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Neo-Neo-LIBERALISMUS UND sein faschistoider FREIHEITsbegriff

Vom politischen zum wirtschaftlichen - und über den Ordo-Neoliberalismus zum Wirtschaftseliten-NeoNeoLiberalismus ...

Keine freie Wirtschaft - sondern  Macht- und Kriegswirtschaft

 Sind die Tüchtigen nicht bevorzugt,

 wird das Volk nicht streiten.

Lao Tse

Der politische Liberalismus, der sich mit und nach der französischen Revolution durchsetzen konnte, wollte Bürgerrechte, Demokratie und menschenwürdige Lebensverhältnisse für alle. Der wirtschaftliche Liberalismus wollte und will Rechte für Wirtschaftsunternehmen, und versteht Freiheit vor allem als Freiheit vor Zwängen und Einschränkungen. Er war und ist begleitet von einem staats- und religionsfeindlichen Wirtschaftsliberalismus - eine Feindschaft die damals allerdings noch begründet war, da die Loslösung der Gesellschaft und Wirtschaft von feudalistischer und religiöser Vorherrschaft noch ein weiteres halbes Jahrhundert benötigte. s. Liberalismus

Ein ausgezeichneter Artikel zu Geschichte und Inhalt des echten Liberalismus wurde von Daniel Binswanger publiziert in Das Magazin 38 / 2007. S. 26-35

Ordo-Liberalismus, die erste Welle an "Neoliberalismus", der eigentliche Neoliberalismus , wandte sich gegen das laissez-faire Prinzip, da  es als selbstzerstörerisch erkannt wurde.  Ohne Markt geht die Gesellschaft kaputt, hiess die Einsicht der Neoliberalen - aber ohne Ordnung auch. Sie hatten in den Zwanziger- und Dreissigerjahren gelernt, wie unkontrollierte Monopole den Wettbewerb zerstören und die Gesellschaft ohne soziale Sicherheit am Abgrund manövrieren. Ihre Feinde waren beispielsweise private Machtgruppen, die sich der Märkte und des Staates bemächtigen können. Mit dem staatsfeindlichen Altliberalismus des 19. Jahrhunderts konnten sie wenig anfangen, der Sozialismus war ihnen fremd.

Bei Eva Kreisky kommen allerdings die Ordoliberalen auch nicht besser weg: Röpke (1933) sprach davon, dass die "rücksichtslos zur Macht drängenden Massen" in irgend einer Weise beruhigt werden müssen. Dann haben die Ordoliberalen die Idee gehabt, hier mit Hilfe scheinkonsensualer und eigentlich eher paternalistisch agierender Marktwirtschaft diese Massen ruhigzustellen durch Volksempfänger, Volkswagen, Eigenheim, Volksaktie, Mitarbeiterbeteiligung und ähnliches mehr. Die Massen zu entproletarisieren und zu militanten Kleinkapitalisten zu machen, ist dann erst mit der Schaffung der obligatorischen Pensionskasse endgültig gelungen.

Willhelm Eucken von der Freiburger Schule beklagte bereits damals die Machtkonzentration in den Konzernzentralen. Durch Kartelle und Fusionen, unlauteren Wettbewerb und politischen Einfluss würden die Wirtschaftslobbys immer mehr Märkte beherrschen und die Regierung an die Wand drängen. Im Grund hätte der Kapitalismus viel mit der Planwirtschaft gemein: Beide setzten Freiheit und Konkurrenz ausser Kraft. So entstand die ordoliberale Idee (Willhelm Röpke, Alfred Müller-Armack): Der Staat soll den Rahmen schaffen für freiheitliche Entscheidungen, er sollte Wohlstand für alle möglich machen und den Gemeinsinn fördern. Wir sehen hier einen scharfen Gegensatz zu den Absichten unserer aktuellen Neoliberalen der zweiten Staffel, die gleich jede Gesinnung als wirtschaftsschädigend abschaffen wollen.

