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Sozialfürsorge, Sozialhilfe, Sozialarbeit - und die working poor

 

Der Begriff Sozialstaat ist eigentlich ein banaler Pleonasmus, denn ein Staat der sich nicht für die Lösung sozialer Probleme einsetzt ist ein Staat der bloss den herrschenden Kräften hilft, also ein überflüssiger Staat.

Ein Staat, der den Reichen hilft noch reicher zu werden, und die Armen hängen lässt (zweideutig gemeint), kann sich nur so lange auf demokratische Mehrheit stützen, als die Mehrheit sich durch die Medien an der Nase herum führen lässt.

In der Schweiz hatten wir bereits 2004 ca. 200'000 Arbeitslose, 300'000 IV-Bezüger (davon 50% aus psychischen Gründen, davon wiederum ein vermutlich hoher Teil auf Grund von Mobbing und anderer Schwierigkeiten am Arbeitsplatz) + 200'000 working poor. Die Profite der Schweizer Firmen stiegen 2005 um 18% - die Arbeitslosigkeit und anderen Formen des Ausschlusses blieben gleich. Seit nunmehr 15 Jahren eignen sich die Firmen fast den gesamten erarbeiteten Mehrwert als Kapitalwert an - während die Löhne stagnieren und die Arbeitslosigkeit auch bei boomender Konjunktur so hoch bleibt wie in den Spitzenjahren 96/97. [s. Vergleich SMI-Löhne- Arbeitslosigkeit]

In Deutschland hat der Anteil der Armen laut des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) von 13% (1998) auf 15.3% (2003) zugenommen. Bundesweit sind inzwischen über 1 Million Kinder auf Sozialhife angewiesen. Zudem sind die Aussichten von Kindern aus der Unterschicht zu studieren 4 x geringer als bei solchen aus der Oberschicht. Akademikerkinder sind kaum arbeitslos - Hauptschüler ohne Abschluss praktisch chancenlos. Auch hier schafft sich die Wirtschaft ihre Invaliden selbst ... über die sie sich dann auf der Kostenseite beklagt.

Wir können aber anhand der gut dokumentierten Entwicklung in Basel sehen, was passiert ist. Während 2000-2002 die Anzahl der Sozialhilfebedürftigen zwar abnahm, blieben die Gesamtkosten konstant, d.h. dass sie pro Kopf anstiegen, d.h. dass einzelne länger von der Sozialhilfe abhängig bleiben.


Dies zeigt sich deutlich, wenn wir statt der Totalausgaben die Ausgaben pro Kopf aufzeichnen.

Die (laut Gewinnen und Börsenzahlen), boomende Wirtschaft hatte 2005 einzig einen kleinen Effekt auf ein bisschen weniger - aber trotzdem - ansteigende Sozialausgaben pro Kopf. Diese sind mit 14'000 Fr. noch nicht ganz am Limit (600 für Wohnung, 800 für Lebenshaltungskosten = 1400 pro Kopf = 16'800), aber nicht weit weg davon. D.h, wenn man zusammen lebende Familien mit einbezieht, vermutlich eben doch. s. skos_Richtlinien.

Luzern und Zürich hatten beim Boom zwar einen etwas stärkeren Rückgang zu verzeichnen, 2003 wirkte sich dort aber im präzise selben Mass aus wie in Basel.


http://www.verlag-fuchs.ch/unterricht/meinungsbildung/Sozialfuersorge.pdf

Das Problem zeigt sich vor allem in der Westschweiz, wo man sich auf die Gemeinschaft verlässt ohne gleich einen Minderwertigkeitskomplex zu kriegen - und in den Städten, wo viele ganz einfach keine andere Möglichkeit mehr haben, ist einmal kein Geld mehr da um Strom und Miete zu bezahlen.


http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/13/22/press.Document.76998.pdf#search=%22statistik%20dauer%20sozialhilfe%20basel%22


Anteilmässig führend bei den Sozialhilfeabhängigen ist Basel, gefolgt von Waadt-Neuenburg, und, mit den grössten absoluten Zahlen, Zürich. Aber auch in Genf und Bern ist das Problem bereits ein beträchtliches - während man sich auf dem Lande nach wie vor lieber von einem Bruchteil des Existenzminimums lebt, oder sich des Karabiners bedient, um das Problem zu lösen.

Generell wird ein hoher Anteil an Arbeitslosen oder Sozialhilfeabhängigen entweder fehlenden Strukturen - oder fehlender Anpassungsfähigkeit/-Willen zugeschrieben. Insbesondere in den Städten wird gegenüber der Landschaft eine gewisse "Verweichlichung" postuliert, die durch mehr Härte im Ungang mit "solchen" zu korrigieren wäre. Ein genereller Faktor der zu immer höherer Arbeitslosigkeit in der arbeitsteiligen Gesellschaft führt wird gerne verschwiegen: der zunehmende Mismatch zwischen Angebot und Nachfrage, der natürlich den "dummen und faulen" Arbeitern in die Schuhe geschoben wird. Gerade Basel zeigt aber, dass hier noch ganz andere Kräfte am Werk sind:

Basel zeigt einerseits eine überproportional positive Entwicklung des BIP seit 1990, übertrifft die Schweiz stark. - Andererseits allerdings auch in Sachen Sozialhilfeabhängigkeit. (s.o.)
 

Basel übertrifft mit seinem BIP pro Kopf nicht bloss die Schweiz, sondern die meisten Grosstädte der Welt. (Zürich-Stadt dürfte allerdings auf ähnlichem Niveau liegen). Warum hat also Basel-Stadt dennoch die höchste Sozialhilfequote der Schweiz?
 

In die Abhängigkeit von der Sozialhilfe geraten ja alle, die sich über eigene Erwerbstätigkeit nicht mehr ausreichend finanzieren können. Im Normalfall sollten dies eigentlich bloss Alte, Kranke und Behinderte sein.

Was hindert also so viele Basler daran, sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen zu können?

Das liegt vor allem an der sehr einseitigen Ausrichtung der Wirtschaft - im Falle Basels auf Chemie und Farma. Wer nicht in dieses Umfeld passt hat ein bisschen Probleme, da die meisten andern Branchen entsprechend untervertreten sind in Basel.
 

Am besten lässt sich das Problem anhand der Beveridge-Kurve erklären:

Die Graphik rechts stammt aus Die Volkswirtschaft, 11-2008: Peter Stalder: Personenfreizügigkeit: Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum. S. 7-11:

Arbeitsmärkte (wie andere Märkte) bestehen aus einer Vielzahl von Mikromärkten (wirtschaftlichen Biotopen quasi). Durch die Freizügigkeit erweitern sich die Märkte und die Vielfalt, die strukturelle Arbeitslosigkeit durch "mismatch" nimmt also ab.

Je enger der Raum, desto weniger Vielfalt an Biotopen, desto weniger "Passfähigkeit" (match, fit: s. survival of the fittest ... mehr ist da nicht. Fit ist der passende, nicht der sportliche), d.h. desto mehr unbesetzte Stellen trotz hoher Arbeitslosigkeit. Basel hat also zwar EIN sehr grosses und attraktives Biotop - ermangelt aber der Vielfalt, was hier genau zum umgekehrten Resultat (etwa im Vergleich mit Zürich oder gar der Schweiz) wie bei der Darstellung führt, nämlich zu höherer struktureller Arbeitslosigkeit.

