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Herrschaft der Manager - Herrschaft der Technik - Herrschaft der Bürokratie
[Wolfgang Schluchter: Aspekte bürokratischer Herrschaft.
suhrkamp taschenbuch wissenschaft. 492. Frankfurt a.M 1985]
Schluchter basiert seine soziologische Analyse auf Max Weber.
1917 hatte allerdings der Kapitalismus seine Möglichkeiten noch längst nicht
erschöpft und der Sozialismus die seinen noch kaum zu verwirklichen begonnen -
dennoch sah Weber aufgrund der Strukturen bürokratischer Herrschaft bereits
voraus, dass sich daraus eine ebenso beispiellose und dauerhafte Unterdrückung
der individuellen Selbstbestimmung des Menschen ergeben könnte - wie die
Möglichkeiten der kollektiven Lebensbewältigung geschichtlich beispiellos
wurden.
Man kann sich fragen, ob die Analyse einer Theorie die bald 100
Jahre alt ist noch was bringt. In manchen Fällen, wie dem hier, ja, eindeutig,
denn, wie bei den alten Griechen, waren die Verhältnisse damals noch
übersichtlicher, die Strukturen einsichtig, die Zusammenhänge klarer - und noch
nicht durch einen derartigen Nebel der Komplexität (s. spez.
Netzwerke)
verborgen. Wir leben heute im Resultat dieser damals angelegten Strategien und
sind dadurch ausgezeichnet in der Lage zu beurteilen, was die Theorie brachte -
aber auch, wo ihre Perspektive etwas verschoben war, was besonders auf die
ausschliessliche Ansiedelung der Bürokratie in der Politik zutrifft.
Doch nicht nur die Grundstimmung von Webers Analyse, auch
die Themen, anhand derer er die Problematik zunehmender Bürokratisierung
diskutierte, sind aktuell geblieben: der Gegensatz zwischen politischer
Selbstbestimmung der Menschen und den Ansprüchen eines
nach den Maximen effizienten Funktionierens gesteuerten Apparats; der
Gegensatz zwischen "individualistischer Bewegungsfreiheit" und einem neuen
Leistungskooperativismus.
Man kann hier also eine sehr aktuelle Frage anhängen:
Wie weit sind
Eigenverantwortung und Selbsthilfe noch möglich innerhalb dieser
komplexen Bürokratie, die heute vor allem eine
Wirtschaftsbürokratie ist -
und deren Verwaltungsauftrag nicht lautet, den Allgemeinnutzen
zu fördern,
sondern eben das verwaltete Privateigentum zu mehren?
1 Von Wissenschaft zu Technokratie
Vor etwa 10 Jahren
begann der mediale Hype um die zunehmende Bedeutung des Wissens, ja die
Macht des
Wissens in der Wirtschaft. Nicht mehr Boden, nicht mehr Maschinen, ja nicht
mal mehr Geld sollte DAS entscheidende Kapital sein, sondern Wissen.
Verschwiegen wurde allerdings dabei immer, dass es sich nur um eine sehr
spezifische Art von Wissen handelt:
a)
geschütztes,
geheimes Wissen das verkauft werden kann (Patente) oder produktiv
genutzt werden kann (Innovationen).
b)
Professionalisierung/Spezialisierung/Arbeitsteilung: Wissen,
das direkt und vor allem zur Zielerreichung von Organisationen beitragen kann.
Seither bewegen sich Wirtschaft wie Politik zwischen Skylla und Charybdis: Wo etwa Professionalisierung
übermässig gesteigert wird, droht wachsende Ungleichheit unüberwindbare
Kommunikationslücken zu reissen <> wo Demokratisierung übermässig
gesteigert wird, drohen Fusionen und das Ende jeder sinnvollen Arbeitsteilung.
[S. 174]
1.1 Technik
Die Maschine, präziser das maschinenhafte Denken, hilft nicht
nur die Natur zu beherrschen, sondern man kann damit auch den Menschen in ganz
neuer Weise disziplinieren (s.
Charlie Chaplin:
Modern Times). Man
wird sich diesen "Erfolges" allerdings heute erst bewusst, wenn man nicht bloss
an das Fliessband denkt, sondern an die
Grosse Maschine,
den Markt, den Arbeitsmarkt, der heute bestimmt, wer was darf, kann und
verdient.
Das technische Phänomen lebt von der
Einschmelzung von Theorie, Technik und Praxis
in eine in der Geschichte bisher
unbekannte Eindimensionalität.
Technik ist heute mit Zivilisation identisch geworden:
Produktionstechnik, Organisationstechnik, Humantechnik ... vieles spricht sogar
dafür, dass sie die wissenschaftliche Forschung selbst zu funktionalisieren
beginnt, die damit zu einem Instrument der Technik wird. - Weshalb
Fachhochschulen weitaus erfolgreicher für den Arbeitsmarkt produzieren als
wissenschaftlich orientierte Lehrstätten.
1.2 Technokratie
Denn sie
(Webers Analyse)
zeigt in aller Klarheit dies: Unterwerfung unter die Technik
wird zur Unterwerfung unter die Herrschaft schlechthin; formale
technische Rationalität wird zu materialer politischer
Rationalität. [S. 256]
Bestimmte Zwecke und Interessen der Herrschaft sind nicht
erst nachträglich und von aussen der Technik oktroyiert - sie gehen schon in die
Konstruktion des technischen Apparats selbst ein; die Technik ist jeweils ein
geschichtlich-gesellschaftliches Projekt; in ihr ist projektiert, was eine
Gesellschaft und die sie beherrschenden Interessen mit dem Menschen und mit den
Dingen zu machen gedenken. [S. 267]
Weber (wie sein Interpret Schluchter) befürchtet also die Produktion funktionaler Wertorientierung durch den Apparat
selbst, eine Befürchtung die längst zur Gewissheit geworden ist. (s.
Produktivismus,
Produktionsgesinnung)
Man darf heute unter Technik nun nicht einfach bloss Maschinen,
Strassen, Brücken, Eisenbahnen etc. verstehen, sondern insbesondere die
Betriebsorganisationstechnik, die Kommunikationstechnik, die Finanztechnik - die
zwar meist nicht so genannt werden, aber durch die bevorzugte Ausbildungsweise
an Fachhochschulen ganz klar ihre eher technische als wissenschaftliche,
geschweige denn geistige Unterlage zeigen.
Durch die dominante Ausrichtung auf das Funktionieren, heute vor
allem das wirtschaftliche Funktionieren, gehen andere Prioritäten notgedrungen
unter. (Das Wort <Priorität> hat das eben so in sich. Da das lateinische
prior das Vordere bezeichnet, wirdanderes nach hinten geschoben.) Obwohl unter dem wissenschaftlichen Vater der Okonomie diese noch ein
Teilgebiet der Philosophie, insbesondere der praktischen Philosophie, also der
Ethik war, verweigert sie heute jegliche Verantwortung gegenüber ethischen
Forderungen, denn ihr Hauptziel sei es, zu rentieren.
Moral und Ethik wurden auf das
Abstellgeleise geschoben:
Nicht nur die Organisation des Leistungsprinzips im
Kapitalismus, sondern vor allem seine Materialisierung in der Technik,
insbesondere in den Produktionsmethoden, haben das organische Fundament der
wahren menschlichen Moral verdorben: Will man sie, die im unverfälschten Eros
als dem Trieb zur Solidarität fundiert ist, wiederherstellen, so bedarf es
zugleich einer Revolutionierung der Produktionsmethoden, ja der Technik
insgesamt. [S. 281]
Aber nicht nur die Ethik, auch die Politik wurde entmündigt, vor
allem eine Politik die dem Individuum seine Freiheit garantieren will:
Im Grossbüro führt die durch Technik mit bedingte Zerlegung
und Zentralisation von Arbeitsvollzügen zu einer solchen Strukturarmut, dass die
Hierarchie, trotz ihres Zerfalls als Kooperationsform, als Herrschaftsform
stärker als je zuvor in den Vordergrund dringt.
obwohl andere Entwicklungen möglich wären:
Im mechanisierten und
automatisierten Büro dagegen, das mit
Hollerithmaschinen (ppt)
und Elektronenrechnern arbeitet, scheint in bestimmten Bereichen die Technik
auch die Neustrukturierung der Herrschaftsbeziehungen zu beeinflussen. Die
technische Apparatur formiert hier zunächst auf der Ebene der Arbeitsvollzüge
gleichsam formelle Beziehungsmuster, die ein Mittelding aus teamartiger und
gefügeartiger Kooperation darstellen. Sie haben Einfluss auch auf die
Herrschaftsbeziehungen, die auf der Basis kollegialer Umgangsformen eine
versachlichte Form annehmen, wobei gelegentlich ein esoterisches
Lehrer-Schüler-Verhältnis entsteht.
Wo allerdings einmal ein System die Herrschaft übernommen hat
und weiträumig die Logik definiert, ist es schwer, dagegen anzukommen, denn
etwas anderes zu wollen wäre ja unlogisch, also irrational. Dass sich viele die
gegenwärtige Situation als bleibend wünschen zeigen insbesondere Titel und
Anhänger der Theorie vom <Ende
der Geschichte>: Die beste aller Welten wurde geschaffen, die
Geschichte kann keine Verbesserung mehr bringen. Dogma. Punkt und Schluss.
Problematischer allerdings ist die Situation für die Nicht-Gewinner des Spieles,
die Armen, aber auch die Arbeiter
und Angestellten, die heute die Bauern darstellen auf dem Schachfeld und nach
wie vor leicht geopfert werden für Ziele die nicht die ihren sind: Einsparungen,
Gewinne, globale Konkurrenzfähigkeit = Grösse. Sie bleiben nur frei, relativ
frei, solange die Herrschaftsräume sich weiter ausdehnen lassen, also
Wachstum
herrscht:
In der besonderen historischen Bedingungskonstellation des
Spätkapitalismus übernehmen deshalb Wissenschaft und Technik
antiemanzipatorische Funktionen: Sie fördern, etwa in Gestalt
politischer Theorien, teilweise aktiv die Vorstellung, dass Rationalisierung
des institutionellen Rahmens und damit die Ausdehnung herrschaftsfreier
Diskussion und die Steigerung der Individuierung entweder nur auf Kosten der
Ausdehnung der technischen Verfügungsgewalt möglich oder aber mit dieser
Aussdehnung identisch ist.
