Was erwarten die SchweizerInnen vom Wald?

 

nach: Schriftenreihe Umwelt Nr. 309: Wald – Gesellschaftliche Ansprüche an den Schweizer Wald – Meinungsumfrage. SRU-309-D. BUWAL 1999.

  • Institut für Soziologie, Uni Bern: Prof A. Diekmann & A. Franzen;
  • Professur für Forstpolitik und Forstökonomie, ETH, Zürich: Prof. Schmithüsen & W. Zimmermann.

Mittels standardisierter Telefoninterviews wurden 1998 3000 Personen angefragt, von denen ca. 2000 antworteten.

Wald-Gesetze die nach wie vor auf volle Akzeptanz stossen:

 

Welche Waldfunktionen sind aus der Sicht der Bevölkerung die wichtigsten?

Wald wird in erster Linie als Natur- und Erholungsraum gesehen, nur sekundär als Schutzelement oder Wirtschaftsfaktor. Bei der Befragung von 1978 war ebenfalls die Sauerstoffproduktion an der Spitze. Die Rangordnung von ökologischer und Wirtschaftsfunktion habe sich aber umgekehrt.

Der Meinung von Mosimann, der Wald habe die Funktion Holz zu produzieren und sonst nichts, stehen also sowohl gesetzliche Auflagen wie die Volksmeinung entgegen. Laut Umfrage ist die Holzproduktion gerade mal für 13% der Befragten die wichtigste Funktion des Schweizer Waldes.

Seine wichtigsten Funktionen sind laut Umfrage die Luftreinhaltung/Sauerstoff (65%), Ökologische (33%), Erholung (27%), Schutz vor Naturgefahren (26%), wirtschaftliche Produktion (13%).

Kontrollfrage, womit Wald am ehesten in Verbindung gebracht wird: mit frischer, guter Luft (31%), Erholung - Wandern (23%),  Bäumen, Tieren, Ruhe, Natur, Waldsterben, Schönheit, Spazieren-Wandern … (Waldnutzung nur von 4.7%!)

Was die Erholungseinrichtungen im Wald betrifft, so sind 73% zufrieden mit dem Zustand und wollen weder mehr noch weniger. Genau so viele sind froh, dass die Waldstrassen mit Naturbelägen statt mit Teer gedeckt sind.

Naturschutzgebiete im Wald werden von 67% befürwortet, allerdings nur solange man sie beschränkt (auf Waldwegen) auch begehen kann. 58% lehnen Reservate mit generellem Verbot des Betretens ab.

Die Jagd ist für 63% in Ordnung, so wie sie heute veranstaltet wird. Für die Duldung des Luchses sind 74%, Wolf 57%, Bär 52%.

Was die Waldfläche betrifft, erhält die Mehrheit aus ihrer Umgebung und den Medien offenbar einen Eindruck der nicht der Realität entspricht. 56% sind der Meinung, die Waldfläche habe abgenommen, 13% davon sogar, sie habe stark abgenommen. Tatsache ist, dass sie zunimmt, allerdings vor allem in Randregionen und schwer zugänglichen Berglagen. 74% erachten die vorhandene Waldfläche als gerade richtig, unabhängig davon, wie viel Wald lokal vorhanden ist.

Was die Nutzung betrifft ist die Situation etwas besser, denn 42% wissen, dass in der Schweiz zu wenig Holz genutzt wird, 34% finden die Menge gerade richtig und nur 17% zu hoch. Zur Herkunft des Holzes ist das Wissen allerdings ungenügend, denn es wird geschätzt, dass die Schweiz selbst nur 16% des eigenen Holzbedarfs erzeugt. Was Tropenholzimporte betrifft, so ist eine Mehrheit von 52% für die Beschränkung auf ökologisch produziertes Holz, 41% für ein völliges Verbot .

67% sehen die Notwendigkeit von Eingriffen zur Erhaltung der Schutzwirkungen des Waldes, 57% schätzen, dass Naturgefahren zunehmen werden.

Nachhaltigkeit war damals als Begriff offenbar noch nicht derart in Mode gekommen, denn volle 84% hatten noch nie davon gehört (obwohl sie seit über 150 Jahren die Grundlage der Schweizer Forstwirtschaft bildet! PR-mässig leben die Forstleute noch in der Steinzeit, s. Wald-Informationen).

 

Die Befragten: Regionale und soziale Unterschiede

80% der Befragten sind zufrieden mit der Umweltqualität an ihrem Wohnort, 58% haben keinerlei parteipolitische Präferenzen, 11% sind Mitglieder des WWF, 30% des TCS. Wichtig ist vor allem der Einfluss der Verbände. Es ergeben sich aber auch Unterschiede in Bezug auf Alter, Geschlecht, politischer Ausrichtung und anderen Faktoren. [Für Details s. Bericht.]

