Bestandteile:
Persönlichkeit, Persönlichkeitsmodelle, Persönlichkeitstests
Die Formung des Menschen durch die Schule: Wechselnde Erwartungen an die Schule im Laufe der Geschichte
Marktanpassungsschäden (bereits beim Einstieg in die Arbeitswelt) durch Arbeitslosigkeit - und Lösungsansätze

Der Mensch zwischen Anpassung (Frustration) und Selbstverwirklichung (Kohärenz):

Was ist das Menschenbild, das ideale Menschen-Modell?

  1. Die Strukturierung des ICH: Was den Menschen formt, steuert, beeinflusst (na ja, ohne Werbung):

    1. Familie: Mutter, Vater, Geschwister ...

    2. Schule - 2.1 Aufgaben der Schule

    3. Frei gewählte Beziehungen: Kollegen, Freunde - Freundin (Zweierbeziehung, Dialog), Lehre, Studium - Rolle, Arbeit, Arbeitskollegen -

    4. gesellschaftliche Normen / staatliche Gesetze

  2. Lewins Feldtheorie

    1. Strukturen des ICH

      1. Loslösung von Eltern- andere <Idole>

    2. Feldstrukturen

  3. Gestaltung des Habitus durch Ansprüche von Aussen (Was den Menschen verformt, verbiegt):

    1. Dialog mit dem DU

    2. Normen & Autorität, Leistungsdefinitionen, Prägung durch sog. <Marktanreize> (Geld wirkt wie eine Droge, hilft bei der Konditionierung des Menschen)

    3. Frustration,  insbesondere beim Einstieg (Jugendarbeitslosigkeit) in den Arbeitsmarkt - aber auch gegen Ende (ab 40/50 ....).

  4. Wie sich der Mensch gegen Verformung wehrt: Oft untaugliche, wie die Immunisierung durch Abwehrmechanismen (s. Frustration) <>

    1. Bewältigung durch Resilienz,

    2. Bestimmung des CHARAKTERs durch Kohärenz

  5. Die Formung des Individuums durch die "Normalität" der Gesellschaft: Von der Postmoderne zur 2. Moderne

Grundprobleme:
Integration wohin? Umformung nach welchem Bild? Mit welchem Ziel? Orientierungsverlust / Verlust der <Normalität>

  1. Wie die Gesellschaft den Verformten oder den mit untauglicher Form (nicht marktgerecht ...) zurechtzubiegen versucht: <Integration> durch
    1. Sozialstaat,
    2. Sozialarbeit & Sozialpädagogik.

FAZIT

Cannibals prefer those who have no spines.

Stanislaw Lem

Humanistische Morphologie (s. auch Hexis) - im Gegensatz zum Homo oeconomicus, dem durch Geld gesteuerten, durch Geld geformten Menschen stellt sich die Frage: Ist der Mensch als Gestalt, Form, Habitus bloss Funktionsträger, Label/Marke, Charakter, Typ, verwertbares Kapital - oder ist er Anlage zu sich selbst? Ist der Mensch Rädchen oder Projekt? Ist der Mensch bloss Werk-Zeug oder hat er das Potential zur Entwicklung des Geistes, einer höheren Geistigkeit?

Die <Gestalt> des Menschenbildes der Wirtschaft, der Homo oeconomicus, ist da bedeutend einfacher konstruiert, der muss einfach auf Geld-Anreize richtig funktionieren.

Der Begriff <Habitus> von Bourdieu ist ja einigermassen verständlich, aber offenbar doch vielen nicht klar - und vor allem in seiner Potenz noch gar nicht genutzt. Habitus bedeutet Form, Gestalt. Während dem der Habitus also eine Sache der Morphologie ist und vollumfänglich mittels der Sprache der Geometrie beschrieben werden kann, ist die Gestalt des Menschen (Objekt der Gestalttherapie und Gestaltpsychologie z.B.) eben keine rein äusserliche, sondern umfasst eben so den Geist, den Charakter, das Verhalten, Wissen, die Intelligenz, das Benehmen, die Bildung, den Beruf, Absichten, Erfahrungen etc.

Allerdings zeigt bereits die Baumphysiologie, wie komplex Morphologie ist, und wie wenig einzelne Faktoren zur Erklärung des Ganzen und seines Verhaltens beitragen. So sind z.B. Bäume auf trockenen und windigen Standorten meist kleiner, haben weniger, zähere und kleinere Blätter (oder Nadeln). Allerdings zeigen Untersuchungen auch, dass sie bei gleichen Bedingungen wie die Bäume guter Standorte diese dann oft im Wachstum übertreffen - was allerdings wiederum zu grösserer Anfälligkeit gegenüber Frösten, Hitze und Schädlingen führen kann. [complexity of tree physiology].

Wie viel komplexer wäre also der Habitus, die Form des Menschen zu beurteilen, da dieser sich nicht auf äusserliche Merkmale beschränkt, sondern eigentlich primär durch verinnerlichte Strukturen (des Gehirns, des Geistes) manifestiert. Aktuell stellt sich in Anbetracht des immer brutaleren Ausschlusses einiger dafür geeigneter Gesellschaftschichten aus der Wirtschaft auf die

Frage:

Wie beeinflusst die <Form> des Menschen, also sein vollumfänglicher Habitus, seine Chancen {am Markt} zu überleben?

Ergänzungsfrage:

Ist es richtig, dass {der Markt} darüber bestimmt, welchen Habitus der Mensch einzunehmen hat?

Leider wird Maslows Pyramide der Bedürfnisse meist in dem Sinne missbraucht, als eine Priorität der unteren Ebenen stipuliert wird. Wichtig sei die Existenz, allenfalls eine Sicherung der Existenz - der Rest grenzt bereits an Ueberfluss, vor allem was die Selbstverwirklichung betrifft. Diese Theorie kann, wenn man unbedingt will, durch den Exitentialismus gestützt werden - obwohl der eigentlich bloss den Unterschied zwischen Dasein und Sein klärte, und damit die klare Abhängigkeit des Seins vom Dasein, also des Geistes von der puren Existenz.

Jede Pädagogik setzt aber als oberstes Ziel die Entwicklung der individuellen Anlagen jedes Menschen - nicht den Erwerb eines Wissens, das von aussen auferlegt wird, durch wirtschaftliche, politische oder (meist ehemals) religiöse Sachzwänge bedingt ist.

Am Anfang steht die Befreiung des ICH aus Abhängigkeiten, die Befreiung des ICH zur Entfaltung seiner Anlagen, seiner Potentiale - nicht der Marktpotentiale (oder, ehemals, Heilspotentiale).

Natürlich gibt es das völlig unabhängige Individuum nicht. Jede(r) hängt von irgend was oder irgend jemanden ab. Aber jede(r) muss sich entscheiden, in welche Abhängigkeit er/sie sich begeben will, welchen Einflüssen man nachgegen will - und welchen nicht. Das ist die Freiheit des Menschen. Zudem kann auch Politik und Bildung, die einzigen Mittel mittels derer erwachsene Menschen noch zu formen sind, diesen nicht eine beliebige Gestalt verpassen, sondern nur das herausholen oder unterdrücken was drin steckt.

Die griechische Parallele zum Habitus, die Charakter-Tugenden (hexis) bei Aristoteles

Diese Relation ist entscheidend für ein besseres Verständnis der etwas abstrakten Terme hexis wie Habitus, die beim normalen Volk noch längst nicht angekommen sind, was eigentlich einfach wäre, denn Hexis und Habitus (als geistige Form und Gestalt, nicht körperliche) hat ein sehr bekanntes und verständliches Synonym, nämlich DIE KLUGHEIT.

Verstandestugenden

Unter den Verstandestugenden beziehen sich einige auf das Wissen von Unveränderlichem oder die Herstellung von Gegenständen. Allein die Klugheit (phronêsis) ist mit dem Handeln verknüpft, und zwar als Tugend mit dem Ziel eines guten Lebens. Sie ist – neben den Charaktertugenden – notwendig, um in konkreten Entscheidungssituationen im Hinblick auf das gute Leben handeln zu können. Im Bereich menschlicher Handlungen gibt es – anders als in den Wissenschaften – keine Beweise, und um klug zu sein, bedarf es dabei auch der Erfahrung. Die Funktion der Klugheit besteht darin, die Mitte (mesotês) zu wählen.

Charaktertugenden

Charaktertugenden sind Haltungen (hexis), für die kennzeichnend ist, dass man sie loben und tadeln kann. Sie werden durch Erziehung und Gewöhnung ausgeprägt, wobei dies nicht als eine Konditionierung zu verstehen ist.

Gegenstandsbereich Mangel Charaktertugend Übermaß
Furcht/Mut Feigheit Tapferkeit Tollkühnheit
Lust/Unlust Zügellosigkeit Besonnenheit Gefühllosigkeit
Zorn - (nicht immer ein Uebel) Schwächlichkeit Sanftmut Jähzorn
Scham Schamlosigkeit Feinfühligkeit Schüchternheit
Ehre Kleinmütigkeit Großgesinntheit Eitelkeit

Aristoteles definiert die Charaktertugend dementsprechend als

„eine auf Entscheidungen (also frei gewählte) begründete Haltung, die in einer Mitte in Bezug auf uns besteht, und die bestimmt wird durch Überlegung, das heißt so, wie der Kluge (phronimos) sie bestimmen würde.

Wir haben hier also die perfekte Entsprechung zum Terminus Habitus.

Lebensformen und Lust

Im Kontext der Analyse des guten Lebens unterscheidet Aristoteles drei Lebensformen, die verschiedene Ziele verfolgen:

  1. das Genussleben – mit dem Ziel Lust;
  2. das politische Leben – mit dem Ziel Ehre;
  3. das theoretische Leben – mit dem Ziel Erkenntnis (EN I 3).

Das Genussleben im Sinne einer bloßen Befriedigung der Begierden hält Aristoteles für sklavisch und verwirft es. Gelderwerb und Reichtum als Ziel hält er nicht für eine Lebensform, da Geld immer nur Mittel zu einem Zweck, aber nie selbst Ziel ist. Er plädiert für das theoretische Leben als beste Lebensform. Die beste Tätigkeit, die in der Glücksdefinition gesucht wird, ist diejenige des Theoretikers, der Erste Philosophie, Mathematik usw. betrachtet, denn sie bedeutet Muße, dient keinem anderen Zweck, betätigt mit den Verstandestugenden das Beste im Menschen und weist die besten Erkenntnisgegenstände auf.

Obwohl er das theoretische Leben für das bestmögliche hält, weist er darauf hin, dass die Betrachtung als Lebensform den Menschen als Menschen übersteigt und eher etwas Göttliches ist. Das zweitbeste Leben ist das politische. Es besteht in der Betätigung der Charaktertugenden, die den Umgang mit anderen Menschen sowie mit unseren Emotionen bestimmen. Da Charaktertugenden und Verstandestugenden einander nicht ausschließen, meint Aristoteles möglicherweise, dass selbst der Theoretiker, insofern er ein soziales und mit Emotionen ausgestattetes Wesen ist, sich im Sinne des zweitbesten Lebens betätigen muss.

Aristoteles fasst die Betätigung der Verstandestugenden (zumindest der Klugheit) und der Charaktertugenden als wesentliche Elemente des Glücks auf. Aber auch äußere oder körperliche Güter und auch die Lust hält er für Bedingungen, die hilfreich oder sogar notwendig sind, um glücklich zu werden. Güter wie Reichtum, Freunde und Macht verwenden wir als Mittel. Fehlen einige Güter, wird das Glück getrübt, wie bei körperlicher Verunstaltung, Einsamkeit oder missratenen Kindern.


1 Die Strukturierung des ICH

1.1 Die Formierung des ICH durch die Familie

Als allgemeine Grundtendenz der Verhaltensformen, als „System generativer Schemata von Praxis“ (Bourdieu 1979/1992, S.279), wirkt der Habitus bis in die feinsten Verästelungen menschlicher Lebensäußerungen: „wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde er hat usw.
All das ist eng miteinander verknüpft“ (Bourdieu 1993, S.31f.) und im Habitus zu einer ‚stilistischen Einheit’ (Liebau) zusammengebunden. Dem Prinzip der Aufrechterhaltung dieser Einheit folgend, ermöglicht der Habitus nicht nur die konsistente und kohärente Bewältigung alltäglicher Handlungsanforderungen, sondern – in Grenzen – auch spontanes und kreatives Handeln außerhalb des unmittelbaren Erfahrungsraums des einzelnen.

Der Begriff Habitus bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist.

So gesehen beschreibt der Habitus also eigentlich den Bann, die äussern Grenzen einer Person, also ihre Form. (Hier nicht den "common sense, sondern die Sinnstrukturen einer Person.)

Die Familie ist zuständig für die Vermittlung der komplexesten und wichtigsten Fähigkeiten des Menschen, also die bewusste Kontrolle von Körperfunktionen wie Stuhlgang, Gehen, Er- und Be-Greifen, Geschicklichkeiten im Umgang mit dem Altagsleben, aber auch in Dialog treten, Beziehungen zu andern aufbauen - also die Primärsozialisation - sowie die erste Vermittlung von Werten und Normen. s. Entwicklungspsychologie.

Die Aufgabe der Familie ist heute eben so diffus und strittig wie die der Schule. Man will sich die Verantwortung für die Erziehung gegenseitig zuschieben.

Je weiter wir uns von den innerfamilialen Beziehungen entfernen, die Wahrscheinlichkeit wächst, daß sich die beteiligten Erwachsenen lediglich für Teilaspekte der kindlichen Persönlichkeit interessieren, keine Verantwortung für das Kind übernehmen, nicht dessen langfristige Entwicklung im Auge haben und in die Beziehung mit dem Kind nur soviel investieren als sie sich in irgendeiner Form als Gegenleistung von ihm versprechen.

Zu den weiteren Indikatoren für das Ausmaß des elterlichen Interesses an ihren Kindern zählt Coleman die Erwartungen der Eltern im Hinblick auf die schulische und Ausbildungslaufbahn ihrer Kinder. Eltern mit hohen Bildungsewartungen sind „stärker an ihrem Kind interessiert und machen sich mehr Gedanken über die Zukunft des Kindes” (Coleman 1995a II, S.355) als Eltern mit niedrigen oder gar keinen Bildungserwartungen.

Dies heißt, die kulturellen und ökonomischen Ressourcen der Familie bzw. der Eltern stehen den Kindern und Jugendlichen „nicht als ‚natürliche‘, gleichsam dingliche Familienumwelt“ zur Verfügung. Zur Nutzung dieser Ressourcen bedarf es, wie Zinnecker (1994b, S.41) betont, des „Aufbau[s] kontinuierlicher persönlicher Transferbeziehungen zwischen Eltern und Kind.“

Dabei zeigt sich in bezug auf das Familienklima ein paradoxer Befund. Je gebildeter die Eltern sind, desto weniger wird von den Kindern und Jugendlichen das heimische Familienklima als harmonisch und unterstützend empfunden, und je höher der elterliche Berufsstatus ist – der nicht unabhängig vom elterlichen Bildungsniveau ist – desto positiver sehen die Kinder das Klima in der Familie.

Das Paradoxon ist leicht zu verstehen. s. 5 Abschnitte weiter unten: Streitverhalten

Bourdieu unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen einem primären Habitus, der in den ersten Lebensjahren, in denen die Eltern und Geschwister das nahezu ausschließliche soziale Universum der Kinder darstellen, erworben wird und dem sekundären Habitus, der sich in Auseinandersetzung mit den sekundären Sozialisationsinstanzen außerhalb der Familie entwickelt.

Hier müssen vermutlich weitere Stufen der Habitusbildung unterschieden werden, denn "ausserhalb" entwickelt sich von Schule über Lehre oder Universität zu Berufseistieg, - Aufstieg, Führungsposition, mit meist mehrfachen Abstürzen und/oder Sackgassen - und endet in der Alters- und Sterbephase.

Mit dem Älterwerden – und das heißt mit Zunahme des Wissens und der Fähigkeiten – der Kinder steigt das durchschnittliche intellektuelle Niveau in der Familie. Veränderungen in der Familienstruktur (Geburt eines weiteren Kindes, Scheidung oder Trennung der Eltern) führen hingegen zu einer abrupten Minderung des intellektuellen Niveaus in der Familie. Das heißt, die Lernmöglichkeiten der später Geborenen unterscheiden sich qualitativ von denen der früher geborenen Kinder.

Je größer die Altersspanne zwischen den Kindern, desto höher das intellektuelle Milieu, in das die jüngeren Geschwister hineingeboren werden. Dies wiederum wirkt sich positiv auf deren intellektuelle Entwicklung aus. Allerdings nicht nur, nicht in jedem Falle, denn:

Daß gerade unter den modernisierten Bedingungen intimisierter und emotionalisierter Eltern-Kind-Beziehungen Kinder um die Zuwendung der Eltern miteinander konkurrieren. In dieser Situation kommt es häufig zu Streit und Konflikten zwischen den Geschwistern, was sich wiederum negativ auf das gesamte Klima in der Familie auswirkt.

Streitverhalten: Faßt man weitere Untersuchungen zu Konflikten zwischen Eltern und Kindern zusammen (vgl. Masche 1998, Kapitel 3.3) schält sich als Tenor darin heraus, daß es weniger darauf ankommt, ob und wie häufig Eltern und Kinder (und auch Gleichaltrige untereinander, s.u.) miteinander streiten, sondern vielmehr darauf, wie sie dies und in welchem Beziehungsrahmen sie dies tun.

  1. Erstens kann das elterliche Streitverhalten ein negatives Verhaltensmodell darstellen, das die Kinder übernehmen;

  2. zweitens können Verhaltensprobleme seitens der Kinder als systemische Anpassung an eine zerrüttete Familiensituation verstanden werden;

  3. drittens verringern Ehekonflikte das Ausmaß der emotionalen Verfügbarkeit der Eltern; die Kinder bleiben mit ihren Ängsten und Problemen allein.

  4. Und viertens führen Konflikte in der Ehe „zu inkonsistenten Verhaltenserwartungen der Eltern an ihre Kinder; sei es, daß die Verhaltenserwartungen zwischen beiden Eltern verstärkt divergieren – sei es, daß Eltern jeweils für sich inkonsistentes Erziehungsverhalten an den Tag legen. Eine solche Verhaltens- und Erwartungsinkonsistenz dürfte zu Orientierungsproblemen bei den Kindern führen.“

"Flexibilität am Arbeitsmarkt" ist in dem Alter für die Kinder nicht unbedingt positiv, da:

Für die kognitive Entwicklung von Kindern, das sei zur Ergänzung angemerkt, spielt die Ehebiographie der Eltern eine nur untergeordnete Rolle. Entscheidend ist die Anzahl jüngerer Geschwister und Merkmale der Eltern-Kind-Beziehung. Je weniger jüngere Geschwister ein Kind hat und je emotional wärmer sich die Beziehungen zu den Eltern gestalten, desto positiver verläuft die Sprach- und Leseentwicklung und auch die Entwicklung des mathematischen Verständnisses

[Lebenswelten Jugendlicher http://edoc.ub.uni-muenchen.de/4202/1/Winkler_Christoph.pdf.pdf s.S. 43]

Ein wichtiger Unterschied hier ist die Autorität. Eltern sind immer Autoritäten - auch in der antiautoritären Erziehung - Kollegen und Freunde jedoch nicht, sondern höchstens Sachkenner auf spezifischen Gebieten. Die Aussenbeziehungen haben also eine ganz andere Qualität und bilden eine unerlässliche Ergänzung zur autoritären Einpassung in Familie wie Schule:

In den Interaktionen der Kinder untereinander, anders als im Verhältnis zu Erwachsenen, verfügt nicht eine Seite über ein dauerhaftes, nicht einholbares Übergewicht an Können, Erfahrungen und Ressourcen.“ (Krappmann 1996, S.101) In dieser Situation, die den Gleichaltrigen spezifische Kompetenzen im Umgang miteinander abfordert, kokonstruieren (Youniss) Kinder und Jugendliche ihre soziale Welt in gegenseitigen Aushandlungsprozessen. Innerhalb dieser Aushandlungsprozesse, die Krappmann und Oswald als einen zentralen Faktor der Sozialisation in der Kinderwelt betrachten, entwickeln Kinder spezifische Fähigkeiten, beispielsweise zu kooperieren, aber auch zu widersprechen, zu argumentieren und andere zu überzeugen (1995, S.19

Vom Kind zum Jugendlichen

Am Ende der Kindheit verändern sich nicht nur die Beziehungen zu den Eltern und zu den Gleichaltrigen; auch das Verhältnis zur Schule unterliegt einer Neubewertung seitens der Jugendlichen (Fend 1990, S.101ff.). Dem Schulhabitus, das heißt den Einstellungen dem Lernen und der Schule gegenüber, kommt im Übergang von der Kindheit in die Jugend dabei eine besondere Bedeutung für die schulische Entwicklung zu. Fend verweist darauf, daß „gerade die Zeit vor der Pubertät jene Lebensphase darstellt, in der es gelingen sollte, positive Lernhaltungen aufzubauen“, da „die am Ende der Kindheit verfestigte Lernhaltung und Umgangsweise mit der Schule auch in der Pubertät sehr stabil bleibt.

Schulfreude als Habitus:

Kinder und Jugendliche, die der Schule und dem Lernen positive Seiten abgewinnen können, so zeigen Untersuchungen, erzielen bessere Schulleistungen als Kinder, für die Schule und Lernen nur notwendige Übel sind, die es gilt, so schnell als möglich hinter sich zu lassen (Marjoribanks 1993; Stecher 2000; Zinnecker & Georg 1996b).

Jugendliche, die während ihrer Schulzeit hohe Ausbildungspläne verfolgen, nehmen als junge Erwachsene höhere Berufspositionen ein, als junge Erwachsene, die sich als Jugendliche mit einem niedrigen schulischen Qualifikationsniveau zufrieden geben (Marjoribanks 1991).

Eine wesentliche Veränderung im Übergang von der Kindheit in die Jugend betrifft die „Reorganisation der sozialen Beziehungen, von autoritativen und emotional intensiven Bindungen an Eltern zu selbständig eingegangenen Verpflichtungen und Bindungen an selbstgewählte Partner.“ (Fend 1994, S.179f.)

Jugendliche, anders als Kinder, „beginnen mit ihren Eltern um Einfluß zu rivalisieren, sie lassen sich nicht mehr so leicht bestimmen.“

Daß Jugendliche mit jüngeren Geschwistern in einer zentralen Entwicklungsaufgabe des Jugendalters, nämlich in ihren Bemühungen, sich vom Elternhaus abzulösen, schnellere Fortschritte machen als Jugendliche ohne Geschwister.

 

1.2 Die Formierung des ICH durch die Schule. s. Pädagogische Grundideen im Wandel der Zeiten ...

Insofern die Kinder und Jugendlichen einen großen Teil ihrer Zeit in der Schule verbringen und dort eine Vielzahl der Kontakte zu Gleichaltrigen stattfinden (Krappmann & Oswald 1995) ist die Schule heute ein wichtiges Erfahrungsfeld für die Identitätsbildung. Fend konstatiert, daß die Schule heute eines der zentralen „Lernfelder für die Selbstfindung“ von Jugendlichen darstellt (1997, S.200).