Im übrigen dürfte auch diese Graphik betr. Freizügigkeit geschönt sein, denn Arbeitsmärkte sind nur offen für hochqualifizierte Spezialisten - mit entsprechenden Sprachkenntnissen - denen entprechende (passende, fitting) Biotope zur Verfügung stehen.  Kaum aber für Lieschen Müller und John Doe. Die werden dann bloss als Lohndrücker eingesetzt ... und tragen eben zur Verstärkung der Situation wie in Basel bei. Erschwerend kommt hier dazu, dass Basel zwar für Grenzgänger aus Deutschland und Frankreich (Elsass) äusserst attraktiv ist, dank der hohen Löhne, umgekehrt das Umfeld von Basel für dessen Bewohner aber eben, aus den selben Gründen, nicht, denn mit einem elsässer Lohn lässt sich in Basel nicht leben.

Verstärkend kommt hinzu: Obwohl Ausländer am stärksten betroffen sind, haben viele, die auf Unterstützung angewiesen wären jedoch Angst sich zu melden, da sie sonst die Aufenthaltsbewilligung  (C, ja sogar B) verlieren könnten.

Generell gilt, d.h. für die ganze Schweiz: Würden sich alle working poor und andere Armen bei der Sozialhilfe melden, die weniger verdienen als das Existenzminimum, die Ausgaben würden sich in etwa verdreifachen. Das beinhaltet einerseits das Risiko eines Kollapses des Sozialstaates - wäre andererseits aber vielleicht auch eine Möglichkeit, dem Staat klar zu machen, was seine Aufgabe ist - und dass er die nicht betriebswirtschaftlich, durch Ausschluss unrentabler, durch Verlagerung ins Ausland und dergleichen lösen kann - sondern Eigenverantwortung primär da gefordert werden muss, wo auch das Potential dafür, sprich Geld, vorhanden ist (s. Fazit CSR: corporate citicenship & soziale Unternehmer). Sieht man sich allerdings die Abstimmungsresultate zum neuen Ausländergesetz und zum Asylgesetz an, so kommt man um den Verdacht nicht herum, dass sich die Mehrheit der Schweizer nach wie vor auf einer Insel der Glückseligen wähnen, die es vor Zuwanderung zu schützen gilt. Sie vergessen dabei, dass eine exportorientierte Nation mehr vom Ausland abhängt als eine autonome Ökonomie mit ausgeglichenen Handelsstrukturen.

Die Sozialhilfequote ist eindeutig von der Grösse der Gemeinde/Stadt abhängig. Gott behüte uns also vor den global gigacities ....


Hier findet sich vermutlich auch der wichtigste Grund dafür, warum die Schweiz überaltert und am Schrumpfen ist. Ein Kind ist eine Investition in der Höhe von 1/2 bis zu 1 Million Fr. - und ist damit der Hauptgrund für Unterstützungsbedarf. Wenn sich eine Gesellschaft keine Kinder mehr leisten kann, dann verdient sie es wohl, einzugehen.

Weitere Armutsrisiken sind:


Folgende Graphik wird ebenfalls durch Alleinerziehende dominiert. Sie stellt die effektive und gefühlte Benachteiligung bestimmter Klassen dar. Bei allen Werten die auf der Diagonale von unten links nach oben rechts liegen, entspricht die subjektiv empfundene Benachteiligung objektiv messbarer Benachteiligung. Die Graphik sollte all denen gezeigt werden, die von überbordernder Anspruchshaltung der Gesellschaft reden, denn gäbe es das Problem wirklich, währen sämtliche Werte oberhalb der Diagonalen. Die Verhältnisse sind aber genau umgekehrt. Objektiv benachteiligte gesellschaftliche Schichten, wie Hilfskräfte, Tessiner, Kinderreiche Familien, fühlen sich offenbar weit besser als sie objektiv sollten. Dürfte daran liegen, dass man ihnen dauernd einredet, sie seien selber schuld und sie hätten ja die Wahl (zumindest mal gehabt).

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/einkommen_und_lebensqualitaet/lebensqualitaet/blank/analysen__berichte/01.Document.65958.html

Die Zahlen dazu:

Was die Verweildauer in der sozialen Abhängigkeit betrifft, so ist a) relativ erfreulich, dass die Hälfte weniger als ein Jahr auf Unterstützung angewiesen sind. Aber b) wäre eine zeitliche Entwicklung von Interesse. Ich tippe auf dauernd zunehmende Bezugsdauer, nebst steigenden Fallzahlen. Werd' mich um Zahlen kümmern ..

Für die gesamte Schweiz bedeuten die 123'731 Fälle mit 218'147 Betroffenen (Abhängigen, Kindern von Sozialabhängigen ... auch das gibt's, doppelte Abhängigkeit ...), dass 3% der Bevölkerung ihre Existenz nicht (mehr) durch Arbeit sichern können.

Die Arbeitslosigkeit müsste also statt  3 bis 4% auch in der Schweiz mit mindestens 7% beziffert werden.

Zahlen u. Berichte s. Dossier Sozialhilfe, BfS http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/13/03/03/dos/01.html

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.Document.77005.pdf
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/13/03/03/dos/01.html

Problemlösung

Die Gründe für die Beendigung der Sozialhilfeabhängigkeit sind leider nicht überzeugend. nur knapp ein Drittel kann seine Erwerbssituation so weit verbessern, dass ein Bezug überflüssig wird. Ein weiteres Drittel wechselt die Kasse und das letzte den Wohnort ... oder verschwindet irgendwie, vermutlich ab und zu eben in die "Transzendenz". Mehr "Härte" dürfte vor allem diese "Abgänge" fördern.


 

Working poor und weitere Randexistenzen ... als Subjekte der Sozialhilfe und Sozialarbeit

Wissenschaftliche Projekte und PR für Entwicklungsorganisationen - aber keine Lösungen.

Definition working poor in Kurzform:

Trotz Einkommen kein Auskommen
 - selbst bei bescheidenstem Lebensstil.

Das Büchlein bezieht sich immer noch auf die Statistik des Büro BASS von 1999, als das Thema voll im Schwang war, getrieben durch Carlo Köpfel, Caritas. 1999: 7.5%. Seltsamerweise gibt es seither keine Erhebungen über diejenigen, die den Boom von 2000 durchstehen mussten ohne an eine Stelle zu kommen, und noch weniger über die letzten 3 Jahre des Wirtschaftsbooms, der fast ohne Senkung der Arbeitslosigkeit durchgezogen wurde. Während der smi wieder die Höhe des Spitzenjahres 2000 erreichte, verbleibt die Arbeitslosigkeit ebenfalls seit 3 Jahren auf der Höhe der Spitzenjahre 97/98.

Insbesondere wird noch nirgends in der Schweiz auf das Problem der generation p eingegangen. Während politische und wirtschaftliche Führungskräfte von "selbstverantwortlichen Modellen" faseln, die nebst der 1. 2. und 3. Säule nun noch für eine 4. Säule (na ja, 3c) zur Deckung der Gesundheitskosten gespart werden soll, bleibt "unten" immer mehr Menschen nicht mal genug um von Tag zu Tag zu überleben, von der Deckung irgendwelcher Säulen ganz zu schweigen.

Statistik

Im Jahr 2003 gab es in der Schweiz unter der Bevölkerung im Alter von 20 bis 59 Jahren 231’000 Working Poor. Die Working Poor-Quote, d.h. der Anteil der Armen an den Erwerbstätigen, belief sich auf 7,4%. Die Working Poor machten 44% der armen Bevölkerung zwischen 20 und 59 Jahren aus. Da die Mehrheit der Working Poor in Mehrpersonenhaushalten lebt, sind weit mehr Personen als nur die eigentlichen Working Poor von dieser Armut betroffen. Die in der Schweiz gezählten 231’000 Working Poor leben in 137’000 Haushalten mit insgesamt 513’000 Haushaltsmitgliedern - davon 233’000 Kinder.

71,9% der Working Poor arbeiten vollzeitlich!

