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Post-Moderne Soziologie: Vom unverständlichen Soziologenslang der 68er zur Neofaselitis

[Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1856. Frankfurt a.M. 2007]

Stammesgesellschaft und das Problem <Sprache>

Vor 4 Millionen Jahren, so Darwin, begannen die Menschen miteinander zu sprechen [S. 156] - Laut Baecker. Laut Evolutionsgeschichte hat sich das Sprachvermögen allerdings erst in den letzten 200'000 Jahren entwickelt.Hier darum auch bereits eine kleine Warnung: Baecker schreibt und redet offenbar viel und gerne - dummerweise aber auch oft von Dingen die er nicht ganz mitbekommen hat wie dem Fall hier - oder gar nicht begriffen hat, wie die Sache mit Spencer-Browns Gesetz der Form, auf dem das ganze Büchlein eigentlich beruht. Irgendwo bei der Lektüre kriegt man dann den Verdacht, dass die Soziologie, die nie so ganz als "echte Wissenschaft" Anerkennung fand, hier wieder mal versucht gut zu tönen wie in meiner Generation über einen postmodern hohlen Sophismus. Hier hätten wir dann eine neue Generation des strangespeak, die ich Neofaselitis bezeichne (was ebenfalls sehr gut in die Postmoderne passt. s. auch Konfettidialog und Collage).

Die Folgen der Sprache: Die Entstehung von Kultur-en (s. Geschichte der Sprachen und Schriften)

Die Stammesgesellschaft, getragen vom Problem, das freie Wort so zu kontrollieren, dass der Status aller Beteiligten keinen Schaden erleidet (es muss geregelt werden, wer wann worüber mit welchem Anspruch spricht), ritualisiert die Organisation der Arbeit.

Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur, die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft. Jedes neue Verbreitungsmedium konfrontiert die Gesellschaft mit neuen und überschüssigen Möglichkeiten der Kommunikation, für deren selektive Handhabung die bisherige Struktur und Kultur der Gesellschaft nicht ausreicht. [S. 7]

In jeder dieser Katastrophen (Einführung von Schrift, Buchdruck) explodierte der von der Gesellschaft zu bearbeitende Ueberschuss und es mussten  - so die einschlägige These von Niklaus Luhman - Kulturformen gefunden werden, die es ermöglichen, diesen Ueberschusssinn nach Bedarf und Fähigkeit entweder selektiv abzulehnen oder positiv aufzunehmen.

Schrift und Druck und Computer: Die selektive Bewältigung von Ueberschussinn

Dirk Baecker sieht in der Webgesellschaft vor allem das Problem des überschüssigen Sinnes durch überschüssige Kommunikation, in der sich der/die Einzelne nicht mehr zurechtfinden kann:

Denn wie gesagt, unsere These ist ja, dass die Computergesellschaft sich sozial vor allem dadurch auszeichnen wird, dass Kommunikation in ihr nicht mehr nur durch die Teilnahme von Menschen mit ihrem Körper und ihrem Bewusstsein, sondern auch durch die Teilnahme von ebenso gedächtniskontrollierten, also undurchschaubaren und unvorhersehbaren Computern gekennzeichnet ist. Dann aber denkt der Mensch an sich und entdeckt seine zutiefst prekäre Seite. [S. 91]

Doch diese Moderne hat begonnen, sich zu verabschieden, seit sich die Computer vernetzten und uns mit einem Tempo der Urteilsfindung und Schlussfolgerung konfrontierten, denen wir an den Bildschirmen der Designer und Wertepapieranalysten, Mediziner und Naturforscher, Soldaten und Profiler allererst noch gerecht werden müssen. [S. 112]

Was also in Mitleidenschaft gezogen wird ist a) die Uebersicht und b) die Einsicht, vor allem weil die Zeit fehlt, sich mit den Dingen wirklich gründlich zu befassen, d.h. ihnen auf den Grund zu gehen, Gründe zu suchen.

Von Aristoteles' Teleologie über Luhmann's System zu Spencer-Brown's Grenzbildung

Anders als heute, hatte nach Aristoteles noch alles seinen Platz (telos) in der Gesellschaft, in Uebereinstimmung mit der Seele des Individuums, der Gerechtigkeit, der Stadt - und Harmonie des Kosmos:

Luhmanns These ist es, dass die Kulturform, die den Umgang mit der Schrift ermöglicht, die von Aristoteles eingeführte Ordnungsfigur der Teleologie ist; die Kulturform des Buchdrucks ist die von Descartes eingeführte Ordnungsfigur der unruhigen Selbstreferenz beziehungsweise des Gleichgewichts  (eine Formel der Abstraktion von Inhalten und der Zuspitzung auf die Funktion des Vertrauens in die Bewältigung von Störungen); und die Kulturform des Computers ist die von George Spencer-Brown eingeführte Ordnungsform der Zweiseitenform. S. 35

Der Schamane muss den Philosophen weichen, jenen Autoritäten, die die Autorität der von der Schriftgesellschaft institutionalisierten Plätze, Zwecke und Ziele (telos) verwalten, indem sie Möglichkeiten vorhalten, über sie, sei es wahr oder sophistisch, sei es tragisch oder komisch, zu disponieren.