Die Entscheidung am Ende der Grundschulzeit, ob ein Kind bzw. Jugendlicher die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium besuchen soll, setzt Weichen für das spätere Leben. Die potentielle Entwicklung wird hier also bereits sehr früh entscheidend festelelegt - und für die meisten eingeschränkt. Meulemann (1985, S.44f.) faßt die wesentlichen Kritikpunkte – wie sie sich auf der Basis einschlägiger Ergebnisse der empirisch pädagogischen Forschung ergeben – zusammen:

Im Forschungsprojekt <Familie-Schule-Beruf> der Pädagogischen Hochschule NW wurde die Entwicklung von Kindern von der Primarschule bis zum Berufseintritt verfolgt. Wie bereits früher, als das Ergebnis in etwa hiess: Je mehr Bücher in einem Haushalt, desto besser der Schulerfolg, so heisst es heute: Je höher die Erwartungen des Elternhauses, desto erfolgreicher die Schüler. Präziser: «Es geht darum, Kindern etwas zuzumuten und deshalb eine Leistung zu erwarten, die dem oberen Spektrum ihrer Fähigkeiten entspricht.». Die häusliche Umwelt erklärt offenbar das Resultat, Erfolg oder Misserfolg, bereits zu 30-50%, die Anstrengungen der Lehrkräfte nur noch zu 5-15%. Kann man negativ sehen, kann man aber auch ernst nehmen, und nicht mehr von der Schule und den Lehrern erwarten, als was eben möglich ist.

1.2.1 Aufgaben der Schule:

Was nun definitiv Aufgabe der Schule wäre, was Aufgabe von Familie, Gesellschaft und spezifischen gesellschaftlichen Organisationen (Kirche z.B.), war und ist immer strittig. Ubereinstimmung herrscht bloss insofern, als es um die Vermittlung "wichtigen", ja unerlässlichen Wissens geht, also der Grundfertigkeiten oder sog. Kulturtechniken  Lesen, Rechnen, Schreiben, die neueren Sprachen (und Handfertigkeiten.) Wobei letzteres vor Jahren eliminiert wurde ... zur Zeit aber wieder eingeführt wird (Hauswirtschaftslehre z.B.).

Unterschiedliche Aufgaben je nach Herkunft der Pädagogik <Wer hat sie bestellt? Wer hat den Auftrag gegeben?

Die Humanistische Pädagogik nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) richtet sich nach den Bedürfnissen des Menschen, stellt ihn ins Zentrum, als Einzigartigen - nicht als Element eines äusseren Funktionsbedarfs, also als Zweck - nicht als Mittel:

  1. Orientierung an den Erwartungen der späteren ‘wirklichen’ Welt.

  2. Bildung des jungen Menschen zu sich selbst.

  3. Erziehung zur Gesellschaftsfähigkeit.

  4. Verteilung innerhalb der Gesellschaft

Sozialisierung / soziale Kompetenz

  1. Die Selbstbestimmung jedes Einzelnen über seine individuellen Lebensbedingungen und Sinndeutungen menschlicher, beruflicher, ethischer oder religiöser Art; Selbstbestimmungsfähigkeit

  2. die Mitbestimmungs- und Verantwortungsfähigkeit für die Gestaltung gemeinsamer kultureller, ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse; Mitbestimmungsfähigkeit

  3. die Fähigkeit zur Gemeinschaftlichkeit in dem Sinne, dass der eigene Anspruch auf Mit- und Selbstbestimmung nur dann gerechtfertigt werden kann, wenn dies den anderen Menschen aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse nicht vorenthalten wird. Solidaritätsfähigkeit

In der Gemeinschaft mit vielen unterrichtet, lernt es, sich nach den anderen richten, Zutrauen zu anderen, ihm zunächst fremden Menschen, und Zutrauen zu sich selbst in Beziehung auf sie, zu erwerben und macht darin den Anfang der Bildung und Ausübung sozialer Tugenden“ (Hegel, 1970, S. 349).

Selbständigkeit

Zwar forderte Hegel eine unbedingte Notwendigkeit in der schulischen Disziplin der Schüler, diese darf aber nur soweit gehen, wie sie ‘zur Erreichung des Studienzweckes notwendig ist’ (Hegel, 1970, S. 351). Zu der ‘eigentlichen Tätigkeit des Geistes paßt am wenigsten ein unfreier Ton’ (ebd.). Vielmehr erfordert die Erziehung, daß die Jugend sich früh daran gewöhnt, ‘den eigenen Verstand zu Rate zu ziehen’ (ebd.).

Gesellschaftsfähigkeit: ‘Prägung innerhalb der historischen Kulturgemeinschaft’.

Selektionsfunktion und Oberziel der Aus-Bildung:

Allein die Art der Begabung kann als Indikator für die gesellschaftliche Aufgabe nach der Schule gelten; jedem soll seinen Anlagen gemäß eine allgemeine Ausbildung zuteil werden [Schleiermacher]

Ein auf praktische Weltorientierung und gemeinnützige ‘Lebenstüchtigkeit’ ausgerichteter Unterricht sollte den Erwerbssinn wecken und die ‘Berufstüchtigkeit’ fördern.

Reformpädagogik bis <antiautoritäre Schule> verlangen Selbstentfaltung ohne Zwang: Das werden, was man ist, wozu man (positiv) veranlagt (begabt) ist. Ein anderes Konzept, gerade das autoritäre, scheint illusorisch, denn man kann aus nichts und niemanden etwas herausholen oder formen, dass nicht zumindest als Anlage bereits drin ist.

Die Wirtschaft hat, was Bildung (die sie kaum interessiert) und Schule betrifft, ein relativ einfaches Konzept. Der Mensch muss funktionieren in den Rädern der Wirtschaft, muss sich marktkonform verhalten, den Gesetzen des Marktes entweder gehorchen - oder sie mitgestalten, sich führen lassen oder führen. Die Wirtschaft braucht funktionelles Wissen und sieht Bildung nun wieder als Nutzbarmachung des Menschen - was begann mit der Industrialisierung im frühen 19. JH

Die autoritäre Schule verlangt Unterordnung/Einordnung in eine gegebene Ordnung, d.h. von andern hergestellte Ordnung. Sie erzieht gehorsame Untertanen und verpasst damit alles, was bereits in der Jugend prioritär wird für die Entwicklung der moralischen Haltung des Menschen (s. Kohlberg). Gerade der Umgang mit unabhängigen, nicht autoritären, nicht überlegenen Personen ist äusserst wichtig für das Erlernen DER Grundlage der Marktgesellschaft: Das Verhandeln, Aushandeln, Argumentieren, Ueberzeugen. Die autoritäre Schule vermittelt bloss Wissen, in der Form von Drill. Wissen, das von andern als wichtig und des Lernens würdig empfunden wird, das also zudem nicht kritisiert werden darf. Autoritäre Schule kommt überall dort auf, wo der Status quo erhalten werden soll, wo die herrschende Gesellschaftsschicht ihre Interessen bedroht sieht.

Dieser Zustand ist heute noch nicht ganz erreicht, aber problematisch. Autoritarismus grassiert: Rauchen verbieten, Jugendlichen Ausgang verbieten (zumindest nach 22 Uhr), Alkohol verbieten (zumindest Jugendlichen unter 18 Jahren, in Chur allerdings auch genenerell zwischen 030 und 600 (an der Oeffentlichkeit), öffentliche Versammlung verbieten (von Jugendlichen ab 2200, in Dänikon. etcetc. Armut wurde ja un-längst ebenfalls verboten (Betteln verboten in Genf, im Bahnhof Zürich ...).

Die Aufgabe etwa der Mittelschule, die bis zur "Mittleren Reife" zu erreichen wäre umfasst neben der

Vermittlung von Wissen und Können, auch die Vermittlung von Werten und sozialem Verhalten (Mitfühlen, Hilfsbereitschaft, ... also DIE Grundlagen zur Gesellschaftsbildung.)

 

Anforderungen an Maturanden:

 

Realität heute: Die drei Hauptfunktionen der Schule

Die Schule verteilt als drei der wichtigsten Schllüssel des Zugangs zum Erwerbsleben, damit zur (mehr oder minder) selbständigen, freien Entfaltung. Sie darf also ganz klar nicht in den Dienst einzelner Kräfte oder Faktoren der Lebenswelt gestellt werden, d.h. weder von Wirtschaft, noch von Politik oder Religion - aber - auch nicht von den (immer abstrakten) Wissenschaften beherrscht werden, denn es geht um den Zugang zur Realität im Sinne der Lebenswelt, nicht im Sinne der Wissenschaft. Was hier völlig untergeht ist die Vermittlung strategischen und taktischen Wissens wie etwa der List. Rhetorik ist im Verruf, weil sie die Sprache der Verführer ist. Ohne Kenntnisse darüber bei den Verführten lässt sie sich allerdings so auch leichter einsetzen ...

 

Probleme:

 

2.0 Levins Feldtheorie

[Kurt Lewin: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Hans Huber. Bern, Stuttgart. 1963]

Klassische Modelle der Psychologie

In Lewins Feldtheorie ist das Feld post-perceptual und pre-behavioural. Das heisst es beherbergt die für die Handlung (unpräziserweise im englischen als behavoural bezeichnet. s. Def. Handlung) entscheidenden Vorgänge wie Motivation, Intention, Entscheidung die eben zwischen Erkenntnis (Kognition) und Handlung stehen.

Nach der Feldtheorie hängt das Verhalten weder von der Vergangenheit noch von der Zukunft ab, sondern vom gegenwärtigen Feld ... das aber natürlich eine gewisse zeitliche Tiefe hat, also durch vergangene Erfahrungen (Assoziation, kausal) wie zukünftige Erwartungen (Ziele, Motive, Werte: teleologisch) mit bestimmt wird. Die Feldtheorie ist also befreiender als die Psychoanalyse, die alte Prägungen zwar immer noch wirken können, aber durch neue Prägungen oder Erwartungen sich auch "überspielen" lassen.

Die Feldtheorie erlaubt das Verhältnis zwischen Erkenntnisstruktur (Lernen, Einsicht, Umwegverhalten (Sublimation)) und Zielstrebigkeit präziser zu analysieren. So steht die Untersuchung  von Wegen die sich zwischen der Erkenntnis (Ist Wissen = Macht?) und der Intention herauskristallisieren, also die Motivation, eine zentrale Rolle bei Lewin:

Hodologie (v. gr. hodos „Weg“) steht für:

 

2.1 Die Strukturen des ICH

Integration und Differenzierung = Organisierung:

Früher wurde angenommen, dass Kinder eine grössere Einheitlichkeit aufweisen, Erwachsene in mehrere Bereiche gespalten sind. Es zeigte sich allerdings, dass zunehmende Differenzierung zunehmende Integration eigentlich verstärkt. Während dem das Kind die Tendenz hat, mit seinem ganzen Körper (und Seele) auf Vorgänge zu reagieren, diesen also oft hilflos ausgeliefert ist, können differenzierte, erwachsene Personen Krisen in einzelnen Teilgebieten besser isolieren und behandeln (therapieren), ohne als Ganzheit in eine Krise zu geraten. Sie verhalten sich also "ausgewogener", balancierter, ausgeglichener.

Hier (S. 279) stellt Lewin die Entwicklung des Lebensraumes vom jüngeren zum älteren Kind schematisch dar:

K: Kinde
R: Realitätsschicht
I: Irrationalitätsschicht
psVg: psychologische Vergangenheit
psGg: psychologische Gegenwart
psZk: psychologische Zukunft

Die Hauptunterschiede zwischen Jugend und Erwachsenenalter sind eine Ausweitung des Lebensraumes in Hinblick darauf, was Teil der psychologischen Gegenwart ist.

Mit zunehmendem Alter und dem Verlust der Verbindungen zwischen einzelnen Zellen, können allerdings rigide Verhaltensmuster daraus entstehen. Altersstarrsinn: beharren auf einer aus engster Perspektive begründbaren, aber eben doch verfehlten Ansicht - und damit oft Grundlage von Autoritarismus, arg verfehltem Autoritarismus. Die einzelnen Felder müssen also verknüpft bleiben, wenn der Geist nicht zerfallen soll.

Kritik: Lewins Modell ist linear, was der damaligen Zeit entsprach, mit Beruf, der ohne all zu grosse Flexibilität, aber mit Firmentreue, meist ein Leben lang ausgeführt oder weiter entwickelt wurde. Heute müssen wir dieses Modell selbst differenzieren s. realistisches (postmodernes) Modell eines Lebenslaufes:

 

2.1.1 Loslösung von Mutter undVater - Etablierung anderer Vorbilder, Idole, Ideale

In der Pubertät, in der nicht bloss die Geschlechtlichkeit ausreift sondern auch eine Löslösung von den Eltern stattfindent, ist die Schutz und Ausgleichsfunktion altershomogener Gruppen äusserst wichtig. Da die Schule ebenfalls autoritär organisiert ist, sogar die antiautoritärer Schule, da auch diese den Kontext über Lernziele und Tagesstrukturen vorgibt, kann sie diese Funktion, unerlässlich beim Lernen des Aushandelns von Interessen unter Gleichberechtigten, nicht übernehmen:

Jugendliche sind ständig gezwungen in von Erwachsenen vordefinierten Kontexten zu agieren. Die damit verbundenen Zumutungen der Erwachsenenwelt führen „zwangsläufig zur Suche nach Verhaltenssicherheit gewährenden Formen der Beziehungen und des Zusammenlebens [...] Die Jugendlichen finden in der Orientierung an den Individuen und Gruppen der Gleichaltrigen Rückhalt gegenüber dem Druck der Erwachsenenwelt, ihre Opposition dieser gegenüber wird hier gestützt.“ (Machwirth 1979, S.277). Von besonderer Bedeutung als ‚Sozialisationsagent’ und als Quelle sozialer Unterstützung sind die Freunde bzw. Freundinnen der Jugendlichen (vgl. Kolip 1993, 1994) und – unter Umständen – auch Geschwister.

Interessanterweise hat eigentlich KEIN Punkt der Lebenskenntnisse und des Lebenswissens, die bis zum Alter von 18 Jahren von Bedeutung sind, irgend was mit Schule zu tun - die umgekehrt aber das Leben der Jugendlichen weitgehend bestimmt - mit beinahe alleinigem Fokus auf den Beruf, der selbst beim Uebergang ins Erwachsenenleben offenbar erst an 6. Stelle (sic!) kommt:

Familie und Schule tragen also eine Entwicklungsaufgabe, die sie vor allem in der Ausrichtung der Jugendlichen auf eine Zukuft sehen, womit meist primär finanzielle Sicherheit, also ein "anständiger Beruf" gemeint ist. Da das <echte Leben> aber in der Gegenwart stattfindet, und dieses Jugendliche vermutlich mehr prägt als zukunftsaussichten, die je länger je mehr wenig rosig sind, verliert die ältere Geneneration genau so "Bildungseinfluss" wie die Schule. Dies insbesondere, da weder die einen noch die andere zuverlässige Orientierung bieten können. Jugendliche suchen sich diese also (wie schon immer) eher in Idolen statt im Wissen.

 

Folgende Graphik macht zudem klar, dass das Selbstwertgefühl und die psychische Befindlichkeit sich immer an einer Gegenwart ausrichten und frustriert oder gefördert werden - was sich präzise durch Lewins Feldtheorie darstellen lässt. Die Werte der Autoritäten, der Alten, der Gesellschaft können und müssen oft eine gewisse Korrektur darstellen, einen Rahmen - dürfen aber nicht als Guss- oder Passform dem sich bildenden Individuum übergestülpt werden. Die Strafe, durch "abweichendes Verhalten" am Rande zu bleiben, reicht in den meisten Fällen - wird leider aber immer stärker dazu benutzt, die Zukunftsorientierung, also die erwünschte und Mögliche Entwicklung nach Vorgaben der Herrschenden (was heute nicht die Politiker sind, sondern die "Goldene Horde") zu verengen.

 

 

2.2 Feldstrukturen

In der Feldtheorie ergeben Person und Umwelt zusammen den Lebensraum. Hierbei repräsentiert der Lebensraum die Umwelt, wie sie von der Person wahrgenommen wird. Diese subjektive Repräsentation der Umwelt wird durch eine Reihe von Personeneigenschaften wie Bedürfnisse, Werte, Einstellungen und Motive beeinflusst.

Die Feldtheorie gehört zur zweiten Generation der Gestaltpsychologie wie auch zur Motivationstheorie.

Da Motive meist durch Bedürfnisse begründet werden, bilden diese also vermutlich die meisten Felder bei Lewins Theorie - das Streben nach Glück (Ansprüche), vermutlich Hauptinhalt der Irrationalitätsschicht.

Grundthesen im Maslowschen Ansatz

l Defizitprinzip

  1. Menschen streben danach, Bedürfnisse zu befriedigen.
    1. Ein befriedigtes Bedürfnis hört auf, handlungsmotivierend zu wirken (häufig reicht ein Befriedigungsgrad von 70 % aus). = Sättigung

2 Progressionsprinzip:

  1. Menschliches Verhalten ist grundsätzlich durch das hierarchisch niedrigste unbefriedigte Bedürfnis motiviert.
    1. Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung kann grundsätzlich nie vollständig befriedigt werden (Wachtumsbedürfnis).
    2. Die relative Bedeutung der Bedürfnisse ändert sich mit zunehmender Reife.

Bedürfnisse sind in hohem Mass durch soziale Faktoren bedingt. Sie werden oft induziert durch Gruppenmehrheit, Gruppenziele, Abhängigkeit von der Gruppe.

Das Anspruchsniveau wurde von Hope 1930 definiert als Schwierigkeitsgrad der Aufgabe, die als Ziel für die nächstfolgende Handlung gewählt wird. In einer Wettbewerbssituation kann es stark ansteigen. Aber je nach Erfolg oder Misserfolg kann es erhöht - oder ganz aufgegeben werden.

s. Zwei-FaktorenTheorie Herzberg

Das Ausmass der Berufszufriedenheit
scheint einer der potentesten Prädikatoren
für Lebenszufriedenheit insgesamt zu sein
...

[Rice; Near; Hunt 1980 in Oerter/Montada: Entwicklungspsychologie S. 475]

Sättigung (Ueberdruss): Diese entsteht bei sich dauernd wiederholenden Tätigkeiten, also bei einem "auf der Stelle treten" - im Gegensatz zum "Vorwärts kommen" der Entwicklung. Lässt sich ein Stück "Vorwärts-kommen" aufrecht erhalten (Lohnsteigerung, formelle Beförderung), so treten die üblichen Symptome der (unbefriedigten) Sättigung (Müdigkeit, Frust, Burnout ...) nicht auf.

Zufriedenheit (positive Sättigung):

Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens ist Glück - das erreichen des Daches (der Irrationalitätsschicht) - endet meist mit der Konstruktion eines neuen Daches, also Ausdehnung der Ansprüche, d.h. permanenter Unzufriedenheit.

Die Glückforschung hat sieben Glücksfaktoren identifiziert:

  1. familiäre Beziehungen

  2. finanzielle Lage (Einkommen)

  3. befriedigende Arbeit

  4. soziales Umfeld

  5. Gesundheit

  6. persönliche Freiheit und

  7. Lebensphilosophie (Religion).

Weiter Bedürfnistheorien und -Felder:

  • reziprokem Altruismus: Familie & Kinder
    • Gruppenzugehörigkeit: Freundschaft <> Pflichterfüllung/Auftragserfüllung
  • Anerkennung/Rang: Geld, Selbstwerdung,
    • Führerschaft/Gefolgsgehorsam: Macht & Einfluss
  • Zärtlichkeit/Zuneigung: Liebe, Nähe erfahren
  • Territorialität: Abstand halten können
  • <Erlösung>: Seltsam, erst bindet einen die Kirche an re-ligio, dann will sie einen erlösen ...

Diese Felder werden zwecks Differenzierung der Wissenschaftlichkeit von eher "metaphysischem"  mit dem Begriff "Bedürfnisse" bezeichnet. Sinnvoller für ein besseres Verständnisses dessen, was sie effektiv darstellen und worum es geht wäre vielleicht doch, zumindest ab und zu dafür den Begriff "Sinn des Lebens" zu verwenden, denn alles was in diesen Feldern steckt, insbesondere den abgehobenen irrationalen, ist das, was dem Leben individuell Sinn gibt. Niemand kann realistischerweise auf einen Lebenssinn motiviert werden, der in diesen Strukturen schon gar nicht vorkommt (ein total amusischer Mensch auf Kunst etwa, ein Friedensapostel auf knallharten Wettbewerb, ein Bankiersgemüt auf Freigebigkeit etc.). Dass bei unterschiedlichen Menschen (insbesondere Frauen und Männer), unterschiedlichen sozialen Schichten und unterschiedlichen Kulturen die Felder unterschiedliche Verhältnisse aufweisen, ja oft ganz andere Felder vorhanden sind und einige, die diesen wichtig scheinen bei andern gar nicht vorhanden sind, ist normal. Daran lässt sich wenig ändern, inbesondere wenn kein Interesse an einer Anpassung, Erweiterung oder Ergänzung entsprechender Felder besteht (also Lernvorgänge verweigert werden) oder eh nur die eigenen als bedeutend angenommen werden. [s. Musterfall Narzissmus]

Auch hier kommen wir dem, was ich hier eigentlich suche, also dem Kern des Menschen, etwas näher: Es könnte ja sein, dass nicht eine bestimmte Struktur, sondern die Art und Weise harmonischer Komposition und Rekomposition all dieser Felder diesen Kern ausmacht, also eben der Umgang mit Neuem, mit Lernen, mit Frustration und Freuden - also doch der Charakter? (Womit allerdings die Charakter-, alias Persönlichkeitstests wie sie bei der Kaderselektion angewendet werden, wiederum ziemlich "beschränkte Typen" herandressieren würden ...)

2.2.1 Der Verlauf des menschlichen Lebens zwischen Rationalitäts- und Irrationalitätsschicht

Verengengungen zwischen Rationalitäts und Irrationalitätsschicht

Das deutsche Wort Wirklichkeit wurde von Meister Eckhart als Übersetzung des lateinischen "actualitas" eingeführt. Es bezeichnet den Seinsmodus, der von Möglichkeit und Notwendigkeit abgegrenzt ist (siehe auch Kontingenz). Dem Begriffspaar Wirklichkeit/Möglichkeit (Akt/Potenz) steht das anders akzentuierte Begriffspaar Realität/Idealität gegenüber (siehe auch Realismus und Idealismus).

Der Begriff „Wirklichkeit“ erklärt im Unterschied zum Begriff Realität reale Dinge als Dinge, die eine Wirkung haben oder ausüben können. Insofern sind auch subjektive innere, z.B. emotionale Zustände der Wirklichkeit zugehörig, da auch sie Wirkung zeigen (Stichwort Psychosomatik). Dies kommt etwa in der Definition des Gestaltpsychologen Kurt Lewin (ebenso auch bei C. G. Jung) zum Ausdruck: „Wirklich ist, was wirkt.“ Diese erweiterte Verwendung des Begriffs findet man vor allem in der Psychologie und in der Kommunikationsforschung, während er in den Naturwissenschaften oft noch abgelehnt wird, weil er zu Missverständnissen führen könnte.

