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Netzwerkgesellschaft - Netzwerkwirtschaft - Netzwerkpolitik (oder doch eher Massenpopulismus?

[Felix Stalder: Manuel Castells: The Theory of the Network Society. polity. Cambridge/Malden 2006]

Das Kapital ist an billigen Arbeitskräften interessiert - aber nicht an günstigen Mieten.

Diese Aufgabe wurde also dem Staat überantwortet - allerdings ohne die entsprechenden finanziellen Mittel gutzuheissen, denn das hiesse ja höhere Steuern.

Hieraus erkärt sich der heutige Zustand der Staatsverschuldung ebenso wie die Tatsache, dass sich trotzdem nicht viel bessert für die Arbeitnehmer. Im Gegenteil, die von faschstischen (Spanien) oder sonstwie zentralistischen Regierungen (Frankreich) erstellten billigen Wohnsiedlungen in den Vororten sind heute ein Hort von Unruhen.

In Vorbereitung Bände:

  1. The Rise of the Network Society
  2. The Power of Identity
  3. End of Millennium
  4. Communication Power

1 Terminologie

"Postindustriell" und "Informationsgesellschaft" ist kein adäquater Ausdruck - meint Castells. Netzwerkgesellschaft beschreibt den Zustand in dem wir uns heute befinden treffender. Es geht dabei vor allem um die Ablösung hierarchischer Ordnung durch Prozesse der Selbstgestaltung, die allerdings immer ebenso mit Auschluss wie mit Anschluss und Einschluss verbunden sind. Netzwerke wirken nichtlinear und fragmentieren den Raum - oder verbinden längst fragmentierte Räume? Die gerade in und mit der Schweiz akuten Diskussionen um Steueroasen deuten eher auf ersteres. Hier liegt auch das Hauptproblem der Netzwerkgesellschaft, das als Globalisierung bezeichnet wird. Die Netze fangen ihre Fische weltweit, verkaufen sie weltweit, lassen sich aber an kaum einem Ort als Hirn oder Zentralverwaltung fassen, steuern und in Verantwortung ziehen. Hier liegt der Hauptgrund, warum die staatliche Fürsorge immer weiter ausgebaut werden musste, nicht in postmoderner oder gar spätrömischer Dekadenz. Einerseits. Andererseits erlauben eben gerade Netzwerke auch die Gruppierung derer, die vom ursächlichen Netzwerk ausgestossen wurden, in diesem also gar nicht mehr wirken können.

2. Geschichtlicher Hintergrund

Die Wirtschaft, sozialistisch wie kapitalistisch, kam weltweit in den 70ern ins Stocken und musste sich neu orientieren. Der Kapitalismus hat aber bloss den selben alten Prinzipien nun erlaubt, als Neoliberalismus, sich auch mit Macht zu erhalten und zu verbreiten; Kommunismus und Sozialismus verfielen in Ohn-Macht. Gerade die Netzwerkgesellschaft löste die Idee von Klassen völlig auf, verbarg die Besitzer und Ausbeuter in anonymen Strukturn, und zerlegte die Verlierer in widerstreitende Interessengruppen, die von einer Rückkehr zu nationaler Grösse oder auch zum klassischen Modell der Zentralverwaltung träumten. Castells musste, nach ersten eigenen Ansätzen, Marxismus als Erklärungstheorie aufgeben, da das System heute eindeutig veraltet und zu starr ist). Im Versuch die unbewältigbare Komplexität doch dennoch zu managen, wurde er esoterisch und dogmatisch.

Postindustrialisierung (Bell 1973) ist heute ein Fakt. Wir müssen uns nur bewusst machen, dass praktisch überall die Industriegesellschaft ihren Höhepunkt bereits vor 50 Jahren überschritten haben und die Beschäftigung auf desem II. Sektor seither auf einen Anteil von 20 bis 30% der arbeitenden Bevölkerung gesunken ist (Deutschland 40%, als Exportweltmeisterzweiter) (s. Restrukturierung im 20. JH.)) Die Landwirtschaft vermag nur noch wenige zu ernähren, als Tätigkeit, obwohl sie das ganze Land nährt. Die Dienstleistungsgesellschaft herrschtund hat eine ganze Serie an Problemen hervorgebracht, die Alvin Toffler in The third Wave 1980 vorhersah: Eine Aufspaltung politischer Richtungen zwischen Stadt und Land (progressiv, zukunftsorientiert, säkular und konservativ, traditionell, fundamentalistisch).

Der Inhalt dieses Service-Sektors ist diffus und widersprüchlich geblieben. Es gehören dazu ebenso bestbezahlte Leistungen wie Beratung in Politik und Wirtschaft, aber auch "persönliche Dienstleistungen" (Putzen, Reinigung, Kosmetik, Haare schneiden, Kinderbetreuung, bei denen meist nicht mal Minimallöhne reinzuholen sind.)

Die Wirtschaft wurde also nicht bloss ausgedehnt (s. Beteiligung), sondern wirklich restrukturiert und internationalisiert. Mit der Globalsierung sollte vor allem das Problem der gesättigten lokalen Märkte umgangen werden, was a) zeigt, dass es sich um ein Problem entwickelter Wirtschaftsräume handelt, spez. USA; Japan, Deutschland, Schweiz etc., das damit aber solche, die ihre Wirtschaftsstrukturen noch aufzubauen hatten, immer stärker mit billigen internationalen Gütern zugemüllt wurden.

2.1 Der Weg zur Globalisierung und damit zum Angebotsmarkt

Angesichts übersättigter lokaler Märkte die kein Wachstum mehr hergaben, musste die Wirtschaft Lösungen suchen. Zuerst sicherte und vertiefte sie die bestehenden Märkte. Später erschloss sie neue. In den USA mittels des militörischen Komplexes, in Japan, Korea und China durch den Schutz der bedeutenden lokalen Märkte. Alle "Exportnationen" unter den entwickelten Ländern entwickelten und schützten erst ihre eigenen Märkte, bevor sie versuchten, die Ueberschüsse in der grossen weiten Welt loszuwerden, also ihre Probleme über Export zu lösen. Damit wurden die Lohn-Kosten ein Faktor ebenso des internationalen Wettbewerbs wie des nationalen Wohls(tandes der Produzenten)). Für die USA entwickelte sich dies eher negativ. Sie konnten zwar günstig immer mehr importieren, also auch ihre sehr schlecht bezahlten Angestellten durchbringen, verloren und verlieren aber immer weiter an Kaufkraft, was nicht mehr vollständig durch die Tatsache abgefedert wird, dass der Dollar gleichzeitig Weltwährung ist, also viel mehr davon gedruckt werden können, als der nationale Markt ohne Inflation ertragen würde. EineUrsache dafür, dass in den 70ern der Dollar ausser Kontrolle der USA geriet war, dass sich riesige Bestände in Europa befanden. Dass heute China so viel Dollarreserven hat, dass es die gesamte indische Wirtschaft damit aufkaufen könnte, zeigt eine klare Ausdehnung des Problems. 1971 wurde die Handelsbilanz der USA erstmals negativ, zu Gunsten von Deutschland, Japan, den Asiatischen Tigern (Hong Kong, Singapore, Südkorea) und Taiwan.

In den 60ern begannen auch Finanzmarktkrisen wie die von Michael Milken und seine Junk Bonds ausgelöste Börsenkrise. Die Finanzmarktkrise von 2008 war eigentlich bloss eine Neuauflage, diesmal mit Häusern die als Junk Bonds verbrieft waren. "Theoretisch" sollten diese dauernd im Wert steigen, da Land immer knapper wird, die Nachfrage immer höher. Praktisch jedoch spielt es hier eine ausserordentliche Rolle, ob die Hausbesitzer ausreichend Geld verdienen können, um diese Prämien an die Geldverleiher auch bezahlen zu können. Preis ist nur die Hälfte des Geschäfts. Ohne Zahlung geht jedes Geschäft baden.

