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Martin Buber: Ich und Du & Emmanuel Levinas: Totalität und Unendlichkeit
Das Wir aus zwei Personen, das UR-WIR, dass wir alle in unsern Beziehungen wieder zu schaffen wünschen, wurde am schönsten beschrieben durch Aristophanes "Kugelmensch":
Eines Tages wurde es den Göttern am Olymp langweilig, und sie beschlossen, ein Ebenbild von ihnen zu schaffen. Dieses solle sie amüsieren, und ihnen Abwechslung in die Ewigkeit bringen.
So formten die Götter also ein Ebenbild von ihnen, mit einer großen Ausnahme: Von all den Eigenschaften, die jeder einzelne besaß, nahmen sie nur das Beste: Die Gerechtigkeit von Athene, die Güte von Hera, die Liebe der Aphrodite, die Größe des Zeus, usw. usw.
So schickten sie diese Kugelmenschen, die mit 4 Armen, 4 Beinen, 2 Köpfen, 2 Herzen ... ausgestattet waren, den Olymp herab, um auf der Erde, auf Mutter Gaia, ihr Leben zu führen. Doch bald merkten die Götter, daß der Kugelmensch zu perfekt war. Er machte keine Fehler, wie die Götter es bisweilen taten, er stritt auch nie, wie das die Götter des öfteren taten. Davon beängstigt, daß diese Leben die Götter, deren Schöpfer, einst überflügeln würden, selbst diese töten, wie es einst Zeus mit seinem eigenen Vater Chronos, und dieser mit seinem Vater Chaos tat; so traten die Götter wieder zusammen, um einen neuen Entschluß zu fassen:
Der Kugelmensch, das Wesen welches wir geschaffen haben, soll ab fortan nur noch als Hälfte umherirren, und das ganze Leben seiner anderen Hälfte auf der Suche nachlaufen müssen.
Martin Buber wurde als Jude am 8.2.1878 in Wien geboren und von seinem Grossvater aufgezogen, da sich seine Eltern drei Jahre nach seiner Geburt scheiden liessen. Er empfing so bis zu seinem 14. Lebensjahr eine gründliche Ausbildung in der Bibel, jüdischem Schrifttum und Hebräisch. Der Grossvater war lange Zeit Vorsteher der israelitischen Glaubensgemeinschaft in Lemberg, Handelskammerrat und Direktor zweier Banken und entsprechend reich. Der Vater, Karl Buber, bewirtschaftete nach seiner zweiten Eheschliessung das Landgut seines Vaters in Lemberg - woher Bubers Nähe zur Natur sich erklärt. 1896 schrieb sich Buber an der philosophischen Fakultät Wien ein. Wien war damals das "Assimilationszentrum" des österreichischen Vielvölkerstaates, in dem die Juden den andern Ethnien gleich gestellt waren. Die beiden folgenden Wintersemester studierte er in Leipzig, im Sommersemester 1899 in Zürich, während dem er Sommer 98 und generell 1899-1901 in Berlin verbrachte. [Es brauchte dazu also weder ein "Europa" noch die Bolognareform ...] 1998 schloss er sich der zionistischen Bewegung an und nahm am 3. zionistischen Kongress in Basel als Delegierter teil. Dass bei Buber, trotz eines eminent religiösen Hintergrundes, immer wieder die Anarchisten zu Worte kommen, sogar fundamentalistische Anarchisten die heute eher am Rande stehen wie Max Stirner (prominent in Die Frage an den Einzelnen), ist auf die enge Freundschaft Bubers mit Gustav Landauer zurückzuführen. 1938 verliess Buber Deutschland und begab sich nach Jerusalem - wo er, wie sich das für jeden echten Anarchisten gehört, auch prompt in heftigen Streit mit der zionistischen Mehrheit geriet. Sein Ziel war eher, den Juden wieder eine geistige Gemeinschaft zu schaffen und politisch-wirtschaftlich in Koexistenz mit den Arabern zu leben. Die Mehrheit verfolgte jedoch das Ziel eines jüdischen Staates - mit Unterdrückung der arabischen Mehrheit, also dem, was wir heute noch haben. Diese Entwicklung und die Teilung von Palästina und Israel waren für Buber eine schmerzliche Erfahrung. Er starb am 13. Juni 1965 in Jerusalem.
