Die Macht des Wissens: Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft.
Geheimes Wissen, verschwiegenes Wissen, nur halbpatzig publiziertes Wissen .... - sich dauernd änderndes Wissen: Die Grundlage der Pharmaindustrie und Biotechnologie
Bildungspolitik der Schweiz für den tertiären Bildungssektor
Die Ausbildung der forstlichen Kader wird umgekrempelt. Der Dipl. Forsting. ETH wird zur aussterbenden Rasse.
Der Umbau der forstlichen Ausbildung an der ETH: Waldsystemmanagement statt Forstwirtschaft
Vom ORL zu IRL und NSL - und was so passieren kann, wenn "Praktiker" über "Wissenschaft" "Politik" betreiben: Städtische Herrschaft - Alpine Reservate - Voralpine Ruhezonen
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nach: David Gugerli, Patrick Kupper, Daniel Speich: Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005. Chronos Verlag Zürich. 2005
Kürzestfassung: http://www.ethhistory.ethz.ch/ //
1. Teil: Geschichte der Wissenschaften bis 1850
Die Schweiz war aus vielen Gründen ein guter Standort für die Gründung eines Polytechnikums, denn sie hatte viele (technische) Probleme auf höchstem Niveau zu bewältigen. Die Alpen, das Herz der Schweiz (und ihr Bunker) waren bereits seit längerem ein Kernstück der Forschung. Die schwierige Topographie der Ausgangspunkt einer hochentwickelten Kartographie- aber auch einer Ingenieurskunst im Strassen- und Eisenbahnbau, die (nicht immer, aber oft) wusste, wie sich Schwierigkeiten durch Anpassung an die Natur statt durch deren Unterwerfung bewältigen lassen. (s. Die rhätische Bahn soll Weltkulturerbe werden). Die reichen und energiegeladenen Wässer der Alpen machten die Nutzung dieser Kräfte für die Stromerzeugung viel versprechend, förderten dadurch die Mechanik, aber auch die Chemie mit ihrem hohen Energiebedarf. Bereits bei der Eröffnung der ETH bildete auch die Forstwirtschaft eine der 5 Abteilungen, da Wälder bereits damals nicht nur der Holzproduktion wegen, sondern aus Schutzgründen von hoher Bedeutung für die Schweiz waren.
| Die ursprünglichen Abteilungen der ETH und ihre Entwicklung: |
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Trotz dieser hohen Bedeutung war die Schweiz, etwa in Bezug auf Deutschland, ein Nachzügler. Karlsruhe hatte bereits seit 1825 ein Polytechnikum, Darmstadt seit 1836. Ebenso musste die Schweiz die Hälfte der Professoren aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland holen. 5 der damals 25 Professoren waren französisch sprechend, 2 aus der Schweiz, 3 aus Frankreich. Ebenso stammte die Hälfte der Studenten aus dem Ausland. Das Problem war vor allem, dass die Ausbildung an vielen Gymnasien der Schwein nicht den Anforderungen der Hochschule entsprach und erst angepasst werden musste. Auch was die Doktorwürde betrifft, kam die ETH Deutschland erst hinterher. Charlottenburg erhielt das Promotionsrecht 1899, die ETH zehn Jahre später. Allerdings nahm sie bereits 1892/93 mit 51 Lehrstühlen für fest angestellte Professoren im deutschen Sprachraum einen Spitzenplatz ein. In Berlin lehrten bloss 37 Professoren - die allerdings doppelt so viele Studenten und Hörer hatten wie Zürich.
Das Polytechnikum war keine Universität in der die Studenten frei wählen konnten, was und wie sie zu studieren gedachten. Hier gab es keine akademische Freiheit, sondern es herrschte eine strenge Schulordnung, mit Schulzwang, Lernkontrollen, Zensuren und einem Disziplinarreglement: Die schulrätliche Argumentation die 1879 gegen den Wunsch nach mehr Studienfreiheit angebracht wurde, lautete. In der Schweiz glaubt man das Rechte zu thun und die Jugend zu ehren, nicht zu knechten, wenn man von ihr auch die Erfüllung von Pflichten verlangt. Gerade weil unsere Söhne freie selbständige Männer und Bürger werden sollen, müssen sie auch früh lernen, Pflichten zu üben. Echte Arbeit erst ist und bringt Freiheit.