Der Börsencrash von 1987 wird von vielen (auch von Castells) als erstes Zeichen der Unfähigkeit dieses Automaton, also der Fehlreaktion programmierten Handels: Unterschreitet der Kurs den Wert: Verkaufen, überschreitet er den Kurs: Kaufen. Solche "Unfälle" haben sich seither immer wieder wiederholt, besonders krass war der Flash-Crash vom 6. Mai 2010, bei dem der Dow Jones in wenigen Minuten um 900 Punkte absackte. Solche Abstürze können (nur) behoben werden, indem das automatische Trading für einige Zeit ausgeschaltet wird.

Trotz dieser spielerischen Vorgänge wurden ab den 90ern die Finanzmärkte zum Hauptakteur der Wirtschaft, der nun den gesamten Wirtschaftsraum gestaltete. Von hier an stagnieren auch in vielen Ländern (USA wie Europa) die Löhne, da das Geld, wie man sagt, "am längeren Hebel sitzt". Dieser "kollektive Kapitalismus" wird bestimmt durch das Automaton, die zielorientierte Berechnung, die Teleologie der Geldvermehrung. Begünstig werden die Gewinne dadurch, dass die Massen mit entsprechenden Mittel leicht in die Irre geführt werden können, also eigentlich immer zu früh (zu teuer) einkaufen, und zu spät (mit Verlust) verkaufen. Durch das irrationale Herdenverhalten verursachen sie immer wieder riesige volkswirtschaftliche Schäden, insbesondere etwa bei der Asienkrise 1997/98, welche die Schwellenländer Thailand, Russland und Brasilien besonders in Mittleidenschaft zogen.

In der internationalen Arbeitsteilung herrschte nun folgende Hierarchie:

  1. Hochwertige Güter und Dienstleistungen, erstellt mit wissensintensiver Arbeit
  2. Massengüter, mit billigen Arbeitskräften hergestellt
  3. Rohmaterialien

Obwohl Subsaharaafrika mehr exportierte als die OECD, lag der Wert dieser Güter tiefer, da es sich meist um Rohstoffe handelte. Inzwischen haben diese allerdings bereits 2 x massiv zugeschlagen.

Der globale informationsbasierte Kapitalismus unterscheidet sich von der alten Wirtschaft nicht nur betr. Geschwindigkeit, Umfang, multipler Ziele und der Komplexität seiner Muster. Er unterscheidet sich auch durch seine systemische Instabilität, seinen grundlegend nichtlinearen Charakter, entstanden vor allem durch die rastlose Suche der Finanzmärkte nach Profiten.

Dass die Wirtschaft nicht mal mehr durch die reichste und modernste Nation zu kontrollieren war, zeigte sich bereits 1971, als der Goldstandard durch Präsident Nixon aufgegeben werden musste. Die damals noch hoch regulierten Finanzmärkte waren bereits damals in der Lage, die Politik der reichsten Nation zu bestimmen.

1970 wurde deutlich, dass die traditionelle Art und Weise Wirtschaft zu betreiben immer weniger Profit abwarf, was Marx ja treffend bereits über 100 Jahre zuvor vorhergesagt hatte. Man änderte also die Spielregeln. Macht wurde nicht mehr als schädlich betrachtet, sondern ein Wachstumsfaktor. Der Neoliberalismus begründete ein darwinistisches Wirtschaftskonzept bei dem die rücksichtslosen, starken (solid finanzierten) und grossen (auf's beste von der economy of scale profitierenden Firmen ein Recht auf Ueberleben hatten, andere eben nicht. Die Produktivität der Mitarbeiter wurde bis zum letzten Tropfen ausgepresst. Da diese bei grossen Firmen immer grösser ist als bei kleinen, verschwanden die Kleinen zunehmend, nicht nur im Detailhandel. Alles versuchte sich als Kette,sogar Zahnärzt (Billigkette McZahn endet mit Selbstmord, das angestrebte Zahnimperium Swiss Smile der Geschwister Abivardi hat managementmässig offenbar auch seine obere Grenze erreicht.

2.2 Geschichte II: Das Netzwerkunternehmen

Die Krise der Produktion erfasste gleichzeitig die Planwirtschaft wie die Marktwirtschaft. Die Staatswirtschaften kollabierten, der Westen entwickelte ein weniger hierarchisches, flexibleres, modulares Modell der Betriebsorganisation. Um die Mitarbeiter bei all den Aenderungen und der dauernden Widersprüchlichkeit der Modelle bei der Stange zu halten, musste sogar ein eigenes Managementkonzept entwickelt werden, das sog. change management.

Die wichtigste Aenderung war, die Flexibilität kleiner Firmen zu kombinieren mit der lokalen Marktdominanz und der Möglichkeit, Märkte weltweit zu erschliessen, die sich vor allem auf Grund der Kostenvorteilen durch economy of scale bei grossen Firmen ergeben. Während dem zwar immer noch von Wettbewerb geredet wird, in dem sich aber vor allem die Arbeitskräfte zerschleissen, kooperieren die grossen Firmen längst in sämtlichen Bereichen, wo sie sich daraus einen Vorteil versprechen durch funktionelle strategische Allianzen. Kleine Firmen werden zu einer grossen verbunden um hochspezialisierte Güter und Dienstleistungen anzubieten. Vertikale Hierarchien wurden in horizontale Operationseinheiten verwandelt (ein Operator verdient auch bloss einen Bruchteil eines Managers ... auch wenn er seinen Bereich von nun an als eigenes Profitzenter führen muss.) Cisco setzte hier den Standard.

Castells unterscheidet diesen Typ (+ Silicon Valley) von der japanischen Version im gegenseitigem Eigentum von Betrieben, der koreanischen, hoch zentralisierten und hierarchisierten und der chinesischen, auf Familieneigentum basierenden Form. Ein weiteres unterschiedliches Modell wäre der finnische Typ als Mix aus privatem und öffentlichem Eigentum. Castells wird hier allerdings vorgeworfen, dass er etwas unkritisch mit Allianzen umginge, von denen einigen doch ziemlich böse endeten, gerade in der Flugindustrie, wo Swissair inzwischen nur ein unbedeutendes Beispiel dafür ist. Kritisiert wird vor allem, dass er nicht zwischen hierarchisch organisierten Netzwerken und kooperativen Netzwerken zwischen Gleichen unterscheidet.

Die Arbeitskräfte werden im Netzwerk nun nicht mehr nach Weiss- und Blauhemden unterschieden, sondern nach Kerngruppe, deren Wissen und Arbeit für die Firma lebenswichtig ist, und der disponiblen Arbeit, die leicht zu beschaffen ist, also outsourcing, fallenden Lohnhöhen und Anstellungssicherheit unterliegt. Die Kerntruppe hat sich längst mit dem Kapital solidarisch erklärt, bezieht so, insbesondere was Manager betrifft, auch keinen Lohn mehr, sondern Gewinnbeteiligung, während dem die wirkliche Arbeit, die unqualifizierte Arbeit, die Arbeit die von vielen erledigt werden kann und bloss Aufträge erfüllt, an den Rand gerät - auch wenn sie nach wie vor die Mehrheit der Arbeitskräfte umfasst.

Die "generische Arbeit" profitiert auch nicht von Erfahrung oder Weiterbildung, denn bis sie diese hat, ist der Job längst weg und der nächste vermutlich in einem ganz andern Umfeld, wenn nicht in den Osten, nach China oder Korea verschoben.