Jedes Ding, jeder Mensch und jede Zeit verdient ihr Telos, aber dies doch nur in Verknüpfung, in Assimilation und Akkommodation an alle anderen. Deswegen müssen die Zwecke und Plätze gewechselt werden können, müssen modifiziert und transformiert werden können, ohne dass dies einen grundsätzlichen Zweifel an Ordnung der Zwecke und Plätze selbst weckt. Deswegen wird, abhängig von der Kontrolle der Schrift und orientiert an den Exempeln der Rhetorik, das Argument zur wichtigsten Form des Wissens, und zwar nicht irgendeines, sondern nur das, das den sophistischen Test (das eigentliche Vehikel der Wahrheit, so Platons Sophistes) und den geometrischen Beweis bestanden hat. Es muss widerspruchstauglich sein; damit erhält es seinen Ritterschlag zur Befähigung zur Kommunikation, und es muss im Zweifel empirisch vorfürbar sein; damit hält es den Kontakt zur Physis.

Aber über die Zwecke und Plätze der Gesellschaft weiss nur Bescheid, wer sich durch sie nicht gebunden fühlt und wer auch deswegen, wie exemplarisch für Sokrates galt, einen scharfen Blick für das freie Spiel des Geldes und der Mach, der Liebe und der Kunst in den vermeintlich festen Hierarchien der Gesellschaft hat. [S. 133]

Etwas verständlicher: Ziele der Gesellschaft und Mittel, mit entsprechender Achtung (Bezahlung) der Tätigkeit, unterliegen einem enorm breiten und tiefen Spiel der gesamten Gesellschaft, so dass es nur sehr schwer verständlich ist, was da überhaupt abläuft, insbesondere wenn man mitten drin steckt. Nur der neutrale Beobachter kann den Ueberblick behalten - stellt sich aber gerade dadurch ausserhalb der gegebenen Plätze und Zwecke, womit er die Hierarchien umdeutet, was die klassische Funktion des Zynismus (in seiner Urform als Kynismus) war - und ist.

Wissenschaft, Argument und Kritik

Zudem auch hier schon wieder ein Muster extremer Faselitis, denn telos bedeutet auf Griechisch nicht Platz, sondern Ziel. Die Teleologie ist also eine zielgerichtete Orientierung, im Gegensatz zu einer kausalen, welche "Wissenschaftlichkeit" dominiert:

Der Schrift verdanken wir die Kulturform Teleologie. Die Gesellschaft kam mit der Explosion kommunikativer Möglichkeiten über die mündliche Kommunikation unter Anwesenden hinaus erst zurecht, als Aristoteles die Idee hatte, dass man jedes nur denkbare Sinnangebot der Prüfung unterziehen kann, welches Ziel es verfolgt, welchem Zweck es dient und welche geeigneten oder ungeeigneten Mittel es anwendet. [S.14]

Dieses System wurde, allerdings nur als extrem verengtes, perfektioniert in der Wirtschaft, mit entspr. Ueberbewertung des Zieles Wertvermehrung, Geldwertvermehrung.)

In der modernen Buchdruckgesellschaft erhält die Wissenschaft die Funktion der Einübung in die Funktion der Kritik. Die Buchdruckgesellschaft konfrontiert sich selbst mit der pervasiven Möglichkeit der Kritik, indem sie die Schriften massenhaft verbreitet und damit in allen Situationen mit der Möglichkeit aufwartet, dass Teilnehmer bereits gelesen haben (vornehmlich abweichende Meinungen, wie kontextirrelevant diese auch gewesen sein mögen) und sich gegenseitig aus der Perspepektive beobachten, dass auch der andere gelesen hat. ... Denn längst sind die Gründe abweichende Meinungen zu entwickeln, in einer politisch und wirtschaftlich und daher auch religiös und künstlerisch komplexer werdenden Gesellschaft viel zu verschieden und zu zahlreich, um noch dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft unterworfen werden zu können; es sei denn - schwächste Form der Aufklärung -, es gehe nur noch darum, die Diversität der Meinungen mit darauf zugeschnittener Toleranz zur Kenntnis zu nehmen. [S. 135]

Den zweiten Teil dieses Paragraphen werden wir noch vertiefen müssen, denn er zeigt eigentlich die Ursache und die Wirkung der Postmoderne: Kein Ueberblick, keine Ahnung, keine wirklich verlässliche und objektive Möglichkeit, Einzelinteressen und -Meinungen zu einem Ganzen zu verbinden. s. Meine Meinung - Deine Meinung - Volksmeinung.