Konservative studentische Kreise trugen das ihrige zur Disziplinierung über Studentenverbindung bei (grässliche Institution, ich war mal 2 Jahre Mitglied ...): Die Befreiung von den Fesseln der Herkunft (als durch übermässigen Bierkonsum verursachte kollektive Kontrollverlust) war aber verbunden mit der gleichzeitigen Unterwerfung unter eine steile vereinsinterne Hierarchie. Die soziale Integration musste der Einzelne mit ritueller Selbstüberwindung bis hin zur Selbstaufgabe erkaufen. Die soziale Disziplinierung im Verein ergänzte die fachliche Disziplinierung in den Repetitorien und im Labor. [S 111]
Der Staat trat auch nicht als einziger, ja nicht mal als bester Anbieter technischer Bildung auf, aber als bedeutender Abnehmer der geschulten Techniker. Nach und nach wurden Oberbauinspektorat, ein zentrales Militärwesen, Oberaufsicht über Wasserbau und Forstpolizei und ein Fabrikinspektorat geschaffen. Die ETH war nach dem Bundeshaus das zweite in staatlichem Auftrag errichtete Bauwerk. Noch um die Jahrhundertwende konnte die Firma Sulzer für ein zweijähriges "Volontariat (!!!) eine Gebühr von 1000 Fr. verlangen, die bei Eintritt zu bezahlen waren. Dieser Betrag deckte die Kosten für 7 Semester an der ETH. (s. Die unterschiedliche Entwicklung von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in Deutschland, Frankreich und England).
War bei der Gründung der ETH noch Befürchtungen aufgetreten wie: Die eidgenössische Hochschule ist eine Erziehungsanstalt für Bundesbarone. [Berner Presse, 1854]. Ein Turmbau zu Babel und Schlussstein des Utilitarismus. [Le Pays, Waadtland], so verband sich bald die liberale Haltung und der wissenschaftliche Fortschrittsglauben ... mehr als uns heute lieb ist. Nach der Devise "Wissen ist Macht" wurde auf nationaler Ebenen nun Bildung als wichtiger Faktor im sozialdarwinistischen Wettstreit der Nationen erkannt. [S. 70] Nach dem selben Prinzip wird heute wieder verstärkt argumentiert, wobei allerdings nicht mehr Nationen im Wettstreit stehen, sondern private Firmen die auf globalem Parkett agieren. Das Bildungsbürgertum, womit vor allem Rechtsanwälte, Ärzte, Architekten, Ingenieure, Chemiker, Apotheker, Forstbeamte (einstmals ...) und Lehrer gemeint sind, sah die Chance, Bildungspatente für die bürgerliche Existenz zu verwerten, womit die Ausbildung zur Investition in die Söhne wurde ... Um diese auch gesellschaftsfähig zu machen, es also nicht bei der rein technischen Schulung zu belassen sondern auch der Bildung einen Raum zu gewähren, wurde die Abteilung der Hofnarren, Abtlg. 12:, mit den Freifächern Geschichte, Philosophie, Kunstgeschichte, Literatur, Nationalökonomie, Staats- und Verwaltungsrecht, Sprachen etc. geschaffen .... Meines Erachtens die Beste der ETH, an der ich, trotz reich befrachtetem Pensum, jede Woche 10 bis 12 Stunden verbrachte, Philosophie, Nietzsche, Spanisch, Wissenschaftsphilosophie, Ethik und vieles mehr lernte.
Mit der Depression zwischen 1880-90, von der vor allem die Ingenieure betroffen waren, wie auch der ersten globalen Hochkonjunktur die darauf folgte, wurde die Ausbildung stärker am Arbeitsmarkt ausgerichtet. Die Hochschule konnte sich damals hemmungslos rein der Theorie widmen, da für die meisten Berufe das Hochschuldiplom von weniger Bedeutung war als das Praktikum. So wurde 1890 noch (oder eher bereits?) die theoretische (mathematische) Herangehensweise stark kritisiert und war nur zum Teil durchführbar. Graphische Methoden wurden in der Statik, im Maschinenbau und der Elektrotechnik bis weit in die zweite Hälfte des 20. JH. weiter verwendet. Im Maschinenbau wurde das systematische Experimentieren an Maschinen im Massstab 1:1 zur wichtigsten technikwissenschaftlichen Methode.