Dieser Glaube herrscht heute mehrheitlich und macht die
Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung praktisch unmöglich. Entsprechend
wurde der Begriff Nachhaltigkeit auch längst verballhornt zu
<nachhaltigem
Wachstum>, was eine Unmöglichkeit ist, wenn man darunter jährliche Steigerung von
Produktionszahlen, Verbrauch und damit Abfall meint:
Der Institutionalisierung des technischen Fortschritts
entspricht die Säkularisierung der Weltbilder und ihre Transformation in Ideologien,
die sich nun selbst mit Wissenschaft begründen und deshalb mit Ideologiekritik
gleichursprünglich sind. Im Kapitalismus
hat sich also nach Habermas eine fundamentale Veränderung vollzogen:
Die Interaktionen werden auf Arbeit, der
institutionelle Rahmen auf die Subsysteme zweckrationalen Handelns
funktionalisiert. [S. 296]
Eine von Fachleuten verwaltete Gesellschaft, wie sie der
Idee vom technischen Staat zugrunde liegt, hätte deshalb auch keine Beseitigung
der Politik zur Folge: Politik wäre nur explizit zur Aufgabe des
Wissenschaftlers oder Technikers gemacht. [S. 223]
Gerade dies darf aber nicht
passieren, weil die herrschende Rationalität eine wissenschaftliche ist, also
eine disziplinbezogene, also eine beschränkte ist. Im Gegenteil, man darf und
muss hier den Vertretern dieser Rationalität darauf hinweisen, dass ihr Denken
"beschränkt" ist.
1.3 Technik und Wissenschaft zwischen Anpassungszwang und spielerischer
Freiheit
Die Herrschaft der Technik und der Bürokratie findet ihre
Begründung darin, dass sie, zumindest oberflächlich betrachtet, Dinge
verwalten statt über Menschen zu herrschen. Gehorsam gegenüber sachlichen
Anforderungen ist meist leichter durchzusetzen als persönliche Unterwerfung:
Zwar bedeutet die Verwirklichung von Sachgesetzlichkeiten nicht
schon Verwirklichung von Freiheit, doch steht sie dieser auch nicht entgegen,
weil nicht mehr blindes Schicksal waltet, sondern Eînsicht in die Notwendigkeit.
Mit der Anpassung an die Technologie lässt sich zwar kein höherer
überindividueller Sinn mehr verbinden, kein Kollektivbewusstsein, in dem die
Menschheit sich als freies gesellschaftliches Subjekt konstituiert. Doch
Anpassung an das technische Phänomen ist immer noch bessser als die Unterwerfung
unter willkürliche Befehle von Menschen und zudem Garant für materiellen
Fortschritt, der, wenn schon nicht das gute Leben, so doch gut zu leben gibt.
[S. 220]
Der Glaube an eine sich automatisch einstellende sinnvolle,
positive Entwicklung, wenn man bloss diesen Sachgesetzlichkeiten folgt, ist
allerdings eben wieder ein Glaube, und oft ein Irrglaube. Schluchter macht
darauf aufmerksam, dass es sich eigentlich um eine Wiedereinführung des
Historizismus (Die
Geschichte hat ein Ziel, ist vorherbestimmt, wir können ihr nur folgen, nicht
sie beeinflussen. Eine Art wissenschaftlicher Fatalismus, so ähnlich
den technischen Sachzwängen.) handelt, diesmal einfach durch die Hintertür:
Im Sinne Karl Poppers scheint also der Neo-Saint-Simonismus
auf einer sinnvollen antihistorizistischen Annahme zu basieren: In einer
wissenschaftlichen Zivilisation existiert eine wissenschaftliche Theorie der
geschichtlichen Entwicklung als Grundlage historischer Prognosen nicht. Doch
zieht der Neo-Saint-Simonismus daraus die falsche Folgerung:
Er meint, dass
deshalb für die Praxis nur die Anpassung an die Sachgesetzlichkeiten, an den
besten technischen Weg verbleibt. Damit nimmt er nämlich unterderhand wieder
eine historizistische Wendung. ... Er muss nämlich der menschlichen Vernunft die
Fähigkeit absprechen, von sich aus eine vernünftigere Welt zu schaffen, weil sie
nur das tun kann, was die Entwicklungsgesetzlichkeit des technischen Phänomens
verlangt. Dies aber produziert eine praktische Orientierung, die Aktivismus
mit Fatalismus, Voluntarismus mit Passivismus unreflektiert verbindet, wobei
hier aus kontingenten Gründen der zweiten Komponente der Primat gehört.
Interessanterweise tendiert gerade in unserer Zeit (seit Jahren)
nun auch ein Zweig der Wissenschaft, der (wieder mal) die Philosophie ersetzen
will, zu derartigen Aussagen, nämlich dass der Mensch eigentlich bloss reagier,
aber im Prinzip unfrei sei: Die Hirnforschung. Die Argumentation Schluchters
gegen diesen Fatalismus entspricht so ziemlich meiner gegen das "automatische
Denken", das einige Hirnforscher entdeckt zu haben glauben - und das die
Willensfreiheit in Zweifel zieht:
Damit unterschätzt der
Saint-Simonismus nicht nur die
Bedeutung von Phantasie, Improvisation, ja Spieltrieb für eine der
wissenschaftlichen Zivilisation angemessene regionale Praxis, er zeichnet
auch vom Erkenntnisprozess selber ein faktisches Bild. Erkenntnis lässt sich
selbst in einer in Superstrukturen eingeregelten Wissenschaft letztlich niemals
ohne dauernde Entscheidung gewinnen: Der Erkenntnisvorgang insgesamt ist von
Anfang bis Ende mit Entscheidungen durchsetzt. Die Subjekte können nur am
Leitfaden ihrer Zweifel, Ideen und Vermutungen die Wirklichkeit ins Kreuzverhör
nehmen. [S. 222]
Der Mensch (das Gehirn) ist immer (solange nicht besoffen,
schlafend oder geisteskrank) in der Lage, seine Entscheide anhand
unterschiedlicher Kriterien zu überprüfen und zu unterschiedlichen Ansichten zu
kommen, aus denen er dann relativ frei auswählen kann. Weniger frei allerdings
ist er dort, wo die Freiheit immer lauthals gelobt wird, am Markt, denn durch Verrechtlichung
der Arbeitsbeziehungen und die "Organisation des Fortschritts" beruht Ausbeutung
heute zwar nur noch auf der <friedlichen> Anwendung von Gewalt [S.
25] - ist damit aber beileibe nicht abgeschafft worden:
Denn wiewohl mit der Französischen Revolution das
Ausbeutungsverhältnis weitgehend verrechtlicht wurde und es damit äusserlich
seinen grausamen Charakter verloren hat, bleibt der Arbeiter "körperlich,
geistig und sittlich" ausgebeutet. Zwar ist er formell freier
Vertragspartner, doch muss er die Vertragsbedingungen faktisch bei
Todesstrafe hinnehmen, da er seine tägliche Nahrung nur von der Arbeit des
Vortages erhält.
Durch Abschaffung oder Einschränkung des
Sozialstaates würde genau dieser
Zwang, die Todesstrafe für Verweigerung der Unterwerfung wieder eingeführt.
2 Bürokratie
Bürokratie erfordert:
-
desinteressierte unpersönliche Hingabe an die spezialisierte
Aufgabe, den Auftrag
-
Bereitschaft, sich an die rationalen Bedürfnisse der
komplexen Koordinationsschemata dieser spezialisierten Aufgaben anzupassen.
-
Die rigide Unterwerfung unter die Disziplin, die der Auftrag
erfordert
Motiviert wird sie im Kapitalismus durch das Versprechen unbeschränkter
Geldvermehrung
Bürokratie = Aegyptisierung der Gesellschaft droht:
wenn "eine rein technisch gute und das heisst: eine rationale Beamtenverwaltung und
-versorgung der letzte und einzige Wert", wenn ihnen, mit anderen Worten,
das
effiziente Funktionieren des Systems zum Selbstzweck und Politik zur Anpassung
an vermeintliche Sachgesetzlichkeiten (heute "Sachzwänge" genannt) werden
sollte. ... Denn eine bürokratische Herrschaft auf rationaler Grundlage
könnte die historisch gewordene Gesellschaftsstruktur gleichsam ständisch
einfrieren (...): "durch die Fesselung jedes einzelnen an den Betrieb (...), an
die Klasse (...), und vielleicht einmal künftig an den Beruf (...).
[S. 10]
Bürokratische Herrschaft im
Sinne einer formellen Rationalisierung der Verwaltungsstäbe gilt Weber als
ein zentrales Mittel einer Kulturtradition, die auf Weltbeherrschung zielt.
Sie basiert auf Rechenhaftigkeit und hat die Vorstellung des sich allseitig
(frei) entfaltenden Menschen zugunsten des
Fachmenschentums preisgegeben.
Beides inzwischen erreicht und erwiesen. Investoren beherrschen
die Welt, berechnend, profitierend, gestaltend - ohne gross Rücksicht auf
Demokratie, präziser: ohne überhaupt Rücksicht auf nicht bezahlbare Wünsche
nehmen zu müssen.
2.1 Probleme bürokratischer
Organisation
Nach Michel
Crozier, einem Schüler von
Georges Friedmann,
Beschreibt als Hauptproblem formeller Herrschaft, Sachherrschaft, also eben
Bürokratie, die Rigidität der Organisation:
Denn
die Formalisierung von Herrschaftsbeziehungen bewirkt nicht nur einen
wohltuenden Schutz vor persönlicher Willkür und eine Verminderung persönlicher
Abhängigkeiten, sondern mitunter auch eine Isolation von einzelnen wie von
Untereinheiten der Organisation, die zu einer Art Fragmentierung der
Organisation führen. Diese Fragmentierung hemmt nicht nur den für eine
angemessene Entscheidungstätigkeit notwendigen Informationsfluss, sie produziert
nicht nur eine Art Parzellierung der Loyalitäten, sondern sie
lässt auch relativ
homogene Statusgruppen entstehen. Überhaupt transformiert sich eine
Organisation unter bestimmten Bedingungen in ein organisiertes Interessen-
und Machtgefüge konkurrierender Subsysteme, denen die Bewältigung der von ihnen
selbst produzierten internen Anpassungsprobleme wichtiger ist als die
Bewältigung der mit der Verwirklichung der Organisationsziele in einer sich
verändernden Umwelt gegebenen externen Anpassungsprobleme. > Problem vor
allem mit der Betriebsgrösse:
Transaktionskosten
Diese Art der arbeitsteiligen Gestaltung des
formell-rationalen Entscheidungshandelns als Ausführungshandeln ist nach Weber
präzise, schnell, billig, flexibel und sachlich zugleich.