Buber war kein systematischer Denker, sondern formulierte seine Gedanken bewusst dichterisch und essayistisch, nahm also die Forderung der Postmoderne nach kleinen Geschichten statt grossen, die alles zu erklären vorgeben, vorweg.
| Buber's Texte aus dem Dialogischen Prinzip, vor allem aus Ich & Du | Kommentare und Ergänzungen |
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Ich & Du Die Welt ist dem Menschen zwiefältig nach seiner zwiefältigen Haltung. Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann. Die Grundworte sind nicht Einzelworte sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du. Das andere Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; wobei ohne Änderung des Grundwortes, für Es auch eins der Worte Er und Sie eintreten kann. Somit ist auch das Ich des Menschen zwiefältig. Denn das Ich des Grundwortes Ich-Du ist ein anderes als das des Grundwortes Ich-Es. Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden Das Grundwort Ich-Es kann nie mit dem ganzen Wesen ausgesprochen werden. Die Welt der Erfahrung gehört dem Grundwort Ich-Es zu. Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung.
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Ohne ich gibt es kein wir Lehre: Wer Du sagen will, muss erst ein ich sein, ich sagen können. Wer sich dem Du anhängt wie eine Klette steht nicht im Dialog, sondern macht sich selbst zum Es.
Buber liefert damit auch gleich die Definition der Einfalt: Wer nur in Beziehung zu Menschen existiert (Ruhm, Ehre, Anerkennung) ist eben so einfältig wie der oder die, die nur in Beziehung zu Sachen (Geld z.B.) existieren. Das Es ist objektiv, eine Sache, kein Gegenüber mit dem man Reden kann, nichts aus dem sich ein WIR konstituieren lässt.
Die zwei bezogenen Ichs nennt die Soziologie heute "Rolle": Diese auf den ersten Blick seltsam anmutende Dreifaltigkeit des Individuums als ich, rückbezüglich-soziales Du-mich und sachlich bezogenes Es-mich (s. I -me) findet sich interessanterweise sonst kaum in der Philosophie - aber sie bestimmt die Soziologie und die Gruppendynamik, in der es weitgehend um die Rolle geht, die ein Mensch spielt. Diese ist eine eher persönliche als Du-mich, als Liebhaber, Freund, Ehegatte, Vater, Verwandter etc - und eine eher sachliche als Chef, Lehrer, Angestellter, Berufsmann etc. Die bereits schwierig zu bewältigende Trennung zwischen sachlichen und persönlichen Inhalten eines Dialogs muss also erweitert werden um die Tatsache, dass sich ein Ich mit zwei Schatten-Ichs übers Kreuz entweder mit einem Du mit 2 andern Schatten-Ichs, oder einem Es - ohne Schatten-Ichs, unterhalten können, was logischerweise dank der 16 Beziehungsmöglichkeiten (Kombinationen, inklusive der möglichen Verwechslung des sachlichen Du-Ich -Dialogpartners mit einem Ich-Es Dialog) jede Menge an Missverständnissen produzieren kann.
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WIR Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehungen baut.
Man kann sein Leben nicht zwischen eine wirkliche Beziehung zu Gott und ein unwirkliches Ich-Es-Verhältnis zur Welt aufteilen, - zu Gott wahrhaft beten und die Welt benützen. Wer die Welt als das zu Benützende kennt, kennt auch Gott nicht anders. Gefühle wohnen im Menschen; aber der Mensch wohnt in seiner Liebe. Das ist keine Metapher, sondern die Wirklichkeit: Die Liebe haftet dem Ich nicht an, so dass sie das Du nur zum "Inhalt", zum Gegenstand hätte, sie ist zwischen Ich und Du. ... Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du. Solange die Liebe "blind" ist, das heisst: solange sie nicht ein ganzes Wesen sieht, steht sie noch nicht wahrhaft unter dem Grundwort der Beziehung. Die Entwicklung der Seele im Kinde hängt unauflösbar zusammen mit der des Verlangens nach dem Du. Der Mensch wird am Du zum Ich. |
Der Schiffer, der das Meer und den Wind benutzt, herrscht über diese Elemente, aber er verwandelt sie deswegen nicht in Dinge. Sie bewahren die Unbestimmtheit der Elemente, trotz der Genauigkeit der Gesetze, die sie regieren, die man kennen und lehren kann. Emmanuel Levinas in Totalität und Unendlichkeit Es ist nur die Beziehung mit Menschen, aus der eine Antwort erwartet werden kann. Gott wie die Natur kommunizieren nur durch Zeichen. Die dümmliche Aussage von Thatcher, die mancher liberale Fundamentalist gerne zitiert: Es gibt keine Gesellschaft, ist also nichts als Stuss. Würde sie stimmen, gäbe es nur lauter Ichs, alleine oder in Massen (oder in faschistisch gebündelten Paketen). Dem ist aber nicht so. Es gibt das wir der Liebenden, es gibt das wir der Familie, es gibt (noch) das wir der Gemeinden, Regionen, Staaten, das (wenn auch ab und zu verkrümmte) wir in abertausenden von Vereinen und Verbänden. Das Prägendste wir unserer Zeit ist allerdings das Schein-Wir der Betriebe, das wir der sog. Teams, das von oben diktiert wird, und nur in den wenigsten Fällen (Familienbetriebe, Genossenschaften, kollegial betriebene Betriebe etc.) auf einem Du beruht. Und präzise dieses diktierte Wir widerlegt die Behauptung, dass der Markt frei sei.