Sie hatten starkes Vertrauen in Eliten und wissenschaftliche Experten als ordnende Kräfte - und trugen so, bei allen guten Absichten, zur Entstehung und den Problemen des Neoneoliberalismus bei:

Wirtschaftseliten-Liberalismus (Neo-Neo-Liberalismus)

P. Hossli, CASH Nr. 15, 11. April 03, S. 29: Abschied von der Demokratie

Erst in den Achtzigerjahren tauchte das Wort Neoliberalismus wieder auf. Jetzt bedeutete es aber bereits einen doppelten Salto rückwärts, zum uralten: Je weniger Staat, desto besser. Die Vordenker hiessen Friedrich von Hayek und Milton Friedman, sind also unter anderem für den Monetarismus und dessen Folgen verantwortlich.

Die "Evangelisten" des Neoliberalismus wünschten eine radikale Neuordnung von Ökonomie und Politik. Sie wünschten eine von staatlichen und gewerkschaftlichen Angriffen "befreite" Ökonomie. Es geht darum, Handels- und Finanzmärkte von nationalstaatlichen Fesseln zu befreien, die Regulationsspielräume staatlicher Politik aber einzuengen.

Neoliberalismus umfasst ein System ideologischer Intentionen und gesellschaftlicher Praktiken. Für die Ausbreitung der neuen, ganz alten, Ideologie verliessen sich die Anhänger diesmal nicht bloss auf Professoren und Knobelpreisträger, sondern etablierten ein Netzwerk an agit-prop-Strukturen (das nicht erst von Al Qaida erfunden wurde). Führend hier, als fünfte Kolonne des Kapitalismus, die Mont-Pèlerin-Gesellschaft. Gegründet 1947 vom österreichischen Ökonomen und Philosophen Friedrich August von Hayek am Genfersee, hat sie (wie andere Ableger) sich den Ideen des klassischen Liberalismus verschrieben und den Sozialismus, sogar in der Form der sozialen Marktwirtschaft, besiegen wollte. Die Marktwirtschaft ist sozial, die soziale Marktwirtschaft aber nicht, lässt sich Hayeks Überzeugung zusammenfassen. Im Wettbewerb zwischen den Menschen entsteht Effizienz und eine spontane soziale Ordnung, die jeder staatsgemachten Konstruktion wirtschaftlich und moralisch überlegen ist. Die Mont-Pèlerin-Society  funktioniert auch wie ein Netzwerk "alter Kameraden", hatte aber auch sektenhafte Züge (Desai 1994, 44).

Der Zusammenschluss in der "Mont Pèlerin Society" zielt darauf, den Markt zu vermarkten und das marktradikale Credo in die Köpfe wichtiger gesellschaftlicher Mitglieder (Eliten) einzuschreiben. Es geht also darum, jene Männer zu bekehren, die die privatwirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Machtzentren kontrollieren. Dazu bedient sie sich der Expertenzirkel und intellektueller Panzer (think tanks). (s. Kreisky)

Dieses Credo wurde von ihrer Wirtschaftsmajestät Thatcher voll übernommen: Gesellschaft gibt es nicht. Die Wirtschaft lässt sich nicht planen und nicht vorhersagen, also müssen Politiker die Finger von ihr lassen. Reagan, aus dem selben Stall, setzte sich ein gegen Gewerkschaften, Wohlfahrtssysteme, Umverteilung und hohe direkte Steuern. Allgegenwärtig in den Zeitungen zur Zeit - Manager ausser Rand und Band, Spesenritter und Bonusjäger - welche Aktionäre und sich selbst täuschten. Wo der Staat seine Ordnungsaufgabe vernachlässigt, gerät die Marktwirtschaft in Gefahr. Diese Erkenntnis, die Neoliberale bereits in den Dreissigerjahren gemacht hatten, muss offenbar noch ein weiteres Mal erworben werden: Bankanalysten vergessen die guten Sitten. Der internationale Währungsfonds lässt sich nur noch von den Interessen der Wall Street leiten - Liberalisierung der britischen Eisenbahn und der kalifornischen Stromwirtschaft führten ins Verderben, weil geeignete Rahmenbedingungen fehlten.