Auch über die neue generation p  gibt es keine Statistik. Die gibt's erst, wenn sich mal wieder eines der "etablierten" Forschungsinstitutionen einen bezahlten Auftrag ergattern kann.


 

DAS Problem der Unterstützten: Kein Geld

Über die Armut braucht man sich nicht zu schämen, es gibt mehr Leute, die sich über ihren Reichtum schämen sollten.

(Johann Nepomuk Nestroy, österr. Komödiendichter, 1801-1862)

Das Hauptprobleme der Betroffenen ist, dass sie kein Geld haben, dass sie keine Arbeit erhalten, die ihnen ausreichend Geld einbringt um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, dass, bei aller Bescheidenheit, die Mieten, Krankenkasse, Strom, Telefon beträchtliche Grundkosten verursachen, auch wenn sie kaum benutzt werden.

Die Sozialhilfe verfolgt 3 Ziele:

  1. materielle Armut verhindern

  2. soziale Existenz sichern

  3. Reintegration in den Arbeitsmarkt fördern - also eine dauerhafte Ablösung von der Sozialhilfe erreichen (Hilfe zur Selbsthilfe)

Beitrag der Wissenschaft: psychologisierende Schuldzuweisungen

Nikolaus Dimmel:

  • Normierung, Disziplinierung, Kontrolle <> empowerment

  • Anpassung und Konformität <> Selbstbestimmung

  • soziale Werthaltung <> Unterstützung der Triage in: Vermittelbar und nicht Vermittelbar = Anstellungswürdige und Anstellungsunwürdige = wirtschaftlich brauchbare und unbrauchbare.

Während dem in Wien z.B. die Probleme der Sozialhilfe komplex und mehrschichtig diskutiert werden (s. Textfeld rechts), bringt in der Schweiz das Nationale Forschungsprogramm 45: Probleme des Sozialstaates, akademischen Stuss hervor wie Stefan Kutzner, Ueli Mäder & Carlo Knöpfels (Hrsg): Working poor in der Schweiz - Wege aus der Sozialhilfe. Eine Untersuchung über Lebensverhältnisse und Lebensführung Sozialhilfe beziehender Erwerbstätiger. [Verlag Ruegger, Zürich, Chur. 2004]. Die Analysen der Fälle sind exemplarisch für die paternalistische Haltung von Sozialarbeitern, denn als Begründung für die Abhängigkeit von Sozialhilfe kommen da nur rein persönliche Faktoren in Frage, die durch hobbymässiges Psychologisieren begründet werden: diskontinuierliche Erwerbsbiographien, Einordnung in gegebene äussere Ordnung, geringes berufliches Selbstentfaltungsinteresse ... Im Folgenden ein paar Auszüge daraus:

Ständiger Aktivitätsdruck entspricht einem verbreiteten Leistungsideal:

So halten je nachdem auch Haushalte mit niedrigem Einkommen an Normen ausgeprägter Konkurrenz fest und verteidigen die Vorbilder der Anpassung. Wenn die Normerfüllung zum Zentralen Ideal wird (s. Definition Leistung!), gerät ... die emotionale Basis in Bedrängung. ... Arme Eltern übertragen eigene Aengste manchmal, indem sie übermässige Leistungen fordern und Identität als etwas (miss-)verstehen, das keine Widersprüche zulässt. [s. 25]

Eine arbeitsmarktbezogene Ablösung von der Sozialhilfe infolge einer qualitativen Verbesserung der Erwerbssituation ist nur bei den working poor feststellbar, die über ein ausgeprägtes berufliches Selbstentfaltungsinteresse verfügen. Dieses Selbstentfaltungsinteresse wirkt wie ein innerer Kompass, der auf dem langfristig angelegten und eher unüberschaubaren Weg der beruflichen Etablierung die berufsbiographische Richtung weist. Ein solches berufsgebundenes Selbstentfaltungsinteresse ist nur bei einer sehr geringen Minderheit der working poor unseres Samples feststellbar gewesen. [S. 109]

Herr Anton, Schweizer, gelernter Arbeiter, Gebäuderenovation. 20 Jahre im selben Betrieb: personalisiertes Arbeitsverhältnis, persönliche Beziehung zwischen Chef und Angestellten. traditionelle Form der gewerblichen Arbeit:

Dass der ökonomische Erfolg für Herrn Anton ausblieb, erklärt sich auch aus seiner geringen beruflichen Mobilität. Für den qualifizierten Handwerker ist die permanente Fortentwicklung der eigenen Kompetenzen, das Aneignen neuer Verfahren und Kenntnisse durch Arbeitgeberwechsel typisch. Der qualifizierte Handwerker ist bereits der Vorläufer des modernen, individualisierten Berufsmenschen. So gilt die Loyalitätsbindung primär der eigenen Berufsgruppe, erst sekundär dem jeweiligen Arbeitgeber. [S. 121]

Ja mei ... also wer immer diesen Stuss zusammengeschrieben hat, hat sich offensichtlich noch nie um eine Stelle als Handwerker beworben. Reine Soziologentheoriekacke, denn präzise dies will ja die Bewerbungsbürokratie der Betriebe verhindern, nämlich Leute anzustellen, die was lernen wollen. Beklagt sich nicht die Industrie noch bei höchsten Arbeitslosenzahlen darüber, dass kein qualifiziertes Personal zu finden sei? Was meinen die mit qualifiziert? Nun, eben nicht dass jemand lesen, schreiben, rechnen kann, Materialien und Verfahren seines Berufszweiges kennt, sondern eben präzise diejenigen (oft äusserst seltsamen, und nicht weniger oft total veralteten) Verfahren und Abläufe die im eigenen Betrieb eingesetzt werden.

Herr Serifan, Kosovo, ausgebildeter Chemietechniker.

Aehnlich wie für den vorhergehenden Fall gehört für Herrn Serifan die Einordnung in und Ausrichtung auf eine vorgegebene Struktur zum beruflichen Habitus. Nicht das Vertrauen auf sich selbst, die eigenen Qualifikationen und Kompetenzen zählt, sondern die Orientierung an einer gegebenen Ordnung, die es im Konfliktfall auch ratsam erscheinen lässt, die eigenen Interessen hintanzustellen. Herr Serifan lehnt beispielsweise die Beteiligung an einem Streik zur Durchsetzung höherer Löhne ab: Er sei nicht in die Schweiz gekommen, um solche "Sauereien" zu machen. ...  Ein Mann, ein Wort. Die autonom erfolgte Uebernahme von Verpflichtungen, auch auf einer in der Betriebshierarchie untergeordneten Position, bindet ihn somit. Das Arbeitsverhältnis begreift er als persönliches Treueverhältnis. [S. 125/26] ... Trotz Absolvierung einer berufsqualifizierenden Ausbildung haben sich noch traditionelle Orientierungen, als Vertrauen in eine äussere Ordnung, in die man sich einfügt, erhalten. Dieser Fortbestand traditioneller Orientierung, der für den angestrebten Aufstieg  hinderlich ist, .... [S. 129-30]

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Wird hier dafür plädiert, die äussere Ordnung, also den Rahmen, den Staat und Gesellschaft setzen, zu ignorieren? Wird hier dafür plädiert, dass Aussenseiter mehr Chancen haben in dieser Gesellschaft? Da hat aber jemand überhaupt nichts begriffen von den exklusiven Netzwerken der modernen Gesellschaft-en. [s. Post-Kapitalismus: Effiziente Netzwerke statt teuerer Strukturen auf der einen - Motivation durch Sachzwang und Angst auf der andern Seite.]  Und so was nennt sich Wissenschaftler ...