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Nur wer fremd sein darf, kann frei seinAus Levinas: Totalität und Unendlichkeit: Aber Fremder, das bedeutet auch der Freie. Ueber ihn vermag mein Vermögen nichts. Eine wesentliche Seite an ihm entkommt meinem Zugriff, selbst wenn ich über ihn verfüge. Wahrheit ist verknüpft mit der sozialen Beziehung, die Gerechtigkeit ist. Die Fremdheit des Anderen, das ist seine eigentliche Freiheit. Nur freie Wesen können einander fremd sein. Gerade die Freiheit, die ihr "Gemeinsames" ist, trennt sie. Die Gegenwart des Anderen ist gleichbedeutend mit dieser Infragestellung meines unbekümmerten Besitzes der Welt. Für den Empfang der Offenbarung bedarf es eines Seienden, das fähig ist, die Rolle des Gesprächspartners zu übernehmen, es bedarf eines getrennten Seienden. Freiheit ist die Weise, der Selbe inmitten von anderen zu bleiben (nicht assimiliert, angepasst, umgeformt zu werden!) Freiheit ist der Gerechtigkeit entgegengesetzt, denn die Gerechtigkeit umfasst Verpflichtungen gegen ein Seiendes, das sich weigert, sich hinzugeben, gegen den Anderen, der in diesem Sinne das Seiende per excellence wäre. Freiheit entsteht aus dem Gehorsam gegenüber dem Sein: Nicht der Mensch hat die Freiheit, sondern die Freiheit hat den Menschen. |
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Ich - Es Nur Es kann geordnet werden. Erst indem die Dinge aus unserem Du zu unserem Es werden, werden sie koordinierbar. Das Du kennt kein Koordinatensystem.
Ja, ist nicht die bildende Grösse des führenden Staatsmanns und des führenden Wirtschaftsmanns eben daran gebunden, dass er die Menschen, mit denen er zu schaffen hat, nicht als Träger des unerfahrbaren Du, sondern als Leistungs- und Strebungszentren ansieht, die es in ihren besonderen Befähigungen zu berechnen und zu verwenden gilt?
- Redender, du redest zu spät. Eben noch hättest du deiner Rede glauben können, jetzt kannst du es nicht mehr. Denn vor einem Nu hast du es wie ich gesehen, dass der Staat nicht mehr gelenkt wird; die Heizer häufen nur noch die Kohlen, aber die Führer regieren nur noch zum Schein die dahinrasenden Maschinen. Und in diesem Nu, während du redest, kannst du es wie ich hören, dass das Hebelwerk der Wirtschaft in einer ungewohnten Weise zu surren beginn; die Werkmeister lächeln dich überlegen an, aber der Tod sitzt in ihren Herzen. Sie sagen dir, sie passten den Apparat den Verhältnissen an; aber du merkst, sie können fortan nur noch sich dem Apparat anpassen, solange er es eben erlaubt. Ihre Sprecher belehren dich, dass die Wirtschaft das Erbe des Staates antrete; du weisst, dass es nichts anderes zu erben gibt als die Zwingherrschaft des wuchernden Es, unter der das Ich, der Bewältigung immer unmächtiger, immer noch träumt, es sei der Gebieter. Ob der Staat die Wirtschaft regelt oder die Wirtschaft den Staat beauftragt, ist, solange beide unverwandelt sind, nicht wichtig. Ob die Einrichtungen des Staates freier und die der Wirtschaft gerechter werden, ist wichtig, aber nicht für die Frage nach dem wirklichen Leben, die hier gefragt wird, frei und gerecht können sie von sich aus nicht werden. Das einzige, was dem Menschen zum Verhängnis werden kann, ist der Glaube an das Verhängnis: er hält die Bewegung der Umkehr auf. Der willkürliche Mensch glaubt nicht und begegnet nicht. Er kennt die Verbundenheit nicht, er kennt nur die fiebrige Welt da draussen und seine fiebrige Lust, sie zu gebrauchen. Menge ist die Unwahrheit [Kierkegaard]. Diese Lebensbetrachtung, der Einzelne, ist die Wahrheit. Davon ein Einzelner zu werden, ist niemand ausgeschlossen, ausser dem, der sich selbst ausschliesst, indem er Menge wird. Der Mensch in der Menge - das ist ein Span, in ein Bündel gepresst.
