[nach: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen. 7/02.]
Der Kanton Glarus verfügt über 19'000 ha Wald, zumeist an steilen Bergflanken. Er ist ein extremer Fall, der die üble Lage der Forstwirtschaft im Gebirge exemplarisch aufzeigt - aber auch einige Auswege:
8% (5% gesamtschweizerisch) der Bevölkerung arbeiten in der Land und Forstwirtschaft, 42% (26%) in Industrie und Gewerbe, 50% (69%) im Dienstleistungssektor. Die Zahlen zeigen, was mit dem Begriff "strukturschwache Region" gemeint ist: Zu viel Primärproduktion. und Verarbeitung, zu wenig Dienstleistungen.

Bis in die Siebziger Jahre waren die Kosten der Holznutzung noch gedeckt. Seither klafft die Schere zwischen Aufwand und Ertrag immer weiter auseinander.
[Zahlen für beide Graphiken aus: Glarner Waldwirtschaft im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Fritz Marti. S. 249-250]
Deutlich zeigt sich das in der Buchhaltung [Forstliche Betriebsabrechung im Kanton Glarus. Fridolin Rast S. 282-286.]
Im Jahr 2001 machten die Beiträge von Bund und Kanton das zweieinhalbfache der Holzerlöse aus
und stellen so also nur noch einen geringen
Beitrag an die Erträge der Forstbetriebe dar.
|
Diese Aussage lässt sich auch auf einen ganz einfachen Nenner bringen: Holzerntekosten 126.10 pro m3 - Erlös 51.-/m3 |
33 Betriebe werden zur Zeit von 20 Förstern geleitet. Geplant ist eine Reduktion auf 12 Reviere. Bereits 1998 und 2001 wurden zwei Försterstellen nicht mehr besetzt. Das durchschnittliche Revier wird heute von 1 Förster mit 2 Angestellten und einem Lehrling betreut. Dieser Überschuss an Lehrlingen hilft, die kaum mehr zu rekrutierenden Saisonniers zu ersetzen.
Das südliche Glarnerland wird so immer mehr zu einer Randregion mit entsprechenden Problemen. Die Erträge aus der Urproduktion werden immer schlechter. Mit der lokalen Bauindustrie leidet auch die Holzindustrie. Mit zunehmender Überalterung der unternutzten Wälder wird die Sicherheit prekärer - und bei abnehmenden Steuereinkünften werden auch die Möglichkeiten der Subventionierung zunehmend enger.
Einen Ausweg bieten allenfalls die Zusammenlegung zu grösseren Betrieben. Allerdings - der dadurch meist begünstigten Mechanisierung setzt die Topographie Grenzen. Vollernteverfahren sind nur auf wenigen Flächen im Glarnerland möglich.
Hauptziel bleibt es, die Schutzfunktionen des Waldes zu erhalten und die lokale Holzwirtschaft zu stärken, denn das Produkt Holz soll nicht völlig in den Hintergrund geraten.

Zum Zerfall der Holzpreise kommt eine Zunahme an grossen Schadensereignissen mit mehr als 10'000 m3 Schadholz hinzu. Währende bis 1950 lediglich ein einziger Föhnsturm (1919) als Katastrophe verbucht werden musste, waren 1951-75 bereits 4 und zwischen 1975 und 2000 sogar 15 katastrophale Ereignisse zu verzeichnen.
weiteres zu Naturgefahren und Katastrophen
![]()
[nach: Integrales Waldbauprojekt Kanton Glarus 1998-2002 - ein Sonderfall? Jürg Walcher. S. 258-262]
Auf der Grundlage zumeist vorhandener Katasterdaten erfolgt eine Priorisierung von Behandlungen nach Typen, Funktionen, Gefahren, und Dringlichkeiten. Im Falle von Glarus liessen sich 28 waldbauliche Behandlungstypen ausmachen.
| detaillierte Zielsetzung, basierend auf "Minimale Pflegemassnahmen" von Ing.Büro Wasser & Frehner (ETH) | Katastereinträge: |
|
|
Probleme: Die Betriebe optimieren nach Preisen, bieten also das an, was am höchsten subventioniert ist. Die vorgeschlagenen Lösung, mehr Top-Down, ist gerade das zweite Problem, denn so nimmt der Subventionsgeber starken Einfluss, ganz nach dem Motte: Wer zahlt, befiehlt. Allerdings dürfte diese Sorge nur wenigen Anlass bieten, nach Tells Klage zu verfahren: Vater, es wird mir eng im weiten Land; Da wohn ich lieber unter den Lawinen. (Schiller: Willhem Tell, 3. Aufzug, 3. Szene). Denn die vom Forstgesetz geforderten Waldentwicklungspläne (WEP) werden meist unter starker Beteiligung der Bevölkerung erstellt.
Während die Ausführungskontrolle nach Vorgaben noch relativ leicht zu bewerkstelligen ist, wirft die Zielerreichungs- & Wirkungskontrolle ebenfalls noch einige Probleme auf und ist zu verbessern.