Parkinsons's Axioms:

1. An official wants to multiply subordinates, not rivals.

2. Officials make work for each other.

Der neue Neoliberalismus frönt dem Führerkult und dient der Elite. Im Neo-Neo-Liberalismus  schmeicheln sich die Besserverdienenden, die Elite, gleich selbst als Leistungsträger. Man (seltener auch Frau) hat die besten Löhne, also bringt man auch die höchste Leistung. Der ungeregelte Markt, der "wilde" Markt, sei das einzige Instrument, das "leistungsgerecht" wäre. Auf diesem wilden Markt herrsche Risikobereitschaft, und es seien Robustheit, Mut, Tüchtigkeit und Beharrlichkeit gefragt. Ökonomie und Gesellschaft werden Rambo'isiert - Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit bleiben auf der Strecke, was sich durch Aussagen von Koryphäen wie auch von schwächeren Geistern ( www.eifrei.de/Archiv/Inhalt-03/03-Demokratie/03-demokratie.html ) der Bewegung belegen lässt. Unter "Freiheit" die Freiheit für das Kapital zu fordern, sich also dem Diktat einer elitären Plutokratie zu unterwerfen ist Verrat an jedem nur halbwegs sinn- und gehaltvollen Konzept von Freiheit - dies um so mehr, wenn er unter dem Banner der Anarchie erfolgt:

I believe a relative free economy is a necessary condition for freedom. But there is evidence that a democratic society, once established, destroys a free economy.

Milton Friedman in: Newsletter of the Mont Pèlerin Society 1990.

 

Neoliberalismus - wie unsere politischen Rechtsaussen - treibt Schindluder mit dem Begriff der Freiheit.

 

Für Hayek besteht Freiheit ausschliesslich in der Abwesenheit von willkürlichem Zwang: Politische Freiheit im Sinne von Demokratie, "innere" Freiheit, Freiheit im Sinne von Hindernissen für die Verwirklichung unserer Wünsche oder gar "Freiheit von" Furcht und Mangel haben wenig mit individueller Freiheit zu tun und stehen oft im Konflikt mit ihr. ... Neoliberalismus hat einen elitären, also sehr beschränkten Freiheitsbegriff. Er will auch keinen schwachen Nachtwächterstaat, sondern einen starken, der mit Härte gegen alles vorgeht, was das freie Spiel der Marktkräfte beeinträchtigt, etwa gegen Kartellbildungen, starke Gewerkschaften oder politische Kräfte wie die Sozialisten.

Hayeks Freiheitsbegriff  ist eine inhaltsleere Phrase, sogar anti-liberal, da er die konkrete Freiheit, die Freiheit von politischen, geistigen und ökonomischen Zwängen einem höheren Prinzip opfert.

Popper, der Hausphilosoph der Neoliberalen, kritisierte Hayek nie ... er war äusserst dankbar für die Stelle an der London School of Economics ... während der Schwede Gunnar Myrdal, der sich der Ökonomie von Entwicklungsländern gewidmet hatte, auf den Nobelpreis verzichtete, mit dem er 1974, zusammen mit Hayek, geehrt worden war.

Im despotisch regierten Chile wurden die Rezepte der Chicago Boys um Milton Friedman erbarmungslos durchgesetzt: Deregulierung, Massenarbeitslosigkeit, Unterdrückung der Gewerkschaften, Privatisierung der öffentlichen Betriebe, allgemeine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu Gunsten der Reichen. Zum politischen Liberalismus, der primär Bürgerrechte, Demokratie und menschenwürdige Lebensverhältnisse wollte, stand und steht der neualte Wirtschaftsliberalismus in schroffem Gegensatz. Er nimmt sogar totalitäre Züge an. Die FAZ begrüsste am 12. September 1972 den Putsch der faschistischen Militärjunta, durch den die verfassungsgemäss gewählte Regierung beseitigt wurde, weil sie auf demokratischem Wege versucht hatte, das freie Spiel der Marktkräfte einzuschränken. Lieber eine Militärdiktatur als sozialistische Experimente!