Nachdem man Ende des 19. JH noch geglaubt hatte, alle wesentlichen Entdeckungen seien gemacht, brachte eine Serie bahnbrechender Arbeiten das hergebrachte naturwissenschaftliche Weltbild innerhalb weniger Jahre zum Einsturz: Einstein, Max Planck, Becquerel, Curie, Rutherford, Bohr fanden Gesetzmässigkeiten, die das bestehende starre Wissen und ein verlässliches Weltbild zerbrachen - womit sie mit die Postmoderne einläuteten. Dennoch wurde der eigentlich zutreffendere Name "Polytechnikum", da er eher auf eine technische Mittelschule zu verweisen schien, 1911 auf "Eidgenössische Technische Hochschule" geändert.
Der Technik- und Fortschrittsglaube wurde ambivalent, denn er brachte nicht nur Befreiung von harter Arbeit (Effizienzgewinne) - sondern auch eine Verödung der Arbeit, und, vor allem, Arbeitslosigkeit, die nun auch für Techniker und Ingenieure zu einem vertrauten Phänomen wurde. Die heute noch grassierende Angebotstheorie hatte sich bereits damals als falsch erwiesen: Durch die Steigerung betrieblicher Effizienz, so der Tenor, steige die Produktivität der Fabriken, was eine Lohnerhöhung ermögliche, die wiederum den Konsum ankurble und neue Absatzmöglichkeiten schaffe. Der logisch so weit richtige Satz schliess aus, dass durch die Steigerung der Effizienz Menschen überflüssig werden, der Mehrwert also auf weniger verteilt wird, und so logischerweise für diese höher wird - im Durchschnitt aber, unter Einbezug der Verdrängten, Kosten verursacht, die der Staat zu tragen hat.
Obwohl sich bereits damals die Forschung am Rande des Wissbahren und Machbaren sah, erfasste 1917-18 sogar eine Hungersnot weite Teile Europas, und die Spanische Grippe, auf deren Neuauflage wir zur Zeit gespannt und mit viel medialem Trara warten, führte zu 25-50 Millionen Toten weltweit.
Der Börsenkrach von 1929 (black monday, tuesday ...) war ein weiterer Gongschlag und Hinweis auf den moralischen Bankrott des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die "Endlösung" zeigte dann allerdings, dass es noch schlimmer kommen kann: Der starke Nationalstaat der die Wirtschaftsprozesse steuert um soziale Ungerechtigkeiten zu beheben schien logisch ... zeigte sich in der Gestalt des National-Sozialismus als recht widerwärtiges Konstrukt.
| Ein ETH-Studium verpflichtet zum zukünftigen Dienst an der politischen
Gemeinschaft. Ärthur Rohn, 1930 |
Der liberale Basler Historiker Emil Dürr beklagte, bereits 1928, eine Verwirtschaftlichung politischer Motive und Parteien, da Verbände immer mehr Einfluss nahmen: An die Stelle der alten politischen Kultur trete der Kampf organisierter Interessen, handlungsleitend sei nicht mehr die Sorge um das Wohl der Allgemeinheit, sondern nur noch die Absicherung des Vorteils partikulärer Gruppen. [S. 163] Eine ausgezeichnete Formulierung, auch aus heutiger Perspektive. Heute wird der Satz vermutlich wenige Leser an- oder aufregen, da wir uns längst daran gewohnt haben, dass Politik der Streit unterschiedlicher Gruppeninteressen ist. Aber gerade die aktuelle Situation im Bundesrat zeigt, dass Politik, Konsenspolitik sowieso, nicht funktioniert, wenn man einfach alle Wünsche in einen Korb wirft, etwas rührt, und sieht, dass jeder aus dem Brei sein Löffelchen kriegt. "Das Wohl der Allgemeinheit" ist die heute fehlende Klammer, die aus diesem Birchermüesli ein funktionierendes komplexes System machen sollte. Das 20. Jahrhundert wurde sich aber erst gegen Ende des Systemcharakters von Natur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft so ein bisschen bewusst. Nach zwei fehlgeschlagenen Experimenten mit demokratischer und politischer Lenkung, überliess man das Feld der Wirtschaft und die Lenkung dem "Markt" .
Kooperativer Forschungsbetrieb in enger Zusammenarbeit mit der chemischen Industrie entstand erst 1920-30.