![]()
[aus: Integrales Naturgefahrenmanagement in einem Gebirgskanton. Thomas Rageth. S. 263-267]
Notwendigkeit: In Kanton Glarus folgen sich die Katastrophen in letzter Zeit immer dichter: 1996 Bergstürze Sandalp, 1997 zwei Gewitterfronten, September 1999 ein Felssturz in Linthal und mehrere Murgänge, Februar 2000 Lawinen, Rutschungen und Murgänge in Braunwald ...
Ziel: Kostengünstigste Absicherung gegen Schäden.
Prinzip: Kann mit 1 Fr. Aufwand 1 Fr. an Schaden eingespart werden, handelt es sich um eine kostenneutrale Massnahme. Je grösser die Einsparung gegenüber dem Aufwand, desto gewinnbringender die Investition. Allerdings berücksichtigt diese Betrachtungsweise längst nicht alle relevanten Aspekte.
Gefahrenmanagement beruht auf einer systematischen Risikobeurteilung:
Gefahrenmanagement erfordert die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Forst, Wasserbau, Raumplanung, Notfalldiensten und Wirtschaft.
Beispiel dazu: [aus: Risikoanalyse und Kostenwirksamkeit bei der Massnahmenplanung - Beispiel Diesbach. Markus Gächter und Rolf Bart. S. 268 - 273.]
Der Diesbach wurde 1764 zum ersten Mal ausgebaut. Sein Einzugsgebiet ist stark tonhaltig und somit wechselfeucht, mit geringer Speicherfähigkeit aber hoher Rutsch- und Erosionsgefährdung (inkl. Murgänge). Die Massnahmenplanung beruht hier auf einer detaillierten Analyse von potentiellen Hochwasserereignissen, speziell deren Transportfähigkeit für Geschiebe. Daraus lassen sich die zu erwartenden Schäden bei Hochwasser, speziell durch die Sperrung von Durchlässen (Brücken) durch Holz und die zu erwartende Auffüllungen mit Geschiebe abschätzen.
Die grössten Gefahren bildet die Verringerung der Transportkapazität für Geschiebe bei der Einmündung in die Linth, sowie das Schwimmholz. Dem wird abgeholfen durch die Beschränkung der Geschiebemenge durch den Bau einer Ablagerungsstrecke und durch Schwemmholzrechen.
Die Verminderung des Schadensrisikos beträgt: 110'000.- die Baukosten 250'000 Fr., die jährlichen Räumungs- und Unterhaltskosten 15'000.-. Bei jährlichen Kosten von 50'000 ergibt sich ein Payback von 20 Jahren.
Der Kanton Glarus verfügt über einige seltene oder regional typische Waldgesellschaften, Wälder mit besonderen Strukturen (speziell durch Lawinen und Steinschläge lichtreiche Bestände die ideale Bedingungen bieten für feuchte und Wärme liebende Arten), bedrohte Pflanzen- und Tierarten (insbesondere 20 Orchideenarten), Arven-Reliktbestände, die aufrechte Bergföhre, Lindenwälder, sowie Auer- und Birkwild.
Waldreservat scheint jedoch auch in Glarus mancherorts ein Reizwort zu sein. Trotzdem ist es gelungen, vor allem durch Kooperation und Vorlegen einer effizienten Dokumentation, bis heute bereits die Hälfte der schützenswerten Objekte vertraglich unter Schutz zu stellen. Zu verdanken ist dies in erster Linie einer interdisziplinären Fachexperten-Kommission mit Vertretern aus Politik, Waldeigentümern, Naturschutzorganisationen und der kantonalen Fachstelle für Natur- und Landschaftsschutz, deren Arbeit vom Kantonsforstamt koordiniert wird.
Es ist vorgesehen, diese Waldreservate in die kommunalen Zonenpläne einzutragen und die Öffentlichkeit über Aktivitäten zur Waldreservatspolitik zu informieren.
Am 27.2.1990 hinterliess Vivian derartige Lücken im Wald, dass die enormen Wildschäden nicht mehr übersehen werden konnten. Innert nur eines Tages waren 700 ha vom Sturm gefällt worden, weitere 600 ha erlagen dem Zahn des Borkenkäfers. nachdem Vivian Lücken hinterlassen hatte, welche die enormen Wildschäden sichtbar machten.
Das Projekt 10 Wildgebiete untersuchte darauf das Problem: Welche Ansprüche haben die Wildtiere, an folgenden "Zeigerarten (nebst dem Schalenwild) :
Merkmale aus vorhandenen Unterlagen:
Ergebnisse:
Diese Beispiele zeigen, dass, ganz entgegen den Erwartungen, die Forstwirtschaft je länger desto weniger von der Holzproduktion lebt, sondern von der Erhaltung eines sicheren und attraktiven Lebensraums. Es wird auch sichtbar, dass hier eine Vielzahl an Arbeiten anfallen. Die Ansätze sehen erfolg versprechend aus. Was allerdings noch offen ist, sind die Möglichkeiten und Grenzen einer Finanzierung solcher Arbeiten zur Erhaltung und Wiederherstellung von Lebensräumen durch die öffentliche Hand.
Martin Herzog, Dipl. Forstingenieur ETH, Rheinfelden
he www.brainworker.ch 13.8.02
Bestandteil von www.diskussionsforen.ch/WAP/