Neoliberalismus fördert einen autoritär-konservativen, aggressiven Sozialdarwinismus: Hier haben sich nicht die Gewinner, sondern die Verlierer als "fair" zu erweisen. "Fair" ersetzt im neoliberalen Denken die "Gerechtigkeit". Sich als fair zu erweisen, bedeutet, die neuen und erst recht die alten Ungerechtigkeiten widerspruchs- und kampflos hinnehmen. Die soziale Gerechtigkeit als politischer Zielwert ist out. Die Zustände sind wieder gottgewollt, pardon, vom Markt bestimmt.

Neoliberalismus ist autoritär, elitär, asozial und dümmlich. Hayek z.B. hält kompromisslosen Zwang dort für angebracht, wo das neoliberale Gesellschaftsmodell in Frage gestellt wird: Wirksame Verteidigung der Freiheit muss dogmatisch und doktrinär sein und darf keine Zugeständnisse an Zweckmässigkeitserwägungen machen.

Fazit: Der Widerstreit zwischen Markt und Politik hat seine Parallele in den Vorlieben zwischen Basisdemokratie und der Regierung durch den "Starken Mann". Weil es meist die Masse ist, die für die Lösung durch starke Männer plädiert, oder starke Firmen (!), sind solche Lösungen zwar oft mehrheitsfähig - aber selten wirkliche Lösungen. Denn starke Männer, genau so wie starke Frauen, Firmen, Länder oder generell die Elite, setzen ihre eigenen Interessen in den Vordergrund. Der Irakkrieg ist dafür ein schlagendes Beispiel, auch dafür, wie wenig starke Regierungen die Probleme dort lösen können, wo sie nicht zuständig sind. Markt und Plan sind die zwei Extreme, die offenbar beide keine Lösung sind. Markt ist chaotisch, Plan ist beengend. Aber irgend wo zwischen drin sollte es eine optimale Organisationsform geben, die der Entwicklung komplexer Gesellschaften genügend Freiraum gibt, und den Elementen der Gesellschaft (Personen, Wirtschaft u. a. Gruppen) ausreichend und verlässliche Orientierung für zukunftsgerichtete Entscheidungen bietet. Wer nach der Starken-Mann-Lösung ruft sieht meist bloss die Vorteile, einer verlässlichen Organisation und Durchsetzung, vergisst aber ,dass praktisch in allen Lebensbereichen solch starke Entscheide meist aus relativ einseitigen Perspektiven entstehen oder auch ohne solche schlichtweg falsch sein können (s. wiederum Irakkrieg). Sogar unsere höchsten und verlässlichsten Richtlinien, die Verfassung, kann durch Volksbeschluss geändert werden. Sogar die härtesten Gesetze unterstehen einer mehrfachen Kontrolle durch Gerichte. Ombudsmänner versuchen zwischen "starken Männern" und ihren Untergebenen zu vermitteln, Personalchefs, zumal die guten, zwischen Firmenchefs und Personal. Der Neoliberalismus sieht diese Kontrollfunktion, und damit die Freiheit, gewährleistet durch den freien Wettbewerb - hat aber mit der Globalisierung den freien Wettbewerb lokal und regional zur Farce verkommen lassen. Grösse und Macht bestimmen hier, nicht mehr lokale Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Der Neoliberalismus geht somit an einer optimalen Organisation um Meilen vorbei.