Die "Kernarbeiter", die zu Innovation aktiv beitragen, üben komplexere Tätigkeiten aus, die schlecht mechanisiert werden können. Zudem bedürfen sie teurer Infrastruktur und spezieller Schulungskurse, sind also weniger gerne als "mobil" gesehen.

Ein starker Wechsel hat auch in der Zeitspanne stattgefunden, in der Kernzonen-Mit-Arbeiter rekrutiert und gefördert wurden. Spitzenkräfte werden heute gerne direkt von der Hochschule weg eingestellt und aufgebaut. Sie sind allerdings auch darauf angewiesen, denn mit 35 oder 40 ist es oft auch für sie vorbei. Wer die Nützlichkeit für sein Netzwerk verliert, verliert heute oft die Chance auf einen Wiedereinstieg generell, zumindest auf seinem gewohnten Niveau. Die Gewinner sind in einer eben so unsicheren Position wie die andern, nur kurzfristig besser gestellt.

Da das Kapital global organisiert ist - die Arbeit aber immer stärker individualisiert, haben Gewerkschaften auf diese Entwicklung wenig Einfluss.

Das Ziel der Netzwerkstatt ist es, schneller, effiienter, mehr, für grössere Märkte zu produzieren.

Folgen: Wie Kontrolle zu Chaos wird

Manager kennen die Ziele und Funktionen der überliegenden Geldströme meist nicht, sondern nur die Ströme, die mit ihrem Betrieb direkt zu tun haben. Würden sie's kennen, hätten sie dennoch keinen Einfluss darauf. Wenn aber eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure im Wettstreit die eigene Kontrolle zu verstärken sucht, so bricht auf dem Systemniveau die Steuerung oft völlig zusammen. So verordnet das überliegende Finanzsystem bloss noch sehr generell: Vermehret das Geld, was dann in einzelnen Bereichen immer wieder zu Turbulenzen, Blasen.

Interessanterweise sieht Castells hier nicht nur den Bruch 1990 (Zusammenbruch des einzigen alternativen Systems), sondern eher zwischen 1991 und 96. In dem Zeitraum verschwand die international dominierende Informations-Klasse, ja eigentlich alle Klassen.

Mit 9/11 kriegten die Westlichen Regierungen wieder mal die Chance, autoritär aufzutreten, zum Schutze vor "dem" Terrorismus. Sie wurden nicht nur autoritärer und rücksichtsloser im Umgang mit der eigenen Bevölkerung (telefonische Ueberwachung, Fichen etc.), sondern erklärten mittels des neuen Vatikans, der WTO, den Freihhandel zum indiskutablen Dogma. Freihandel wurde quasi der Gegenpol zu den persönlichen Menschenrechten, und für internationale wie nationale Politiken das leitende Thema.

Leslie Sklair spricht von einer transnationalen kapitalistischen Klasse, die aus 4 Fraktionen besteht:

  1. Eigentümer und Kontrolleure (Manager) transnationaler Korporationen und ihrer lokalen Partner
  2. Globalisierungsbürokraten und -Politiker
  3. Globalisierungsprofis (Berater)
  4. Konsumptionseliten (Händler und Medien)

Trotz der grossen Unterschiede haben sie alle das selbe Ziel. Beachtenswert ist hier besonders, dass Sklair Eigentümer und Manager (richtigerweise) zur selben Kategorie erklärt, während dem in Volk und Politik versucht wird, Manager zu einfachen Lohnempfängern zu degradieren - um ihre Einkünfte reduzieren und/oder besteuern zu können. Dass diese nur Söldner, besser Heerführer des Kapitals sind, wird übersehen.

3 Teleologie - die Zielgerichtetheit

Fortschritt ist eine Ideologie. Urbane Soziologie ist eine Ideologie. Könnten alle Lebewesen befragt werden, so gäbe es - ausser dem Menschen selbst - wohl kaum eines, das den Menschen als höchste Stufe der Entwicklung beschreiben würde. Wohl eher als höchste Stufe des Terror - dies insbesondere dank seiner Werkzeuge, oft tödlicher Werkzeuge, mit Fernwirkung:

Für Castells kann eine Gesellschaft nicht verstanden oder repräsentiert werden ohne ihre technischen Mittel. Diese gehören zum Menschen, seitdem der alte Affe vom Baum gestiegen ist, sich mit spitzen Steinen und Stecken gegen Räuber gewehrt, und/oder diese im Feuer gegrillt und dann genüsslich verputzt hat.

Die Netzwerkgesellschaft entspringt keinem historisch angelegten oder verborgenen teleologischen Ziel, sondern hat sich zufällig, auf Grund der Möglichkeiten, so entwickelt. Die neuen Methoden der Informationsverarbeitung waren da, als sich die Wirtschaft gezwungen sah, sich zu wandeln. Mit diesen neuen Mitteln wurden allerdings einfach die selben Dinge weiter getan, bloss schneller. Erst in einer zweiten Phase, in der nicht nur das Wissen (über Produktionsabläufe) von Bedeutung war, sondern die Veränderung des Wissens bedeutender wurde (Wissensgesellschaft, Innovation), wurden die Mittel zusehends auch anders genutzt, kreativer könnte man sagen, wenn das die Verhältnisse nicht etwas beschönigen würde.

3.1 Fortschritt

Castells postuliert als zentrales Steuerelement der heutigen Netzwerkgesellschaft die Realzeitflüsse an Informationen. Damit sind natürlich vor allem diese Flüsse gemeint, die in Geld kodiert sind.

Beispiel: Die Schweiz dominiert den internationalen Erdölhandel (s. Glencore), Baumwollhandel, Kaffeehandel, und einiges mehr), ganz einfach weil diese Güter von Zentralen in der Schweiz gekauft und verkauft, die Flüsse also gelenkt werden, und dabei, gleich Druckröhren aus Wasserspeichern in den Bergen, Energie liefern in Form von Zuschlägen, Gewinnen, Abgaben, Zinsen etc. Nur wer einen gewinnträchtigen Fluss anzapfen kann, verdient heute Geld (s. Abhängigkeit des Lohnes von Produktivität in Geld, von Betriebsgrösse - und insbesondere Gewinn pro Mitarbeiter.)

Die sog. Finanzmärkte haben die Lenkung der Märkte der Allgemeinheit entzogen. Sie sind zum Teil zu einem "Automaton" geworden, zum Teil zu einem Instrument der Plutokratie.

4 Erfahrung/Empirie, der 2. Pfeiler von Castells

Im Gegensatz zu Sennett, der das starke Interesse am sozialen Wechsel teilt, bleibt Castells resolut auf Gruppen und Strukturen fixiert und ignoriert die Psychologie. Er definiert konsequenterweise <Erfahrung> als Einwirkung der Menschen auf sich selbst, bestimmt durch ihre biologische und kulturelle Identität. ... Zit Marx: soziale Bewegungen sind immer für sich selbst, nicht durch sich selbst. [. 74]

Soziale Bewegungen ziehen Mitglieder an durch das was sie sagen, sie seien. Soziale Bewegungen sind autonom, d.h. nicht unbeinflusst oder ohne Einschränkung durch den weiteren sozialen Kontext in dem sie operieren, aber in dem Sinne, dass sie mit diesem Kontext kreativ umgehen, so dass die eigene Logik und die selbst gewählten Werte reflektiert werden ....

... wie die 68er: soyez realistes, demandez l'impossible.

