Mehrwert & Löhne am Beispiel der Forst-Wirtschaft

Grundlage: SECO: Der Produktivitätsrückstand der Schweiz. Aymo Brunetti, Boris Zürcher. April 2002 http://www-vwi.unibe.ch/veranstaltungen/seminar/download/Arbeitsproduktivitt%20in%20der%20Schw.pdf

Definition: "Produktivität" ist die Wertschöpfung innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit. Zu Zeiten von Marx und Lenin hiess das noch Mehrwert. Da es aber jenen Autoren um die Verteilung des Mehrwerts ging, den heutigen um die Erzielung von mehr, egal wer davon profitiert, muss natürlich ein anderer Terminus technicus her.

Die Arbeitsproduktivität forstlicher Tätigkeiten liegt sehr tief. Sie ist vergleichbar mit derjenigen der Landwirtschaft und des Gastgewerbes. Tiefer liegen nur noch die extremen Niedrigstlohnbereiche wie die Herstellung von Kleidern (Tessin, Tiefstlöhne vermutlich v.a. von Grenzgängerinnen akzeptiert), sowie Reinigungsdienste.

Obwohl die Primärproduzenten der Land- und Forstwirtschaft ganz offensichtlich gemeinsame Probleme haben und im selben Boot sitzen, betonen sie nach wie vor eher die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten. Diese erklären sich aus einer jahrhunderte, wenn nicht gar jahrtausende alten unterschiedlichen Zugehörigkeit. Der Fortdienst vertrat seit seinen frühesten Anfängen, 2200 vor Christus in Mesopotamien, eigentlich immer die Interessen von Landesherren, Fürsten und andern Feudalherren. Die Bauern waren, nachdem die Römer und das heilige römische Reich deutscher Nation mit den freien keltischen Wehrbauern ein Ende gemacht hatte, meist Untertanen der Fürsten, Feudalherren und sogar der Städte. Während also die Förster die Jagdbanne verteidigten, suchten die Bauern ihr Ackerland zu vergrössern und ab und zu ihre kärgliche Kost durch etwas Wildbrett zu verbessern. Bis heute sind die Förster Beamte im Dienste des Staates. Die Bauern konnten zwar ihren Status während der Wirtschaftskrise der 30er und den zwei Weltkriegen etwas aufbessern, da diese deutlich machten, dass der Mensch nicht vom Geld allein lebt, sondern auch noch Brot braucht. Die Entwicklung der letzten 40 Jahre machte die Bauern allerdings wieder zu working poor und Almosenempfängern.

Dass die Linke nichts von dem Problem wissen will, und dass die Bauern eher bei der SVP statt bei der SP zu finden sind, liegt daran, dass sie nicht Lohnempfänger sind, sondern Selbständige. Gewohnt, je härter die Situation wird, desto härter zu arbeiten (... und dass man ja nicht riskieren will, dass die "armen" Arbeiter und Angestellten mehr für Brot und Kartoffeln bezahlen müssen). Wenn allerdings die Preise kleiner werden als die Produktionskosten, bei noch so minimalem Lohn, dann macht das ein Umdenken auf beiden Seiten notwendig. Seitdem nun auch die SP bürgerlich geworden ist, liegt das Problem offensichtlich nicht an deren "Wirtschaftsfeindlichkeit", sondern eher an der schnöselhaften traditionellen Überheblichkeit der Städter gegenüber der Landbevölkerung, welche diese hinter stachelige Schutzwälle der Abwehr städtischer Einflüsse (und Verkehrs-Durchflüsse) treibt.

 Internationale Unterschiede in der Arbeitsproduktivität

Die Tatsache, dass die Produktivität in der Schweiz gegenüber den Wettbewerbsgegnern immer weiter hinten nach hinkt, gibt Wirtschaftsfachleuten Anlass zu Sorgen. Wenn Sie allerdings die erste und die dritte Graphik ansehen, so wird klar, dass die Unterschiede innerhalb der Schweiz viel bedeutender sind. Daraus wird klar, was der Ruf nach mehr Produktivität bedeutet:

  • Arbeitsintensive Branchen mit geringer Produktivität weg- kapitalintensive her.
  • Arbeitskosten (und damit Arbeitsplätze) weg - Zinsen, Dividenden und Beteiligungsgewinne her.
  • Kleinstrukturierte Betriebe (= Gewerbe) weg - Grossfirmen her.


