Kommentare zu: Governance in der Waldwirtschaft. M. Hostettler SZF 2/03 S. 42-49)
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Sie stellen den Arbeitern die Wirtschaft immer ungeheuer kompliziert dar, und das ist sie auch, aber nur so lange, als sie selber da sind, um sie zu komplizieren. Brecht |
Liberalismus tönt gut. Liberalismus tönt nach Freiheit. Liberalismus hat die schweizerischen Untertanen im 19. Jahrhundert von Grundherren (Feudalisten), politischer und kirchlicher Bevormundung durch Dompfaffen befreit.Wirtschaftsliberalismus ist jedoch etwas anderes! Dem Liberalismus, der seine grosse Zeit im 18. Jahrhundert hatte, ging es um die Befreiung der wirtschaftenden Bevölkerung. Dem Wirtschaftsliberalismus geht es um die Befreiung des Kapitals von hemmenden Strukturen wie formellen Regeln und Vorschriften sowie informellen, wie z.B. die Sozialpflicht des Kapitals, die Waldgesinnung und weiteren.
Und bereits hierin liegt der erste Betrug der (neo-)Liberalen, denn mann sollte hier unterscheiden zwischen der hier gemeinten negativen Freiheit als Abwesenheit von Zwang - und der positiven Freiheit, als Raum der Möglichkeiten und Chancen des Verwirklichbaren. Die Budgetrestriktion z.B. wäre ein Ansatz, der beiden Ansprüchen gerecht werden könnte. So wird Freiheit nicht nur beschränkt, weil Steuern und Abgaben das Budget mindern, weil Auflagen zu Gunsten von Gesellschaft und Umwelt das Budget belasten, sondern - es wird die Freiheit weitaus grösserer Teile der Bevölkerung beschränkt durch Sparen an Lohn und Sparen an Stellen. J. Rawls 1971 (S. 116): The inability to take advantage of one's rights and opportunities as a result of poverty and ignorance, and a lack of means generally, is sometimes counted among the constraints definitive of liberty. This allows a reconcilitation of liberty and equality. (leicht gekürzt).
Es gibt eine (individuell sicher unterschiedliche) Schranke, bei deren Unterschreiten menschenwürdiges Leben und Selbstachtung in Mitleidenschaft gezogen wird, und das Leben sich nur noch nach wirtschaftlichen Zwängen richtet. Diese Schranke dürfte vom Existenzminimum unterschritten werden.
Unsere forstlichen Heroen der Freiheit fühlen sich offenbar sogar durch die Waldgesinnung in ihrer Freiheit beschränkt. Gesinnung muss also etwas schlimmes sein. Das philosophische Wörterbuch meint dazu:
| Gesinnung ist die sittliche Grundhaltung des Menschen, insofern sie bes. dem Handeln (auch dem Denken) Richtung und Ziel gibt, auch wenn es dem eigenen Nutzen zuwiederlaufen sollte. ... Die moderne Ethik beurteilt einen Menschen nach seiner Gesinnung, nicht nach dem äusseren Erfolg seiner Taten ... |
Tja, tatsächlich, aus wirtschaftlicher Sicht handelt es sich bei jeglicher Gesinnung um eine wirtschaftliche Katastrophe, denn laut der wirtschaftlichen "Gesinnung" sollten ja alle nach mehr Eigennutz und Habe streben, unabhängig davon ob es den Interessen der Gemeinschaft zuwiderlaufen sollte. Zudem bewertet unsere ökonomisierte Gesellschaft den Menschen gerade eben umgekehrt als die Ethik, nämlich nach seinem äusseren Erfolg und nicht nach seiner Werthaltung (Weisheit).
Neoliberalismus ist somit klar unethisch, denn die zwei Grundregeln jeder Ethik lauten nach Schopenhauer: Neminem laede; imo omnes, quantum potes, juva - bestehen also aus den Geboten niemanden zu verletzen und allen soweit als möglich zu helfen.
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If you don't know what to do - walk fast and look worried. |
Wirtschaftsliberalisten scheinen auch eine extrem verkürzte Sicht des Wirtschaftens zu haben. Die Wirtschaft wird angestossen von Notwendigkeit, der Notwendigkeit zu Produzieren um lebensnotwendiges (und immer mehr darüber hinaus) konsumieren zu können. Die Wirtschaft wird gezogen von der Gier, von dem Drang nach immer mehr, immer grösser, immer höher, immer besser, immer schneller. Der zweite Punkt, euphemistisch verbrämt als Wettbewerb, führt zu Innovation, Effizienz und rationaler Produktion - aber auch zu Fehlentwicklungen und immer mehr Überschüssen. Zwei Punkte die sich ergänzen, aber - zwei Punkte, nach denen sich der gesamte Lauf der Welt wohl weder ausrichten kann und soll.
