Lieber Herr Herzog,
Besten Dank für ihren ausführlichen Leserbrief auf meinen Artikel, der
zugegebenermassen einige Widerhaken hatte, aber im grossen und ganzen der
Forstwelt eigentlich ein Kränzchen winden wollte. Doch Sie haben ganz gezielt
die paar Haare in der sonst bekömmlichen Suppe rausgefischt und reiben Sie mir
nun unter die Nase. Aber das ist natürlich ihr gutes Recht.
Dass die Frage «Und warum überlassen wir der Natur nicht gleich überall die
Verjüngung und verzichten grundsätzlich auf die teure Pflanzung und
Jungwaldpflege?» forstpolitisch brisant ist, war mir klar. Es war eine
(zugegebenermassen etwas absolute und simple) Frage und sie haben dazu eine
ausführliche Antwort geliefert. Aber dies ist sicher nicht die einzige Antwort,
umso mehr als Sie meine Frage sehr einseitig interpretiert haben. Ich habe nicht
gesagt, dass in Zukunft ausschliesslich Brennholz gewonnen werden soll. Auch ein
naturverjüngter und extensiv gepflegter Wald kann auf guten Standorten Wertholz
hervorbringen - es geht einfach etwas länger. Aber es muss doch zu denken geben,
dass das über Jahrzehnte mit viel Aufwand geförderte Starkholz nun plötzlich auf
dem Markt nicht mehr gefragt ist. Warum nicht mal den Gedanken äussern,
raffiniert faul zu sein, anstatt stets in den Lauf der Natur einzugreifen? Im
übrigen bin ich der Meinung, dass im Bereich Brennholznutzung eine rationellere
und mechanisiertere Ernte durchaus denkbar ist und auch etwas grossflächigere
Schläge kein Tabu darstellen dürfen (wer redet denn von Axt und Gertel?). Auf
jeden Fall ist mir da die Mechanisierung lieber als die vom Sägereiverband
propagierten, rationell mit dem Forwarder nutzbaren, standortfremden und
uniformen Fichtenäcker.
Ob unser Holz besser Erdöl oder Stahl substituieren soll, ist eine offene Frage.
Tatsache ist, dass bei der lokalen und regionalen Verwendung des Holzes, eine
Steigerung des Brennholzbedarfes einfacher möglich ist, als die vermehrte
Stammholznutzung. Dies unter anderem, weil für letzteres die Sägereien fehlen.
Die gezielte Auflichtung von Wäldern oder die Pflanzung von seltenen und
ökologisch wertvollen Laubhölzern zur Umwandlung von standortfremden
Nadelreinbeständen wird im Artikel ausdrücklich begrüsst. (Dass sich in dunklen
Wäldern die Weisstanne auch dort vermehrt, wo sie nicht hingehört, ist ja nicht
wirklich ein Problem. Erstens wird die Weisstanne bevorzugt verbissen und sie
ist, wie sie selber sagen, auf ihr nicht zusagenden Standorten häufig nicht mehr
konkurrenzfähig, sobald genügend Licht zur Verfügung steht. )
Pro Natura unterstützt, wenn Waldbesitzer für echte ökologische Leistungen
(langjähriger Verzicht auf eine Nutzung oder Sonderwaldreservate) analog wie in
der Landwirtschaft entschädigt werden. Dies ist für uns in der Tat die
sinnvollere Subvention als die «Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen»
nach dem Motto «ohne Förster kein Wald».
Die Energievorlagen wurden im übrigen nicht hochkant über Bord geworfen, sondern
relativ knapp abgelehnt. Dies vor allem, weil zu dieser Zeit gerade der
Erdölpreis ungewöhnlich hoch war. Mit einem etwas grösseren Engagement z. B. der
Forstwelt hätte es evt. gereicht, aber da war halt wieder die Angst vor der
Verteuerung der Transporte ... Aber fassen Sie dies nicht als einseitige
Schuldzuweisung an die Forstleute auf. Wenn eine derart wichtige Vorlage
scheitert, müssen sich alle an der Nase nehmen.
Dass Windwürfe in Schutzwäldern für die Menschen eine Katastrophe darstellen,
das Auerwild und die ganze Tier- und Pflanzenwelt jedoch davon profitiert (nicht
zwingendermassen in den Schutzwäldern), hat nun gar nichts mit
«öko-fundamentalistischem Zynismus» zu tun, sondern ist einfach so. Dies ist in
unzähligen Forschungsarbeiten zu Windwurfflächen nachzulesen.
Und auch unsere angebliche Stimmungsmache und der Kundenfang mit Aktionen zum
Tropenholz kann ich insbesondere im Bezug zu diesem Artikel überhaupt nicht
nachvollziehen. Es ist richtig, dass die Schweiz relativ wenig Tropenholz
bezieht. An der wichtigsten Ursache dieser ökologischen Katastrophe in den
Drittwelt-Ländern, nämlich dem stetig steigenden Nord-Süd-Gefälle, ist die
Schweiz jedoch sehr wohl mitschuldig. Da haben nicht nur die Naturschützer noch
manches zu lernen. Ihr Ansatz, dass der Tropenwald nur geschützt werden kann,
wenn er für die lokale Bevölkerung auch einen Wert hat, ist nicht neu, sondern
liegt der Idee der Waldzertifizierung zu Grunde.
Es ist sicher richtig, dass dieser Artikel, welcher sich an die Pro Natura
Mitglieder richtet, für Fachleute etwas salopp und zu einfach daherkommt. Aber
die allgemeine Botschaft, welche bei der Mehrzahl der Leserinnen und Leser
hängen bleiben wird, ist:
So falsch ist das jetzt auch wieder nicht. Und so heiss wie die Suppe gekocht
wurde, wird sie ja ohnehin nicht gegessen, vor allem wenn nicht gegessen wird,
bevor alle Haare rausgefischt sind.
Mit freundlichen Grüssen
Urs Chrétien
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