Mehr Details zu Unterschieden auf Branchenebene (Strukturen!)  s. auch Löhne nach Branchen

Der zweifelhafte Wert dieses Indikators "Arbeitsproduktivität" zeigt sich am besten beim Spitzenreiter Energie und Wasser. Zur Zeit sind die meisten Betriebe noch in öffentlicher Hand. Mit sehr wenig Mitarbeitern werden hier grosse Mengen und grosse Geldbeträge umgesetzt, von denen sich kräftig abschöpfen lässt - also können hohe Löhne bezahlt werden - obwohl der Strom- oder Wasserhandel kaum mehr Fertigkeiten verlangen dürfte als der Handel mit Landwirtschaftsgütern. Hier begründet sich ein berechtigter Vorwurf der Befürworter einer Liberalisierung dieser Branche, denn es handelt sich um geschützte Oligopole welche die Preise fast nach Belieben festlegen können (wäre da nicht noch der Konsumentenschutz).

Würde nun die allerdings alternative Energiegewinnung über Kleinkraftwerke (Wasser, Wind, Biogas, Wärme) zu einer Vielzahl an Kleinbetrieben führen, sänke die Arbeitsproduktivität sichtlich. Sänke aber damit die Lebensqualität und die Nachhaltigkeit? Im Gegenteil!

Gerade die Nachhaltigkeit verlangt weitaus höhere Splitterung der Produktion bei Klein- und Kleinstproduzenten. Hier entstehen auch neue Chancen für das Holz als DIE erneuerbare Energiequelle der Schweiz, nebst der Wasserkraft natürlich:

(aus: Intitiative Strom ohne Atom)

Die Arbeitsproduktivität hat natürlich direkte Auswirkungen auf die Löhne. Zum Ersten ist mal klar, dass (ohne Subventionen) kein Lohn höher sein kann als die Produktivität. Zum Zweiten bewirkt jedes Prozent an Produktivitätssteigerung ein Viertelprozent an Lohnsteigerung (Marx hatte also doch recht, 3/4 tragen in dem Falle nämlich zur Steigerung des Kapitals bei). Logischerweise arbeiten so die meisten Tieflohnarbeiter und working poor  in Branchen mit tiefer Wertschöpfung, insbesondere Bekleidung und Pelzwaren (29%), Gastgewerbe (19%) und Landwirtschaft (34%). Leider bestätigt dieser Zusammenhang auch, dass Minimallöhne eine fragwürdige Lösung sein können für Branchen in denen die Betriebe schlichtweg nicht genug verdienen, um höhere Löhne bezahlten zu können. Minimallöhne, bei aller Sympathie für die Sache, fördern hier ganz einfach die so genannte Umstrukturierung, d.h. die kleinen, wenig rentablen, Betriebe gehen ein. Minimallöhne, von sozial orientierter Politik gefördert zur Unterstützung von Menschen mit tiefen Löhnen, wird so zu einem scharfen Instrument einer Re- und De-Struktur(ierungs)politik, die gerade so gut von rechts aussen stammen könnte. Die Bekleidungsbranche zeigt allerdings noch ein weiteres Problem. Nicht nur der erziehlte Mehrwert ist dort unter aller Kanon, sondern auch die Ungleichheit bei den Löhnen, also die Unterschiede zwischen leitenden und leidenden, pardon, ausführenden, Angestellten. Hier kann ein Minimallohn natürlich zu einem gewissen Ausgleich und etwas mehr Gerechtigkeit führen.