Wirk-lichkeit verweist nun eben auf Wirken, also auf den Zweck, ev. gar Sinn des Lebens. Seltsam ist, dass dieser sehr oft und sehr lange eigentlich eben gerade nicht in der Wirk-lichkeit gefunden wurde und wird, sondern nur in der Transzendenz, also bei Gott, in der Religion, im ewigen Leben (wobei die meisten die davon träumen schon Zustände kriegen wenn mal am Fernsehen nix läuft).

Gerade die Wirkung macht den Menschen aus, besonders das bewusste Wirken, also die Handlung. Die Realitätsschicht wird also geprägt durch Sprache und Erfahrungen, Denken und Handeln. Wer, als <Praktiker>, hier Denken überflüssig findet sollte be-denken, dass man nur das man denken (sich vorstellen) kann,  auch tun kann.)

Das, woran die Menschen denken, von dem reden sie auch. Dass, wovon die Menschen reden, bewegt sie, motiviert sie. Das, womit sie die Menschen beschäftigen, sind die Felder, die sie und ihre Handlung prägen. Das alte Instrument dies zu erfassen ist die Topik, in dem Falle natürlich auf die Auesserungen einer Person bezogen.

Gerade diese Wirklichkeit, die Welt in der man wirken kann, ist aber für jeden Menschen eine andere. Sie wird bestimmt durch Felder unterschiedicher Anzahl, unterschiedlichen Inhalts und unterschiedlichen Umfangs, Kraft, Ausdehnung. Was diese Felder zusammenhält ist das Bedürfnis nach Sinn, was ihre Auswahl und Ausprägung primär lenkt, ist das Streben nach Glück (na ja, zumindest Zufriedenheit, allenfalls Ueberleben, s. Welche Faktoren bestimmen die Zufriedenheit mit dem Leben in der Schweiz - und anderswo?)

).

2.2.1.1Realistisches Modell eines Lebens-ver-Laufes im Zeit-ab-Lauf:

  1. Ein eher realistisches Modell beginnt hier etwa mit einer "normalen" Situation und einigen Wünschen und Träumen: 1

  2. verdreht 2 und verengt 3 sich plötzlich   - was jede Menge an Traumenergie produziert, ev. Bewerbungen, Anstrengungen, Intentionen, Projekte, denn dafür steht die Irrationalitätsschicht hier, für Erwünschtes - aber nicht Vorhandenes.

  3. Dann ein grosses Normalmodell für einige Zeit 5 - basierend auf einigen Anstrengungen, Entwicklungen und genutzten Chancen 4

  4. erneuter Absturz (mit Erhaltungsträumen) 6 kurzfristig in subnormal  7 und

  5. Wiederaufbau 8 über maximale Produktion von Träumen, Wünschen, Projekten und Ideen -

  6. zu Normalität und Neuanfang 9.

Sieht man (Mann, sorry, aber aus der Haut komm ich halt nicht raus ...) sich die Sache mal (hypothetisch) aus weiblicher Perspektive an, kommt man auf ein weiteres Problem. Es könnte nämlich gut sein, dass die verengte Phase 3 eben nur beruflich verengt ist, hier aber ein Kind zur Welt kam, die Lebenswelt hier also eine enorme Erweiterung erfahren hat - in der allerdings die Bedürfnisse und Träume anderer, eben des Kindes dominieren - die Phase aber dennoch weitaus "besser" war als diese Perspektive hier aufzeigt. Umgekehrt könnte in dem Falle Phase 5, in welcher die volle Potenz entfaltet wird, auch verbunden sein mit den Erfahrungen, die eben auch zu Herrschaft gehören, also Neid anderer, Betrug und Ungerechtigkeit, Taktik und Strategie, Hinterlist - nicht nur bei andern - was dann zu einiger Erkenntnis und Selbstkorrektur, also Redimensionierung des Wirkungsraumes führt.

 

FAZIT:

Es ist also extrem wichtig bei der Erstellung und Beurteilung von Feldern, wirklich die Feldstruktur zu ermitteln, die für den oder die Betroffene von Bedeutung ist, und nicht eine vorgefertigte Matrize, eine Norm zu verwenden.

Obiges Modell ist noch einigermassen machbar, tragischer aber das, was viele schulschwache Jugendliche vor sich haben: Ohne gebraucht zu werden, ohne reellen Einsatz, ohne "Bildungsschlüssel", d.h. Zugangsschlüssel zur Anstellung, das Normalmodell vor sich, dass sie erreichen sollten.
 Unten ein harmlos-normales Modell mit Flexibilität: Endet zwei mal im "Sumpf" (Kleinkram, unbefriedigender Scheissjob), und schafft dann "Normalität" (steigende Anforderungen, Verantwortung, Befriedigung, Lohn ....) im dritten Anlauf.

Beachte: Die drei Varianten decken trotz allem nur einen kleinen Teil des Kreises ab, also aller Möglichkeiten - bedingt durch die Unmöglichkeit, alles zu lernen und alles zu wissen und/oder alles zu können. Flexibilität hat auch hier ihre Grenzen. Der Fall hier wäre so eingermassen typisch, als im ersten Anlauf, über 3 Stellen, sich die Situation am 3. Arbeitsplatz verengt, im zweiten Strang bereits beim zweiten Arbeitsplatz, um am dritten unerträglich eng zu werden. Als 3. Versuch im Mittelfeld der Interessen und Begabungen erfolgt nun umgekehrt der Einstieg über eine eher unattraktive Stelle, steigert sich aber zweifach. Im Prinzip logisch - aber - wer kriegt schon die Chance, über 8 Anstellungen die richtige, die 9. zu finden?

"Der Markt", vertreten durch die Personalselektion, kennt vor allem 2 Vorstellungen der Form des marktangepassten idealen Arbeitssuchenden:

Die Anforderungen, wie die Wünsche, sind der Leistung und dem Erreichten immer einen Schritt voraus - was zu permanenter Unzufriedenheit und damit zu permanentem Ansporn führt - Leistungsdrang oder Karrierestreben genannt. Was erreicht wurde, reicht nicht. Es muss mehr sein, etwas anderes, etwas eindrücklicheres, etwas selteneres, etwas exklusiveres. Wie schon Willhelm Busch seinen Mister Pief: "Zugereist in diese Gegend, Noch viel mehr als sehr vermögend," in <Plisch und Plum> sagen liess:

Warum soll ich nicht beim Gehn,
sprach er, in die Ferne sehn.
Denn hier da bin ich sowieso
und schön ist es auch anderswo.

Erfolg verformt allerdings den Habitus ebenso wie Frustration. Wàhrend dem die Frustration den Lebensraum verengt und die Irrationalitätsschicht (Träume, Wünsche, Vorstellungen ...) auf die Realitätssschicht hinunterdrückt, führt Erfolg dazu, den gewinnbringenden Lebensraum als einzig möglichen zu sehen und andere Alternativen zu verwerfen (Das Ende der Geschichte). Es handelt sich so allerdings in beiden Fällen um Regression auf vereinfachte Lebensmodelle. Problematisch ist dies insbesondere, wenn diese erfolgreich aussehen (immer mehr produzieren, immer reicher werden ...).

Aus der Tatsache, dass viele Arbeitslose gerade kurz vor Ende der Versicherungsauszahlungen oder nach der sog. "Aussteuerung" doch noch einen Job finden, wird geschlossen, dass man diesen Zeitpunkt früher einläuten sollte. Abgesehen davon, dass man mit dem Argument auch Fussballmatches von 90 Minuten auf die Hälfte verkürzen könnte, da sich die Ballmatadoren doch meist erst gegen Ende anstrengen, erhöht diese Massnahme auch den Anteil der Betroffenen deutlich. Mit jeder Stufe wird der Erwartungshorizont näher an die Realität gehämmert, bis keine Hoffnung auf Verbesserung mehr bleibt - was allerdings nicht unbedingt zu vermehrten Anstrengungen führen muss, sondern in schlichter Resignation enden kann - oder schlimmerem.

2.3 Levin's Felder können auch als Sinn-Struktur aufgefasst werden -

was sich bei der Entwicklungsforschung im Feld sinnvoll einsetzen lässt:

 

3 Beeinflussung des Habitus durch Ansprüche anderer

Die Freiheit der Gestaltung des ICH, des Habitus, findet seineGrenzen in den Wirkungsfeldern natürlicher, sozialer und geistiger Umwelt. Während dem das Ich durch  Identität, Charakter, Interessen; Begabungen, Selbst-Bildung aus-geprägt wird, formen es auch Einflüsse und Ansprüche der Eltern, der Schule, der Lehrstätte, des Arbeitgebers, des Lebenspartners, der Familie, der Gesellschaft, des Staates, des Marktes, etc. Hier erfolgt einerseits zwar eine Prägung durch gesellschaftliche Strukturen, andererseits wird aber auch Ressourcen aufgebaut, eben soziale Ressourcen und soziales Kapital:

Individuum

Identität
Charakter
Interessen

...

Vergesellschaftung
  • Integration
  • Assimilation
  • Adaptation

 

Gesellschaft
mit ihren Strukturen

Schule / Bildungswesen
Politik
Wirtschaft
Kultur/Tradition/Geschichte
 

 
Ressourcen
soziales Kapital

Begabung(en)
Bildung

HABITUS

Soziale Gruppen und Klassen

Familie
Paarbeziehungen 2
 

Die ANDEREN: Peers, Netzwerke, Cliquen, Clans und Clubs, Vereine, Parteien etc.

Beruf
Rolle (multifunktionelle)

Status, Prestige

Ideologien oder religiöse Glaubenssysteme können in diesem Sinne ebenso als eine Form von sozialem Kapital verstanden werden, insofern sie das Individuum dazu veranlassen, ‘höhere’ Interessen vor die eigenen zu stellen.

Eine ganz spezielle "Gruppe", die nur selten diskutiert, aber gerade von Medien und Politik gerne genutzt, gesteuert, dressiert, manipuliert und beeinflusst wird - ist die Masse. In ihr löst sich das Individuum auf, kann von der Anstrengung, seine eigene Identität herstellen und verteidigen zu müssen Abstand nehmen, und demzufolge auch von Ansprüchen und Verantwortung. Die Masse besteht aus Mitläufern, Mitläufern auf der Flucht vor der Arbeit am ICH. Der Ruf nach "ANPASSUNG" ist der Ruf, der Masse zu folgen, zur Masse zu werden. Unauffällig, gehorsam, lenkbar. Nation ist Masse. Fussball bringt Massen. Populismus schafft Massen. Und Massen, nur Massen, schaffen Werbeerträge.

Ein Beispiel für den Einfluss der Gesellschaftsmodelle auf den Lebensverlauf:

traditionelle Gesellschaft:
  • Abhängigkeit von Famlie, Clan, Stamm.
  •  Gestaltungsmöglichkeiten sehr beschränkt durch  den Konformitätsdruck der sozialen Gruppe wie der Traditionen (= Normen),egal wie verstaubt diese seien.

Lebensphasen

  1. als Kind von Mutter/Familie völlig abhängig
  2. in der Produktiven Zeit verantwortlich für ganze Familie
  3. im Alter von Familie völlig abhängig
sozialstaatliche Gesellschaft:
  • Abhängigkeit von Staat.
  • Enfaltungsmöglichkeiten beschränkt durch Gesetze (= Normen),egal wie veraltet diese seien.

Lebensphasen

  1. Staat übernimmt Aus-Bildung
  2. in der produktiven Zeit Lieferant von Steuern, also Bezahlung der Infrastruktur
  3. Staat übernimmt Altersvorsorge
liberale Gesellschaft:
  • Abhängigkeit von wirtschaftlicher Produktivität - was als "Leistung" definiert wird.
  • Entfaltungsmöglichkeiten beschränkt durch verfügbares Kapital und die Konformität mit "Marktbedürfnissen", egal wie dämlich die seien.

Lebensphasen

  • Bildung nach Vermögen, so doppelsinnig wie es tönt
  • in der produktiven Zeit wird Vermögen gebildet
  • Vermögen wird verzehrt

Generell, also ziemlich abstrakt gesprochen, ist es vor allem das Weltbild das den Geist formt, also seinen Habitus bestimmt. In der Form der Weltanschauung, prägt diese sehr stark die Struktur des Denkens, also des Wissens, und dies zwar von allem Anfang an, da sie bestimmt, welche Fragen als "sinnvoll" betrachtet werden. Weltbild und Weltanschauung ergeben eine Matrix der Realität, die nicht hinterfragbar ist, ohne grossen Aufwand, also eine Psycho- oder Denkanalyse (Intuitionsanalyse).

Marktgesellschaftlich gesehen ist es jedoch vor allem die "Organisation", die den Habitus bestimmt, den Menschen fremd-bestimmt.

s. Wirtschaft zwischen Plan und Chaos - zwischen Diktatur und Freiheit - sowie: Post-Kapitalismus: Effiziente Netzwerke statt teuerer Strukturen auf der einen - Motivation durch Sachzwang und Angst auf der andern Seite.

 


 

3.1 Die Gestaltung des Ich in der Begegnung mit dem DU - Beeinflussung in Freundschaft und Liebe, durch Lebens-Partner.

 Lewin zeigt auf S. 231 ein den meisten bekanntes Problem: Die gegenseitige Abstimmung/Beeinflussung zwischen Ehepartnern. Die Bedeutung der Felder ist nicht bekannt, aber für eine Erklärung der Anwendung hier auch nicht nötig. Sie können sich da ihre eigenen ausdenken oder diejenigen aus Klaus Heers Untersuchungen von Paarbeziehungen  beiziehen:

  1. Es wird klar, dass die Felder der beiden Partner sich a) unterscheiden, b) oft sogar nur einseitig vorhanden sind. Insbesondere unterscheiden sich aber die taktisch und strategisch intendierten oft von den vollzogenen, was vor allem bei den vom Partner erwarteten Bewegungen der Fall ist. So erwartete hier der Ehemann bei seiner eigenen Bewegung ins Feld B von der Frau eine Bewegung ins benachbarte Feld C. Diese hatte von ihm allerdings eine Bewegung ins Feld G erwartet ... das es dummerweise bei ihm gar nicht gibt, und bewegt sich auf seine Bewegung ins Feld B quasi aus Protest ins noch weiter entfernte Feld H.

  2. Der Ehemann reagiert auf den Rückzug mit einem weiteren Vorstoss ins Feld H, erwartet einen maximalen Rückzug ins Feld G, das dann aber eben doch wieder näher läge. Seine Frau allerdings würde von ihm einen Rückzug auf Feld A erwarten + die Eröffnung eines Feldes G, wobei sie dann willig wäre, nicht bloss in das vom Ehemann erwünschte Feld C zu migrieren, sondern sogar in Feld B.

  3. Tragisch, aber realistisch ist der Schluss den Lewin zieht: Offenkundig werden Mann und Frau bald in Schwierigkeiten geraten, wenn sie nicht "über die Dinge reden", das heisst wenn sie sich nicht die Struktur ihres Lebensräume mit dem Ziel gegenseitiger Angleichung mitteilen.

Die Bestimmung des Ortes einer Person im Lebensraum ist die erste Grundvoraussetzung für das Verständnis des Verhaltens. Ihr sozialer Ort innerhalb und ausserhalb verschiedener Gruppen sollte bekannt sein. [S. 281]

  Dies führt zu seiner absurden Situation und damit direkt in den absurden Dialog, der sich jahrelang hinziehen kann, logischerweise ohne Erfolg.

 

3.2 Die Formung des Habitus durch Autoritäten &  Normen

Unter Sozialisation wird oft vor allem die Übertragung elterlicher Normen und Werte auf die jüngere Generation verstanden. Wohingegen soziale Beziehungen eine Ressource darstellen, also Sozialkapital, das der einzelne (auch dazu) nutzen kann, um seine eigenen Interessen und Absichten durchzusetzen:

„Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennes verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen [...] Sozialkapitalbeziehungen können nur in der Praxis auf der Grundlage von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen existieren, zu deren Aufrechterhaltung sie beitragen.“ (Bourdieu 1983, S.190f.)

„Für die Reproduktion von Sozialkapital ist eine unaufhörliche Beziehungsarbeit in Form von ständigen Austauschakten erforderlich, durch die sich die gegenseitige Anerkennung immer wieder neu bestätigt. (Bourdieu 1983, S.193)

In (kleinbürgerlichen) Familien mit mittlerem Kapitalvolumen kommt es vor allem darauf an, die Zeit der Kindheit und Jugend im Sinne einer Bildungs- und Ausbildungskarriere optimal zu nutzen. Im Vordergrund steht der soziale Aufstieg der jungen Generation. Dies gelingt am besten „im Rahmen kultureller, verläßlich institutionalisierter schulischer und beruflicher Laufbahnen.“ (Zinnecker 1986, S. 108)

  1. Verbinden die Eltern mit Kindern einen ökonomisch-utilitaristischen Nutzen bzw. Wert (frühe Mitarbeit im Familienhaushalt oder Altersversorgung durch die Kinder), werden die Eltern ihre Erwartungen u.a. mit einem hohen Maß an kontrollierenden und auf Gehorsam abzielenden Erziehungshaltungen verbinden (Nauck 1991, S.129). In diesem Fall ist „die Aufrechterhaltung von Autoritätsverhältnissen und die Akzeptanz tradierter Ansprüche und Pflichten von zentraler Bedeutung.“ (Fend 1988, S.105)

  2. Andererseits, sofern der psychologische Wert von Kindern für die Eltern im Vordergrund steht (Betonung guter Beziehungsverhältnisse zwischen den Familienmitgliedern, Freude an Kindern), werden Eltern „die ‘autonome’ Persönlichkeit des Kindes stärker betonen. Es wird dabei erhofft, mit dem Kind so früh wie möglich subjektiv-zufriedenstellende (self-rewarding), expressive Beziehungen zu unterhalten.“ (Nauck 1991, S.129) Eine solche Erziehung zielt auf die frühe Selbständigkeit des Kindes und den Aufbau des kindlichen Selbstvertrauens (vgl. Büchner &. Fuhs 1998).

Autoritäre Eltern-Kind-Beziehungen, die durch rigide Normorientierung und Kontrolle gekennzeichnet sind und in der die Eltern ihre Vorstellungen einseitig durch Zwang und Strafen durchsetzen, verhindern hingegen, daß Kinder Autonomie und Selbständigkeit ausbilden können (vgl. Schneewind 1991b). Daneben wird sichtbar, daß Kindern autoritärer Eltern soziale Kompetenzen im Umgang mit Gleichaltrigen fehlen, daß ihre Leistungmotivation gering ist und daß sie nur ein geringes Selbstwertgefühl besitzen (Maccoby & Martin 1983, S.39ff.). Autoritäre Familienstrukturen können im Hinblick auf die eben beschriebenen Veränderungen moderner Lebens- und Sozialisationsbedingungen als ein historisch anachronistisches Beziehungsmodell bezeichnet werden.

Während in den 50er Jahren eine auf die Selbständigkeit der Kinder und deren freien Willen zielende Erziehung nur von etwa einem Viertel der Eltern bejaht wird, verfolgen zu Beginn der 80er Jahre bereits mehr als die Hälfte der Eltern ein solches Erziehungsziel. Immer seltener werden von den Eltern hingegen Gehorsam und Unterordnung als Leitbild für Erziehung genannt (Fend 1988, S.114).

Autorität steuert meist das Lernens durch Belohnung oder Strafe, also mit dem selben Verfahren, wie es das Gehirn nutzt. (s. Dressur). Für die Anwendbarkeit der Strafe, muss allerdings immer eine Art Gefängnisklima geschaffen werden, das ein Ausweichen verhindert. Wiederholte Anwendung von Strafe macht eine Tätigkeit verhasst, kann aber auch in Apathie, einem Klein-Beigeben enden, also einer Frustration des Widerstandes

Bedeutung der Konsistenz von Normen:

„Weil sie für die Sozialisation wichtig sind, ist auch der Gehalt der Normen bedeutsam, die ein Kind in verschiedenen Situationen antrifft. Wenn ihr Gehalt konsistent ist, d.h. wenn sich die Normen gegenseitig verstärken, dann erzeugen sie zusammengenommen im Kind einen Sinn dafür, was ‘richtig’ und was ‘falsch’ ist. Wenn ihr Gehalt aber inkonsistent ist und wenn die Normen einander widersprechen, dann kann das Kind diesen Sinn nicht vollständig entwickeln.
In diesem Zusammenhang stellt deshalb die Konsistenz der Normen, denen das Kind in unterschiedlichen Situationen begegnet, ein entscheidendes Element in der Sozialisation des Kindes dar.“ (Coleman 1987, S.186)

Autorität, also Fremdbestimmung, verursacht bei den meisten Menschen konstante Frustration, es sei denn, es handle sich um sachliche Autorität oder menschliche, humanistische, natürlich Autorität. Die meisten autoritären Positionen sind heute allerdings durch Ausbildung und damit zugängige hierarchische Position begründet.

3.2.1 Das Menschenbild der Wirtschaft, der Homo oeconomicus, im Vergleich zu weitern Vor-Bildern und Ur-Formen des Menschen

  1. Der Homo oeconomicusentscheidet rational und ausschliesslich nach dem ökonomischen Prinzip, d.h: Mit geringstmöglichem Einsatz das Maximum produzieren. Der Homo oeconomicus: entscheidet rational - nach Preisen - währenddem der Homo sociologicus ganz andere Wertungen hat.

  2. Der Homo experimentalis, dem langweilig ist und der immer was neues ausprobieren muss, und seien es bloss neue Schuhe ...

  3. Der Hedonist, der Lebensqualität sucht das Glück - was zumeist mit mehr Geld gleichgesetzt wird, was allerdings eine extreme Fehlberuteilung der Realität ist, denn Geld steigert Glück nur so lange, bis die Grundbedüfnisse (mit etwas Reserve und ein klein bisschen Luxus) erfüllt sind. In der Schweiz z.B. führen Löhne über 5000 Fr. nicht mehr zu erhöhtem Glücksgefühl. Bei den Spitzenlöhnen, denen es offenbar nach ökonomischem Kalkül nachzurennen gälte, muss also etwas anderes im Spiel sein. Dieses andere dürfte primär das Herrschaftsbedürfnis sein, der Drang nach Uberlegenheit. (s. Geld und Herrschaft)

... könnte man denken. Es gibt aber noch eine näher liegende Erklärung. Für die Dressur des Menschen, pardon, seine geistige Gestaltgebung zuständig ist primär ein interner, chemisch regulierter Mechanismus der in den Basalganglien ansässig ist. Hier wird bei positiver Bewertung Endorphine oder ähnliche Glückserreger (selbsterzeugte Drogen .... ja, ja, ecce homo, so ist der Mensch ...) freigegeben, bei negativer Bewertung wird diese Ausschüttung verringert und allenfalls noch Stressormone oder ähnliches erzeugt. Im Laufe der Evolution der letzten 2000 Jahre hat sich diese Schaltstelle nun so eingerichtet, dass Geldzufuhr praktisch automatisch Endorphine ausschüttet, Geldausgaben dagegen Sorgen- und Frusthormone, d.h. das Gehirn dressiert seinen Träger auf eben das Verhalten, das den Homo oeconomicus ausmacht. Geld steuert also die ganz primären innere Konditionierung, die das Verhalten des Menschen begründen. Man sollte das vielleicht nicht zu sehr loben, sondern mal kritisch begutachten. Eben diese Fähigkeit, etwas kritisch zu begutachten, im Speziellen die eigenen Vor-Urteile und automatischen Reaktionen (wie sie eben z.B. durch die Geldsteuerung ausgelöst werden), macht den Kern des Menschen aus, der der Gattung den Namen gegeben hat:

  1. Der Homo sapiens, der weise, oder zumindest denkende, d.h. reflektierende Mensch: Erkenne dich selbst (gnothi seauton) - erkenne deine Möglichkeiten wie die Grenzen, erkenne, dass du Neues schaffen kannst - aber kein Gott bist, erkenne die Grenzen deines Wissens - beschränkte dich aber nicht darauf, nichts zu wissen, sondern entwickle deine Tugenden (die vier klassischen Grundtugenden (Kardinaltugenden): Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung / die vier bürgerlichen Tugenden sind im Vergleich dazu eher ein Witz, leider kein guter: Sparsamkeit, Fleiß, Reinlichkeit und Pünktlichkeit) und lebe in Uebereinstimmung mit der Natur. (Stoa) .