Die aristokratische Gesellschaft

Die aristokratische Gesellschaft ist ein Ergebnis der Einführung der Schrift. Sie ist die Form, in der kontrolliert wird, welchen Einfluss ein schriftlich fixierter Sinn (Quittung, Gutschein, Verträge, Gesetzestexte, heilige Schrift) auf eine soziale Situation haben kann. Die Organisation von Arbeit ist jetzt die Organisation von Herrschaft.

Das ändert sich erst mit der modernen Gesellschaft. Der Buchdruck bringt die Ordnung der Zwecke durcheinander. Wenn massenhaft auf sich möglicherweise widersprechende, aber systematisch vergleichbare Literatur zurückgegriffen werden kann, verfällt der Zweck der Hierarchien den widersprüchlichen Meinungen der so genannten Oeffentlichkeit und muss von der bisher dominierenden Sozialordnung der Gesellschaft auf eine Sachordnung umgestellt werden, die mit den dann notwendigerweise komplex werdenden Sachverhalten den kritischen Meinungen genügend Anhaltspunkte liefert. Erst jetzt wird die Organisation der Arbeit zu einer formalen Organisation, die in allen drei Hinsichten der Sozial-, Sach- und Zeitordnung des Sinns beginnt, Variationsspielräume zu schaffen, auszunutzen und zu begrenzen. [S 67-68]

Freiheit und Unruhe der bürgerlichen Gesellschaft

Die Zielsetzung der Menschen änderte sich nach und nach, vom reinen Ueberleben hin zum Streben nach dem ewigen Leben, oder nach Macht, Erkenntnis, Lust, Geld, gutes Leben ... whatsoever. Der möglichen Ziele, also der Freiheiten, sind viele, was allerdings auch zu einigen Problemen führt:

Keine Organisation jedoch, keine Bürokratie, keine Planwirtschaft im Kleinen und keine Planwirtschaft im Grossen ist der gesellschaftlichen Unruhe gewachsen. Stattdessen bürgert sich der Name der Freiheit für sie ein. Das war jedoch erst möglich, nachdem Descartes auf der Grundlage von Ueberlegungen von Montaigne, Pascal und anderen auf die Idee gekommen war, sich von der Unruhe nicht mehr erschrecken zu lassen, sondern sie zum Material und zum Garanten individueller Beweglichkeit zu machen. "Cogito, ergo sum": Was immer dir widerfährt, Angenehmes und Unangenehmes, beziehe es auf dich und sei dir darüber im Klaren, dass es dich im Moment zu dem macht, wer und was du bist, ohne dabei auszuschliessen, dass dir gleich anschliessend wieder etwas widerfährt, für das dasselbe gilt. Der Gedanke ist philosophisch anspruchsvoll und unterliegt bis heute jedem denkbaren Verdacht. Was wird aus der Identität? Gibt es nichts Wesentliches? Wo bleibt die Substanz?

Auch die Organisation von Unternehmen und Bürokratien verlässt sich auf dieses Ordnungsprinzip, das darin besteht, die aus Aktenvorgängen, Investitionsrechnungen, Personalentwicklungen, Marktbeobachtungen und Entscheidungsvorlagen gewonnene Unruhe in ein Kalkül umzumünzen, das herauszufinden erlaubt, wie es weitergeht. Die Frage nach Zweck und Mittel wird hier zu einem Material unter anderem. Sie wird von Betriebswirten zur internen und vor allem externen Beruhigung hochgehalten, obwohl jeder weiss, dass aus hihr keine einzige Strategie abgeleitet werden kann.

Kein anderes Mittel als der Verweis auf Kosten und Nutzen kann innerhalb einer Organisation mit so durchschlagendem Erfolg benutzt werden, um Entscheidungen zu begründen ode abzulehnen, Projekte zu beginnen oder abzubrechen. Alle anderen Organisationen, die wir kennen, also Kirchen, Universitäten, Armeen, Behörden, Gerichte, Krankenhäuser und Theater, werden mit den Mitteln von Professionsideologien gestaltet und gelenkt, die auf einer inhaltlichen Ebene trennscharf sind, denen es jedoch schwerfällt, Anfang und Ende ihrer Vorhaben zu unterscheiden und durchzusetzen. [S. 19]

Hier sieht Baecker nun doch die Möglichkeit einer vielseitigeren Entfaltung:

Die nächste Gesellschaft wird eine Gesellschaft sein, die die feudale Ordnung der Tradition ebenso hinter sich gelassen hat wie die funktionale Differenzierung der Moderne.  Natürlich wird es nach wie vor soziale Ungleichheit und soziale Schichten geben. Und nach wie vor wird man zwischen wirtschaftlichem, politischem, religiösem, wissenschaftlichem, erzieherischem, künstlerischem, rechtlichem und familiärem Handeln unterscheiden können. Aber zugleich werden diese Muster zu Elementen einer Form gesellschaftlicher Selbstorganisation, die sowohl auf der mikrologischen als auch auf der makrologischen Ebene sehr viel mehr Variation zulässt, als wir es bisher gewohnt sind. Es werden Imperien entstehen und wieder verschwinden, es wird Milieus der Lebensführung geben, die niemand sich bisher vorstellen kann, es werden soziale Bewegungen attraktiv und wieder unattraktiv, es werden sKrankheiten drohen, ihre Opfer fordern und bekämpft werden, es werden Sekten Anhänger finden und wieder verlieren, es werden Schulen gegründet und wieder aufgelöst werden, die wir uns im Moment nicht vorstellen können. Die innovativen Unternehmen der nächsten Gesellschaft jedoch werden auf sie vorbereitet sein.

Wie kann ihnen das Gelingen?

Die innovativen Unternehmen der nächsten Gesellschaft werden sich von der unruhigen Selbstgewissheit verabschieden, dass ihr Schicksal ausschliesslich in der Wirtschaft beschlossen ist, das heisst sich auf Märkten entscheidet, auf denen mit Wettbewerbern um die Nachfrage zahlungskräftiger Kunden konkurriert wird. Das Schicksal der Unternehmen entscheidet sich einerseits hier, auf den Märkten der Wirtschaft, aber es entscheidet sich gleichzeitig auch in den Labors der Wissenschaft, in den Gebetshallen der Kirchen, in den Sälen der Gerichte, in den Hinterzimmern der Politik und in den Redaktionen der Zeitungen, Fernsehanstalten und Internetportalbetreiber.[S. 21/22]

Sie werden lernen, dass es nur eine Form der wirksamen Kontrolle gibt, nämlich die Bereitschaft, sich von denen kontrollieren zu lassen, die man kontrollieren will. In diesem Punkt immerhin sind Machiavelli, die Netzwerksoziologie und die Kybernetik einer Meinung. [S. 23]

Das macht aber ein Gelingen nicht wahrscheinlicher, sondern schwieriger. Masse wird zum Gebot - die Masse kann aber ebenso zum Schafott werden.

Wirtschaft - und der Drang zur Vereinfachung

Der Oekonom Armen A. Alchian hat festgestellt, dass nichts uniformierter macht als die Ungewissheit, die man miteinander teilt. [S. 25]

Je unverstellter de soziologische Blick entworfen wird, desto verständlicher wird es, dass die Gesellschaft eine starke Präferenz für Konventionen und Routinen hat, für die alle erforderlichen Anpassungskosten bereits aufgebracht worden sind. Das schliesst es nicht aus, auch für Innovationen zu plädieren, macht jedoch deutlich, dass auch diese nur dann und nur insofern Akzeptanz finden, wenn sie konventionalisiert und routinisiert vonstattengehen und erwartet werden können. Die Arbeit an der Innovation folgt ihrerseits den gesellschaftlichen Gesetzen der Arbeit.

Wir ruinieren ein Material, mit dem man auch etwas anderes machen könnte, wir treiben Raubbau an unseren eigenen Kräften, wir verletzen unsere Kollegen und deren sehr viel bessere Ideen und belästigen eine Gesellschaft mit unseren Initiativen, die nicht weiss, wie sie mit diesen fertig werden soll.

Arbeit

Arbeiten ist gefährlich. Man setzt neue Produkte in die Welt, die zunächst einmal niemand braucht.  ... Dass unsre Gesellschaft als eine Arbeitsgesellschaft organisiert ist, ist eine optische Täuschung. In Wirklichkeit haben wir es mit einer Arbeitsverhinderungsgesellschaft zu tun. Der Trick liegt darin, die Reduktion der Arbeit auf nur relativ wenige Formen (Landarbeit, Fabrikarbeit, Büroarbeit, Werkstattarbeit) so streng durchzuführen, dass damit eine ausserordentliche Komplexität von Arbeitsverhältnissen, Arbeitsverfahren und Arbeitsprodukten erzeugt und in jedem einzelnen Schritt kontrolliert werden kann. Jede einzelne Arbeit hat sich gegen ihre Verhinderung aus welcher Richtung auch immer erst durchsetzen müssen. Darin liegt ihre Erfolgsbedingung.

> Reichtum ist Verfügungszeit über die Arbeitszeit anderer. Arbeit kann also erst als Arbeit gelten, wenn sie von den andern als gleichwertig betrachtet wird, wenn also Geld dafür bezahlt wird, und die "Ungleichwertigkeit" ausgleicht.