Der letzte Punkt von Castells Definition ist, dass soziale Bewegungen konfliktierend oder gegensätzlich sind. Es gibt keine dominante soziale Bewegung, nach der sich die Werte der andern hierarchisieren liessen. Wenn sie Erfolg haben, werden sie von den neuen Machtstrukturen absorbiert. Soziale Strukturen spiegeln die Unzufriedenheit ihrer Mitglieder mit der herrschenden Kultur und der Art, das Leben zu organisieren. Sie sind getrieben von der Ueberzeugung, dass sich ihre Bestrebungen in diesem Rahmen nicht durchführen lassen. (s. Nordafrika und Nahost im Februar 2010)

Für Castells sind soziale Organisationen meist progressiv, weil sie es darauf anlegen, bestehende Organisationen zum Bessern zu wandeln. Dies spiegelt den freiheitlichen Hintergrund der Bewegungen von 1960 und 70, der 1980 allerdings pessimistisch wurde. Die urbanen Zellen die nun die sozialen Probleme zu lösen hatten, waren weder in Mass (global versus städtisch) noch bei den Bedingungen (spez. Finanzierung) dieser Aufgabe wirklich mächtig. Das änderte sich in den 90ern. Sie wurden selbst globaler, verstärkten ihre Effizienz, zum Guten oder Bösen. Seine neueren Untersuchungen zeigten nicht nur die Zunahme reaktionärer, fundamentalistischer sozialer Bewegungen, sondern auch seine Distanz zu politischen Prozessen.

Soziale Bewegungen konzentrierten sich auf:

  1. Kollektiven Konsum, d.h. Güter und Dienstleistungen die direkt oder indirekt vom Staat abgegeben werden (AHV, Krankenkasse, Nationalstrassen, Eisenbahn, generelle Infrastruktur: service public)
  2. Verteidigung der kulturellen Identität, verbunden mit und organisiert innerhalb eines spezifischen Territoriums.
  3. Politische Mobilisierung in Bezug auf Staat, die Rolle der lokalen Regierungen betonend. (grassroots, Föderalisierung)

Eine Identität zu schaffen ist ebenso ein individuelles wie ein kollektives Unternehmen. Es handelt sich um einen Prozess selektiver Internalsierung und Transformation sozialer Werte, durch die sich Individuen von andern unterscheiden - oder integrieren. Der Prozess bedarf eines hohen Selbst-Bewusstseins, einer dauernden Beobachtung des Selbst in Bezug auf die Gesellschaft. Heute sind die meisten, sogar die einfachsten Formen der Identität brüchig geworden. Was es heisst, ein Mann zu sein, oder eine Frau, ist nicht vorgegeben, sondern (mehr oder minder) bewusste Wahl.

> Hier lässt sich eigentlich das Problem der Emanzipation und der Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Geschlechtern lösen: Man darf in dem Fall, weder von weiblicher, noch von männlicher Seite her, im Partner bestimmte Verhaltensmuster erwarten, sondern muss ergründen, wer das Gegenüber ist, sein will. Anyhow die beste Grundlage der Liebe. Umgekehrt erübrigt sich so allerdings auch die Frage, ob Frauen, wenn sie weder Willen noch Anlagen dazu haben, sich mit Macht an mächtige Positionen zu bringen, wirklich in solche geschoben werden sollten ... Vermutlich wäre das Resultat für beide Seiten gleichermassen unerfreulich. (Persönlich wäre ich eh eher dafür, mächtige Positionen so weit als möglich abzuschaffen, denn für jede Macht bezahlen andere, zumindest mit Ohn-Macht).

Die meist verwendete Strategie im Umgang mit herrschenden Strukturen, die einem nicht zusagen, ist es, diese abzulehnen, einen Graben zu schaffen zwischen Mainstream und Ausgeschlossenen: the exclusion of the excluders. Das führt zwar meist zu seltsamen Resultaten, so etwa im Bereich der Frauenemanzipation, die sich in ihren frühen Jahren so von Männern, präziser DEM Patriarchat distanzierte, dass wirklich eine Zweiklassengesellschaft entstand. Es wundert wenig, dass die Orientierung der Kinder unter solchen Bedingungen massiv leidet, insbesondere dass die praktisch nur noch gemassregelten "ungebärdigen" Jungs in der Schule bald mehrheitlich zu Problemfällen degradiert werden.

Mit der Befreiung vom Mann und der fast automatischen Schwangerschaft erlangten die Frauen auch die Kontrolle über die Geburtenhäufigkeit und damit die Fruchtbarkeitsrate, die heute mit 1.45 (statt der erforderlichen 2.2) in allen entwickelten Ländern zum Phänomen der Ueberalterung sorgt.

Eine neue, stabile Familienordnun wurde seither nicht gefunden. Der "Familienkontrakt" oder "Liebeskontrakt", basieren auf freihen Verhandlungen unter Gleichbereichtigten, ist eine Illusion. Wie in den meisten Verhandlungen sucht auch hier, trotz aller Liebe, jede(r) seinen Vorteil, und kündigt den Vertrag, wenn er/sie anderswo bessere Bedinungen (finanzieller, sozialer, romantischer, kooperativer, romantischer oder werlcher Art auch immer) kriegt. Die Ansprüche sind oft weit höher als die Möglichkeiten, was dann bei Trennung dazu führt, dass zumindest ein Teil, wenn nicht gleich beide, bei der Sozialhilfe landen.

Projekte im Gegensatz dazu verlangen meist die Integration in den Mainstream der Gesellschaft, Finanzierung, Anerkennung, Wechsel der dominanten Werte und Institutionen zu den vom Projekt postulierten Werten und Strukturen.

> s. USA zur Zeit: Oklahoma, das die Gewerkschaften abschaffen will, ja sogar das Parlament, das wieder mal nicht in der Lage ist, ein Budget zu beschliessen, was heute 9. April 2011 zur Schliessung der nicht vitalen Regierungsinstitutionen hätte führen können.

Die Organisation der Arbeitnehmer wurde inzwischen so geschwächt, dass sie kaum mehr eigene Ziele verfolgen kann. Insbesondere wenn sie versucht, ihre Ziele zu generalisieren wie z.B. Minimallohn, generelle Lohnerhöhung, kriegen sie eine Breitseite von Experten- und der Anhängermeinungen, die behaupten, dass das gar nicht möglich sei. (Was nicht ganz richtig ist. Es verursacht Kosten, die jemand tragen muss. Aber wenn etwas was kostet heisst das eigentlich noch lange nicht, dass es unmöglich ist. Oekonomen wie Politiker wheren sich allerdings, offensichtlich, hier Kosten und Nutzen mal offen zu diskutieren, da die Idee "systemfremd" ist und es bleiben wird, solange wirtschaftliche Abläufe quasi als Naturgesetz und nicht als vom Menschen geschaffene Strukturen betrachtet werden. Das Problem ensteht durch die Plattitüde: Das günstigste Angebot ist das beste, muss angenommen werden.

Arbeitskämpfe finden (meist) nicht mehr in den Fabriken statt. Es geht auch nicht mehr um die (heute oft nur schwer zu beantwortende) Frage, wem die Produktionsmittel gehören (ein grosser Teil gehört ja mit den Pensionskassen, die so ihre eigenen Leute wieder ausnehmen). Die Kernfrage ist heute hier die selbe wie in Nordafrika und um Nahen Osten und sonstwo: Wie können wir ein menschenwürdiges- und sinnvolles Leben führen? [S. 87]

Die Bedeutung der Frauen für die Wirtschaft hat in der Zwischenzeit stark zugenommen, auch ihr Anteil an den Beschäftigten, die Nettoerwerbsquote (87.8% bei Männern, 77.1% bei Frauen zwischen 15 und 56 im Jahr 2009). Dies allerdings vor allem im Teilzeitbereich. Frauen werden immer dann gerne angestellt, wenn Kosten gespart werden sollen (sie sind substantiell williger für tiefere Löhne und schlechtere Bedinungen (Arbeit auf Abruf) zu arbeiten als Männer. Sie beklagen sich dann erst hinterher, bei den Männern, diese müssen ihnen zu gerechten Löhnen verhelfen).

