Zur geplanten Subventionierung einer ausländischen Grosssägerei in der Ostschweiz

 

Eine gesunde Forstwirtschaft muss die Gesetze der Natur und der örtlichen Gemeinschaft achten.

 

Schweizer Gemeinden befinden sich im Standortwettbewerb um ausländische Investoren mit der ganzen Welt. Ausschlaggebend für die Wahl des Standortes ist lediglich, die Aussicht auf Gewinn. Gemeinwohl, Arbeitsrechte, Sicherheit und Naturschutz sind für multinationale Konzerne Kriterien, die in erster Linie Kosten nach sich ziehen. Personenfreizügigkeit gibt den Investoren allenfalls die Möglichkeit die Arbeitskräfte gleich selber mitzubringen. Es besteht die Gefahr, dass unser demokratisch aufgebautes Land, das den Menschen Schutz und ein würdiges Leben bieten sollte, in den Strudel der globalisierten Konzernwirtschaft hineingezogen wird. Ein eigenständiger Weg mit einer lokal verankerten Wirtschaft wäre die Alternative. Das Beispiel der österreichischen Grossägerei, die der Kanton Graubünden mit staatlichen Begünstigungen anlocken will, soll zum Nachdenken anregen.

„So ist Holz nicht mehr heimelig“ lautet der Titel eines Artikel im St. Galler Tagblatt vom 10. Juni über die Pläne der Bündner Regierung, die Ansiedlung einer österreichischen Grosssägerei grosszügig zu unterstützen. Acht Mio. Franken à fonds perdu will der Kanton Graubünden leisten, um das Unternehmen anzulocken. Diesem sollen in den Anfangsjahren Gemeinde- und Kantonssteuern erlassen und 25 Hektaren Bauland zu günstigem Zins im Baurecht abgegeben werden. Die St. Galler Regierung kritisierte ihre Bündner Kollegen und sprach von „einem ordnungspolitischen Sündenfall“, Die grosszügige Subventionierung werde sich auf alle Ostschweizer Kantone auswirken. Es liegt auf der Hand, dass die ansässigen Sägereibetriebe bei diesen ungleichen Bedingungen um ihre Konkurrenzfähigkeit bangen. Zumal der ausländische Konzern mit der jährlichen Verarbeitung von 600 000 Kubikmeter Rundholz die zehnfache Kapazität der beiden grössten einheimischen Sägereiunternehmen aufweist. Mit einer so umfangreichen Subventionierung eines internationalen Grossunternehmers greift der Staat unmittelbar in den Markt ein.

Parallelen zum Fall Galmiz

Ähnlich dem „Raumplanerischen Sündenfall Galmiz“ verändert der Staat willkürlich die gültigen Rahmenbedingungen. Die geplante Umzonung des grössten zusammenhängenden Landwirtschaftslandes der Schweiz im grossen Moos bei Galmiz am Murtensee ging Anfangs April dieses Jahres durch die Medien. Mit einer grossen Kundgebung protestierten fast zweitausend Menschen aus der ganzen Schweiz dagegen, dass dem amerikanische Biotech-Konzern Amgen zu staatlich bevorzugten Bedingungen mitten in einer Natur- und Kulturlandschaft von nationaler Bedeutung 55 Hektaren Land zur industriellen Nutzung überlassen werden sollen.

Die Spielregeln des globalen Wettbewerbs drohen die bestehenden Rahmenbedingungen in unserem Land ausser Kraft zu setzen. Die Investoren würden Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung bringen, wird beschworen und mit „Standortwettbewerb“ argumentiert. There is no alternative, es gibt nur diesen Weg, heisst es. Doch wohin führt er?

Lehren ziehen aus Erfahrungen

Am Beispiel Amerika könnte viel gelernt werden aus den Fehlern einer Gross-Konzernwirtschaft, die die Gesetze der Natur und der menschlichen Gemeinschaft missachtet. Der amerikanische Schriftsteller Wendell Berry stellt in seinem Essay über die „Forstwirtschaft für den Wald und die Menschen dem industriellen Raubbau eine nachhaltige kleinräumige Forstwirtschaft entgegen. (Leben mit Bodenhaftung, Erich Degreif Verlag 2000, ISBN3-930317-06-0). Einige Auszüge aus Berry’s Text, sollen im Folgenden zur Diskussion über die Ansiedelung von ausländischen Konzernen wie im Fall der Grossägerei in unserem Land anregen.