Mit dramatischen Folgen wird auch die Arbeit selbst zum Sachverhalt. Sie muss sich kritisch befragen lassen und übersteht diese Kritik nur, indem sie mit der Selbstverwirklichung des Individuums (ein weiterer Sachverhalt, verstanden als die Bildung des Menschen) verknüpft wird, und sei es auch nur über das Argument, dass man nur mithilfe von Arbeit dem Schicksal der Armut entfliehen und reich werden könne. Das platziert die Unruhe in der Moderne im Herzen des Individuums und damit im Herzen der Arbeit. Arbeiten wird jetzt im Wesentlichen eine ständige Auseinandersetzung mit der Kritik an der Arbeit, sei es dass man innerhalb des Betriebs laufend mit der vom Management ausgebeuteten Einsicht konfrontiert wird, auf suboptimale Art und Weise zu suboptimalen Ergebnissen zu kommen, sei es, dass man selbst zu der Einsicht kommt, dass die jeweilige Arbeit dem Ziel der Selbstverwirklichung nicht wirklich genügt. [S. 68]

Die Verknüpfung mit der Selbstverwirklichung ist nicht wirklich neu, denn Beruf heisst ja so, weil er als Berufung aufgefasst wurde, also als die (einzige) Erwerbstätigkeit für die ein Mensch geschaffen ist.

Arbeit muss sich jetzt, als sei das neu, daran messen lassen, wie viel Kapital ("Mehrwert") sie hervorbringt und welches Kapital ("Produktivkraft") sie profitabel zu nutzen versteht. Und umgekehrt zählt als Kapital nur genau jenes Vermögen, das "arbeitet", indem es von der Arbeit in der Arbeit eingesetzt wird. [S. 69]

Wer mit dem Computer arbeitet, wird schneller als ihm lieb ist, vor allem darin zum Experten, den unzureichenden Expertenstatus aller anderen zu durchschauen. [S. 70]

Was die Verbindung des Einzelnen mit dem Ganzen betrifft, oder anders ausgedrückt, die Passung mit dem System, so erwähnt Baecker vor allem Parsons: Talcott Parsons entwickelt wie kein Zweiter einen präzisen Blick für die Notwendigkeit, zwischen den Anforderungen und Versprechungen des Betriebs, der Familie, der Politik und der Kultur eine prekäre Balance aufrechtzuerhalten, die Lohn gegen Arbeitskraft, Produkte gegen Preise, Steuern gegen Konsens und Gewinnstreben gegen soziale Balance setzt und aufrechnet.

Sein Büchlein baut aber vor allem auf Spencer-Brown:

Spencer-Brown: Das Gesetz der Form

Spencer-Brown zeigt keine "Zweiseitenform", sondern grenzt die Form als Inhalt ab von dem was eben nicht Inhalt ist, markierten Bereich von nicht markiertem, System von Umwelt, also relativ banal.

Spencer-Brown wird hier hochgradig überschätzt, denn er begründet eine Logik der Separation, der Agrenzung von bezeichnet/unbezeichnet (System/Umwelt) die vor allem hilft zu vergessen, dass und was durch Benennung wie durch Organisation ausgegrenzt wird, also eine Warnung, das Ganze nicht zu vergessen, die Umwelt mit dem System mitzutragen, sich nicht zu lange auf Externalisierung von Kosten zu verlassen, denn auch eine übersehene Umwelt existiert, und rächt sich. Die Beispiele die Baker auf den folgenden Seiten bringt zeigen auch, dass er den Sinn der Formgesetze überhaupt nicht begriffen hat - oder vielmehr eine äusserst eigene Konstruktion entwickelt hat, die jedoch mit Spencer-Brown nicht zu tun hat, denn dessen Anliegen war die Grenzziehung, die aber zwischen Motivation und Mitgliedschaft in der Netzwerkorganisation, oder Risiko und Rationalität in der Organisation doch eher seltsam sind, denn es gibt Mitgliedschaft mit unterschiedlichen Motivationen, aber nicht als Widerspruch; ebenso ist Risiko bei aller Rationalität immer möglich.

Problematisch ist heute weniger, sich abzusondern, eine Spezialtruppe zu bilden, sondern Anschluss an die Systeme zu finden, die Lebensnotwendiges erzeugen, also z.B. Löhne. Problem ist nicht die Abgrenzung, wofür Spencer-Brown einzig steht, sondern der Anschluss, die Passung.

> Das Problem hochgradig differenzierter Organisation - ohne Ziel und Gesamtsinn (aussser der Vermögensvermehrung) haben wir schon, hätten wir vermutlich aber auch ohne Computer. Baecker sieht hieraus eine Population von Kontrollprojekten erwachsen, die sich gegenseitig ergänzen, durchkreuzen und sonst wie in Anspruch nehmen. Und Oekologie als Nachbarschaftsverhältniss. So weit so gut.