  2. Der Homo traditionalis entscheidet nach Tradition - Kultur (Kunst, Religion, Philosophie, Wissenschaft, ...). Typische Reaktionsformen, etwas überspitzt: Haben wir immer so gemacht, machen wir weiter so. Da könnte ja jeder kommen! Das haben wir noch nie so gemacht!

  3. Ein ähnlicher Charakter ist der Homo legalis, der Gesetzesbewusste, unterscheidet nur zwischen gut und böse, andere Kategorien sind ihm dubios. Kohlbergs Stufen des Moralbewusstsein

  4. Homo politicus: s. Aufgaben der Politik: Die gerechte Vermittlung zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen durch Information, Koordination und Regulation.

weitere:

Heutiges Panoptikum der Tugenden (betr. der versch. "huomini" s. David Hume):
 
wichtig für eigene Entwicklung - also umfassende Integration

HOMO SAPIENS
HOMO ETHICUS

 

Integration in Gesellschaft

HOMO SOCIALIS
HOMO POLITICUS

 

Integration in Wirtschaft

HOMO OECONOMICUS
HOMO HABILIS

 

Integration in die Natur (Umwelt)

HOMO NATURALIS

 

Integration in Glaubensgemeinschaft

HOMO RELIGIOSUS

 

Le bonheur n'est pas chose aisée:
il est très difficile de le trouver en nous,
et impossible de le trouver ailleurs.

Chamfort

Nichts ist ausreichend für den, dem das Ausreichende zu wenig ist.

Epikur.

Wer viel will, wird viel scheitern.

mh

Die Listen zeigen vor allem eines, dass bei den Tugenden nie eine als Charaktereigenschaft gefordert, also per se positiv bewertet werden kann - während dem andere verdammenswürdig wären. Die rechte Tugend zur rechten Zeit und im rechten Mass - dass präzise wäre der Inhalt von Weisheit, der höchsten Tugend, die nur von Göttern erreicht wird, weshalb sich die Philo-Sophen ja auch bloss Weisheits-Liebende nannten. 

3.3 Die Ver-Formung des Habitus (Charakters) durch Frustration

Eine Frustration (von lat. frustra = vergeblich) ist eine Wunschversagung. Frustration entsteht durch Ohnmacht (Differenz zwischen Wunsch und objektiven Möglichkeiten) oder durch Nichterreichen eines gesteckten Zieles aus inneren (Selbstüberschätzung) oder äußeren Gründen (Versagung von Wünschen) durch andere oder sich selbst.

Die Frustration kann sich äußern als:

  • Aggression
  • Depression
  • Regression (Primitivisierung des Verhaltens, Rückfall auf ältere Entwicklungsstufen (z. B. Weinen, kindliches Verhalten) - oder sogar auf Phantasien, also Rückzug aus der Realität.)

  • Rationalisierung (z. B. Bagatellisierung); das heißt es wird versucht, Vernunftgründe für das Versagen zu finden
  • Sublimierung.

Frustration ist die Wirkung von Stress. Stress ist weitaus weniger tragisch als man annehmen könnte, denn das Wort ist englisch und bezeichnet eigentlich bloss eine wirkende Kraft, also Spannung, Zug oder Druck. Dem sind nicht bloss Menschen, sondern eigentlich alle Dinge ausgesetzt. Fehlt dem Menschen jegliche Spannung, dann ist ihm ja auch nicht wohl, dann ist ihm nämlich langweilig.
Das Problem ist das Ausmass und die Wirkung - der "strain". In der Materialkunde wird "Stress" angewandt, um Materialeigenschaften zu testen, also Druck-, Zug-, Biege- und Torsionsfestigkeit, die Festigkeit bis das Material reagiert. Beim Menschen nun ist eine Reaktion auf Druck von aussen (oder innen) eben die Frustration, die wie bei den Materialien eine Form des "strain" ist, also Verformung, Verbiegen, Deformierung, Verstauchung, Verrenkung.

Stress führt gerne zu Umwegverhalten, Ausweichen, ruheloser Bewegtheit, sozialer Aggression,

Frustration als Ohnmacht ist also die andere Seite der Macht


 

Frustration durch Macht wird oft nicht an den Mächtigen selbst ausgelassen, sondern, bei Kindern etwa, an Spielkameraden oder an Objekten. Die Psychologie bezeichnet dieses Verhalten als <Verschiebung>. Ist die Macht zu gross, so kann selbst diese Art von Aggression verschwinden - die Frustration allerdings bleibt und äussert sich dann in einer der andern Reaktionsformen (s. rechts). Die Grundform der Reaktion auf Frustration ist allerdings meist Aggression - was die Kreation eines ewigen Kreislaufs absurden Dialoges sehr leicht macht: Du provozierst - du bist aggressiv, das provoziert - aber du hast zuerst provoziert - aber - aber - aber - .

 

Regression (Rückzug, also eine normale Reaktion auf Druck (stress)), geschieht nicht nur durch Frustration, sondern auch dort wo einzelne Zellen oder das Ganze durch äussere Einwirkung auf einem fixen Niveau angehalten werden, keine Alternative haben, nicht auf andere Art ausweichen können wegen straffer Einordnung, Unterordnung, Befehlsstrukturen, Autoritäten etc.

Regression äussert sich auch, noch vorpathologisch, als:

Differenzierungen - die in der Regression oft wieder abgelegt werden:

Reflektierte Leistung: bremst Motivation aus, fall vor allem durch Frustration, also Versagen, erfolgloses Anrennen geprägt.

4. Wie sich der Mensch gegen Verformung wehrt - und sich selbst formt

4.1 Resilienz fördert die Passung

[Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Resilienz - Gedeihen trotz widriger Umstände. Carl-Auer. Heidelberg 2006]

Familiale Resilienz:

Ueberzeugung der Familie

1) In widrigen Lebensumständen einen Sinn finden

  • Resilienz entsteht in Beziehungen (Gegensatz: radikaler Individualismus)
  • Gott gebe mir die Gelassenheit,
       Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut,
       Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
    und die Weisheit,
       das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

    Friedrich Christoph Oetinger (1702- 1782)

    widrigen Umständen kann ein Aspekt von Normalität gegeben werden, sie können in einen Kontext gestellt werden, es sind also keine bösen, unerklärlichen Kräfte am Werk. Eine in unserer Kultur wenig verständliche Haltung hilft hier auch. Es ist das Islamische Inschallah: So Gott will. Von uns, wenn wir mit Orientalen zu tun haben, meist als Ausflucht und faule Entschuldigung für Versagen oder Schlendrian hingestellt, entspricht es eigentlich dem, was auch das Gelassenheitsgebet ausdrückt: Reg dich bloss dort auf, wo du was ändern kannst - und ändere es, nimm hin, was nicht zu ändern ist.
    • Rationale Zuschreibung: Wie konnte das geschehen? Was kann man tun?
  • Kohärenzgefühl: Eine Krise wird als sinnhafte, verstehbare und handhabbare Herausforderung gesehen (wieder eine redundante Beschreibung)

2) Optimistische Einstellung

  • Hoffnung, Zuversicht, Vertrauen, Hindernisse überwinden zu können
  • Mut und Ermutigung, Stärken bestätigen und auf familiales Potential setzen
  • Chancen nutzen: Initiative und Beharrlichkeit mobilisieren: DAS KANN ICH!
  • Das Mögliche meistern; akzeptieren, was nicht zu ändern ist. (inshallah ... s. auch Gelassenheitsgebet oben - do Buddhismus und östliche Philosophie)

3) Transzendenz und Spiritualität

  • Uebergeordnete Werte, Sinn und Zweck
  • Spiritualität: religiöser Glaube, heilende Rituale, Unterstützung durch Gemeinde
  • Inspiration: neue Chancen sehen; Ausdruck im Kreativen; soziales Handeln
  • Transformation: aus widrigen Umständen lernen, sich verändern und daran wachsen.

Strukturelle und organisatorische Muster der Familie

4) Flexibilität

  • Offenheit für Veränderung: seine alte Form finden, sich neu organisieren, sich auf neue Herausforderungen einstellen.
  • Stabilität durch Bruch: Kontinuität, Vorhersagbarkeit, Beharrlichkeit
  • starke Führungsautorität: Umfeld, Schutz, Orientierung
  • vielfältige familiale Formen: kooperative Erziehungsarbeit, Betreuungsteam
  • Paarbeziehung, ko-elterliche Beziehung: gleichwertige Partner

Warnung: Flexibilität bedingt verstärkte Fokussierung. Wer driftet, sich treiben lässt (vom Leben oder sonst was) ist raus, ganz egal, wie sehr die selben Leute Flexibilität sonst loben. (Wer sich allerdings nie vom Leben treiben lässt, sollte sich mal fragen: Warum? Ist gut organisierte Betriebsamkeit wirklich das Leben?)

5) Verbundenheit

  • gegenseitige Unterstützung, Zusammenarbeit und Verbindlichkeit
  • Respekt vor Bedürfnissen, Unterschieden und Grenzen des Einzelnen
  • Suche nach neuen Verbindungen, Versöhnung in verletzten Beziehungen

6) Soziale und ökonomische Ressourcen

  •  verwandtschaftliche, soziale und umfeldbezogene Netze mobilisieren: Rollenmodelle und Bezugspersonen
  • finanzielle Sicherheit aufbauen; Ausgewogenheit in Arbeit und familialen Belastungen

redundant, da Optimalzustand. Resilienz aber nötig, wenn Normalzustand zusammenbricht

Kommunikation und Lösung von Problemen

7) Klarheit schaffen: absurde Kommunikation vermeiden/aufbrechen

  • eindeutige, in sich stimmige Botschaften - in Wort und Tat
  • mehrdeutige Informationen klarstellen: Suche nach Wahrheit, Wahrheiten aussprechen

8) Gefühle zum Ausdruck bringen

  • Gefühle miteinander austauschen (Freude wie Schmerz, Hoffnung wie Aengste)
  • gegenseitige Empathie; Unterschiede tolerieren
  • Verantwortung für eigene Gefühle und Verhaltensweisen übernehmen; Schuldzuweisungen vermeiden
  • angenehme Interaktionen, Ruhepausen; Humor.

9) Gemeinsam Probleme lösen

  • kreative Ideen und Gedanken entwickeln; Erfindungsreichtum
  • gemeinsame Entscheidungsfindung: Konfliktlösung: Aushandeln, Fairness, Reziprozität
  • Fokussierung auf Ziele: konkrete Schritte Richtung Ziel: auf kleinen Erfolgen aufbauen, aus Fehlschlägen lernen
  • proaktive Haltung (= Planung): Probleme verhindern; Krisen abwenden; sich auf zukünftige Herausforderungen einstellen

[Welter-Enderlin/Hildebrand S. 60-62]

 

Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind die Familie des Betroffenen, seine Kultur (Menschen aus kollektivistischen Kulturen sind meist resilienter), seine schulische Umgebung, seine Intelligenz, seine emotionale Intelligenz und seine mehr oder weniger aktive Einstellung zu Problemen.

Einige Gruppen von Menschen erweisen sich als besonders resilient. Das sind in der Regel solche, die einen starken Zusammenhalt haben, eher kollektivistisch als individuell orientiert sind und sich durch starke Werte auszeichnen, die von den meisten Leute aus der entsprechenden Gruppe geteilt werden (in der Resilienzforschung als "shared values" bezeichnet).

Eltern und ältere Geschwister können viel dazu beitragen, dass ein Kind Resilienz entwickelt. Emotional am stabilsten und schulisch am erfolgreichsten waren jedoch die Kinder aus den Familien, wo sowohl von Eltern (obwohl diese Eltern selbst keine gute Bildung hatten) als auch von älteren Geschwistern viel Wert auf Bildung gelegt wurde und Bildung außerdem nicht als Mittel zum Zweck betrachtet wurde, sondern als Selbstzweck. Einen ganz besonders positiven Einfluss hatte es, wenn die Eltern den Kindern vorlasen. In 45% der Flüchtlingsfamilien war dies der Fall. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie englische Bücher oder Bücher in ihrer Heimatsprache vorlasen. Es kommt, laut Caplan und Choy, eher darauf an, dass das Vorlesen die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern stärkt.

Auch die Großeltern spielen eine Rolle: Kinder ohne Kontakt zu ihren Großeltern mussten häufiger als "vulnerabel" eingestuft werden

Faktoren der Resilienz bei Kindern:

  • es sind häufiger Mädchen als Jungen, resiliente Jungen sind eher „untypische“ Jungen. Sie sind weniger aggressiv und mehr auf andere bezogen als nicht resiliente Jungen
  • intelligente Kinder sind tendenziell resilienter als weniger intelligente Kinder, es gibt jedoch auch wenig intelligente resiliente Kinder und intelligente nichtresiliente Kinder
  • resiliente Kinder sind oft Überleister, d. h. sie bringen bessere Schulleistungen, als es von ihrer Intelligenz her zu erwarten wäre
  • sie haben ihre Impulse eher unter Kontrolle als nicht resiliente Kinder und sind disziplinierter - sie haben eine interne Kontrollüberzeugung (was ja praktisch der Definition von Resilienz entspricht)
  • sie sind eher in der Lage zum Belohnungsaufschub als nichtresiliente Kinder
  • resiliente Kinder sind anderen Menschen zugewandt, sie reagieren positiv auf Aufmerksamkeit
  • resiliente Kinder sind einfühlsamer und emotionaler als nichtresiliente Kinder - sie sprechen eher über ihre Gefühle, sind vertrauensvoller und weniger aggressiv
  • entgegen dem Vorurteil, das viele Leute vielleicht hegen, sind resiliente Kinder nicht „tough“. Das Gegenteil ist der Fall, sie ersuchen andere eher um Hilfe als nichtresiliente Kinder und geben Schwächen eher zu
  • resiliente Kinder haben eine realistische Selbsteinschätzung
  • sie haben realistische Zukunftsvorstellungen
  • sie sind sozial angepasster als nichtresiliente Kinder
  • sie sind „leichter zu lenken“ und versuchen den Erwartungen Erwachsener gerecht zu werden
  • sie sind interessiert an Menschen, Sachen und Ideen und lernen gerne. In der Regel gehen sie gerne zur Schule

Na ja, bei den Eigenschaften brauchen sie ja eigentlich auch nicht resilient zu sein, so als vollangepasste, süsse Gestalten, die im Alter von einem Jahr als liebevoll, anschmiegsam, freundlich und "pflegeleicht" beschrieben wurden, und auch später angenehm, freundlich, aufgeschlossen und gesellig -in ihrer motorischen und sprachlichen Entwicklung weiter, besser in der Lösung praktischer Probleme (redundant - da Definition der Resilienz), besser im Lesen.

  • Eltern resilienter Kinder hatten eine bessere Bildung als Eltern nicht-resilienter Kinder
  • Eltern resilienter Kinder waren häufiger berufstätig als Eltern nicht-resilienter Kinder; Berufstätigkeit der Eltern scheint – auch wenn man dabei weniger verdient als den Sozialhilfesatz – die Kompetenzen der Kinder zu stärken
  • resiliente Kinder hatten weniger Geschwister als nicht-resiliente Kinder
  • resiliente Kinder wuchsen seltener in Ein-Eltern-Familien auf als nicht-resiliente Kinder. Dabei scheint es schädlicher zu sein, bei einer alleinerziehenden Mutter aufzuwachsen als bei einem allein erziehenden Vater. Töchter alleinerziehender Mütter werden häufiger als Teenager schwanger, Söhne sind häufiger kriminell oder drogensüchtig. Ohne Vater aufzuwachsen scheint für Jungen deutlich problematischer zu sein als für Mädchen
  • Eltern resilienter Kinder waren trotz ihrer Probleme freundlich und einfühlsam und unterstützend - sie nahmen Anteil am Leben ihrer Kinder

Es handelt sich bei resilienten Kindern also um Kinder um die man sich kümmert, die Vorbilder haben, die sie sich selbst anpassen mussten, bei denen nicht zu viele  Illusionen gefördert wurden, die also unter ziemlich optimalen Familienverhältnissen aufwuchsen.

do Schulfreude, der offenbar wichtigste Habitusfaktor in der Jugendzeit der den Schulerfolg massgeblich beeinflusst - und damit die weitere Karriere, also den Lebenslauf:

Welche Faktoren die Schulfreude (oder zumindest die positive Einstellung des Kindes zur Schule) am meisten fördern:

Zwischen 10 und 16, also in der Pubertät, nimmt generell gesprochen, nicht bloss die Schulfreude bei vielen ab, sondern, teilweise als Konsequenz dazu, die Delikte (Diebstähle) zu. Es ist nun aber dennoch einigermassen seltsam, dass hier dann mehr Disziplin und Strafe helfen soll, wo doch offensichtlich die mangelnde Begeisterung für die, oder zumindest ein minimales Interesse an der, Schule die Ursache für solchen Frust sind.

nicht an und für sich die Schule - sondern das Lernen verleidet. primär Eigentumsdelikte

Dass sich die Chancen im Leben durch mehr oder bessere Schulbildung für alle verbessern, war schon immer Betrug. Wir haben das zwar noch mehrheitlich geglaubt, der Generation danach konnte man diesen Kokolores aber nicht mehr vormachen. Die jetzige Generation ist da offenbar weitaus weniger kritisch und lässt sich gerne autoritär über den Tisch ziehen. Dass Bildung keine Chancengleichheit schafft war seit den Ursprüngen derselben klar.

 

4.2 Das Kohärenzgefühl - und Wege zurück zu Motivation ... und Erfolg (?)

[SOC - SENSE OF COHERENCE Aaron Antonovsky]

»Das Kohärenzgefühl (›sense of coherence‹) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass:

1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen

Aaron Antonovsky, 1997, S. 36

Die Fragen des Kohärenztestes:


Eine niedrige Ziffer in der Bewertung der Verstehbarkeit käme jemandem zu, der die Dinge und Ereignisse, die ihm begegnen, zum großen Teil für zufällig und unerklärlich hielte. questionaire in english

4.3 Die Formierung des ICH (genannt "Charakter") in Auseinandersetzung mit Einflüssen von Aussen ist geprägt durch Abwehr - oder Lernen

Abwehrmechanismen die auf ein geringes/niederes Strukturniveau hinweisen

  • Repression/Verdrängung
  • Verleugnung
  • Spaltung: Inkompatible Inhalte werden auf mehrere Objekte verteilt. Sowohl die Objekte als auch das Selbst wird in „Gut“ und „Böse“ aufgeteilt. Gute Anteile werden oft idealisiert, böse werden verdammt.
  • Projektion:  Eigene psychische Inhalte und Selbstanteile (v. A. Affekte, Stimmungen, Absichten und Bewertungen etc.) werden anderen Personen zugeschrieben. Durch Externalisierung unangenehmer oder unerträglicher Selbstanteile werden so innere Konflikte in der Außenwelt inszeniert, um das innerpsychische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, was jedoch die Beziehungen zu anderen stark belasten kann.
  • Aggressive Abwehrmechanismen wie z. B. Toben, Wüten, Schlagen - aber auch Autoaggression - also die häufigsten Resultate von frustrationsbedingter Regression.

Abwehrmechanismen die auf ein mäßiges/mittleres Strukturniveau hinweisen

  • Entwertung / Idealisierung: Identitätsbildung über Idole/Vorbilder, welche in der Pubertät Mutter und Vater ablösen. Für die narzistische Persönlichkeit ist das ICH das Idol, das sich an einigen weiteren Vorbildern aufrichtet - und die meisten andern werden als Schatten oder Marionetten entwertet.
  • Reaktionsbildung:  Gefühle oder Motive werden durch entgegengesetzte Gefühle/Motive niedergehalten
  • Regression s. Frustration
  • Verschiebung:  Phantasien und Impulse werden von einer Person, der sie ursprünglich gelten, auf eine andere verschoben, so dass die ursprünglich gemeinte Person unberührt bleibt
  • Verneinung
  • Ungeschehenmachen
  • Introjektion:  Bestimmtes Verhalten, Anschauungen, Normen oder Werte einer anderen Person werden in die eigene Persönlichkeit verinnerlicht.
  • Konversion:  Umlagern eines psychischen Konflikts auf somatische Symptome. Früher Hysterie genannt.

Abwehrmechanismen die auf ein gutes/hohes/reifes Strukturniveau hinweisen

  • Intellektualisierung: Ueberbetonung des Verstandesmässigen
  • Rationalisierung: Konstruktivistische Aktivität des Gehirns um unbewusst gesteuertes (Fehl-)Verhalten nachträglich als vernünftig erscheinen zu lassen.

Die Charakterbildung wird psychologisch primär aus Abwehrmechanismen erklärt, also aus dem Verhalten mit dem sich das ICH vor Uebergriffen von aussen schützt. Der Charakter entsteht also durch den konstanten Umgang mit Frustrationen .... Da diese Auseinandersetzungen mit der Aussenwelt des ICH sehr früh stattfinden und Strukturen aufbauen, die für das ganze Leben bestimmend wirken, versucht die Psychoanalyse diese Strukturen vom Ursprung her, also beim Grund ihres Entstehens aufzuklären und aufzubrechen. Wie oben kurz erklärt, gehören Abwehrmechanismen genau so zum ICH wie kooperatives Verhalten. Ohne eine gewisse Selektion der Anforderungen die von aussen an das Ich gelangen, wäre es ja kein ich mehr sondern nur noch Teig. Das Umgekehrte, eine Absolute Abwehr jeglicher äusserer Einflüsse geschieht bei Autismus, etwas weniger ausgeprägt beim Asperger Syndrom.

