sicherheitsstandards für Schutzwälder zu definieren. Die
Ausscheidung der Schutzwälder hat nach national einheitlichen Kriterien zu
erfolgen.
- Für die Pflege und Verjüngung des Schutzwaldes besteht ein
Nachholbedarf. Ziel ist es, dass die Schutzleistungen des Waldes
anerkannt, ihre Erfüllung gewährleistet und von der Öffentlichkeit abgegolten
werden. Die Mittel für die Schutzwaldpflege müssen langfristig und verlässlich
sichergestellt sein.
- Das Netzwerk der Forstbranche (Forstdientstorganisation) wird auf
die Ziele eines integralen, interdisziplinären Regionalmanagements
ausgerichtet.
Organisation der Waldbewirtschaftung
- Vielerorts wird der gesetzlich vorhandene Spielraum für
organisatorische Verbesserungen nur unzureichend ausgeschöpft. In diesem
Sinne ist es wichtig, dass sich die Waldbesitzer ihrer Möglichkeiten bewusster
werden. Dies bedeutet aber auch, dass Versuche mit neuen Organisationsformen
seitens der kantonalen Forstdienste wohlwollend und mit einer grossen
Offenheit aufzunehmen sind.
- Die Zuordnung von Rechten und Pflichten für Waldbesitzer muss gut
überlegt und ausdiskutiert werden. Traditionen und Bräuche spielen eine
wichtige Rolle. Die Position der Waldbesitzer muss insgesamt gestärkt und
klarer und selbständiger vertreten werden.
- Es ist klar zu unterscheiden zwischen privater und öffentlicher
Planung. Die öffentliche Planung für den Wald ist mit der regionalen und
kantonalen Raumplanung abzustimmen.
Effiziente Holzkette
- Eine gute Holzwirtschaftspolitik setzt auf Kostenreduktionen bei allen
Partnern in der Holzkette. Diese sind aufgefordert, sowohl ihre
Produktions- als auch ihre gemeinsamen Transaktionskosten zu senken (zu
deutsch: besser zu kooperieren) und so ihre Produktivität zu steigern.
- Die Verbände der Holzwirtschaft sind aufgefordert, ihre heutige
Ausgangslage im internationalen Umfeld eingehend zu analysieren und darauf
aufbauend realistische Verbesserungen der rechtlichen Rahmenbedingungen in die
politische Diskussion einzubringen, aber auch ihre komparativen Vorteile
bewusster auszuloten und zu nutzen.
- Eine interventionistische Holzwirtschaftspolitik wird dezidiert abgelehnt.
Biodiversität
- Standards für den naturnahen Waldbau sollen die Multifunktionalität der
Wälder nachhaltig gewährleisten.
- Auf einer Fläche von mindestens 5% der Waldfläche wird die natürliche
Waldentwicklung zugelassen. Es ist ein angemessener Alt- und
Totholzanteil verteilt auf die gesamte Waldfläche anzustreben (minimal
2.5% des Vorrates).
- Bis 2015 sind 20% der Waldränder ökologisch aufzuwerten.
- Artenreiche und seltene Waldtypen und Bewirtschaftungsformen sowie
seltene und gefährdete Arten sind zu fördern.
- Der Wald bietet Waldtieren ausreichend Lebensraum und Ruhe. Die
Wildbestände sind an ihre Lebensräume anzupassen.
- Exotische Schadorganismen und unerwünschte Arten im Wald sind
auszuschliessen.
Bildung für Wald und Landschaft
- Das Bildungssystem Wald soll verstärkt auch die Landschaft
einschliessen.
- Für den Wald und die Landschaft soll ein eigenes Bildungssystem
erhalten bleiben, mit den drei aufeinander abgestimmten Ebenen "Praktiker für
Wald und Landschaft", "Wald- und Landschaftsmanager" und "Wald und
Landschaftsexperte".
- Das Bildungssystem hat seine Kernkompetenz klar in den Bereichen Wald und
Landschaft. Es verhält sich jedoch marktkonform und flexibel und ist offen
gegenüber benachbarten Bereichen.
Freizeit im Wald
- Die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung und Pflege
von Wäldern mit Freizeitfunktionen sind zu klären (inkl. freies
Betretungsrecht, Rechte und Pflichten von Nutzniessenden und Eigentümern,
Haftungsfragen bei Unfällen und raumplanerische Fragen im Zusammenhang mit
intensiv genutzten spezielle Freizeitwäldern).