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Hier der Unterschied zwischen Du und Es. Überall wo zwar formell ein WIR gesprochen wird, aber Menschen sich einem Zweck unterordnen, handelt es sich um eine geordnete, organisierte, gemanagte Masse - nicht um ein WIR. Hier zeigt sich das Problem der Teams, die immer zweckorientiert gestaltet sind. Wer teamunfähig ist könnte sich also vielleicht einfach diesem zweckhaften, bürokratischen, verordneten WIR widersetzen - ohne asozial zu sein. Das Einordnen versachlicht und macht zum Es. Der Sklave wird nicht mit Du angeredet, sondern mit Er. Er ist ein Ding, ein vergegenständlichter Mensch. Und präzise das selbe macht jede Bürokratie mit den Menschen, die sie verwaltet und ordnet. Dies ist auch die faule Wurzel von Scientology, deren Systeme die Menschen in Klassen ordnen und zu Dingen machen. Scientology ist also nicht primär eine Religion, sondern eine Bürokratie.
Die gemeinsame Mitte macht aus dem ich und du zweier unterschiedlicher Individuen ein wir. Dieses wir ist weder kumulativ noch assimilativ, da jedes Individuum bestehen bleibt, aber das Ganze, das WIR, völlig neue Qualitäten aufweist (s. Emanenz, Holismus) Bubers Mitte erklärt uns den Widerspruch zwischen den Aussagen des Volksmundes: Gleich und Gleich gesellt sich gern <> Unterschiede ziehen sich an Nehmen die zwei sich begegnenden ich relativ grosse, oder zumindest für den eigenen Bedarf ausreichende Freiräume ein, reicht ein "gleiches" als Verstärkung. Wird der eigenen Raum, aus persönlichen oder beruflichen Gründen, als zu eng, zu langweilig gesehen, erweitert ein Gegensatz den Raum des WIR. Ein Punkt den Emmanuel Levinas in "Totalität und Unendlichkeit" verwendet hat um zu erklären, warum wir ein Du jenseits der Immanenz, also das transzendentale Du Gottes brauchen - um unsere Freiheit von irdischen Zwängen zu befreien, nicht um uns göttlicher Knechtschaft zu unterwerfen. Bubers Mittelpunkt hilft auch besser zu verstehen, was der Wunsch des Volkes ist bei 50/50 Wahlen, nämlich eben die Mitte, eine funktionierende Mitte. Es dürfte nur wenige Sozialdemokraten geben, die sich wirklich die Herrschaft einer sozialstaatlichen Bürokratie wünschen - aber es dürfte eben so wenige Kapitalisten geben (nämlich nur diejenigen, die davon profitieren), die keine gemeinschaftliche Ordnung des Konsens wünschen, sondern alles so hinnehmen, wie es "der Markt" eben will. Die Notwendigkeit der Mitte ist aber nur eine Notwendigkeit, die Toleranz fordert, nicht Anpassung an eine spezifische Definition von Mitte, der "Leitkultur" z.B. Die Mitte entsteht aus Gegensätzen, sie sich ergänzen. Bubers Mitte erfüllt die Grundforderungen des Existentialismus: Die Genese des ICH - ohne die es auch kein Wir gibt. Ohne ein frei ausgebildetes, nicht geschultes, sich gestaltendes Individuum, gibt es kein Du, und ohne Du kein Wir.
Das Es ist die Entfremdung, die Verdinglichung der Menschen, die Bürokratisierung des Seins.
Ein vermarktetes Ich wird zum Es. Die vermarkteten Ich-Es bilden kein Wir mehr, sondern nur noch eine Masse. Das ES steht für Ding, Zweck, Einrichtung; Ordnung, Klassierung, Berechnung; Verdinglichung / Vermarktung; Gebrauch, Verwaltung; Leistung, Streben, Potential; Objektiv und Objektivierung, Sachzwang.