Das Individuum wird jeweils nur in die Kultur eines bestimmten sozialen Segments – einer sozialen Schicht, Gruppe oder Klasse – einsozialisiert. Insoweit also die im Prozeß der Sozialisation erworbenen verschiedenen „Habitusformen [...] von vornherein auf unterschiedliche Lebenslagen eingestellt [sind]; und primäre und sekundäre Sozialisation [...] dazu bei[tragen], daß die Kinder im Durchschnitt, genau jene Habitusformen erwerben, die für ihre mit ihrer sozialen Herkunft gegebene Lebenslage passen“ (Liebau 1987, S.89), spiegeln sich in den habitualisierten Handlungs–, Wahrnehmungs- und Denkmustern die objektiven Existenzbedingungen wider, die im sozialen Segment, dem der einzelne bzw. seine Familie (- ngruppe) angehört, vorherrschen. Bourdieu nennt dies das Homologieprinzip (Bourdieu 1974, S.33; 1979/1992, S.286f.)

Dieses Interaktionsfeld „Persönlichkeit” verlangt nach einer Redefinition dessen, was gemeinhin als „persönliche Verantwortung” firmiert. Damit sind eine Reihe von psychologischen Theorien unterschiedlicher paradigmatischer Provenienz angesprochen, z.B.: „Personal Causation” (DeCharms 1968), „Selbstbestimmung” (z.B. Deci & Ryan 1993, Deci 1996), „Selbstkontrolle” (z.B. Skinner 1973), „Selbstmanagement” (z.B. Kanfer 1975), „Selbstregulation” (z.B. Carver & Scheier 1981, Kanfer & Hagerman 1987), „Selbst” (z.B. Herber 1982, Schneider 1990), „Selbstverwirklichung” (z.B. Maslow 1977, 1962, Herber 1972), „Selbst-wirksamkeit” (z.B. Bandura 1977), „internale” wie „externale Attribution” (jeweils kontrollierbar oder nicht, z.B. Weiner 1996, 250ff.), etc., die in der modernen Motivationsforschung firmieren (vgl. zusammenfassend Herber 1979, 1998a, Kuhl 2001):

Weitere Charakterisierungen des ICH, der Persönlichkeit:

  1. Integrität

  2. Habitus

  3. Rolle

  4. Passung

  5. Piaget: Assimilation - Adaptation

  1. ich bin abhängig: völlige Fremdbestimmung -

  2. ich bin ich: Auf zur Autonomie -

  3. Ich kann alles werden/sein: Aufbau von Intentionalität, Ziel- und Zukunftsorientierung.

  4. Passung an das Produktionssystem: - Ich bin, was ich lerne -

  5. > Facettierung: ich bin, was ich arbeite - bin ich?

4.3.1 Lernen - und der Umgang mit Kritik

Die persönliche Entwicklung bewirkt:

  1. Veränderung der Erkenntnisstruktur (Lernen/Wissen)

  2. Veränderung der Motivation, annehmen oder ablehnen lernen

  3. Veränderung der Gruppenzugehörigkeit oder Ideologie, Hineinwachsen in eine Kultur

  4. Willkürbeherrschung, Selbstbeherrschung, Körperbeherrschung - also auch Handwerk, Musikinstrumente spielen, Sport,

Die Aneignung neuer Räume kann dadurch verhindert werden, dass diesen erkennbar Strukturen fehlen, der Lernende also im Sumpf watet. Wo klare Strukturen fehlen, kann Handlung widersprüchlich werden (aber wo kann sie das nicht). Instabilität der psychologischen Umwelt kann zu Instabilität der Person führen. Wie viel Chaos jemand erträgt, oder wo jemand eben keine Strukturen erkennt, liegt primär an der Intelligenz, die auch ein Mass dafür ist, wie differenziert der Lebensraum eines Individuums sein kann.

Kritik allerdings darf nur selten als Beleidigung verstanden und abgelehnt werden, denn sie ist eine Botschaft, die weitaus eher zum Nachdenken und Lernen führen sollte. Kritik ist elementarer Bestandteil des Denkens, denn

Denken ist Argumentation mit sich selbst

Bereits beim Denken muss der Denkende selbst kritisch mit Informationen umgehen, sie bewerten, akzeptieren, abwandeln oder verwerfen. Nach der Kommunikation mit andern wird dieser Prozess fortgesetzt, da andere eben andere Auswahlkriterien und Perspektiven haben, die sie, soll der Dialog gelingen, aber dann eben als Argumente einbringen müssen. Da sich bei der Auswahl hier meist Interessen bemerkbar machen, kann die Kritik eben nicht immer rein sachlich und quasi „abgehoben friedlich“ stattfinden, sondern es muss eben präzise über diese Interessen diskutiert werden, auch hart, wenn es sein muss.

Definition Kritik:

Das Wort Kritik entstammt dem griechischen krinein, das ab-sondern, unter-scheiden, be-urteilen bedeutet. Kritik differenziert (dis-kriminiert) also zwischen wahr/falsch, zutreffend/unzutreffend, angemessen/unangemessen. Kritik ist also immer die Feststellung von Differenzen und bezieht sich immer auf vom Menschen veränderbare Dinge.

Kritik hat also einen praktischen Ursprung der stets auf Veränderung drängt.

Wer also Kritik unterbindet, will Veränderungen verhindern. Kritik ist nur selten mit Ablehnung als Abwehr zu begegnen, sondern primär mit Argumenten:

Argument stammt vom lateinischen argumentum: Beweis, Beweisgrund, derjenige Teil einer Beweisführung, welche die Verlässlichkeit (Wahrheit) der Aussage begründet. Argumentieren heisst also nichts anderes als Begründen, demonstrieren oder, wo möglich, Beweisen. Argumentation ist also ein weitaus umfassenderes Gebiet als die Wissenschaften, sogar als die Philosophie.

Argumente können aber aus unterschiedlichen Gründen angebracht werden, sind also meist perspektivisch, sehen also für andere Personen meist ganz anders aus.  Hier besteht, im Sinne der Wahrheitsfindung, nicht bloss ein Recht auf Kritik, sondern eine Pflicht zur Kritik. Argumente die falsch sind oder nicht taugen sind zu kritisieren, mit dem Ziel sie zu eliminieren und nicht, sie mit Zucker zu begiessen.

Truth is not born nor is it to be found inside the head of an individual person,
it is born between people collectively searching for truth in the process of their dialogic interaction

(Bakhtin 1994, zit. in Rühl S. 179)

Kommunikation ist vielmehr zu verstehen als die wechselweise Gestaltung und Formung einer gemeinsamen Welt durch gemeinsames Handeln: Wir bringen unsere Welt in gemeinsamen Akten des Redens hervor. ...

[F.J. Varela: Kognitionswissenschaft - Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven. suhrkamp tb wissenschaft 882. Frankfurt a.M. 1990. p. 113]

Rhetorik ist die Kunst einer klaren und wirkungsorientierten Kommunikation. Dazu müsste man allerdings erst klar und wahr denken können, und wissen, was man mit der Kommunikation eigentlich erreichen will. Rhetorik erfüllt dabei drei Aufgaben:

Leider ist Rhetorik heute kaum noch Schulfach, genau wie Philosophie, oder Wissen über List, Strategie und Taktik. Dieses Wissen bleibt der Elite vorbehalten.

Die Botschaft jedoch die kommuniziert wird, transportiert unterschiedliche Inhalte:

Die sachliche (objektive) Ebene des ES

Die persönliche (subjektive) Ebene des ICH

Die zielorientierte (strategische) Ebene des WIR
(auf englisch als speen bezeichnet, die Drehrichtung)

Die Beschränkung des Diskurses über Machtpositionen (s. Foucault: Die Ordnung des Diskurses):

  • Die Agenda des/der Redenden oder Schreibenden (s. Rolle / Rollenspiele):
    • Wer sagt was?
    • Warum tut er oder sie das?
    • Welche Rolle spricht aus der Person - welche Rolle wird angesprochen.
  1. WAS in einem Wissensgebiet sagbar ist - was zugleich die Sprechenden auf ihre "Wissens-Disziplin" festnagelt
  2. WER das Sagen hat, wer wann wie sprechen darf - und damit:
    1. was gesagt werden SOLL - und was nicht gesagt werden darf

Und nur wer weiss, was drin stecken könnte, ist auch in der Lage, die Botschaft kritisch zu analysieren und zu kritisieren:

Hinterlistiger Bestandteil von Diskussion und Debatte, aber dennoch zulässig wo nötig, ist die Eristik. Da der Ausgangspunkt dialektischer Argumentationen nicht x-beliebige Meinungen, sondern Meinungen von bekannten Grössen, mit Reputation ist; ehemals der Alten, der Meister, der Weisen, heute der Populären, der Kader und Führer; kann es auch Ziel der Auseinandersetzung sein, die Reputation des Gegners zu zerstören (sehr beliebt bei gerichtlichen Klagen, die ja, theoretisch zumindest, ebenfalls der Wahrheitsfindung dienen sollten) - oder auf das rechte Mass zurückzustufen. Eristik beschränkt sich also nicht auf die Widerlegung der Argumente sondern zielt auch auf die Person des Gegners. Geschieht dies in einem Alltagsgespräch, privat oder in der Firma, kommt als Antwort meist: Sachlich bleiben, nicht persönlich werden! Diese Differenzierung ist allerdings oft etwas schwierig zu bewerkstelligen, insbesondere wenn sachliche Angriffe, was häufig der Fall ist, persönlich genommen werden.

Diese Aversion gegen Kritik ist zwar verständlich, gerade weil Führer meist extravertiert sind, also ihre Stärke aus der Anerkennung von Aussen beziehen, erschwert aber Lernprozesse, wenn es diese nicht gar verunmöglicht. Letzteres ist insbesondere der Fall, wo die Führung in Händen des in diesem Stratum nicht gerade seltenen Typs des Führers mit nazistischer Persönlichkeitsstörung.

 4.3.2 Störung der Kritik- und damit Lernfähigkeit: Die narzstische (2) Persönlichkeitsstörung

Definition:

Charaktereigenschaft, die sich durch ein geringes Selbstwertgefühl bei gleichzeitig übertriebener Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und dem großen Wunsch nach Bewunderung auszeichnet. http://de.wikipedia.org/wiki/Narzismus

Grossspurigkeit, Mangel an Einfühlung und Überempfindlichkeit gegenüber der Meinung anderer. Die Betroffenen übertreiben ihre Leistungen und Vorzüge und erwarten besondere Anerkennung. Sind besessen von Phantasien über Erfolg, Macht, Schönheit, Brillanz oder die ideale Liebe. Da sie oft ein labiles Selbstwertgefühl haben, sind für sie die Meinungen anderer äusserst wichtig, und sie reagieren auf negative Kritik mit Wut, Scham oder einem Gefühl der Demütigung , dass heute allerdings gerne und leicht als Mobbingvorwurf getarnt wird. Bemühen sich oft aktiv um Komplimente von andern, sind dabei aber chronisch neidisch auf Menschen, die sie für erfolgreicher halten, neigen zur Ausbeutung und bedienen sich oft anderer, um ihre eigenen Ziele zu erreichen - also unentbehrliche Bausteine unseres Wirtschaftssystems.  Dies ist bei Adler das eine Extrem seines primär polaren Systems von Minderwertigkeitskomplex <> Überwertigkeitskomplex.

Narzissmus wurde, vor der Aera der allgemeinen Psychologisierung, ganz einfach Hochmut oder Ehrbegierde genannt. Beides wird von Kant wie Spinoza, über den ersterer hier nicht weit hinaus geht, als verwerflich kritisiert. Für Spinoza gehören sogar beide Formen, Hochmut wie Kleinmut, zu den schädlichsten geistigen Unvermögen, da sie gegen das wichtigste ethische Prinzip, das der Selbsterhaltung verstossen:

 Die erste Grundlage der Tugend ist, sein Sein zu erhalten, und zwar nach der Leitung der Vernunft. Wer sich selbst nicht kennt, kennt nicht die Grundlage aller Tugenden selbst. Die Hochmütigen und die Kleinmütigen sind den Affekten am meisten unterworfen.

Häufig findet sich die narzistische Störung bei Führern oder nach Führungsposition strebenden eben darum, weil sie sich leer fühlen ohne Kontrolle über Andere und vor allem ohne die ständige Bestätigung ihrer Grandiosität durch die Claque der Untergebenen.

Hier herrscht aber eindeutig Überempfindlichkeit vor, auf die andere nicht voll eingehen können oder dürfen, da per Ueberempflindlichkeit auf der Einen – Unterwürfigkeit auf der andern Seite gefordert wird. Und das als Modell sozialer Beziehungen zu nehmen wäre dann doch wohl eher ein Witz. Dies um so mehr als gerade die Goldene RegelWas du nicht willst, dass man dir tu, das füg` auch keinem anderen zu den Narzissten selbst völlig fremd ist.  Narzissten überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und zerstören aus Neid, was begabtere Menschen aufgebaut haben. Wenn Narzissten eine leitende Funktionen ausüben, leiden die Betroffenen sehr. Wenn möglich, entziehen sich Mitbetroffene ihrem Einfluss.

Gerade diejenigen also, die das Führen am meisten nötig haben um sich ihren Selbstwert zu bestätigen, sind eigentlich am wenigsten für einen demokratischen und halbwegs anständigen Führungsstil geeignet, da sie durch ihre kritikunfähigkeit eben auch lernunfähig sind. Dabei handel es sich oft, ja meist, um absolute Banalitäten.

Narzissmus scheint, wie die Neurose zu Beginn des 29. JH, zur Zeit zu gehören, was nach obiger Darstellung eigentlich wenig wundert. Langjährige Untersuchungen in den USA von Bierhoff und Twenge zeigen, dass Mitte der 80er etwa 14% der Untersuchten erhöhte Werte für Narzissmus aufweisen, 2009 jedoch bereits 25%. Von 2002 bi 2007 stiegen die Werte doppelt so schnell wie zwischen 1982 und 2006. Es wird eine wahre Narzismus-Epidemie befürchtet, gefördert unter anderem durch Shows, die weitaus mehr auf Starallüren als auf Können setzen. Kritisch sehe ich hier auch etwa Serien wie Malcolm zwischendrin, weil von 3 Kindern gleich 3 Genies sind: Malcolm als IQ-Genie, also Mathematiker und Hirnakrobat, Rees als Koch und der erst zehnjährige Dewey bastelt aus Küchengerät, Staubsauger und Plastikschläuchen ein voll funktionsfähige Orgel. Wer wundert sich da, dass Eltern anderer Chaoten eben auch das Gefühl kriegen, der ihre müsse doch auch ein Genie sein - und falls das nicht rauskomme, seien eben die Lehrer schuld.

Beispiel 1 Jahr Planet 13:

etcetc ... d.h. eigentlich ist es mir da dann verleidet, Vorschläge zu machen, und ich bin noch mitgelaufen, hab Kurse übernommen, da da das Mangement nicht reinredet (weil's davon nix versteht).

 

FAZIT zu Kapitel 4:                 Die Forderung nach lebenslangem Lernen

Lebenslanges Lernen erhält hier eine ganz andere Bedeutung als die, mit der es uns - als Forderung der Wirtschaft - andauernd um die Ohren geschlagen wird. Es geht also nicht primär darum, immer mehr Sachkenntnisse anzuhäufen - die dann oft, sehr oft, zu oft gar nicht praktisch eingesetzt werden können, sondern es geht eben darum, die sich immer rascher ändernden Bedingungen eben so rasch zu erkennen wie sie sich ändern - und sich darauf entweder einzustellen, so sie akzeptabel oder unvermeidlich sind - oder aktiv nach einer anderen Entwicklung zu streben.

Je mehr gelernt werden muss, je schneller umgelernt werden muss, um so mehr Bedeutung erhält eine mittel bis langfristig verlässliche Orientierung - die heute nirgends geboten wird.

Lebenslanges Lernen - ja, aber - nicht als Nachgeben und Nachrennen sämtlicher Anforderungen von Aussen, sondern als bedarfsgrechtes Gestalten, d.h. primär nach Eigenbedarf, nach eigener Strategie und Orientierung.

5. Die Formung des Individuums durch die "Normalität" der Gesellschaft

5.1 Der Mensch zwischen postmoderner Beliebigkeit und der reflexiven Moderne, der 2. Moderne (Beck)

[Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. es 1980. ed. suhrkamp. SV. 193]

Gesellschaftliche Ordnung lässt sich unterschiedlich bewerkstelligen. (Bewerkstelligen ist hier ein treffendes Wort, da es auf Werk beruht, und stellen, also eine Neigung zu Kontruktivismus hat, eher als zu gottgegeben, zwanghaft, wie ältere Ordnungssysteme die entweder eben grad durch religiöse Texte (Mittelalter/Islam) vorgegeben waren, oder durch militärische Macht (Renaissance/Nationalismus 19./20. JH.), oder durch finanzielle Macht (Liberalismus, Imperialismus, Kolonialismus, Neoliberalismus ...). In den letzten Dekaden verzwirbeln allerdings die Ordnungsssysteme, werden unübersichtlich, erscheinen beliebig, was den Herrschenden aber meist die Chance gibt, ihre Interessen um so ungefragter durchzusetzen. Das zeigt sich insbesondere an der Tatsache, dass soziale Klassen verschwinden - während soziale Unterschiede zunehmen. Von beruflicher Stellung (geschweige denn von Ausbildung) im Arbeits- und Produktionsprozess lässt sich nicht länger auf Lebensformen, Lebenslagen, Lebensstil schliessen. Die Theorie von Grossgruppen ist immer weniger in der Lage, die aktuelle Entwicklung zu beschreiben, die Auseinandersetzung zwischen relativ stabilen Interessengruppen wird abgelöst durch eine themenzentrierte, an massenmedialer Oeffentlichkeit interessierte, vagabundierende Konfliktbereitschaft. (Geil auf Katastrophen, Verbrechen, Schockierendes und Sex - aber nur zum Zweck der Unterhaltung, denn der Arbeitsdrohne ist fad).

2 dominante Theorien einfacher klassischer, industriegesellschaftlicher Moderne:

  1. Funktionalismus: Auflösung und Ablösung traditioneller durch industrielle Gesellschaftsformen. Funktionelle Differenzierung von Subsystemen (Spencer, Parsons, Luhmann). Uebergang in Postindustrialismus (Dienstleistungen).
  2. Marxismus: Uebergang zu Postkapitalismus (Kapitalmärkte), mit den klassischen Klassen von Arbeitern gegen Wirtschaftsbürger (Bourgeoisie). s. Kritische Theorie

Keine von beiden löst die anstehenden Probleme. Beide basieren auf maximaler Produktion von Geld-Werten, im einen System für den Markt, im andern für den Plan.

Ebensowenig löst allerdings die Postmoderne ein Problem, da sie der Moderne, also der Idee (Ideologie?) der Aufklärung absagt, die Moderne ganz einfach aufhebt - ohne Gegenentwurf der über ein Postulat von <Diversität!> hinaus geht. Das Grundproblem der Postmoderne ist, dass sie alles so auflöst (wie die Wissenschaften), dass die Einzelteile auch dem Volke verständlich werden, dabei aber keine Reintegration und Synthese mehr schafft: Es gibt keine grosse Geschichte, keine grosses Buch mehr - aus dem man lernen könnte, wie die Welt funktioniert, ja nicht mal, wie sie funktionieren sollte.

Beck's Reflexive Modernisierung sieht die Auflösung und Ablösung industrieller Gesellschaftsformen durch eine Andere Moderne, eine 2. Moderne. Als Motor des Gesellschaftswandels gilt nicht länger die Zweckrationalität, sondern die Nebenfolge: Risiken, Gefahren, Individualisierung, Globalisierung. Die Fragestellungen funktionaler Differenzierung werden ersetzt durch Fragestellungen funktionaler Koordination, Vernetzung, Abstimmung, Synthese etc. Differenzierung wird zum gesellschaftlichen Problem. Warum werden Wissenschaft und Wirtschaft, Wirtschaft und Politik, Politik und Wissenschaft so gegeneinander abgegrenzt und können in Aufgaben und Kompetenzen nicht anders verzahnt und "geschnitten" werden?

Von kritischer Theorie zu Selbstkritik der Risikogesellschaft:

  1. Verhältnis der modernen Industriegesellschaft, besser postindustriellen Gesellschaft, zu den Ressourcen von Natur und Kultur, auf deren Existenz sie aufbaut, deren Bestände sie aber aufbraucht.
  2. Verhältnis der Gesellschaft zu den von ihr erzeugten Gefährdungen und Problemen, die die bisherigen Absicherungsstrategien überfordern (s. Finanzkrise).
  3. Entzauberung und Auflösung der kollektiven und gruppenspezifischen Sinnquellen wie Fortschrittsglaube, Klassenbewusstsein, die sich in individuelle Selbstgestaltung und Selbstverantwortung auflösen wollen, sollen ... aber nicht wirklich können. s. Individualisierung
    1. Bildungsexpansion, hohe Mobilitätsanforderungen am Arbeitsmarkt, Verrrechtlichung der Arbeitsverhältnisse

Kernaussage und Folgen der reflexiven Modernisierung:

Weil alles Feste und Ständische auch innerhalb der Industriemoderne "verdampft", weil das Institutionen- und Organisationsgefüge der Industriegesellschaft entselbstverständlicht, entsichert wird, zerbricht das Rollengefüge, das "Gehäuse der Hörigkeit" (Max Weber), das die industrielle Moderne errichtet und gepanzert hat. Es zerfällt in die Entscheidungen der Individuen. Diese sind die Gewinner und (!) die Verlierer reflexiver Modernisierung. Anders gesagt: Die Nebenfolge der Nebenfolge ist die Freisetzung der Individuen aus dem Rollenkäfig der Institutionen, die Renaissance von Begriffen wie Handlung, Subjektivität, Konflikt, Wissen, Reflexion, Kritik, Kreativität. ... Strukturen zerstören Strukturen und räumen so Subjektivität und Handlungen Entfaltungsmöglichkeiten ein. [S. 63]

Hochhäuser in Hongkong. Photo: Michael Wolf

Nach zweieinhalb Jahrtausenden wissen wir im Westen also auch, was Laozi, Konfuzius und die andern chinesischen Philosophen wussten: Wer macht - macht kaputt - sind aber weit davon entfernt, ihre Erkenntnis zu teilen: Nichts machen, wachsen lassen, die Natur gewähren lassen (wobei allerdings weder Laozi noch Konfuzius wirklich eine Vorstellung davon hatten, was sich die Macher 2500 Jahre unter "nachhaltigem, natürlichem Wachstum" so vorstellen würden (s. rechts).

Jenseits von Natur, Gott, Altären, Wahrheit, Kausalität, Ich, Es und Ueber-Ich beginnt - die "Kunst des Lebens", wie der späte Foucault dies nannte, oder, wie wir heute sagen können: die Kunst der Selbstgestaltung, und das bedeutet in der sich verselbständigenden Moderne: die Erfindung des Politischen als universeller Grundbedingung menschlicher Existenz.

Die Nebenfolge wird zum treibenden Element der Entwicklung: Nebenfolgen entwerten Kapital,zerstören Vertrauen, lassen Märkte zusammen brechen, wirbeln Tagesordnungen durcheinander, spalten Belegschaften, Management, Gewerkschaften, Parteien, Berufsgruppen, Familien.