Eine Beamtenhierarchie
funktioniert deshalb in seinen Augen wie eine Maschine. Ihre technische
Überlegenheit gegenüber allen andern Organisationsformen steht für ihn
<felsenfest, so gut wie die technische Überlegenheit der Arbeitsmaschine
gegenüber der Handarbeit>. [S. 110]
Die innere Flexibilität und damit Lernfähigkeit muss unterentwickelt
bleiben, da das Umschreiben der Ordnung kaum vorgesehen ist und dafür auch meist
keine Strukturen bestehen. Der Bürokratie fehlt das Parlament, sie verfügt nur
über eine Exekutive. (s. Kapitel 2.3) Marx schreibt, noch ohne Kenntniss der sich später
entwickelnden kommunistischen Bürokratie, bereits vom <Parasitärer Charakter der Bürokratie: Jagd nach höheren
Posten, Machen von Karriere > s.
Bildungsillusion
Weber wirft dem Sozialismus vor, er sei von einer Illusion befangen,
dem 1. Paradoxon oder demokratischer Funktionsfehler: Entweder man hat eine
fachlich qualifizierte und anordnende Verwaltung <> oder eine demokratisch
gewählte Dilettantenverwaltung was zu
Leistungsabfall führt:
Er
unterschätzt die Hartnäckigkeit des Konflikts zwischen rentabler Güterproduktion
und ihrer <gerechten> Verteilung in einer leistungsstarken Wirtschaft und
zwischen dem Spezialistentum und dem Selbstbestimmungsanspruch de Mitglieder in
einer leistungsstarken Organisation.
Genau die selbe Illusion pflegt allerdings der Kapitalismus nach
wie vor, obwohl hier die ungleiche und ungerechte Verteilung längst zum Problem
geworden ist und die Spezialisierung inzwischen eine Sockelarbeitslosigkeit von
2.5% erfordert, bloss damit die Wirtschaft nicht ins Stocken kommt.
Dazu kommt das 2. Paradoxon, die materielle Irrationalität:
Es werden nicht Bedürfnisse
befriedigt, sondern bloss zahlungskräftige Bedürfnisse:
Hier fallen die optimale Produktion von
Gütern und die sozialethische Versorgung von Menschen um so weiter auseinander,
je mehr der Markt direkte Intervention zugunsten sozialethischer Belange
(Zusammenhalt, Gerechtigkeit, Humanismus, Menschenwürde etcetc.), d.h. Politik,
verdrängt.
2.2
Arnold
Gehlens Paradoxien der Institutionen
Nach Gehlen hat die Technik, kulturhistorisch gesehen, vor
allem drei Stufen durchlaufen: Sie war zunächst
-
Organersatz (Werkzeug),
dann
-
Organentlastung (Maschine) und ist heute
-
Organüberbietung
(Automat). [S. 210]
Die Institutionen der technisch-wissenschaftlichen
Zivilisation sind im Grunde nur Organisationen, rückwärtsstabilisierte
Zweckgebilde, denen jeder <Apell nach oben> fehlt. Sie reduzieren
sachliches Handeln auf nützliches, zweckrationales Handeln und schieben die
Erfüllung aller höheren Bedürfnisse des Menschen über die Trennung von Arbeit
und Freizeit in den Bereich des Privaten ab. Dies aber bedeutet, dass in der
technischen Kultur den Individuen all jene Aussenhalte fehlen, über die alleine
öffentliche, zweckrationale Gesichtspunkte überschreitende, allgemeine Moral
aufgebaut werden kann. [S. 211]
Danach paaren sich in der Gegenwart etwa eine
zunehmende Naturbeherrschung des Menschen mit seiner wachsenden Weltfremdheit,
seine historisch beispiellose Entlastung vom Kampf ums Dasein mit seiner
Belastung durch freigesetzte und funktionslos gewordene Antriebe
(=
Langeweile), seine
auskristallierte und in ihren Grundbeständen unveränderbar gewordene Welt mit
seinem variantenreichen, aber folgenlosen Subjektivismus. ... Doch anders als
in der archaischen Kultur, verlangen die Institutionen der technischen
Zivilisation kein nach oben weisendes, ideatives Handeln, vermitteln sie nicht
mehr Antriebe und Bedürfnisse in übersubjektive Gesinnungen, sondern lassen sie
frei luxurierend streben, ja, reflektieren sie auf das Individuum, ins Private,
zurück. Der Mensch, so ohne Aussenhalte und damit sich allein überlassend,
tendiert zur Reprimitivierung: Er wird gleichsam sehenden Auges
kulturunfähig und seiner Natur wieder hörig, was seine Entfremdung nur
potenziert. [S. 207/8]
Nach Gehlen sind Institutionen deshalb (Eigengesetzlichkeit)
nicht einfach nützliche Mittel zur Befriedigung
primärer Bedürfnisse des Menschen, sondern Transformationsinstanzen, die kraft
Hintergrundserfüllung Handlungsenergien freisetzen und diese freigesetzten
Energien uch mit verpflichten, also nicht nur Handlungspotential erzeugen,
sondern auch Anknüpfungspunkte und Verhaltens-Unterstützung (behavior support)
höherer Interessen bieten. Voll funktionierende Instutionen sind deshalb
nicht nur rückwärts, sondern auch vorwärts stabilisiert.
Sie haben niemals allein Zweckmässigkeits-, sondern immer auch
Appellcharakter. [S. 209]
Die Ethisierung des Ideals vom Wohlleben ist so auch nicht
geeignet, die in der technischen Kultur freigesetzte Subjektivität zu neuer
kultureller Leistung zu binden. Sie schafft eine antiasketische Atmosphäre,
die nicht auf Konzentration der freigesetzten Energien zur
kulturellen
Arbeit, sondern auf ihre Zerstäubung in Konsum und Genuss gerichtet ist.
[S. 212] s.
Kulturwandel
durch Unterhaltung? Die EVENTualisierung der Nachhaltigkeit.
| Die Illusion des freien Willens in der
Marktgesellschaft: [Christopher Caudwell,
ursprünglich Christopher St. John Spring: Bürgerliche Illusion und
Wirklichkeit. Beiträge zur materialistischen Aesthetik. Ullstein. Buch 3144. Franfurt, Berlin, Wien. 1971.]
Da Zahlen nun wirklich abstrakt, also objektiv sind, werden auch
auf Zahlen - und Zahlungen - basierte Verhältnisse vom Druck der
persönlichen Unterwerfung befreit ... denkt man:
Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen,
patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen
Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpfen,
unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch
übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose harte Zahlung ...
[S. 56]
Allerdings wurde damit bloss ein neues, immer komplexeres,
verwobenes, schwer zu durchschauendes System von Unterwerfung
geschaffen, das sich quasi als Sachzwang äussert:
Der Bürger ist ein Mensch, der an eine angeborene, den freien Willen des
Menschen sichernde Spontaneität glaubt. Er sicht nicht, dass der Mensch nur
insoweit frei ist, als er sich der Beweggründe seiner Handlung bewusst ist - im
Gegensatz zu den unwillkürlichen Reflexhandlungen wie nervöse Krämpfe oder im
Gegensatz zu einer auferzwungenen Handlung bewusst ist - im Gegensatz zu einer
auferzwungenen Handlung, wie ein Stoss in den Rücken. Sich der Beweggründe
bewusst zu sein heisst, sich der Ursache und damit der Notwendigkeit bewusst zu
sein. Aber dagegen protestiert der Bürger, weil ihm der Determinismus die
Antithese zum freien Willen zu sein scheint.
Sich des Beweggrundes bewusst zu sein heisst freien Willen besitzen -
heisst, sich der Notwendigkeit einer Handlung bewusst zu sein. Sich dessen
nicht bewusst zu sein heisst, instinktiv wie ein Tier oder blind wie ein
Mensch zu handeln, der durch einen Stoss in den Rücken vorwärtsgetrieben
wird. Diese Bewusstheit wird nicht durch Innenschau erreicht, sondern in der
Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die dem Menschen ihre Gesetze
enthüllt und ihm die Mittel verschafft, sie bewusst zu nutzen.
Die Weigerung des Bürgers, dies anzuerkennen, läuft parallel zu seiner
Einstellung zur Gesellschaft, in der er frei zu sein glaubt, wenn er frei
von öffentlichen gesellschaftlichen Pflichten ist - frei von den
Beschränkungen des Feudalismus. Aber zur gleichen Zeit fordern die
Bedingungen der kapitalistischen Produktion, dass er in eine Reihe zunehmend
komplizierterer Beziehungen zu seinen Mitmenschen tritt. Sie erscheinen
jedoch als Beziehungen zu einem objektiven, durch die Gesetze von Angebot
und Nachfrage geregelten Markt. Der Bürger sieht sich ihres wahren Wertes
nicht bewusst und weiss nichts von den wirklichen, ihn beherrschenden
Determiniertheiten der Gesellschaft. Aus diesem Grunde ist er unfrei. Er
wird durch blindwirkende Kräfte zugrunde gerichtet; er ist Krisen, Kriegen,
Börsenstürzen und "unfairer" Konkurrenz ausgeliefert. Obwohl er
keineswegs Wert darauf legt, ruft seine Tätigkeit all diese Erscheinungen
hervor. [S. 65]
Soweit ein Mensch das Wesen der Gesellschaft versteht - den
Determinismus, der Bewusstsein und produktive Beziehungen der Menschen
verbindet -, kann er den Zusammenstoss der Gesellschaft mit sich als
Individuum und mit der Natur als gesellschaftliche Kraft beherrschen. Aber
gerade die Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft fordern, dass die
gesellschaftlichen Verhältnisse durch den freien Markt und durch die Formen
der Warenproduktion verschleiert werden, so dass die Beziehungen zwischen
den Menschen als Beziehungen zu Sachen erscheinen. [S. 65] zu Bürokratie
Die Voraussetzung für die Freiheit der bürgerlichen Klasse in der
Feudalgesellschaft ist das Nichtvorhandensein der feudalen Herrschaft.
Die
Voraussetzung für die Freiheit der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft
ist das Nichtvorhandensein der kapitalistischen Herrschaft.