Das kleine Sätzchen ist eine brutale Entlarvung aller kleinbürgerlichen, faschistischen, autoritären - und damit auch wirtschaftlich oder politisch institutionalisierenden (bürokratisierenden) Ideologien, die Menschen erfassen, einordnen, einschulen, anpassen wollen - an ihre Bedürfnisse. Dabei verarmt das Ich selbst, da es nur noch mit Sachen (die da) zu tun hat, aber keinem Du mehr gegenüber steht. Das ordnende Ich verliert seine Freiheit, wenn es selbst zum sachlichen Es wird. Verschulung fördert dies enorm.
Bündelung = Faschismus freie Beziehung = Verbindung zum Wir über das Du.
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Sung-Sik Choi: Der Mensch als Mitmensch. Eine Untersuchung über die Strukturanalyse des Miteinanders von Karl Löwith im Vergleich mit dem dialogischen Denken von Martin Buber. Diss. Uni Köln 1993
Dieses kleine Traktätchen zeigt uns einiges. Erstens denkt man bei dem Titel und Autor doch: Ach ha, wieder mal so eine unverständliche philosophische Diskussion. Haben die Leute nichts anderes zu tun. Dies um so mehr, als der Verfasser aus Südkorea stammt. Dann weist aber bereits der erste Abschnitt darauf hin, dass das Zusammenleben, das wir, gerade in Korea, eigentlich in ganz Ostasien, vor dem ich kommt, das ich als Konzept oft kaum bekannt ist, es gar keine Begriffe für "Individuum" und "Person" gibt. Dies liegt an der Notwendigkeit der Zusammenarbeit beim Reisanbau, bei dem grosse Flächen mit unterschiedlichen Eigentümern oder Nutzern gemeinsam unterhalten werden müssen und nie in eine Hand gelangen dürfen, da die Existenz aller davon abhängt. Das ich im descartesschen Sinne existiert nicht, sondern nur ein ich als Glied der Gemeinschaft. Natürlich ist es auch den Asiaten bewusst, dass sich mancher hinter dem wir bloss versteckt, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.
Eine ähnliche Trennung herrscht zwischen Islam und Christentum. Während die christliche Religion auf die persönliche Begegnung des Einzelnen mit Gott setzt, dieser dazu konzentriert und einsam, einzig (Kierkegaard), allein sein muss, ist der Kern des Islamischen Glaubens die Gemeinschaft, die gemeinsame Hingabe an das göttliche Gebot. Deshalb auch das Gebot, zumindest am gemeinsamen Freitagsgebet teilzunehmen ... was wir beim sonntäglichen Kirchgang ja auch über Jahrhunderte hatten.
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat allerdings auch dort das Weltbild erschüttert:
Das feste Haus, nämlich das konfuzianische Weltbild, in dem die hierarchische Ordnung funktionierte, befindet sich durch die seit dem zweiten Weltkrieg stattgefundenen und von Anfang 1960 bis heute in raschem Tempo fortgesetzten Veränderungen in Auflösung. ... Dies ist die Zeit der Hauslosigkeit im koreanischen Denken. Diese Situation hat es für Koreaner geistesgeschichtlich nie gegeben. ... Der Mensch ist in dieser Zeit zur grundlegenden Reflexion über das traditionelle Denken und zur Neuorientierung gezwungen.
Diese Aufgabe erfordert für Koreaner eine grosse gemeinsame Anstrengung wie beim Reisanbau, nämlich gemeinsames Einpflanzen, sorgfältiges Pflegen und geduldiges Warten auf eine gute Ernte.
Hier haben wir eigentlich die Begründung dafür, warum uns Ostasien mit billigen Gütern zuschüttet. Da das geistige Haus verloren ging, setzt man heute, genau wie der Westen, auf die Produktion von Gütern, von Haben an Stelle des Seins. Überproduktion ist also nicht eine Antwort auf materielle Bedürfnisse, sondern vor allem auf geistige Leere - die gerade durch diesen sinnlosen und inhaltsleeren Produktionismus noch weiter gefördert wird.
Wir sind also nicht verloren wegen der billigen Produktion im Osten ... sondern der Osten hat sich selbst verloren, wegen unserer billigen Produktionsmethoden und unseres geistlosen aber machtvollen Wirtschaftssystems. Da das Problem offensichtlich ein gemeinsames ist, ruft es auch nach gemeinsamen Lösungen. Dass ein Südkoreanischer Doktorand in Deutschland Buber und Löwith studiert, zeigt deutlich, dass der Osten zum Dialog bereit ist. Wie bereit sind wir, gemeinsam mit dem Osten zu denken - und nicht bloss zu produzieren?
Martin Herzog, Basel, 14.10.06