Die Normalbiographie wird zur Wahlbiographie, zur Bastelbiographie. Die Basis der Arbeitsteilung, ihre Selbstverständlichkeit, zerrieselt. Die Rollen von Männern und Frauen werden explizit reflexiv, verlieren ihre Selbstverständlichkeit (worauf die Zunehmende Wahl ausländischer Ehepartner vermutlich zu einem grossen Teil zurückzuführen ist), entsichern sich, machen Entscheidungen, Verhandlungen nötig (wofür nicht jede(r) geeignet ist, wobei, genau wie am Markt der oder die eine oder andere eben über den Tisch gezogen werden. Aber auch das ist ja nichts Neues.

Die Erwerbsbiographie, für Frauen noch nicht selbstverständlich, verlangt nach eigener Ausbildung und Berufskarriere. Diese Vorgabe macht enorme Koordinationsprobleme, zwei Akteure müssen ihre Biographien koordiniert konstruieren, was Hauptursache der doch recht hohen Scheidungsquote sein dürfte. Zwei unabhängige, selbständige Individuen die einen Vertrag auf Zeit schliessen sind eben was anderes als zwei, die sich in einen durch die Traditionen und Gebräuche vordefinierten Vertrag gegenseitiger Abhängigkeit - und Zusammenarbeit - begeben (haben, hätten sollen. Hat auch dort nicht immer geklappt, wofür man dann dem leicht entfleuchenden Amor die Schuld gab).

Einige immer noch unbeantwortete Kernfragen, die substantiell zu den gegenwärtig entstehenden, sich aber erst in Zukunft wirklich zeigenden, Problemen der Ueberalterung beitragen:

Die Postmoderne dekonstruiert was der moderne Konstruktivismus konstruiert hat - die reflexive Moderne will nun eben  diese (konstruierten) Mechanismen nicht bloss aufdecken und kritisieren, sondern auch korrigieren, also doch wieder handlungsfähig werden: Reflexive Modernisierung meint bei BECK kurz gefasst gesellschaftliche Veränderung durch Selbstkonfrontation. Sie sieht sich als Alternative zur postmodernen Theorie:

.Die Phase der Risikogesellschaft im eigentlichen Sinne beginnt jedoch erst dort, wo diese ungewollten, reflexartig auftretenden Nebenfolgen Thema öffentlicher und privater Debatten werden, also gesehen werden und in die Institutionen hineingetragen werden.

Darüber hinaus geht reflexive Modernisierung davon aus, dass eben trotz aller Brüche auch die Kontinuität moderner Ideen zu erkennen ist, und überdies auch wünschenswert sei. Während die postmoderne Theorie zumeist im Sande der Beliebigkeit verlaufe und den Anspruch der Aufklärung über Bord werfe, so rufe reflexive Modernisierung genau diesen wieder in Erinnerung, auch wenn er gegen die Moderne selbst gerichtet sei.

Ein alternativer Regulierungstyp ist nötig, ein Gegenentwurf zum Hochgeschwindigkeitssystem weltmarktorientierter Modernisierung. Dies müsste auf 4 Pfeilern ruhen:

  1. allgemeine Anerkennung und Durchsetzung einer gesellschaftlich verantwortbaren Langsamkeit und Behutsamkeit im Umgang mit neuen, risikobehafteten Technologien
  2. auf einer Forschungs- und Technologiepolitik, die gesellschaftliche Probleme aufgreift, technologische Fehlentwicklungen korrigiert und alternative technologische Entwicklungspfade aktiv fördert
  3. einem tiefgreifenden Umbau derjenigen Sektoren, deren Produktion bezw. Produkte mit gesellschaftlich unverantwortbaren Risiken behaftet sind
  4. durchgreifende Demokratisierung und Dezentralisierung ökonomisch-politischer Entscheidungsmuster.

Befreiung der Technik und Techniker vom Joch der Oekonomie und Entmachtung der Grauzone der Verwendung

Das Modell zweckrationaler Eindeutigkeit muss aufgehoben werden:

  1. Entmonopolisierung des Sachverstandes: Es muss Abschied genommen werden von der Vorstellung, Verwaltungen und Experten wüssten immer ganz genau oder besser, was richtig und für alle gut sei.
  2. Informalisierung der Zuständigkeit: Der Kreis der zu beteiligenden Gruppen kann nicht mehr anch fachimmanenten Gesichtspunkten geschlossen, sondern muss nach sozialen Relevanzmasstäben geöffnet werden.
  3. Oeffnung der Entscheidungsstruktur: Allen Beteiligten muss klar sein, dass bei Beginn die Entscheidungen nicht schon gefallen sind und nur noch "verkauft", nach aussen durchgesetzt werden sollen.
  4. Herstellung partieller Oeffentlichkeit: Das Verhandeln hinter geschlossenen Türen zwischen Experten und Entscheidungsträgern muss also in einen öffentlichen Dialog zwischen verschiedensten Akteuren überführt und verwandelt werden.
  5. Selbstgesetzgebung und Selbstverpflichtung: Für dieses Verfahren müssen Normen - Gesprächsweisen, Protokole, Diskussionen, Auswertungen von Interviews, Formen der Zu- und Abstimmun - verabredet und sanktioniert werden.

Allles in Allem Grundbedingungen der Bürgergesellschaft. Einerseits kritisiert also Beck die Aufgabe der Moderne durch die Postmoderne, andererseits ist er aber doch immer wieder Realist genug, nicht mehr an die Macht des Wissens zu glauben, die immer die Vor-Macht EINES Wissens ist, sondern auf gesellschaftliche Verständigung zu setzen.

5.1.1 Veränderungen die vor allem durch den Neoliberalismus induziert wurden

  1. Anstieg der Bildungschancen: Die Wahrnehmung von Bildung habe sich zum Beispiel stark gewandelt und die verstärkte Wahrnehmung von (weiterhin ungleichen) Bildungschancen führe zur Erosion traditioneller Denk- und Sprachformen und einer Weckung von Aufstiegshoffnungen und -bestrebungen. Zudem könne eben nicht nur von Bildungschancen geredet werden, vielmehr generiere der Wandel des Arbeitsmarktes zunehmend auch Bildungszwänge für all jene, die um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, wenn sich nicht auf dem neuesten Wissensstand sind. Immer weitere Gruppen geraten so – freiwillig und unfreiwillig - „in den Sog von Bildungsaspirationen

  2. Mobilität

  3. Expansion des Sozialstaats

  4. Wachsende Binnendifferenzierungen (s. z.B. berufliche Spezialisierung)

  5. Dieser Zwang zur Selektion lasse Konkurrenzbeziehungen räumlich und zeitlich expandieren. Menschen würden früher und weitreichender, d.h. in einer größeren Anzahl ihrer sozialen Beziehungen, Konkurrenz ausgesetzt, nicht nur in Bezug auf Arbeitsplätze, sondern auch auf Bildungschancen und Lebenswege.

  6. Durch eine kontinuierlich sinkende Erwerbsarbeitszeit nehme die Bedeutung von Privatsphäre und Freizeit deutlich zu. Dies biete generationsspezifische Ent-faltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen.

  7. Schließlich würden durch eine Ausweitung der Erwerbsarbeit (vor allem durch die Expansion von Frauenerwerbsarbeit) immer größere Bevölkerungsgruppen von den genannten Dynamiken erfasst.

Eine der wichtigsten Umwertungen durch den Neoliberalismus wurde hier allerdings vergessen. Es ist die "neue Definition von gerechter Verteilung": Die effiziente Pareto-Verteilung soll herrschen! Nicht die ineffiziente gerechte Verteilung (früher mal "Gleichheit" genannt).

Zwar sind immer mehr Menschen in den Arbeitsmarkt eingebunden, gleichzeitig signalisieren die flexibilisierten Verhältnisse sowie bestehende Massenarbeitslosigkeit, dass der konkrete Einzelne austauschbar und verzichtbar ist (a.a.O., 177f). So spricht ROBERT CASTEL (2000, 359) beispielsweise davon, dass ein wachsender „Platzmangel in der Sozialstruktur“ zu beobachten sei, eine Vielzahl von Menschen zu „Überzähligen“ werden, die zumindest als Produzenten nicht mehr benötigt werden. Entsprechende sozialstrukturelle Daten belegen vor diesem Hinter-grund auch deutlich die Zunahme von Ungleichheiten. Szenarien der Spaltung der Gesellschaft, die sich in Begriffen wie 2/3 Gesellschaft oder 70/20/10 Gesellschaft widerspiegeln, verweisen zwar einerseits auf eine Flexibilisierung von Armut, andererseits jedoch auch auf die Befürchtung, dass ein Teil der Gesellschaft dauerhaft von der Teilhabe am Wohlstand ausgeschlossen wird. „

Statt dass des Bürger heute Gerechtigkeit verlangen kann, fordert <der Markt> von ihm Integration, was in erster Linie Marktfähigkeit bedeutet + Klappe halten.

Rationalisierung > Privatisierung > Produktion von Ueberschuss, auch menschlichem Ueberschuss

Technische Innovationen eröffneten neue Wege der Effektivierung von Arbeitskraft.

Die dadurch entstehenden neuen Fertigungsmethoden erlaubten eine effektivere Gestaltung von Arbeitsprozessen durch neue Managementmethoden.

Schließlich ermöglichen Informationstechnologien zusammen mit schnellen und kostengünstigen Transportsystemen eine Vernetzung der Märkte, was zur Entlassung der Ökonomien aus den nationalstaatlichen Gehäusen führt.

Politisch verbinden sich diese Entwicklungen mit einer Neoliberalisierung, womit vor allem zwei Entwicklungen der „(Selbst-)Entmachtung des Staates und der Politik“ (a.a.O., 145) gemeint sind:

Vor diesem Hintergrund wandelt sich die Strategie der Unternehmen: Die Anpassungsfähigkeit an sich schnell wandelnde Märkte wird zum vorrangigen Ziel, Bindung an lokale Standorte oder an Personal dagegen zum Hindernis: „Bindung kostet Zeit und damit Geld!“

Bindung ist aber  quasi das Synonym für Beziehungen, also das Soziale. Waren früher Verbrecher, Bettle, Arme, Zigeuner etc "heimatloses Gesindel" - das verachtet wurde, eben gerade weil sie sich sozial nicht einbanden, so sind heute die Konzernherren heimatlos, auch nicht unbedingt geachtet - aber sehr gut bezahlt.

5.1.2 Verlust der Normalität

Gerade weil die politisch nicht mehr kontrollierte Entscheidungsmacht der Investoren über das Schicksal von Menschen, Städten, Regionen ja Länder zu einem Orientierungsverlust auf Seiten der Betroffenen führt, gingen die Normalitätsmuster der ersten Moderne längst verloren, werden allerdings immer noch gerne eingesetzt für autoritäre Zwangsmassnahmen gegenüber den Betroffenen, nicht den Verursachern:

Diese "Normalität" gibt es immer weniger:

6. Die Formung des Individuums im Sozialstaat durch Sozialpädagogik und Sozialarbeit, also staatlich normierte Normalität

Dies mag als Kapitel in einem Beitrag zur <Gestalt> (Individualität, Charakter, Typ, Persönlichkeit, hexis) des Menschen leicht verwundern. Die Verwunderung dürfte allerdings bei jenen zumindest rasch weichen, die nicht den Sinn des Lebens in Geld, Karriere, Erfolg allein sehen, sondern vielleicht doch eher in Werten wie Gerechtigkeit und einer umfassenderen Ausrichtung des Lebens sehen. Denn a) ist es bloss der Staat, der legal die Herrschaft des Geldes beschränken könnte und b) sind es vernachlässigte, ja fast vergessene Organisationen desselben, die hier notwendiges Wissen schaffen (könnten). Es geht vor allem um die Volkswirtschaft, auf französisch (economie sociale) wie englisch (social economy) soziale Wirtschaft genannt, die heute eine zu schwache Position hat. Man darf sie nicht verwechseln mit derjenigen, die zum Modell des staatszentrierten Merkantilismus geführt hat, sondern sie müsste heute die Verteilung von Kosten und Nutzen auf die einzelnen Shareholder aufzeigen. Hier herrscht nämlich nicht besseres Wissen, sondern bloss besser finanzierte Propaganda (Reiche müssen reich sein und reicher werden, der Investitionen wegen. Arme müssen noch billiger arbeiten, der internationalen Konkurrenzfähigkeit wegen). Wissenschaftlich hätten wir ausreichend Mittel um hier die Zusammenhänge klar aufzuzeigen. Hier aber fehlt ganz klar der Wille - vor allem aber der Mut. s. Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens in der Politik ruiniert Volkswirtschaft, Volk und Kultur

6.1 Sozialpädagogische Intervention ist an "Normalität" gebunden - kann sie aber nicht mehr finden - noch weniger also fördern oder fordern.

Nach THOMAS OLK ist Soziale Arbeit mit der „vorsorglichen Vermeidung und kurativen Beseitigung von Normverletzungen, bzw. anders gewendet: mit der Gewährleistung durchschnittlich erwartbarer Identitätsstrukturen, betraut; ihr obliegt in Kooperation mit anderen Instanzen sozialer Kontrolle und (Re-)Sozialisation die Abwehr von Risiken und die Beseitigung von Störungen, die den geltenden und zum Teil rechtlich kodifizierten Verhaltensregeln und Normalitätserwartungen durch abweichendes Verhalten einzelner Personen und / oder sozialer Kollektive drohen“ (OLK 1986, 12f ). Das Zitat klingt zwar nach einer einseitigen Betonung der Kontrollfunktion, solange jedoch eindeutig entscheidbar war, was normal ist, konnte Soziale Arbeit Normalisierungsarbeit leisten, die sowohl systemische Anforderungen als auch lebensweltliche Integrationsbedürfnisse befriedigte: Die Normalfamilie und das Normalarbeitsverhältnis sowie die daran gebundenen standardisierten Lebensläufe ermöglichten dies zumindest annähernd – wenn auch sicher nicht immer konfliktfrei.

Eine vermeintliche sozialarbeiterische Kontrolle von Devianz kann sich heute aber kaum erfolgreich auf vorgepreßte Normalitätsstandards ausrichten, anhand derer die Klienten anzupassen seien.

 Soziale Arbeit basiert also häufig auf überlebten Normalitätsmustern. Ihr droht „eine Art Statthalterfunktion der ausklingenden Industrieepoche“ (BECK 1986, 215) zu übernehmen, wie dies BECK für Betreuungs- und Verwaltungs- sowie für politische Institutionen allgemein prognostiziert. Diese „wirken auf das von den amtlichen Normalitätsstandards ‚abweichende’ Leben normativ pädagogisch disziplinierend ein. Sie werden zu den Beschwörern und Verfechtern der ehemaligen Sicherheiten, die nur noch für einen kleinen Teil der Bevölkerung gelten“ (ebd.). Das Gebäude der Industriegesellschaft drohe so ins normativ-rechtliche abzurutschen.

„Was aus der Perspektive der Normalbiographie z. B. als ‚Aussteigen’, ‚Leistungsverweigerung’ oder ‚Konsumverhaftung’ erscheint, kann heute als Versuch entschlüsselt werden, alternative Lebens- und Arbeitsformen zu praktizieren, sich für eine andere Balance von Leben und Arbeit, Leistung und Selbstverwirklichung usw. zu entscheiden.“

Aber auch ohne Tendenz zum Alternativen, ist in einer Welt in der "normale Verhältnisse" wie sie für Normen vorausgesetzt werden, eben auch die Entwicklung eines "normalen Lebenslaufes zunehmend schwieriger. Unter heutigen Bedingungen scheint die Aussage von Kohli also eher Kohl:

Die Entwicklung des Lebenslaufs „als eine der Kerninstitutionen der Arbeitsgesellschaft“ Für ihn geht die Freisetzung der Individuen aus den traditionellen Bindungen mit einem Prozess der Verzeitlichung des Lebens einher. So wird der Lebenslauf im Zuge des Übergangs von einer Haushaltsökonomie zu einer Ökonomie auf der Grundlage freier Arbeit weniger von zufälligen Lebensumständen abhängig und zunehmend zu einer planbaren, rational gestalteten Angelegenheit des Individuums (KOHLI)

Perspektive:

Die paradoxe Diagnose lautet also: Theorie Sozialer Arbeit bleibt trotz der Rezeption eines soziologischen Gesellschaftsmodells in mancher Hinsicht etwas gesellschaftsleer. Indem Normalitätsvorstellungen schlicht als obsolet erklärt werden und die Orientierung an den Vorstellungen der Individuen als zentrale Richtlinie Verstanden wird, wird der Einfluss makrogesellschaftlicher Strukturen auf Soziale Arbeit kaum noch fassbar. Soziale Integration kann so tatsächlich nur als Identitätsleistung des Individuums verstanden werden, bei dessen Herstellung das Subjekt von Sozialer Arbeit unterstützt wird. Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen diese Integrationsarbeit stattfindet, drohen so jedoch an den Rand des Blickfeldes zu geraten

Interessanterweise wird hier dann gerade auf etwas verwiesen, was eingentlich Hintergrund diesen Artikels ist: Die Identität - woher kommt sie, wer definiert sie? Hier soll sie das Individuum durch den von ihm undurchschaubaren und vor allem unvorhersehbaren Raum geleiten - dort wird sie aber bereits vorgegeben, per Psychotests erhoben. Der Habitus ist also offenbar nur selten selbst gewählt, sondern, genau wie Persona (Maske) und Rolle - antrainiert, theatralisch und damit uneigentlich:

Rein äußerliche Anreize scheinen jedoch nicht ausreichend, um Arbeit zur zentralen Instanzen der Sinnstiftung der Moderne zu machen. Es bedurfte zur Durchsetzung der industriellen Moderne nicht nur der entsprechenden technischen Mittel, sondern auch der Menschen, die gewillt waren, diese Mittel ‚produktiv’ zu nutzen. Diese „müssen, in den Worten PIERRE BOURDIEUS, über einen entsprechenden Habitus verfügen, d.h. ein spezifisches System der Wahrnehmung und Bewertung“ (GALUSKE 2002b, 95). In diesem Sinne kann „die Moderne primär als Sozialisierungs- und Erziehungsprojekt [s. Die Entwicklung des Sozialstaates von finanzieller Unterstützung von Mit-Menschen - über "Betreuung unmündiger Kinder - zur Dressur "fauler Hunde"] analysiert werden, in der es um die Erzeugung und Bewahrung eines bestimmten Sozialtypus geht“ (ebd.). An dieser Durchsetzung eines neuen Habitus, der auf Selbstdisziplin, Zukunftsorientierung, Familiensinn und Arbeitsbereitschaft basiert, waren Pädagogik und Sozialpädagogik nach GALUSKE (2002b, 103ff) nicht unerheblich beteiligt.

Ulrich Becks Zweite Moderne möchte also die heutige Ausnutzung globaler Nischen durch Einzelne durch einen Kosmopolitismus bewältigen, der auch globale Ordnung wieder möglich macht, wo möglich durch andere Mittel als blosse Gewalt.

Der Zerbröselung der Gesellschaft durch Individualisierung soll durch neue Lebensmodelle, die sich in die Bürgergesellschaft integrieren, begegnent werden.

Der Beherrschung, Ausnutzung und dadurch Zerstörung der Natur durch die Technik soll durch Demokratisierung von Technik und Wissenschaft begegnet werden.

 6.2 Individualismus / Individualisierung

Hier ist zwischen positiver, also erwünschter, und negativer, also meist auferzwungener Individualisierung zu unterscheiden. Der Mensch ist nicht in jedem Falle primär ein Individuum, sondern mehrheitlich (aber nicht ausschliesslich) eher ein Gruppenwesen, also ein soziales Wesen, dem nur in Gemeinschaft wohl ist:

(a) Eine erste Linie betont vor allem die Bedrohung der individuellen Freiheit im Prozess der Modernisierung. Der Einzelne wird nur als Rad im Getriebe der modernen Welt benötigt: Er wird verwaltet, auf eine Nummer reduziert, zum Disziplinarindividuum geformt. Diese Linie, der WEBER, ADORNO, HORKHEIMER und FOUCAULT zugeordnet werden, wird als negative Individualisierung bezeichnet, das beschriebene Individuum sei ein gefährdetes Individuum.

Individualisierung auferzwungen:

„Der Individualismus ist als neoliberales Projekt in weiten Bereichen der Gesellschaft fast vollständig absorbiert worden. Es kursiert der Begriff des Selbstunternehmers, in dem das schon begrifflich miteinander verschmolzen ist. Das eigene Leben wird als Unternehmen entworfen, und man muss sich als Kapitalist dem gegenüber verhalten und alle Bezüge des eigenen Lebens im eigenständigen, vor-weglaufenden Gehorsam den Marktbedingungen konform organisieren.“

(BECK/WILLMS 2000, 91)

Die neoliberale Individualisierung hatte nun einige Folgen:

Die neoliberal erzwungene Individualisierung führt zu Insularexistenzen, sie will diese, da sich solche diskussionslos den von der Elite vorgegebenen Funktionszwängen fügen müssen:

Denn in allen Bereichen, in denen sich traditionelle Zwänge auflösen, entsteht ein Zwang zu Selbstgestaltung. Der eigene Lebenslauf ist zu gestalten, eben auch genau dort, wo er eigentlich mehr als Produkt der Verhältnisse anzusehen ist. Der Einzelne muss sich unter diesen Bedingungen immer mehr als Handlungszentrum verstehen und ‚Gesellschaft’ als externe Variable behandeln, die individuell gehandhabt und bewältigt werden muss.

Der Einzelne wird so zunehmend als Gestalter seines eigenen Lebens begriffen, der aber auch Risiken der Lebensführung zunehmend individuell verantworten und verarbeiten muss.

BECK sieht zunehmend die Gefahr, dass Individualisierung im neoliberalen Sinne vor allem als Marktindividualisierung aufgefasst wird, und der Idealtypus des Selbstunternehmers zum ‚Mülleimer’ aller gesellschaftlichen und institutionellen Probleme gemacht wird. Diese Selbstunternehmer agieren dann tatsächlich in der Illusion der Monade, der vollkommenen Unabhängigkeit, während eine solche Form der Individualisierung eigentlich eine komplexe und extrem funktionale Form der Vergesellschaftung darstellt.

Die sog. <Selbstunternehmer oder Arbeitskraftunternehmer> finden sich in einer permaneten Verkaufs- und/oder Bewerbungssituation, in der die vielgeliebte Eigenverantwortung nur noch ein extrem reduziertes Potential aufweist:

So betonen auch HARTMANN/HONNETH (2004, 13) „daß die Subjekte unter der Bedingung einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft für viele Aspekte ihrer Existenz kaum noch im vollen Sinne des Wortes Verantwortung übernehmen können“, Eigenverantwortlichkeit also durchaus paradoxe Züge annehme.

Warum? Weil man ehrlicherweise nur dort Verantwortung übernehmen kann und sollte, wo man den Verlauf der Dinge auch planen und steuern kann.