Das ist auch die
Voraussetzung für die Freiheit in einer völlig freien, das heisst klassenlosen
Gesellschaft. [S. 66]
Der Kapitalismus steht auch noch (18. JH.) in der Nähe jener Oekonomie, bei
der "Erhaltung die erste Existenzbedingung ist", und ist noch nicht völlig in
das Stadium eingetreten, in dem er nicht existieren kann, ohne die
Produktionsmittel dauernd zu revolutionieren.
Engels erklärt im Anti-Düring sehr klar den Charakter jeder auf
Warenproduktion gegründeten Gesellschaft: "Aber jede auf Warenproduktion
gegründete Gesellschaft hat das Eigentümliche, dass in ihr die Produzenten die
Herrschaft über ihre eigenen gesellschaftlichen Bedingungen verloren haben. [S.
102]
Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also
die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse
fortwährend zu revolutionieren. ununterbrochene Erschütterung aller
gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die
Bourgeoisieepoche vor allen früheren aus. S. [56]
Durch die Mittel des Marktes stösst der Kapitalist den Mitkapitalisten
hinunter in die Lohnarbeit oder verweist ihn in die Gruppe der zeitweilig
privilegierten 'Gehaltsempfänger'. Der Handwerker von gestern ist der
Fabrikarbeiter von heute. Der Ladenbesitzer von diesem Jahr ist der
Kettenladen-Geschäftsführer vom nächsten Jahr. Vergangene Woche - Besitzer eines
kleinen Geschäfts, heute besoldeter Angestellter eines grossen Trusts: Das ist
der dramatische Prozess, wodurch sich der Kapitalismus selbst revolutioniert.
Der Prozess vollzieht sich durch denselben freien Markt, von dem auch die
Freiheit der Bürger abhängt. Der freie Markt, Garantie des Individualismus und
der Unabhängigkeit, erzeugt das genaue Gegenteil davon - Vertrustung und
Abhängigkeit vom Finanzkapital. Der goldene Boden der lauteren Konkurrenz
erzeugt das genaue Gegenteil von Lauterkeit: Preissenkungen, Kriege, Kartelle,
Monopole, Preisbeeinflussung und vertikale Trusts. [S. 60-61]
Warum Angestellte mit anspruchsvoller Arbeit die
sie erfüllt mehr verdienen als solche, die monotone und/oder schwere
Arbeit verrichten müssen:
a) Der ungelernte Arbeiter: Er muss geistlose, monotone Arbeiten
ausführen, wird am schlechtesten bezahlt und ist nichts als ein Rädchen an einer
grossen Maschine. Er ist der eigentliche Proletarier, die einmalige Schöpfung
des Kapitalismus. Sein Kampf gegen den Kapitalisten ist am härtesten und am
kompromisslosesten, weil seine Arbeit so beschaffen ist, dass er sie umöglich
gern ausführen kann, und so drückt sich seine Empörung darin aus, dass er um
Freizeit kämpft und versucht, seinem widerstrebenden Arbeitgeber jede nur
mögliche Stunde menschenwürdigen Daseins ausserhalb der Fabrik zu entreissen.
... Jede Minute der Freizeit des Arbeiters und jeder Pfennig seines Lohnes
bedeutet eine entsprechende Schmälerung des Profits beim Kapitalisten. Seine
Freiheit ist die Unfreiheit des Kapitalisten und umgekehrt.
b) Der Handwerker: Die Angehörigen dieser Klasse nehmen auf Grund ihrer
persönlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten oder "Schlüssel"positionen als Meister,
Aufseher und Mechaniker oder in Berufen wie dem des Rechtsanwalts, Arztes,
Ingenieurs und Architekten eine besondere Stellung in der kapitalistischen
Produktion ein. Wegen seiner begünstigten Stellung, der Freude an seinem Können
und wegen seines höheren Lohnes gerät der Handwerker oft in einen Gegensatz zum
echten Proletariat. ....
Dennoch verwandelt die Entwicklung der kapitalistischen Produktion den
Handwerker unbarmherzig in einen ungelernten Arbeiter. Die Maschine konkurriert
mit seinen geschickten Händen, verdrängt deren Produkte auf allen Gebieten und
zwingt ihn in die "industrielle Reservearmee" der Arbeitslosen.
Sachzwang I: Daraus ergibt sich die "amüsante" Situation,
dass gut bezahlte mit interessanter Arbeit auch noch über die
Möglichkeit verfügen, ihre Arbeitszeit zu verkürzen und das Leben zu
geniessen - was sie sich allerdings oft gleich selber versauen, da
nur der, der immer im Stress ist, nicht als überflüssig betrachet
wird), diejenigen, die Ferien, kürzere Arbeitszeiten oder frühere
Pensionierung (Bauarbeiter) nötig hätten, sich dies aber nicht
leisten können.
Sachzwang II:
Gründe, keine
besseren Löhne zu bezahlen, gibt es immer und zu jeder Zeit, an
jedem Punkt des zyklischen Konjunkturverlaufs. Hauptgrund ist aber
fast immer die Finanzierung notwendiger Investitionen, Forschung,
Innovation etc. - die von Profiten bezahlt werden, die dank äusserst
ungleicher Verteilung (Pareto) von einigen wenigen, ohne
demokratische Abstützung, frei gemacht werden können. |
2.3 Kontrolle der Bürokratie
(=
Sachpolitik - unter Ausschluss von Layen) - über
Politik
Die Politisierung der modernen Industriegesellschaft scheint
nicht in gleichem Masse von einer Vergesellschaftung der Politik begleitet.
Während staatsferne Zonen anscheinend immer mehr abnehmen, während der
Unterschied zwischen politischem Zentrum und der Peripherie anscheinend obsolet
zu werden beginnt und sich eine ständig steigende Wachstumsraten bedingende
gesamtgesellschaftliche Interessenbefriedigung anscheinend nur über den Aufbau
von <Technostrukturen> erreichen lässt,
die den politischen, industriellen und
militärischen Bereich gleichermassen durchdringen und dadurch zu einer neuen
organisatorischen Superstruktur verschmelzen,
nimmt der politische Einfluss der
einzelnen relativ gesehen ab, sei es objektiv durch Beschränkung seiner
Partizipationsmöglichkeiten, sei es subjektiv, durch freiwilligen Verzicht auf
mögliche Partizipation, der durch die Vorstellung motiviert sein mag,
das
<System> funktioniere nach <Sachgesetzlichkeiten>, die insofern sie <notwendig>
seien, keiner Teilnahme von Laien bedürfen. In dem Masse, wie sich die
Gesellschaft politisiert, die Vergesellschaftung der Politik aber zurückbleibt,
wird offenbar aus demokratisch legitimierter Herrschaft mittels bürokratischer
Verwaltungsstäbe tendenziell Herrschaft der bürokratischen Verwaltungsstäbe, sei
es
Kraft Usurpation der Kompetenz, politische Ziele zu entwerfen, sei es
Kraft Verbreitung eines neuen <Legitimitätsglaubens> an den Wert der
Sachverständigkeit. [S. 12]
Einerseits sind nämlich bürokratische Verwaltungsstäbe zur
Übersetzung demokratisch fundierter Herrschaftsansprüche in den Alltag
unentbehrlich; sie bilden einen zentralen Bestandteil einer
wissenschaftlich-technischen Industriekultur, auf den diese nur bei Strafe ihres
Untergangs verzichten könnte. Anderseits darf aber nach Webers Meinung diese
Einsicht gerade nicht dazu führen, dass diesen Verwaltungsstäben das politische
Feld überlassen wird. Vielmehr geht es darum, ihre Kompetenzen und ihre Aufgaben
so festzulegen, dass sie im Dienste der Selbstbestimmung der Individuen stehen.
Wie einst die Politik der chinesischen Mandarine, dient die
der modernen patentierten Mandarine nicht vernünftiger Weltbeherrschung, sondern
blinder Weltanpassung. Das muss nicht heissen, dass es den Menschen dabei
materiell schlecht ginge. Doch alles ideelle Hinausgreifen über das Gegebene
wäre verpönt und würde im Keime erstickt. Dies meint das Bild vom stahlharten
Gehäuse der Hörigkeit: dass bürokratische Herrschaft den anpassungsbereiten
Ordnungsmenschen will. Und dies meint es auch: dass unter ihr eine total
versäulte Gesellschaft und ein moderner
Leiturgiestaat entstehen.
[S. 117]
Die Wiedereinführung der Fronpflicht und Hörigkeit
wurde von Weber für
möglich gehalten durch ausgreifende Daseinsfürsorge bei Apolitismus der
Bevölkerung. Diese Situation ist mit HartzIV und ähnlichem inzwischen längst
erreicht.
Dieser Leiturgiestaat mit Arbeitsdienstverpflichtung ist nun mit
HartzIV bereits gegeben,
und auch in der Schweiz auf bestem Wege: Kein Geld ohne Gegenleistung (s.
Forum). Denen, die ihre
Kritik am Staat, der ihnen Geld aus den Taschen zieht, am wirksamsten äussern
können, werden die Steuern erlassen - denen, die wegen Restrukturierungen, also
betrieblichem Sparen ohne Rücksicht auf die Volkswirtschaft ihr Einkommen
entzogen wird, werden vom selben Staat zu Fron- und Zwangsarbeit verknurrt.
Laut Schluchter ist
hier ein pluralistisches Modell zwecks Ausgleich nötig, also ganz im Sinne der
ostasiatischen Philosophie: Prinzip und
Gegenprinzip (Yin und Yang) - arbeitendes Parlament <> Staatsbürokratie -
Staatsbürokratie <> politische Führung - plebiszitär bestellte politische
Führung <> Parteibürokratie - Parteibürokratie <> emotionalisiertes Volk.
3 Staat oder <Eigenverantwortung>
und <Selbsthilfe>?
Aus der Sicht der Wirtschaft wird der
Staat eigentlich immer kritisiert, als Bürokratie per se, als ineffizient, als
Innovationverhinderer, als Belastung für Unternehmer, als Umverteiler etc. Diese
Sicht der Wirtschaft hat sich als dominante Weltanschauung so ziemlich
durchgesetzt - obwohl die meisten Bürokraten heute in privaten, nicht in
staatlichen Büros sitzen, obwohl die Zielsetzung der Wirtschaft, insbesondere in
ihrer dominant betriebswirtschaftlichen Ausrichtung, einen grossen Teil der
Wünsche, Probleme, vor allem aber Sinnsuche der Menschen aussen vor lässt.