Mobilität und Ueberlebensnischen: Die Dominanz der Projektform - insbesondere als Kontrollprojekte

Das Weltbild dieser Gesellschaft stellt sich um auf eine ökologische Ordnung der Nachbarschaft, der keine prästabilisierte Harmonie, kein Supersystem, keine übergreifende Hierarchisierung ihrer Regeln und ihr Mass gibt, sondern nur die Frage, in welchen Nischen wer und was ein Ueberleben hat. Die Kulturform hierfür ist nicht mehr die Grenze, sondern die Form selber, insofern diese in der Fassung, die der Formbegriff bei Spencer-Brown erhält, die Suche nach operativen Anschlüssen auf der Innenseite mit der mitlaufenden Beobachtung einer unbestimmten, aber nach Bedarf bestimmbaren Aussenseite kombiniert. [S. 171]

Auch hier wird der Formbegriff massloss überstrapaziert. Die "Ueberlebensnische" braucht Anschluss an andere Systeme, vor allem an ein Finanzierungssystem irgendwelcher Art, und da Finanzierung meist vom gesellschaftlich wahrgenommenen Sinn einer Aktivität abhängt, auch an das Gesellschaftssystem - oder zumindest einige bedeutende Teile desselben. "Anschlüsse auf der Innenseite", die mit Elementen ausserhalb, also der "unbestimmten, aber nach Bedarf bestimmbaren Aussenseite" zu vernetzen ist, wäre eben die Schaffung eines neuen Systems, und das überschreitet nun mal Kompetenz und Möglichkeiten eines jeden autopoietischen Systems. Bewusstsein über die gezogene Grenze hilft, verhilft aber noch lange nicht zur Kenntnis der Räume, die jenseits der Grenzen des eigenen Systems liegen. Der Kompromiss heisst also "lernen", kennenlernen einer weiteren Welt und ihrer Gesetze für eine beschränkte Zeit - was sich eben Projekt nennt. Unter dem zunehmenden Zeitdruck der allseitigen und andauernden Veränderung von allem und jedem, bleibt kein System, sondern nur noch Projekte - in denen wir (fast) alle zu Praktikanten werden. Die generation p zeigt wie das geht - und auch wie das nicht geht, denn so kann es nicht all zu lange weiter gehen. Die Ingenieure (meist nicht die dümmsten) haben längst gemerkt, dass sie für den Aufwand ihrer Ausbildung im Arbeitsleben kaum entschädigt werden, aber dafür um so mehr unter dauerndem Druck stehen, immer grad was anderes zu wissen als sie bereits wissen, immer grad eine andere Erfahrung vorweisen zu sollen, als diejenigen, die sie haben. Wer also in dieser Welt am besten durchkommt, ist der Ueberflieger, der sich kommunikativ verkaufen kann, das Projekt zu dem Erfolg bringt, der sich verkaufen lässt, aber rechtzeitig in ein neues Projekt umsteigt:

Mobilität wird in der nächsten Gesellschaft zum Vermögen der Begründung neuer Kontrollprojekte. Darin stimmen die gängigen Aufrufe zu Kreativität, Innovation und Reform in der Hoffnung überein, ausgerechnet in den Projekten der Posse eine neue revolutionäre Energie orten zu können. Mobil ist, wer das eine Projekt verlassen und im anderen anheuern kann, so er oder sie ein neues Projekt nicht selbst begründet. Der entscheidende Punkt ist, auf Kontrolle mit Kontrolle uzu reagieren und dies noch nicht einmal als Reaktion zu begreifen. Alle Funktionssysteme der modernen Gesellschaft taugen hierfür als Vorbilder, werden jedoch jetzt zu den unwahrscheinlichsten Projekten kombiniert, so dass man Politik und Wirtschaft, Kunst und Erziehung, Wissenschaft und Religion zwar noch unterscheiden kann, aber doch auch zur Kenntnis nehmen muss, dass in der sozialen Bewegung, im bürgerlichen Engagement, in der Verschwörung gegen den Kunstmarkt, im Glauben an die Wissenschaft das eine vom anderen nur um den Preis des Projekts zu trennen ist. [S. 172]

DER inhärente Kontrollmechanismus ist die Finanzierung, also Geld.

Die postmoderne Familie und ihre Rollenbilder

Die Familie der nächsten Gesellschaft hat es, das ist wenig überraschend, sowohl schwer als auch leicht. sie hat es schwer, weil es in dieser nächsten Gesellschaft von Projekten ("Possen") nur so wimmelt, in denen jene Individualisierungschancen angeboten und prozessiert werden, auf die Personen in ihrer Suche nach Aufbruch und Heimkehr angewiesen sind. Damit gerät die Familie unter einen neuen Konkurrenzdruck, dem sie umso weniger gewachsen ist, als sie in ihrer biologischen Reproduktionsfunktion immer leichter zu ersetzen ist. Die Familie hat es aber auch leicht, weil es einfach ist, im Medium derselben sozialen Formen, die ihr Konkurrenz machen, familienähnliche Strukturen zu reinstallieren, das heisst Partner zu suchen und zu finden, Kinder zu zeugen, zu bekommen und aufzuziehen und sich um die Alten zu kümmern.