Die technische Forschung an der ETH konnte sich in einem von Lehre freien Raum entfalten. Die Forschung an den Prüfungsanstalten war ausgeprägt angewandt, wirtschafts- aber auch behördennah. Die Kooperation mit der Wirtschaft war bereits damals nicht ohne Probleme, da es Ziel der akademischen Tätigkeit ist, möglichst viel zu finden und zu publizieren, also in Fachkreisen (leider eher selten allgemein) bekannt zu machen, während die chemischen und andern industriellen Unternehmen ihre Mitarbeiter zur Geheimhaltung verpflichten.
Leopold Ruzicka, seit 1929 Professor für Chemie, schloss 1935 einen lukrativen Vertrag zur Zusammenarbeit mit der CIBA, in dem er alle seine Forschungsergebnisse der Basler Chemiefirma exklusiv zur Verfügung stellt. Er erhielt nebst jährlichen Zahlungen eine Provision von 3-5% - und alleine das Hormonpräparat Perandren brachte ihm 1939 57'000 Fr. ein. Mit den Patentlizenzeinkünften aus der USA, die sich auf 3.5 Millionen beliefen, finanzierte er eine beträchtliche Sammlung niederländischer Kunst, die er 1948 dem Zürcher Kunsthaus schenkte.
An der engen Verbindung zwischen wissenschaftlichen und industriellen Interessen störte sich damals, wie offenbar heute, niemand. Auch 1954 gegründete Institut für Biochemie wurde durch mehrere Millionen der Basler Chemie begünstigt. Bei der Schaffung der Professur für molekulare Chemie und deren Besetzung war die Industrie treibende Kraft (s. Piero Pino: Kooperationsvertrag mit Ciba, Hoffmann-Laroche, Geigy, Lonza & Sandoz ... präzise was ich sage: Konkurrenz ist für die Dummen. Wer Geld verdienen will, kooperiert. ) Biotechnologie, Gentechnik und dergleichen sind noch heute das treibende Element der ETH - und heute noch oft zu lasten anderer wichtiger, aber weniger einträglicher, Sparten. s. Entwicklungsperspektiven.
1929 entstand das Betriebswissenschaftliche Institut (BWI), mit den Forschungsbereichen Betriebsorganisation, Rechnungswesen, Baubetrieb, Fabrikbetrieb, Werkstatttechnik, Herstellungsverfahren, Psychotechnik, Arbeitshygiene, Normenwesen - in denen das Institut Aufträge der Wirtschaft erwartete. Auf Grund der erneuten Rezession waren die Betriebe aber anderweitig beschäftigt, und die Leitung des Instituts dazu kaum in der Lage, den Ansprüchen zu genügen. Alfred Walther war auf Rechnungswesen spezialisiert, Heinrich Brandenberger auf die Optimierung von Produktionsabläufen. In der Diskussion 1941 um die Gründung einer eigenen Business-School wird Betriebswirtschaft dann St. Gallen überlassen, da es sich bei dem Feld nicht um wissenschaftlich-technische Ausbildung handelt.
Dagegen verliefen die Kontakte zur Armee, insbesondere zur Kriegstechnischen Abteilung des Militärdepartements, für den Schulrat enttäuschend. Im Gegensatz zu den kriegsführenden Staaten entstand in der Schweiz kein nennenswerter militärisch-industrieller Komplex. Ansätze zu einer derartigen Interessenverflechtung ergaben sich erst im Zuge des Kalten Krieges. s. Atombombe S. 408
Teuer wurde die Forschung mit dem Einstieg in die nukleare Forschung. Am CERN wurde erstmals really big science betrieben, also betriebsmässig organisierte Grossforschung. Eine europäische Kooperation war hier nötig, da sonst solche Forschung nur an Labors in den USA ausgeführt werden könnten ... und Europa sich vielleicht in einer ähnlichen Situation befände wie heute der Iran.
1960 wurde das Eidgen. Institut für Reaktorforschung gegründet [EIR], 1968 das Schw. Institut für Nuklearforschung [SIN], die 1988 zum Paul Scherrer Institut (PSI) fusionierten. Hans Leibundgut, damaliger Waldbauprofessor und Rektor, beklagte sich, dass die Kern- und Hochenergiephysik nur Anträge zu stellen brauchen, und das Geld fliesse, während die Forstingenieure wie die Bauingenieure kaum mehr eine Chance hatten, Projekte einzubringen.