„Wie Kentuckyer aus reicher Erfahrung wissen, sind Beziehungen zwischen grossen Betrieben und kleinen Gemeinden, die nicht ausbeuterisch sind, äusserst rar, falls es sie überhaupt gibt. (...) Von jetzt an sollten wir nie wieder glauben, dass sich irgendein Konzern jemals in einer ländlichen Gegend niederlässt, um ihr Gutes zu tun, um ‚Arbeitsplätze zu schaffen’ oder um der einheimischen Bevölkerung die Segnungen des so genannten freien Marktes zu bescheren. Es wäre eine Tragödie, wenn die Mitglieder der ländlichen Gemeinden Kentuckys sich je wieder passiv als Lieferanten billiger Güter und billiger Arbeitskraft verkaufen liessen.

Den Reichtum und die Gesundheit unseres Landes in die Hände von Leuten zu legen, die nicht darauf leben und sein Schicksal nicht teilen, wird immer ein Fehler sein.“

Gerne möchte man den Vergleich mit einem amerikanischen Bundesstaat zurückweisen. Wir verlassen uns hierzulande auf unsere Gesetze. Wir möchten darauf vertrauen, dass in der Schweiz eine einseitig auf Profit ausgerichtete Wirtschaft zurückgebunden werden könne. Unsere Gesetze sollten doch die Menschen und unser Land vor Ausbeutung und Raubbau schützen.

Neues Waldgesetz

Aber dann lesen wir im Tages-Anzeiger vom 30 Juni, dass das bisherige, erst zwölfjährige Waldgesetz schon veraltet sei. „Schweizer Wald: Mehr roden, mehr verkaufen – und weniger schützen“, lautet die Schlagzeile! Laut Tages-Anzeiger werde die Schweiz mit Billigholz überschwemmt, da sie eigene Hölzer zu wenig nutze und schlecht verkaufe. Wegen einer zu hoch eingestuften Schutzfunktion wachse der Wald zu schnell. Zu den Kernpunkten des neuen Waldgesetzes heisst es u.a.: „Im Berggebiet, im Jura und in den Südalpen – überall dort, wo der Wald stark wächst – sollen Rodungen künftig nicht mehr aufgeforstet werden müssen. Künftig soll die Holzwirtschaft Kahlschläge von zwei Hektaren (zirka 2,5 Fussballfelder) vornehmen dürfen.“ Aus der Sicht derer, die die Grosssägerei in die Schweiz holen wollen, macht das neue Waldgesetz Sinn: Heute werden im Kanton Graubünden 150000 Kubikmeter Holz verarbeitet. Ein Konzern mit der fünffachen Kapazität muss sich schliesslich den nötigen Rohstoff verschaffen. Wie aber wirken sich solche Rodungen auf das Land aus? Berry beschreibt die Folgen so:„Es kann sein, dass der Rücketraktor die Stämme geradewegs den Hang hinaufschleift und dabei Wunden reisst, die (je nachdem, wie sie das abfliessende Wasser einfangen) entweder nur langsam heilen oder zu nie mehr heilenden Erosionsrinnen werden. Es besteht kein Interesse, das die Waldarbeiter mit dem Wald verbindet. Sie betrachten den Wald nicht als eine dauerhafte Ressource, sondern als ein gekauftes Holzlager, das so rasch wie möglich ‚abgeräumt’ werden muss.“

Berggemeinden unter Druck

In der Schweiz hat der Wald, vor allem in den Berggebieten, seit Jahrhunderten eine wichtige Schutzfunktion. Das Überleben vieler Gemeinden ist von der Pflege der Bannwälder abhängig. Es ist jedoch fraglich, ob mit dem neuen Finanzausgleich genügend Bundesgelder zur Verfügung stehen werden. Die heutige Bevorzugung von wirtschaftlich profitablen Regionen und Agglomerationen, stellt ländliche Gebiete und Bergregionen vor wachsende finanzielle Probleme. Es ist verständlich, dass die Vorstellung verlockt, ausländische Investoren könnten Arbeitsplätze schaffen und wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen. Die Einnahmen durch den Verkauf von grösseren Waldstücken können kurzfristig bestehende Finanzlöcher stopfen, aber wie viele Jahre dauert es, bis am selben Ort wieder Bäume geerntet werden können?