Da Dienstleistungen und Soziales einen immer grösseren Raum beansprucht, wird die Verwaltung von Dingen und technischen Prozessen eher sekundär, während dem die Verwaltung von Menschen, der Umang mit Menschen, immer wichtiger wird. Frauen haben da meist einen Vorteil, nur meist, es gibt auch Reibeisen, die das Vorurteil hemmungslos ausnutzen, Frauen seien umgänglicher, sozialer.

5 Kernelement Räume und Informationsflüsse

Menschen, solange sie physische Existenzen sind, können nur in Räumen leben und Handeln, und die Räume die sie schaffen reflektieren und formen das soziale Leben in seiner Ganzheit.

Die Transformationen von Raum sind die Basis von Castell's holistischer Perspektive der verbundenen sozialen Dynamik. Eine Theorie des Raumes ist darum ein essentielles Element einer verständlichen sozialen Theorie, und vice versa. Es gibt keine Theorie des Raumes die nicht integraler Bestandteil ist einer generellen sozialen Theorie.

Raum, in tiefster Sicht, kann nicht ohne Zeit begriffen werden.

Castells unterscheidet 3 Dimensionen, die den Raum der Flüsse ausmachen:

  1. Der Kreislauf des elektronischen Austausches, die globale Informations-Infrastruktur, die Realzeit-Interaktionen rund um den Globus erlaubt, damit aber auch das Fundamen der beschleunigten Transporte von Menschen und Gütern bildet. Diese Infrastruktur schafft Potentiale. Es sind die Röhren und Leitungen der Flüsse. Die Möglichkeit, sich an diese Flüsse anzuhängen ist die Vorbedingung des Eintritts in den Raum der Flüsse. Losgelöst vom technischen Netzwerk, sozialen Institutionen, werden Orte und Menschen marginalisiert. Sogar Orte mit Erfolg versprechender Loslösung von diesen Flüssen, sagen wir Ferienorte, bestehen auf der Basis der Transportverbindungen und tiefer Informationsflüsse um selektiv die notwendigen Verbindungen erhalten zu können. Eher als Trennung, offerieren sie Teilfilter. Die massive Infrastuktur der Räume der Flüsse sind hochgradig Unterhaltsintensiv und verlangen fortschrittliches Wissen und Dienstleistungen um effizient zu arbeiten.
  2. Das Netzwerk ist also nicht gleichmässig verteilt, sondern in Knoten und Kanten (Verbindungen zwischen 2 Knoten). Das ist die 2. Dimension von Castells Modell. Die verbundenen Cluster von Finanz- und Verwaltungsdiensten die in global cities geschaffen und gemanaged werden, sind die am besten untersuchten Beispiele. Sie stellen die wichtigsten Knoten des globalen Finanzmarktes dar wie auch dessen materielle und soziale Basis. Es ist schwierig, eine solch komplexe Oekologie aus dem Nichts zu schaffen, obwohl es möglich ist, wie "Technopole", Innovationszentren, oft ausserhalb der Metropolen, deutlich zeigen.
  3. Netzwerkknoten sind aber nicht nur eine Sammlung von Kreisläufen und abstrakten, automatisierten Diensten. Sie sind im Kern die Gebiete, wo Menschen einander begegnen und wo sich die Eliten konstituieren. Die spezielle räumliche Verteilung dieser Elite und spezielle räumliche Arrangements die für diese Elite geschaffen wurden stellen die dritte Dimension des Raums der Flüsse dar. Das Territorium das durch diese Leute besetzt wird, unterscheidet sich in erster Linie durch den Preis (gated communities) #

Der Raum der Flüsse ist die Infrastuktur von hochgeschwindigkeits-, grossvolumen- und hochpräzisions- Kommunikation und Transport welche die Welt umspannt, aber sich an gewissen Orten verdichtet auf Grund deren Fähigkeit, die Ressourcen zu liefern, die für das spezifische Programm des betreffenden Netzwerks relevant ist und es vorwärts bringen kann. Durch diese Infrastruktur produzieren und verarbeiten die Eliten grosse Informationsmengen, auf deren Grundlage Entscheidungen gefällt werden. Die Logik dieser Entscheidungen kann nicht auf Grund eines Bezugs zum geographischen Ort der Entscheidungsträger oder der von Entscheidungen betroffenen verstanden werden. Der Referenzrahmen ist die Position im globalen Netzwerk, organisiert mit dem Ziel, an Reichtum und Macht zu gelangen.

Auf Grund dieser Beobachtungen entstand gegen Ende der 80er die Theorie des Raumes der Flüsse. Zu dieser Zeit hatten nur grosse Organisationen mit hohen finanziellen wie personellen Ressourcen Zugang zu dieser globalen Kommunikationsinfrastruktur. Der ungleiche Zugang verschärfte sich in der ersten Hälfte der 90er, was den Unterschied zwischen globaler Organisation von Reichtum und Macht und lokaler Organisation von Menschen und Kulturen verschärfte. Nur die Eliten konnten global agieren.

Mit der Eröffnung des Internets per www änderte dies. Das Netz war bald hunderten von Millionen zugänglich, was die globalen, kohärenten Eliten allerdings nicht daran hindert, über die fragmentierten lokalen Gruppierungen von Einwohnern zu dominieren. Der Zugang zu den Flüssen ist nur "Mitgliedern" möglich.

6 Staat / Nationalstaat /Flächenstaat

1648 (Westphälischer Friede) wurde ein internationales System von Nationalstaaten gegründet - mit der Fläche, dem Staatsterritorium als Ordnungsmuster: cujus regio - ejo religio. Wer die Herrschaft über ein Gebiet hatte, durfte sogar über die Religion bestimmen, die dort galt. Es war auch die Zeit des aufkommenden Absolutismus.

Castells Beschreibung des Staates: Der Staat ist ein institutionelles System das als Mediator in der Zweierbeziehung zwischen Domination und Legitimation, zwischen Entwicklung und Umverteilung unter Einfluss von Konflikten und Verhandlungen zwischen den verschiedenen sozialen Akteuren vermittelt. Dieses Set von Beziehungen ist territorial differenziert, so dass jede Staatsinstitution (Verwaltung) an jedem Ort oder Region zugleich die Dynamik der lokalen und regionalen Gesellschaft ausdrückt ... als auch das übergeordnete System von Beziehungen wie sie im Nationalstaat bestehen. [S. 106]

Der Staat ist ein Dominanzsystem. Der politische Kampf um Dominanz ist nie beendet, die Dominanz nie vollständig. Sogar in nichtdemokratischen Staaten ist ein System notwendig zur Legitimation von Privilegion eines Interesses über ein anderes. Dies wird gestaltet durch eine Verbindung von Tradition (der Staat als Träger  eines historisch nationalen Projekts), charismatischer Führung, persönlichen Erwartungen und - Propaganda. Das Management dieser Dialektik der Sicherung von Dominanz ist komplex und teuer. Um die Finanzierbarkeit zu sichern, muss der Staat die wirtschaftliche Entwicklung fördern. Da territoriale Ausdehnung heute keine Wahl mehr ist, geht es darum, die Position des eigenen Staates im internationalen Netzwerk zu stärken. Ist dies gelungen, erhalten alle Gruppen die in der Lage waren ihre Interessen in Bezug auf den Staat zu institutionalisieren, ihren Anteil an den Ressourcen. Die Umverteilung ist eine wichtige Grundlage der Legitimität, insbesondere im Wohlfahrtsstaat. 

> Wenn wir uns den Wohlfahrtsstaat nicht  mehr leisten können, steht also die Legitimität des Staates und der Verteilung wieder generell zur Diskussion, darüber müssten sich die Freunde eines Sozialabbaues eigentlich im Klaren sein.