Obwohl sie die Kosten für betriebliches Sparen dem Staat aufbürdet. Obwohl sie
das unternehmerische Risiko immer stärker auf die Arbeitnehmer verlagert - und
damit wieder auf den Staat, d.h. die Arbeitslosenkassen und die Sozialämter.
Diese Ansicht, der Staat sei DIE ineffiziente Bürokratie, konnte und kann sich relativ leicht durchsetzen, gerade weil die
Wirtschaft mit ihren Ansprüchen heute äusserst rational daherkommt,
scheinrational, denn sie serviert uns ökonomische Theorien als Sachzwänge, gegen
die jeder Verstoss genau so geächtet wird, wie im Mittelalter ein Verstoss gegen
die Normen der Kirche:
Politik im Sinne normativer Willensbildung verliert in der wissenschaftlichen Zivilisation ihre Funktion. Sie gewinnt sogar ausgesprochen dysfunktionale Züge, weil
dort wo technisch-wissenschaftliche Entscheidungen einer demokratischen Willensbildung unterliegen, nur Ineffizienz die Folge sein kann. Damit ändert sich auch die Rolle des Politikers: Er ist nicht länger <Entscheidender> oder <Herrschender>, der Ziele entwirft und sich dafür <Legitimation> verschafft, er ist vielmehr
<Analytiker, Konstrukteur, Planender, Verwirklicher>, der Sachgesetzlichkeiten folgt, die ihre Ziele in sich selbst tragen und nicht mehr Legitimationsbedürftig sind. ... Die Rolle des Politiker reduziert sich auf die des Verwaltungsbeamten,
die Regierung ist ein <Organ der Verwaltung von Sachnotwendigkeiten, das Parlament ein Kontrollorgan für sachliche Richtigkeit.> [S. 198/99]
Die wissenschaftliche Zivilisation kennt keine speziellen Vertreter des
Allgemeininteresses und keine dafür vorgesehenen Positionen, weil die Verwirklichung des Allgemeininteresses im Vollzug der Sachgesetzlichkeiten und damit in der Erfüllung der funktional-spezifischen Tätigkeiten steckt. Für
Schelsky vertreten heute in der Regel nicht mehr die Politiker das Allgemeininteresse, <sondern gerade die Fachleute des wissenschaftlich-technischen Staates. Doch tun sie dies nicht, indem sie sich an einer Art bonum commune orientieren, sondern gleichsam absichtslos, durch die Erfüllung
ihrer funktional-spezifischen und technischen Kompetenz.
Will die Gesellschaft, d.h. präziser die unzähligen kleinen
gesellschaftlichen Organisationen, ihre Bedürfnisse und Interessen weiterhin zum
Tragen bringen, muss sie nicht bloss auf Erhaltung, sondern auf Demokratisierung
der Politik drängen. Das mag absurd tönen, wir leben doch in einer Demokratie,
der besten,
der ältesten, der basisdemokratischsten ... also was soll das? Ganz
einfach, dort wo Politik sich auf die Pflege von Reichtum und Kapital
spezialisiert hat, werden mehr arm und Arme ärmer, weil ihre Interessen von
andern definiert werden - als Eingliederung in den Arbeitsmarkt:
Die demokratische Vertragsordnung ist als Ordnungsmodell in
Schelskys Augen durch die geschichtliche Entwicklung ausser Kraft gesetzt. So
gilt der Kampf der Beseitigung restaurativer Tendenzen im Namen der
Rationalitätsstandards, die eine wissenschaftliche Zivilisation aufnehmen. Denn "die Gefahr" unserer Situation ist doch gerade, dass die unerhörten
technischen Möglichkeiten in der Beherrschung der Welt und der Menschen in die
Hand von Leuten geraten, die sich in ihren Zielen nicht mehr an die von der
wissenschaftlichen Zivilisation geforderte Rationalität binden. [S. 206]
Die Befürchtungen Webers (oder Schluchters) in Hinsicht auf die
staatliche Bürokratie haben sich hingegen kaum verwirklicht, dienen rechten
Wirtschaftsfreiheitspolitikern aber nach wie vor als Argument gegen Staat und
Politik:
Im Rationalisierungsprozess beginnt der Staat nicht nur über
Beschäftigungspolitik, Infrastrukturpolitik, Sozialpolitik, Aussenhandelspolitik
und ähnliches die Steuerung der Wirtschaft und zugleich das Produktionsmittel
Kapital in eigene Regie zu übernehmen, er entzieht auch der Verteilung dieses
Produktionsmittels den Zufälligkeiten des Marktes und unterwirft sie
langristigen Planungsgesichtspunkten. [S. 183]
Verwirklicht hingegen hat sich die Ansicht der Neo-Saint-Simonisten, welche die Ordnung der Zukunft nicht mit der Hierarchie des
Wissens sahen, sondern eher mit einer differenzierten, komplexen Gesellschaft, in der
ein politisches Steuerungszentrum fehlt.
3.1 Der Staat als Besänftiger -
heute die Hauptaufgabe von
Sozialpolitik und
Sozialarbeit
Die von Max Weber im ersten Weltkrieg beobachtete
Notstandsverwaltung mi tendenzieller Totalitarität ist nach seiner Meinung in
der modernen Industriegesellschaft chronisch geworden: Die Bürokratie, die
dem Bürger überwiegend als Leistung fordernde oder als subjektiv berechtigte
Wünsche ablehnende Instanz begegnet und an die er seine Bedürfnisse nach
Sicherheit und Unterhalt adressiert, ist sogar ins Zentrum der
industriegesellschaftlichen Ordnung gerückt. Ohne sie als Koordinations- und
Distributionsinstanz könnte die Industriegesellschaft nicht existieren: Die
zunehmende Verwaltung von Sachen ist mit einer Zunahme der Bürokratie verknüpft.
[S. 218]
Ueber eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik im Verein
mit einer vom Marktmechanismus partiell gelösten staatlichen
Entschädigungspolitik vermag der Spätkapitalismus die Bevölkerung an der
Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft zumindest insoweit teilhaben
zu lassen, als sie für eine Existenz jenseits materieller Not möglich wird.
Diese Art Sozialpolitik erweist sich zudem als eine wirksame Strategie
staatlich unterstützter Kapitalsicherungspolitik. Denn durch sie wird zwar
nicht
die ungleiche Vermögensverteilung beseitigt, wohl aber die ständige Gefahr von
Ueberproduktionskrisen gebannt, denen einst der Frühkapitalismus hilflos
ausgeliefert schien. Eine Kombination aus Einkommenspolitik, Verschleiss-
und Vergeudungsproduktion sowie Bedürfnismanipulation schafft die
Voraussetzungen dafür, dass Angebot und Nachfrage auch bei ständig wachsender
Wirtschaft einigermassen ausgeglichen bleiben. Sofern das Problem der
Ueberproduktion wahrnehmbar wird, erscheint es eher in Gestalt der überflüssigen
Produktion. Diese wird aber nicht notwendig als Mangel, sondern eher als Beweis
für die Effizienz der Produktionsorganisation wahrgenommen. [S. 248]
Der
Spätkapitalismus ist also nicht nur auf die Produktion von
Wohlfahrt, sondern auch auf die Entpolitisierung der Massen angewiesen.
Und in
diesem Zusammenhang erfüllt nun die zur ersten Produktionskraft avancierte
Wissenschaft und Technik angeblich ihre zweite ideologische Funktion. Der Staat
soll, effizient, mit einem Minimum an Mitteln (also ohne gerechten Ausgleich!)
den sozialen Frieden erhalten, die (im Wettbewerb stehende) Gemeinschaft
erhalten, wirkliche "Selbsthilfe" der als Ueberflüssig erklärten verhindern.
Die klassische Trennung von Staat und Gesellschaft, von
Oeffentlichem und Privatem, auf der der bürgerliche Rechtsstaat und die ihm
unterliegende Klassengesellschaft basieren, verliert ihre strukturierende Kraft.
Ein ausserstaatlicher Pluralismus von Grossorganisationen, der
Berechtigungsansprüche formuliert, zwingt den Staat zu einer unklassischen
Operationsform. Sie besteht darin, sich nicht mehr initiativ, sondern nur noch
präventiv zu verhalten. Der Staat wird zum grossen Besänftiger, der das
Sozialprodukt möglichst ohne Setzung von Prioritäten, nach den im
Verbandspluralismus verfestigten Berechtigungsansprüchen verteilt und die vor
allem durch einen immer noch in gewissem Sinne anarchischen Wirtschaftsprozess
produzierten Notstände und gröbsten Ungerechtigkeiten kompensatorisch beseitigt.
[S. 216]
3.2
<Eigenverantwortung> und <Selbsthilfe>
Obwohl "Eigenverantwortung" wie
"Selbsthilfe" vor allem Slogan rechter Parteien sind, sind es gerade diese
Parteien, denen es dann gar nicht recht wäre, würden die Bürger den Slogan
wörtlich nehmen. Das Recht beschränkt nämlich gerade die "Selbsthilfe" auf
Verteidigung bei Notwehr, und schliesst Aktionen gegen das Vermögen mit allem
Nachdruck aus:
3.2.1 Recht:
Eigenmächtiger
Eingriff in einen fremden Rechtsbereich zur
Sicherung oder Durchsetzung eines Anspruchs.
Im bürgerlichen Recht (§ 229 BGB) ist die
Selbsthilfe, besonders die
Wegnahme, Beschädigung
oder Zerstörung einer fremden Sache, die Festnahme
eines fluchtverdächtigen Schuldners, dann nicht
widerrechtlich, wenn Hilfe der Behörden oder
Gerichte nicht rechtzeitig zu erlangen ist und ohne
sofortiges Eingreifen die Gefahr besteht, dass die
Verwirklichung des Anspruchs vereitelt oder
wesentlich erschwert wird.
Die
Selbsthilfe darf nicht weiter gehen, als zur
Abwendung der Gefahr erforderlich ist.
Selbsthilferecht ist auch das Recht des Besitzers,
eine weggenommene bewegliche Sache dem verfolgten
Täter wieder abzunehmen (§ 859 BGB), ferner das
Recht des Grundstücksvermieters (-verpächters) und
des Gastwirtes, die Entfernung der ihrem
gesetzlichen Pfandrecht unterliegenden Sachen zu
verhindern (§§ 562 b, 581, 704 BGB). – Über die
Bedeutung der Selbsthilfe im Strafrecht
Notwehr,
Notstand. – Ähnlich ist das Selbsthilferecht in
Österreich (§§ 19, 344 ABGB) und in der Schweiz
(Artikel 52 Absatz 3 OR; Artikel 926 ZGB)
geregelt.