Resultat: Atomisierung, Desozialisierung, Vulgär-, Wirtschafts- oder Liberanarchismus

Vom Anarchismus unterscheidet sich der Liberalismus durch die Auffassung, dass der Staat zur Garantie von Freiheit und Eigentum als notwendig angesehen wird. Es gibt aber durchaus unterschiedliche Auffassungen, was er zu dieser Sicherung zu tun hat und wie weit seine Kompetenzen gehen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Liberal

(b) Eine weitere Traditionslinie bilden DURKHEIM, PARSONS und LUHMANN. Hier steht die Befreiung des Individuums aus Bindungen infolge der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft im Vordergrund. Die Bindung zwischen Individuum und Gesellschaft werde lockerer, so dass eher eine Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch eine Hyperindividualisierung zu befürchten sei als eine Gefähr-dung des Individuums.Diese Denktradition wird als positive Individualisierung bezeich-net, die ein gefährliches Individuum beschreibe

Individualisierung erwünscht:

In qualitativen Interviews werde zunehmend der Anspruch auf ein „eigenes Stück Leben“ (a.a.O., 44) von den oben genannten Gruppen eingeklagt, vor allem in der Form der Verfügung über eigenes Geld, eigene Zeit und den eigenen Körper. Hintergrund dieser Ansprüche sei der Wunsch, sich aus materieller Abhängigkeit und sozialer und räumlicher Enge zu befreien, sich Kontrollen zu entziehen und seine Sozialbeziehungen und seinen Lebenslauf nach seinen eigenen Kriterien zu gestalten.

c) Der ambivalenten Individualisierung, als letzter Linie, werden schließlich die Autoren SIMMEL, ELIAS und BECK zugeordnet. Diesen Autoren nach kann weder von einer reinen Pseudo-Individualisierung ausgegangen werden, noch sei die Gesellschaft durch Anomie bedroht. Vielmehr könne Individualisierung sowohl Chance als auch Gefährdung für Individuum und Gesellschaft (in Form von Institutionen bzw. Organisationen) sein. Thema dieser Linie sei so das Risiko-Individuum. ein sich selbst gestaltendes, aber auch selbst kontrollierendes Individuum.
 

Individualisierung ambivalent:

Wir, das ist ein lockeres Gemisch von Männern und Frauen, denen aufgetragen ist, sich um sich selbst zu kümmern, auf ihren Körper zu achten, ihre eigenen einzigartigen Persönlichkeiten zu formen, ihrem ‚wirklichen Potential’ freien Lauf zu lassen, sich stets von dem abzuheben, was sie schon geworden sind – und die verzweifelt nach vertrauenerweckender Autorität suchen, die ihnen sagt, wie sie mit diesen verwirrenden Pflichten umgehen sollen, von denen sie sich alleine nicht lösen können“

(BAUMANN 1993, 17)

6.2.1 Inszenierte Gemeinschaften - die Psycho-Welle

Die Entstehung von Selbsthilfegruppen wird in diesem Zusammenhang als subjektive Reaktion auf „Orientierungslosigkeit und Bindungsverluste“ (PUCH 1991, 12) im Zuge der Individualisierung interpretiert. Der Erfolg der neuen Gruppenangebote ist in diesem Sinne durch Bedürfnisse nach Stabilität, Sicherheit und Geborgenheit begründet, welche durch die Freisetzung aus den traditionellen Gemeinschaften nicht mehr befriedigt werden können.
Diese neuen Gruppierungen werden von PUCH als inszenierte Gemeinschaften bezeichnet.

Als Psycho-Welle oder auch Psycho-Boom (Psycho-Szene: Gurus, Coaching, Feng, Esoterik, New Age ...) wird eine in den 80er Jahren einen Höhepunkt erreichende Entwicklung bezeichnet, die sich in einer Ausweitung und Pluralisierung des psychologischen und psychotherapeutischen Angebots, einhergehend mit einer massiven Popularisierung psychologischen Wissens und dessen Vermengung mit mehr oder weniger esoterischen Theorien zeigt. Nach MÜLLER (2001, 157f) ist dieser „Boom“ vor allem eine Reaktion auf die von der 68er Generation angeschobenen Thematisierung der eigenen Sozialisationserfahrungen und des eigenen Selbst, das als Ausgangspunkt für eine gesellschaftliche Veränderung gesehen wird. Ansetzend an diesem Bedürfnis der Erforschung und Optimierung des eigenen Selbst hat sich ein breiter Markt formiert, dessen mehr oder weniger seriöse Angebote einen bleibenden Eindruck in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie Pädagogik und Sozialpädagogik, in der Angebotsstruktur von Volkshochschulen, Erwachsenenbildung oder des Managementtrainings hinterlassen haben. Auch wenn der auffällige Boom vielleicht vorüber ist, so ist doch erkennbar, dass diese Angebote einen festen Platz innerhalb der Gesellschaft erobert haben und der Markt – teils auch durch immer neue Moden - floriert. (Für einen polemisch-kritischen Überblick über die ‚Psycho-Szene’ vgl. GOLDNER 2000.) Nach BECK sind solche Angebote vor allem als Ausdruck der gewachsenen Anforderungen an das Individuum zu sehen: Wenn der Einzelne sich als Planungsbüro seiner selbst begreifen muss, muss dieses Selbst leistungsfähig gemacht und gehalten werden. Die Angebote der ‚Psycho-Szene’ versprechen genau dies.

Diese Kritik dürfte allerdings kaum die halbe Wahrheit treffen, denn eigentlich ging es bei 68, New Age, Gurumanie und ähnlichem Kokolores primär um eine Sinnsuche, um die Frage nach der Bedeutung des Lebens an und für sich, und nicht der Karriere - und schon gar nicht um eine Optimierung des Selbst unter dem Banner der Leistungsfähigkeit. Seither ist die Frage nach dem Sinn (des Lebens) einfach derart absurd geworden, weil nun alle derart eingespannt sind in den Kampf ums Ueberleben, um Mehr, um Karriere, dass kein Raum mehr bleibt für Fragen wie warum, wieso, weshalb, wozu?

VORSICHT: Sehr häufig tendieren solche Kleingruppen hin zum sektenähnlichen Strukturen, in denen wenig "Auserwählte" den Rest der Gruppe mit ihrer persönlichen Heilsleere (kein Schreibfehler) indoktrinieren.

So wurden Religionsbewegungen, Esoterik, Gewalt, Nationalismus, Neorassismus etc. von Beck auch folgerichtig als Gegenmoderne qualifiziert, als erträumte Rückkehr in eine gute alte Zeit, also Regression oder gar Atavismus wie Neonationalismus, Neofaschismus, eine Regression in vergangene Identitäten von Volk, Blut, Nation etc.

6.2.2 Vermassung

Eine weitere Folge der Isolierung des Individuums + seiner Beraubung der Möglichkeiten der Selbstgestaltung, also einer eigenen, selbst entwickelten Identität, ist das Aufgegen desselben in der Masse.

Der sich für BECK abzeichnenden Möglichkeit einer Individualisierten Gesellschaft sei MARX jedoch nicht nachgegangen, gerade wegen der Massenhaftigkeit und Kollektivität der Freisetzungserfahrungen und weil diese mit einer massiven Verschlechterung der Lebensbedingungen verbunden waren. Die Proletarisierung führt nach MARX gerade nicht zu einer Individualisierung, sondern zu einer Solidarisierung, einem Gemeinschaftsbewusstsein und somit zur Formierung einer Arbeiterklasse.

Da hat er sich offenbar getäuscht, denn in etwa die selben Vorgänge, die man treffend als "Verhartzung" bezeichnen könnte, äussern sich heute weder in einer wirklichen Individualisierung noch im Entstehen eines Gemeinschaftsbewusstseins einer unterdrückten und ausgenützten (na ja, nicht mal mehr das, vielmehr überflüssig gemachten) Schicht der Bürger, sondern im dumpfen Gröhlen einer Fussball-oder sonstwas-Begeisterung.

6.3 Ursachen, Aufgaben und Ziele des Sozialstaates

Ursache des Sozialstaates war und ist, dass sich Elend und Armut nicht mehr auf einige wenige beschränkt, derer sich Kirche und private Wohltätigkeit annehmen können, sondern dass Wirtschaft und Mark Entwicklungsbrüche erzeugen, die zum Ausschluss beträchtlicher Teile der Bevölkerung aus dem Erwerbsleben führen. Da ein wirtschaftliches Versagen aber nicht mit der Todesstrafe geahndet werden kann, zumal diese Arbeitskräfte bei der nächsten Hochkonjunktur dann doch wieder gebraucht werden, übernimmt der Staat die Pufferfunktion. Dies wurde nötig, nachdem die Bauern, die traditionell die Industrialisierung trugen, ihre Höfe längst verkauft oder verloren hatten, also nicht zwecks Subsistenz in Eigenleistung dorthin zurückgeschickt werden konnten. Möchten täte man schon, und aus dem Hintergrund entstehen dann eben Vorschläge wie Workfare, Sozialhilfe nur gegen Gegenleistung (FDP), die ihrerseits wiederum dazu führen, dass gewisse Berufsgruppen (die ihre Interessen schlecht verteidigen können) noch mehr unter Druck geraten, durch Gratisarbeit:

Diese Veränderungen der Arbeitsgesellschaft üben Druck auf das Sozialsystem aus, der sich öffentlich vor allem als Finanz- sowie als Legitimationskrise niederschlägt. Dabei ist fraglich, ob die öffentliche Diskussion um die Finanzierung der Sozialleistungen nicht auch als Teil einer Legitimationskrise verstanden werden muss, denn auch wenn die Sozialeistungsquote in der Tendenz steigend ist, und die Lohnarbeitszentriertheit der Sozialsysteme durch Arbeitslosigkeit und flexible Beschäftigungsmuster zunehmend problematisch erscheint, so verweisen die von GALUSKE (a.a.O., 190f) verwendeten Daten gleichzeitig darauf, dass Privathaushalte, nicht Unternehmen bisher die steigenden Sozialkosten getragen haben. Die Legitimationskrise wird so als Teil des neoliberalen Diskurses verstanden, der verstärkt die Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, eine Beschneidung der Motivation der Betroffenen zur Selbsthilfe sowie eine unzumutbare finanzielle Belastung durch den Sozialstaat thematisiert.

Dass es eh die Betroffenen sind, welche die Lasten tragen, zeigt sich am besten anhand der Lohnentwicklung. Stagnieren die Löhne bei der Mittelschicht seit 15 Jahren oder gehen gar zurück (insbesondere was das frei verfügbare Einkommen betrifft), boomen Spitzenlöhne, insbesondere bei den Finanzmanipulatoren, und Gewinne.

Der auch mit dem Begriff des ‚dritten Wegs’ verbundene aktivierende Sozialstaat zielt auf:

Die Verknüpfung von Leistungen mit Verhaltenserwartungen sowie aktivierende Formen der Hilfe, die den einzelnen ‚fit’ für gewandelte Arbeitsmärkte machen, sollen reaktive Formen des Sozialstaats ersetzen:

Insgesamt können diese Entwicklungen zusammengefasst werden als Deregulierung der Märkte, als Ökonomisierung öffentlicher Dienstleistungserbringung, als Privatisierung zuvor staatlich gewährter Leistungen, als Kommodifizierung (zur Ware werden) der Arbeitskraft, also als Ausweitung der Verpflichtung zur Teilhabe an Erwerbsarbeit sowie eine Paternalisierung des Verhältnisses Staat-Bürger durch eine zunehmende Verknüpfung von Unterstützung mit Leistungsverpflichtungen:

Wo die Arbeitskraft aber zur Ware wird, wird der Mensch zur Ware, wird also vom Zweck seiner Selbst in ein Mittel verwandelt, dass, in passender Form, als Werk-Zeug andern zur Verfügung stehen soll. Nur hier kann weder Sozialstaat noch Sozialarbeit helfen, diese Vorgänge müssen die Bürger selbst begreifen - und ändern wollen.

6.3.1 Sicherung des sozialen Friedens

Mit einer Radikalisierung des Gleichheitsanspruches werden soziale Unterschiede zunehmend als Ungerechtigkeiten angesehen und somit zunehmend Gegenstand politischer Konflikte - die die Hablichen dann eben doch lieber nicht aufkochen lassen möchten. Allerdings seh ich wenig, wo sich hier ein Gleichheitsanspruch radikalisiert. "Gleichmacherei" ist ja eine Abwehrfloskel, die an jedem Stammtisch wirkt. Dennoch - Wenn einige Wenige alles besitzen und viele nichts so haben die Vielen diesen Zustand meist einigermassen rabiat korrigiert. Ab eines gewissen Ausmasses an ungleicher Verteilung von Einkommen und Vermögen werden auch die Gefängnisse derart voll, dass das Modell an die Grenzen kommt (s. USA, das mit über 2 Millionen Häftlingen hier weltweit an der Spitze ist, auch prozentual, Gefängnisse also bereits privatisiert hat.).

Zweitens bedeutet dies jedoch auch, dass den Individuen sehr viel anspruchsvollere Leistungen als zuvor abverlangt werden: „Soziale Integration, ‚Sinn’ ist als Identitätsleistung gefordert“ (GILDEMEISTER 1992, 128). Denn im Sinne der Individualisierungstheorie ist Individualisierung auch immer als Zurechnung der Handlungsfolgen auf das Individuum zu sehen (vgl. A.I.2.2). Sozialstrukturell induzierte Konfliktlagen sind so gesellschaftlicher Bearbeitung zunehmend entzogen und werden zu persönlichen, identitären Konflikten und Krisen. Sozialpädagogik muss sich also zunehmend als Unterstützung von Identitätsarbeit begreifen.

Tj...ein. Das Individuum ist ausser Stande, die hier dahinter stehenden primär betriebswirtschaftlichen Prinzipien, speziell der optimalen Verteilung nach Pareto, irgendwie zu ändern, oder seine ungeschickte Position am falschen Ende der Vermögensverteilung wirklich zu ändern. Neoliberalismus ordnet systematisch Gewinne den Gewinnern zu, Kosten den Verlierern, wozu hier auch der Staat zählt, den es eh nieder zu machen gilt. Sozialhilfe stürzt sich nun aber wiederum auf die Individuen - lässt aber, notgedrungen, die "Strukturen", die den Ausschluss verursachen, aussen vor. Die versagenden Abhängigen sollen "das Soziale" lernen, obwohl es eigentlich die Investoren wären, die hier ein Manko haben:

Der Mensch als <Planungsbüro in eigener Sache> (Winkler) muss auch "das Soziale" erlernen:

„Auch das Soziale will in einer komplizierter gewordenen Wissens- und Lerngesellschaft gelernt und gelehrt sein. Erst dann, wenn auch diese Wissensabhängigkeit des Sozialen ernst genommen wird (und das Soziale nicht nur naturalisiert, emotionalisiert und moralisiert wird), erst dann, wenn deutlich wird, daß z. B. Fragen des Zusammenlebens, des Umgangs mit Fremdheit nicht nur eine emotionale Dimension haben und daß Solidarität auch ein moralisches Dilemma sein kann – und deshalb Nachdenken, Reflexion und nicht nur Handeln erfordert -, erst dann, wenn z. B. das Soziale auch außerhalb von Expertenkulturen entideologisiert, [ent- ;M.E.] mystifiziert, und [ent- ;M.E.] romantisiert wird, erst dann, wenn praktische Solidarität auch als gelernte Solidarität, als eine eigenständige Sozialisationsaufgabe begriffen wird: erst dann wird deutlich, daß die Neugestaltung einer Kultur des Sozialen in der heutigen modernen Gesellschaft weit mehr ist als die Wiederbelebung des Ehrenamts, als Ausweitung der Selbsthilfe oder als die Expansion sozialer Expertendienste – eine öffentliche und zugleich eminent politische Aufgabe mit einer zentralen Weichenstellung in die Zukunft.“ (RAUSCHENBACH 1997b, 485)
Ähnlich wie Lesen und Schreiben, die zunächst privilegierte Kulturtechniken von Experten waren und später allgemein gelehrt, demokratisiert wurden, müsse eben auch die Pflege des Sozialen allgemein lehrbar gemacht und veralltäglicht werden.

Nach Beck ist der Sozialstaat - vielleicht wider Willen - eine Versuchsanordnung zur Koordinierung ich bezogener Lebensweisen:

„Integration insistiert darauf, daß Menschen nicht ausgegrenzt und an den Rand gedrängt werden dürfen. Das Prinzip der Integration verpflichtet Soziale Arbeit auf die Unterstützung von Lebenswelten „ohne Ausgrenzung, Unterdrückung, und Gleichgültigkeit, die in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft zunehmend ausgebildet werden. Integration meint hier also weniger die Integration des je einzelnen, besonderen Klienten und somit das konkrete Ziel einer sozialpädagogischen Intervention, vielmehr soll Soziale Arbeit als ganzes davor bewahren, dass sich ihre Funktion lediglich im Ruhigstellen, Isolieren und Verwalten von Randgruppen erschöpft.

Ob es nun als allgemeine (Bildungs-) Aufgabe Sozialer Arbeit gesehen wird ein solches gesellschaftliches Klima herzustellen, oder ob hier in idealisierter Art und Weise der gesellschaftliche Auftrag Sozialer Arbeit beschrieben wird, bleibt unklar.

6.4 Die Methoden und ihre Weiterentwicklung

Während die klassische Ungleichheitsforschung strukturell weitreichend gleichbleibende Ungleichheitsrelationen feststellt, ist nach seiner Beobachtung das klassische Ungleichheitsthema mehr und mehr von der politischen Agenda verschwunden.

6.4.1 Sozialarbeit (2)

Historischer Hintergrund der Sozialarbeit:

Wie es Sozialer Arbeit gelingen kann, „Normalisierungsarbeit als Gewährleistung subjektorientierter Lebenspraxen“ (BÖLLERT 1995, 187) zu verstehen, ohne dabei systemisch in die Pflicht genommen zu werden, in diesem Prozess vor allem jene ‚mündigen’ Arbeitskraftunternehmer zu bilden, deren subjektive Lebenspraxis sich an ihrem Erfolg auf dem Arbeitsmarkt messen lassen muss, erscheint angesichts der Strukturen des aktivierenden Sozialstaates fragwürdig. Denn dieser verpflichtet die Individuen mehr denn je an sich selbst zu arbeiten, eigenständig und selbstverantwortlich zu sein, einen subjektiven Lebensentwurf zu verfolgen. Gleichzeitig wird jedoch mit der zunehmenden Verpflichtung auf eine Reproduktion am Arbeitsmarkt das Erfolgskriterium eines solchen Lebensentwurfes klar fixiert.

Problem Leistung: Vorgegeben, wandelbar, aber nicht unter Einfluss der Bewerber, der Arbeitssuchenden, sondern von den Gestaltern des Marktes bestimmt.

Die Einmischung Sozialer Arbeit reicht von:

  1. primär auf Individuen bezogene psychosoziale Vorgehensweisen bis hin zur

  2. Beteiligung am sozialpolitischen Diskurs, der Sozialplanung und der Gemeinwesenentwicklung. Sie schliesst

  3. Beratung,

  4. stationäre Betreuung,

  5. die Arbeit mit Gruppen,

  6. sozialpädagogische Massnahmen,

  7. Arbeit mit und Therapieformen für Familien, als auch

  8. Bemühungen mit ein, den Menschen Wege zu den gesellschaftlichen Dienstleistungen und Ressourcen zu erschliessen.

  1. Indem man das abweichende oder 'pathologische‘ Verhalten als einen strikt 'persönlichen Vorfall‘ definiert und dessen Ursachen in das Individuum hineinverlegt, verfällt man einem normativen Humanismus, der darauf ausgeht, den 'unangepaßten‘ Einzelnen an die ‚gesunde" Gesellschaft anzupassen.

Grösstes Problem der Sozialarbeit ist die Ambivalenz des Doppelmandates, gleichzeitig zu kontrollieren und zu helfen. Sie lebt insbesondere davon, dass ihr strukturell autoritärer Zugriff auf die Lebensführung der Klientel als Hilfestellung verbrämt wird.

Niklaus Dimmel aus Wien hat diese dubiose Situation der Sozialarbeit so beschrieben, dass ich den Artikel, meinen ersten zum Thema Sozialarbeit, in einen Beitrag zum Thema "List" plaziert habe. Nach Dimmel lässt sich das Vorgehen der Sozialarbeiter nämlich meist einer der vier folgenden Kategorien zuordnen:

  1. Beschwichtigung der Herrschenden und Zahlenden (appeasement): Die Betroffenen sind zwar selbst schuld ... und wir müssen ihnen aber aus humanitären und/oder rechtlichen Gründen helfen.

  2. Argumentation gemäss des herrschenden neoliberalen Credos (assimilation / Tarnung durch ähnlich machen, Mimikri): Es rentiert sich finanziell, wenn wir den Betroffenen helfen.

  3. Repolitisierung: Die Gesellschaft trägt Verantwortung, wir müssen die Gesellschaft ändern, d.h politisch gestalten.

  4. Anpassung: Hier verlangt Dimmel in ziemlich eigenwilliger Interpretation des Terminus Anpassung eine Anpassung des Systems an die Bedürfnisse der Menschen, sozialer Auftrag durch Stakeholder statt durch Shareholder ! - statt umgekeht, also eine Steigerung von Punkt 3, der Politisierung.

Wir sind hier also beim Kern diesen Beitrags:

Definieren die Strukturen der Wirschaft (Politik, Gesellschaft, Natur etc.) den Menschen
        - oder macht der die Strukturen?

Die Antwort wäre eigentlich einfach, denn alle Strukturen der Kultur sind vom Menschen gemacht.
    Dort wo Strukturen Menschen machen herrschen Sachzwänge,
        und den Menschen von diesen zu Befreien war eigentlich Ziel der Reformation, der Aufklärung, derModerne, ja sogar der Postmoderne.

Warum also lassen wir uns für dumm verkaufen?

6.4.1.1 Theorie sozialer Arbeit

Die Theorie sozialer Arbeit zeigt uns noch ein paar weitere Problemchen. Sozialarbeit ist eine Praxis, eine Tätigkeit - die sich aber auf wissenschaftlicher Basis arbeiten sieht. Sie steht damit bei den Wissenschaften am Rande, wie fast alles, was dem ehemaligen Bereich der Poiesis entstammt (s. Der Ingenieur als Bindeglied zwischen Homo sapiens und Homo faber, zwischen Wissenschaft und Handlung). Wie all diese ist die Sozialarbeit immer mit Personen, Individuen, also Nicht-Objekten im eigentlichen Sinne sondern Subjekten - und damit mit Werten und ethischen Fragen beschäftigt.

Die INTERNATIONAL FEDERATION OF SOCIAL WORKERS (IFSW 2000,1) hat sich auf folgende Definition verständigt: „Soziale Arbeit als Beruf fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten. Gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten und soziale Systeme greift Soziale Arbeit dort ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Interaktion treten. Grundlagen der Sozialen Arbeit sind die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.“

Zunächst wird der Ort Sozialer Arbeit hier an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft lokalisiert. Außerdem wird auf ethische Grundsätze verwiesen, die für das professionelle Selbstverständnis des Praktikers eine große Rolle zu spielen scheinen, aber auch in wissenschaftlichen Debatten Resonanz erzeugen

6.4.1.1.1. Doppelstruktur als Profession und Disziplin - Poiesis

Soziale Arbeit normalisiere sich auf dem Weg zu einer zweiten Moderne, werde zu einer weitgehend entstigmatisierten, autonomen, eben normalen gesellschaftlichen Sozialisationsinstanz für jedermann. Dabei müsse Soziale Arbeit - gerade weil es "das Normale" nicht mehr gibt, sich immer mehr an den Vorstellungen der Subjekte orientieren, was nach Meinung einiger Autoren gar zu einem Verlust ihrer Kontrollfunktion führt, in jedem Falle jedoch als Chance für eine subjektorientierte Arbeit gesehen wird.