Das neoliberale Modell Minimax (Maximierung des Minimalismus) erhöht allerdings, durch Beschränkung der Beschränkungen, nicht die Freiheit der Bürger. Ihm geht es alleine um die Befreiung des Geldes und dessen Herren. Wie im ähnlich gelagerten Pamphlet Galileo, in dem die Idee, dass Wälder der Pflege bedürfen und schützenswert sind, als Waldzerstörungsparadigma verhunzt wird, zeigt sich auch hier die Rücksichtslosigkeit und Hinterlist, mit der dieses Wirtschaftskonzept sein einziges Ziel, den Profit, verfolgt durch den Abbau von einschränkenden formgebundenen und formlosen Institutionen:
Die Ablösung der staatlichen Förster durch private Kontrollstrukturen ist auch deshalb ein schwieriges Unterfangen, weil die neue Organisation, im Gegensatz zum Förster, nicht per se vertrauenswürdig ist. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass die neue Organisation in ihre Reputation investiert. Dazu gehört die geschickte Auswahl des Firmennamens, z.B. "Verein", "Genossenschaft" oder "Korporation", zur Gewinnung des Vertrauens der Waldbesitzer. ...
Do kunnts aim doch glatt obsi! Aber man kann einiges daraus lernen: Die gesinnungslose Marktorganisation investiert in Vertrauen - sie verdient es sich ganz offensichtlich nicht. Ebenso deutlich wird, dass offenbar die Waldbesitzer gar nicht so scharf auf diese Art der Privatisierung sind. Das dürfte vor allem daran liegen, dass 2/3 des Schweizer Waldes in öffentlicher Hand sind (Kantone, Gemeinden, Korporationen ...), was bedeutet, dass 2/3 des Schweizer Waldes wirklich dem Volk gehören!
Ein weiteres Müsterchen dieser so lobenswerten Wirtschaftsgesinnung findet sich auf S. 48: Der Forstbetriebsleiter geniesst dementsprechend in Fragen der Waldbewirtschaftung relativ viel Freiheiten und es deutet einiges darauf hin, dass die vor langer Zeit abhanden gekommene Rentabilität des Eigenkapitals als raffinierte Rentenaneignung - getarnt durch eine idealistische Waldbewirtschaftungslehre - durch das forstliche Kader zu verstehen ist.
Bis anhin war eigentlich die einheitlich geteilte Meinung, es seien die Holzpreise, die an der Misere schuld seien, da sie seit 20 Jahren stagnieren, während die Kosten steigen. Allerdings, es sind die Lohnkosten die steigen ... allerdings, es sind weniger die Löhne der Waldarbeiter die ein Problem darstellen, als die Tatsache, dass die Zahl der Arbeitskräfte zwar reduziert wurde, aber wie auch sonst in der Wirtschaft, vor allem von unten her. Der relative Anteil gut ausgebildeter und teurerer Kader nahm also zu. Insofern stimmt die Behauptung bis zu einem gewissen Grad - allerdings ist die Situation auch dieser Rentenaneigner nicht die beste (s. u.)
Allerdings wird hier auch deutlich, dass es sich bei dem Artikel nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag, sondern, wie leider üblich bei vielen neoliberalen Ökonomen, um als wissenschaftlichen Beitrag getarnte Propaganda; Propaganda für ein diktatorisches ökonomisches Modell, den Neoliberalismus, bei dem nur noch die Interessen des Kapitals entscheiden sollen, keine Politik, keine Gesinnung - ausser dem Streben nach Gewinn.
Nichtsdestoweniger - Rentenaneignung ist ein Wort das man sich merken sollte, zusammen mit einem Set die ähnliches ausdrücken, wie Pfründe (vordemokratischer Feudalismus), Rendite, Shareholder Value, Zinsen, Gewinnanteile (nachdemokratische Plutarchie [Geldherrschaft] in der nicht mehr Bodenbesitz Zugang zur Pfründe gewährt, sondern Intelligenz- und Ausbildung (s. Bildung). Eine Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Verteilung von Pfründen gäbe ein weitaus realistischeres historisches Bild als die immer noch vorherrschenden heroischen "Werte" (clash of civilisations / cultures), Ideologien (Glaube und Freiheit) und anderes Brimborium. Viel Kriege liessen sich vermutlich ähnlich einfach erklären wie der anstehende im Irak, als Antwort auf die Frage: Wer kriegt die Pfründe?
Versuchen wir anhand dieses Konzepts mal eine Lösung für den Wald: Wer kriegt die Waldpfründe? Wer soll sie kriegen?