Im Prozess der Netzwerkbildung verloren Nationalstaaten nach und nach ihre Souveränität. Viele der Schlüsselprozesse (Wirtschaft, Soziales, Politik, Kultur) sind nicht mehr ausschliesslich Sache des Nationalstaates, sie operieren vielmehr auf globaler oder zumindest interregionaler Ebene.  Da auf der andern Seite die repräsentative Demokratie zur einzig legitimierten Staatsform wurde, stehen andere Regierungsformen heute auf wackeligem Fundament (politischer Islam: Iran, absolute Monarchie: Saudi Arabien, Kommunismus: Kuba, Ein-Parteiensystem: China, Militärdikatur: Mianmar). Bereits die "präsidialen Republiken der Araber sind am Zusammenklappen (s. Unruhen in Nordafrika und im Nahen Osten). 

Immer mehr Aspekte der nationalen Politik werden durch Prozesse geformt, die ausserhalb des Staates ablaufen (nicht nur in der, von der EU umzingelten Schweiz).  Aeusserst sichtbar sind insbesondere die ökonomischen Abhängigkeiten über die globalen Finanzmärkte. 

Macht: formierender, gestaltender Einfluss auf Strukturen, auf integration oder Exklusion von Netzwerkpunkten

Die nationalstaatliche Kontrolle über die Wirtschaft wird weiter aufgeweicht durch die Globalisierung der  Produktionsprozesse, nicht nur durch multinationale Gesellschaften. Ein besonderes Problem bildet hier die Besteuerung, da sich diese Gesellschaften derselben durch Inernationalisierung und Wahl von Steueroasen entziehen. Das macht es den Nationalstaaten immer schwieriger, ihre finanzielle Basis zu lokalisieren.  Es sind allerdings nicht nur diese bösartigen Steueroasen ... sondern bereits  die komplex verwobenen globalen Flüsse an Geld, Gütern und Dienstleistungen, die es schwierig machen zu bestimmen, wo denn nun wirklich ein Mehrwert entstand, der sich besteuern liesse.
Diese Abhängigkeiten und Probleme wurden vor allem von Nial Ferguson studiert.
Die Nationalstaaten waren also gezwungen, etnweder ihre Produktivität stark zu erhöhen, Mehrwert zu kreieren der steuerbar ist, oder die Kosten der Arbeit zu reduzieren, inklusive der Kosten der Nichtarbeit, also Arbeitslosigkeit, Wohlfahrt. Die Globalisierung der Produktion schafft hier einen negativen Wettbewerb (race to the bottom): Wer bietet den Standort mit den wenigsten Vorschriften zu Sozialem und Umwelt?
Boomende Länder wie China und Indien haben ihre Wirtschaft nicht bloss durch billige Arbeitskräfte verstärkt, sondern auch durch einen wachsenden Pool an hochtrainierten Spezialisten.
Aehnlich unkontrollierbar sind auch kriminielle Organisationen (Mafia, Drogenhandel) - und Epidemien wie Aids und Sars, die ebenfalls international koordiniert angegangen werden müssen. Greenpeace, Medecins sans Frontiers, Amnesty International machen ebenfalls internationale Politik - ohne dabei über nationale Parlamente oder Bundesräte gehen zu müssen. Die werden einfach rechts wie links liegen gelassen.

Theatralisierung der Politik: Shows, Peinlichkeiten am laufenden Band, Korruption, ja Kriminalität machen die Politik(er) immer unglaubwürdiger.

6.1 Der Nationalstaat verliert seine Funktionsfähigkeit seit ca. Mitte des 20- JH.

Losgelöst von den wichtigsten globalen Austausschtrömen die Reichtum und Handlungsmöglichkeiten schaffen, kann er versuchen, sich hier zu integrieren, oder perverse Verbindungen fördern, nutzen lassen durch die aggressivsten Segmente der Gesellschaft (Drogen, Mafia, )

anders formuliert: entweder mitmachen beim eher chaotischen Prozess von Wettbewerb und Kooperation im Bereich inernationaler Politik - oder eine unilaterale Strategie einschlagen, meist basierend auf einer neuen Form aggressiven Nationalismus oder einer Neudefinition "nationaler Interessen". Während dem sich die USA das manchmal, auch nicht immer, leisten können, kriegt die Schweiz hier bloss noch Watschen.

Noch tragischer ist die Situation für arme Entwicklungsländer, die schon gar keine Chance haben sich an diese internationalen Flüsse anzukoppeln, weil sie längst zu "überflüssig" deklariert wurden.

Castells argumentiert hier eben so gegen die linke Theorie, dass abhängige Staten eh kein nachhaltiges Wachstum einleiten können wie auch die rechte Theorie, dass alle von einem deregulierten freien Handel profitieren werden. Nach ihm sind die Staaten am erfolgreichsten, die ihre eigene Oekonomie im eigenen Tempo entwickelt haben und nun auch den Anschluss so regulieren, dass die eigene Oekonomie weder über- noch unterfordert wird. Zu diesen sich entwickelnden Staaten zählt er die Asiatischen tiger Hong Kong, Singapore, Südkorea und Taiwan, aber auch Japan und China. Diese legitimieren sich dadruch, dass sie Entwicklung fördern und erhalten können. Diese Staaten gaben ihre Autonomie nie ab und bestanden auch auf Kontrolle der Handels- und Finanzströme. Sie waren erfolgreich weil die Ziele nie nur ökonomischer Art waren sondern gleichzeitig ein "nationalistisches Projekt der Selbstbestätigung kultureller/politischer Identität im Weltsystem. [S. 119/120]

Die andere Seite der Medaille: Staaten überleben, wenn sie die Nation in den globalen Kontext einbinden, die nationale Politik an die Erfordernisse des globalen Wettbewerbs anpassen. Wer in diesen Zeiten zu sehr auf Nationalismus als legitimierende Identität setzt um die Gesellschaft gegen all die zentrifugalen Kräfte noch zusammen zu halten, fördert die Gefahr der Xenophobie, der kulturellen Einkapselung, ausgerechnet in dem Moment, in dem der Multikulturalismus zum Schlüssel globaler Wettbewerbsfähigkeit wird. [S. 120]

Die USA bilden hier ein wenig löbliches Beispiel, das mit Reagan vom wellfare state zum warfare state wechselte, im Namen der nationalen Sicherheit nie gesehene Budgetdefizite anhäufte - die soziale Umverteilung unmöglich machten. Castells nannte das "perversen Keynesianismus", bei dem Milliarden in die Rüstungsindustrie gehen während dem die Einkommensverteilung immer ungleicher wird. Aehnliches hat Miloseviz in den 90ern in Serbien betrieben.

Wichtigster Schluss von Castells:

Nationalstaaten haben zwar noch einen gewissen Einfluss, können aber ihre Politik nicht mehr souverän und unilateral formulieren, sondern hängen von einer internationalen Machtteilung ab die sie zwingt, vom Nationalstaat zum postmodernen Netzwerkstaat zu werden.

Castells definiert Macht als die Handlung von Menschen gegenüber Menschen, denen der eigene Wille aufgezwungen wird. Eben diese Definition hatte Weber benutzt, um den Charakter der Bürokratie zu beschreiben. Weber befürchtete, dass die Bürokratie die Gesellschaft in einen Stahlkäfig instrumenteller Rationalität einschliessen würde.