Die selbe Soziologenkacke. haben Sie schon mal von einem Arbeiter gehört, der eine Stelle kriegte, weil er sich in einem Streik engagiert hat? Hören wir nicht in der Schweiz Tag für Tag den Standard- und Lieblingssermon der Schweizer: Man muss sich halt anpassen! Werden nicht die Angestellten auf eben dieses hier kritisierte Verhalten Tag für Tag dressiert? Welche Chance hat also ein Mensch, der dagegen verstösst - und seinen Weg gehen will? Präzise solche: s. Lebensweg mit Hindernissen.

Der Drang sich in seinem Beruf, seiner Berufung, zu realisieren, wird für immer mehr Menschen zur tödlichen Falle. Während dem es schon immer Schüler und Studenten gab, die sich das Leben nahmen aus Angst zu versagen, aus Prüfungsangst, oder wegen effektiven Versagens, haben wir heute bereits eine ganz neue Kategorie. Ich hab da kürzlich einen ausgezeichneten Kurs fit statt fett oder so ähnlich besucht, und da hat mir einer der Veranstalter, ein junger Sportstudent, von einem Freund erzählt, ebenfalls Sportstudent im letzten Semester, der sich das Leben nahm, weil er bereits vor dem Abschluss des Studiums erkennen musste, dass er auf dem Beruf, der seine Leidenschaft war, nie eine Arbeit finden wird, mit der er sich, oder gar eine Familie, durchbringen kann. Dass ist die Realität. Das hier mit Selbstverwirklichung und Selbstentfaltungsinteresse ist nichts als theoretische Soziologenkacke, eine wissenschaftliche verbrämte Version des Volksmundes: Die Guten finden immer etwas! (Was stimmt, weil tautologisch eben die als gut betrachtet werden, die was finden). Die Soziologen und Psychologen die ich in letzter Zeit literarisch bearbeitet habe, zeichnen sich allesamt dadurch aus, dass sie ein Netzwerk (alias Filz) gebildet haben, so reden, wie man in ihren Kreisen, und in dem Netz, eben redet ... sogar wenn's Stuss ist. Da sie meist kompliziert reden, traut sich dann keiner von aussen das zu kritisieren.

Kindsvater nicht familienfähig ... kommt in den besten Familien vor

Familie Menges, Schweiz: Schreinerin. Gründung einer Holzwerkstätte.

Die Sozialhilfe hat für sie eine transitorische Funktion, bis sie ihre gewünschten Lebensvorstellungen verwirklicht hat: die berufliche Selbständigkeit, durch die sie gleichzeitig ihre persönlichen Freundschaftsbedürfnisse befriedigen kann. Was sich zunächst als Kompensation für die erlittenen Anerkennungsdefizite seitens ihres Vaters darstellte, erwies sich auch Langfristig als Basis für eine berufliche Qualifikation (wenn auch formal ohne Ausbildungszertifikat), um derentwillen Frau Menges auch unternehmerische Risiken auf sich zu nehmen bereit ist. S. 185

Persönliche Beziehungen werden rein unter sachlichen Prinzipien gesehen, wobei das Leistungsstreben jeweils stark im Vordergrund steht. ... Es wäre Ziel einer therapeutischen Massnahme, dass gerade dieser emotionale und zweckfreie, leistungsferne Bereich in persönlichen Beziehungen stärker entwickelt wird. Insofern wäre es ideal, wenn der begleitende Sozialdienst Frau Menges diesbezüglich eine therapeutische Massnahme empfehlen und gegebenenfalls vermitteln könnte. S. 187-88 .

Familie, d. h. primär Frau März, Schweizerin, abgebrochene Lehre als Coiffeuse, tätig in Verpflegungsstätte des Vaters.

Das Interview verdeutlicht, dass Frau März (Schweiz. Lehrabschluss mit 3.98 verpasst) nicht bewusst ist, dass in der Arbeitswelt vor allem Leistungen und nicht persönliche Sympathie zählen. 

Sicher ... weiss jemand, wer diesen Artikel geschrieben hat? Schecken Sie doch mal, wie der oder die Betreffende an die jetzige Stelle gekommen ist - und sagen Sie's mir. Selten so einen Stuss gehört. Und wenn eine Schule Schüler wegen fehlender 0.02 durchfallen lässt, ist sie offensichtlich eine von Beamten geführte Dressuranstalt. Jeder, der ein paar Jahre in der Schule war, weiss doch, wie zufällig Noten entstehen. Hier fehlte es dem oder der Interviewenden eindeutig völlig an Verständnis, was sich auch in Bemerkungen zeigt wie:

 Bezogen auf die Problematik von Frau März übt die Sozialhilfe eine produktive Selbständigkeit fördernde Funktion aus. Für Frau März ist der Bezug von Sozialhilfeleistungen und Beratung und Begleitung durch eine Sozialarbeiterin, die ihre Selbständigkeit unterstützt, teilweise auch fordert, ein Fortschritt gegenüber dem Verharren in ihrem Elternhaus, in dem sie auf eine infantile Position festgelegt ist. S. 196 

Den Satz hat der oder die Autorin wohl auch nicht mehr gelesen nach dem Schreiben. Mich dünkt eher, dass die arme Frau März hier von einer dämlichen Dressur- und De-Klassierungsanstalt in eine andere geraten ist.

Herr Alfiri, Schweizer, Coiffeur:

Auffallend ist, dass Herr Alfiri laut Interview eine konservative Unternehmensstrategie betreibt: Es geht im um das Halten seiner Stammkundschaft, nicht oder nicht mehr um den Gewinn neuer Kundschaft. Im Prinzip ist damit der unternehmerische Konkurrenzkampf bereits aufgegeben. Der vormoderne Erwerbshabitus findet sich hier bei einem selbständig Erwerbenden wieder.

Herr Alfiri ist Jahrgang 44, betrieb ein Coiffeurgeschäft, das bis zum Konjunktureinbruch 1990 gut lief, dann auf Grund zunehmender Konkurrenz an Kunden und Umsatz verlor. Herr Alfiri war also bei Drucklegung des Buches bereits 60. Auch wenn der Rat 1990 gekommen wäre, also mit 56. Was erwarten Sie von einem 56jährigen Coiffeur für "innovative Schritte" um mehr Kundschaft anzuziehen? Soll/kann er die Konkurrenz aufkaufen? Junge, dynamische, billige Arbeitskräfte den Laden betreiben lassen und sich mit der Verwaltung begnügen? Es gibt Möglichkeiten, aber wenn nun jemand eben in erster Linie Coiffeur ist, sind solche Neobusinesssprüche nichts als eine Frechheit.

Ein Beitrag betr. der Ursachen der Not:

Personalmanagement, das Schleifen der Rädchen

Frauen werden von Firmen gerne verwendet, da sie auf Grund der Doppelbelastung lieber (oder gezwungenermassen lieber) teilzeit, und flexibel arbeiten. Dazu werden sie normalerweise vom Ehemann unterstützt, können also ohne zusätzliche Kosten der Existenzsicherung leicht wieder abgeschoben werden.

In sog. Assessements werden die SchlüsselmitarbeiterInnen oder "PotentialträgerInnen* ausfindig gemacht, die voraussichtlich höhere Leistungen erbringen (Leistungswillige, Karrierebewusste ...)  - und deren Förderung sich demzufolge lohnt. Beim Restpersonal wird der Betreuungs- und Weiterbildungsaufwand heruntergefahren, soweit dies die Leistung nicht beeinträchtigt.