A) Die Waldbesitzer
Tatsache ist, das Waldboden nie viel gekostet hat und nicht viel kostet, da seine Überbauung nicht möglich ist. Tatsache ist, dass die öffentlichen Waldbesitzer (2/3 des Schweizer Waldes), nach wie vor die vom Volk gewünschte Vielfalt an Waldfunktionen (Schutz, Erholung, Wasser, Luft, Naturschutz ...) anbieten können. Tatsache ist, dass Privatwaldbesitzer eh nur holzen, wenn es sich rentiert - und sich frei zu Genossenschaften, Holzer- oder Verkaufsgemeinschaften zusammenschliessen können. Hier spielt die Rentenaneignung durch Staatsorgane schon mal kaum eine Rolle - es bleibt also nur der öffentliche Bereich, für den die Situation allenfalls zu verbessern wäre.
B) Die Gesellschaft
Die Gesellschaft profitiert nach wie vor von gut gepflegten Wäldern, die sämtliche geforderten Funktionen anbieten, allerdings zu steigenden Kosten.
C) Verwaltende und ausführende Organisationen wie die wissenschaftlich gebildete Verwaltungselite (bis dahin Dipl. Forsting. ETH, demnächst MS Landscape Management), die Ausführenden (Förster FH und Waldarbeiter, Forstunternehmer, ....)
Auch wenn wir eine r"affinierte Rentenaneignung" von Forstingenieuren und Förstern als gegeben annehmen wollen, so führt diese dennoch zu recht mässigen Löhnen, im vergleich zu andern Absolventen der ETH bei den Einen (s. auch Dip. Forsting. ETH - ein Auslaufmodell & Zukunftsgerichtete forstliche Ausbildung und Zukunftschancen), in Anbetracht der Härte der Arbeit und der Vielfalt des notwendigen Wissens bei den Andern.
Fazit: In der aktuellen Situation sind alle drei Fraktionen der Rentensucher (rent seekers) in der selben besch... Lage. Es bringt also nicht viel, die einen gegen die andern auszuspielen. Eben so wenig bleibt uns nur eine Wahl, sondern wir haben zumindest zwei Möglichkeiten, Effizienz und Rendite, auch für Waldbesitzer, zu optimieren:
Aus neoliberaler Sicht, ohne beschränkende Waldgesinnung, sollen wir offenbar das ganze Konzept der multifunktionalen Waldwirtschaft, die bestehenden forstlichen Bildungskonzepte sowie das Waldprogramm (WAP) über Bord werfen und Holzäcker schaffen, à la mode des Etats Unis, von denen nach der Ernte nur noch eine verwüstete und zerfurchte Landschaft übrig bleibt. Laut dem hier kritisierten Pamphlet gibt es nur die Holzproduktion, und die Waldpflegearbeiten für die Holzproduktion unterscheiden sich nicht von denen für Schutzwaldpflege, Naturschutzarbeiten oder den Unterhalt von Erholungseinrichtungen. Aus diesem Grunde sei es nicht sinnvoll, Kontrollstrukturen zu entwickeln, welche sich ausschliesslich für letztere eignen würden. ( S. 46). Technisch handelt es sich sicher um die selben Arbeitsvorgänge und oft auch Maschinen, aber ....die Gesinnung, folglich die Strategien, und folglich auch die Taktik sind anders. Verlangt eine rentable Holzerei offenbar danach, dass der verbleibende Bestand und der Boden nebensächlich sind, verlangt die Pflege von Biotopen wie unser klassischer naturnaher Waldbau einen langfristig pfleglichen und sorgfältigen, also nachhaltigen Umgang mit Bestand, Boden und Umwelt. (s. Galileo)
2/3 des Schweizer Waldes sind im Besitz der öffentlichen Hand. Hier ist der Bürger der Eigentümer. Hier entscheidet der Bürger, ob ihm finanzieller Gewinn aus Holzwirtschaft oder vielfältige Dienstleistungen, die vielleicht auch etwas kosten dürfen, wichtiger sind. Hier unterscheidet sich die Gesinnung. Siegt die Waldgesinnung so hat Wald auch dann einen Wert, wenn seine Holzproduktion nicht rentiert. Siegt der gesinnungslose Liberalismus, dann wird ein weiterer Teil unserer Umwelt zum Industriegelände.
Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH (ohne Beamtung, folglich ohne raffinierte Rentenaneignung), Rheinfelden. 26.02.03
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Wie eine neoliberale gesinnungslose Waldwirtschaft aussieht lässt sich gut am Beispiel Tasmaniens zeigen |
Auch dort hat sich die Wirtschaft zum Ziele gesetzt, Wertungen oder gar Emotionen, welche der wirtschaftlichen Nutzung im Wege stehen, zu eliminieren:
Riesenbäume verloren ihre Kosenamen. Forestry Tasmania (s Beispiel Tasmanien, Link oben) führt an Stelle der bisher gebräuchlichen Namen für besondere Bäume, wie El Grande, Gothmog, Mount Tree, Styx Big Tree, neu nur noch die wissenschaftlichen Namen auf. s.HERALD SUN... , HOBART MERCURY.... und weitere Waldunfälle unter http://www.discover-tasmania.com/news/index.html