Ergänzung, neue Verknüpfung vom 8.10.06:  

Neoliberalismus reduziert die Wirtschaft vom flächendeckenden Werk, das sie insbesondere zur Zeit der vorherrschenden Landwirtschaft war aber auch noch weitgehend im Zeitalter der Industrialisierung, zu einem selektiven System, dessen Netz nur noch die Punkte integriert, die wirtschaftlich interessant sind. Neoliberalismus ist nicht ein Netzwerk der Freien, sonder das Netz der freien ... Reichen der Welt. In dem Sinne ist er global offen, für diejenigen, die Geld haben, aber geschlossen für die Armen, die Unproduktiven, die wenig Produktiven, die nicht Marktfähigen etc..

Die Förderung der Akkumulation, Globalisierung und des neoliberalen Postkapitalismus durch Finanzkrisen

Die neoliberale Wende mit ihrer finanzgeleiteten Globalisierung begann Ende der 70er, mit der Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte und der Ablösung des Bretton-Woods-Systems durch flexible Wechselkurse. Damit einher ging eine Aenderung der Wirtschaftspolitik, die sich von nun an vermehrt an den Interessen der Kapitaleigentümer orientierte und diesen durch Senkung der Unternehmens- und Vermögenssteuer, bis hin zur Aufhebung der Erbschaftssteuern, entgegen kam. Seit 1985 sanken die Steuern auf Unternehmensgewinne von 51 auf 35%, die Besteuerung von Zinserträgen von 47 auf 33 %. Durch die Ausnutzung kreativer Buchhaltung, welche die höchsten Erträge dort anfallen lässt, wo die tiefsten Steuern erhoben werden, durch die Nutzung von Steuerschlupflöchern und Steueroasen (s. Zug) zahlen multinationale Konzerne oft fast gar keine Steuern mehr - können sich aber dennoch als Wohltäter aufspielen, wenn sie wieder mal ein paar Stellen schaffen, deren Inhaber dann Steuern zahlen ... allerdings nur die Kleinen, denn die besser Verdienenden werden sich in Gemeinden mit entsprechen tiefen Steuern verdrücken. Dazu gehören auch das, insbesondere in der Schweiz, dem grössten Hafen, beliebte Offshore-Banking, dessen Gelder zu 70% aus Steuerhinterziehungen stammen.

Die Nationalbanken haben als übergeordnetes Ziel die Inflationsbekämpfung. Wachstum oder gar Beschäftigung haben hintan zu stehen.

Die Finanzmärkte wurden zu Spielbanken, da Investitionen zumeist aus eigenen Rückstellungen getätigt werden. s. Investition und Spekulation

Obwohl es präzise diese Vorgänge der Konzentration auf Profitables sind, die zu der zunehmenden Arbeitslosigkeit und "Invalidität" führen, die beide durch Ausschluss vom Arbeitsmarkt zu erklären sind, wird die Schuld immer noch einseitig den Betroffenen, also den eigentlichen Opfern in die Schuhe geschoben und diese als Sozialschmarotzer bezeichnet die sich in der sozialen Hängematte ausruhen, in Florida oder sonstwo in den Tropen Ferien machen auf Kosten des Staates, statt eigentverantwortlich ... etcetc. [s. Sozialstaat]

Je mehr Privatisierung, je besser die Kapitalisierung funktioniert, desto mehr Geld fliesst in den Kapitalmarkt, desto höher werden die Preise, desto besser die Erträge - da es sich eigentlich um rein inflationäre Werte handelt. Je mehr Geld in den Pensionskassen oder gar neu den Alterspflegesparkassen, desto stärker und besser werden die Interessen des Kapitals vertreten. Jeder ein kleiner Kapitalist.

Eine Weltbankstudie (Honohan/Klingebiel 2000) untersuchte die fiskalischen Kosten von 41 Finanzkrisen zwischen 1980 und 1998. Die schwersten Krisen kosteten danach zwischen 20 und 50% des BIP. Die Gesamtkosten beliefen sich 1995 auf 662 Milliarden $ oder 34 Milliarden $ pro Jahr - ohne die Kosten der antizyklischen Finanzpolitik, ohne die Kosten für höhere Zinsen durch die gesunkene Kreditwürdigkeit des Staates und die tieferen Reserven der Zentralbank!