Die Psychotests, die bei Personalselektionen auch immer lieber angewendet werden, zeigen dann allerdings oft den Charakter, den dieser Markt fördert: die schizoide, depressive bis psychotische Persönlichkeit (s. Psychologie des Neoliberalismus). Geben Sie im Test an, Sie seien Einfühlsam und ausgleichend, dürfte das der Forderung nach "Teamfähigkeit" entsprechen, aber dem Wunsch nach einer willensstarken, zielstrebigen, karrierebewussten Person widersprechen. Sind Sie flexibel, frei, ungebunden und mobil - dürfte das Zweifel wecken an der Dauer ihrer Anstellung und an Ihrer Loyalität gegenüber der Firma. Der Markt produziert den gespaltenen Charakter, wenn nicht gar den Charakterlumpen, der grad den Charakter präsentiert, den der Markt verlangt (s. Rolle) - aber die Personalselektion will starke selbstbewusste Charakter ... die sich ein- und unterordnen im Betrieb. Schizophrenie pur. (s. Ironie der Automation)

Die Personalnebenkosten werden gesenkt, indem man:

Weitere Anforderungen an das unternehmerische Personal:

 

Beschränkte Empfehlungen ... und die beschränkten Möglichkeiten der Sozialarbeit

Die Autoren kommen im abschliessenden Teil zwar von selbst drauf, dass Sozialarbeit - ohne politische Macht, ohne wirtschaftliches Wissen und Potential - wenig zur Lösung des Problems der working poor beitragen kann, da diese Lösungen ausserhalb der Beratungspraxis der Sozialhilfe zu suchen, in der Wirtschaft, zu suchen sind. Die Sozialhilfe ist mit der Integration in vielen Fällen überfordert. Zu gering ist ihr direkter Bezug zum Arbeitsmarkt. Mit Beratung lässt sich die Arbeitsmarktsituation nicht verbessern. [Der Satz sollte verpflichtend über jedem Eingang zu einem Arbeitsamt hängen!] Im Falle der working poor ist die Situation besonders kritisch, da selbst ein 100% Lohn nicht reicht, die Lebenskosten zu bezahlen. Linke Thesen wie: Privatisierung der Gewinne <> Sozialisierung der Kosten werden zwar am Rande, in Nebensätzchen angesprochen, aber nicht aus-gedacht. Die Empfehlungen beschränken sich also auf doch recht alte sozialpolitische Gemeinplätze wie

Die Probleme werden zwar erkannt:

Der ganze abschliessende Abschnitt ist ein ziemlich unsystematischer Salat aus Konferenzbeiträgen. Die einzige positive Ausweg scheint die "Effizienzsteigerung der Energieverwendung". Die wichtigsten Empfehlungen daraus dürften sein:

A Die Sozialhilfe verfügt über ein grosses Wissen. Es ist wichtig, dass sie dieses Know-How über die Beteiligung an weiteren Studien vertieft und über Massenmedien in die Gesellschaft einbringt. S. 227

B Damit die Sozialhilfe ihre anspruchsvolle Arbeit gut verrichten und die working poor unterstützen kann, benötigt sie institutionalisierte Formen der (permanenten) Selbstreflexion. S. 228

C Geld und gute Beratung sind wichtig, um die Situation der working poor zu verbessern. Die Verwirklichung von Lebensqualität hängt in unserer konsumorentierten Gesellschaft aber auch entscheidend davon ab, ob es gelingt, immaterielle Werte stärker zu gewichten.

D Viele working poor beziehen keine Sozialhilfeleistungen. Während in der nationalen Armutsstatistik über zwei Drittel der Schweizer Armutsbevölkerung zu den working poor gerechnet werden, liegt der Anteil der working poor in der Sozialhilfe bei 10 bis 20 Prozent.

Es ist bloss zu hoffen, dass dieses "grosse Wissen" zu mehr reicht, als so was wie diesem Büchlein. Was die institutionalisierten Formen der Selbstreflexion betrifft, so wäre von noch mehr Nabelschau hier dringend abzuraten, denn was es hier braucht ist mehr Reflexion in Verbindung mit den andern Sektoren, insbesondere Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. C und D siehe folgendes Kapitel

Die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Wirtschaft über den Arbeitsmarkt, und die (beschränkten) Steuerungsmöglichkeiten der Politik, stellen ein komplexes reelles Problem dar, dem der disziplinär-wissenschaftliche Ansatz ganz offensichtlich nicht gewachsen ist. Sie sehen an obigen Zitaten wie unbrauchbar dieser wird, wenn er in einem Problem ganz anderer Dimensionen als der Disziplinären mit praktischen Interpretationen und Empfehlungen aktiv werden will. Das Problem der working poor und der neueren Erscheinungsform derselben, der generation p, ist kein rein ökonomisches, kein soziologisches, vor allem nicht psychologisches, sondern ein systemisches. Systemisches Denken gibt es aber an den Hochschulen und Universitäten nur innerhalb der Disziplinen ... wenn überhaupt ...

Besonders unbrauchbar ist die Betriebswirtschaft, die den Bereich Sozialarbeit in den letzten Jahren, seit dem Aufkommen des NPM, total zugekleistert hat. Da wird von Effizienz und Leistung parliert - und dabei das Problem und seine Lösung total vergessen. Dabei ist es präzise diese Ausdehnung betriebswirtschaftlicher Ansichtsweisen auf alle Bereiche des Lebens, die die Probleme verursachen, durch Ausschluss des un-, ja sogar des weniger Rentablen. War früher der Glaube ein Element, das über Leben und Tod entscheiden konnte, so ist es heute die rein betriebswirtschaftlich betrachtete Rentabilität. Die Schäden die dieser Ansatz der Volkswirtschaft verursacht, werden der Allgemeinheit überlassen und zunehmend abgewälzt auf Identifizierbare, von der Masse der "Normalen" Unterscheidbare, was neulateinisch als Diskriminierbare bezeichnet wird. Den Reichen werden die Steuern geschenkt - die Armen bezahlen die Rechnung dafür.

Schein-Lösungen

Integration - so lautet das zentrale Stichwort, der wichtigste Schlüsselbegriff. Die IV trötet: Integration vor Rente. Die RAVs behaupten von sich, Institutionen der Reintegration in den Arbeitsmarkt zu sein. SKOS wie das Arbeitslosengesetz fordern ein aktives Bemühen um berufliche Integration. Sie tun dies auch nach wie vor mittels Strategien, die sich längst als unwirksam, oft sogar kontraproduktiv erwiesen haben (erst Kurs absolvieren, dann weitersehen - verlängert Dauer der Arbeitslosigkeit), wie Beschäftigungsprogramme, Kurse, Praktika. Alle übersehen geflissentlich, dass es nicht die Arbeitssuchenden, sondern eigentlich der Arbeitsmarkt ist, der integrationsunwillig ist.

Situation September 2006:

Bei 184 880 Stellensuchenden sind 2066 offene Stellen gemeldet:

= 1 Stelle für 89 Bewerber!

88 Bewerber bewerben sich also von Anfang an für die Katz!

Die jahrelang gescheitert sind werden unter Druck gesetzt, bei 89 Bewerbern pro freien Arbeitsplatz einen zu ergattern. Aber schuld sind die 88, nicht diejenigen, die den 88 den Job wegrationalisiert haben. Wer fordert von Politik und Wirtschaft, diesen 88 überhaupt erst mal die Chance zur Integration zu geben? Es ist an der Zeit, die Spiesse umzukehren! Statt das Arbeitslose eine Stelle fordern, wird von ihnen gefordert, sich um nicht existierende Stellen zu bewerben. Arbeitslosigkeit wird gedeutet als individuelles Fehlverhalten.

  1. Wer keine normale Stelle kriegt, soll mindestens mit einem Minijob seine Existenz sichern
  2. Wer keinen Minijob kriegt, soll sich als Ich-Ag selbst vermarkten.
  3. Wem auch dies nicht gelingt, muss seine Ersparnisse, sein Kapital, aufbrauchen
  4. Wer Unterstützung erhält, muss bereit sein, jeden Scheiss zu machen (Spargeln stechen z.B., also noch ärmern Hilfskräften aus dem Osten die Arbeit wegnehmen).