Die Netzwerkgesellschaft dominiert nun nicht eine unterdrückte Mehrheit, sondern ignoriert sie ganz einfach, lässt sie links liegen, umgeht sie als wertlos, unproduktiv, überflüssig. ... Bis diese "Ueberflüssigen" aufstehen - oder auf den zentralen Marktplatz sitzen (oder an den Grenzen jener Staaten auftauchen, die die Netzwerkzentren beherbergen, steuergünstig, umd an dieser einträglichen Arbeit teil zu haben) - und erklären, damit nun ganz und gar nicht einverstanden zu sein.

Das Netzwerk ist ein Automaton (Beispiel WTO). Alles hängt von den internen Zielen ab und den selbst-reproduktiven Wegen, mit denen diese Ziele verfolgt werden. In sozialen Strukturen programmieren soziale Akteure und Institutionen ein Netzwerk. Ist es jedoch einmal programmiert, zwingt ein solches Netzwerk seine logischen Strukturen den menschlichen Komponenten auf. [S. 133]

6.2 Der Aufstieg des Fundamentalismus

Christen, Juden, Muslime, Hindus und sogar Buddhisten wenden sich zunehmend fundamentalistischeren Einstellungen zu. Fundamentalismus wird definiert als Konstruktion der kollektiven Identität durch Identifikation des individuellen Verhaltens mit gottgegebenen Normen, interpretiert durch bestimmte Autoritäten die zwischen Gott und Mensch vermitteln. Fundamentalimus als rückwärtsgewandte Ideologie die sich dem Fortschritt entgegen stemmt wurde von vielen Autoren als Thema aufgegriffen, so etwa Thomas Friedmann in "Lexus und der Olivenbaum", Benjamin Barber in Jihad and McWorld, Samuel Huntington im Clash of Civilisations. Im Gegensatz zu Castels steht hir allerdings immer nur der Islam als fundamentalistisch da.

In der arabischen Welt wurde die Krise von 1970 als Krise der Verwestlichung gesehen, mit den 3 Formen: Sozialismus (Algerien), Kapitalismus (Iran) und Nationalismus (Aegypten). Sie wurden zu versagenden Ideologien der nachkolonialen Zeit.

Das westliche Modell verlor an Attraktivität, da es die jungen (armen) Araber in den Vororten von Paris segregierte von der französischen Gesellschaft, die Pakistanis in GB. Gerade die Muslime haben lange Erfahrung in struktureller Diskriminerung, Unterbeschäftigung und Rassismus.

Wie andere Regierung bezahlten auch die arabischen Führer für die Integration in die globalen Netzwerke von Geld und Macht mit zunehmender Distanz zu ihrem Volk. Am deutlichsten ist das in Saudi Arabien, besonders seitdem die (ungläubigen) Amerikaner dort permanent stationiert sind - auf heiligem Boden. Fundamentalismus wird hier zum Widerstand gegen die hypervernetzte Weltgesellschaft die nicht nur ganze Regionen strukturell isoliert und entwertet. Kritisch daran ist vor allem, dass es nicht bei der Segregation bleibt, sondernd dass damit auch die betreffenden Kulturen entwertet werden, also der innere Antrieb und Zusammenhang der Völker.

s. auch und gerade Arabische Krise 2011

Wie Systeme schaffen Netzwerke zuerst einen Unterschied zwischen "drinnen" und "draussen", System und Umwelt, Netzwerk und Stratum. Daraus entstehen eine Vielzahl unverbundener Subkulturen, die immer mehr Schwierigkeiten haben noch eine gemeinsame Sprache zu finden oder gar gemeinsame Ziele. Es mag absurd tönen für die Netzwerkgeneration, denen das Netzwerken das höchste war und ist, aber je stärker die Welt in Netzwerke geteilt ist, um so schwieriger wird die Demokratie, da diese Netzwerke die Vorherrschaft des oder eines Gesamtsystems nicht anerkennen. Ihnen reicht das eigene Ueberleben als Sinn und Lebensziel, womit sie sich nicht stark von Individuen unterscheiden, es sei denn in Reichweite und Einfluss.

6.2 Föderale Superstaaten

Zwei Netzwerke haben hier international überdimensionalen Einfluss: Die USA und die EU. Einzelne Bürokratien wie die Weltbank oder WTO kriegen hier ein gewisses Eigenleben und nehmen quasi eine "höhere Ordnung" ein als ihre Mitgliedsstaaten. Die Analyse solcher Metanetzwerke wie UN etc fehlen leider bei Castells.

Aehnlich wie die Schweiz 1848 oder Deutschland 1871 müssen sich die Staaten heute zu quasi föderalen Superstaaten finden.

Diese neue politische Realität ist nicht kompatibel mit traditionellen Ideen von nationaler Souveränität und macht es fast unmöglich, oder gar redundant, zwischen Aussen- und Innenpolitik zu unterscheiden. Viele Machtansprüche und regulative Verfahren existieren zur selben Zeit, und ihre Beziehung ist Sache dauernder Verhandlungen. [S. 127]

Der wichtigste Aspekt globaler Oekonomie ist, dass multinationale Unternehmen die als Netzwerke organisiert sind einem enormen Wettbewerb unterstehen, enorme Macht angehäuft haben, was ihre Standortsnation betrifft - aber zugleich gegenüber chaotischen Flukutationen der globalen Finanzmärkte, gesichtslose Kräfte die unentwegte Profitmaximierung durchsetzen, machtlos sind. [S. 129

7 Logik und Typen der Netzwerke

 Maturana/Varela: Leben ist ein Prozess, kein System.

Materie (Struktur), Form, Prozess

Capra: Lebende Systeme sind organisationell geschlossen - sie sind autopoietische Netzwerke - aber was Materie und Energie angeht, offen. Sie müssen sich aus dauernden Flüssen an Materie und Energie aus ihrer Umwelt nähren um am Leben zu bleiben. Dabei produzieren sie einerseits Abfall, und dieser Durchfluss von Materie - Nahrung und Abfall - etabliert ihren Platz in der Nahrungskette. [S. 173]

Idealtypen sozialer Morphologie: Hierarchien, Märkte, Netzwerke, Kommunen.

Roland Coase: Firmen existieren, weil es billiger ist bestimmte Prozesse intern zu organisieren, statt sie am Markt zu beschaffen. Wären die Märkte perfekt, gäbe es keine Transaktionskosten und somit keine Firmen. Weil aber die Märkte nicht perfekt sind, lassen sich gewisse Dinge besser ausserhalb des Marktes organisieren, d.h. innerhalb der Firma. Die Firma erreicht das Maximum ihrer Ausdehnung wenn die Inhouse-Produktion höhere Kosten aufwirft als die externe Beschaffung der Ressource.

Heute kennt die Theorie 3 Muster der Organisation: Firma, Markt, Netzwerk

Märkte sind idealypisch unpersönlich, Netzwerke persönlich, im Vergleich zu Hierarchien aber doch mit viel mehr Autonomie.

In einer vertikal integrierten ist es das Ganze, das seine Teile definiert. Hier besteht kein Platz für Autonomie. In einem Netzwerk ist der Prozess der Interdefinition zweiseitig. Die Interaktionsmuster in einem Netzwerk sind also beständiger als in einem Markt, aber flexibler als in einer Hierarchie.

Kollektive oder Kommunen:

Da diese nicht in die Marktwirtschaft passen, werden sie als Organisationsprinzip heute generell negiert, also gar nicht mehr in Betracht gezogen - mit Ausnahme der Genossenschaft. Kommunen zentrieren sich um geteilte Werte meist basierend auf Gleichheit in Lebens- und Arbeitsbedingungen. Sie minimieren so die internen Differenzen (Gegener würden dem sagen durch "Gleichmacherei") und bauen Grenzen auf zu ihrer Umwelt. Idealtypisch arbeiten sie über Konsensfindung. Schwerpunkt ist Gleichheit und Einschluss, Beteiligung aller. Kollektive besitzen starke Identitäten und der Aufwand eines Betritts oder Austritts ist substantiell. Es handelt sich so gesehen nicht um "offene Gesellschaften". Das ganze Konzept des Individualismus ist ihnen suspekt.