Mitglieder von Umweltschutzverbänden gewichten Erholungs- und Schutzfunktion höher und betrachten den Zustand des Waldes (Biodiversität, Waldgesundheit, geschädigte Bäume) viel kritischer als andere. Sie nutzen den Wald allerdings auch viel häufiger, Sommer wie Winter.

Für Tessiner und Westschweizer spielt die Erholungsfunktion eine weitaus geringere Rolle als z.B. die Waldpflege (die generell von ¾ der Befragten als notwendig betrachtet wird)

Bei den Tessinern, (wie bei den Mitgliedern von Umweltverbänden) ist die Akzeptanz von Luchs, Wolf und Bär am höchsten. Die Westschweizer sind dem Luchs gegenüber am skeptischsten. Bei Männern ist die Akzeptanz gerade doppelt so hoch wie bei den Frauen – allerdings auch die Akzeptanz für die Jagd. Interessanterweise ist die Akzeptanz aber auch höher bei allen Befragten, die von Kindern begleitet wurden!

 

Hohe gesellschaftliche Bedeutung - beschränkte Möglichkeiten für den Einsatz finanzieller Instrumente

1997 war das drängendste Problem die Arbeitslosigkeit, von 38% genannt, gefolgt von Natur und Umwelt (12%), allgemeine Wirtschaftslage (10%) und Ausländer/Asylanten (8%). Bei den Umweltschutzmassnahmen dominierte vor allem das Ozonloch, das von 76% als grosse oder ziemliche Bedrohung empfunden wurde, sowie Luft- und Gewässerverschmutzung.

83% fanden, die Politiker täten zu wenig für die Umwelt und 46% waren gar der Meinung, dass wir auf eine Umweltkatastrophe hinsteuern. 56% waren allerdings der Meinung, die moderne Wissenschaft werde solche Probleme ohne grosse Veränderung der Lebensweise lösen. Die Hoffnung auf eine Änderung des Lebensstils muss also gering bleiben.

Höhere Preise zu Gunsten des Umweltschutzes wurden von 83% als akzeptabel empfunden, dafür allenfalls notwendige Abstriche am Lebensstandard von 77%, die Einführung einer Energiesteuer von 55%. Das Resultat der Abstimmung zeigt, dass man die Lösung doch lieber der Politik und Wissenschaft überlässt.

Auch das Ergebnis, dass ¾ de Befragten bereit wären, für Schweizer Holz mehr zu bezahlen als für importiertes, darf vermutlich nicht eins zu eins genommen werden. Wie sich das ja auch schon beim Energiegesetz gezeigt hat liegt einem dann das eigene Hemd doch näher ... Es wäre aber vielleicht doch mal zu überlegen, ob ein Schweizer Kreuz auf jedem Holzstamm schliesslich nicht doch wirksamer ist als beispielsweise ein FSC-Label. (S. 114)

56% erachten Subventionen für den Wald als berechtigt, weitere 35% als teilweise berechtigt (= 91%). Volle Zustimmung findet der Einsatz zugunsten von Waldpflege, Naturschutz im Wald wie Schutz vor Naturgefahren. Kaum Anklang finden hingegen Subventionen für Holzproduktion und Wegebau (obwohl auch hier, beim Wegebau, 60% mit dem vorhandenen Angebot durchaus zufrieden sind). Als wichtigsten Instrument zur Verbesserung der Ertragslage wird empfohlen, mehr Holz zu verkaufen (47%). Rationalisierung (28%), mehr Subventionen (24%)  und Restrukturierungen (14%)   finden weniger Zustimmung [Summe der % gibt mehr als 100%, da Mehrfachnennungen möglich sind].

In Ansätzen zumindest werden Subventionen auch nicht als Almosen oder zweifelhafte Unterstützung eines nicht besonders effizienten Wirtschaftszweigs betrachtet, sondern als gerechtfertigte Abgeltung für Leistungen im Dienste der Öffentlichkeit.  An der Akzeptanz für finanzielle Instrumente in der Umweltpolitik ist hingegen nach wie vor zu Arbeiten.

 

Informationspolitik:

47% der Informationen über den Wald werden aus Zeitungen bezogen, 27% aus dem Fernsehen. 63% der Befragten (vor allem Westschweiz und Tessin) sind der Ansicht, es müsste mehr über den Wald informiert werden, vor allem über ökologische Zusammenhänge (23%) und Tiere (20%). Wirtschafts- und Nutzungsaspekte kommen aber bereits an 3 Stelle, mit 13%! Vor allem von den Forstbehörden verlangt jeder 3 mehr Informationen, denn diesen wird mehr Vertrauen entgegengebracht als Zeitungs- und Fernsehberichten. Hier besteht ein enormes Optimierungspotential für die Forstbehörden. Eine Nachfrage, die ganz offensichtlich noch viel zu wenig genutzt wird. Optimiert wurden bis anhin lediglich die Informationsangebote von BUWAL, WSL und Lignum.

 

Martin Herzog Rheinfelden 30. Juli 2002