Der letzte Ausweg für immer mehr, das Sozialamt, steht ebenfalls unter Beschuss. Auch hier soll Geld gespart werden. Diejenigen die hier landen werden kollektiv an den Pranger gestellt als Sozialschmarotzer, faul, Versager, denen mit Strenge zu begegnen ist, die möglichst intensiv zu kontrollieren sind, da überall Betrug lauert. Das entspricht einer Kriminalisierung der Armut.

Ein beliebtes Instrument der vergangenen 10 Jahre war ja die sog. Arbeitsmarktpolitik. Wurde in der Schweiz bereits vor Jahren eher schamhaft zugestanden, dass Kurse für Arbeitslose die Dauer der Arbeitslosigkeit eher verlängern und nicht übermässig Wirkung zeigen, sind die Resultate in Österreich noch brutaler: Ausser Spesen nichts gewesen, tituliert die ja nicht gerade für zynische Sprüche bekannte NZZ am 16.4.07 (S. 18): Die Beschäftigungschancen von Arbeitssuchenden werden in Österreich durch staatliche Massnahmen kaum besser .... Statt mehr Beschäftigung gibt es Verdrängungs-, Mitnahme- und Substitutionseffekte. Zwischen 2000 und 2003 nahmen 831'000 Personen an solchen Programmen teil.

Integration ist eine interaktive Angelegenheit. So wie es bei der Assimilation Vor-Bild und Abb-Bild gibt, gibt es bei der Integration ein bestehendes System - und ein Partikel oder Teilsystem, das Anschluss oder Einschluss oder Einfügung oder Einpassung sucht. Integration ist ein eher funktionaler Begriff, während dem Assimilation sich eher auf die äussere Form bezieht, also nicht tief greiffen muss - es aber kann, wenn bereits Aussehen, Benehmen, zu Ablehnung führt.

Marktintegration ist das grosse Schlagwort seit Einführung der Beschäftigungsprogramme der Arbeitslosenkasse in den 90ern. Wie dort schon gegen Ende des Jahrzehnts, Jahrhunderts und Jahrtausends, wurde inzwischen auch bei den Beschäftigungsprogrammen der Sozialhilfe festgestellt, dass sie ihren Zweck meist verfehlen. Hier ist allerdings eine Verquickung recht unterschiedlicher Aufgaben mit schuld. Einerseits bedürfen viel Sozialhilfeempfänger nicht nur Geld, sondern auch psychologische Beratung, denn die dahinter stehende jahrelange Ablehnung geht an kaum jemandem spurlos vorbei. Erst psychisch wieder fitte Personen lassen sich vernünftigerweise wieder eingliedern. Dieses Problem betrifft vor allem Abhängige im Alter über 50, denen weder von Sozialhilfe, noch von Arbeitsamt, noch von Arbeitgebern eigentlich gute Prognosen gestellt werden für eine Wiedereingliederung - die aber dennoch unter dauerndem Druck gehalten werden, es dennoch zu versuchen. Unter diesen gibt es viele, die bei weitem nicht der Meinung sind, sie seien zu alt um zu Arbeiten, ihr Wissen sei ungenügend oder veraltet, sie seien unbrauchbar, unwert (invalide), sondern die gerne arbeiten möchten. Diese werden, wenn sie in Gruppen geraten mit Teilnehmern die vor allem vertröstet werden damit, ihr Arbeitseinsatz sei vorbei und sie sollen das Leben etwas gelassener nehmen, extrem demoralisiert. Diese Vermischung wäre also zu vermeiden, was nicht ganz einfach ist. Hier wirkt sich auch der Bildungsbonus nicht mehr aus. Abschlüsse auf tertiärer Ebene (Studium) haben in dieser Situation keine besseren Erwartungen mehr als Berufsleute! Was sich auswirkt ist allerdings die zuvor erreichte Hierarchistufe, vermutlich weil sie mit guter Beherrschung (ev. auch Akzeptanz) der typischen Kommunikationsmuster und _Erwartungen verbunden ist, also Humankapital, soziale Kompetenz, Selbst- und Methodenkompetenz, und, last not least, Leistungsmotivation. ("Leistungsmotivation" ist nicht nur ein Motivationsproblem, sondern ebenso ein Problem der Unterwerfung unter vorgegebene Ziele zu denen man nichts zu melden hat. s. Definition Leistung: Gefolgschaft leisten, nachstreben, erfüllen (von Aufgaben, Aufträgen, Vorgaben)).

Positiv auf die "Re-Integration" wirkt sich auch die Verantwortung für Kinder aus, für die man (oder öfters frau) sorgen muss. Bei Alleinerziehenden allerdings überlagert der Effekt der Inflexibilität aus Erziehungspflicht die "Motivation" durch Armut.

Die beiden oben genannten Faktoren erklären bereits den Unterschied zwischen Eingliederugschancen bei Männern und Frauen.

FAZIT:

Der Nachweis einer beabsichtigten Wirkung aktivierender Massnahmen in der Sozialhilfe gelingt für die bisherige konkrete Praxis nicht.

[Thomas Ragni: Welches sind die Reintegrationschancen der Neubezüger von Sozialhilfe in den Arbeitsmarkt? Die Volkswirtschaft 10-2009, S. 54]

Die ALV funktioniert hervorragend für die ersten 12 Monate der Arbeitslosigkeit. Gegen Ende der Versicherungsfrist haben die Leute dann immer ähnlichere Probleme, die später von der Sozialhilfe oder IV abgeklärt werden müss(t)en.

[Walter Schmid, Präs. SKOS]

Aber - trotz des offensichtlichen Fehlschlags die Empfehlung: Dort verstärkt mit Sanktionen vorzugehen, wo nicht einmal die Bereitschaft zu Weiterbildung und Qualifizierung vorhanden ist. Also daraus das Paradoxon des Aktiven Arbeitsmarktes, getreu dem Motto: Wir wissen nun zwar, durch wissenschaftliche Untersuchung gesichert, dass die Aktive Arbeitsmarktpolitik nix bringt. Aber wer sich dennoch weigert daran teilzunehmen, (hat die falsche Einstellung und) gehört bestraft.

Die neuen SKOS -Richtlinien (April 2005):

Die Schuldenfalle des transitorischen Sparens: Sozialhilfe ist keine Hilfe aus der Schuldknechtschaft!

Wenn Sie, nach reiflichen Überlegungen zu Sinn und Unsinn von Leben und Wirtschaft, sich doch noch mal aufrappeln und bei der Sozialhilfe melden, erhalten Sie zwar diese minimale Unterstützung. Obwohl diese mehr ist als viele Bauern und Selbständige, speziell Künstler, verdienen, geraten Sie damit automatisch in die Schuldenfalle.

  1. übernimmt die Sozialhilfe keine bestehenden Schulden - mit Ausnahme der Miete.
  2. wird Sozialhilfe ausgerichtet als vorübergehende und rückzahlbare Nothilfe, also quasi als "letzter Kredit". 

Obwohl Sie damit bereits auf dem Existenzminimum sind, und a) ganz sicher keine Ersparnisse mehr aben, noch schlimmer, b) mit einiger Sicherheit dafür einen Stapel unbezahlter Rechnungen, wird von Ihnen natürlich erwartet, dass Sie ihre Rechnungen zahlen. Das muss nun nicht mal viel sein. Sagen wir, Krankenkasse 6 Monate nicht bezahlt, Strom und Telephon kurz vor der Zwangsabschaltung, Fernseh- und Radiogebühren mit letzter Mahnung, Zeitungs- oder Zeitschriftenabo anstehend - und Ihre Miete ist höher als das, was das Sozialamt bezahlt. Da dieses nur für 3 Monate einen höheren Satz erstattet und Sie zum Unziehen verpflichtet, die 3 Monate aber schon abgelaufen sind, der nächste Kündigungstermin 3 bis 6 Monate weit weg ... und Sie als Sozialfall eh keine Wohnung kriegen, werden die Mehrkosten also abgezogen.