Aus der Perspektive der Arbeiter waren die 90er Jahre eh ein verlorenes Jahrzehnt. Ein grosser Anteil musste immer schneller den Job wechseln, immer weitere Arbeitswege in Kauf nehmen, zu immer schlechteren Bedingungen. Produktivität und Gewinne jedoch stiegen, vor allem bei den Finanzinstituten. Aus der Perspektive des Kapitals war es ein lukratives Jahrzehnt. Da die Produktivität stärker stieg als die Lohnstückkosten, stieg auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die Werte allerdings, welche vor allem die Finanzindustrie in der Zeit schuf, hat eben die selbe in der Zwischenzeit genau so rasch vernichtet, wie sie sie damals herbeigeredet hat.

Der Wohlstand einer Volkswirtschaft hängt davon ab, wie viele Güter und Dienstleistungen produziert werden können. Veränderungen des Wohlstandes - also Wirtschaftswachstum - werden durch die Faktoren bestimmt, die zu einem Wachstum dieser Produktionsmengen führen. (S. 5). Dass das BIP oder BSP nur wenig über Wohlstand aussagen, ist, ist schon lange bekannt. Deshalb wurden auch aussagekräftigere Indikatoren geschaffen, wie etwa der genuine progress indicator GPI (s. Was ist Fortschritt? im Newsflash Wald-International vom 23. Juli 02). Hier hat der Kapitalismus seinen grössten Konstruktionsfehler, denn er funktioniert nur bei immer mehr, immer grösser. Er führt dabei aber nur bei denen zu einem Mehr, die schon haben. Wie der Volksmund dazu richtig bemerkt: Der Teufel scheisst immer auf den selben Haufen. Durch die Überbetonung von Produktion und Investition gegenüber dem Konsum führt er sich allerdings dann oft selbst in eine Sackgasse, wie in den 90er Jahren.  Die den Entwicklungsländern immer wieder aufgebrummten "austerity programmes" zeigen auch begrifflich, dass dieser produktions- und geldzentrierte Kapitalismus ein Sprössling einer protestantisch-monastischen Lebenseinstellung ist: Ora et Labora - scheffeln und horten - aber kein Konsum, und vor allem, keinerlei Rücksicht darauf, wem die Resultate dieser unendlich sich steigernden Produktion denn zugute kommen sollen (s. Pareto-Verteilung unter Wohlstand ).

Martin Herzog, Dipl. Forstingenieur ETH, Rheinfelden 4. August 2002

Bestandteil von www.brainworker.ch/WAP/

17.8.02

hewww.brainworker.ch

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p.s: Falls Sie etwas Geld erübrigen können und einen Beitrag leisten möchten zur Förderung der nachhaltigen Bewirtschaftung von Wäldern in Entwicklungsländern - berücksichtigen Sie bitte das Solidaritätskonto des schweizerischen Forstvereins.

Zürcher Kantonalbank 8010 Zürich, Postcheckkonto: 80-151-4,
zugunsten von 3500-6-381388-5 700 Schweiz. Forstverein Solidaritätskonto, Zürich

Dieses wird von der Arbeitsgruppe Internationale Beziehungen betrieben. Da praktisch alle der ca. 120 Mitglieder kürzer oder länger international tätig waren, verfügen wir über ein weltweites Beziehungsnetz. Da die Forstwirtschaft in den meisten der Länder in denen wir tätig waren zwar an den selben Problemen leidet wie hier, aber die wenigsten  über die selben Subventions-Möglichkeiten verfügen, sollten und möchten wir immer wieder Projekte unterstützen, an denen wir selbst mitgearbeitet haben, bei denen wir die Situation und die Leute kennen. Wir können Ihnen nicht versprechen, dass wir den Tropenwald retten, aber wir garantieren einen effizienten Einsatz der Spenden, vor allem in Situation bei denen Forstpersonal in materielle Not kommt und Projekte deswegen akut gefährdet sind. Wir garantieren ebenso, dass wir trotz Frust und Rückschlägen, weiter dran bleiben.

Besten Dank

Martin Herzog