Der Traum von der Schweizer Atombombe und eigenständigem Reaktorbau war allerdings mit der Havarie des Versuchsreaktors in Lucens beendigt. Einerseits ...
Andererseits wurde das Versprechen, zwischen der ländlichen Gesellschaft und der industriell-rationalen Moderne zu vermitteln, weder von der Abteilung für Landwirtschaft, noch von der Abteilung für Forstwirtschaft, noch von der Orts-, Regional- und Landesplanung eingelöst. Alle blieben technischer Machbarkeit und expertokratischen Lösungen verhaftet. (s. detaillierte Analyse der Planung des neuen Lehrganges Wald- und Landschaftsmanagement: Waldsystemmanagement statt Forstwirtschaft & Was bedeutet Management. Obwohl Melioration, Hygiene, Ernährungswissenschaft, Siedlungsplanung Kenntnisse der Soziologie bereits früh nötig machten, blieb die Erforschung der Wirkung der Wissenschaft auf die Nutzer am äussersten Rande. Man erforschte allenfalls, wie sich Kenntnisse besser vermitteln lassen, trat aber selten in Dialog mit den Betroffenen. 1930 wurde die Schaffung einer Professur für Sozialpolitik vom Schulrat abgelehnt. Noch heute schwadroniert man dort von quantitativer Soziologie - will sich also die Menschen in ihrer Subjektivität eigentlich vom Leibe halten und bloss als Objekte sezieren. Die ETH verzichtete mehrmals darauf (abgeseh. von Abtlg 12) die traditionellen Fächer der Universitäten aufzunehmen, hält sich also von Geistes- wie von Sozialwissenschaften eher fern - oder benutzt nur das, was faktisch erscheint, also Resultate von Umfragen und dergleichen - und dies bis heute, trotz Postmoderne:.
Auf Seite 12 dieses Jubiläumsbuches findet sich ein Satz, der die Situation der Wissenschaften in der Postmoderne ausgezeichnet zusammenfasst:
Die Vermittlung, die Validierung und die Produktion elitären Wissens sind äusserst voraussetzungsreich und unterliegen historischem Wandel.
In dem Satz steckt mehr drin, als sich die ETH vermutlich gewünscht hätte:
a) elitäres Wissen: wie wär's mit "wahrem", oder zumindest belegbarem Wissen?
b) Validierung: Seit Popper, der für die meisten Naturwissenschafter massgebend ist was Wissenschaftsphilosophie betrifft, gibt es keine Validierung mehr, sondern nur Falsifizierung. Validierung ist eine Sache der Philosophie. Ich würde einen Wandel der ETH, weg von Positivismus in Richtung handlungsorientierter Weisheit (Phronesis) absolut begrüssen, wenn es sich nicht einfach um eine hochgestochene Zufälligkeit der Formulierung handelte.
Folgerichtig wurde die Forschung der ETH nicht weiser, sondern managementorientiert, und dies obwohl sich sogar knapp 40 Jahre später, bei der Gründung des Wald- und Landschaftsmanagements, nirgends eine brauchbare Definition von Management findet:
1968 war für die ETH also der Übergang in die postindustrielle Welt: Ein nach betriebswirtschaftlichen Kriterien ausgerichtetes Wissenschaftsmanagement bemächtigte sich der Hochschule und leitete diese bei der Flexibilisierung ihrer inneren und äusseren Verhältnisse an. [S. 13]
Ein interessanter Satz, insbesondere da er die höchste Schule der Logik, mathematischen und naturwissenschaftlichen Stringenz betrifft. Obwohl offensichtlich ein Übergang stattfindet in eine postindustrielle Gesellschaft, richtet sich die ETH nun in dem Zeitpunkt an betriebswirtschaftlichen, d.h. industriemässig organisierten, Abläufen aus.
| Die alte Wissenschaft richtete ihr Augenmerk auf die Kenntnis des Seienden, modernes Wissen strebt nach dem Erfassen des Werdenden! Dir. Ulrich Grubenmann, 1910 |
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Et voilà, das sagt der 1910 ... und seither tut man dergleichen, hat sich aber nie mit der Frage auseinander gesetzt, wie denn DAS WERDENDE überhaupt zu erfassen wäre. |
Jahrzehntelang hatte man an der ETH die Vermittlung, Produktion und Sanktionierung von Wissen zuhanden einer bundesstaatlichen, industriellen oder akadamischen Funktionselite in weit gehend unbestrittener Weise verfolgt. Man betrachtete es nicht als Aufgabe der ETH zur kulturellen Allgemeinbildung des Publikums beizutragen. Dieser Auftrag falle vielmehr den Gymnasien zu, während die Technische Hochschule in erster Linie für die wissenschaftliche Bildung der Studierenden zuständig sei.