„In einer Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten“, so Berry, „werden eher die Gemeinschaft und der Wald geopfert als die Fabrik. Das Ideal solcher Betriebe ist der maximale Profit für die Besitzer oder Aktionäre, die im Regelfall nicht der örtlichen Gemeinschaft angehören. Das hat dann die üblichen Folgen: Arbeitskräfte und Materialien müssen so billig wie möglich beschafft werden, und die real anfallenden ökologischen Kosten müssen ‚externalisiert’, das heisst den Steuerzahlern oder der Zukunft aufgebürdet werden.“

Gute Forstwirtschaft

Wenn wir realistisch genug sind, die Folgen einer Ansiedelung der ausländischen Grosssägerei zu durchdenken, werden wir auch daran gehen müssen, Alternativen zur globalen Konzernwirtschaft zu suchen. Anstatt die Entwicklung resigniert hinzunehmen (there is no alternative?), sollten wir uns überlegen, wie eine gute Forstwirtschaft aussehen könnte. Wendell Berry schreibt dazu:

“Eine gute Forstwirtschaft würde, genau wie jede andere Form guten landabhängigen Wirtschaftens, darauf abzielen, die menschliche Gemeinschaft eines Ortes und die natürliche Gemeinschaft oder das Ökosystem dieses Ortes schonend und förderlich zu einer Einheit zu verschmelzen.“

Diese Verbundenheit bietet die Grundlage für eine nachhaltige, solidarische und umweltverträglichen Wirtschaft. Die Schweiz mit ihren demokratischen Strukturen und der weitgehenden Gemeindeautonomie, bietet eigentlich optimale Bedingungen für ein Wirtschaftsmodell, das Berry der Konzernwirtschaft entgegenstellt: „Eine gute Forstwirtschaft wäre in einheimischer Hand. Sie würde den Menschen der Region ein anständiges Auskommen sichern. Und sie würde danach streben, in erster Linie lokalen Bedürfnissen zu dienen und lokale Forderungen zu erfüllen, bevor sie anderswo einen Markt suchte.“ In verschiedenen Regionen der Schweiz, zum Beispiel im Toggenburg finden wir eine gut verankerte lokale Wirtschaft vor. Die vielen kleineren Betriebe arbeiten wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig und leisten einen wertvollen Beitrag für Natur und Gemeinschaft. Eine gute Forstwirtschaft wäre richtig dimensioniert. Wenn die Dimensionen einigermassen klein sind, ist das gut für den Wald. Nur eine kleine lokale Forstwirtschaft würde zu Beispiel die Auslesedurchforstung kleiner Waldstücke zur rechten Zeit zulassen.“

Soziale und ökologische Prinzipien

Was Berry fordert, sind keine utopischen Visionen. Ein solches Modell liesse sich mit gesundem Menschenverstand und einer demokratischen Gesinnung in jedem Land der Welt verwirklichen: “Eine gute Forstwirtschaft wäre lokal und komplex. Menschen aus der örtlichen Gemeinschaft wären in der Forstverwaltung, in der Waldarbeit und in den Sägewerken beschäftigt, in einer Vielzahl wertschöpfender kleiner Fabriken und Werkstätten und ihnen zuarbeitenden oder sie beliefernden Gewerben. Die Gemeinschaft, heisst das, könnte dank ihrer Wirtschaftsweise aus ihrer lokalen Ressource das maximale Einkommen ziehen.“

Jede Gesellschaft steht vor der Frage, wie ihre Wirtschaft aussehen soll. Die heutige vernetzte Welt verlangt nach neuen zukunftstauglichen Modellen. Soziale und ökologische Prinzipien sollten überall auf der Welt zu grundlegenden Leitideen der Zukunftsgestaltung werden. Als Mitmenschen und Bürger stehen wir in der Verantwortung uns für die Würde und den Schutz aller Menschen und der Natur einzusetzen. Mit mehr Mut, Solidarität und bescheideneren Ansprüchen werden wir vielleicht einen Weg aus der Krise heraus finden.

E. Schaffner, Müselbach, 9. 7. 05