Interessant hier die Einschränkung, dass
bei Notwehr wohl
andere Personen angegriffen werden dürfen - nie
niemals nicht
aber fremdes Vermögen. Dieses steht wohl höher in
der Wertung als die Personen.
Die Selbsthilfe Armer kann das Problem also nicht
an der Wurzel anpacken, der ungerechten Verteilung
von Vermögen, Arbeit und Einkommen, sondern
allenfalls über <Oeffentlichkeitsarbeit>, bei der
sie natürlich nicht den Bruchteil an Mitteln
aufbringen können, den das Kapital einsetzt, um
seine Interessen und Ideologien zu fördern. Neben
dem Schutz des Eigentums ist es vor allem das
Gewaltmonopol des Staates, das Korrekturen
verhindert. Ungleich den
Raub-Rittern dürfen wir heute dieses Recht nicht
mehr in Anspruch nehmen:
Die Ritterfehde war zuvor ein
konstituierendes und unumstrittenes
Element der mittelalterlichen
Verfassung. Fehden gehörten zum
Rittertum wie die Pfründe zum Pfaffen,
das "Handgeld" zum Politiker und der
Zins zum Kapital.
Die Fehde war das Geschäft, die
Selbsthilfe, die Wahrnehmung der
Eigenverantwortung.
Wo sich allerdings das Gewaltmonopol so langsam
aber sicher gegen eine Mehrheit Betroffener richtet,
sich für eine
kleine und immer reicher werdende Minderheit
einsetzt, könnte der Staat in die Bredouille kommen.
Oder sollen wir wieder das Fehderecht einführen?
3.2.2 Sozialpolitik:
Vielschichtiger
sozialwissenschaftlicher Begriff, der die
Eigeninitiative von Personengruppen zur Verbesserung
der wirtschaftlichen oder sozialen Lage im Gegensatz
zur staatlichen Hilfe »von oben« in den Vordergrund
rückt. Selbsthilfe ist geprägt durch die Merkmale
Autonomie (Aktivitäten werden nicht von einer
Organisationszentrale geleitet, sondern selbst
bestimmt), Selbstgestaltung und Solidarität.
Es wird unterschieden zwischen privater
Selbsthilfe unter Menschen, die ausschließlich sich
selbst helfen, z. B. auf wirtschaftlicher
(Eigenheimbau) oder nachbarschaftlicher Ebene,
und sozialer Selbsthilfe, bei der die
Aktivität der Selbsthilfegruppe über den Kreis der
Betroffenen hinausgeht.
http://lexikon.meyers.de/meyers/Selbsthilfe
Der Selbsthilfegedanke
-
Selbsthilfe bedeutet
-
sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen
-
Eigenverantwortung zu übernehmen
-
gemeinsam mit anderen Betroffenen Probleme
zu bewältigen
-
die praktischen Erfahrungen gleichfalls
Betroffener (für sich) zu nutzen
-
eine Ergänzung zu professionellen
Hilfsangeboten
-
einen wichtigen Bestandteil des Sozial- und
Gesundheitssystems
http://www.arnsberg.de/selbsthilfe/was-ist-das.php
-
Selbsthilfe Prioritär vor Sozialhilfe: BL, BS, BE, GL, GR, LU, NW, SG,
UR, ZG, ZH
-
Organisierte Selbsthilfe
für Behinderte
-
Empowerment durch Selbsthilfe
-
400
Selbsthilfegruppen
und Elterngruppen von A bis Z für die
deutschsprachige Schweiz
Definition des Fachverbandes
Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.
(http://www.dag-shg.de/)
"Selbsthilfegruppen sind
freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von
Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame
Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder
sozialen Problemen richten, von denen sie - entweder
selber oder als Angehörige - betroffen sind. Sie
wollen mit ihrer Arbeit keinen Gewinn
erwirtschaften. Ihr Ziel ist eine Veränderung
ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch
ein Hineinwirken in ihr soziales und politisches
Umfeld.
In der regelmäßigen, oft
wöchentlichen Gruppenarbeit betonen sie
Authentizität, Gleichberechtigung, gemeinsames
Gespräch und gegenseitige Hilfe. Die Gruppe ist
dabei ein Mittel, die äußere (soziale,
gesellschaftliche) und die innere (persönliche,
seelische) Isolation aufzuheben.
Die Ziele von Selbsthilfegruppen richten sich vor
allem auf ihre Mitglieder und nicht auf
Außenstehende; darin unterscheiden sie sich von
anderen Formen des Bürgerengagements.
Selbsthilfegruppen werden nicht von professionellen
Helfern geleitet; manche ziehen jedoch gelegentlich
Experten zu bestimmten Fragestellungen hinzu."
Innen- und
Außenwirkung von
Selbsthilfegruppen
Je
nach den Strukturen und
Zielen einer Gruppe
wirken
Selbsthilfegruppen
sowohl nach innen als
auch nach außen.
-
Während der
Gruppensitzungen finden
meist die Aktivitäten
statt, die nach innen
gerichtet sind und
ausschließlich auf die
Teilnehmer abzielen. Die
Gleichbetroffenheit und
das daraus resultierende
Verständnis
untereinander, nach dem
Motto: "Geteiltes Leid
ist halbes Leid", gibt
den Betroffenen Rückhalt
und Unterstützung und
ebnet so langfristig den
Weg aus der Isolation.
In den Gruppen findet
man heutzutage oft
richtige "Profis", da
das Wissen der
Mitglieder über das
jeweilige Krankheitsbild
mittlerweile weit über
das eines Laien hinaus
geht. Aus diesem Grunde
werden in den Gesprächen
medizinische,
"fachchinesische"
Begriffe eingedeutscht
und erörtert.
Selbsthilfegruppen sind
daher gute Informations-
und Kompetenzträger im
Gesundheitswesen.
-
Je
mehr man in der Gruppe
gelernt hat sich mit
seinem Problem
auseinander zu setzen,
desto leichter fällt es,
sich auch im
alltäglichen Umfeld
mitzuteilen. Auch
Familienmitglieder,
Freunde und Bekannte
können so erheblich
entlastet werden.
-
Selbsthilfegruppen
sorgen durch
gezielte
Öffentlichkeitsarbeit
dafür, dass ein breites
Spektrum der Bevölkerung
über Krankheiten und
soziale Lebenslagen
informiert werden. Durch
diese Art der Aufklärung
gelingt es, präventiv
vorzubeugen und eine
bessere Versorgung zu
gewährleisten. Als
Interessenvertretung
suchen
Selbsthilfegruppen den
Kontakt zu Medien,
Verwaltung und Politik,
in erster Linie aber zu
zuständigen
Institutionen und
Fachleuten, um deren
Dienstleistungen zum
Wohle der Betroffenen zu
verbessern und auf
Defizite hinzuweisen.
Für wen sind
Selbsthilfegruppen
geeignet?
Bei
physischen oder
psychischen Erkrankungen
kann eine
Selbsthilfegruppe nicht
einfach wie ein
Medikament vom
behandelnden Arzt
"verschrieben" werden.
Die Teilnahme an einer
solchen erfolgt absolut
freiwillig und liegt im
Ermessen des
Betroffenen.
Die
Frage der Eignung für
eine Selbsthilfegruppe
hängt zudem nicht
unbedingt von der
Krankheit oder
Lebenslage des
Betroffenen ab, sondern
in erster Linie von
dessen Persönlichkeit,
seiner Lebenseinstellung
und seiner
Lebensgeschichte.
Die
Entscheidung, einer
Selbsthilfegruppe
beizutreten soll hier
durch folgende Fragen*
erleichtert werden:
- Bin ich
überhaupt dazu
bereit, mich mit
meiner Erkrankung
und ihren Folgen
auseinanderzusetzen,
oder möchte sich sie
lieber verdrängen?
- Habe ich
die Hoffnung, selber
etwas zu meiner
Genesung oder
Rehabilitation
beitragen zu können,
oder muss ich nicht
dem Schicksal seinen
Lauf lassen und auf
die Kunst der Ärzte
vertrauen?
- Werden
mir denn andere
Betroffene helfen
können, wo die doch
gleiche oder
vielleicht sogar
noch schlimmere
Probleme haben?
- Werden
die Probleme der
anderen mich nicht
noch zusätzlich
belasten?
- Werde
ich den anderen auch
etwas geben können,
oder denen nur zur
Last fallen?
- Wird man
mich akzeptieren und
in die Gruppe
aufnehmen, oder
werde ich ein
Außenseiter bleiben?
- Was
genau würde ich
eigentlich suchen in
der
Selbsthilfegruppe:
Informationen,
Freizeitgestaltung
oder emotionale und
soziale
Unterstützung?
- Geht es
mir um Reden, oder
um Handeln, oder um
beides?
- Was wird
mein Doktor dazu
sagen?
- Und was
meine Angehörigen?
http://www.arnsberg.de/selbsthilfe/was-ist-das.php
|
Gerade bei steigenden Kosten der
Sozialhilfe ist Selbsthilfe, nach dem christlichen Gebot: Hilf dir selbst,
so hilft dir Gott, äusserst wohlgefällig. Sie hilft sparen - bleibt
aber sozialpolitisch und noch mehr wirtschaftspolitisch absolut wirkungslos.
Unterschiedlichste Selbsthilfegruppen zersplittern ihre Energien in seltsame,
oft sektiererischen Anstrengungen und träumen davon, dass einmal alle durch
göttliches Manna, d.h. eher Steuern auf Reichtum (s. Attac mit der Tobin Tax,
Grundlohn und ähnliches), Gerechtigkeit erfahren. Denkste ... Diese "Selbsthilfe", auf die Menschen
verwiesen werden, denen sonst keiner helfen will, ist eine kastrierte
Selbsthilfe, da sie nie das Uebel an der Wurzel packen darf, sondern bloss, ganz
im Sinne der christlichen Erb- oder Urschuld des Menschen, dieses immer bloss
bei sich selbst suchen - und beheben darf. Diese Art von Selbsthilfe ist
eigentlich gar eine selbstkastrierende Selbsthilfe, da sie jeglicher Aggression,
jedem Angriff, jedem Zorn - gegen andere, und sei er noch so gerecht,
absagt. (s.