Und, ganz egal wie bescheiden Sie sich einrichten, Ihre Schulden steigen Monat für Monat. Wenn Sie von der Hälfte dessen Leben, was als Existenzminimum angesehen wird, es sich also wirklich vom Mund absparen, so ist zwar mal dieser Gläubiger zufrieden, aber Ihre Schulden sind Sie dennoch nicht los. Sobald Sie wieder Arbeit oder sonst ein Einkommen haben, stehen die ganzen schon mal gesparten und "bezahlten" Schulden wieder da. Transitorisches Sparen, 2 x Sparen = sinnloses Sparen, das hier absolut nichts zur Lösung des Problems beiträgt  ... Menschenwürde oder Verknechtung? Wir haben hier eine ganz neue, aber zeitgemässe Definition der Urschuld: Existenzrecht ohne Einkommen, ohne bezahlte Arbeit = Schuld!

Der Sozialfall wird zum kommunizierenden Röhrensystem degradiert. Geld fliesst quasi durch ihn durch an Vermieter, Krankenkasse, Stromversorgung etc. und er hängt nur noch da irgendwie in der Maschine drin ... eigentlich überflüssig, nur noch wirksam als Einkommensgenerator für andere, die dafür bezahlt werden, ihn zu beherbergen, zu versichern, zu vormunden - aber weiterhin auf seine Rechnung, seine Schuld vergrössernd.

Die Schuldensanierung müsste unbedingt integraler Bestandteil der Sozialhilfe werden.

Das Existenzminimum wurde um 10% gesenkt von 1110 auf 960 Grundbedarf pro Monat. Der Ansatz richtet sich nicht mehr wie bisher an den ärmsten 20% aus, sondern an den ärmsten 10%. Abgesehen davon, dass da bereits mittelfristig nicht existenzsichern ist, stimmt auch die Theorie der Abschreckung nicht. Immerhin haben wir in der Schweiz rund 200'000 working poor, die sich, ganz gesetzeskonform, eigentlich bei der Sozialhilfe für Unterstützung melden könnten, dies aber nicht tun ... sondern oft leider lieber den Selbstmord wählen. (Auch in dem Bereich ist die Schweiz führend!).  Wer die verlangten "Integrationsaktivitäten" nicht vollbringt, erhält das absolute Minimum von 800 Fr. pro Monat. Darunter kann der Staat zur Zeit noch nicht gehen, denn da müsste man vermutlich die Todesstrafe in der Verfassung erst wieder zulassen, und sowieso das ganze Gebrabbel von wegen Existenzrecht und Würde über Bord werfen.

In den USA, wirtschaftliches Vorbild, ging der Abbau in den letzten 30 Jahren noch weiter. Arbeitslosigkeit und damit Armut wurde kriminalisiert, Repression und Kontrolle verstärkt - die Anzahl der Gefängnisinsassen hat sich in der Zeit vervierfacht. Und ausgerechnet diese USA, die das Substrat der Ohnmächtigen nicht nur im Irak, sondern auch im eigenen Land derart fördern,  wollen einen Krieg gegen den Terrorismus führen.

Die Sozialhilfe ist also immer noch, trotz klarer Belege dafür, wie der Ausschluss funktioniert und dass es sich um ein gezieltes Verfahren handelt, mit der Schuldfrage verknüpft. Leistungsschwache sind schuld an ihrer schwachen Leistung - nicht diejenigen, die Leistung so definieren, dass sie selbst am meisten davon profitieren.

Mit den "neuen" Ansätzen-  workfare statt welfare -  "Arbeit statt Sozialhilfe" - Arbeit statt Fürsorge - wird die Lösung ebenfalls auf den integrationsunwilligen Arbeitsmarkt verlagert. Die Armen müssen eine Stelle suchen <> dürfen aber keine fordern. Die RAVs heissen zwar Arbeitsvermittlung - sehen sich aber meist nicht in der Lage, nicht vorhandene Jobs zu vermitteln. Sie sehen sich oft gar als Vermittlungszentren missverstanden. (Magnin 2005): Das RAV vermittelt keine Stellen, sondern erwartet - gerüstet mit dem massiven Sanktionsinstrumentarium des Gesetzes - dass seine "Kunden" sich selbst um Arbeit bemühen. ... Zuerst wurden die Forscher darüber unterrichtet, was die Programme NICHT bieten: Wir machen hier keine Sozialarbeit, wir vermitteln keine Stellen, wir machen keine Berufsberatung, wir qualifizieren nicht. Was bleibt? Förderung der Idee des Wertes der Arbeit an sich, der Pünktlichkeit, der Bewerbungsbürokratie, der Konformität, der Beweis, dass sie trotz Arbeitslosigkeit noch normal funktionieren und arbeitsmarkttauglich sind..  [S. 23]

Der ganze Apparat dient also eher der Kontrolle als der Beratung, fördert Fügsamkeit statt Selbstverantwortung, Konformität statt Innovativer Ansätze - auch bei der Stellensuche. Diese Disziplinierung der Sozialleistungsbeziehenden mit autoritären Massnahmen, bis hin zur Zwangsarbeit - hat zwar zu einer Verschlechterung der Situation vieler Betroffener geführt , jedoch nicht zu mehr Chancen am Arbeitsmarkt.

Wer von der Wirtschaft ausgeschlossen wurde steht am Pranger als fauler, dreckiger, meist alkoholabhängiger oder sonst wie süchtiger Parasit, als Sozialschmarotzer, der BMW fährt und in Florida oder sonstwo an der Sonne Ferien macht auf Kosten der Allgemeinheit. Nicht bloss in den 90er waren die Beschäftigungsprogramme ein gutes Business für viele Entwicklungsorganisationen (Caritas, Arbeiterhilfswerke etc). Die Berliner TAZ [7.8.04] kommentierte den Vorschlag der deutschen Caritas, 17'000 Zusatzjobs zur Verfügung zu stellen wie folgt: Die Wohlfahrtsverbände sind die grossen Profiteure des Arbeitszwangs für zukünftige ALGII-Empfänger. Zusätzlich zur Unterstützung vom Staat bekommen sie jetzt noch Tausende von billigen Arbeitskräften geliefert. Und sie sehen sich dabei noch als Wohltäter.

Dass sich Arbeitslose nicht in eine Markt integrieren lassen, den es nicht gibt, beweist am besten die Insolvenz eines führenden Integrationswerkes, des holländischen Maatwerks im Februar 2002! Aber der Volksmund meint weiter: Man muss die Arbeitslosen zur Arbeit zwingen, indem man die Unterstützung auf das absolute Existenzminimum senkt ... oder ganz einstellt. Die Ochlokratie stützt hier eine Zwangswirtschaft, indem sie die Verantwortlichkeit ganz klar den Betroffenen zuschiebt. Lausige oder inexistente Beratung kann von den Betroffenen nicht eingeklagt werden. Umgekehrt jedoch sind die Berater (nicht alle, es gibt auch gute, allerdings dürften sie in der Minderheit sein ...) beleidigt, wenn ihre unüberlegten und halbgaren Vorschläge von den Beratenen nicht gleich mit Begeisterung aufgenommen und erfolgreich umgesetzt werden. Sie vergessen dabei, dass jemand, wenn er bei der Sozialhilfe landet, mit einiger Sicherheit weitaus mehr Erfahrung hat im Bewerbungsmarkt als die dortigen Verwaltungsbeamten. Ausschluss aus der Wirtschaft lässt sich eben nicht durch Verwaltungsakte beheben, die nur die Ausgeschlossenen betreffen - die die grosse Illusion des Wettbewerbssystems.