Der strategische Vorteil den Krisen dem Kapital bringen:

 Solche Krisen bringen viele Mittel- und Kleinbetriebe in den Bankrott und damit Menschen in die Verarmung - der der Staat ebenfalls weniger entgegen zu setzen hat, da ihm gleichzeitig Einnahmen entzogen und mehr Kosten aufgebürdet werden. Auch wenn die Konjunktur wieder anzieht, verstärkt sich der Unterschied zwischen denen (Länder und Betriebe wie Menschen) in guter Startposition und denen mit Handicap.

Stagnations- und insbesondere Deflationsphasen sind zwar für die wenigsten die rechte Zeit um reich zu werden. Deflationsphasen sind aber für die Reichen präzise die rechte Zeit um noch reicher zu werden. Wenn allen andern Schnauf und Geld ausgehen, können sie am billigsten einkaufen: Häuser, Land, Firmen, Aktien etc.  Da letztere nie so günstig sind wie während einer Baisse, ist dies der rechte Zeitpunkt um das Kapital zu mehren. (s. Wirtschaftsentwicklung)

Russlandkrise 1998: Diese war der Gipfel des verunglückten Transformationsprozesses. Für die auch hier übereilte Liberalisierung fehlten die notwendigen Institutionen und Rahmenbedingungen, insbesondere im Bankwesen, der Unternehmensführung, der staatlichen Kontrolle, im Recht. Die forcierte Privatisierung schuf Wohlstand nur für einige wenige, die sich Staatsbetriebe oder Teile davon zu Schleuderpreisen aneignen konnten, keine Steuern zahlten und ihr Geld ins Ausland transferierten. Diese Schocktherapie zerlegte die russische Wirtschaft, die sich erst langsam erholt und wieder Fuss fasst und heute mit einem Wachstum von 7 bis 8% das "alte Europa" überholt..

Argentinienkrise 1862-73, 1880-93, 1905-13, 1976-81, 1993-1998-2002- ...:

Mexikokrise 1982, 1994-95: Wahren 1982 die Hauptakteure, d.h. die Verursacher der Krise, noch die grossen internationalen Banken (Weltbank, IWF),  so reichten 1994/95 bereits die Privatanleger (zumeist US) und institutionellen Investoren, um Mexiko an der Rand des Ruins zu bringen. Zwar "retteten" die US-Federal-Reserve, der IMF, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und die Bank of Canada Mexiko mit einem Kredit von 50 Milliarden $ - vor allem um den Absturz des internationalen Finanzsystems zu verhindern ... und die eigenen Anleger zu schützen - Mexiko musste aber einen Teil seiner Erdöleinkünfte nun direkt an die Federal Reserve abgeben. (Wer dabei an die Verhältnisse denkt, die sich im Irak abzeichnen, dürfte so falsch nicht liegen.). Die "Investoren" können heute weiter von Mexiko profitieren, während die Kosten dem Staat übertragen wurden.

Finanzkrisen Lateinamerika:

In allen Finanzkrisen Südamerikas war der private Finanzmarkt Ursache nicht Lösung der Probleme - was für die meist übereilten und kopflosen Privatisierungen hier genau so gilt wie in Russland.

Finanzkrise Türkei 2001: Dies ruinierte nicht nur die türkische Volkswirtschaft, sondern zeigte die Grenzen neoliberal fundierter Wachstumsstrategien wie sie dem Land seit 1980  aufoktroiert werden. Das exportorientierte Entwicklungsmodell nach ostasiatischem Vorbild zeigte nicht den erwarteten Erfolg. Also verliess man in den 90ern den Weg der Industrialisierung und versuchte eine finanzielle Akkumulationsstrategie über die Liberalisierung der Finanzmärkte (zu Deutsch: Aus viel Geld noch mehr Geld zu machen).