Thymos).
Um politisch wirksam zu werden, müssen die einzelnen Gruppen ihre Anliegen so
formulieren, dass sie a) einer Mehrheit verständlich sind und dass b) diese
Mehrheit das Anliegen auch unterstützt, als selbst ein Interesse daran fasst.
All zu kleinkarrierte und detaillierte Spezialwünsche und -Lösungen haben da
keine Chance.
|
<Selbsthilfe> bei Brainworker: |
-
Gute Arbeit II: Nachbarschaftliche und Gemeinschaftliche
Selbsthilfe, Ziel des Sozialismus, gibt es nur mit einen "besseren
Menschen.
-
Sozialarbeit:
Grösstes Problem der Sozialarbeit ist die
Ambivalenz des Doppelmandates, gleichzeitig zu kontrollieren und
zu helfen.
-
Einerseits soll Soziale Arbeit Maßnahmen der
sozialen Kontrolle, der Normalisierung
und Disziplinierung umsetzen.
-
Andererseits und gleichzeitig soll sie
Strategien des „Empowerment",
also der Bemächtigung, der
Hilfe zur Selbsthilfe und
Selbstorganisation, entwickeln.
-
Einerseits soll Soziale Arbeit soziale
Selbstanpassung und Handlungskonformität
vermitteln.
-
Die
Sozialhilfe verfolgt 3 Ziele:
-
materielle Armut verhindern
-
soziale Existenz sichern
-
Reintegration in den
Arbeitsmarkt fördern - also eine
dauerhafte Ablösung von der Sozialhilfe erreichen (Hilfe
zur Selbsthilfe)
Hier wird "Selbsthilfe" also als
Reintegration in den Arbeitsmarkt definiert, obwohl die
meisten ja genau daran gescheitert sind, höchstselbst oder sogar mit
Unterstützung.
-
Was ist Gerechtigkeit - Wer schafft sie?
Primärer Generator für die Produktion und Erhaltung der
Gerechtigkeit, eigentliche Produktionssphäre der Gerechtigkeit
ist die Zivilgesellschaft, der Unterbau von Markt und
Staat: Selbsthilfe, Bürgergesellschaft, Vereine,
Verbände, Bewegungen ... alles, wo sich Freiwilligkeit jenseits
von Markt und Wirtschaft findet
Hier wären also Selbsthilfeorganisationen als Teil der
Gesellschaft gefragt, sich für Gerechtigkeit einzusetzen - aber
eben über den Weg der Politik.
-
Ivan Illichs vernakuläre Produktion (=
Subsistenz)
als Modell echter Selbsthilfe:
Die vernakuläre Produktion nach Illich wäre eben das, was
richtigerweise unter "Selbsthilfe" zu verstehen wäre: Dass
jedes Individuum und jede Gemeinde und jede Region primär sich
um das kümmert, was sie braucht ... und eben nicht darum, was
der Weltmarkt verlangt. Das Musterbeispiel der vernakulären
Produktion ist der Haushalt, in dem Mann und Frau und ev. deren
Eltern und Kinder zum gemeinschaftlichen Leben das beitragen,
was sie können. Und wie die Frauenbewegung seit langem zu zeigen
versucht, wird präzise diese Art von konvivialer Produktion mit
dem Aufkommen der marktorientierten Produktion immer mehr
unterlaufen, zu Lasten derer, deren Beitrag vom Markt nicht in
Geldform gewürdigt wird. Und das ist längst nicht mehr nur die
Arbeit der Hausfrau ....
|
4 Die Wirtschaft und ihre
Feudalherren: Die Manager
Institutionalisierung des Wertes der Sachverständigkeit:
Unter systematischen
Aspekten bringt die Formel (vom Abbau der Regierung über Personen
zugunsten der Verwaltung von Sachen) zum
Ausdruck, dass zwischen Gemeinwohl und Einzelinteresse, zwischen Politik,
Wissenschaft und Technik keine Differenz mehr besteht, dass
wissenschaftliche Erkenntnis als Erkenntnis der Natur zugleich auch
Erkenntnis des Wohls der Menschen bedeutet und dass deshalb jene, die zu
dieser Erkenntnis befähigt sind, für alle verbindlichen Ziele entwerfen und
verwirklichen sollen.
"Wissenschaftliche" Begründung der Technokratie:
Die technischen Mittel haben das Sinnproblem gleichsam in
sich aufgesogen: Der Mensch soll nicht länger etwas sein, was technisch nicht
möglich ist. Die Bedürfnisse im weitesten Sinne wachsen den technischen
Möglichkeiten nach und nicht umgekehrt, und da der Fortschritt in den
Kreislauf einprogrammiert ist, bleibt Veränderung erhalten. Der Mensch kann
aber durch die totale Anpassung an die sekundären Systeme seine moralische
Entfremdung vergessen, weil sich mit der Veränderung der Natur auch die Natur
des Menschen zu verändern scheint. [S. 217]
Sie
(die Technokratie) wird gestützt durch ein neues Statuszuweisungsprinzip:
das Leistungsprinzip.
Wissen ist Macht - nicht nur in normativem Sinne - ihm muss die Position
entsprechen.
Das Problem mit der <Leistung>:
Und gerade hier beisst sich die Katze
in den eigenen Schwanz, denn Leistung ist gerade eben definiert durch die
Erfüllung eines Auftrages, der gegeben wird, der primär anderen Interessen dient
als den eigenen - aber denen der eigene Weg nun "freiwillig" folgen und dienen
soll. Leistung erbringen zu können bedingt einen feudalistischen Treueeid
gegenüber dem Lehensgeber, eine Unterwerfung unter fremde Herrschaft.
Leistung
und Politik widersprechen sich, denn Leistung erfordert den gegebenen Leisten,
nachdem sich jemand zu richten hat - Politik will Leisten, häufig neue Leisten,
formen oder schaffen. Hier kommt dann noch das zweite Selektionsprizip
ausschliessend hinzu. Während dem Leistung in der Politik als Leistung für die
Gesellschaft nicht immer monetär bewertet wird, gilt in der Wirtschaft nur als
Leistung, was sich auszahlt: Je mehr Geld, desto Leistung. (Was umgekehrt nun
gar nicht gilt, denn mehr Arbeit schafft nur noch selten mehr Geld. Die
Tätigkeit von Bauern und im Gastgewerbe wird also immer mehr als "Nebenerwerb",
Hobby, Freizeittätigkeit angesehen.
Aber dennoch basiert seine
Sonderstellung in erster Linie darauf, technische Probleme sachgerecht lösen zu
können, einer Fähigkeit, die eben eine bestimmte Vorbildung verlangt. Der
Manager lebt von einem besonderen Wissen, das weder nur das des modernen
Fachmanns noch das des Geschäftsführers, Finanzkapitalisten oder Aktionärs,
sondern offenbar das eines Organisationsspezialisten ist. Insofern der
Manager auch vom Bürokraten des okkasionell interventionistischen Staates und
vom Politiker eines tendentiell totalen Staates verschieden: Er ist
Experte
für Koordination und Lenkung des Produktionsprozesses. Gesamtgesellschaftlich sucht aber Burnham diese Einengung, die zudem auf einer
unklaren Beschreibung des funktional notwendigen Wissens beruht, wieder zu
lockern. Hier ist die Managerherrschaft letztlich die Herrschaft einer neuen
Bürokratie. Zu ihr sind "Administratoren, Experten, leitende Ingenieure,
Produktionsleiter, Propagandaspezialisten und Technokraten zu rechnen, also
neben den Spezialisten für den Produktionsprozess auch die Spezialisten des
politischen Prozesses.
James
Burnham: Analyse der Managerherrschaft - Danach (marxistische
Denkfiguren) entscheidet die Stellung der gesellschaftlichen Gruppen zu den
Produktionsmitteln letztlich darüber, welche in einer Gesellschaft soziologisch
gesehen die Herrschaft besitzt. Burnham sucht dieses Theorem für seine
Analyse dadurch nutzbar zu machen, dass er die Stellung zu den
Produktionsmitteln nicht in erster Linie als Privateigentum an
Produktionsmitteln, sondern als Kontrolle über den Zugang zu den
Produktionsmitteln interpretiert. ...
Der rationalisierte Grossbetrieb fördert die Tendenz zur
Unterwanderung des tradierten Eigentums: Aufgrund der wachsenden Bedeutung, die Wissenschaft und Technik
für den Produktionsprozess gewinnen, geht dem Kapitalisten die materiale Basis
für seine Herrschaftsansprüche verloren, und sein Eigentum an den
Produktionsmitteln ist zunehmend nur noch "an dem stählernen Faden des Rechts"
festgemacht.
Nach Burnham gelingt es also den Managern, die Kapitalisten zu
enteignen. Es findet ein Bedeutungsverlust des Produktionsmittels Kapital gegenüber dem
Produktionsmittel Wissen statt. Nur wer technisches Wissen besitzt, hat letztlich
Kontrolle über den Produktionsprozess.
Diese Illusion haben die Träges diesen Wissens, die
Ingenieure, inzwischen längst verloren - was die tiefen Studentenquoten
begründet. Sie sind von Erfindern zu Ausführungsgehülfen des Kapitals degradiert
worden. Sie haben das zu erfinden, was Gewinn verspricht. Sie werden
ausgewechselt, sobald neue Technologie aufkommen, mit denen die neuen
Studienabgänger besser vertraut sind als die Alten Hasen. Sie werden
ausgewechselt so rasch die Programme und Verfahren wechseln. Ihre Berufschancen
haben eine Halbwertszeit von der selben Dauern wie ihr Wissen, also von 2 bis 3
Jahren ...
Die Studenten wissen dies bereits. Obwohl sie ebenfalls wissen,
dass die Bildungsrendite bei Fachhochschulen höher ist als bei Universitäten
oder Hochschulen, zögern sie bereits sogar auf Fachhochschulniveau den Master zu
erwerben. Schwärmten die Verantwortlichen von innovativem Konzept, ausgewiesener
Forschungskompentenz, einem qualitativ hochstehenden Angebot zu
zukunftsgerichteten Themen, so fallen dennoch die ersten Anläufe zu einem
Master-Studiengang bei Bau-, Wirtschafts-, Eergie- und Umweltingenieuren ins
Wasser, ebenso Life Science - wegen zu kleiner Anmeldezahlen. Lediglich
Industrielle Technologie und Informatik erreichten eine ausreichende Anzahl an
Bewerbern. Nichtsdestoweniger würden es die Fachhochschulen begrüssen, wenn
statt Mindestzahlen Höchstzahlen gewählt würden, aus Qualitätsgründen ... (Na
ja, nur was knapp ist, ist was wert ...)