- Im Interesse der Walderhaltung sollen Erholung und Sport im Wald
kanalisiert und räumlich festgelegt werden. Wälder mit Vorrangsfunktion
Freizeit und Erholung sollen im Rahmen der Waldgesetzgebung in Koordination
mit der Raumplanung ausgeschieden werden.
- Die Finanzierung spezieller Leistungen für Freizeit und Erholung im
Wald muss sicher gestellt werden. Es ist zu unterscheiden zwischen
Leistungen mit öffentlichem Charakter (Abgeltung) und privatem Charakter.
- Dialog und Zusammenarbeit des Forstsektors mit der Bevölkerung, die
Information und Sensibilisierung in Wald. und Umweltfragen sind zu verstärken.
[Heinz Kasper, Pierre François Raymond, Hans
Beereuter, Stefan Brülhart, Rolf Ehrbar, Yves Kazemi, Fredy Lienhard, Marcel
Murri, Erwin Rebmann]
Kommentare:
Es ist besonders erfreulich zu vermerken, dass das ganze Gedöns
um finanzielle Aspekte und neoliberale Lösungen, also Privatisierung und
Erhöhung der Rentabilität für die Eigentümer, weder bei der
KOK noch bei den Teilnehmern der 2
Waldforen übermässig Spuren hinterlassen hat. Immerhin hatte es die Wirkung,
dass heute auch die Naturschützer wissen, dass Wald sich kaum zum Spielfeld für
Biotoppfleger eignet, sondern dass eine übermässige Betonung wirtschaftlicher
Interessen dem Wald um einiges schädlicher sein könnte, als es die einheimische
Forstwirtschaft je war. In Naturschutzkreisen macht sich bereits die Meinung
breit, es sei vielleicht geschickter, das Waldgesetz so zu lassen wie es ist,
als eine weitere Amerikanisierung zu riskieren. Ein erfreulicher Fortschritt
gegenüber der Quasiüberflüssigkeitserklärung des
Forstdienstes seitens pro natura vom August 2002.
Pro Natura 4, August 2003, S. 5: Seit über einem Jahr
erarbeitet der Bund eine neue Waldpolitik. Was gut begonnen hat, sieht
inzwischen düster aus. Trotz Beteiligung von Umweltverbänden am Prozess, droht
die Natur im Wald auf der Strecke zu bleiben.
Die Wald und Holzwirtschaft schreibt rote Zahlen, Tendenz
dunkelrot. Vor diesem Hintergrund regieren einmal mehr die ökonomischen Aspekte.
Um die Waldwirtschaft so rasch wie möglich wieder rentabel zu machen, sollen
vermeintlich hemmende Vorschriften gelockert werden. Diese werden vor allem -
wen wundert's - in den Naturschutzvorschriften geortet.
Moderne Forstbetriebe arbeiten heute schon rentabel - und
gleichzeitig naturfreundlich! Pro Natura sieht daher keinen Grund zur Änderung
der bestehenden Waldpolitik. Die Strukturprobleme der Forstwirtschaft lassen
sich so nicht lösen und der Wald würde unnötig für Experimente missbraucht, die
ihn auf lange Zeit schädigen könnten. (KA)
Etwas flau sind die Empfehlungen zur Bildung, die eigentlich
bloss die Empfehlungen der ETH, Fachhochschulen und Försterschulen (?)
aufnehmen. Hier ist noch einiges mehr an Denkarbeit nötig. Der Grund dafür liegt
in der eher mangelhaften Organisation, d.h. der einseitigen Perspektive der
Tagung in Maienfeld, bei der die Ausbildung an der Hochschule eh nur am Rande
zur Sprache kam.
Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Rheinfelden, 17.08.03
Inzwischen stehen auch die
gesamten Unterlagen zur Planung der forstlichen Bildung zur Verfügung. Die
Analyse zeigt leider, dass
die Empfehlungen der ETH sich am falschen Produkt orientiert haben, denn sie
sind nicht dauerhaft und hart wie Holz, sonder so löcherig wie ein Schweizer
Käse. Weder bieten sie eine Antwort auf das dringendste Problem des Waldes, die
fehlende Wirtschaftlichkeit, noch beinhalten Sie eine Lösung der spezifischen
wissenschaftlichen Probleme eines anwendungsorientierten und multidisziplinären
Studiums.