Diese Dominanz des Ganzen über die Teile entspricht derjenigen bei der Hierarchie. Ein Netzwerk dagegen braucht keine Gleichheit, sondern, im Gegenteil, Spezialisierung. Auch wenn die Knoten durch das Netzwerk zum Teil bestimmt sind, so haben sie doch einen hohen Grad an Autonomie. Was die Netzwerke zusammen hält ist weder eine gut definierte Hierarchie noch eine tiefe Gleichheit seiner Mitglieder, sondern ein mehr oder minder klarer Zweck. Der Zweck: Güter für den globalen Markt produzieren / Drogen handeln / die Globalisierung bekämpfen / eine neue sexuelle Identität schaffen / höheres Lernen organisieren / etcetc. verschafft dem Netzwerk als ganzem fundamentale Werte - als Basis internationaler Verhandlungen.

Netzwerke benötigen ein gemeinsames Protokoll und ein geteiltes Set von Zielen.

Netzwerke werden durch "Protokolle" zusammen gehalten. Ein Protokoll spezifiziert das richtige Benehmen, Verhalten, die richtige Form der Ein- oder Ausgabe von Informationen. Ohne ein gemeinsam geteiltes Protokoll gibt es kein Netzwerk. Protokolle sind die Grammatik, nicht die Syntax der Kommunikation.

Obwohl die ökonomischen, die Geld transferierenden Protokolle, heute dominant sind, ist keine Machtelite in der Lage, die Kontrolle der Programmierung und Schaltstationen aller wichtigen Netzwerke unter seine Kontrolle zu bringen. So müssen sensiblere, komplexere und verhandelte Systeme der Machtdurchsetzung etabliert werden, damit die dominanten Netzwerke der Gesellschaft verträgliche Ziele haben und fähig sind, durch Umschaltprozesse der Netzwerkteilnehmer, miteinander zu kommunizieren, Synergien und beschränkende Widersprüche inbegriffen. ... Die Grundfrage ist: Wer schreibt das Protokoll?

Castells Definition von Netzwerk:

Ein Netzwerk ist ein ausdauerndes Muster von Interaktionen zwischen unterschiedlichen Akteuren die sich gegenseitig definieren (Identität). Sie koordinieren sich selbst auf Grund eines gemeinsamen Protokolls, gemeinsamer Werte und (Prozess-)Ziele. Ein Netzwerk reagiert nicht deterministisch auf selbst gewählte äussere Einflüsse, repräsentiert also nicht einfach die Umwelt, sondern schafft sie aktiv (gegenseitige Abhängigkeit).

Die Stärke von Netzwerken ist ihre Flexibilität, ihre dezentralisierende Kapazität, ihre variable Geometrie. Ihre fundamentale Schwäche, die sich quer durch die Geschichte zeigt, ist das Problem der Koordination durch gemeinsame Ziele, Zwecke, was die Konzentration von Ressourcen in Raum und Zeit und innerhalb grosser Organisationen wie Armee, Bürokratie, grosse Fabriken, vertikal organisierte Kooperationen nötig macht. Mit der neuen Informations- und Kommunikationstechnik kann das Netzwerk zugleich zentralisiert und dezentralsiert sein. Es kann koordinieren ohne ein Zentrum.

Netzwerke sind komplexe Organisationsformen. Zusammengehalten durch Kommunikation, verhandeln ihre Elemente konstant ihre relative Position im instabilen Gesamtnetz. [S. 181]

Während dem Hierarchien in Organisationsmodellen festgehalten werden können, lassen sich Netzwerke nur kartieren.

Eine Hierarchie wird idealerweise nicht durch die Menschen beeinflusst, die sie ausmachen, denn deren Aufgabe ist es, Aufträge zu erfüllen oder, so präzise wie möglich, formellen Regeln zu gehorchen. Das Ganze definiert all seine Teile, die keine Identität haben ausserhalb der Hierarchie. [S. 182]

Neue Technologien erlauben nun Koordination ohne rigide Strukturen. Konsequenterweise können Netzwerke im selben Masse koordinieren wie Hierarchien, wärend dem sie flexibel bleiben.

Auf der einen Seite haben Informationsnetzwerke zahlreiche mächtige wirtschaftliche, politische und soziale Agenden gefördert. Auf der andern Seite wurden viele der Schöpfer fundamentaler Technologien inspiriert durch die nichttechnischen "Netzwerk Werte" der Gegenkultur der 60er, und schufen Technologien diese zu unterstützen. ... Die Fragmentation des Raumes und seine neue nichtlineare Organisation sind eine direkte Konsequenz der Tatsache, dass dominante soziale Prozesse als Netzwerke organisiert sind, undin einem bisher ungekannten Masse durch Netzwerk-Technologie unterstützt werden.

Der Netzwerkstaat kann so etwas problematisch werden, in einen Zustand geraten der als neo-medieval bezeichnet wird, da hier wieder die selben Ueberlappungen wie Auslassungen entstehen, die die Herrschaft im Mittelalter ausprägte. (Wobei sich vielleicht dann aber die Frage nach der damals alldominierenden Kirche stellen müsste. Die ist aber rasch beantwortet, denn diese Funktion erfüllen heute die Finanzmärkte).

Die wichtigsten Akteure bleiben die Nationalstaaten. Sie müssen allerdings ihr Konzept von Souveränität stark anpassen. Souveränität kann heute auf keinen Fall mit Willkür, der völlig freien Wahl, gleichgesetzt werden.

Potential

Netzwerke sind nicht nur autopoietisch in dem Sinne, dass sie sich selbst schaffen und erhalten, sondern sie schaffen auch ihre eigenen Anbindungen an die Umwelt. (d.h. sie wählen aus der Umwelt die Elemente aus, mit denen sie was zu tun haben wollen). Kurz, die Umwelt wird genau so durch das Netzwerk konstituiert, wie das Netzwerk durch die Umwelt. [S. 192]

Macht

Netzwerke arbeiten als Türhüter. Innerhalb des Netzwerks werden dauernd neue Möglichkeiten kreiert - ausserhalb wird das Ueberleben zunehmend schwierig. Ist ein solches Netzwerk einmal etabliert, so wird jeder Knoten der damit nicht verbunden ist einfach umgangen - und die Ressourcen fliessen im Rest des Netzwerks. Wegen dieser Möglichkeit, Gegenden einfach zu umgehen, die für das Projekt, das das Netzwerk konstituiert wertlos sind, charakterisiert sich der globale Kapitalismus durch seine Fähigkeit, grosse Teile der Menschheit auszuschliessen. [S. 195]

Schlüsse

Die Analyse verliess also Orte und Strukturen und wechselte zu Flüssen und Netzwerken. Dies führte zu eiuer völlig neuen soziologischen Makrotheorie, obwohl die Zeiten der grossen Bücher vorbei seien. Die vielen rückwärtsorientierten Definitionen Postindustrialismus, Postmoderne, Postfordismus, Postnationalismus, Risikogesellschaft, disorganisierter Kapitalismus, die die soziale Theorie seit 1970 dominieren, können nun durch neue, vorwärts schauende Konzepte ersetzt werden, basierend auf Netzwerken und ihrer spezifischen Dynamik von Dauerhaftigkeit und Wechsel, Fragmentierung und Integration, Unvorhersehbarkeit und repetitiven Mustern. [S. 199]

Dass sich Castells nicht mit der Macht in Netzwerken befasst habe, hat der durch eine weiteres Buch widerlegt, doch dazu später.

Martin Herzog, Basel, 9.4.2011