Sozialarbeit dressiert (theoretisch) also heute nicht mehr Abweichler auf ein vorgegebenes Modell des Menschen wie er sein soll, sondern versucht, beim Individuum vorhandene Kompetenzen auszumachen und zielorientiert zu entwickeln.

  1. Zunächst werden diese Entwicklungen als Normalitätsverlust begriffen. Als zentrale Aufgabe Sozialer Arbeit wird im Anschluss an diese Diagnose die Förderung individueller, alltagsrelevanter Kompetenzen gesehen.

  2. Zweitens müsse die Veränderung der Lebenslagen als Verallgemeinerung, Individualisierung und Verzeitlichung sozialer Risken begriffen werden. Die konzeptionelle Folge dieser Diagnose überscheidet sich mit der Logik einer subjektorientierten Flexibilisierung, die als Konsequenz des Normalitätsverlustes gefordert wird, denn eine radikale Subjektorientierung stellt die Basis einer nicht als Eingriff empfundenen Arbeit dar.

  3. Die Individualisierung der Lebenslagen wird schließlich als Gemeinschaftsverlust interpretiert. Die Freisetzung aus Bindungen führt dazu, dass die Einzelnen ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit immer weniger verwirklicht sehen.

Allerdings gelingt es auch per Subjektorientierung nicht völlig, Vorgaben von aussen zu entgehen. Immer noch dominiert die Forderung nach einem unternehmerischen, produktiven, flexiblen, arbeitsmarktfähigen und selbstverantwortlichen Subjekt:

Soziale Arbeit scheint infolge dessen auf die Herstellung eines ‚unternehmerischen Selbst gerichtet, also auf mobile, ungebundene, flexible Individuen, die an sich selbst arbeiten, sich durch (lebenslanges) Lernen arbeitsmarktfähig halten und zunehmend auch privat Vorsorge für soziale Risiken treffen. Andererseits sind sozialpädagogische Dienstleistungen voraussichtlich auch zunehmend mit Personengruppen konfrontiert, die trotz aller Bemühungen nicht in Erwerbsarbeit zu integrieren sind. Der Umgang mit diesen dauerhaft Ausgeschlossenen wird so zu einer weitern Aufgabe sozialer Arbeit.

Sozialarbeit gerät damit in eine Drehscheibenposition, Drehscheibe zwischen zwei Räumen, von denen sie nur den einen kennt und beeinflussen kann und darf, den des Individuums. Einfluss auf die Wirtschaft hat sie ja praktisch keinen:

Die Funktion Sozialer Arbeit wandelt sich aus dieser Sicht: Nicht mehr Integration sondern vielmehr das Management einer gespaltenen Gesellschaft durch Inklusionsvermittlung, Exklusionsvermeidung und Exklusionsverwaltung steht im Mittelpunkt Sozialer Arbeit. Soziale Arbeit wird also keineswegs kontrollärmer, sondern gerät vielmehr in Gefahr zunehmend ordnungspolitisch zu agieren.
Als Reaktion Sozialer Arbeit werden dabei bislang vor allem Flexibilisierungsstrategien gesehen. Diese sind jedoch immer gefährdet, nicht subjektorientiert, sondern systemisch initiiert zu sein.

Angesichts institutioneller Strukturen, die den aktiven, eigenverantwortlich handelnden Menschen fordern, und somit Individualisierung als Zurechnung der Handlungsfolgen auf das Individuum (vgl. WOHRAAB-SAHR 1997, 26ff) forcieren, ist es fraglich, ob es einer Sozialen Arbeit, welche den Einzelnen helfen will „ihr Planungsbüro in eigener Sache aufzubauen“ (RAUSCHENBACH 1992a, 53) tatsächlich gelingt, „alternative Integrations- und Partizipationsmöglichkeiten zu unterstützen und zu stabilisieren“ (MÜNCHMEIER 1992, 142), oder ob diese nicht Anpassung an ökonomisch inspirierte Normalitätsmuster leistet, die am Arbeitsmarkt bislang Erfolglosen also zwingt, sich an die Forderungen des Marktes anzupassen, sich zu vermarkten.

6.4.2 Die Politisierung sozialer Arbeit: Sozialarbeit als Sozialpolitik

Bezieht man die Veränderungen eben jener Institutionen, welche für die Integration der Individuen in der Ersten Moderne (hauptsächlich) verantwortlich waren (v.a. Arbeitsmarkt und Sozialstaat) mit in eine Theorie Sozialer Arbeit ein, so scheint zumindest eine Portion Skepsis über die Zukunft Sozialer Arbeit angemessen, eine Fortsetzung der ‚Erfolgsgeschichte’ Sozialer Arbeit wird fraglich. Es stellt sich sogar die Frage, ob nicht von einem Funktionswandel Sozialer Arbeit zu sprechen ist, der die Koordinaten bisheriger Theorie durcheinander wirft und ganz neue Lösungsstrategien verlangt. Denn möglicherweise ist Soziale Arbeit angesichts verringerter Integrationsmöglichkeiten zukünftig vor allem damit befasst, dauerhafte Desintegration zu verwalten.

Auf eine sozialpolitische Funktionsbestimmung beziehen sich Entwürfe Sozialer Arbeit als „aktive Gestaltung von Lebensweisen“ (BÖLLERT 1995) bzw. als „aktive Gestaltung von Lebenslagen“ (FLÖSSER 1994). Beide Begriffe sind dabei auch als Gegenentwurf zu individualisierenden und pädagogisierenden Strategien zu sehen

Wenn beispielsweise in einem Wörterbuch der Soziologie Sozialarbeit als „Bezeichnung für alle Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Lage der unterprivilegierten Gesellschaftsgruppen“ (HILLMAN 1994, 797) gefasst wird, so ist dies nahe an SALOMON, gleichzeitig jedoch in Bezug auf die Grenzen zur Sozialpolitik vollkommen offen. Ähnliche Definitionen verweisen oft noch auf historischen Hintergrund der industriellen Moderne, so beispielsweise STAUB-BERNASCONI: für sie ist „Soziale Arbeit eine Antwort auf die sozialen Probleme, die durch Industrialisierung entstanden sind und einer Lösung bedürfen“.

... dass Soziale Arbeit ein politisches Verständnis ihrer Funktion auf der Basis einer Gesellschaftsanalyse erlangt. Ohne ein solches Verständnis kann sozialpädagogisches Handeln nicht in seiner gesellschaftlichen Funktion analysiert werden.

Andererseits meint eine Politisierung Sozialer Arbeit auch Einmischung im Sinne ihrer Klienten zu betreiben und sozialpolitische Rahmenbedingungen, unter denen ihre Arbeit stattfindet, zu beeinflussen.

Folgt man den Analysen RONALD HITZLERS (1994), so ist Soziale Arbeit „per se eine ausgesprochen politische Angelegenheit, denn je mehr am (menschlichen) In-der-Welt und am Mit-Sein mit anderen - von wem auch immer – als nicht fraglos vor-, also als nicht natur- oder gottgegeben erkannt wird, umso mehr wird damit auch – in diesem weiten Sinne – politisch“ (a.a.O., 70). Soziale Arbeit könne so anhand einer prototypische Konstellation politischen Handelns analysiert werden: Ein Akteur oder eine Akteursgruppierung (A) versucht, die Zustimmung eines Zweiten (B) zu erlangen, seinen Willen gegenüber Dritten (C) durchzusetzen.

Dies wäre die ideale Konstellation. Heute allerdings erhält die meist verbeamtete Akteursgruppe (A) von der class politique B (im Dienste der Wirtschaft) den Auftrag, den Willen von A bei C (den Betroffenen) durchzusetzen.

Kann, soll oder darf die Sozialarbeit nicht politisch agieren, wird sie auf Exklusions- also Armutsverwaltung reduziert

Auch MICHAEL GALUSKE vermutet, dass Soziale Arbeit zunehmend mit Adressatengruppen arbeiten muss, die allen Versuchen zum Trotz unter den gegebenen Bedingungen nicht integrierbar sind. Eingliederung drohe zum Selbstzweck zu werden. Soziale Arbeit als Management der gespaltenen Gesellschaft produziere dann nur noch Wartehallen, Trainingscamps, Vorbereitungskurse auf eine Arbeitswelt, die jedoch viele Menschen nicht mehr zu benötigen scheint. ‚Eingliederung lebenslänglich’ wäre dann mit den Worten ROBERT CASTELS (2000, 377) das Motto einer zunehmend auf Verwahrung und Ruhigstellung ausgerichteten Sozialen Arbeit.

6.4.3 Sozialpädagogik

Sozialpädagogik sei „jener Bereich des Sozialwesens, in dem unter Ausschöpfung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse mit präventiven, beratenden, pädagogischen und therapeutischen Dienstleistungsangeboten versucht wird, gesellschaftlich benachteiligten und persönlich beeinträchtigten Menschen bei der möglichst selbstverantwortlichen Lebensbewältigung und der Integration in die Gesellschaft behilflich zu sein“

Stets versucht Pädagogik sich durch den Bezug auf das autonome, selbständige Individuum vor einer einseitigen Funktionalisierung zu schützen. Wenn jedoch „die Ansprüche auf individuelle Selbstverwirklichung [...] inzwischen so stark zu einem institutionalisierten Erwartungsmuster der sozialen Reproduktion geworden sind, dass sie ihre innere Zweckbestimmung verloren haben und vielmehr zur Legitimationsgrundlage des Systems geworden sind“ (HONNETH 2002, 146) wird dasprinzipiell nicht dispensierbare Interesse an einer eigenverantwortlichen vernünftigen Lebensführung“ (BRUMLIK zit. nach BÖLLERT 1995, 184) zunehmend zu einem Zwang: Es wird zur gesellschaftlichen Erwartung einer ökonomisch eigenverantwortlichen und ökonomisch vernünftigen Lebensführung, die somit Pädagogik keineswegs mehr vor einer Funktionalisierung schützt.

Plausibel erscheint jedoch, dass Sozialpädagogik – ähnlich wie die Pädagogik schlechthin – sich stärker auf Praxisrelevanz verwiesen sieht als andere wissenschaftliche Disziplinen und somit ein tendenziell schwierigeres Verhältnis zu Theorie unterhält.

In Folge der legislativen und institutionellen Fixierung und angeregt durch eine von Pragmatismus und Praxisrelevanz getragene reformpädagogische Bewegung wurde reflexive Selbstvergewisserung einerseits zunehmend obsolet, andererseits als praxisfern diskreditiert. Dies führe zu dem eigentümlichen Verhalten gegenüber der Theorie: Sozialpädagogik „sah und sieht sich konstitutiv auf Theorie verwiesen; gerade dort, wo sie sich als Ausbildungsprofession definiert, zeigt sich dies, weil sie sich damit explizit von den Tätigkeiten distanziert, die handwerklich, im Meister-Schüler-Verhältnis, durch die im bloßen Tun erworbene Erfahrung zu erlernen wären.

Zugleich führt aber der durch die geisteswissenschaftliche Pädagogik etablierte Habitus einer pragmatischen, auf Lösung konkreter Probleme orientierten, ethisch aufgeladenen Profession dazu, daß sie sich von Theorie distanzieren muß“ (WINKLER 1997, 58).

Indem sich Sozialpädagogik als Ausbildungsprofession verstehe, die den wissenschaftlich ausgebildeten Praktiker bilde, gebe sie sich jedoch einer Illusion hin: Einerseits glaube sie Theorie sichern zu können, indem sie wissenschaftlich ausbilde, andererseits solle so eine funktionierende Praxis als Maßstab der Wissensproduktion genutzt werden. So verliere Sozialpädagogik mit einem auf die Praxis fixierten Blick ihren Gegenstand und könne sich nur noch durch das Muster der ständigen Selbstkritik einen wissenschaftlichen Anstrich geben.
Drittens neige die Sozialpädagogik dazu, die eigene Praxis in Negativbildern zu beschreiben: als Einschließen, Ausschließen, Disziplinieren und Kontrollieren; als Pädagogisierung der Klientel oder Kolonialisierung der Lebenswelten.

Im vergleich zu diesem traditionellen Anliegen der Pädagogik herrscht heute präzise das Umgekehrte: Die absolute Funktionalisierung jedes einzelnen Menschen, ganz im Sinne der Produktionsgesinnung, wie sie schon von den Nazis verbreitet wurde.

Innerhalb dieses Leitbildes nimmt Pädagogik, als zentrale Technik der Selbstverbesserung und Anpassung über Lernen eine strategische Schlüsselstellung ein:

„Der Mensch wird in eine ständige Bewerbungssituation gedrängt, er soll prüfen, ob er den neuen Anforderungen gewachsen ist, ansonsten muss er lernen. Der Mensch muss ständig beweisen, dass der flexibel genug ist. Der flexibler Lerner ist die Vergesellschaftungsform individueller Lebensführung im digitalen Kapitalismus“ (BÖHNISCH/SCHRÖER zit. nach GALUSKE 2002b, 223)

So wird die Gefahr gesehen, dass solche Modelle auf eine reine Effizienzsteigerung sozialer Dienstleistungen abzielen, deren tatsächliche Qualität jedoch kaum verbessern. Es werde, so die Befürchtung, das Nachdenken über Bedürfnisse der Kunden durch Überlegungen abgelöst, für welche Dienstleitungen zahlungskräftige Nachfrage bestehe. Auch schlage die Vermittlung zwischen systemischen Ansprüchen und lebensweltlicher Logik fehl, wenn Soziale Arbeit auf eine ökonomische Logik umstellt, die mit Geld und Macht als Steuerungsmedium operiert, statt auf Kommunikation und Interaktion zu setzen.

Durch Triage ist dies ja längst der Fall, a) bei Arbeitsämtern, b) bei Sozialämtern, meist basierend auf Alter und Ausbildung, diese allerdings nur sekundär. s. Die autralische Triage der Arbeitssuchenden

„Angesichts nicht mehr nur temporärer, sondern struktureller Nichtverwertbarkeit der Arbeitsware breiter Bevölkerungskreise stellt sich damit die Frage, wie tragfähig ein auf dem Tausch von Waren beruhender Vergesellschaftungsmodus ist, wenn ein erheblicher Bestandteil der Bevölkerung nicht mehr als Warenbesitzer auf dem Markt agieren kann, sondern qua Transfereinkommen nur noch konsumtiv – und im Gesamtzusammenhang heißt dies primär: rezeptiv – angeschlossen ist – und dies zudem auf Armutsniveau.“ (SCHAARSCHUCH 1999b, 61)

In einer gespaltenen Gesellschaft, in der Arbeit haben - keine Arbeit haben, letzteres nicht wie früher per geschlechtlicher Differenzierung den Frauen zugeordnet wird, also vermehrt auch die eher kriegerischen und aufmotzenden Männer betrifft, wird die Erhaltung sozialer Sicherheit, Ruhe und Ordnung, als Management der Gespaltenheit der Gesellschaft zur wichtigsten - wenn auch kaum befriedigenden - Aufgabe der Sozialarbeit. "Integration nur noch kurzfristig wirksam, wenn überhaupt. so besteht die Gefahr einer „pädagogisch-therapeutischen Stilllegung und Verwahrung der gesellschaftlich Abgespaltenen und Ausgegrenzten“

[Matthias Euteneuer:, Diplomarbeit Individualisierung, zweite Moderne und Soziale Arbeit. Zur Rezeption Ulrich Becks in der Theorie Sozialer Arbeit]

FAZIT: Der Amöbe bleibt kein <Habitus> versperrt ...

Die gleichzeitige Forderung nach Flexibilität, Wissen und Anpassung begünstigt aus der Sicht der Flexibilisierten eigentlich Amöben, die ihre Form, ihren Habitus, beliebig verändern können und so auch mal durch eine enge Spalte schlüpfen oder in einen Arsch kriechen. Aus der Sicht der Besteller handelt es sich natürlich um Topfpflanzen mit präzise bestellter Grösse, Breite, Wachstumseigentschaften und Produktionseigenschaften, die sich allerdings leicht umformen lassen, allerdings nur durch den Besteller. Urwüchsiges, Querwüchsiges oder gar Knorziges ist da genau so wenig gefragt wie Vorwüchsiges, Krüppeliges, Wildwuchs. Die richtige Form und damit Funktionalität des Rädchens, auch bei weiterem Wachstum wird garantiert durch eine lange Geschichte erfolgreichen Wachstums. (progressively increasing responsibility).

Jedes System lässt sich für eigene Zwecke aus-nutzen, egal ob Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus oder sonst irgend ein Ismus. Man muss bloss:

  1. die Schaltstellen kennen

  2. den Zugangscode zu den Schaltstellen

Diese beiden Bereiche sind in Bourdieus Habitus enthalten, aber nicht nach unterschiedlichen Herrschaftssystemen differenziert.

Resilienz ist unter den heute gegebenen, vielfältigen und höchst anspruchsvollen Anforderungen des Arbeitsmarktes entscheidend. Aber - man sollte dennoch nicht vergessen zu fragen:

In der Kindheit sind dies Patriarchat und/oder Matriarchat, also die Familie.

In Kindheit und Jugend sind es Schule und Ausbildung, die demokratisch festgelegte, also durch eine Mehrheit bestimmte, Normen vermitteln.

In der Wirtschaft, also während der ganzen Zeit als Arbeitnehmer, bestimmt das Geld, das Kapital, die Investoren, nach dem alten Motto: Wer zahlt - befiehlt. Ihr wichtigstes Ziel ist weder Glück noch Wohlstand und schon gar nicht Selbstverwirklichung der Angestellten, sondern die Vermehrung der Werte, der monetären leider bloss. Die "freie Marktwirtschaft" erzeugt inzwischen Strukturen, die so autoritär über die Mitarbeiter bestimmen, dass eine zentralistisch-herrschaftliche Regierung (China) damit weitaus besser fertig wird, als eine Demokratie, was zu immer mehr rechtstrend und Autoritarismus führt, sogar bei Linken. Die Strukturen, die Wirtschaftswachstum erlauben, verbieten inneffiziente Entscheidungs- wie Ein- und Mitsprachesysteme, die zum Kern der Demokratie gehören.

Beck's 2. Moderne, die reflexive Moderne, nimmt aber den Tatbestand an, dass wir in einer konstruierten Welt leben, nutzt nun aber den hier angebrachten Konstruktivismus eben auch dazu, die Konstrukte zu kritisieren, zu dekonstruieren - und nach besseren Strukturen (und Funktionen) zu verlangen. Der Mensch als Homo faber konstruiert selbst, wie weit er sich zum Objekt der Konstruktionsvorstellungen anderer machen will, die als Homo ludens oft sehr spielerisch konstruieren, aber dennoch "Anpassung" an ihre Konstrukte verlangen, ist ihm aber (mehr oder minder) frei gestellt. Anpassungsdruck entsteht nicht durch <den Markt>, sondern durch seine Konstruktion, also seine Konstrukteure, also die "Investoren" und Spekulanten.

Womit wir nach einigen Umwegen doch wieder beim Ausgangspunkt gelandet wären, bei Bourdieus Habitus, Lewins Gestalt und Feldtheorie - wie dem alten Vorläufer, der hexis des Aristoteles. Man sollte sich hier nebst dem Konstruktivismus auch mal den Begriff <Wirklichkeit> wieder genauer betrachten.

Das was auf den Menschen wirkt ist meist das, was der Mensch selbst schafft, geschaffen hat, seien es Worte, Mimik, Aktionen, Gebäude, Armeen, Staaten, Gesetze ... whatsoever. Bis anhin hat er über diese Wirkungsfelder zumeist eine (nicht all zu positive) Aus-Wirkung auf die Natur gehabt, diese beherrscht und ausgebeutet statt kultiviert.

Heute wirken die Einen auf die Andern, und das muss irgendwo Grenzen haben, die in einer Demokratie noch gesetzt werden können, so lange es sie noch gibt, in andern Regierungsformen aber vor-gesetzt werden von den Herrschenden. Nutzen wir die Demokratie um zu formen was uns formt, bevor eine Diktatur welcher Art auch immer uns erklärt, wie und was wir zu sein haben.

Der Anspruch an das Denken ist hier, bei den heutigen Konstrukteuren der Welt, nicht all zu hoch. Einfachster Strukturalismus - Basteln, genügt in der Wirtschaft meist, wenn dabei was rauskommt, für das andere ihren Geldbeutel zücken: http://www.brainworker.ch/Wissen/bricolage.htm. Da dies immer schwieriger wird, soll heute sogar Hirnforschung helfen, Kaufauslöser zu finden. Wurde bisher der Mensch auf maximale Produktivität getrimmt, gilt es ihn nun auch zum maximalen Konsumenten zu formen: Am Arbeitsmarkt schleimige Amöbe - als Konsument umschleimter König. (Allerdings nur solange er Geld in der Tasche hat.

Sachzwänge werden durch Strukturen verursacht - alle kulturellen Strukturen,.h. auch die wirtschaftlichen, sind aber von Menschen gemacht. Die einen beherrschen also die andern per organisiertem Sachzwang.

Sozialarbeit steht hier zwischen zwei Räumen, von denen sie nur den einen kennt und beeinflussen kann und darf, den des Individuums (den "Kunden"). Einfluss auf die Wirtschaft hat sie ja praktisch keinen. Wo aber Sozialarbeit als „Bezeichnung für alle Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Lage der unterprivilegierten Gesellschaftsgruppen" steht, oder: Soziale Arbeit ist eine Antwort auf die sozialen Probleme, die durch Industrialisierung entstanden sind und einer Lösung bedürfen, müsste Sozialarbeit eigentlich politisch werden, zumindest zwischen Investoren, den Konstrukteuren der Sachzwänge und Arbeitgebern (den Nutzern und Administratoren der Sachzwänge) auf der einen, und Arbeitssuchenden auf der andern Seite vermitteln, zumindest über eine Sozialpolitik die ihren Namen verdient, die die also das Machtspiel mit diesen organisierten Zwängen korrigieren sollte.

Das Resultat der Zusammenfassung hier ist allerdings auch, dass dort, wo keine Orientierung vorhanden ist, wo kein "überlegenes" und gesichertes Wissen dringend durchgesetzt werden muss, Autorität, also schlussendlich die Fremd-Bestimmung der Form in die der Mensch zu passen hat, die er anzunehmen hat, keine Lösung ist.

Autorität ist die Todesstrafe für das Denken - die Masse seine Gummizelle.

Warum? Eben weil das ideale Menschenmodell sehr individuell ist und auf unwägbaren Entwicklungsbedinungen und Pfaden beruht. Die idealen Bedingungen unter denen sich der Mensch entwickelt, sind Freiheit und Orientierung, nicht Autorität und Disziplin.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH. Basel, 2.7.08