Das merkt man bis heute (s. Science et Cité: Also a) eine Wissenschaft für Städter, b) ein PR-Programm und kein Dialog mit den Bürgern, keine öffentliche Bildung und Kommunikation, die über PR hinaus geht. [s. Wie liesse sich Politik auf Volkswissen statt auf Volksmeinung basieren?]
Dementsprechend die Kritik von Hans C. Bechtler 1968: Wegen der rasanten "Technisierung" brauche sowohl der Staat als auch die Wirtschaft in Zukunft immer mehr Akademiker, die neben der wissenschaftlich-technischen Grundausbildung auch eine gute Allgemeinbildung besässen. Aber die Ingenieure, von denen die Mehrzahl im Laufe ihres Berufslebens in unternehmerische oder politische Führungspositionen aufstiegen, seien am Ende ihrer Ausbildung "gehemmte Persönlichkeiten", die sich ungerne exponierten und sowohl betriebsintern als auch gesamtgesellschaftlich kaum "den inneren Zusammenhang vieler Probleme" überblickten. [S. 258]
Bechtler kam damals mit seiner Rede gar nicht gut an, vermutlich gerade weil er den Finger auf einen wunden Punkt legte. Und gerade in dem Punkt sind wir heute noch kaum weiter. Die Hochschule macht zwar gerne öffentlich etwas Trara, aber einen Dialog mit der Gesellschaft führt sie nicht. Wie sollte sie, da sogar diejenigen Disziplinen, deren Arbeit auf einem solchen Dialog basieren müsste, die sie unterrichtet, offensichtlich noch kein taugliches soziopolitisches Instrumentarium entwickelt haben, wie kollektive Zukunftsgestaltung zu bewerkstelligen wäre. Die "Zukunftsmaschine produziert nur technisches Wissen, kein Orientierungs- also Handlungswissen! Maschine - zeigt die falsche Vorstellung über den Einfluss von Forschung und Wissen auf die Entwicklung. Wissen muss erst weitergeben und rezipiert werden. Dann muss es Elemente enthalten, die zu Handlung motivieren.
Der Vortrag kam auch links nicht an, weil er auf einen paternalistisch fachkompetenten und führungsstarken Homo faber zielte, der dank seines Wissens die Probleme lösen kann. Auch Bundesrat Bonvins Erwähnung, der Zweck des Ingenieurswesens sei es, die Gesellschaft konstruktiv zu verbessern, kam in dieser Zeit nicht an, da man sich eben nicht von "Experten" verbessern lassen wollte, sondern frei und unabhängig (und leicht bekifft) sein Leben selbst zu gestalten wünschte. Jedes Führermodell stiess instinktiv auf Abwehr. (s. 68er & Anarcho-Generation (80er): Freiheit, Macht, Herrschaft und Gewalt / Autorität).
Obwohl "gut gemeint", stiess ebenso der konservativ-moralische Humanismus wie ein progressives Management und eine Gestaltung der Gesellschaft auf Ablehnung, links wie rechts. Das Dilemma ist bis heute nicht gelöst (und die "unsichtbare Hand" denkt (eben, weil Hände keinen Kopf haben) ja nicht im Traum daran, das zu tun)
Aber nicht nur der Dialog mit der Gesellschaft ist schwach bei der ETH. 1968 sah sich Bruno Thürlimann, Baustatikprofessor, gezwungen, sich direkt über die NZ an die Öffentlichkeit zu wenden, weil die Kommunikation innerhalb der ETH vom Schulrat blockiert war. War die neue ETZ 1855 für die NZZ: Eine Lichtsäule, die allem Volke in eine aufgeklärtere, menschlichere Zukunft hinein leuchte - hat sich nie an das Volk gewandt, ihm nie geleuchtet ... ausser wenn sie genetischen Freilandversuche bedroht sieht und dergleichen Abgesägt wurden auch Ansätze wie etwa die Humanökologie. Diese hat sich zwar selbst, auf Grund ihrer Aussenseiterposition in den Wissenschaften, in eine Sondersprache verirrt und legt mehr Wert darauf, wissenschaftlich zu tönen als verständlich. Notwendig wäre sie jedoch als praktische Philosophie, die Werte und damit demokratischen Umgang mit der Ver-Wertung des Wissens in den öffentlichen Dialog einbringt.