4.1.1 Managerherrschaft
| Jede Herrschaft äussert sich und funktioniert als
<Verwaltung>. Darin bestehen die besonderen Vorkehrungen jeder Herrschaft:
Dass ein an Gehorsam gegenüber den Befehlen von Führern gewöhnter, durch
Beteiligung an der Herrschaft und deren Vorteilen an ihrem Bestehen persönlich
interessierter Kreis von Personen sich dauernd zur Verfügung hält und sich in
die Ausübung derjenigen Befehls- und Zwangsgewalten teilt, welche die Erhaltung
der Herrschaft dienen. |
Die Kritik Schluchters an den Managern ist brutal. Gerade aber
weil sie bereits 1972 geschrieben wurde, als der hier theoretisch beschriebene
Typ von Manager noch erst selten vorhanden war, muss sie uns heute zu denken
geben, da wir heute in der hier beschriebenen Situation voll drin sind (s.
Abzockerinititative):
Das Prinzip der Managerherrschaft ist letztlich nicht
Fachgebundenheit, sonder Fachentbundenheit, weil sie in einer Gesellschaft
zunehmender Spezialisierung immer noch universelle Zuständigkeit reklamieren.
Damit aber verhindern sie nicht nur künstlich eine mit zunehmender
Rationalisierung mögliche Versachlichung von Beziehungen, sie deutet auch
bereits versachlichte Beziehungen in Machtbeziehungen um. Die Manager geben den
Herrschaftsbezügen gegenüber den Sachbezügen den Vorrang, und damit wird der
hohe Anteil an versachlichten Funktionen, über die unsere Gesellschaft verfügt
und für die eben der Fachmann zuständig war, durch die Herrschaftsbedürfnisse
der Manager gerade abgebaut; Machtdenken wird in Gebieten ausschlaggebend, die
bis dahin - ein Gewinn unserer modernen zivilisatorischen Ueberlegungen im
Dienste einer sachlich-verselbständigten Aufgabe unterstanden. [S. 195]
Die Manager versuchen nämlich, unter Reklamation von Fachwissen
als einem anerkannten Wert in der Gesellschaft eine Versachlichung aller
gesellschaftlichen Beziehungen zu verhindern, also Herrschaft
aufrechtzuerhalten, wo Verwaltung von Sachen möglich ist.
Der Manager ist der Herrscher - aber, das war wohl weder Weber
noch Schluchter wirklich klar, immer noch im Auftrag des Lehensgebers! Wie jede
Macht kann natürlich auch bloss übertragene Macht missbraucht werden, und sie
wird es:
Die Managerherrschaft schiebt sich gleichsam zwischen Tradition
und Moderne: Sie lässt die Tradition nicht mehr sein, was sie war, und die
Moderne nicht werden, was sie könnte. Gegen die faktische Entwicklung, die auf
Versachlichung, auf Abbau von Herrschaft gerichtet sind, hält sie zwar an der
Formulierung von Herrschaftsansprüchen fest, legitimiert diese jedoch nicht mehr
mit Privateigentum, sondern mit Wissen. Die Managerherrschaft ist restaurativ
insofern, als sie ein Strukturelement der Klassengesellschaft
derLeistungsgesellschaft in deren eigenen Kategorien oktroyiert. Sie muss als
illegitim in doppeltem Sinne gelten: Durch Etablierung neuer Machtverhältnisse entzieht sie den alten Herrschaftsträgern, dem alten Sozialbewusstsein, der alten Rechtsordnung und dem alten Legitimationsprinzip den Boden, sie lässt aber zugleich die Konstruktion eines neuen Sozialbewusstseins, einer neuen Rechtsordnung und eines neuen Legitimationsprinzips nicht zu. Die Managerherrschaft ist deshalb für Schelsky die Herrschaft einer <im Sinne der Legitimität anonyme(n) Gruppe>, sie ist
<maskierte Herrschaft> und darin
<risikolos>. Dies äussert sich vor allem darin, dass es ihr gelingt, die
Verantwortung für alle Fehlschläge <sowohl im Sozialbewusstsein wie in der Rechtsordnung auf die entmachteten Vertreter der Legitimität, seine es Parlamente, Unternehmer oder Fachleute ab(zu)wälzen.> Darin ist sie aber letztlich parasitär.
[S. 195/96]
Nochmals:
Maskierte, risikolose, parasitäre Herrschaft, Vernichtung des
Sozialbewusstseins, Verhinderung eines neuen Sozialbewusstseins und
einer neuen Rechts-Ordnung, einer
guten
Ordnung - dafür steht DIE heute herrschende Bürokratie, die nicht
die Bürokratie des Staates ist, sondern die Bürokratie der Lehensnehmer
des Kapitals. (s.
Feudalismus)
5 Auswege?
Viele politische Soziologen betonen eher ihre
Effizienz, viele Organisationssoziologen eher die Ineffizienz
bürokratischer Herrschaft in der modernen Industriegesellschaft. Während
jene bei wachsendem Widerspruch zwischen Bürokratisierung und Demokratisierung
immerhin die Leistungsfähigkeit eines <technokratischen> politischen Systems
zugestehen, verweisen diese gerade auf die Ineffizienz bürokratischer
Herrschaftsstrukturen und sehen sie unter wachsendem Leistungsdruck in
weniger bürokratisierte, meist partizipative Organisationsformen übergehen.
Des
weitern ist die Wiederherstellung des Lustprinzips nötig (s.
Die
menschlichen Motive). Denn das
Leistungsprinzip ist stark genug, die Triebstruktur dauerhaft zu verderben.
(Geld allerdings noch mehr: s.
Geld
wirkt wie eine Droge auf das Gehirn).
Da das technologische Lebensideal kulturunfähig
ist, müssten wir unser gegenwärtiges, rein geldorientiertes System ähnlich der
Agri-Kultur und Sylvi-Kultur so umwandeln, dass es eine nachhaltige Nutzung (was
Pflege bedeutet) der Natur und der sozialen
Strukturen erlaubt, was politische und rechtliche Vereinbarungen mit Nutzern und
Eigentümern bedingt - wobei die Interessen der Natur und der Gesellschaft
allerdings besser zu vertreten wären als heute (wo für einige Wirtschaftshirsche
sogar das Verbandseinspracherecht zur Disposition steht).
Die interessierten
gesellschaftlichen Organisationen, inklusive der "Selbsthilfeorganisationen",
müssen schlagkräftiger werden, müssen sich hören lassen, müssen wirksam werden -
was allerdings nur möglich ist, wenn sie dialog- und integrationsfähig sind. Im
heutigen Zustand wo jede Pfupforganisation ihr Programm gleich zu DEM
politischen Programm erheben will, ist diese Möglichkeit nicht gegeben.
Marcuse sieht also in den in der Ueberflussgesellschaft
versprengten sensibilisierten Minderheiten die Bewahrer und zugleich die
möglichen Träger des Fortschritts, seine Parole heisst zunächst nicht mehr:
Proletarier aller Länder, sondern: Sensible aller Bereiche vereinigt euch!
Dazu ist freilich mehr als der gute Wille notwendig: Die neue Sensibilität
bedarf des institutionellen Schutzes sowie neuer Organisationsformen, damit sie
sich gegen den versteckten Terrorismus der Ueberflussgesellschaft ausbreiten
kann. Folgerichtig gilt es nach Marcuse vor allem das Erziehungssystem zu
reformieren, insbesondere die Universitäten, die zu Zufluchtsstätten des
unabhängigen Denkens und zu Stätten einer neuen Elitenbildung umzubauen sind.
Dazu muss vor allem die in ihnen geltende Wissenschaftsauffassung revolutioniert
werden, und zwar sowohl inhaltlich wie formal. Inhaltlich gilt es an die
Stelle des Operationalismus die
spekulative Philosophie, die nachtechnische
Vernunft, zu setzen, formal muss man die abstrakte Toleranz beseitigen, die
sich heute vor allem in einem folgenlosen Wissenschaftspluralismus manifestiert.
Wissenschaft und die durch sie getragenen Einrichtungen haben parteiisch,
politisch, Gegenerziehung zu werden, sie haben sich inhaltlich zu entscheiden
für die Humanität. Da diese in der Ueberflussgesellschaft total entstellt ist,
bleibt diese neue politische Erziehung notwendigerweise gegen diese
Ueberflussgesellschaft gerichtet: Sie ist Erziehung im Dienste der wahren
Bedürfnisse und der wahren Moral. [S. 288]
... autsch ...
Wissenschaft als Religion .... Wird im
Schlusswort, im letzten Satz gleich voll zurückgenommen: Es (das
Interesse Webers) äussert sich theoretisch im Plädoyer gegen alte und
neue Formen wissenschaftlicher Gewissheit und damit politisch im Plädoyer gegen
Fatalismus und Intoleranz. [S. 306]
Es ist dieser
moralische Radikalismus Marxens, der seinen Einfluss erklärt; und das
ist, für sich genommen, eine Tatsache, die zu Hoffnungen Anlass gibt.
Dieser moralische Radikalismus ist noch immer lebendig. Es ist unsere
Aufgabe, ihn lebendig zu erhalten, ihn davor zu bewahren, dass er den
Weg geht, den der politische Radikalismus wird gehen müssen. Der
wissenschaftliche Marxismus ist tot. Sein Gefühl für soziale
Verantwortlichkeit und seine Liebe für die Freiheit müssen weiterleben.
[S. 300]
[Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
Bd. II. Bern 1970. S. 259]
Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, Basel, 8.8.08
p.s: Dass der Schluss etwas links tönt muss Sie nicht
erschrecken. Denn wo rechts kritisiert wird landet man halt meist bei links.
Notwendig wäre allerdings was Neues, was Lustvolleres, was, das auf die echten
Bedürfnisse der Menschen (s. 2. Paradoxon) eingeht und ihnen diese nicht erst einredet, was beim
Kapitalismus genau so der Fall ist wie dereinst im Sozio- und Kommunismus.
Ein System das andere Ziele, Werte, Motive und
Intentionen
erlaubt als blosse Geldvermehrung.