Zwischen 1980 und 88 sanken die Reallöhne um 40%. Die Lohnquote fiel von 27.5% 1980 auf 17% 1987, im staatlichen Sektor von 25 auf 13%. Das schwächte den Inlandkonsum ... und erleichterte den Export, ist also präzise das, was das neoliberale Modell fordert: Exportorientierung statt Binnenmarktorientierung!

[s. die Wirtschaft der Türkei http://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_der_T%C3%BCrkei ]

Wir haben hier in einem kurzen Sätzchen das ausgedrückt, was eigentlich die Basis der meisten unserer gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Probleme ist. Oekonomen und Politiker streiten sich, zumindest die intelligenteren darunter, ob nun die Angebotstheorie (Liberalismus) oder die Nachfragetheorie (Soziale Marktwirtschaft, Keynes) Ursache oder Lösung des Problems sei.

Auch dieser, bereits relativ komplexe Ansatz, der eigentlich nur noch wenigen Spezialisten verständlich ist, ist aber eine Vereinfachung, die in die Irre führt, denn das eigentliche Problem des Neoliberalismus besteht ja offensichtlich darin, dass er das WIR exklusiv definiert:

Das neue WIR dieser Wirtschaftsform ist weder das nationale, schon gar nicht das kulturelle oder gar "völkische" WIR, sondern einzig und allein das WIR derjenigen, die für ein spezifisches Angebots<>Konsum-Netzwerk von Interesse sind.

Da diese Netzwerke für eine hoch spezialisierte Wirtschaft meistens zu klein sind, wenn sie sich auf die Nation beschränken, ist die globale Ausdehnung unumgänglich. Bei der Umwandlung der Flächenwirtschaft in eine Netzwerkwirtschaft gibt es aber logischerweise, präzise wie Thatcher sagte, keine Gemeinschaft mehr die sich an irgendwelchen geographischen Flächen orientiert.

Und hier ent- und besteht das Hauptproblem der Netzwerke: Diese lassen sich rein betriebswirtschaftlich organisieren - während für das Management der Fläche eben die Volkswirtschaft zum Zuge kommen sollte, die sich keine Löcher leisten kann - die Löcher in den Netzen aber den grössten Raum einnehmen! Wir können dieses Problem in der Praxis genauer besehen, nämlich anhand der Probleme einen flächendeckenden Dienst der Post-, Telecom-, Gesundheits-, Bildungs-, und anderer Netze zu gewährleisten ... ohne Löcher. Betriebswirtschaftlich sind es eben genau die Löcher, die Kosten sparen - Volkswirtschaftlich sind es aber genau die selben Löcher, die dann Kosten verursachen. [s. z.B. Der Sozialstaat - und seine Kosten.]

Unangenehme "Nebenwirkung": Was mit den Menschen passiert, die aus den profitablen Netzwerken entfernt wurden oder zu Löhnen arbeiten, die nicht mal mehr das Existenzminimum decken, ist kein Problem, für das die verursachenden exklusiven Netzwerke zur Verantwortung gezogen werden könnten. Das Netzwerk als Wirtschaftsprinzip beruht also auf dem selben prädatorischen (frei- und ausbeuterischen) Ansatz wie das Spinnennetz: Fangen - aussaugen - wegwerfen! Oder das Myzel, das Pilzgeflecht: Zersetzen - aussaugen - verdauen - Sporen bilden - Standort wechseln!

DAS Problem unserer Zeit ist also, trotz der ökonomischen Vorherrschaft der globalen Netzwerke auch wieder ein lokales, regionales, überregionales, vielleicht sogar nationales WIR zu finden, das flächendeckend alle umfasst und nicht nur die profitablen Netzwerker.

Finanzkrise als eigentlicher Auslöser der Kriege in Jugoslawien: Durch die Auflagen des IWF wurde der Verfall beschleunigt, statt, was die Absicht war, Jugoslawien zu stabilisieren. Während die meisten Entwicklungsländer die Empfehlungen des IWF mit Polizei oder sogar Militärgewalt durchsetzen (höhere Preise, tiefere Löhne, keine Subventionen), war das dem (schwachen) Vielvölkerstaat Jugoslawien nicht möglich.