Fazit

Als Jesus getadelt wurde, weil der die Gesellschaft von Geächteten suchte, antwortete er: "Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken". (Matth. 9.12.)

Obwohl die Sozialhilfe dem Gebot der Betriebs-Wirtschaft zu folgen versucht - Der Plafonds des Wohlstands sei erreicht (bei den Armen ...) - und vor allem auf Effizienz, Kontrolle, Ausschluss setzt, könnte sich die gegenwärtige Struktur in einem gewaltigen Knall auflösen. Dieses bekackte Büchlein kritisiert in neoliberaler Manier, dass Teile der Erwerbsbevölkerung das verfassungsmässige Recht auf Arbeit  missverstehen (ein Recht, dass es  eben laut Verfassung gar nicht gibt, that's the problem ...). Sie haben das Gefühl, dass es auch ohne Eigenleistung und ohne die Bereitschaft, sich beispielsweise umzuschulen und die Branche zu wechseln, geht. Auch gelingt es der Gratisschule immer weniger, Leistungen zu verlangen und Lernfreude zu schaffen. Die Wirtschaft muss dann die chronifiziert Willenlosen übernehmen, die es wegen des leichten Zugangs auch an der Universität gibt. Diese neoliberale Propaganda in einem wissenschaftlichen Text über die Probleme der von der Wirtschaft ausgeschlossenen so zu rezipieren ist eine Frechheit. Ohne eine Verbindung zu schaffen erwähnen sie dann auch die Probleme der Sozialhilfe:

Nach der Maxime der Sozialhilfe ist es nicht relevant, warum jemand Sozialhilfe empfängt. Wenn jemand nicht mehr arbeiten will, muss die Sozialhilfe zahlen. Wenn jemand seine Arbeitsstelle verliert, ist es nicht Aufgabe der Sozialhilfe, ihn dafür zu bestrafen. Es ist Aufgabe der Sozialhilfe, dafür zu sorgen, dass jeder Bürger der Gemeinde genug zu essen hat, versorgt ist, irgendwie wohnen kann und wieder selbständig wird. Ist er dann nicht motiviert, dann haben wir die Möglichkeit, das Budget um 15 Prozent zu kürzen. Mehr nicht. Das ist das Problem. Wenn jemand entscheidet, von mir aus langt die Sozialhilfe, kommt man auf keinen grünen Zweig. Wir haben ja auch das Interesse, so wenig Geld zu zahlen wie möglich. ... Aber es ist nicht nur die Sozialarbeit, die andere von ihren Verpflichtungen entlastet. Es gibt auch Steuerarrangements für besser Verdienende ... Ich habe auch schon der Steuerkommission gesagt, wenn wir alle Hebel in Bewegung setzen, um Steuerschulden einzutreiben, wir würden erschrecken, wie viel da noch eingebracht werden könnte. [S. 217]

Wir haben also die seltsame Situation, dass es zwar kein Recht auf Arbeit gibt - aber ein verfassungsmässig garantiertes Recht auf eine Existenz in Würde, was die Existenz als Clochard also ausschliesst. Folglich muss der Staat, also die Gemeinschaft, präzise die Kosten tragen, welche die Wirtschaft als Gewinn verbucht, indem sie Arbeitsplätze wegrationalisiert.

Das Problem der steigenden Sozialkosten ist also kein Problem überzogener Ansprüche der Hilfebedürftigen, sondern ein Problem überzogener Vorstellungen von betriebswirtschaftlicher Rationalisierung - zu Lasten der Gesellschaft. Restrukturierungen basieren auf der Verfolgung maximaler Renditen. Weniger rentable, nicht nur unrentable Betriebe werden eliminiert. Hier muss man sich mal fragen, was Rendite bedeutet:

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel 24.9.06


Neuer Denkansatz zum Umgang mit misfits:

Im Wettbewerb, sogar der Evolution, geht's um das survival of the fittest, meist fälschlich als das Ueberleben des Stärksten übersetzt. Fit heisst aber auf englisch weder stark noch sportlich, sondern angepasst, passend. Die passenden kriegen Jobs, werden Gewinner - die unpassenden kämpfen weiter um einen Job - bis sie definitiv zu "misfits" werden - und bei der Sozialhilfe landen. Wirtschaftlicher Wettbewerb hilft also den Fitten - Sozialhilfe den misfits.

Einfache Neudefinitionen:

Aus dieser ganz banalen sprachlichen Klarstellung ergeben sich weitere Klärungen betr. der Aufgabe von Sozialhilfe wie Sozialarbeit. Dimmel unterscheidet deren Aufgaben zwischen:

Wir haben hier also ein ähnliches Problem vor uns wie bei der Assimilation (gleich machen) oder Integration (Herstellen von Ganzheit aus unversehrten Bestandteilen) von Ausländern. Während dem volksdümmlich meist Assimilation verlangt wird, also Gleichmacherei betrieben wird, wäre was Vielfalt und evolutionären Erfolg betrifft, eine Adaptation, die Vielfalt erhält aber Problemzonen beschränkt, um einiges erfolgreicher. Wissenschaftlich wie philosophisch ist die Ueberlegenheit der multikulturellen, pluralistischen Multioptionsgesellschaft längst erwiesen. Zu beantworten bleibt meist die Frage: Wie führen wir vordergründig Unvereinbares zusammen (s. Relativistische Ethik: Der unmögliche Dialog).

In beiden Fällen, den Ausländern wie den von Sozialhilfe Abhängigen wird das Problem ursächlich als anderes, d.h. als Fehlverhalten gesehen. In beiden Fällen wird versucht, Passung (a fit) herzustellen durch Schulung (Sprache, Beruf etc.) wie Zwang. Eigentlich aber ginge es darum, die Gründe für diese offensichtliche gesellschaftliche Fehlkonstruktion zu ermitteln - und das Konstrukt entsprechend zu verbessern, denn der Markt ist keine Naturgewalt, sondern ein menschliches Konstrukt, beherrscht von Strukturen die primär vom Interesse der Kapitalvermehrung bestimmt sind. Dieses Interesse wiederum findet seine Berechtigung im Wohle aller, der durch den sog. Durchsickereffekt (trickle down) garantiert sei. Letzterer wiederum gehört zur Angebotstheorie, die für lokale und regionale Entwicklung absolut kein Sensorium hat, also keine Passung mit einer erwünschten optimalen gesellschaftlichen Entwicklung aufweist. Jede halbwegs ethisch akzeptable Verteilungstheorie erfordert, dass die Bereicherung der einen nicht auf Kosten anderer erfolgen darf, sondern dass es zumindest niemand anderem schlechter geht.

Politik (wie Sozialhilfe und Sozialarbeit) darf sich also nicht darauf beschränken, durch geplante wirtschaftliche Entwicklung geschaffene <misfits> zu beschuldigen und umzuformen - sie sollte sich vielmehr öfter der Aufgabe stellen, besser Passung zwischen optimaler gesellschaftlicher und optimaler (nicht maximaler!) wirtschaftlicher Entwicklung zu suchen und zu schaffen. Sie müssen also zu gesellschaftlichen "fittern" (Monteuren oder Ingenieuren) werden. Der trickle-down-Effekt kann nur dann wirken, wenn sich das Sieb über andern befindet und nicht gleich wieder in der Küche der Reichen, wenn Wachstum also auch neue und bessere, aber dennoch passende Andockstellen schafft - für alle - und nicht bloss alte Kapitalbestände vergrössert, wie das in den letzten 15 Jahren meist der Fall war.