Mitsprache der Mitarbeiter, die seit 1980 ein Schwerpunkt ist, versickert auch nach den neusten Umbauten im mehrstufigen System autonomer Organisationseinheiten - Mitsprache von Aussen, also vom Volk, ist praktisch unmöglich. s. Hochschule und Demokratie
1986 entstand ein Nachdiplomstudium, basierend auf Krediten, das individuelle Kombination von Lehrveranstaltungen, Praktika, Seminaren und Literaturarbeit erlaubt. Der Anspruch der Disziplinen, den Kanon eines Wissensgebietes zu bestimmen, verlor damit an Selbstverständlichkeit. Disziplinen mussten lernen, mit individuellen Präferenzen umzugehen. In der Forschung tritt die Vernetzung verschiedener Disziplinen immer stärker in Erscheinung. [S. 191] Erst hier beginnt die Postmoderne also langsam sich durchzusetzen.
Alliance of Global Sustainability mit MIT und Univ. Tokio
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Den meisten dieser "Spinoff-Ansätze" gemeinsam ist das hohe Risiko. Statt in einen Markt zu kommen der nach ihrem Wissen verlangt und es bezahlt, geraten die Absolventen von Universitäten und Hochschulen, nicht bloss in diesen Branchen der Hightech, in eine Situation, in der sie als Selbständige mit massiven Kosten, insbesondere massivem Zeitaufwand, selbst einen Teilbeitrag zu irgend einem "grossen, Ganzen" liefern müssen. Haben sie Erfolg, werden sie aufgekauft oder können an die Börse, haben sie keinen, oder die Interessen des Marktes verschieben sich unvorhersehbar, stehen sie, so genial ihre Erfindungen sein mögen, a) dumm, b) verschuldet, in der Landschaft rum. All diese Ansätze passen voll ins Konzept des Kapitalismus ohne Investitionen und ohne Verantwortung, bei dem das Kapital das Risiko voll auf Arbeiter und Kleinunternehmer abschiebt. [s. Jeremy Rifkin]
Fazit:
Die ETH hat zwar seit 150 Jahren den Auftrag:
Wissen für den Aufbau einer zukünftigen nationalen Infrastruktur generieren und eine einheimische, national gesinnte und technisch versierte Elite heranbilden. [S. 405].
Im Auftrag steht also das "zukünftig" drin, seit 150 Jahren - und dennoch tat man 150 Jahre dergleichen, als sei die Zukunft eine lineare und eben technische Fortsetzung der Gegenwart und Vergangenheit. Wohl darum sind wirklich zukunftsgerichtete Forschungsvorhaben wie die 2000-Watt-Gesellschaft dort so selten. Man setzt immer noch auf den autoritäten expertokratischen Ansatz (nebst dem profitorientierten ehemals chemischen, heute bio- und gentechnologischen, und vernachlässigt partizipative Methoden, die anderswo, insbesondere in England und den USA, seit bald einer Generation erfolgreich eingesetzt werden. (participatory learning, planning and action und dergleichen). Hier darf immer noch eine isolierte Abteilung einen autokratisch generierten Entwurf in die Landschaft werfen, der dann von unbedarften aber lauten Eigeninteressensvertretern gelobhudelt wird, ohne an die systemischen Auswirkungen zu denken (s. Alpenreservat).