Asienkrise 1997: Diese folgte auf eine lange Periode der Prosperität und eines Wachstums, das der Westen bereits wieder als Bedrohung sah, ähnlich wie die durch Japan vor dessen Absturz in die Deflation. Der Einbruch scheint mit dem Einbruch der Exporte an Elektronikprodukten verbunden, wurde aber vor allem ausgelöst durch das viele kurzfristig orientierte vagabundierende Kapital, das sich bei den ersten Anzeichen der Krise empfahl. Auch hier zahlte der IMF fast 199 Milliarden $ ... als bailout, um die Investoren zu retten, nicht die betroffenen Länder. In Thailand und Indonesien hat sich die Arbeitslosigkeit verdreifacht und die Reallöhne halbiert. 40 Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze. Die öffentliche Verschuldung stieg in Thailand um 36%, in Indonesien sogar um 70%.

Man beachte, dass sich Südkorea 1999 offenbar Anteile der Verlierer aneignen konnte, aber der Gesamte Block 2001/2 deutlich weniger produzierte als vor der Krise.

Japankrise: Pilgerten die westlichen Führungskräfte nach 1980 vor allem nach Japan, um die Kunst des Exportes zu lernen, so schlitterte Japan 1990 in eine lange Deflationsphase, von der es sich erst jetzt so langsam erholt. Seit 1992 hatten die Banken Japans keine Gewinne mehr erzielt, aber bis 1997 weiterhin Dividenden verteilt. Ähnlich wie in Deutschland hatten in Japan die Banken hohen Einfluss auf die Firmen, da diese ihre Investitionen vor allem über Bankkredite und weniger über Kapitalaufnahmen am Markt (Börse) finanzierten. Der Wettbewerb wurde durch das Konvoy-System ausgehebelt, bei dem sich die Schlachtschiffe der Geschwindigkeit des langsamsten Schiffes anpassen mussten. Stärkere Finanzinstitute unterstützten also schwächere, statt diese eingehen zu lassen, so ähnlich wie wir das eigentlich mit unseren Randregionen tun in der Schweiz. Dass dies nicht funktioniert, sollte nicht dazu verleiten, nach dem "totalen Wettbewerb" zu schreien, denn der ist etwa so sinnvoll wie der "totale Krieg", wie die Situation in den total liberalisierten Ländern zeigt.

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(Nicht ganz ernst gemeinte) Kurzfassung der Wirtschaftsgeschichte (Wirtschaft als Verteilung knapper Güter *):

Seit Jahrhunderten sind also technisch beträchtliche, sozial allerdings eher geringe Fortschritte zu verzeichnen ...

 

Martin Herzog, Rheinfelden, 4.4.03

 

* p.s: Da weltweit eigentlich überall Überschüsse erzeugt werden, sind eigentlich alle Modelle der Knappheit Schrott, nicht nur obiges .... [s. dazu:

Moderne Ökonomie: Umgang mit Knappheit oder mit Überschuss, Überfluss und Überdruss?

In der Zwischenzeit sind einige Artikel hinzu gekommen, welche die etwas polemischen Aussagen dieses Artikels etwas sachlicher stützen. Insbesondere wird durch die Analyse des Begriffs Autorität klar, dass faschistoid in diesem Kontext hier richtig verwendet wurde, also nicht bloss ein propagandistischer Tiefschlag gegen den Neoliberalismus ist. Ebenfalls lässt sich die generelle Demokratie- und Freiheitsfeindlichkeit der global players sachlich belegen (s. Wie vertragen sich Freiheit und Wirtschaft: http://www.brainworker.ch/Freiheit/#freiheitundwirtschaft).

 

Literatur:

Brainworker's WEBDESIGN für Wissensanbieter