Der Absatz erscheint in Anbetracht zunehmender AlleinerzieherInnen mehr als lässig, nämlich fahrlässig-hohles Palaver. (click Bild rechts). Netzwerke sind kein Familienersatz. Insbesondere wirkt sich das Fehlen männlicher Vorbilder (auch mit den entsprechenden oft wenig vorbildhaften Verhaltensweisen) in der vorwiegend weiblichen Alleinerziehung sowie in der von weiblichen Arbeitskräften dominierten Schule, insbesondere Unterstufe, als äusserst nachteilig aus für den männlichen Anteil der Jugendlichen.

Die nächste Familie der nächsten Gesellschaft wird, wenn die Anzeichen nicht trügen, ihre Form ähnlich wie in der bürgerlichen Familie im Versuch einer Kombination von Geselligkeit und Intimität haben, die das Verlassen der Familie und den Wiedereintritt quasi in jedem beliebigen Moment ermöglichen. Das ähnelt der bürgerlichen Familie, weil auch diese eine soziale Emanzipationsform war, eine Form der Emanzipation sowohl von den formellen Interaktionsmustern der Adelsgesellschaft als auch von den Milieugebundenheiten der Bauern-, Arbeiter- und Handwerkerfamilien. Wer in einer bürgerlichen Familie aufwuchst, wusste sich auf die Anforderungen einer grösseren Gesellschaft genauso gut vorbereitet wie auf das Aushalten und Pflegen von Intimität, so sehr dann auch die Unwahrscheinlichkeit der Konstruktion in einer Arbeitsteilung zwischen dem Mann, der sich draussen bewähren, und der Frau, die drinnen für Wärme sorgen musste, aufgefangen wurde. Genauso wichtig für diese Arbeitsteilung war jedoch, dass die Frau Verständnis für den Mann und der Mann Verständnis für die Frau hatte. Man hatte es mit komplementären Rollenerwartungen zu tun, in denen die Frau dem Mann beibringen konnte, was es hiess, Mann zu sein, und der Mann (meist ungeschickter) der Frau beibringen oder zumindest ermöglichen konnte, Frau zu sein. ...Die gesamte Gesellschaft musste ihm mit einem Frauenbild zur Seite springen, dass der Frau kaum eine andere Chance liess, als sich der Aufaben anzunehmen, die ihr der Mann auf sich gestellt schon lange nicht mehr schmackhaft machen konnte.

Dummerweise haben wir heute überhaupt kein taugliches Bild mehr. Männer sollten, nach vielen Frauen, besser als Kastraten auf die Welt kommen, bei Bedarf allenfalls so ein Ding anschrauben können. Frauen, denken sich vielen Männer, sollten vielleicht auch wissen was sie überhaupt wollen, dies um so mehr, je lauter sie nach Selbstverwirklichung rufen. Ich will alles! mag zwar literarisch gut tönen, ist aber im irdischen Bereich und als Lebensziel doch eine eher dämliche Aussage.

s. Postmoderne These: Matriarchat, Postmoderne Antithese: Patriarchat, Postmoderne Synthese: Die teuflische Mitte

Schule, Universität und Forschung

Es ist zunächst einmal keine Frage, dass sich die Universität seit der griechischen Akademie über die mittelalterlichen Hochschulen für Theologie und Recht und über die Ausbildungstätte für Lehrer und andere Staatsbeamte des 19. Jahrhunderts bis zur Massenuniversität unsrer Tage erheblich gewandelt hat. Nicht uninteressant ist dabei, wie sich Leitdisziplinen oder Leitwissenschaften etablieren und wieder verschwinden, die die Aufgabe haben, für das Universelle, das Uebergreifende und damit auch dem politischen und wirtschaftlichen Zugriff Entzogenen Sorge zu tragen und geradezustehen. Das ist, als Inbegriff aller Schriftgelehrsamkeit, zunächst die Philosophie, wird dann die Theologie, die den Zugriff der Kirche auf die Universität sowohl sicherstellt als auch in Grenzen hält, indem sie sich, eine Art unfreiwilliger Geburtshelfer der Naturwissenschaften, am Vorbild der wissenschaftlichen Argumentation und nicht nur an der Religionslehre orientiert, und werden schliesslich die Naturwissenschaften, die zusammen mit den Ingenieurwissenschaften im 19. Jahrhundert von der Reputation der Universitäten im Dienst der Beamtenausbildung profitieren, die Wirtschaftswissenschaften hinter sich herziehen und die Geisteswissenschaften inklusive der Philosophie zunehmend in die Verteidigungshaltung zwingen. [S. 101]

Haupteffekt der Schule:

Was wir in der Schule lernen, so Dreeben, ist nicht das Wissen, das uns die Lehrer beibringen, sondern den Vergleich ganz unnatürlich zu Alterkohorten zusammengefassten und ebenso unnatürlich auf Lob und Tadel des Lehrers geeichten Schüler untereinander - mit unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft, wie Luhmann hinzufügte, die es mit den unvorhersehbaren Sozialisationseffekten dieser Form von Konkurrenz im Klassenzimmer zu tun bekommt. [S. 105]

Bologna: Auf den ersten Blick passiert in der Tat nichts anderes, als dass mit heisser Nadel enige tausend Bachelor- und Masterstudiengänge gestrickt werden, die sich händeringend an möglichst konkreten Berufsaussichten orientieren, damit die Verkürzung auf drei oder vier (Bachelor) bis fünf (Bachelor plus Master) Jahre Studienzeit gerechtfertigt werden kann. [S. 99]

Wer promoviert wird, darf jetzt als jemand gelten, de sich willig oder unwillig in jene soziale Struktur der Wissenschaft eingefunden hat, die Wahrheit und Unwahrheit nur dem Erleben anheim stellt, jedoch darauf verzichtet, daraus Konsequenzen für das Handeln zu ziehen.[S. 135]

Das versteckte Curriculum nicht nur der Promotion, sondern der ganzen Wissenschaft ist die Einübung in jenes Expertentum, das zu jeder Expertenmeinung eine Gegenmeinung kennt und das deswegen dazu zwingt, jeden Experten aus der Perspektive eines weiteren Experten zu Beobachten. [S. 136] Das war und ist allerdings bei den Korangelehrten genau so ...

Aufgabe der Wissenschaften: Schaffen nicht nur von Wissen, sondern von Projekten für die Gesellschaft, mit der Gesellschaft

In ihrer Untersuchung über die "amerikanische Universität" haben Talcott Parsons und Gerald M. Platt die Universität als "Intelligenzbank" der Gesellschaft beschrieben. [S. 137]

Niemand wird bezweifeln, dass vor allem die Wirtschaft, die Politik, die Kunst und die Religion gegenwärtig interessante Alternativen für die Investition von Wissensinteressierten bieten. Anwendungsforschung in der Industrie, Problemanalysen in Parteien, Parlamenten und Einrichtungen sozialer Bewegungen, Protokolle gesellschaftlicher Befindlichkeiten in der Literatur, im Theater, im Kino und in der bildenden Kunst sowie die Sinnsuche von Kirchen und Sekten sind attraktiv genug, um intelligenten Leuten Anlagechancen für ihre Neugier, ihre Lust an der Problemstellung und ihren Forschungswillen zu bieten.

So weit so gut, das ist sinnvoll, vor allem weil nicht nur die Wirtschaft als Motor von Wachstum und Stellen vorkommt. Problematisch allerdings bleibt der Mangel an ganzheitlicher Orientierung und Dauer. Projekte aller Art kommen und gehen, und genau wie im Journalismus kommt an einem Tag was auf, woran sich am nächsten, spätestens übernächsten, schon kaum mehr jemand erinnert. Für eine nachhaltige Entwicklung, in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kunst ist das allerdings keine Perspektive. Wir müssen wieder wissen, was gilt - und wo wir frei entscheiden können, wie weit diese freien Entscheide gehen können und dürfen. Nachdrücklich hat sich dies in den letzten 2 Jahren gerade anhand des Leitsystems gezeigt, anhand der Störungen der Gesamtentwicklung durch Fehlentwicklungen in der Finanzbranche. Auch dort handelt es sich, insbesondere bei strukturierten Produkten, nur um kurzfristige Projekte - die allerdings andere Projekte, vor allem langfristige Projekte, ziemlich in Mittleidenschaft ziehen können.

Als Resultat der Lektüre von Baecker bleibt vielleicht doch, dass man vielleicht ab und zu mal versuchen sollte, die Entwicklung als Resultat all der ko- und kontraproduktiv wirkenden Projekte von Einzelnen, von Privaten, von Firmen, von Konglomeraten, von Staaten und internationalen Verbänden zu sehen. Allerdings könnte auch sein, dass einem dabei bloss aufgeht, warum die Welt sich so chaotisch zu entwickeln scheint. ... Allerdings: Im Chaos ist die höchste Freiheit, kein Ziel, kein Zweck, kein Resultat, keine Richtung - nur freies Getümel.

Projekte sind, wenn sie nur marktwirtschaftlichen Prinzipien gehorchen, nicht entwicklungstauglich, insbesondere nicht tauglich als Lebensprojekt (früher noch Beruf genannt, was immerhin was mit Berufung zu tun hat). Kapitalismus (oder eine andere Form von Markt-Wirtschaft) muss neben dem Gewinnprinzip auch andere Prinzipien als Steuerungselemente aufnehmen können, eben präzise das, was mit der unsichtbaren Hand in den letzten 200 Jahren immer unsichtbarer wurde.

Martin Herzog, Basel, 20.6.2010