Insbesondere hat die ETH aber einen enormen Nachholbedarf in Sachen Demokratisierung. Die Entscheide werden autokratisch vom Schulrat und "Schulregierung" gefällt. Hier feiert die Expertokratie noch Urständ. Bereits Mitarbeiter kämpfen immer wieder um Mitbestimmung, die Studenten laufen mit der Forderung seit 30 Jahren immer wieder an die Wand. Experten die nicht zur Schule gehören, aber oft weitaus mehr Erfahrung haben in der praktischen Anwendbarkeit des Hochschulwissens, haben es schwer, bloss ihre Meinung einzubringen. Die "Verhandlungen" über die Neugestaltung des Studiums der Forstingenieure war eine nackte Katastrophe, genau so wie das Resultat. Da dies mein "Heimbereich" ist, kann ich hier eine umfassende Dokumentation vorlegen: s. http://www.diskussionsforen.ch/forstingenieur/
Weiterer Beleg dafür: Gerade haben die spitzen Forscher, pardon, Spitzenforscher der ETH wieder mal bewiesen, dass sie genau so einseitig politisch und polemisch argumentieren, wie irgend ein Interessenverband, wenn es um ihre Brötchen geht. Kritik an den Forschungsprojekten mit Affen wurden mit Arroganz zurückgewiesen, die Kritiker als unwissend dargestellt (unsachliche, unqualifizierte Behauptungen), ganz wie in alten Zeiten: Nichtnaturwissenschafter wie Ethikprofessoren und erst recht ganz unwissenschaftliche Normalbürger haben zu Tierversuchen nichts zu sagen. [Tierschutzbeauftrager der ETH-Pressestelle. In: Affen, Forscher und die Ethik. Felix Maise. Tagesanzeiger 30.5.06. S. 11] Die Aussagen belegen auch meine Behauptung, dass die ETH (wie andere Forscher) keine wissenschaftliche Informationspolitik betreiben, sondern PR für die eigene Sache. Die Bereitschaft der Forscher zum Dialog muss also verstärkt durch Nachfrage von Aussen gefördert werden.
Ungelöste Probleme der "Zukunftsmaschine":
Die Zukunft lässt sich nicht mechanisch produzieren, also gibt es keine Zukunftsmaschine.
Die ETH hat weder eine Glaskugel noch Hellseher oder Orakel ... und was noch schlimmer ist, eigentlich keine offene Tür für das Volk, durch die dieses (und nicht bloss die Wirtschaft) seine Wissbegier und Forschungsbedarf anmelden könnte.
Die Zukunft ist offen. Die Zukunft kann das sein, was wir mit uns machen lassen, oder das, was wir daraus machen. Das erfordert aber partizipative, wie auch qualitative, sozial- und geisteswissenschaftliche Ansätze, die allesamt von der ETH seit 150 Jahren abgewehrt werden.
FAZIT:
Fast alle Aspekte der Zukunftsentwicklung wurden und werden an der ETH (mit Ausnahmen) nicht ernst genommen.
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Eigene Beiträge zum Thema vom Wissen zum Handeln:Ursprung: Shrubland Management in Tribal Islamic Yemen. Social Forestry as Development of a Local and Sustainable (Sylvi-)Culture. An Essay in Practical Philosophy. Feldarbeit 1988-94 im Jemen, Ausarbeitung bis 1988. Als Dissertation von der ETH abgelehnt, da weder wissenschaftlich (diszipliniert) noch akademisch (da praktisch, im Sinne von Handlungsorientiert, und philosophisch). Methodik:
und viele mehr ... s. search & Index |
Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Basel, 8.3.06
p.s: Dass das aktuelle Konzept der ETH [Eliteforschung mit Eliteselektion, Nobelpreisen oder zumindest jede Menge Patente] auf Sand baut, zeigt die neuste Studie von Booz Allen Hamilton: Global Innovation 1000: Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung hatte keinen messbaren Einfluss, weder auf Umsatz noch auf Gewinne (mit einer geringen Ausnahme bei Software und Konsumgütern, wo Patente offenbar helfen. Die 10% mit den tiefsten Ausgaben zeigten allerdings einige Schäden. Woher allerdings die Krankheit mit der Patentiererei und Gebühren für die Nutzung jeder Furzidee kommt - und wer dafür bezahlt (und warum China lieber kopiert, zumindest ab und zu, zeigt sich deutlich. Der ganze Süden, incl. Südostasien, wird hier total verarscht:
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Fazit:
Man kann für Forschung zu viel ausgeben - oder zu wenig -
aber insbesondere kann man sehr leicht Forschung betreiben, die nichts bringt.
Das Wichtigste ist, die richtige Art von Forschung am rechten Ort - mit den rechten Leuten - zu betreiben.Vielleicht wäre eine öffentliche Diskussion über die Ziele der Forschung doch nicht das Dümmste ...